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Auf friedlichen Wegen im Kaiserreich

Christian Dinkelacker, Seidenweber in Sindelfingen, war 18 Jahre älter als Karl Hartmann und 27 Jahre alt, als das württembergische 'Amt für Gewerbefleiß' (Ferdinand Steinbeis, der 'Modernisator' im Königreich) ihm 1866 die Ausbildung zum Musterzeichner in Mulhouse und Paris ermöglichte. 1870 als 'feindlicher Ausländer' repatriiert, wurde er Zeichenlehrer der Oberschule in Calw, kaufte ein Haus und verheiratete sich mit Emma Schabbes, geboren in Heilbronn, aufgewachsen als Waise bei den Großeltern in Winnenden. Der Sohn Alfred (1883-1958) war bei der Aufnahme ins Reallyceum 8 Jahre alt, kam mit 14 Jahren als Staatsstipendiat zum theologischen Seminar in Maulbronn und mit 16 zum Seminar in Blaubeuren, um 1901 im Konkursexamen die Schule abzuschliessen und als Angehöriger des 'Stifts' in Tübingen zu studieren. In den Schulen waren Latein, Griechisch und Hebräisch Pflichtfächer, im Stift lebte man unter Theologiestudenten. Alfred studierte Naturwissenschaften und Mathematik und promovierte 1907 bei den Physikern Friedrich Paschen und Richard Gans mit "Beiträgen zur Kenntnis der Spitzenentladung". Paschen mag Kennern als Pendant zu Max Planck gelten. Experimentator der eine, Theoretiker der andere, politisch und religiös liberal der eine, eher konservativ in beidem der andere. Gans, später Professor in Königsberg, wurde 1935 abgesetzt, entging knapp der Deportation und emigrierte 1947 nach Argentinien.

Seit dem ersten Staatsexamen im Herbst 1906 war Dinkelacker provisorischer Vikar an der Oberrealschule Esslingen, danach kamen Vertretungen in Biberach und Ulm bis zur Anstellung im Frühjahr 1909 an der Essener 'Viktoria- und Louisen- Mädchenschule und Lehrerinnenbildungsanstalt' (die Rückzahlung der Ausbildungskosten an den württembergischen Staat betrug 3139,17 Mark, das war damals mehr als ein Jahresgehalt). Im Vorjahr hatte ein berühmter Erlaß des Kultusministers Trott den Frauen in Preußen endlich den Zugang zur Oberschule geöffnet. Der Andrang wuchs und die ersten Absolventinnen waren vermutlich hoch motiviert. Ebenso der neue Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften. 1910 konnten Alfred Dinkelacker und Clara Hartmann heiraten. Sie kannten sich aus Tübingen, wo Clara als 'Kinderfräulein' in einer Professorenfamilie gearbeitet hatte.

1912 traf sich in Essen der Evangelisch-soziale Kongress, eine Plattform sowohl der Volkskirchenbewegung im Protestantismus wie des politischen Liberalismus im Kaiserreich, Begegnung von Theologen und Ökonomen. Adolf von Harnack, der langjährige Vorsitzende, Kirchenhistoriker und Direktor der Berliner Staatsbibliothek, wurde gerade Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft, damals eine Neugründung, die dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt dienen sollte). In Essen referierten der Ökonom Leopold von Wiese und der Marburger Theologe und Herausgeber der 'Christlichen Welt', Martin Rade zu 'Staatssozialismus und Individualismus'. Friedrich Naumann sprach über 'Religion und Bildung'. Dinkelacker zählte nicht zum Ortsaus schuss der Veranstalter (wie der Direktor (Fitchen) seiner Schule), aber hatte in diesem Kreis seine politische Heimat[1]. Zwei Porträtfotos haben ihn ein Leben lang an der Wand neben dem Schreibtisch begleitet, eins von Friedrich Naumann, das andere von Adolf Harnack.

Ein von Dinkelacker für den 'Verein der Freunde evangelischer Freiheit' gezeichneter Aufruf zu den Kirchenwahlen gab in drei Punkten Auskunft über seine (kirchen-)politische Einstellung, in der er sich übrigens mit Clara einig wußte:

"Wir wollen eine Volkskirche, welche jeder Richtung, die auf dem Boden evangelischen Christentums steht, Raum läßt und auch die Minderheiten berücksichtigt / Wir wollen eine evangelische Volkskirche, in welcher überzeugte Christen aller politischen Parteien sich wohl fühlen. / Wir wollen eine Volkskirche, deren Verfassung nicht nur demokratisch klingt, sondern auch demokratisch ist."

