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Die Republik in der Krise

1928 war wieder ein Wahljahr. Im Wahlkampf der DDP hatte Oberregierungsrat (Kultusministerium?) Ernaz Varrentrapp/Berlin in Altenkirchen, Hamm und Betzdorf gesprochen. Dinkelacker berichtete an die Provinz- und Reichsgeschäftsstellen:

"Die Versammlung in Betzdorf erzielte einen beinahe überfüllten Saal, es war die bis dahin bestbesuchte Wahlversammlung am Platz. Selbst das hier an Stimmenzahl zwanzig mal so starke Zentrum hatte ein paar Tage vorher ... keine so gut besuchte Versammlung ... (übrigens sprachen an diesem Abend Herr Daum und ich mit sichtlichem moralischem Erfolg in der Diskussion für die Simultanschule). Eine anregende Diskussion, an der sich je ein Vertreter der Nat. Soz., der Sozialdem. und des Jungdo (Jungdeutscher Orden KS) beteiligten, schloß sich an den zweistündigen Vortrag des Redners, dessen vornehme Haltung selbst den Nat.Soz. nach anfänglichen Versuchen, pöbelhaft zu werden, einigermassen zur Sachlichkeit zwangen. So blieb bei angespanntester Aufmerksamkeit alles bis ½ 1 Uhr zusammen."[1]

Varrentrapp hatte über die Partei hinaus Anklang gefunden. Am Tag nach dem Vortrag schrieb der Eisenbahnarbeiter und Betzdorfer Gemeinderat (SPD) Johann Becher an den 'Kameraden' im Reichsbanner:

"Zu dem grossen Erfolg am gestrigen Versammlungsabend Ihrer Partei meine aufrichtigen Glückwünsche. Stehen doch allem Anschein nach die Wahlen am 20. Mai unter dem Zeichen unserer Fahne Schwarzrotgold, auch hier im dunklen Bezdorf. Der Herr Referent vom gestrigen Abend muss grosses geleistet haben. Die Stimmung im Betrieb war heute ausgezeichnet... Mit einem kräftigen "Frei Heil"..."[2]

Varrentrapp bedankte sich bei Dinkelacker in einem Brief noch vor den Wahlen und schrieb u.a.:

"... Aus solcher Stimmung des Verstandenwerdens redet "es" sich eben anders als vor einer Mauer. So haben Sie alle beigetragen, im Widerspiel selbst die Nationalsozialisten, dich ich neben der eigentlichen - deutschnationalen - Gefahr immer noch im großen gesehen für "harmlos" halte. Sie wollen wenigstens - wie und ebenso verrückt wie die Kommunisten etwas neues, nicht die lähmende Starre des ewig Gestrigen...

Zum Wahlkampf gehörte, daß man sich an der Diskussion bei Versammlungen der Konkurrenten beteiligte. Fünf Tage vor der Wahl sprach Robert Ley, Landtags-Spitzenkandidat der NSDAP, die 1924 im Wahlkreis immerhin 4,8 % erreicht hatte. Am anderen Tag berichteten die Siegblätter:

"...Redner wies auf den Staat eines Mussolini hin, der eine Diktatur zum Besten seines Volkes geschaffen habe und es gegen das Großkapital nach oben führe und wieder geordnete Zustände in Italien geschaffen habe... Es schloß sich eine erregte Diskussion an. Frau Dr. Dinkelacker führte aus, das ein Ton, wie er die Ausführungen Dr. Leys durchzogen habe, es der deutschen Frau unmöglich mache, die Wahlversammlungen zu besuchen. Die Frauen wollten ehrlich mitarbeiten, würden aber immer wieder durch so etwas abgestoßen. Die Ausführungen seien unsachlich gewesen, auch habe sie ein Eingehen des Redners auf die großen Kulturfragen vermißt. Lehrer Daum-Biersdorf kritisierte die Ausführungen des Redners vom Standpunkt der demokratischen Partei und wandte sich gegen die Verherrlichung eines Mussolini, der über 200 000 gute Deutsche in Südtirol schamlos knechte. Dr. Dinkelacker wandte sich gegen die Ausführungen des Hauptredners betr. der Minderwertigkeit der Demokratie, ferner dagegen, daß der neue Staat noch nichts geschaffen... Die Demokratie gebe dem Einzelnen mehr Rechte und sichere ihm auch ein Leben und weitgehende Freiheit in seiner Weltanschauung. Der Versammlungsleiter W. Ermert führte als Gegenteil das Beispiel von Studiendirektor Stenger an, an dem sich diese Freiheit nicht bewahrheitet habe. Dr. Ley sprach sodann das Schlußwort."

Der spätere Arbeitsfrontführer machte, bevor er Betzdorf verließ, eine Stippvisite bei Dinkelackers, und meinte, als er wieder ging, er hoffe, er habe "die gnädige Frau überzeugen können, daß ein Nationalsozialist sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen weiß". Clara hielt gesellschaftliche Floskeln für lächerlich und noch konnte man über Robert Ley ruhig lachen. Dinkelacker kommentierte die Wahlversammlung privat:

"Die ganze niedrige Gehässigkeit gegen uns Demokraten entlud sich dann vollends im Schlusswort des Referenten und zuletzt konnte der Versammlungsleiter, ein ehemaliger, hochnäsiger Schüler von mir es sich nicht versagen, völlig grundlos unter Nennung des Falles "Stenger" noch persönlich unverschämt zu werden, wobei er starken Beifall fand"[3]

