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Das neue 'Recht'

Unter dem 7. April war die Regierung zum ersten Mal auf der Gesetzesebene mit ihren rassistischen und langfristig diskriminierenden Zielen in Erscheinung getreten. Das neue "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" bestimmte in §3:

"Beamte, die nichtarischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen"[1]

und in §4:

"Beamte die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jeder Zeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden. Auf die Dauer von drei Monaten nach der Entlassung werden ihnen ihre bisherigen Bezüge belassen. Von dieser Zeit an erhalten sie drei Viertel des Ruhegeldes..."

Schon sehr bald konnte die BZ melden, daß Landrat Dr. Boden der Vergangenheit angehöre und auch berichten, wie umgehend von einer Lokomotive der Scheuerfeld-Nauroth-Kreisbahn die beiden Namensschilder "Dr. Boden" (so war die Maschine 1928 getauft worden) von den Eisenbahnern entfernt wurden, noch ehe der SS-Motorsturmmann Häbel dem Demontagebefehl nachkommen konnte. Die Siegblätter hatten relativ mutig kommentiert:

"Ob Dr. Boden der Vergangenheit angehört, wird Gott sei Dank noch nicht durch eine Notiz in der BZ entschieden ... Dr. Boden wird der BZ diesen Schnitzer sicher verzeihen, dafür kennen wir ihn "

Am 26. April freute sich dann die BZ:

"Die Siegblätter werden heute gesehen haben, daß sie selbst einen Schnitzer gemacht haben, da Landrat Dr. Boden sich in der Liste befindet, die unter Gewährung von Wartegeld endgültig in den Ruhestand versetzt worden sind."

Auf der fraglichen Liste stand Dinkelacker nicht. Auch war in der lokalen Beamtenschaft, anders als in manchen Universitätsstädten (Göttingen), nicht festzustellen, welche Auswirkungen vor allem der §3 hatte. Wie allerdings die rassistische Diskriminierung (der Ausschluß auf Grund von Abstammung) grundsätzlich mit weiterer Tätigkeit als Lehrer und mit Loyalität gegen Regierung und Staat in Einklang zu bringen war, blieb dahingestellt. Der Pogrom, die erste antisemitische Terrorwelle vor allem in den Städten, etwa gleichzeitig mit dem Beamtengesetz, tat ein übriges. Längst schon fühlte sich, wer nicht verfolgt wurde, doch einer unsicheren Umgebung ausgeliefert, Selbsterhaltung ging vor Solidarität. Der Bürgerkrieg der Demokraten fand nicht statt, kam selten in Betracht - auch das hatte die politische Rechte mit dem Vorwurf, man wolle den Bürgerkrieg provozieren erreicht. Aber hatte Dinkelacker eine Chance, dem Gesetz zu entgehen? Er und seine Umgebung haben es versucht.

Doch schon in der Familie war die Sache schwierig. Am 7. Mai 1933 schrieb Alfred Dinkelacker an seine Schwester Berta Laible in Calw:

"Ich weiss, dass ich in dem Briefe, auf den sich dies (ein verstimmtes Antwortschreiben der Schwester KS) bezieht, zum Ausdruck gebracht habe, dass Hitlers übersteigerte, fanatische Art irgendwie etwas Anormales zu haben scheint. Wenn Du daraus machst, ich hätte ihn als "Narren" hingestellt, was von mir tatsächlich hässlich gewesen wäre, so beruht das mindestens auf einem Missverständnis. Du scheinst vor allem nicht zu wissen, dass auf alle Fälle jedes grosse Genie etwas Anormales darstellt und dass es tatsächlich in der Geschichte des öfteren vorgekommen ist - ich habe gerade nur die Namen Nietzsche und Hölderlin im Kopfe, es gibt aber auch noch manche andere Beispiele - , dass das Genie in Wahnsinn umgeschlagen ist. Diese Feststellung einer Tatsache oder der Ausdruck der Befürchtung, dass bei einem bedeutenden Menschen - und das ist Hitler auf alle Fälle - ein solcher Umschlag eintreten könne, ist doch an sich keine Beleidigung, und bei mir war es in diesem Falle auch bestimmt nur der Ausdruck einer großen vaterländischen Sorge ... Freilich könnte ich dann immer noch nicht vergessen, mit welcher Gehässigkeit von nationalsozialistischer Seite, die sich so sehr darüber beklagt, dass sie bekämpft worden sei, alles, was demokratisch heisst, bekämpft worden ist ... immerhin lässt er ja auch in seinem Buch "Mein Kampf" nichts Gutes an der Demokratie ... andererseits ist er wohl als der geschickteste politische Agitator, den wir je gehabt haben, sich dessen bewusst, dass man die Masse, von der er selbst ja in seinem Buch ziemlich abfällig urteilt, am besten durch einseitige Übertreibungen gewinnen kann und dass er darum auch wertvolle demokratische Gedanken, die er selbst anerkennt, nie als solche bezeichnet. Er legte doch grössten Wert darauf, und betont es immer wieder, dass die grosse Mehrheit des Volkes hinter ihm stehe, und dass er auf diese Weise an die Spitze unseres Staates gestellt wurde. Das ist aber ein demokratisches Prinzip, das freilich ausarten kann und auch ausgeartet ist ... Und zum anderen hat z.B. Hitler in seiner Rede vom ersten Mai so erfreulich stark die Überwindung der Klassen- und Standesgegensätze betont. Ja, wenn das nicht ein alter demokratischer Gedanke ist, dann weiss ich nicht, was man sonst noch dazu rechnen soll. Ich weiss persönlich nur, dass mehrere Kollegen meiner Schule, die heute begeisterte Hitleranhänger sind, ganz besonders den akademischen Standesdünkel gepflegt haben und es deutlich haben erkennen lassen, wie unsympathisch es ihnen war, wenn unsereins etwa mit Volksschullehrern gesellschaftlich verkehrte etc., die auch an der eigenen Schule die Nichtakademiker nicht als "Kollegen" anredeten ..."

