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Willkür

"Das achtteilige Riesenzelt auf den Siegwiesen bei der Papierfabrik, das 25-30 000 Menschen fassen kann, erwies sich - was wohl niemand vorausgeahnt hatte - als zu klein. Schon gegen 6 Uhr, als der Menschenstrom auf den Landstraßen von Betzdorf und Wissen her noch nicht versiegt war, standen die Menschen im Zelt dichtgedrängt, wie gemauert, das letzte Plätzchen füllend... Der Zustrom zum Zelt setzte schon gestern morgen ein. Auto um Auto rollte aus Richtung Siegen, Daaden, Wissen - Köln heran, daneben hunderte Motorräder, Fahrräder ... Kurz nach Mittag, als die ersten zum Bersten gefüllten Sonderzüge in Betzdorf einliefen wurde der Betrieb schon beängstigend..."

November 1932. Kein Rockkonzert bevor es sowas gab, sondern "Die größte Kundgebung, die Westerwald und Sieg je gesehen" (BZ):

"In größeren und kleineren Trupps marschierten die SA- und SS-Kolonnen heran. Den größten Zug bildete die SA des Siegerlandes, die mit etwa 2000 Mann durch Betzdorf marschierte... Von 3Uhr an spielten die Koblenzer und die Herdorfer SA-Kapelle und das Siegener SA-Trommler- und Pfeiferkorps abwechselnd Militärmärsche...Punkt 6 Uhr erfolgte der 'Einmarsch der Fahnen'. Vorauf die Gaustandarte, marschierten die Träger von 30 Hakenkreuzfahnen zum blumengeschmückten Podium und stellten sich im Hintergrunde auf. Auf einem breiten Band an der Rückwand des Podiums standen weithin lesbar die Worte "Für Arbeit, Freiheit und Brot" ... Kurz nach 7 Uhr betrat Hitler ... mit seinem Stab das Zelt ... Er war in der braunen SA-Uniform, machte einen frischen Eindruck. Ungeheurer Jubel umbrauste ihn, nicht enden wollende Heilrufe wurden auf ihn ausgebracht. Ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen überreichten ihm Blumensträuße, Blumensträuße wurden ihm aus dem Publikum zugeworfen. Junge Mädchen durchbrachen den Kordon der ums Podium gruppierten SS-Leute, um Hitler die Hand zu drücken. Wohl zehn Minuten lang tosten die Zurufe, immer wieder zu einem Orkan anbrausend, wenn Hitler die Hand zum Gruß und Dank erhob, insbesondere zum Gruß der ersten 10 Nationalsozialisten im Kreise Altenkirchen, die dicht am Podium standen ... Hitler spricht: "... Ich bin ein einziges Mal in eine politische Bewegung gegangen, die ich begründet habe. In ihr bin ich geblieben, in ihr werde ich auch sterben. Wenn man ein so schweres politisches Gepäck besitzt, wie ich, dann kann man nicht mit 13 Millionen Menschen heute in die Kartoffeln morgen aus den Kartoffeln. Die 13 Millionen erwarten, daß ihre Bewegung eingesetzt wird in dem Augenblick, in dem des deutschen Volkes große Stunde gekommen ist ... Aus den 13 Millionen müssen einst 50-60 Millionen werden ... Mein Wert liegt darin, daß ich ein Deutschland der Zukunft mitbringe. Das ist mein Werk, mein Wert und meine Verpflichtung. Keine Macht der Welt kann mich davon entfernen ..." (Minutenlanger Beifall) - Die Menge sang das Deutschlandlied."[1]

Der zu drei Vierteln die Seite füllende Bericht der 'Betzdorfer Zeitung' war ein Teil der Inszenierung und ein Vorgeschmack von dem, was an Inszenierungen auf Staatskosten ins Haus stand. Hitler in Scheuerfeld - die Menschen waren begeistert. Trotzdem sank auch im Landkreis Altenkirchen die Wählerzahl der NSDAP: von 16718 im Juli auf 15200 bei den Novemberwahlen (das waren 31,7%, das Zentrum sammelte 40,5%). Nach der Bildung der Hitlerregierung (mit dem Deutschnationalen Koalitionspartner), nach Reichstagsbrand, ersten Verfolgungen von politischen Gegnern und nicht mehr freien Märzwahlen folgten Anfang April der erste antisemitische Pogrom und das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Tausende von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern wurden vor den Wahlen verhaftet und terrorisiert und der Staatsterror dauerte an.

