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Von der Wiederherstellung des Beamtentums zu der des Rechts.

Dinkelacker war im September 1933 dabei, die Unterlagen für seine Ruhegehaltsansprüche zusammen zu stellen. Ein Freund aus dem Stuttgarter Ministerium (Th.(?) Bracher) schickte ihm die gewünschte Urkunde und schrieb ihm zum Geburtstag:

"Du begehst diesen Tag unter Begleitumständen, die aufs tiefste zu bedauern sind, die aber leider Deine Freunde hier zu Lande nicht ändern können. Ich möchte aber herzlich wünschen und hoffen, dass Du gleich Deinen lieben Angehörigen den Schlag verwindests und dass die Entscheidung, die zunächst getroffen ist, nicht für alle Zeit das Ende bedeutet..."

Der "Bundesbruder" und Freund Theo Schenk war Pfarrer in Neulußheim in Baden schrieb am 7. September an den preußischen Kultusminister:

"Euer Exzellenz mögen mir als Freund des nach §4 des Gesetzes abgebauten Dr. A. Dinkelacker in Betzdorf/ Sieg gestatten, ein Wort für ihn einzulegen. Vorerst muß ich sagen, wer ich bin. Mein Name ist in Baden weit bekannt. Ich bin selber Nationalsozialist und wurde seit 1925 von der marxistischen Presse als völkischer Pfarrer und Nationalsozialist beschimpft. Jahre lang war ich in weitem Umkreis der einzige völkische Pfarrer, worüber der Herr Reichsstatthalter in Karlsruhe selber Auskunft geben könnte. / Dr. Dinkelacker ist seit 32 Jahren, seit der Tübinger Studentenzeit, mein Freund, der treueste von allen. Schon als Student war er ein begeisterter Mathematiker, wie er dann immer mit Leib und Seele Lehrer war. Seit dem Krieg gingen unsere politischen Wege leider auseinander. Für ihn war wesentlich mitbestimmend, daß er, der schmächtige Mann, 1914 nur als Schipper Verwendung fand, als gäbe es für ihn, der sein Vaterland immer liebte, nichts Besseres. Immer ein tatbereiter Mann, meinte er dann nach dem Krieg, sich auch in der demokratischen Partei (eigentlich war er Naumannianer) betätigen zu sollen. Unser Verhältnis zu einander wurde dadurch auch gespannt; aber jede neue Begegnung bestätigte mir, daß er im Grunde derselbe Idealist geblieben war. Er sah sein Ideal in ein politisches Gebilde hinein, das ihm nicht entsprach ... Der Abbau ist für Dr. D. auch insofern ein Verhängnis, weil er in Betzdorf ein eigenes Haus besitzt, für das er nicht einmal soviel heute bekommen könnte, als noch Schulden darauf ruhen. Sein und seiner Frau Vermögen stecken in diesem Anwesen. / Ich kenne die ganze Familie D. Die Frau kerndeutsch, die mit ihrer völkischen Grundeinstellung in diesen Jahren ihren Kampf auf Hoffnung im Stillen gekämpft hat. Sie konnte nicht anders, als die Reinheit seiner Gesinnung und seinen echten Idealismus achten. Zwei der Kinder sind Typen des nordischen Menschen. Das innige und geistig reiche Familienleben kann vielen ein Vorbild sein. Und da schlägt der Abbau des Vaters hinein! / Ich bemerke noch besonders, daß Dr. Dinkelacker keine Ahnung von diesem Briefe hat, daß dieser vielmehr lediglich meinem eigenen inneren Triebe entsprungen ist. Mit aller Ehrerbietung und Heil Hitler!