Ein weiterer Hinweis darauf, daß es auch an der Betzdorfer Schule[2] nicht nur neutrale Lehrer gab und Regimegegner, wobei hier gleich zu unterscheiden wäre, ob während der putschistischen Anfangsphase bis 34, der Formierungsphase bis 37/38, der expansionistischen bis 42 oder der Genozidphase zum Schluß.

Am 21. Mai schrieb Dinkelacker, offensichtlich alarmiert und in der Absicht, amtlichen Aktionen zuvorzukommen, an Oberschulrat Jungbluth. Er schrieb zweckeuphemistisch ("es besteht zwar heute keine Gefahr mehr...."), angepaßt und gleichzeitig mit wenig glücklicher und sicher nicht opportuner Polemik ("Minierarbeit unsauberer Charaktere"). Aber im Verhältnis zu Jungbluth war er nach all den Jahren nicht mehr auf besondere Zurückhaltung bedacht. Es war ein persönlicher Brief und er bat um eine private Unterredung:

"Es besteht zwar offenbar heute nicht mehr die Gefahr, dass gegen einen Beamten meiner Gesinnung, der übrigens mit vielem, was in der allerneuesten Zeit an positiven Taten und wichtigen programmatischen Kundgebungen des Herrn Reichskanzlers und sonstiger führender Persönlichkeiten der heutigen Reichsregierung bekannt geworden ist, durchaus in Übereinstimmung sich befindet, von irgendeiner, an sich dazu nicht befugten Stelle aus vorgegangen wird. Aber ich habe doch ganz sichere Nachricht, darüber, dass offenbar aus reiner Rachsucht, bezw. aus Unkenntnis der ganzen Sachlage und meiner politischen Grundeinstellung noch irgend ein Vorgehen gegen mich unter Bezug auf die Affäre Stenger erfolgen wird, bezw. schon erfolgt ist. / Hier handelt es sich dann aber um die Existenz meiner Familie und bei der Minierarbeit unsauberer Charaktere oder solcher, die nie einen objektiven Einblick in das, was ich samt meiner Familie unter Direktor Stenger hier habe durchmachen müssen, gewonnen haben, genügt es dann nicht, dass ich jederzeit aus reinem Gewissen versichern kann, dass, wenn alles rechtlich zugeht, keine Stelle des neuen Beamtengesetzes eine Handhabe bietet, mich heute in irgend einer Form dienstlich zu bestrafen und zu schädigen. Darum bitte ich Sie höflichst, mir baldigst Gelegenheit zu einer persönlichen Unterredung mit Ihnen zu gewähren. Denn ich halte es für dringend nötig, dass ich gerade mit Ihnen, sehr geehrter Herr Oberschulrat, alles für die Abwehr eines solchen Angriffs zweckmässige und Notwendige rechtzeitig bespreche ..."

Die Antwort kam handschriftlich mit Briefkopf der Behörde, aber ohne Aktenzeichen, unter dem 26. Mai:

"Sehr geehrter Herr Kollege, ich bitte Sie, Ihren Besuch noch etwas hinauszuschieben. Ich sehe noch nicht ganz klar und lege Wert darauf, die Antwort auf die heutige Anfrage in Händen zu haben. Ich hoffe, Ihnen Freitag, 2/6, morgens 11 Uhr zur Verfügung zu stehen. Mit freundlichem Gruß"

Es war zu spät. Unter dem 25. hatte die Behörde auf eine Beschwerde des Kreisvorsitzenden der DNVP reagiert und Dinkelacker zur Stellungnahme aufgefordert. Der schrieb am 28. Mai 1933 eine "Verantwortliche Stellungnahme des Studienrats Dr. Dinkelacker zu der Verfügung des Herrn Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Abt. für höheres Schulwesen, I Nr.4113 vom 25. Mai 1933":