Am 15 Februar hatte Dinkelacker noch einmal zur Mitgliederversammlung am Sonntag, den 19. nachmittags vier Uhr ins "Deutsche Haus" eingeladen. "Zwecks Besprechung der bevorstehenden Reichtstags-, Landtags- und Kommunalwahlen (insb. Kreistagswahlen!) :

"Da bei den diesmaligen Reichstags- und Landtagswahlen keine staatsparteiliche Stimme verloren gehen kann, so müssen wir angesichts der heutigen Verhältnisse alles tun, aum Freiheit und Demokratie nicht vor die Hunde gehen zu lassen. Freilich kann es sich, das sei zur Klarstellung gleich bemerkt, diesmal für uns nicht um öffentliche Agitation handeln. Mit der Bitte um vollständiges Erscheinen..."

Es kamen die Mitglieder Bracke, Daum, Eichhorn, Grünebaum, Tobias, Schäfer. Gäste waren Grünebaum (Sohn? KS)/Altenkirchen, Hilgerath/Katzwinkel.

In der Schule war Dinkelacker offenbar nicht vorsichtig genug. Am 27. Februar hing ein "Aufruf der Reichsregierung"[2] in der Schule aus, und Dinkelacker ließ sich gegenüber einem Kollegen (in der Pause im Flur, vermutlich Udo Rühl) zu einer kritischen Bemerkung hinreißen. Das führte zu einem Konflikt, der eine Woche später dem Oberschulrat bei dessen Besuch am 2. und 3. März vorgetragen und - so schien es -, in dessen Beisein beigelegt wurde. Um dann in einer Beschwerde seitens der DNVP 3 Monate später wieder aufzutauchen (s.u.).

Am 22. März schrieb die Betzdorfer Zeitung: "Nach der Eröffnung des Reichstags: Voraussichtlich Donnerstag Annahme des Ermächtigungsgesetzes." Am Vortag hatte man in Deutschland den "Tag von Postdam", gefeiert, der sich auf die Reichsgründung 1871 berufen konnte und sollte (wem das nicht gefiel, der ließ vielleicht im Stillen die Pariser Commune hochleben). Die 'Betzdorfer' berichtete unter "Heimatliche Nachrichten": "Nationale Feierstunde im Realgymnasium":

"Recht stimmungs- und gehaltvoll war die gestrige nationale Feierstunde des Realgymnasiums, die die Vertreter der hiesigen SA-Gruppe, Lehrer, Abiturienten und die gesamte Schülerschaft in der festlich geschmückten Aula vereinte. Nach den ersten Strophen des Liedes "Ich hab mich ergeben" sprach Oberstudiendirektor Lake kurz, aber packend zu der großen Schar der Versammelten. Er wies auf die hohe Bedeutung der Stunde hin, in der es gelte, vereint mit dem ganzen deutschen Volke, innerlich und mit ganzem Herzen, teilzunehmen an den großen und denkwürdigen Feierlichkeiten in Potsdam. Nach dem Verlesen einiger Kernsätze aus dem letzen Aufruf des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda richtete er an die Schüler die Mahnworte, die Hoffmann von Fallersleben am 21. März 1871 dem Reichstag de neuen geeinten Reiches zurief: "Nun wanket nicht und haltet stand! Die Liebe für das Vaterland, für Deutschlands Recht und Freiheitshort bleib euer erst' und letztes Wort." Die letzten Strophen von "Ich hab mich ergeben" leiteten über zu den bewegenden Rundfunkübertragungen mit den Reden des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers. Mit dem Deutschlandlied schloß die erhebende Feier."