Wie viele solche Briefe mögen damals geschrieben worden sein? Er ehrte den Schreiber, auch wenn die vorgebrachten Ansichten in zweckdienlich angepaßter Form zum Ausdruck kamen (welche beiden der drei Kinder schienen "Onkel Theo" so "nordisch"?). Seinen Zweck hat er nicht erfüllt. Die Freunde bedauerten die Familie und sprachen ihr Mut zu. Hans Bracke, Mitglied der DDP-Ortsgruppe seit ihrer Gründung vor 12 Jahren, schrieb schon am 7. September:

"Lieber Herr Doktor, nachdem nun die Entscheidung gefallen ist, die Sie und die Ihren so hart getroffen hat, sollen sie wissen, daß wir Ihrer herzlich gedenken. So schwer es ja auch für Sie ist, nicht mehr, wenigstens vorerst nicht mehr in Ihrem Berufe tätig sein zu können, so ist doch andererseits der Druck der Ungewißheit genommen und ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie bald ihr Gleichgewicht wieder gefunden haben mögen. Daß unser persönliches Verhältnis das gleiche bleiben wird, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen. Es war uns eine rechte Beruhigung zu sehen, wie tapfer Ihre Frau sich zeigt..."

Unter dem 18. September lud Ihn Albrecht Schrenk[1] im Namen der ganzen Klasse zu einem Treffen der Abiturienten (vom Frühjahr 1933) ein und bat ihn, wenn er nicht in Betzdorf sei, doch ein paar Zeilen zu schreiben, die er den anderen dann vorlesen würde. Dinkelacker war noch immer in Süddeutschland und Schrenks Nachricht erreichte ihn nicht rechtzeitig ("Lore, die mich so mitvertreten mußte, wird das erzählt haben"). Er schrieb später:

"Die Anhänglichkeit meiner alten Klasse freut mich in dieser schweren Zeit, die ich samt meiner Familie jetzt durchzumachen habe, ganz besonders. Aus dem Geist der Wahrhaftigkeit heraus, in dem ich auch als Erzieher stets zu wirken versucht habe, kann ich gottlob sagen, daß ich mit reinem Gewissen und aufrechten Hauptes das mir Auferlegte zu tragen weiß und darauf vertraue, daß ein solcher Fehlgriff, wie er hier vorgekommen ist, keinen Bestand haben kann. Ich sehe nur zur Zeit keine Möglichkeit, gegen Unwahrhaftigkeiten und Entstellungen, wie sie die Lokalpresse (z.Z.) gegen mich verbreitet - die Quellen dafür sind sicher nicht die Schriftleitung der Betzdorfer Zeitung - wirksam vorzugehen ..."

Rudolf Seim schrieb Ende Oktober aus Essen:

"Die Nachrichten betr. der geplanten Gewalttätigkeiten, des Schicksals des Schwagers von Lores Bräutigam (ein sozialdemokratischer Lehrer, der auch seine Stelle verlor KS), des Sohnes Falks etc. haben mich mit tiefer Trauer und Empörung erfüllt, das Eintreten Deines Freundes Schenk und des nationalen(?) Bürgermeisters lassen mich die Hoffnung hegen, daß sich mit der Zeit doch die anständigen Elemente durchsetzen ..."

Ein Jahr später, unter dem 20. September 1934 - die Mordaktion der Röhm-Affaire im Frühsommer hatte zu Veränderungen im Machtkartell geführt, das Regime stabilisierte sich - bat Dinkelacker noch einmal um Nachprüfung seiner Dienstentlassung. Ohne Erfolg. Seit Januar standen seine Bezüge "Im Anschluss an den Erlass des Herrn Ministers ... vom 30.8.1933" fest: Er erhielt ¾ von 69% seines ruhegehaltsfähigen Diensteinkommens bei einer Dienstzeit von 29 Jahren 11 Tagen. Das machte brutto 4905,90 RM jährlich (statt bisher brutto 9480 RM).

