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<= vohergehende Seite folgende Seite => Ein verlorenes Stück EuropaEtwa 25 Sprachen, sagen Kenner, gehen heute jährlich in der Welt verloren, 5000 etwa existieren noch.[1] Vor hundert Jahren, als die Schule gegründet wurde, konnte einer, der hier aufgewachsen war, auf den Gedanken kommen, daß ihm mit der 'Mundart' seiner Kindheit etwas wertvolles geraubt wurde. In
der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Entwicklung,
in die auch die Schulgründung sich einfügte, wurden die Lokalsprachen
mehr und mehr ausgegrenzt.
Karl Hartmann (im
Dorf Heäs' Karl, 1857-1910), der unter anderem dies Lehrgedicht geschrieben
hat, war der Sohn von Sophie Baumgarten (1827-1907), der dritten Frau
des 'Schichtmeisters' (im Bergbau und Hüttengewerbe) Hartmann in
Eiserfeld, der in die Familienbibel eintrug: "...mein lieber Sohn zur
Welt geboren. Gott der Herr stehe ihm bei und verleihe ihm ein frommes
und gottseeliges Leben und hernach die Ruhe des Himmels". Kaum war
der Sohn geboren, als der Vater starb. Die Mutter blieb zeitlebens eine
fromme Anhängerin der 'Gemeinschaftsbewegung'[2]. Karl machte eine Apothekerlehre in Eiserfeld,
als ererbte Grubenanteile ihn zu einem reichen Mann werden liessen. Der
Stahlbedarf war seit dem Krimkrieg (Panzerblech) enorm gestiegen und phosphorarmes
Siegerländer Manganeisenerz wurde als Zusatz beim Bessemerverfahren
(bis etwa 1880) besonders wertvoll. Karl Hartmann wechselte zur Realschule
erst nach Siegen, zum Abitur dann nach Duisburg und begann 1879, mit 22
Jahren, ein Sprachenstudium in Bonn (wurde Mitglied im Traditionsverein
der 'Allemannen'). Ein Jahr später wechselte er zu den Naturwissenschaften,
studierte auch in Berlin, Freiburg und Münster, bevor er im Herbst
1883 nach Eiserfeld zurückkehrte, sich im folgenden Jahr mit der
20-jährigen Lehrerstochter Anna Ronte aus Siegen verheiratete. Vier
Kinder wurden in den nächsten Jahren geboren. Zunächst unterrichtete
der Vater an der örtlichen Rektoratsschule (Grund- und Aufbauschule).
Dann lebte die wachsende Familie von 1887 bis 1891 in Marburg, Karl promovierte
1889 im romanischen Seminar von Eduard Stengel über einen provenzalischen
Text, "Über die Eingangsepisoden der Cheltenhamer Version des Girart
de Viane". Seine Doktorarbeit brachte ihn nach Paris und Brüssel,
vielleicht auch nach England. Mag sein, daß er zeitweilig seine
Zukunft an der Hochschule gesehen hat, aber 1891 war die Familie wieder
in Eiserfeld. Ein großes Haus wurde gebaut, ein großer Obstgarten
beispielgebend und fachkundig (Lehrgang in Geisenheim) angelegt und gepflegt.
Der 'Privatgelehrte' versuchte sich zu Hause einzurichten, zählte
jetzt zu den Honoratioren im Turnverein.
Als die Schule 1906 im großen Neubau im idyllischen Siegtal ihren
Betrieb aufnahm, zogen Stengers aus dem geräumigen 'Sohnschen Haus'
(auf der 'Insel' zwischen Sieg und Sägemühlengraben, 1998 abgerissen)
um in die Direktorsvilla und Hartmanns zogen ein. Es entstand in Verbindung
mit der Schule ein Internat. Das Eiserfelder Haus und der Obstgarten wurden
verkauft, vorsorglich ein Stück Land im Anschluß an das Betzdorfer
Schulgelände erworben. Eine zeitweilige Perspektive auch für Rudolf,
den ältesten Sohn, der Landschaftsgärtner wurde und von Kindheit
an Spannungen in der Familie auf sich zog. Die ältere Schwester Klara,
hatte 1903 in Berlin (Pestalozzi-Fröbel-Haus) eine Ausbildung als 'Kinderfräulein'
abgeschlossen. Die jüngeren Söhne sollten studieren. Das Internat
ließ sich gut an. Die Pensionäre waren Engländer. Eine 'Europa-Schule'
damals in Betzdorf? Karl und Anna Hartmann waren mit Stengers gut befreundet.