"Zu den meine Person betreffenden Punkten der Beschwerde des Kreisvorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei des Kreises Altenkirchen habe ich folgendes zu sagen: "1. Die Untersuchung in Sachen Stenger ist seinerzeit von der Behörde (Provinzialschulkollegium in Coblenz) gründlich geführt worden und hat das Ergebnis gezeitigt, dass eine Fortsetzung der Amtsführung durch Herrn Direktor Stenger eine Unmöglichkeit war (Siehe Anlage 1 (vermutlich das Schreiben von Lammers an Bohner KS) und vergl. die Akten des Diciplinarverfahrens!). Was die Vorwürfe gegen meine Person betrifft, so ist auch hierauf die Antwort durch meine in den Akten vorliegenden eidlichen Aussagen bereits gegeben. Ich füge aber hier in Anlage 2 einen Durchschlag der diesbezüglichen Haupterklärung (vermutlich die Erklärung, daß er das Disciplinarverfahren nicht gewollt habe KS), die bei diesen Akten sich befindet, bei. 2. Zu der Beschuldigung betreffend den "Aufruf der Reichsregierung" erkläre ich dies: Die Darstellung in der Beschwerdeschrift ist schief. Ich habe die beanstandete Kritik als rein private Äusserung am 27. Februar - der Artikel 118 der Reichsverfassung war damals noch nicht durch Notverordnung ausser Kraft gesetzt - einem Kollegen gegenüber ausgesprochen und zwar auf dem Flur des Realgymnasiums während eine Unterrichtspause.... / Ich betone noch, dass mir diese Angriffe von deutschnationaler Seite seltsam erscheinen. Denn es soll doch hier zweifellos durch ein ganz entsprechendes Verfahren, wie man es mir im Fall Stenger unberechtigterweise vorwirft, eine meine und meiner Familie Existenz gefährdende Bestrafung auf Grund des neuen Beamtengesetzes erwirkt werden. Man übersieht dabei völlig - ob aus Unkenntnis der Tatsachen oder geflissentlich, weiss ich nicht - , dass es sich bei mir im Punkt 2 um eine rein private, in der Erregung jener Wochen etwas unvorsichtig formulierte Meinungsäusserung, dagegen im Fall Stenger seinerseits vor allem um eine ganze Reihe schwerer Amtspflichtverletzungen, meinerseits um Notwehr aus Gewissens- und Amtspflicht handelte. / Zum Schlusse darf ich wohl noch darauf hinweisen, dass nach den in der allerletzten Zeit mir bekannt gewordenen offiziellen Verlautbarungen mich keine wesentlichen Punkte von den gesunden Tendenzen der neuen Regierungsrichtung trennen; ja ich behaupte, dass ich gerade ihre Hauptziele, die nationialen, wie die sozialen, voll bejahe.

In einem Brief an Jungbluth vom gleichen Datum bedankte er sich für dessen Bereitschaft zu einem Gespräch und gab der Hoffnung Ausdruck, daß seine Antwort an den Oberpräsidenten ausreiche. Dann schrieb er noch:

"Wenn ein Mann wie Herr Direktor Stenger, der sich in hohem Masse der Unwahrhaftigkeit und Unloyalität gegenüber dem Staate, der ihn besoldete, schuldig gemacht hat, wieder rehabilitiert würde, gleichviel von welcher Regierung, dann würde das m.E. nicht der Wiederherstellung, sondern der Zerstörung eines einwandfreien Beamtentums dienen. Für mich war und ist loyales Verhalten des Beamten gegenüber jeder ordnungsgemäßen Regierung jederzeit eine Selbstverständlichkeit."

Nach dem - wahrscheinlich sehr kurzen - Gespräch mit Jungbluth schrieb ihm Dinkelacker, daß er der Behörde danke, daß sie ihm die Anklage des DNVP-Vorsitzenden zugänglich gemacht habe, und daß er sich nur schwer damit abfinden könne, daß 'Bagatellen' zur Anklage gebracht würden und dazu noch ohne Nennung des Anklägers. Es mag ihn geschockt haben, daß jetzt absehbar wurde, wie ihm der Prozeß gemacht werden würde, nämlich im Rahmen gleichzeitiger, offizieller Rehabilitierung Stengers. Selbst nationalsozialistische Willkür brauchte den formalen Schein. Es war vermutlich nicht möglich, Stenger zu rehabilitieren ohne Dinkelacker zu disqualifizieren. Anders als er glaubte, hatte er vermutlich von vornherein keine Chance, dem Beamtengesetz zu entgehen[3]. Aber er hatte nicht einmal die Chance, in klarer Entscheidung auf Grund seiner politischen Tätigkeit und Überzeugung 'abgebaut' zu werden. Zur Rehabilitierung Stengers mußten die Akteure im Trüben fischen. Es mag sie wenig gestört haben. Für Alfred Dinkelacker wars eine Entwürdigung, gegen die er sich nach Kräften wehrte. Am 11 Juni schrieb er an Jungbluth:

1. Im "Falle Stenger" bleibt unabhängig von meiner Person die Tatsache unumstößlich bestehen, dass Herr Direktor Stenger mindestens in mehreren Fällen gegen seinen Amtseid gehandelt hat... 2. Wenn aber obendrein ein seinen Amtseid gewissenhaft beobachtender Beamter, wie ich, nach Jahren deshalb bestraft werden soll, weil er sich aus pädagogischem und staatbürgerlichem Pflichtgefühl, sowie allgemein menschlichem Empfinden heraus gegen solch illoyales Verhalten gewandt hat, wobei ihm noch die schwersten persönlichen Kränkungen widerfuhren, dann würde das in meinen Augen das Verlassen des Rechtsbodens bedeuten... Indem ich zum Schlusse nochmals höflichst darum bitte, mich über den Stand der für meine Familie und mich sehr aufregenden Angelegenheit möglichst auf dem Laufenden zu halten, damit ich vor allem alles zu meiner Selbstbehauptung Notwendige tun kann ..."

Der Hausarzt Dr. Weber/Kirchen war Kreistagsmitglied der DNVP. Als er zu einem Krankenbesuch bei Dinkelackers 12 jährigem Sohn Eberhard ins Haus kam, hatte Clara mit ihm über das Vorgehen der DNVP für Stenger und gegen ihren Mann gesprochen. Weber versprach sich bei seinen Parteifreunden umzuhören. Alfred schrieb am 15 Juni 1933 an Weber und in Kopie an Jungbluth:

"... Ich würde heute genau so handeln, nach den gemachten Erfahrungen nur wesentlich schroffer, wenn einer meiner Kollegen oder der Direktor der Anstalt einerseits Gehorsam gegen die zur Zeit bestehende Regierung zusichern, andererseits dauernd die Schüler zum Misstrauen, ja zur Widersetzlichkeit gegen sie reizen würde. Hiermit ist meine Stellung in Sachen Stenger wohl am klarsten skizziert. Überflüssig scheint mir die Frage, was heute mit einem Beamten geschehen würde, der auch nur einen kleinen Bruchteil der Begehungs- und Unterlassungssünden des Herrn Direktor Stenger sich leisten würde... Wenn ich aber einfach als loyaler Beamter - ich lehne es ab, dass hier der Begriff "Kollegialität oder Unkollegialität" eine Rolle spielen soll - jetzt in irgend einer Form Bestrafung erleiden soll, wie es ja in dem deutschnationalen Denunziationsschreiben erhofft wird, so wäre das haarsträubend und würde die völlige Korruption und Rückgratlosigkeit des Beamtentums bedeuten, würde auch nicht weniger sagen, als dass etwas, was heute als "suprema lex" gilt, nämlich der bereitwillige Gehorsam gegen die Regierung, damals ein Verbrechen gewesen wäre ... Zum Schluß möchte ich Ihnen allen Ernstes erklären, dass ich der Ansicht bin, dass in der nationalsozialistischen Bewegung wichtige Grundsätze eines Friedrich Naumann stecken, dessen Auffassung stets die meine war, wie auch die bodenreformerischen Gedanken eines Adolf Damaschke bei dieser Partei Verständnis und Verwirklichung zu finden scheinen. Was mir aber in letzter Zeit an der neuen Bewegung besonders sympathisch ist, ist der Ernst, mit dem der Reichskanzler Adolf Hitler zum ersten Male in Deutschland dem sozialen Gedanken, den ein Fr. Naumann vor 40 Jahren predigte, zum Durchbruch verholfen hat, einen Gedanken, für den ich mich stets eingesetzt habe und weiterhin einsetzen werde... Diesen meinen Standpunkt vertrete ich mit meiner Person und meiner ganzen Familie wohl fruchtbarer, wenn ich nicht als "Konjunkturritter" der Partei mich anschliesse, sondern unentwegt in meiner Richtung weitergehe. Ich bin der festen Zuversicht, dass eine Regierung, von der namhafte Vertreter einen Uhland und Schiller als Jugend- und Volkserzieher unseren Schulen im Rundfunk empfehlen (vergl. Vorträge von Ministern einzelner Länder) unsereinen unmöglich verurteilen kann; sie würde sich sonst selbst den Boden unter den Füßen wegziehen..."

Im nächsten Zug der Behörde erhielt Dinkelacker den "Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933":

"Sind Sie bereits vor dem 1. August 1914 Beamter gewesen?" "Ja, als Oberlehrer bezw. Studienrat"; ... "oder Haben Sie im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gekämpft?" "-"; "oder sind Sie Sohn/Tochter eines im Weltkrieg gefallenen?" "-";

Die nächste Frage: "Sind Sie arischer Abstammung im Sinne der Ersten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes ..." hätte Dinkelacker, nicht beantworten müssen, da er vor 1914 schon Beamter war. In seine Kopie des Fragebogens schrieb er "ja". Dann kamen die "Näheren Angaben zur Abstammung" über Eltern und Großeltern. Zwei Großeltern waren unproblematisch. Bei den anderen beiden mußten Zweifel ausgeräumt werden.[4] Auf die Ahnenfragen folgten die politischen:

"Welchen politischen Parteien haben Sie bisher angehört?" "Der DDP von ihrer Gründung an bis zu ihrer Überleitung in die Deutsche Staatspartei im Sommer 1930. Von da an dieser bis zu ihrer Selbstauflösung"; Waren Sie Mitglied der Eisernen Front, des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, des republikanischen Richter- oder Beamtenbundes oder der Liga für Menschenrechte und, falls ja, von wann bis wann? " Mitglied der hiesigen Ortsgruppe des Reichsbanners etwa seit Anfang 1925 bis zu meinem freiwilligen Austritt Ende September 1932".

Zur 'Entschuldigung' seiner Mitgliedschaft beim Reichsbanner führte Dinkelacker noch an:

"Im übrigen fühlte ich mich als Vorsitzender der Kreisorganisation der DDP bezw. der Stp. zur Mitgliedschaft beim Reichsbanner moralisch verpflichtet; ausserdem wollte ich es in der vorwiegend von Arbeiterkreisen zusammengesetzten örtlichen Organisation gerne versuchen, grade für höhere staatsbürgerliche Gesichtspunkte Verständnis zu wecken und zu fördern...Im übrigen war die Tätigkeit der hiesigen Ortsgruppe eine recht bescheidene, selten an die Öffentlichkeit tretende und m.W. nie herausfordernde und Andersdenkende verletzende. "Marxistische" Ideen wurden, jedenfalls soweit mir bekannt, hier nie erörtert oder gar propagiert, noch viel weniger antireligiöse, da m.W. alle Mitglieder konfessionell kirchlich waren..."