Die Inszenierung der Macht hatte die Schule erreicht. Heinrich Lakes Schlußwort lässt sich dabei lesen - und wurde so auch verstanden - als Ausdruck des Gedankens, den der ein oder andere haben mußte: "Wenn das nur gut geht." Die Skepsis und bei vielen die Angst waren da. Umso mehr, als der "Tag von Potsdam" auch im Dorf zur Kundgebung ausgestaltet wurde. Die BZ schrieb im Anschluß an die Notiz von der Schulfeier: "Der Nationalfeiertag",

"den das deutsche Volk gestern als Zeichen seiner nationalen Erhebung beging, ist ein Ereignis geworden, das in die Geschichte eingehen und vielen späteren Geschlechtern künden wird, mit welcher Inbrunst sich das deutsche Volk wieder auf den Nationalismus besann... Des Reiches greiser Führer Generalfeldmarschall von Hindenburg und sein im jugendlichen Feuer stehender Kanzler Adolf Hitler haben gestern in der denkwürdigen Garnisonkirche in Potsdam am Grabe Friedrich des Großen das Gelöbnis abgelegt, im Geiste von Potsdam für die Wohlfahrt des deutschen Volkes zu wirken und es hinzuführen zu neuem Glanz und Ruhm ... Überall an jedem Hause, in jedem Winkel Schwarzweißrot und Hakenkreuz, das einstige Zeichen der Furcht für viele, heute das Zeichen des Befreiers ... Durch die grandiose Erfindung des Rundfunks konnte das Vok alles miterleben, was sich da ereignete, als wenn es selbst dabei gewesen, ja vielleicht noch besser ... Die Feier in Betzdorf bestand aus dem Fackelzug am Abend. Während sich die Häuser in den Schmuck der Illumination warfen, sammelten sich die Vereine, die Schulen und die Bürger in der Friedrichstraße ... Bis nach Alsdorf mußten die letzten Teilnehmer marschieren, um sich anzureihen ... Den Zug eröffneten zwei berittene SA-Leute und das von Pferden gezogene Geschütz des Artillerievereins, das dieser sich auch eigenen Mitteln beschafft und sein Stolz ist ... Dann folgte die Feuerwehrkapelle, die die ganze Marschmusik zu leisten hatte und dann die Vereine mit ihren Fahnen in langer Reihe... Es war eine Freude, zu sehen, wie der greise Mann neben dem blutjungen Jüngling in strammer Haltung marschierte. Nicht weniger als 28 Fahnen wurden im Zug geführt... Der Zug mußte leider am Eisenbahnübergang bei der Apotheke wohl eine halbe Stunde angehalten werden wegen dem um 8.40 fälligen Eilzuge nach Siegen. Prachtvoll war das Bild, das der Zug mit dem Meer der Fackeln und Lampions beim Marsch auf die Höhe zur Turnhalle bot. Feierlich erklang währenddessen Glockengeläut. Die Feier auf dem Jahnplatz, der kaum die Menge fassen konnte, begann mit dem Lied "Oh Deutschland hoch in Ehren" , währenddessen der Holzstock angezündet wurde. Nachdem das Lied verklungen, hielt Architekt Bergerhoff die Festansprache ... Der Begriff Nationalfeiertag sei in den letzten vierzehn Jahren ein leerer Wahn gewesen. Die rote Meute habe an den unseligen Novembertagen, als noch deutsche Männer an der Front standen, die deutsche Einigkeit zerschlagen, die ruhm- und siegreiche schwarz-weiß-rote Fahne sei eingezogen und dafür das Tuch schwarz-rot-gold gehißt worden ... Als Treueschwur klang aus dem Munde Tausender ein dreifaches Hoch auf den Reichspräsidenten von Hindenburg und seinen Kanzler Adolf Hitler. Unter dem Salut von 21 Schüssen stieg feierlich das Deutschlandlied zum Himmel. Herr Bergerhoff betonte dann noch, daß nationale Männer trotz aller Schmach nicht den Nacken gebeugt haben und zu diesen zähle auch der Ehrengast des heutigen Abends, Gymnasialdirektor a. D. Stenger, dem heiliges nationales Denken und Wirken der roten Meute Anlaß gewesen, ihn von der Stätte der Jugendbildung zu entfernen und ihn durch die Nöte vieler Monate und Jahre zu treiben. Die nationale Erhebung werde die Schuldigen sich genau merken und mit gleichem Maß messen, wie man diesem Mann begegnet sei ... Die Reihe der Ansprachen (in der Turnhalle KS) eröffnete Herr Hendrich, der Vorsitzende des Kriegervereins, der zunächst der Feuerwehrkapelle und dem Tambourkorps dankte ... Dann begrüßte er Herrn Studiendirektor Stenger, der es sich nicht habe nehmen lassen, als alter Betzdorfer an der Feier teilzunehmen. Bügermeister Hanstein bezeichnete den Tag als nationalen Aufbruch durch geistige Umstellung ... Die Versammlung sang darauf das Deutschlandlied. Hierauf ergriff Studienrat Lohmann das Wort zu einer flammenden Ansprache ... Diese prachtvollen Worte betonte die Festversammlung mit stürmischem Beifall und sang dann das alte nationale Lied "Ich hab mich ergeben. " Studiendirektor Stenger hob in einer kurzen Schlußansprache die Erneuerung der sittlichen und religiösen Kräfte des Bismarckschen Reiches hervor ... Es werde auch einmal die Zeit kommen, daß das Kaisertum im deutschen Volke wieder aufgerichtet werde, daß das deutsche Volk das an seinem Kaiser begangene Unrecht wieder gut mache. Damit war die Feier zu Ende."[3]