Hartmann teilte allerdings die konfessionalistisch-orthodoxe Einstellung
seines Freundes ebensowenig wie die Erweckungsfrömmigkeit seiner geliebten
Mutter.
Über seine politischen Ansichten ist nicht leicht etwas auszusagen.
Er soll seine Ausgabe der Werke Heinrich Treitschkes dem Freund und Direktor
geschenkt haben, weil ihm die Lektüre leid geworden, an der dem anderen
gelegen war. Seinen Ansichten entsprach die Realschule. Er mag sich die
Sätze des Siegerländer Pädagogen Adolf Diesterweg (1790-1866)
zu eigen gemacht haben: "Alles wahre oder wirkliche Erkennen ruht auf
Anschauungen, geht aus Anschauungen hervor ..." Ein dickes Herbarium
in Buchform, unter seiner Anleitung angelegt, hielt sich in der Familie
bis von den Pflanzen nur noch Krümel übrig waren. Er starb 1910,
53 jährig. Anna Hartmann konnte mit der Unterstützung Fritz Stengers
das Internat weiterführen bis mit dem Krieg diesem Stückchen 'Europa',
das in Betzdorf entstanden war, der Garaus gemacht wurde[3].
[1] Vgl., Claude Hagège, Halte à la mort des langues, Paris, Odile Jacob, 2000 [2] Voraussetzung war das 1848 erstrittene preussische Versammlungsgesetz von 1850. Örtliche Kreise der Erweckungsbewegung ('Missionsvereine' wie auch der von Fritz Stengers Vater, Pfarrer in Rödgen, gegründete) konnten 1852 einen Verein für Reisepredigt aufbauen, der zur 'Gemeinschaftsbewegung' führte. Als sich in den 90er Jahren im Siegerland Gewerkschaften zu bilden begannen (erste Versuche in den 80ern, 1894 'Christlicher Bergarbeiterverein zu Eiserfeld'), waren etwa die Hälfte der protestantischen Mitglieder Anhänger der Gemeinschaftsbewegung. Die christlichen Gewerkschaftler gerieten unter den Einfluß der 1878 gegründeten Chrislich-Sozialen Arbeiterpartei Adolf Stöckers. [3]Daß zwar die europäische Komponente, aber (noch) nicht das Schülerheim 1914 eine Ende fanden, geht aus einer Karte hervor, die Anna Hartmann Ende November 1914 an Clara zur Geburt der Enkelin schrieb: "... Das ganze Schülerheim steht auf dem Kopf, einer sagte, nun wären die Anstreicher endlich fertig geworden und spielte: "Von allen den Mädels so blink und so blank u.s.w." (die 'Oma' versorgte die fast vierjährige Hilde, für die "die Anstreicher gekommen waren" (übersetzt: die Geburt ihrer Schwester stand ins Haus). Welche Rolle die vom Vater verschriftete Lokalsprache in der Familie spielte, brachte zum Ausdruck was Gerhard Hartmann (als Soldat auf Urlaub zu Hause) auf der Karte aus dem 'Omahaus' schrieb: "Dann singen wir im Chore / (Dat eäß no mol so more!) / "Es leb die kleine Lore / vom Rellinghauser Tore (Straße in Essen KS) " (So Rimmcher konn naoch nemes liere / die komme nur ruß eä Kreegsziere)" (Das ist nun mal so 'Sitte' .... solche Reime konnte noch niemand lesen, die kommen nur raus in Kriegszeiten).
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