"Ich habe den Herrn Landrat ersucht, die Zahlung Ihrer Versorgungsbezüge unter Berücksichtigung der noch vorzunehmenden Kürzung und Einbehaltung zu veranlassen."

schrieb der Oberpräsident. Kürzung vor allem um 21% nach der "Brüningschen Notverordnung". Die jährlichen Nettobezüge lagen also bei 3900 RM. Schuldendienste für den Hausbau summierten sich vermutlich auf ungefähr 1000 RM. Von dem was blieb, konnte man leben, zumal im Haus eine kleine Wohnung (für monatlich RM 30,-) zu vermieten war. Das Studium beider Töchter war nicht mehr zu finanzieren[2]. Sohn Eberhard ging weiter in die Schule, von der sein Vater vertrieben wurde. Alfred Dinkelacker bearbeitete seinen Gemüse- und Obstgarten und gab Privatstunden. Heinrich Lake hatte im Jahresbericht 1933/34 festgestellt, daß der Lehrkörper kaum Veränderungen erfahren habe. Dr. Dinkelacker habe die Schule verlassen. "Kein großer Verlust", hatte er - warum auch immer - angemerkt[3]. Im Kollegium fand Dinkelacker wenig Unterstützung. Er hatte dort aber zwei Freunde, Otto Blosen und seinen Schwiegersohn Paul Schlüpmann. Die Privatstunden und einmal auch die Tatsache, daß Dinkelackers einen Primaner in Kost und Logis genommen hatten, boten Reibungspunkte. Im Konfliktfall stand sehr viel auf dem Spiel, jedenfalls aber die finanzielle Lebensgrundlage, wie sich gelegentlich zeigen sollte. Dann traten die beiden Freunde und auch Direktor Lake für ihn ein. Dinkelacker bemühte sich um formalen Schutz, 1934 trat er der NS-Volkswohlfahrt bei. Die Familie suchte ihn möglichst abzuschirmen. In alarmierenden Situationen wurde Clara, nicht er, in der "Kreisleitung" vorstellig. Im Krieg war er "Blockwart" der Luftschutzorganisation. 1944 wurde er zum "Volkssturm" eingezogen und landete beim "Westwall-"Bau in einer Strafkompanie. Gegen Kriegsende, als Betzdorf ziemlich zerbombt war, wurde ausgerechnet sein Haus vorübergehend Stabsquartier des Regiments, das die Front halten sollte. Aber die Front wurde nicht gehalten und der Krieg war zu Ende. Sohn Eberhard, der 1939 Abitur gemacht hatte, war von Anfang an Soldat, wurde Offizier in der Luftwaffe und war seit 1945 an der Ostfront "vermißt", das hieß tot.

Dinkelacker hatte überlebt. Das war vielen nicht vergönnt und viele Überlebende hatten schlimmere Verfolgung erlebt als er. Die, die ermordet oder deportiert und ermordet wurden, waren vor allem zu beklagen. Aber wundert es, daß noch einmal die "eigenen" Kriegstoten an erster Stelle betrauert wurden? Nur war diesmal Fritz Stengers Frage "Das soll alles vergeblich gewesen sein?" leichter mit Ja! zu beantworten und laut oder im Stillen war hinzuzufügen "Es war durch nichts zu rechtfertigen".

Mit der Neueinrichtung rechtsstaatlicher Verhältnisse konnte Alfred Dinkelacker an der alten Schule wieder Mathematik und Physik unterrichten. Dafür sorgten zuerst amerikanische und französische Verwaltungen, anschließend auch die deutsche. Landrat Boden, der 1933 als erster "abgebaut" wurde, war seit 1945 wieder im Amt und jetzt Mitglied der CDU. Er stieg in den nächsten Jahren zum Oberpräsidenten und zum Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz auf. Von einem Aufstieg konnte bei Alfred Dinkelacker nicht die Rede sein. Der neue Rechtsstaat rehabilitierte ihn ohne Umstände. Gebrauchen, so will es scheinen, konnte er ihn kaum. Was war das Fazit des letzten Abschnitts in seinem Leben, als er 1958 mit 75 Jahren starb?

* * *


[1] Albrecht Schrenk kam 1943 als Soldat ums Leben.

[2]Hilde konnte mit Hilfe von Marie Baum, einer alten Bekannten der Familie, ein Stipendium bekommen und in Heidelberg Philosophie studieren. Lore heiratete 1934 Paul Schlüpmann, seit 1930 Lehrer für Deutsch und Religion an der Schule.

[3]Private Mitteilung Mathias Stausberg 1990/91

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