Angst und Schrecken, die die Stimmung bei solchen Ereignissen und Zusammenkünften auch auslösen konnten, waren Absicht auf der Ebene der Inszenierung. Jakob Daum schrieb - wie auch immer 'beeindruckt' - unter dem 21. März 1933 einen merkwürdigen Brief an Dinkelacker:

"Ich habe in der letzten Zeit schwere seelische Kämpfe ausgefochten. Zu einer Entscheidung bin ich nun in heißer sachlicher Auseinandersetzung mit den Gedanken meines besten Freundes, der mich eigentlich aus dem Arbeiter- in den Lehrerstand gebracht hat, gekommen. Nun bin ich aber völlig entschieden. / Wir haben es seinerzeit nicht verstehen können, daß Herr Direktor Stenger, den Sie ja rein menschlich ebenso sehr veehrten wie ich, sich nicht in die damaligen Staatsnotwendigkeiten hineinleben konnte. Ich glaube, es wäre falsch, heute denselben Fehler zu begehen. / Dazu kommt aber noch eins: Ich kann nicht abwarten und beiseite stehen, ich muß aktiv an dem Neuaufbau mitarbeiten, der von den führenden Männern ehrlich gewollt wird, und ganz besonders muß das dann gelten, wenn man Einzelheiten vielleicht nicht immer für richtig hält... Die Mittelparteien sind zerschlagen. Nur bei der DNVP und der NSDAP ist die Möglichkeit, ernsthaft für Deutschland zu arbeiten. Die NSDAP hat in ein paar Wochen für die Einheit und Größe Deutschlands mehr erreicht, als das in Jahrhunderten möglich war, hat Ziele der DDP erreicht, die diese wegen ihrer auch von Ihnen getadelten zu großen Zurückhaltung - oder war es Schlappheit? - zwar immer vertrat, aber nie ernsthaft anbahnen konnte... Darum erkläre ich hiermit Ihnen als dem Vorsitzenden unserer Kreisgruppe meinen Austritt aus der Staatspartei. Ich habe heute auch meine Aufnahme in den NS-Lehrerbund und in die NSDAP beantragt."