Unter dem 31. Juli kam das offizielle Schreiben des Oberpräsidenten (Im Auftrag Jungbluth):

"...habe ich zu prüfen, ob Sie nach Ihrem bisherigen Verhalten die Gewähr dafür bieten, daß Sie jederzeit in der Lage sind, rückhaltlos für den nationalen Staat einzutreten. Ich habe Zweifel, ob diese Frage bejaht werden kann, und verweise auf die Art, wie Sie den nationalgesinnten Direktor Stenger jahrelang verfolgt haben. / Bevor ich meinen Entschluß fasse, gebe ich Ihnen hiermit Gelegenheit, sich zu äußern. Sie wollen dabei auch zu folgenden Vorwürfen Stellung nehmen, die in letzter Zeit gegen Sie erhoben worden sind: /1) Sie sollen nationalgesinnten Schülern gegenüber das Tagen von Abzeichen der nationalen Erhebung bemängelt haben. 2) Sie sollen am Tage der Fahnenhissung das Ansinnen an den Direktor gestellt haben, die neue Fahne nur unter Protest hissen zu lassen. 3) Sie sollen, als es sich um die Teilnahme der Schule an öffentlichen, vaterländischen Kundgebungen handelte, nach besonderen Verfügungen gefragt haben. 4) Während der Gedenkfeier des Tages der Unterzeichnung des Versailler Diktats sollen Sie bei einigen Stellen der Rede des Direktors Ihre Ablehnung durch Kopfschütteln und Bemerkungen deutlich kund getan haben ..."

Dinkelacker antwortete postwendend, wenn aus der bisherigen Korrepondenz und mitgesandten Schriftstücken zum Fall Stenger keine objektive Beurteilung möglich sei, "dann können weitere Worte zur Verteidigung nichts nützen"; Zu 1): er habe in einer Klasse, bevor das Verbot des Abzeichentragens aufgehoben gewesen sei, lediglich gezweifelt, daß die neue Regierung dieses Verbot aufheben würde. Zu 2): es habe sich um das Flaggen zur Reichstagswahl gehandelt, zu dem keine Anordnung vorgelegen habe und auch der Direktor im Zweifel gewesen sei. Da habe er geäußert, daß man sich gegen unbefugtes Flaggen verwahren solle. Zu 3): er habe sich seines Wissens nur einmal gegen eine Verpflichtung zur Teilnahme an einer sonntäglichen Veranstaltung "Brüder in Not" ausgesprochen, die im übrigen als freiwillige seine volle Sympathie habe. Zu 4): er wolle nicht bestreiten, daß er gelegentlich mit dem Kopf geschüttelt habe, jedoch habe sich das nie auf die Brandmarkung des Versailler Diktats bezogen, das er immer, auch in der Öffentlichkeit, aufs schärfste verurteilt habe:

"Ich gestehe, daß es mir ausserordentlich schwer fällt, mich gegen solche kleinlichen Angebereien zu verteidigen, die nach massgeblichen Äusserungen der heutigen Regierung, insbesondere des Herrn Reichskanzlers selbst zu verurteilen sind ... / ...ist es für mich insbesondere als Beamter selbstverständlich, dass ich mich rückhaltlos hinter eine Regierung stelle, die mir durch ihr Handeln beweist, dass sie durch grosszügige Massnahmen in jeder Hinsicht unserem Volke helfen will. Nur habe ich meiner Veranlagung nach und als geistig tätiger und interessierter Mensch für Äusserlichkeiten nicht viel übrig, weiss aber wohl, dass sie zur Gewinnung der Massen notwendig sind. Sodann kann ich mich auf unseren Volkskanzler Adolf Hitler selbst berufen, wenn ich als 50jähriger, denkender Mensch, der seine gefestigte Weltanschauung besitzt und nicht erst noch zu erwerben braucht, erwarte, dass man mir Zeit lässt, um eben durch die Taten der heutigen Regierung, ... innerlich für sie gewonnen zu werden."

Am 4. August fuhr Clara nach Koblenz, sprach mit dem Oberpräsidenten und mit Jungbluth. Dann fuhr sie nach Berlin und wurde am 14. im Kultusministerium vorstellig. Edmund Mugler hatte dort einen Bekannten, Dr. Rolstein (?). Am nächsten Tag schrieb sie aus Neubrandenburg (wo ihr Bruder mit seiner Familie lebte):

Lieber, guter Vadder / ich möchte Dir mit dem Pulli eine Freude machen, ich habe ihn gleich nach der erlösenden Besprechung mit Dr. Rolst.. erstanden und für mich einen sehr netten Badeanzug. Wenn ich ganz erlöst aufatme nach der erfüllten Mission, so hab ich doch ganz furchtbar Heimweh - ich halte es einfach unter diesen Umständen hier nicht aus. Margret (ihre Schwägerin KS) ... kam mit der Bahn, nicht mit dem Auto nach Berlin. Wir suchten uns am Sonntag durch dicke Telephon- und Adressbücher die Wege zum Ministerium. Ich mußte gestern morgen im Wartezimmer gegen eine Herzschwäche ankämpfen, es war eine furchtbare Spannung in mir. Wie glücklich war ich, daß Dr. Rolstein mich empfing - das war nur durch Edmunds (Mugler KS) Empfehlung möglich - es ist hier doch alles viel viel schwieriger wie in Koblenz. Also ich habe denselben Eindruck von R. mitgenommen wie zu den Koblenzer Herren, er scheint ein feiner Mensch zu sein. Er bekommt alle Akten von Koblenz in die Hände u. ich habe den Eindruck, daß er dem Minister referiert. Koblenz ist jedenfalls im Größen Umfang maßgebend, das ist mir so beruhigend. Weißt Du, viel sagen konnte R. mir ja nicht, er hat mich aber angehört und kennt mich, ich hab ihm auch noch kurz geschrieben, ebenso an Jungbluth. Rotst. sagte mir: Ja, ja, bei Bohner ist Ihr Mann an den Unrechten gekommen. Bohner scheint sehr unbeliebt zu sein in Koblenz wie hier. Na, ich habe alles nötige gemacht, mehr tun ist nun ausgeschlossen, schreib auch nur ja nirgends mehr hin. Karl (ihr Bruder KS) meinte auch, dass Rust selbst gar nicht im Bilde und für uns gar nicht wichtig sei - er läßt sich nur referieren und gibt seine Unterschrift. Wie soll es auch anders sein, er muß doch auf die Stellen hören, die die Akten durcharbeiten, das ist Koblenz und Rolstein. / Also ist meine Mission erfüllt und die Reise nicht vergebens gewesen. Nun wollen wir in gutem Vertrauen abwarten. Im übrigen ist Karl genau so in der Stimmung wie Du über die bestehenden Verhältnisse. Er hat hier auch viel durchgemacht. Mündlich mehr. "

Am 25. August schickte Jungbluth die ihm seinerzeit überlassenen Schriftstücke zurück:

"Ihre Sache liegt in Berlin; die Entscheidung ist augenscheinlich noch nicht getroffen.

