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Festschriften und Fußnoten

Festschriften müssen der kritischen Darstellung nicht unbedingt Raum geben. Sie eignen sich auch nicht besonders zur kritischen Analyse. Andererseits tun ein paar ergänzende Fußnoten für interessierte Leser dem Jubel keinen Abbruch und fördern den gemeinsamen Umgang mit Vergangenheiten. Das Material, das in den folgenden Seiten zusammengestellt ist, mag solche Fußnoten liefern. Es liegt an der 'Schnittstelle' der individuellen (privaten) Geschichten mit der 'großen' Geschichte. Im Idealfall hat es eine vermittelnde Funktion nach beiden Seiten.

In der Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum schreiben Hansgeorg Rack, der Schulleiter und Joachim Langhauser, Leiter der Festschriftredaktion:

"Der Pädagoge (Pestalozzi KS) und der preußische Staatsminister (Stein KS) strebten unabhängig von einander ein großes gemeinsames Ziel an, dem sich auch das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Betzdorf-Kirchen seit nunmehr 100 Jahren verpflichtet fühlt: die Erziehung junger Menschen zu aufgeklärten, mündigen Staatsbürgern, für die Bildung nicht nur erlerntes Wissen bedeutet, sondern die sich auch in besonderem Maße einem Wertekanon verpflichtet fühlen: Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die Achtung der Menschenwürde und die Bereitschaft zu Leistung und Selbstdisziplin." [1]

Wertekanon 2001. Fühlte sich das Gymnasium wirklich seit 100 Jahren ungebrochen dem gleichen großen Ziel verpflichtet? Beschwört die geschriebene Schulgeschichte eine glatte Vergangenheit oder eine mit Brüchen?

Zum Einzug in den ersten Schulbau 1906 sagte Landrat Görschen vor den in der Aula versammelten Schülern, Lehrern und Gästen:

"Der erste Ruf aber, der in dieser festlichen Halle erschallt, soll ein brausender Ruf deutscher Treue zu dem sein, der uns in frommem Sinn und in tatkräftiger Liebe zum Vaterland als berufener Führer vorangeht. Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser Wilhelm II., lebe hoch!"[2]

Im Oktober 1913 wurde überall in Deutschland 'unser' Sieg von 1813 gefeiert und Fritz Stenger, der erste Schulleiter, sagte:

"In dem schweren Weltkriege, auf den Deutschland, umgeben von mancherlei Feinden, jederzeit gefaßt sein muß, wird unser Volk nur dann bestehen können, wenn es in all seinen Söhnen und Töchtern die Gesinnung pflegt und erhält, wie sie das Volk der Freiheitskriege beseelte, wie sie in einem Mann wie Scharnhorst sich verkörperte. Kirche und Staat, Schule und Haus und all die Gemeinschaften, in die Gott den Menschen zu seiner Erziehung hineingestellt hat, haben dieser Aufgabe zu dienen."[3]

Ist es vielleicht sinnvoll, diese Zitate in Anbetracht anderer Zeiten und anderer Sprachgepflogenheiten, als Ausdruck 'im wesentlichen' ähnlicher Bildungsziele zu interpretieren? Deutsche Treue, frommer Sinn, tatkräftige Liebe zum Vaterland, die Scharnhorst zugeschriebenen Eigenschaften, mögen ja ihre positiven Aspekte gehabt haben, aber waren sich denn damals alle über den Stellenwert dieser 'Tugenden' einig? Wenn es gar keine Menschen gegeben hätte, die vorrangig andere Ziele hatten und damit den zitierten Autoren politisch (nicht nur 'parteipolitisch') fern standen, ließe sich über die ideelle Kontinuität reden. Es gab sie aber (und nicht nur das vielzitierte Beispiel von Gustav Wyneken[4] und dem Kreis der Wickersdorfer Schule). Man könnte auch darauf abheben, daß der 'Wertekanon 2001' in manchen Stücken damals schon einer sein konnte, die zitierten Autoren ihn aber nicht vermittelten. Man könnte sozialgeschichtlich die Relativität vieler Bildungsziele betonen, und damit das Gewicht der heutigen prüfen. Geschichtsträchtige, kontroverse Überzeugungen haben zu jeder Zeit politische Menschen von einander getrennt. Sich zu erinnern verweist in der Praxis auf die beiden ersten Forderungen des 'Wertekanons', auf Toleranz und Menschenwürde[5] (die dritte Forderung, Leistungsbereitschaft und Selbstdisziplin, würde ich einer anderen Diskussionsebene zuordnen). Kurzum, ich wünschte mir, daß das Bewußtsein von der Koexistenz alternativer Ansichten und Ziele, damals wie heute, immer zum Ausdruck käme. Ein Bewußtsein von der Koexistenz der anderen, nicht nur der jeweils privilegierten oder machthabenden Menschen.