Ein Akt der 'Selbstgleichschaltung'? Manches deutet darauf hin, daß Daum unter Druck gesetzt wurde. Auch, daß der 'Fall Stenger' von ihm wieder in den Vordergrund gerückt wird und seine Schlußbemerkung zu Frau Daum:

"Die Worte Hitlers beim heutigen Staatsakt in Potsdam haben mich tief innerlich ergriffen. Ich bin gerne bereit dem alten Herrn (Stenger KS) das Leid, das ich ihm auch in der ehrlichen Überzeugung guter Absichten zugefügt habe, abzubitten. Wir sind noch jung und müssen uns umstellen können, was Herr Stenger aus tief innerlicher Überzeugung damals nicht konnte. Heute muß er erst recht sein Verhalten als das beste hinsichtlich des Wohles unseres Vaterlandes betrachten ... Meine Frau, die durch diese seelischen Kämpfe sehr gelitten hat, ist für einige Tage zur Erholung zu einer befreundeten Familie auf den Westerwald..."

Dinkelacker antwortete umgehend:

"Sie können sich denken, dass mich Ihr Brief nicht wenig überraschte und er gibt mir eigentlich Veranlassung, Ihnen ausführlicher zu antworten; doch möchte ich das lieber gelegentlich auf eine gemütliche mündliche Unterhaltung verschieben. Nicht, dass ich Ihren Schritt an sich verurteilte und seine Gründe nicht verstünde, oder dass ich Sie gar zu nötigen versuchen würde, wenn ich auch wirklich Ihren Austritt aus der DStP, der sie viele Jahre treu und eifrig gedient haben, außerordentlich bedaure, aber ich für meinen Teil könnte ihn nicht mitmachen ... Man hasste die Demokratie schlecht weg. Dies ist allerdings ein Kennzeichen des "Geistes von Potsdam", dessen wertvolle und berechtigte Seiten ich durchaus nicht verkenne, der aber, wenn er nicht die Synthese mit dem "Geiste von Weimar" findet, das Klima von Deutschland um einige Grade in der Jahresmitteltemperatur erniedrigt. / Ich gebe die Möglichkeit zu, daß der Nationalsozialismus, der zweifellos noch in lebhafter Entwicklung begriffen ist, im Gegensatz zu einer verknöcherten deutschnationalen Einstellung Hugenbergscher Art, eventuell noch zur Bejahung einer gesunden Demokratie kommen kann; dann aber erst und wenn er von den vielen und grossen, auf den Wiederaufstieg unseres Volkes abzielenden Versprechungen, die sich im übrigen oft ungeheuer widersprachen, auch nur einen ansehnlichen Bruchteil verwirklicht hat, könnte ich mich eventuell mit in seine Reihen stellen, sofern ich in meinem Alter - ich werde dieses Jahr 50 - noch den Schwung aufbringen sollte, mich aktiv in eine neue politische Bewegung zu stellen, nachdem ich in dem Kampfe für die Bewegung, der ich aus reinsten Motiven und um eines hohen Ideales willen bis heute gedient habe, so viel der Enttäuschungen erlebt habe. Das ich mich dabei geirrt habe, kann ich nicht zugeben ... Ich verlange nur, dass überall Gerechtigkeit waltet, und dass man jede in sachlicher und anständiger Form vorgebrachte, hinreichend begründete freie Meinungsäusserung gelten lässt. Denn wo das fehlt, da fehlt dem freien Deutschen die Lebensluft. / Zum Fall Stenger aber noch dies: Ich habe Herrn Direktor Stenger absolut nichts abzubitten, denn er hat mir zuerst die schwersten Kränkungen zugefügt, er hat sich gegen amtliche Erlasse Verfehlungen und Unterlassungen zu schulden kommen lassen etc. etc. bevor ich in denkbar mildester Form mich glaubte, dagegen wenden zu müssen. Er hat auch Sie und mich in der übelsten Weise beschimpft, als Sie im Kuratorium eine durchaus sachliche Kritik anbringen wollten. Und wir haben von Anfang an bekundet, dass wir ihn in keiner Weise materiell geschädigt wissen wollten. Er hatte vom verlästerten demokratischen Staat, der andere Überzeugungen duldete, die Möglichkeit erhalten, ohne auf die Verfassung den Eid zu leisten, sich mit voller Pension in den Ruhestand zurückzuziehen. Es wäre für mich jede Entschuldigung eine Entwürdigung."