Wie weit Clara Dinkelacker in entwürdigenden Versuchen ging, zu retten, was nicht zu retten war, geht aus der Abschrift eines Briefes an Minister Rust hervor.

"Mein hiesiger Bruder ist SS-Mann - ich selbst Siegerländerin und kenne die Auseinandersetzung zwischen der Edeldemokratie der Schwaben (der letzte König von Württemberg war selbst ein Vertreter dieser politischen Anschauung) und den oft sehr engen eingefleischten Auffassungen hierzulande - zum Teil in Preußen überhaupt, und ich weiß, wie schwer eine Verständigung ist. Aber gerade darum glaube ich, ein gerechtes und gefestigtes Urteil zu haben und nunmehr nicht als Ehefrau, sondern als Mensch sagen zu dürfen: Genau das Gegenteil von dem trifft zu, was meinem Mann als Naumann-Anhänger und süddeutschem Demokraten in die Schuhe geschoben wird: er ist als Patriot ebenso zuverlässig wie als Beamter und steht meiner Ansicht nach der nationalsozialistischen Bewegung viel näher, als der deutschnationale Parteimann."

Sie tat als sei der Führerstaat irgendwo noch ein Rechtsstaat und als könnten Ideale bestimmender sein als Machtinteressen. Der hiesige Bruder, Rudolf Hartmann, der Gärtner, 'Frontsoldat' von 1914 bis 1918 (Unteroffizier) und 'Stahlhelmer'? Ja, der hatte eine Stelle gefunden im Braunen Haus in Siegen als SS-Mann und Hauswart bis er (wohl bald) sich nicht mehr zu helfen wußte vor Menschenrechtsbrüchen in diesem Haus. Seine Schwester baute ihn wieder auf und er hat bis 1944 für die Siegener Stadtwerke Zähler abgelesen.

Schon am 2. September konnte die BZ melden: "Abgebaut":

"Auf Grund des Gesetzes über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde Studienrat Dr. Dinkelacker vom Kreis-Realgymnasium in Betzdorf-Kirchen entlassen."

Dinkelacker war, wie gewohnt, in den Ferien nach Süddeutschland gefahren und hatte sich, anders als seine Frau, keine Hoffnungen mehr gemacht. Claras Hoffnungen schlugen jetzt in Angst um.[5]

"Auf Grund von §4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. 4.33 werden Sie aus dem öffentlichen Schuldienst entlassen. / Wegen der Regelung ihrer Bezüge wird der Herr Oberpräsident in Koblenz weitere Verfügung treffen / Berlin, den 30. August 1933 /Der Preussiche Minster für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung / In Vertretung gez. Stuckart"

Dem 'Triumph' der Gegner am Ort sahen Familie und Freunde Dinkelackers nicht ohne Sorge entgegen. Er ließ nicht lange auf sich warten. Am Freitag den 8. September schrieb E.B. in der (NS-) Volkswacht (umseitig ein Gedicht von Heinrich Anacker: "Die Straße dröhnt vom Eisentritt..."): "Studiendirektor i.R. Stenger gerechtfertigt":

"Wir wir vor einigen Tagen melden konnten, hat der Herr Minister für Kunst und Volksbildung in einem besonderen Erlaß die Rehabilitierung des Herrn Studiendirektors Stenger ausgesprochen. Wir erfahren dazu weiter, daß der Hauptdrahtzieher in dieser Affäre, Dr. Dinkelacker, aus dem Schuldienst entlassen ist und auch der Lehrer Daum-Biersdorf nicht wieder aus seinem Urlaub zurückkehren dürfte. Damit hat die nationalsozialistische Regierung Herrn Direktor Stenger nach vielen Jahren noch die verdiente Rechtfertigung zuteil werden lassen, die ihm von den vormärzlichen Machthabern trotz der leidenschaftlichsten Protestaktion aller anständigen Menschen des Kreises Altenkirchen vorenthalten wurde."

Die Zeitung erinnerte anschließend an die "Fakten" und schrieb u. a.:

"Das Verfahren gegen Stenger wurde zwar am 1. Mai 1927 eingestellt, da sich die vorgebrachten Anschuldigungen als unwahr erwiesen (Randnotiz Dinkelackers: "dies ist unwahr" KS), aber - und darin liegt die Gemeinheit - bis zu seiner am 1. Oktober 1927 erfolgten Pensionierung wurde Beurlaubung Stengers nicht aufgehoben ... Wer aber waren die Männer und Mächte, die das Kesseltreiben veranstalteten, dem Direktor Stenger schließlich zum Opfer fiel. Allen voran Dr. Dinkelacker, Studienrat am Betzdorfer Gymnasium, Demokrat und Pazifist. Wir müssen diesen Herrn, um von vornherein mitleidige Seelen zu beruhigen, etwas näher unter die Lupe nehmen (Darstellungen der BZ von 1926 werden wiederholt KS)... Wenn ein Mann dann noch behauptet, man könne dem Vaterland mehr geben, als das Leben, so ist für ihn im neuen Deutschland kein Platz mehr ... Während Dr. D. im Geheimen hetzte, schwang im Kuratorium der Lehrer Daum-Biersdorf das Kriegsbeil. Da er laut und öffentlich seine sonderbare Meinung vertrat, ist er uns schon etwas sympathischer als sein heimlicher Kumpan. Als Jugenderzieher im neuen Deutschland kam aber auch er nicht mehr in Frage ... Wie eng im übrigen auch der frühere Zentrumslandrat Dr. Boden mit den Ehrabschneidern liiert war, geht schon daraus hervor, daß er es nicht einmal für nötig hielt, Direktor Stenger zum Jubiläum der Schule (gemeint ist vermutlich die Einweihung des Neubaus 1929 KS) einzuladen ... Nun endlich hat sich die Wahrheit eine Bahn gebrochen. Niemand wird sich finden, der den Ehrabschneidern eine Träne nachweint. Verabschieden wir uns von ihnen mit dem schönen Vers: / "Da sprachen die Herren Hausknechte, / Dem Kerl geschieht ganz rechte!"..."

Am nächsten Tag fand sich E.B. mit seinem Artikel auch in der BZ: "Das Unrecht an Studiendirektor Stenger gesühnt":

"Das an Studiendirektor Stenger, dem Direktor des Kreisgymnasiums Betzdorf-Kirchen, begangene Unrecht, ihn seines Postens etwa ein Jahr vor seiner Pensionierung mit der Begründung zu entheben, unter den Schülern gegen die Republik agitiert zu haben, ist durch die Entlassung des Studienrats Dr. Dinkelacker, auf den die ganze Bewegung zurückzuführen war, und durch das amtliche Schreiben des Unterrichtsministers an Direktor Stenger gesühnt worden. In der Volkswacht wird in Ergänzung dieser Sühne die Angelegenheit noch einmal wie folgt besprochen ..."

Die BZ erinnerte ihre Leser daran, daß sie schon immer auf der richtigen Seite stand, in dem sie ihren weiter oben zitierten Artikel vom 10. 8. 1929 "Die Verfassungsfeiern" noch einmal abdruckte. Damals hatte sie Dinkelacker für am wenigsten geeignet gehalten, der Verfassung neue Freunde zuzuführen und sich selbst um so mehr für neue Feinde der Verfassung eingesetzt.

Einen Monat später, am 9. Oktober konnte sie ausführlich über eine "Ehrensitzung für Studiendirektor Stenger" berichten. Im Breidenbacher Hof empfingen die Freunde das Ehepaar Stenger. Der ehemalige Direktor hatte als "kerndeutscher Mensch" die "Meute der "Vorkämpfer" des "glorreichen" Weimar-Staates auf sich gezogen:

"Diese Meute brachte ihn bekanntlich 1926 auf Grund von verleumderischen Beschuldigungen und Hintertreppenmachenschaften zu Fall. Wie auch Direktor Hehr (Oberrealschule in Siegen-Weidenau) im Laufe des Abends zum Ausdruck brachte, konnten damals die den "Fall Stenger" bearbeitenden vorgesetzten Amtsstellen keine Verfehlungen des Angeschuldigten ermitteln. Dennoch aber mußte aus Gründen der Weimar-Staatsraison zum Zwecke der Einschüchterung der vaterländisch gesinnten Kreise der Lehrerschaft, der nun einmal als Sündenbock gekennzeichnete in die Wüste gesandt werden, und zwar auf solch heimtückische und drückebergerische Art seitens der hierfür Verantwortlichen, daß eine amtliche Wiedereinsetzung nur eine schwache Entschädigung für all das sein kann, was damals Direktor Stenger mitten in sein treues, deutsches Herz treffen mußte. All das Leid aber, welches ihm die Widersacher zufügten oder zufügen ließen, und alle Freude über die nunmehr durch den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring vollzogene Rehabilitierung waren aber nicht mächtig genug um eine Grundeigenschaft des am Samstag freudig Geehrten zu ersticken: seine beispielhafte Bescheidenheit."

Es lobten den 71jährigen dann und dankten ihm der Reihe nach die Herren Hassel /Wissen als Vorsitzender des Vereins der Ehemaligen, Lake als Leiter der Schule und Heer als ehemaliges Mitglied des Kollegiums. Fritz Stenger

"wies darauf hin, daß er, wie jeder Mensch seine Fehler habe, daß er ganz ohne Ehrgeiz für seine eigene Person nur immer an sein Vaterland und dessen Starkwerden, Starkbleiben und Blühen dachte, er die Schüler seiner Anstalt zu Gottesfurcht und Pflichttreue erzog."

Anschließend gab der Geehrte seinerseits und mit Hilfe von Oswald Spenglers "Jahre der Entscheidung" dem preußischen Geist die Ehre, vom dreißigjährigen Krieg bis zu Adolf Hitler.

Die BZ nutzte die Gelegenheit zu einer Abrechnung mit der RWVZ und den SB: der Leser sähe, schrieb sie - und verglich die Berichterstattung 1925/6, "was dieser Totengräber jetzt dem wiedererstandenen Direktor Weihrauch streut". Denn jetzt hatten die Siegblätter aufgerufen: "Kein ehemaliger Schüler darf bei der Veranstaltung im Breidenbacher Hof fehlen". "Wie sich doch die Zeiten wandeln! und die Menschen!" kommentierte die BZ und an den Rand schrieb Dinkelacker: Ja! Die BZ nannte zwar die Namen im früheren Kopf der SB, H. Meurer und A. Schmid, aber sie verschwieg, dass jetzt niemand mehr da stand.

