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Ein verlorenes Stück Europa

Etwa 25 Sprachen, sagen Kenner, gehen heute jährlich in der Welt verloren, 5000 etwa existieren noch.[1] Vor hundert Jahren, als die Schule gegründet wurde, konnte einer, der hier aufgewachsen war, auf den Gedanken kommen, daß ihm mit der 'Mundart' seiner Kindheit etwas wertvolles geraubt wurde. In der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Entwicklung, in die auch die Schulgründung sich einfügte, wurden die Lokalsprachen mehr und mehr ausgegrenzt.

"Schwätz rechtig! Glich eäß, wadde heäjer schätzest, / hedat aorer dat ditsch / Däessend: wann de Plattditsch schwätzest, / schwätz och rechtig Plattditsch. / Laohß dich, leewer Jong verlaocke nie zo Mengeräjje! / bliff m'r wäck beät steärrer Braocke / Säh net Beene: Bäjje! / Laohß ähr Bodderbroärer äesse / Doach de steärrer Jonge! / Iserfäller onnerdäesse / äesse fädde donge. / Eäß d'r eä d'r Heärw gebleewe / Äje Speäck geheärig: / Häste schleechte freämde Greewe / daoch ze stähln net neärig! / Säh m'r nührsch net Nacht on Strembe, / Naohmeddag net sonnern / Ruß daoch beät de ahle Trembe: / Haose, Nähcht on Onnern. / Ob d'r Hobbel roof net Sidde! / Wäjjob eäß d't Nädde. / Gäh aou Babbe säch daoch, bitte / leewer werrer Ädde! / Kauf kajj Peärdche, kauf e Paardche / Faor din Gold on Nickel! Jäh d'r Hah net uß d'm Gaartche, / Flairer daoch, d'r Gickel! / Mutzcher, Millcher, nur käh Kisse / Geäff d'm Leewe Schätzche! / Laoß kajj Eichheärnche dich bisse, / bloß e Kowerätzche. / Woä de beäst, ah all de Plätze, / Hahl min Raoht foar wechtig! / Weällde eimaaol Plattditsch schwätze, / Jong, da schwätz och rechtig!"

("Sprich richtig! Gleich ist, was du höher schätzest, dies Deutsch oder das. Aber: sprichst du Plattdeutsch, sprich auch richtig. Laß dich, lieber Junge, nie verleiten, die Sprache zu vermischen. Bleib mir mit Siegener Brocken weg, sag nicht Beine sondern Bäjje! Lass die Butterbrote doch die Siegener Jungen essen, während Eiserfelder fette Donge speisen. Ist dir reichlich eigener Speck vom Herbst geblieben, hast du zu stehlen fremde Grieben doch nicht nötig. Sag mir nur nicht Nacht und Strümpfe, Nachmittag, wohl aber Haose, Nähcht und Onnern. Beim Schlittenfahren ruf nicht "weg da", "wäjobb" ist der saubere Ruf. Sag zu unserem Vater bitte lieber wieder Ädde! Kauf kein Pferdchen, kauf ein Paardche für dein Gold und Nickel! Jag den Hahn nicht aus dem Gärtchen, fliegt doch da der Gickel. Mutzcher, Millcher, nur nicht Küsse gib dem lieben Schätzchen! Laß dich vom Eichhörnchen nicht beißen, bloß vom Kowerätzche! Wo du bist, an allen Plätzen, halte meinen Rat für wichtig. Willst du Plattdeutsch sprechen, dann sprich richtig.")

Karl Hartmann (im Dorf Heäs' Karl, 1857-1910), der unter anderem dies Lehrgedicht geschrieben hat, war der Sohn von Sophie Baumgarten (1827-1907), der dritten Frau des 'Schichtmeisters' (im Bergbau und Hüttengewerbe) Hartmann in Eiserfeld, der in die Familienbibel eintrug: "...mein lieber Sohn zur Welt geboren. Gott der Herr stehe ihm bei und verleihe ihm ein frommes und gottseeliges Leben und hernach die Ruhe des Himmels". Kaum war der Sohn geboren, als der Vater starb. Die Mutter blieb zeitlebens eine fromme Anhängerin der 'Gemeinschaftsbewegung'[2]. Karl machte eine Apothekerlehre in Eiserfeld, als ererbte Grubenanteile ihn zu einem reichen Mann werden liessen. Der Stahlbedarf war seit dem Krimkrieg (Panzerblech) enorm gestiegen und phosphorarmes Siegerländer Manganeisenerz wurde als Zusatz beim Bessemerverfahren (bis etwa 1880) besonders wertvoll. Karl Hartmann wechselte zur Realschule erst nach Siegen, zum Abitur dann nach Duisburg und begann 1879, mit 22 Jahren, ein Sprachenstudium in Bonn (wurde Mitglied im Traditionsverein der 'Allemannen'). Ein Jahr später wechselte er zu den Naturwissenschaften, studierte auch in Berlin, Freiburg und Münster, bevor er im Herbst 1883 nach Eiserfeld zurückkehrte, sich im folgenden Jahr mit der 20-jährigen Lehrerstochter Anna Ronte aus Siegen verheiratete. Vier Kinder wurden in den nächsten Jahren geboren. Zunächst unterrichtete der Vater an der örtlichen Rektoratsschule (Grund- und Aufbauschule). Dann lebte die wachsende Familie von 1887 bis 1891 in Marburg, Karl promovierte 1889 im romanischen Seminar von Eduard Stengel über einen provenzalischen Text, "Über die Eingangsepisoden der Cheltenhamer Version des Girart de Viane". Seine Doktorarbeit brachte ihn nach Paris und Brüssel, vielleicht auch nach England. Mag sein, daß er zeitweilig seine Zukunft an der Hochschule gesehen hat, aber 1891 war die Familie wieder in Eiserfeld. Ein großes Haus wurde gebaut, ein großer Obstgarten beispielgebend und fachkundig (Lehrgang in Geisenheim) angelegt und gepflegt. Der 'Privatgelehrte' versuchte sich zu Hause einzurichten, zählte jetzt zu den Honoratioren im Turnverein. Von seinen Büchern hieß es, daß sie "in seinem Studierzimmer eine ganze Wand bedeckten".