Das Wahlergebnis war für die DDP enttäuschend. Sie hatte nicht, wie erhofft, zugelegt, sondern im Reichstag nochmal Sitze verloren und im Landkreis Altenkirchen nur noch 1,4 % der Stimmen erhalten. Dinkelacker wollte sich, wie er sagte, "mit Jemandem, der mit den massgebenden Stellen enge Fühlung hat, persönlich aussprechen". Die DDP wurde von Antisemiten als Partei der Juden angegriffen, und Antisemitismus war bekanntlich ein verbreiteter Faktor in politischen Lagern und gesellschaftlichen Gruppen. Dinkelacker stand auch nach den enttäuschenden Wahlergebnissen von 1928 zur DDP, um so mehr war zu überlegen, was an ihr nicht stimmte. Da zeigte sich, daß auch er, wie hier am Schluß, leichtfertig antisemitische Sätze schreiben konnte:

"Machtlos steht man da, wenn einem in einer Versammlung mit Zahlenbeleg der ungesunde kapitalistische Einschlag der Partei etwa durch die Zahl der Aufsichtsratsposten der Abgeordneten dargelegt wird. Wenn das stimmt, dass der Abgeordnete Fischer 49 solcher Posten bekleidet, so ist das, mag die Entschädigung für den einzelnen Posten auch bescheiden sein, einfach Unfug und für eine Partei wie die unsrige, die doch immer wieder lebendige Kreise nicht durch hohle Schlagwörter, sondern durch grosszügige, in die Tiefe gehende Gedankengänge anzieht, einfach untragbar. Auch ohne besonderes Gesetz müssen solche Dinge verschwinden. Denn entweder ist es sinnlos, künftig noch zwischen Sozialdemokratie und Volkspartei als besondere liberal-demokratische Partei zu bestehen, oder wir müssen klar zeigen, dass wir zwar nach Leistung abgestufte Entlohnung und in anständiger Weise erworbenen Privatbesitz (mit den nötigen Schranken), sowie das schaffende Kapital anerkennen, aber arbeitsloses Einkommen und Anhäufung von Riesenbesitz, vor allem auch durch unbeschränkte Vererbung, durch die Tat bekämpfen ... Kurz, wir müssen, ohne sozialistisch zu sein, ganz entschieden sozial werden, mögen uns auch noch diese oder jene kapitalistischen Kreise verlassen, wobei auch die "Judenfrage", mag noch so viel Unfug von gegnerischer Seite damit getrieben werden, nicht mit einer einfachen Handbewegung abgetan werden kann. Wenn wir auch den Juden als Staatsbürger voll anerkennen, so sollte man wenigstens taktisch so klug sein, den Gegnern nicht unnötig Stoff zur Agitation zu geben."[4]

Demnach müßte die Kritik den Juden unter den Kapitalisten besondere Aufmerksamkeit widmen, damit der DDP keine Politik zu Gunsten der Juden vorgeworfen werden könnte. Taktische Klugheit hin oder her, der Gedanke war ein antisemitischer[5] und wenn er zur Ausführung kam, Wasser auf die Mühlen der Antisemiten. Gewiß bei Dinkelacker kein "absichtlicher" Antisemitismus. Im Übrigen steht auf den Anwesenheitslisten der Mitgliederversammlungen seiner Partei konstant bis 1933 ein Gutteil der Familiennamen, die Günter Heuzerot 1975-1978 in seinen Aufsätzen "Jüdisch-Deutsche Bürger unserer Heimat"[6] zusammengetragen hat: Tobias, Rosenberg und Kleestadt (ab 1928) in Betzdorf, Löwenstein (Moritz Löwenstein starb schon 1923) und Moses in Kirchen, Grünebaum und Königsheim in Altenkirchen, Hirsch in Hamm. Was das Gymnasium anging: In den Abiturientenlisten der Jahre 1925-1930 findet sich nur einmal die Konfessionsangabe "isr.", nämlich 1930 bei Erich Hirsch aus Hamm, der damals Arzt werden wollte und auch wurde. 40 Jahre später fand Heuzeroth ihn im 'Medical Arts Building' , 35 Masson street, New York.

Ein Artikel zu den Verfassungsfeiern im August 1929 in E.A. Böckelmanns Blatt zeigte, welche 'Pressefreiheit' die Zeitung sich nehmen konnte, und was Bürger tolerierten, die in ihrer Mehrheit politisch nicht hinter ihrer 'Betzdorfer' standen. Pressefreiheit im Geist der Verfassung und Agitation in der Verfassungswirklichkeit klafften auseinander:

"Wir haben keine Veranlassung, die heutige Verfassung besonders zu feiern ... Es gärt und brodelt überall und so lange das andauert, vermögen wir nicht eine Verfassung über den grünen Klee zu feiern. Man denke nur daran, was eben noch auf der Jugendburg Freusburg (vom 28. Juli bis 4. August) war, wo internationale Sozialisten, Kommunisten, Radikalinskis aller Sorten, überhaupt Revolutionäre aller Länder, weiße und farbige in weißen Gewändern, etwa 100 an der Zahl, über Mittel und Wege berieten, wie man zum Vernichtungskampf gegen Imperialismus und Kapitalismus kommen kann ... Nein, wir haben wahrhaftig keine Veranlassung, uns als zufriedene Staatsbürger zu zeigen; wissen wir doch nicht, ob diese fremden Brüder, die da auf der Freusburg und anderswo in Deutschland sich herumtreiben, nicht nächstes Jahr schon die Machthaber des internationalen Rummels sind ... Das möchten wir auch dem Studienrat Dr. Dinkelacker sagen ... Wir halten den durch seine Verdächtigungen gegen Studiendirektor Stenger bekannten Mann übrigens für am wenigsten geeignet, unserm heutigen Staatsprinzip neue Freunde zuzuführen..."[7]

Dinkelacker stand zwar zur DDP, aber die war sich ihrer politischen Linie nicht mehr sicher. Im örtlichen Reichsbanner analysierte er 1928 das Wahlergebnis und hielt im Frühjahr 1929 (27. April) einen Vortrag über die Ideen von Adolf Damaschke, "Bodenreform und Heimstättengesetz". Fritz Stenger hatte die lokale politische Bühne nicht verlassen: Die BZ berichtete unter dem 2. April 1929 von einer Bismarckfeier der DNVP im Saal Heikaus in Kirchen. Redner: Studiendirektor a.D. Stenger:

"Ein Bismarck fehlt uns heute, er fehlte uns im Weltkrieg, denn nur so konnte es möglich werden, daß jene dem Deutschen so fremden Ideen der Aufklärung, verbunden mit materiellen und sozialistischen Strömungen bei uns mächtig wurden."