1914 wurde Alfred vorübergehend mobilisiert (als Reservist einer Pioniereinheit)[2], nach sechs Wochen aber zurückgestellt. Der Krieg war verheerend. Während Millionen starben entstanden in den Köpfen vor dem Hintergrund des kollektiven Traumas ideologische Fixierungen und Feindbilder, 'Gräben' zwischen Menschen und Gruppen, die, wie sich leider zeigen sollte, auf ein mörderisches Potential im gesellschaftlichen Zusammenleben hinausliefen, und unendlich fortwirkten. Mit der Revolution gewann die Partei zu der Alfred tendierte, die Deutsche Demokratische Partei (DDP), zunächst eine große Wählerschaft. Die Freude über das neue Regime, über das Frauenwahlrecht, über die Abschaffung antisemitischer Diskriminierung konnte über Not und Instabilität der Gesellschaft nicht hinwegtäuschen. In Betzdorf kämpfte Anna Hartmann mit gesundheitlichen und ökonomischen Schwierigkeiten. Sie trauerte um ihren jüngsten Sohn. Sie teilte ihr Leid mit Stengers, die ihren einzigen Sohn verloren hatten. Ihr zu Gefallen bot Fritz Stenger Alfred Dinkelacker den Wechsel nach Betzdorf an. Der kandidierte nicht ohne Bedenken, das Kuratorium wählte ihn und er nahm an.

* * *


[1]1913 wird die Frage der sinkenden Geburtenzahlen Anlaß zu einem Briefwechsel mit dem Vorsitzenden Otto Baumgarten. Dinkelacker empörte sich über die moralische Argumentation des Essener Generalsuperindententen Klingemann, der von Bequemlichkeit und Schlechtigkeit in der Bevölkerung gesprochen und geschrieben hatte. Dinkelacker: "... ist die "gewollte" Beschränkung der Kinderzahl angesichts der heutigen ernsten Lebensverhältnisse unbedingt ein Zeichen von Bequemlichkeit?" Als Mitglied fand er, der Kongress solle der Thematik auf den Grund gehen. Baumgarten schrieb zurück, er habe versucht im Ausschuß den Vorschlag einzubringen, das Thema sei zu heikel, deshalb sei er erst einmal gescheitert. Er sei aber ganz auf Dinkelackers Seite und schrieb am 17. November: "Übrigens wäre ich Ihnen durchaus dankbar, wenn Sie die noch bleibenden Bedenken, die Sie bezüglich der Kindererzeugung haben, in einem Briefe an mich, den ich dann in der "Evangelischen Freiheit" abdrucke, zusammenzufassen ... Indem ich Sie bitte, diese sehr verspätete Antwort auf Ihren lieben Brief als eine Ermutigung zur Fortsetzung der Korrespondenz aufzufassen, bitte ich Sie noch, Ihrer lieben Frau, die mich so überaus herzlich bewirtet hat, - ich gedenke auch noch an das reizende Kind zum Nachtisch - und Ihrem sehr geehrten Herrn Kollegen herzliche Grüße zu übermitteln. Ich denke mit Vergnügen an meinen letzten Besuch in Essen..." Gegen den Hochschullehrer Otto Baumgarten richteten sich die Angriffe der Nationalsozialisten schon vor dem 30. Januar 1933.

[2] Essener Schülerinnen schrieben ihrem Lehrer: "So sehr wir uns freuen, daß auch unser Klassenlehrer in den Dienst unseres geliebten Vaterlandes steht, so wünschen wir aber auch, daß, wenn Sie zurückkommen, wieder unsere OII unterrichten. Wir sind fleißig und stricken Strümpfe, Puls- und Kniewärmer. Schulaufgaben haben wir nicht viel und können so in der Kriegshilfe tätig sein. In Mathematik, Physik und Chemie strengen wir uns alle tüchtig an, um Ihnen Ehre zu machen..." Brief vom 11.9.14. Alle Zitate aus Schriftstücken, Zeitungsausschnitten im Folgenden, soweit nicht anders vermerkt: Privatarchiv Lore Schlüpmann (PALS)

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