Dies Leben, über dessen Sinn und Ziel vermutlich mehr zu sagen wäre, mußte sich ändern, als nach 1900 das im Familienunternehmen investierte Kapital verloren ging. Von Ostern 1904 bis Herbst 1905 fuhr Karl täglich nach Betzdorf. Dem Privatier fehlte die formale Qualifikation, aber vorübergehend konnte er an der neuen Schule wirken. Er hat wohl nicht geahnt, daß diese Anstalt die materielle Grundlage für drei Generationen in der Familie sichern würde. Als die Schule 1906 im großen Neubau im idyllischen Siegtal ihren Betrieb aufnahm, zogen Stengers aus dem geräumigen 'Sohnschen Haus' (auf der 'Insel' zwischen Sieg und Sägemühlengraben, 1998 abgerissen) um in die Direktorsvilla und Hartmanns zogen ein. Es entstand in Verbindung mit der Schule ein Internat. Das Eiserfelder Haus und der Obstgarten wurden verkauft, vorsorglich ein Stück Land im Anschluß an das Betzdorfer Schulgelände erworben. Eine zeitweilige Perspektive auch für Rudolf, den ältesten Sohn, der Landschaftsgärtner wurde und von Kindheit an Spannungen in der Familie auf sich zog. Die ältere Schwester Klara, hatte 1903 in Berlin (Pestalozzi-Fröbel-Haus) eine Ausbildung als 'Kinderfräulein' abgeschlossen. Die jüngeren Söhne sollten studieren. Das Internat ließ sich gut an. Die Pensionäre waren Engländer. Eine 'Europa-Schule' damals in Betzdorf? Karl und Anna Hartmann waren mit Stengers gut befreundet. Hartmann teilte allerdings die konfessionalistisch-orthodoxe Einstellung seines Freundes ebensowenig wie die Erweckungsfrömmigkeit seiner geliebten Mutter. Über seine politischen Ansichten ist nicht leicht etwas auszusagen. Er soll seine Ausgabe der Werke Heinrich Treitschkes dem Freund und Direktor geschenkt haben, weil ihm die Lektüre leid geworden, an der dem anderen gelegen war. Seinen Ansichten entsprach die Realschule. Er mag sich die Sätze des Siegerländer Pädagogen Adolf Diesterweg (1790-1866) zu eigen gemacht haben: "Alles wahre oder wirkliche Erkennen ruht auf Anschauungen, geht aus Anschauungen hervor ..." Ein dickes Herbarium in Buchform, unter seiner Anleitung angelegt, hielt sich in der Familie bis von den Pflanzen nur noch Krümel übrig waren. Er starb 1910, 53 jährig. Anna Hartmann konnte mit der Unterstützung Fritz Stengers das Internat weiterführen bis mit dem Krieg diesem Stückchen 'Europa', das in Betzdorf entstanden war, der Garaus gemacht wurde[3].

* * *


[1] Vgl., Claude Hagège, Halte à la mort des langues, Paris, Odile Jacob, 2000

[2] Voraussetzung war das 1848 erstrittene preussische Versammlungsgesetz von 1850. Örtliche Kreise der Erweckungsbewegung ('Missionsvereine' wie auch der von Fritz Stengers Vater, Pfarrer in Rödgen, gegründete) konnten 1852 einen Verein für Reisepredigt aufbauen, der zur 'Gemeinschaftsbewegung' führte. Als sich in den 90er Jahren im Siegerland Gewerkschaften zu bilden begannen (erste Versuche in den 80ern, 1894 'Christlicher Bergarbeiterverein zu Eiserfeld'), waren etwa die Hälfte der protestantischen Mitglieder Anhänger der Gemeinschaftsbewegung. Die christlichen Gewerkschaftler gerieten unter den Einfluß der 1878 gegründeten Chrislich-Sozialen Arbeiterpartei Adolf Stöckers.

[3]Daß zwar die europäische Komponente, aber (noch) nicht das Schülerheim 1914 eine Ende fanden, geht aus einer Karte hervor, die Anna Hartmann Ende November 1914 an Clara zur Geburt der Enkelin schrieb: "... Das ganze Schülerheim steht auf dem Kopf, einer sagte, nun wären die Anstreicher endlich fertig geworden und spielte: "Von allen den Mädels so blink und so blank u.s.w." (die 'Oma' versorgte die fast vierjährige Hilde, für die "die Anstreicher gekommen waren" (übersetzt: die Geburt ihrer Schwester stand ins Haus). Welche Rolle die vom Vater verschriftete Lokalsprache in der Familie spielte, brachte zum Ausdruck was Gerhard Hartmann (als Soldat auf Urlaub zu Hause) auf der Karte aus dem 'Omahaus' schrieb: "Dann singen wir im Chore / (Dat eäß no mol so more!) / "Es leb die kleine Lore / vom Rellinghauser Tore (Straße in Essen KS) " (So Rimmcher konn naoch nemes liere / die komme nur ruß eä Kreegsziere)" (Das ist nun mal so 'Sitte' .... solche Reime konnte noch niemand lesen, die kommen nur raus in Kriegszeiten).

 

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