Dinkelacker war vorsichtig (hätte ein Gespräch vorgezogen) aber entschieden. Daum bedankte sich brieflich unter dem 30.3., daß Dinkelacker Verständnis zeige, und entschuldigte sich, daß er die gemütliche Unterhaltung wegen Arbeitsüberlastung erst einmal verschieben müsse. Ausserdem schrieb er:

"Nicht irgendein Schuldgefühl, sondern höchstens Bedauern darüber, daß wir uns hinsichtlich der kommenden geschichtlichen Entwicklung getäuscht und unnötig für den Staat von Weimar gekämpft haben, dem doch augenscheinlich die innere Festigkeit fehlte, kann uns heute erfüllen. Es ist aber notwendig, daß die Staatsautorität wirklich unangreifbar ist, wie das beim neuen Staat zu werden scheint."

Am 29. März druckte die BZ in ihrer Beilage einen emphatischen Aufsatz "Ein Volk - ein Reich - ein Führer" vom Kollegen Fritz Rittershaus. Da wurde noch einmal der Tag von Potsdam als Neuanfang im Geist der nationalen Erhebung von 1813 gefeiert. "Deutschland ist erwacht" und auf dem Weg zur "unzerstörbaren Gemeinschaft, zu der die lebendigen Kulturwerte uralten deutschen Volkstums verpflichten ..." Der Artikel ging auf den Vierjahresplan ein und zur "Wehrhaftigkeit" wurde Joseph Görres zitiert:

"Jeder Wilde weiß seine Waffe zu handhaben und Keule und Schwert zu führen ... Das Volk, der Waffen entwöhnt, ist weichlich geworden, verzagt, plump, ungeschickt und philisterhaft..." "Und wenn einmal das deutsche Zentrum sich zu diesem großen katholischen Vorkämpfer für eine deutsche Weltanschauung restlos bekennt, wenn kein Deutscher mehr weiß, was Marxismus, Liberalismus, Klassenunterschied überhaupt ist, sondern alle nur das eine wissen, daß wir Deutsche auf Gedeih und Verderb zusammengehören, dann ist das Ziel der nationalsozialistischen Revolution erreicht: Ein Volk, ein Reich, ein Führer."

Welche Schleusen, und das nicht nur im Wortschwall, mit dem 'Tag von Potsdam' geöffnet wurden, kam auch zum Audruck:

"Denn die Bekämpfung des Kommunismus ist unsere eigene Angelegenheit und beruht auf dem Recht der Selbsterhaltung, das uns einige ausländische Regierungen scheinbar auch im Inneren nicht zugestehen wollen, denn sonst würden sie von sich aus der verlogenen Greuelpropaganda des internationalen Judentums Einhalt gebieten ... Der nun einsetzende Abwehrkampf gegen die im Auslande verbreiteten Lügen wird, wie wir zuversichtlich hoffen, schließlich doch von Erfolg sein und die Welt davon überzeugen, daß die deutsche Umwälzung sich in aller Ruhe und Ordnung vollzogen hat. Der Kampf gegen die Feinde von Volk und Staat geht allerdings weiter, die falschen Propheten werden niemals wieder irgendeinen Einfluß auf den deutschen Volksgenossen gewinnen können, nachdem Hitler am späten Abend des denkwürdigen 23. März den erbärmlichen Verrat des Marxismus am deutschen Arbeiter in so überzeugender Weise nochmals klar gestellt hat..."

In der Abendausgabe der Vossischen Zeitung vom 24. März erschien eine der letzten kritischen politischen Betrachtungen: "Das Regierungsprogramm":

"Die Rede, die Reichskanzler Hitler gestern vor dem Reichstag des 5. März hielt, ist die Programm-Erklärung der Reichsregierung, aber sie ist mehr. Sie dokumentiert in Ton und Gedankengang die Staatsumwälzung, die wir erleben. Denn eine Staatsumwälzung erleben wir in der Tat, wenn auch die legale Form dabei weitgehend geschont wird. Es ist der archimedische Punkt gefunden worden, aus dem das gesamte "System" aus den Angeln gehoben wird. Die Republik von Weimar ist beendet. Im ewigen Geschichtsbuch wird eine neue Seite aufgeschlagen..."