Fritz Stenger lebte 7 weitere Jahre "in Frieden". 1939 starb er. Die Zeitung schrieb im Nachruf:

"...Wer ihn gekannt hat, weiß um seine wahrhaft aufrichtige und mannhafte Gesinnung und seinen nationalen Charakter, den er auch nicht verleugnete, als ein Jahr vor seinem Abgang von der Schule versucht wurde, diese, seine Einstellung als im Widerspruch zu der damaligen Staatsauffassung stehend zu verdächtigen. Über allem Streit der Meinungen, der in den unglückseligen Jahren vor 1933 auch unserer Heimat böse Wunden geschlagen hat, stand Studiendirektor Stenger mit seiner strengen Berufsauffassung..."

Nein, über allem Streit der Meinungen stand Fritz Stenger nicht. Er stand im Mittelpunkt des Streites und mischte kräftig mit. Unglückselige Jahre vor 1933? Vielleicht, wenn man aus dem Frühjahr 39 zurückblickte. Aber längst nicht alle Mitbürger waren seither glücklicher und einige, darunter auch ehemalige Schüler und ihre Familien, waren viel unglücklicher geworden, beraubt, entrechtet, vertrieben. Ob Stenger das noch registriert hat? Sein Unvermögen, auf die "Störung", die die Revolution in seinen Augen war, anders als mit einem restaurativen Zukunftsentwurf zu reagieren, war jedenfalls im Erzieherberuf höchst problematisch. Daß eine Elternschaft, der nichts besseres einfiel, in ihm einen der ihren erkannte, konnte nicht überraschen. Was aber ging in den Köpfen von Schülern vor, die im Einklang mit dem Lehrer und den Eltern sich einmütig gegen die (Rechts-)Institutionen stellten, die im Zweifel ihr späteres Leben sichern würden? Waren sie nicht prädestiniert, ähnlich einmütig später "falschen Autoritäten" anzuhängen?

* * *


[1] "Nichtarisch" war in willkürlicher "Definition" wer von "nicht deutschblütigen" Eltern oder Großeltern abstammte; im Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes wurde nach Name, Beruf, "Konfession (auch frühere Konfession)" der Eltern und Großeltern gefragt. Danach wurde entschieden, wer als nichtarisch galt. Die Durchführungsverordnung vom 14.11.1935 zu den "Nürnberger Gesetzen" vom 15.9.1935 legte dann nicht weniger willkürlich fest, wer Jude, Mischling 1. oder 2. Grades oder "Deutschblütiger" war.

[2]Vgl. Klaus Fuchs, Anmerkungen zur Haltung der Betzdorfer Lehrerschaft während der Zeit des Dritten Reiches, Festschrift 2001, S. 54

[3]Sein Vertrauen in einen Rest von 'Objektivität' ging soweit, daß er zu seiner Verteidigung eine Kopie seiner Verfasssungrede von 1931 einreichte.

[4] Dinkelacker schrieb an das Standesamt Heilbronn: "Da der Geburtsname meiner Mutter (Schabes/Schabbes KS) immerhin zur Vermutung Veranlassung geben könnte, dass es sich väterlicherseits um jüdische Abstammung handeln würde, was aber nach allem, was meine Mutter aus ihrer Kindheit erzählte, nicht der Fall sein kann, so bemerke ich noch, dass sie meiner Erinnerung nach erzählte, ihres Vaters Vorfahren seien aus Frankreich eingewandert, wären also dann wohl Hugenotten oder Waldenser. Es wäre mir sehr interessant, bei dieser Gelegenheit der Aufklärung dieser Frage etwas näher zu kommen...." Das Standesamt gab an das Kirchenamt weiter und ohne Kommentar - wurde bestätigt, dass beide Eltern von Emma Luise Friederike protestantisch getauft waren, ebenso wie ihre Tochter. Ob sie ihrerseits 'deutschblütig' waren, die Schabes und die Hochstetters, oder ihre Vorfahren Juden (oder Franzosen) gewesen waren, wurde nicht mehr nachgefragt. Zum amtlichen 'Verfahren' der Abstammungsnachweise hieß es damals: "Als Vermutung voll nichtarischer Abstammung gilt hier z.B. die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion..."; "Ist die Abstammung eines Großelternteils zweifelhaft, muß also der Nachweis auch für dessen Eltern geführt werden. Der Nachweis ist durch Vorlegen von Urkunden zu führen" (Kommentar im "Ahnenpass" den die Standesämter seit 1934 ausgaben)

[5].Clara schrieb ihrem Mann: "Lieber guter Vadder, / Eben ist die Entscheidung aus Berlin - direkt an Dich addressiert - gekommen. Nun wollen wir den Kopf hochhalten - wenn uns auch die Sache hart trifft. Ich wäre am liebsten selbst gekommen - aber es hat ja schließlich keinen Sinn und ich bin hier auch nötig ... Ich bitte Dich herzlich, schreibe an keinen Menschen und äußere Dich nur Deinen dortigen Freunden gegenüber." Tochter Hilde setzte hinzu: Lieber guter Babo! / Nimm den Mist nicht schlimmer als unbedingt nötig. Das lohnt nicht. Wir helfen Dir ja alle, durchzukommen, und es kommen auch mal wieder andere Zeiten. Wir wollen den Mut nicht verlieren, gelt?

 

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