Dann kam die Wirtschaftskrise. Im Frühjahr 1930 redete Dinkelacker über die Rolle des Reichsbanners ("Das Gewissen der republikanischen Parteien") und gab seiner Erleichterung über Hindenburgs Unterschrift unter den Youngplan Ausdruck. Dann kam das Präsidialsystem ins Blickfeld, wie es in der Verfassung für Notlagen vorgesehen war (Minderheitskabinet Brüning am 30.3.30). In der Krise schien es, als seien parlamentarische Mehrheiten, egal welcher Zusammensetzung, nicht mehr zu gewinnen. Die Herausforderungen für eine Neuorientierung der DDP, für ein neues Programm, ja für eine neue Partei lagen auf der Hand. Der spätere Berliner CDU-Abgeordnete Ernst Lemmer (geb.1898), damals DDP, hatte, zunächst unter den Jüngeren ('Kriegsgeneration'), einen 'Sozialrepublikanischen Kreis', gegründet, der Ziele eines Aktionsprogramms vorlegte:

Wahlreform: Mehrheitswahlrecht. Reichsreform: Justiz- und Polizeihoheit beim Reich, Kulturhoheit bei den Ländern. Wirtschaftsdemokratie: Gleichberechtigte Mitwirkung der Arbeitnehmer an der Ordnung und Regelung der deutschen Wirtschaft Ostsiedlung: Zurückdrängung des Großgrundbesitzes und Intensivierung der Siedlungspolitik in Ostdeutschland. Grossdeutschland: Zusammenschluß mit Österreich.

Ernaz Varrentrapp meinte: "In der sozialen und verantwortungsbewußten Richtung steht die Arbeit des Kreises allem nahe, was wir seinerzeit 1928 in Betzdorf gesprochen und was ich geredet habe."[8] Daum und Dinkelacker traten dem Kreis im Frühsommer 1930 bei. Dinkelacker schrieb, angeregt durch den ersten Punkt des Aktionsprogramms, "Grundgedanken zu einer Wahlreform". Hier sein erster Paragraph:

"Das Prinzip des Verhältniswahlrechts muss aufrecht erhalten werden, die Wiedereinführung eines Mehrheitswahlrechts früherer Art oder auch nach heutigem englischem Muster ist abzulehnen, denn die Arbeit und die Stimmabgabe für eine Partei wie die demokratische, deren wertvollstes Gedankengut leider kein Artikel für Massenagitation ist, aber darum erst recht stets als Sauerteig fürs Ganze nötig ist, würde damit in weiten Bezirken unseres Vaterlandes bei den gegebenen Verhältnissen praktisch aussichtslos und wertlos werden."[9]

Am 18. Juli 1930 verweigerte das Parlament dem Kabinet Brüning die erhoffte Zustimmung zur Realisierung seiner Finanzierungskonzepte (für Arbeitslosenversicherung etc.) per Notverordnung, wohl wissend, daß der Kanzler für diesen Fall den Auflösungsbescheid des Präsidenten parat hatte. Neuwahlen wurden auf den 14. September festgelegt. Jetzt mußte die zerfallende DDP improvisieren. Der Jungdeutsche Orden (Jungdo) war eine mitgliederstarke (880 000) bündische Organisation, die im Unterschied zu anderen bündischen, paramilitärischen Verbänden kein antifranzösiches Ressentiment pflegte, und die, wenn auch nur in ihrer politischen Organisation, die antisemitische Haltung (nach außen hin) abgelegt hatte. In der Erkenntnis, vor allem ein Potential jüngerer Wähler erschließen zu müssen, einigten sich DDP-Politiker mit dem Jungdo auf eine Neugründung, die Deutsche Staatspartei. Das Kalkül, der Rechten 'national-sozial' denkende Wähler zu entziehen, ging nicht auf. Nach den Septemberwahlen saßen 107 uniformierte NSDAP-Abgeordnete im Wallotbau. Die Staatspartei hatte gegenüber der DDP 5 Sitze verloren (im Landkreis Altenkirchen hatte sie gegenüber 1928 ein paar Stimmen gewonnen, die NSDAP war von 3,2 auf 20,2% gestiegen). Dinkelacker kommentierte:

"Dass alle, die die Gründung der Staatspartei freudig begrüsst haben, davon sehr enttäuscht sind, ist klar... Einmal ist es der zur Genüge bekannte Zug der Unzufriedenen, der Arbeitslosen und wirklich Notleidenden nach den extremen Flügeln, der von grossen ideellen Gesichtspunkten, wie sie grade einer Staatspartei so wesentlich sind, heute einfach nichts wissen will, der auch vor allem nicht Erkenntnis dafür zeigt, dass dauernde Besserung unserer wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse nicht durch Einzelmaßnahmen, wie Abbau von Gehältern und Ministerpensionen geschaffen werden kann, sondern nur durch grosszügige weitschauende Reformen, die sich darum aber auch nicht von heute auf morgen durchführen lassen und vor allem auch keine plötzliche Besserung bringen können. Zum anderen ... sind bei den Wahlen von beiden Seiten (DDP und Jungdo KS) viele abgesprungen... Speziell sind von den Demokraten zweifellos die jüdischen Staatsbürger in grösserer Zahl wegen der bekannten Einstellung des jungdeutschen Ordens abgeschwenkt, was ich aus verschiedenen örtlichen Wahlergebnissen, sowie auch aus Unterredungen deutlich feststellen konnte. Ich möchte aber an dieser Stelle, wo ich es vertraulich tun kann, doch auch aussprechen, dass ich es nicht bedauere, wenn die jüdischen Staatsbürger, denen ich wahrhaftig ihre vollen Staatsbürgerrechte zugestehe, nicht in relativ so starker Zahl in der Staatspartei hervortreten wie es in der DDP mehr und mehr der Fall war."[10]

Für Juli 1930 hatte Dinkelacker eine Landschulwoche beantragt und fuhr mit der Obersekunda, 24 Schülern und 2 Schülerinnen, und dem jungen Kollegen Franz Sester an die Möhnetalsperre[11], Quartier in der Jugendherberge.[12] 1931 sprach er in der Schulverfassungsfeier. Das Schulorchester spielte Mozartsymphonie op 210, langsamer Satz, und J.J. Fuchs, Ouvertüre, Gedichte wurden vorgetragen, der Schulchor sang Mendelssohn, "Herr sei mir gnädig" und zum Schluß "Freude, schöner Götterfunke". Die Siegblätter druckten am 21. September seitenlang Dinkelackers Ausführungen im Wortlaut ab. Hier ein paar Kernsätze einer Rede, die nicht frei war von konventionellem Pathos und angepaßten Formulierungen ("Und wahrlich, unser hochverehrter Reichspräsident von Hindenburg stellt doch eine edle Verkörperung dieser höchsten Spitze eines demokratisch-republikanischen Staates dar!"), für heutige Begriffe zu sehr auf die revanchistischen Forderungen der politischen Rechten, zu defensiv auf sie überhaupt, eingeht, selbst wenn sie versucht, der simplen Führervorstellung eine entwickeltere entgegenzuhalten. Hier ein paar freiere Kernsätze:

"...möchte ich, ohne mich in Einzelheiten zu verlieren, heute 3 große Gesichtspunkte herausgreifen, die als Ziele in unserer Verfassung vorgezeichnet, bezw. verankert, ich sage nicht: durch sie schon verwirklicht sind, weil die Verwirklichung von den Menschen und nicht von den Buchstaben abhängt. Ich könnte sie kennzeichnen durch die 3 Worte unseres Deutschlandliedes: "Einigkeit und Recht und Freiheit", möchte aber genauer so formulieren: Einheitliches grossdeutsches Reich, Freiheit und Gleichberechtigung nach außen, wahre, echte Demokratie im Innern... Ist nicht, um nun mal im Rahmen der Schule zu bleiben, auch Euch, liebe Jungen und Mädels, die ihr neben starkem Freiheitsdrang ein gesundes Verlangen nach Führertum habt, der Lehrer der liebste und geachteste, der zwar, wo es nötig ist, energisch eingreift und Autorität zu wahren weiß, der aber doch durch seine ganze Tätigkeit erkennen läßt, daß er Euch zu selbständigem Urteil, zu freier, offener Aussprache, und soweit möglich , auch zur Mitarbeit im Schulleben erziehen möchte, dem bloßes Kommandieren und Pauken im Herzen zuwider ist, der es am liebsten hätte, wenn er schließlich nur euer älterer Kamerad sein könnte, der Euch in alles, was geistige und körperliche Bildung Euch an Werten zu geben vermag, einführt, damit ihr ihm in freier, ungezwungener Mitarbeit folgt und er so schließlich selbst entbehrlich wird. / Wenn ihr das, woran ich nicht zweifle, von Herzen bejaht, merkt Ihr dann nicht, daß es ein krasser Widerspruch wäre, wenn ihr etwa im staatlichen Leben den Diktator, dem sich die anderen mehr oder weniger willenlos zu unterwerfen haben, als den idealen Führer, die Diktatur, die ja vorübergehend mal notwendig sein mag, als die ideale Staatsform betrachten würdet?"

Ins Repertoire liberaler Rhetorik gehörte im übrigen das Beispiel Steins, Dinkelacker verwendete es mehrfach. Der "Lehrer-Kamerad"[13] und "Verfassungsrealist" ahnte wohl kaum, daß die Schule heute diesen Namen tragen würde. Herr Frey (vermutlich der Herausgeber der Zeitung) schickte ihm das Manuskript zurück mit der Bemerkung "Es ist nicht hoch genug einzuschätzen, daß unsere Jugend besonders in hiesiger Gegend auch einmal solche Gedankengänge hört."

Im Herbst löste sich die Ortsgruppe der DDP endgültig auf, zugunsten einer Kreisgruppe Betzdorf-Altenkirchen der Staatspartei, mit Dinkelacker als erstem Vorsitzenden.

Am 18. Januar 1931 (ein sonst von der politischen Rechten in Anspruch genommenes Datum) kam auf Anregung Dinkelackers Hubert Meurer nach Betzdorf zu einem öffentlichen Referat "für die Freunde und Anhänger des republikanischen Staatsgedanken". Thema: "Der Nationalsozialismus ohne Maske". Meurer, früher Redakteur der RWVZ und 'Kreisführer' des RB, jetzt in Magdeburg, reiste im Auftrag der Bundesleitung und hielt Vorträge überall in Deutschland. Seine alte Zeitung berichtete:

"Angehörige aller Parteien und Berufe füllten den großen Saal der Bürgergesellschaft. Man war gespannt, was der Redner zu diesem heiklen Thema zu sagen habe ... Die Versammlung wurde eröffnet und geleitet von Herrn Studienrat Dr. Dinkelacker ... In seinen Begrüßungsworten wies er auf die schwere wirtschaftliche Not hin, die zusammenfalle mit einer Weltwirtschaftskrise, wie man sie bisher noch nicht gekannt habe. Diese Volksnot, die durch schwere innere und äußere Kriegslasten bedingt sei, habe zur Folge gehabt, daß Millionen Volksgenossen nicht mehr ein noch aus wüßten und ohne weiteres Nachdenken den Gruppen und Parteien zuströmten, die ihnen baldige Hilfe aus dieser Not versprächen."