Die sich anschließende Betrachtung wertete positiv die Ablehnung des Restaurationsgedankens und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Rechtsstaat erhalten bleibe, daß die angestrebte Verfassung auf plebiszitärer Basis die Errungenschaften der liberalen Ära erhalte, namentlich die Freiheit der Meinungsbildung, daß das äußere Zeichen der Normalisierung die Wiederherstellung der Habeas Corpus-Prinzipien sein werde, und daß man manche Broschüre der Kampfzeit zurückziehe. Weiter unten in der gleichen Spalte folgte dann eine Pressemeldung der Polizei, daß in den letzten Tagen auf dem württemberischen Heuberg ein Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge errichtet und in Betrieb genommen sei, das zunächst etwas 1500 Gefangene aufnehmen könne. Zur Bewachung stünde ein starkes Aufgebot von Hilfspolizei unter schutzpolizeilicher Führung bereit. Am 8. April waren "weit über eine halbe Million" SA- und SS-Männer in Deutschland und Österreich angetreten" und in und um den Berliner Sportpalast 18 000. "Der größte Appell der Weltgeschichte" titelte die "Kölnische Zeitung". Hitler sprach:

"Was 14 Jahre in Ehren gekämpft hat, wird niemals mehr in Unehre vergehen. Das ist unser Gelöbnis, das wir ablegen denen, die aus diesem Gefühl der Ehre heraus in uns, für uns und für Deutschland gefallen sind."

Kein Wort von den Pogromen, die mit dem Appell einhergingen.

"In einer Zeit, da das ganze Volk dem Irrwahn der Demokratie, des Parlamentarismus nachjagte, haben wir begonnen, bewußt eine Organisation aufzubauen, in der es nicht e i n e n Diktator gibt, sondern Zehntausende. Denn wenn jemand sagt: " Sie haben es ja leicht, Sie sind Diktator Ihrer Bewegung" - nein, meine Herren, Sie täuschen sich! / In der Bewegung diktiert nicht einer, Zehntausende diktieren, jeder an seiner Stelle. / Jeder kennt eine Autorität nach unten und eine Verantwortung nach oben. Und die letzte Spitze selbst wieder, sie hat nur einen einzigen Wunsch: Möge sie niemals sich vergehen gegen die letzte Spitze, der auch sie verantwortlich ist und die wir insgesamt in unserm deutschen Volke sehen."

Am 12 April feierte die BZ den neuen Gemeinderat in Betzdorf, dessen 'Wahl' im Germaniasaal stattgefunden hatte, beschrieb die bisherige 'Mißwirtschaft' und meinte, die "Wandlung zum anderen Geiste"

"wäre bei uns noch nicht so glatt erfolgt (wie im Reich KS), und hätte neue Kämpfe und Schlachten ergeben, da den 10 Zentrumsstimmen die Althof alle in der Tasche hatte, nur 7 Stimmen entgegenstanden, wenn gestern nicht eine unerwünschte Revision der Fleischbeschau-Bücher des Tierarztes Althof erfolgt wäre, die den gestrigen ganzen Nachmittag angedauert hat und zu der auch Metzgermeister Weger als Innunsgmeister zugezogen war. Ebenso fehlten - aus unbekanntn Gründen - Entschuldigungsschreiben lagen nicht vor - das Zentrumsmitglied Eisenbahn-Assistent Weidner und Eisenbahnarbeiter Becher (Sozialdemokrat) . Das Stärkeverhältnis war also 7:7 Stimmen, bei der Wahl des Gemeindevorstehers gaben die 7 Zentrumsvertreter weiße Zettel ab, die anderen / Stimemn fielen auf Bürgermeister Hanstein, der damit gewählt ist. Dieses Ergebnis wurde von der dicht gedrängten Zuhörerschaft mit stürmischem Jubel aufgenommen.