Die erste Festschrift der Schule, 1926, war, so sehr sie vielen gefallen mochte, für andere skandalös. Die Kontroverse, die sich mit ihrem Erscheinen zuspitzte, führte überraschend schnell zu einem Umbruch. Im 9ten Jahr nach der Revolution wurde die Betzdorfer Schule republikanisch, wurde nicht ohne Druck, aber deutlich erneuert[6]. Der zweite Schulbau mag heute als Symbol für diesen Umbruch und als Zeichen bildungspolitischen Willlens der Weimarer Republik dastehen. Daß er keine Bauhaus-Idee darstellt, steht auf einem anderen Blatt.

In der ersten Festschrift beschrieb Fritz Stenger, Gründer und Direktor der Schule den Geist, mit dem sie ihre Aufgabe zu lösen bemüht war. Ihn bewegte ein Bibelspruch, der über dem Schultor stand: "Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang". Wertekanon damals. 1927 gingen laut Jahresbericht durch dies Schultor 263 evangelische, 135 katholische und 3 jüdische Schüler, weder "sonstige Christen" noch "Angehörige sonstiger Religionsgemeinschaften" noch "keiner Religionsgemeinschaft angehörende". Es waren 397 "Preußen", 6 "Nichtpreußen" und kein "Ausländer". 13 Mädchen. Sozial gerecht und weltoffen war die Schule damals nur sehr bedingt. Sie lag idyllisch wie ein Schullandheim, umgeben von Wiesen, Wald und sauberem Gewässer an einer gemütlichen, gepflasterten Landstraße.

* * *


[1] 100 Jahre Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Betzdorf-Kirchen, 2001, S.8

[2]Voraus gingen die (kaum weniger bedeutungsschweren) Sätze: "Wie sich unsere Augen beim Umblick von hier auf die ragenden Kirchtürme der Patronatsgemeinden richten, so mögen die Knabenherzen in diesem Hause dem religiösen Ideal zugewendet werden. / Wie das reizvolle Tal, an dem wir bauten, Freude an der Heimat weckt, so möge auch in den Räumen dieses Gebäudes die Liebe zur Heimat in die begeisterungsfähigen jungen Gemüter einziehen. Der Blick auf die vorüberströmende Sieg, die an den Schöpfungen einer gewerbefrohen Bevölkerung, Erzbergwerken, Hütten und anderen Anlagen vorbei ihren Weg zum Rheinstrom zieht, und auf ihrer Reise die kunstvoll angelegten Siegerländer Wiesen bewässert und die nach Väterweise bewirtschafteten Hauberge ebenso wiederspiegelt, wie den neu aufsprossenden Hochwald, den Reichtum künftiger Geschlechter, lehre die Knaben den Wert deutschen Fleißes und deutscher Art. /Die Freusburg, die, ein stehengebliebener Zeuge aus der Zeit der Kleinstaaterei, vom Waldgebirge her uns grüßt, erinnere die Schüler daran, daß unsere Ahnen Deutschlands Einheit und Größe erst erstreiten mußten und uns als ein heiliges Pfand überlieferten, was wir uns stets auf neue verdienen müssen. Das wird um so mehr in diesen Räumen vor ihren geistigen Augen lebendig werden, als nach dem Sinne unseres kaiserlichen Herrn ein besonderer Ehrenplatz der vaterländischen Geschichte in dem Lehrplan der Schulen eingeräumt worden ist." (Festschrift Realgymnasium des Kreises Altenkirchen zu Betzdorf, 1926, S.11)

[3]Ebenda, S.12

[4]Der Gedankenkreis der Freien Schulgemeinde, Jena, Diederichs, 1913

[5]Schließt die Achtung der Menschenwürde die Toleranz nicht ein? §1 GG: "Die Würde des Menschen ist unantastar". Vgl. die in meinen Augen schwächere Formulierung in der Europäischen Charta.

[6]S. den Jahresbericht 1927/28 im Vergleich zur ersten Festschrift und früheren Jahresberichten.

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