Dinkelacker habe gesagt, das Programm der NSDAP müsse in ganz wesentlichen Punkten zurückgewiesen werden, schrieb die Zeitung. Dinkelacker am Rand: "falsch berichtet!" Sollte wohl heißen, so einfach habe er es sich nicht gemacht. Hubert Meurer ging dann mit der Hitlerpartei ins Gericht:

"An vielen Zitaten aus Hitlers Buch "Mein Kampf" und aus anderer nationalsozialistischer Literatur von Jung, Rosenberg usw. legte er dar, wie es um Hitlers Weltanschauung steht. Keine christliche Kirche, ganz gleich ob katholisch oder evangelisch, könne Hitler auf diesem Pfade folgen, sondern müsse die Vermengung solcher religiöser Begriffe ablehnen. Hitlers Werk zeige aber auch, wie er den Kampf um die Macht zu führen gedenkt: "Brutale Gewalt gegen Geist und Idee" so lautet eines seiner berühmten Zitate ... Der Kampf würde geführt zwischen Christenkreuz und Hakenkreuz, zwischen der schwarzrotgoldenen Reichsfahne und der Hakenkreuzfahne. Die Republikaner würden diesen Kampf kämpfen mit Waffen des Geistes und in anständiger Art, in der festen Gewißheit, daß der Nationalsozialismus als vorübergehende Zeiterscheinung sich selbst an der eigenen Lehre zugrunde richte."

1932 entwickelte Dinkelacker seinen Freuden in Partei und Reichsbanner "Leitgedanken zur Frage der Arbeitslosigkeit". Im vierseitigen Typoskript hieß es zum Schluß:

"Zweifellos fehlt es aber in der Welt heut noch keineswegs an der nötigen Basis (vgl. die riesige Getreideerzeugung der Welt und vieles andere), um der Menschheit ein menschenwürdiges Dasein samt dem Genuss kultureller Güter zu ermöglichen. Aber es gehört dazu eine Weltorganisation aus christlich-sozialer Gesinnung unter planvoller Verteilung der Produktion und Milderung der heutigen ungerechten Verteilung der Güter. Wenn sich die Menschheit hierüber nicht verständigt, dann müssen immer wieder in einzelnen Gegenden der Erde Elend, Kriege und deren Folgen herrschen."[14]

Das Wahljahr 1932 begann mit dem Sieg Hindenburgs (53%) gegen Hitler (36%) am 10 April. Drei Tage später wurde die SA verboten. Am 20. redete in der Betzdorfer Turnhalle Pfarrer Münchmeyer/Borkum vor 750 Zuhörern für die NSDAP (Landtagswahlen standen an). Die "Sieglätter" hatten ihre Leser vor dem Redner gewarnt. Jetzt berichtete die Betzdorfer Zeitung von Münchmeyers Rede:

"Er bezeichnete den Artikel in den Siegblättern als eine Gemeinheit. Den verantwortlich zeichnenden Redakteur müsse er als schlimmer wie Judas Ischariot bezeichnen. Wer in Betzdorf diese verlogene Zentrumszeitung noch lese, sei zu bedauern. Der Teufel in der Hölle könne nicht so lügen, wie dieses schmutzige Zentrumsblatt. Jeder echte Katholik, der sich nicht zum Zentrum bekenne, sollte es sich energisch verbitten, daß dieses Zentrumsblatt noch einmal in seine Wohnung komme oder Klage erheben, weil man es wage, die Wohnung des Lesers als Schuttabladeplatz zu benutzen. Redner hielt das Blatt mit Fingerspitzen hoch, um es dann fallen zu lassen und mit dem Fuße wegzustoßen. Den anwesenden Vertreter der Zeitung forderte er auf, sofort den Saal zu verlassen, da er nicht gewillt sei, seine Luft zu atmen ... In seinem Schlußwort gab Redner noch Äusserungen bekannt, die ihm zu Ohr gekommen. So habe Kaplan Kiefer-Betzdorf in einer Zentrumsversammlung in Scheuerfeld Friedrich den Großen, den größten aller Deutschen einen Lumpen genannt. Strafantrag sei hierwegen bereits gestellt. Ein Studienrat Dr. Dinkelacker-Betzdorf habe auf die Frage eines Klassenschülers "Warum SA und SS verboten seien" geantwortet: "Warum sperrt man Verbrecher ein." Für solche Gesinnung, ehrbare Leute mit Verbrechern zu vergleichen, so sagte der Redner, sei im dritten Reich kein Platz mehr. Solche Menschen seien nicht mehr wert, daß die Sonne sie bescheine, die kleinen Kinder müßten auf sie mit den Fingern zeigen..."