Für Ordnung im Saal sorgten SA und SS, nach Hanstein redete Architekt Bergerhoff als Sprecher der NSDAP. Für das Zentrum mußte sich Rechtsanwalt Heinen dagegen verwahren, als marxistisch bezeichnet zu werden, für die Kampffront hatte Rechtsanwalt Schneider dies Problem nicht.

"Auf Vorschlag des Herrn Bergerhoff wurde mit Rücksicht auf die gewaltige Erhebung die großen Verdienste unseres Reichskanzlers Adolf Hitler die Wilhelmstraße in Adolf Hitlerstraße umbenannt (Bravo) Weiter wurden umgetauft die Schulstraße in Dr. Göbbelsstraße, die Friedrichstraße in Göringstraße und die Rainanlage in Horst Wesseranlage (Bravo)"

Das Zentrum stimmte den Umbennungen zu. Nachdem dann noch auf Bergerhoffs Vorschlag Hitler von der feierlichen Namensgebung per Telegramm in Kenntnis gesetzt worden war, war die Machübernahme in Betzdorf musterhaft über die Bühne gegangen.

Die "Feier zum 44. Geburtstag des Herrn Reichskanzlers und Führers der NSDAP Adolf Hitler" wurde in Betzdorf am 19. und 20. April veranstaltet:

"8.15 Uhr Antreten zum Fackelzug an der Hindenburgbrücke. (Die Musik wird ausgeführt von der Betzdorfer Feuerwehrkapelle). Nach Ankunft des Zuges am Hohenzollerngarten Ansprache des Pg. Weiß". "8.15 Uhr Feier im Germaniasaal (Pg. Ewald Klein). Programme sind bei den Mitgliedern der SA, SS und Frauenschaft zum Preise von 40 Pfg zu haben" "Die nationale Bevölkerung ist zu den Veranstaltungen eingeladen. NSDAP. Ortsgruppe Betzdorf. Lenz, Ortsgruppenführer".

Eine Annonce der NSDAP. Die BZ schrieb zum Geburtstag des 'Führers':

"Ohne ihn zu kennen, wie wir ihn heute vor uns haben, hat die Betzdorfer Zeitung schon vor Jahren aus seiner Sprache, die bald von hier, bald von dort zu uns herüberklang, vernommen, was an ehrlichem deutschem Wollen, an prachtvoller Gesinnung und unbeugsamer Kritik über die traurige Gestaltung der Dinge in unserem schönen Vaterland in diesem Manne zum Ausdruck kam ... Als Hitler in Leipzig vor dem Richtertisch ... mit Stentorstimme gerufen hatte: Dann werden die Köpfe rollen derer, die sich dieser nationalen Erhebung entgegenstellen ... da erhob sich ein tausendfältiger Schrei gegen einen solchen Frevler. Die Betzdorfer Zeitung hat solche Kinderei. solche dumme Verkennung des tiefsten Wollens und Empfindens nie mitgemacht und dafür eine der übelsten Verhetzungen, besonders der Zentrumspresse über sich ergehen lassen müssen ... Der einfache Mann aus dem Volke steht heute an der Spitze des 60-Millionen-Volkes der höchsten Kultur! Aus eigener Kraft, vermöge seines goldenen Herzens. Man sollte es nicht für möglich halten! Und damit wird wieder wahr: die für unser Zusammenleben als Volk wertvollsten Kräfte kommen doch immer wieder aus der Einfachheit und dem einfältig-christlichen Empfinden!"

* * *


[1]Betzdorfer Zeitung vom 1.(?) November 1932

[2]Aus dem (schwer leserlichen) Entwurf eines Briefes vom 3.6.33 an Jungbluth geht hervor, daß es sich um das Tragen von Abzeichen gehandelt haben muß, wohl um die Zulassung der Abzeichen der 'Nationalen Front' in der Schule, und Dinkelacker sich über das Abzeichentragen lustig gemacht hatte ("keinerlei Kritisierung der Abzeichen selbst").

[3]Architekt Bergerhoff wurde 1951 in den Kreisrechtsausschuss berufen

 

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