Noch war das "dritte Reich" nicht gekommen und unter dem 22. druckte die Betzdorfer Zeitung eine Erklärung der Schüler der erwähnten Klasse ab[15]: "Zur Richtigstellung"

"Wir werden gebeten, folgender Zuschrift Raum zu geben: "In einer Versammlung der NSDAP am 19. 4. hat Redner auf eine Äusserung des Herrn Dr. Dinkelackers in einer Aussprache über den Dank des Herrn Reichspräsidenten und seinen Aufruf zur Einigkeit Bezug genommen. Wir stellen fest, daß diese Äusserung gefallen ist und dass man sie doppelt verstehen kann. Wir wenden uns aber gegen die Art, auf die man Herrn Dr. Dinkelacker angegriffen hat. Oberprima A des Realgymnasiums""

In der Erinnerung von Hans Fritzsche stellt sich die Sache so dar als sei die Erklärung der Klasse gar nicht erschienen[16]. In Dinkelackers Papieren findet sich der Zeitungsausschnitt der 'Betzdorfer' angeheftet an folgende maschinenschriftliche Fassung:

"In einer Wahlversammlung der NSDAP am 19. April hat der Redner auf eine Äusserung des Herrn Dr. Dinkelacker Bezug genommen, die in einer etwas erregten Ausprache nach der Reichspräsidentenwahl am 14. April in der Klasse gefallen ist. Wir stellen fest, ohne parteipolitisch irgendwie Stellung zu nehmen, dass Herr Dr. Dinkelacker mit dieser Äusserung die SA und SS nicht als Verbrecher bezeichnen wollte, sondern er wollte seiner Meinung Ausdruck geben, dass gegen die SA vorgegangen werden müsse, wenn sie irgendwie gegen die Gesetze gehandelt habe. Eine persönliche Verunglimpfung unseres Klassenlehrers weisen wir einmütig zurück./ Im Namen der Oberprima A / Der Vertrauensmann gez. Albrecht Schrenk"

Es ist nicht mehr festzustellen, ob es sich bei dieser Fassung um den Entwurf der Schüler (unter ihnen der 'Kolporteur', der vermutlich über sein Ziel hinausgeschossen war) handelte. Das in Briefform geschnittene und gefaltete Blatt, die Schrift, die nicht von Dinkelackers Maschine stammte, deuten darauf hin, daß es sich um das Original handelt, das dann 'redigiert' wurde. Diese Vorstellung läßt sich jedenfalls besser mit der Erinnerung Fritzsches verbinden, daß die Zeitung den Abdruck abgelehnt habe. Die ursprüngliche Erklärung hätte sie dann in der Tat nicht wiedergegeben.

Im Reichstagswahlkampf zu den Juliwahlen 1932 redete für die Staatspartei in Betzdorf der Syndikus des Hansabundes, einer liberalen Arbeitgebervereinigung, Herr Reif, zum Thema "Soll der Mittelstand untergehen?" In Altenkirchen sprach Kurt Goepel, Anführer einer studentischen Gruppe der DVP, die sich der Staatspartei angeschlossen hatte, über "Hitler: Chaos in Preußen und Reich. Rettung: freiheitliche Mitte." Die Altenkirchener Zeitung druckte einen kurzen Bericht, einen Leserbrief, den vermutlich Dinkelacker verfaßt hatte:

"Die Ausführungen des Redners Dr. Kurt Goepel aus Berlin waren von strenger Sachlichkeit und getragen vom Ernst der Zeit. Es war wirklich eine Erhebung mit anzuhören, wie dieser Redner es verstand, seine Zuhörer zu fesseln, indem er auf die Gefahren einer ausgesprochenen Rechtsregierung hinwies und die Tätigkeit der Staatspartei in der Regierung so sachlich behandelte... Erfreulich war das Bekenntnis zum Wehrwillen, den man der Jugend durch noch so intensive pazifistische Propaganda nicht nehmen könne... Die Staatspartei steht bewußt auf dem Boden der Republik und hofft aufbauend das zischen SPD und DNVP stehende Bürgertum zusammen zu bringen..."[17]

Das Wahlergebnis war eine Katastrophe. Die Staatspartei hatte nur Theodor Heuß und Gustav Stolper in Direktwahl und den Finanzminister im Kabinet Brüning, Hermann Dietrich, und Ernst Lemmer auf der Reichsliste durchbringen können. Die Nationalsozialisten hatten jetzt 290 Abgeordnete. Der Sozial-Republikanische Kreis, jetzt - Bund, meldete sich noch einmal, unter dem 11.7., mit einer von Ernaz Varrentrapp unterzeichneten, programmatischen, wenn auch wenig konkreten Aufforderung zur Mitarbeit:

"Im deutschen Volk gibt es heute eine große Zahl von politisch Heimatlosen. Dieser Zustand kann den nicht verwundern, der erkannt hat, daß das ganze deutsche Parteiensystem sich in einer tiefgehenden Umwandlung befindet ... Die rechtsradikale Richtung hat mit ihrer skrupellosen demagogischen Agitation viel äußeren Erfolg gehabt ... Auf seine ehrliche Verwirklichung wartet aber immer noch der echte Volksstaat, der weder den nationalen Gedanken dem sozialen opfert, noch den sozialen dem nationalen, sondern gerade aus deren Verbindung und gegenseitiger Durchdringung die Kraft zu einer lebendigen und gerechten Neugestaltung des Gemeinschaftslebens zieht. Auf dem tätigen Willen zu diesem Staat muß die Partei aufgebaut sein, welche die neue Heimat der Suchenden zu werden bestimmt ist ..."[18]

Dinkelacker antwortete unter dem 25. September freundlich aber bestimmt, es sei ja mit Recht zum Ausdruck gekommen, daß

"zur Zeit eine Parteineugründung eine verfehlte Sache wäre, weil für etwas Zugkräftiges die Zeit noch nicht gekommen ist. Dann hat es auch keinen Wert, eine Organisation, die immerhin noch durch ihr Bestehen eine große Anzahl für gesunde politische Entwicklungen aufnahmebereiter Menschen zusammenhält, jetzt zu verlassen. Und gleichzeitig noch einer weiteren Organisation anzugehören, erlauben mir zur Zeit meine Finanzen beim besten Willen nicht."[19]

Auch, aber nicht nur wegen der knapperen Finanzen trat Dinkelacker im Herbst 1932 aus dem Reichsbanner aus. Er war frustriert vom politischen Desinteresse der Mitglieder. Als im November noch einmal gewählt wurde, zeigte sich bei der NSDAP zwar ein leichter Rückgang (im Landkreis Altenkirchen ebenfalls), aber die Staatspartei hatte nichts gewonnen. Im Gegenteil: sie brachte nur noch im Baden-Württembergischen Wahlkreis den Kandidat Reinhold Maier durch und aufs Reichsebene nur noch Dietrich. Im Wahlkampf vor diesen letzten freien Wahlen schrieb der Parteifreund Karl Königsheim/ Altenkirchen an Dinkelacker:

"... Bei der augenblicklichen Stimmung und Einstellung der Bevölkerung ist eine Aussicht auf Zuwachs vollkommen ausgeschlossen, selbst die wenigen Anhänger wollen nicht die St.P. wählen, damit die Stimmen nicht verloren gehen. Es ist kein böser Wille, aber leider liegen die Verhältnisse so. Von den mir bekannten Lehrern ist nicht ein einziger St.-P und die weiteren kommen selbst zu einer privaten Besprechung nicht. Wir müssen erst mal wieder einige Jahre vergehen lassen, um dann später zu sehen, wie die Verhältnisse sich geändert haben. Wenn Anhänger wie ich den Mut verlieren, dann können wir von der großen Wählerschaft nicht verlangen, daß solche uns unterstützt. Trotzdem wollen wir kleines Häuflein in Treue zusammenhalten, damit der Stamm dieser wissenschaftlichen und freiheitlichen Partei bestehen bleibt, die Zeit spricht für uns..."

Dinkelacker hatte noch einmal Theodor Bohner, inzwischen Oberschulrat, eingeladen und Königsheim nach den Aussichten einer Veranstaltung in Altenkirchen gefragt. Es gab keine Aussichten mehr. Im letzten Akt seiner parteipolitischen Tätigkeit lud Dinkelacker die Freunde mit Anschreiben zu einer "Staatsbürgerlichen Tagung" am 1. November 1932, nachmittags 4 Uhr im "Deutschen Haus" ein. Redner Dr. Bohner/Berlin über das Thema "Staat in der Krise":

"Bei der heutigen Art der politischen Agitation wenden wir uns bewusst nur an Menschen, die gewillt sind, ohne Illusionen und Schlagworte sich in sachlicher Aussprache mit den brennenden Lebensfragen unseres Volkes auseinanderzusetzen, und denen eine gesunde, von freiheitlichem und nationalem Geiste durchdrungene, von echtem, geistigem Führertum getragene Demokratie ein kostbares Gut bedeutet."[20]

Der Beamtenstatus des Studienrats sicherte auch in der Wirtschaftskrise das Einkommen. Allerdings brachte die "Brüningsche Notverordnung", die auch die Regierung Hitler nie zurücknahm eine Kürzung des Gehalts um 21%. Wie sich die Krise sonst noch in Dinkelackers persönlichen Umständen bemerkbar macht, klingt im schon zitierten Brief an Varrentrapp an[21]:

"Seit einem halben Jahr steht mir nämlich die kleine Mietwohnung im 2. Stock meines Hauses leer, der bei uns wohnende Schwager verdient nicht zur Hälfte das zu seinem Leben notwendigste. Um unsere mit Leib und Seele am Studium hängende älteste Tochter Hilde bis jetzt studieren lassen zu können - sie hat 3 Semester hinter sich - hat meine Frau nun schon über 1 Jahr den Haushalt ohne Mädchen, mit nur gelegentlicher Hilfe geschafft, und nun muss Hilde mal 1 Semester zu Hause bleiben, bis dann unsere Lore nächste Ostern die Reifeprüfung hinter sich hat."

Bald sollte es schlimmer kommen. Dinkelacker blieb aber noch Zeit, seine Klasse zum Abitur zu begleiten. Zu den formalen Vorbereitungen der Prüfungszulassung zählten vom Lehrer verfaßte 'Charakteristiken' seiner Schüler. Die hatten im Jahr zuvor ihre 'Lebensläufe' und schriftlichen Selbsteinschätzungen abgegeben, auf die der Klassenlehrer jetzt zurückgreifen konnte. Was kam dabei heraus? Als Beispiele hier drei von neunzehn seiner Lehrer-Hausaufgaben, willkürlich ausgewählt als die, in denen 'politisch' als Adjektiv vorkommnt:

"Er ist eine rauhe, aber gerade Natur; im elterlichen Geschäft, besonders nach dem Tode des im Sommer 1930 verunglückten Vaters, schon früh in Anspruch genommen, zeigt er eine etwas eigenwillige Selbständigkeit. Bei stärkerem Interesse für realwissenschaftliche Fächer wendet er sich in der Geschichte besonders politischen Meinungsfragen zu, während der Sinn für ideelle Werte weniger entwickelt ist. Seine Freizeit verwendet er mit Vorliebe für den Sport. Bei guter Denkfähigkeit hat er es früher an Eifer und Konzentration im Unterricht manchmal fehlen lassen, hat sich aber vor allem in der OI mit Ernst bemüht, einen im Durchschnitt genügenden Leistungsstand zu erreichen Eine entschiedene musikalische Veranlagung hat sich bei dem Schüler in den letzten Jahren mehr und mehr entfaltet und schon erfreuliche Leistungen auf diesem Gebiete gezeitigt und seine Berufswahl klar bestimmt. Daneben liess er sich bei seiner auch sonst im ganzen guten Begabung durch die Schularbeit nicht allzusehr anfechten und ging dafür gerne Liebhabereien nach, zu denen in der Primazeit vor allem die Beschäftigung mit brennenden politischen Fragen gehörte. Auf Klassenfahrten sorgte er stets für musikalische und humoristische Unterhaltung. Ein kerndeutscher, von soldatischem Geiste erfüllter Vater und eine künstlerisch tätige, französische Mutter, dazu ein starker Wechsel des Wohnsitzes der Eltern während seiner Kindheit bedingten bei dem Schüler auch vielseitige, insbesondere schöngeistig-künstlerische und geschichtlich-politische Interessen. Er ist zu selbständigem Erfassen von Gedankengängen und Problemen fähig und überdurchschnittlich begabt. Wiewohl selbstbewusst, so dass er sich manchmal in jugendlicher Begeisterung an Urteilsvermögen zuviel zutraut, bleibt er höflich und für anderweitige Belehrung zugänglich. In der Jugendbewegung ist er mit zweifellosem Führertalent tätig; er verfügt über eine grosse Arbeitskraft und ist um Ausbildungsmöglichkeiten ausserhalb der Schule bemüht, zudem schon jetzt bestrebt, durch eigenen Verdienst sich wirtschaftlich unabhängig zu machen."[22]

Die beiden ersten wurden Ärzte, der dritte Architekt.

* * *


[1]Schreiben vom 13.5.1928

[2]Schreiben von S.(?) Becher an Dinkelacker vom 9.5.1928

[3]Brief an Varrentrapp vom 27.5.1928 PALS. Der ehemalige Schüler Willi Ermert hatte 1921 Abitur gemacht und war Jurist geworden. Anfeindungen hielten sich offenbar hartnäckig. An gleicher Stelle schrieb Dinkelacker: "Wie diese Sache immer noch nachwirkt, zeigt u.a. die Tatsache, dass man es, wie ich gestern erst hörte, Frl. Veith bereits übel vermerkt hat, dass sie kürzlich meine Frau auf offener Strasse grüsste und ihr die Hand gab."

[4]Ebenda

[5]Dinkelackers Wortgebrauch, auch in Anführungsstrichen war leichtfertig. Die 'Judenfrage' war durch die republikanische Gleichstellung erledigt. Im praktischen Umgang mit der verfassungsgemäßen Gleichstellung stellte sich allerdings, wenn man so will, eine 'Deutschenfrage'.

[6]Nachdruck aus den Heimat-Jahrbüchern des Kreises Altenkirchen und der angrenzenden Gemeinden der Jahre 1975-1978. Vorwort Hans Fritzsche, Altenkirchen, im Verlag des Heimatvereins, o.J.

[7]Betzdorfer Zeitung Nr. 186 vom 10.8.29, zitiert nach dem Wiederabdruck in der Ausgabe vom 9.9.1933

[8]Brief vom 19.6.30

[9]Beilage zu einem Brief an Ernst Lemmer vom 6.6.1930

[10]Brief an Dinkelacker an Muhle vom 18.9.30, Durchschlag

[11]Die eine der beiden Schülerinnen war seine Tochter Lore. Seine drei Jahre ältere Tochter Hilde, Abiturientin vom Frühjahr fuhr als Begleiterin der Schülerinnen mit.

[12]Programm: Schwimmen und Wandern. Zeichnen und Malen im Freien, Pflanzenbestimmungen, Wasserstandsmessungen und Volumenberechnungen, Besichtigung der Sperrmauer-Einrichtungen, Unterricht über den Ruhrtalsperrenverein. Vorher waren Aufsatzthemen vergeben worden wie u.a. "Wasser im Banne der Technik", die dann während des Aufenthaltes ausgestaltet wurden. Dinkelacker verfaßte einen 6-seitigen Bericht.

[13]Vgl. Jakob Robert Schmid, Le maître-camerade et la pédagogie libertaire, Paris, Maspero 1976. Eine Darstellung der Schulexperimente der 10er-30er Jahre, der Freien Schulgemeinden, der Hamburger Versuchsschulen, zuerst erschienen 1936 in Neuchâtel

[14]Typoskript o.D. (1932)

[15]Die Klasse im Ganzen war wohl wenig berührt durch die Aktion. Dafür spricht auch, daß Dinkelackers jüngere Tochter Lore heute (2001) überhaupt keine Erinnerung an den Vorfall hat. 'Politik' interessierte nur wenige Schüler, und an solche Berichte in der BZ hatte man sich gewöhnt.

[16]Hans Fritzsche, "Abitur im Jahr der "Machtergreifung"1933" Festschrift 2001, S.58

[17]Zeitungsausschnitt (vermutl. Altenkirchener Zeitung)

[18]Hektographiertes Rundschreiben

[19]Brief an Varrentrapp vom 25.9.32. Durchschlag

[20]Einladungsschreiben vom 28.10.32 PALS. Zusatz: "Wir bitten Sie, auch Angehörige und Bekannte, die dahin gehendes Interesse besitzen, mitzubringen. Für auswärtige Besucher sei noch daran erinnert, dass am 1. November Sonntagskarten zu haben sind."

[21]Das Studienratsgehalt einschließlich Wohngeld nach 29 Dienstjahren lag bei brutto 9500 RM jährlich, nach Abzug der "Brüning-Abgabe" bei 7500. Nach Steuerabzug blieben vielleicht 6000 RM (etwa das Dreifache eines Arbeiterlohns in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit). Schuldendienste für den Hausbau belasteten die Familie mit ca 1000 RM jährlich.

[22]Lebensläufe und 'Charakteristiken' der OIa 1929/30

 

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