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Ein Schlüsselereignis: der Tod des Staatschefs

Im Frühjahr 1925 schlug Friedrich Eberts Tod (28.2.1925) Wellen an der Betzdorfer Schule und in der lokalen Öffentlichkeit. Öffentliche Gebäude flaggten drei Tage halbmast. Die Schule kam erst zwei Tage später der ministeriellen Anordnung nach, nachdem andere öffentliche Gebäude längst geflaggt hatten. Dinkelacker schrieb als Vorsitzender der DDP-Ortsgruppe und in Abstimmung mit dem Vorstand an den Landrat und Kuratoriumsvorsitzenden, beklagte die allgemein geringe Entschiedenheit im 'Flaggezeigen' für die Demokratie und wies im Besonderen auf die Schule hin. Die politischen Gefahren, die mit dem Tod eines Staatsoberhauptes - und hier des ersten der Demokratie - verbunden sein können, lagen auf der Hand. Trauerfeierlichkeiten werden vom politischen Willen diktiert. Zum Sonntagmorgen (8.3., 11:30) luden die drei Weimarer Parteien gemeinsam zu einer Trauerkundgebung in der Bürgergesellschaft. Als Redner gewann Dinkelacker Martin Rade.

War es die gelungene Feier, war es der Brief? In der Schule folgte die Quittung für den 'Ebertfreund' auf dem Fuß. Der junge Kollege Brauneck zieh Dinkelacker im Lehrerzimmer der 'Denunziation' und die anwesenden Kollegen schwiegen auf Dinkelackers Frage, ob sie, wie der Kollege dann noch behauptete, auch dächten, er hätte sich eine Denunziation zu Schulden kommen lassen. Wie sich später herausstellen sollte, hatten auch noch Schüler "Ebert kaputt" an eine Tafel geschrieben und der Direktor konnte nicht widerlegen, daß er nicht bereit gewesen war, 'pädagogisch' zu diesem 'Schülerstreich' Stellung zu nehmen. Kurzum, Fritz Stenger hatte seine persönliche Verachtung Eberts demonstrativ über seine Beamtenpflicht, aber auch über Notwendigkeiten der Erziehung zum Rechts- und Verfassungsbewußtsein gestellt, und manchem (einigen) im Kollegium war das egal oder recht gewesen. Niemand wollte den Unterschied von Denunziation und Anzeige wahrhaben. Man kann denunzieren oder es lassen. Zur Anzeige dagegen zwingt das Gesetz je nach Vorkommnis und stellt die Unterlassung unter Strafe. Die Tatbestände, sofern sie sich bestätigen würden, zwangen zur Anzeige. Die jedoch hatte Dinkelacker nicht gemacht, nicht machen wollen. Das war sein 'Fehler'. Er 'war mit den Nerven runter', der Arzt verschrieb ihm 2-3 Wochen Urlaub, die ihm auch gewährt wurden.

Einen Monat später, am 7. April, wurde Dinkelacker vom Provinzialschulkollegium aufgefordert, sich zu einer Beschwerde seines Chefs vom 4. des Monats "eingehend zu äußern". Der Vorwurf war, er habe in schroffer Weise die Versetzungskonferenz am 27. März um 20:15 Uhr verlassen und nicht reagiert, als er ihn am nächsten Tag habe auffordern lassen, sich in aller Form zu entschuldigen. Dinkelacker erklärte (unter dem 18. April), daß er wiederholt gebeten habe, das Procedere der Konferenz, die um 16:30 begonnen hatte, so umzugestalten oder aufzuschieben, daß er um 20 Uhr zu einer dringenden Besprechung frei sein würde. Meinte auch, daß sein schroffes Verlassen auf noch andere Erfahrungen zurückzuführen sei, die er in der letzten Zeit in der Schule habe machen müssen. Die Schulbehörde sprach ihm am 9. Mai ihre "ernste Mißbilligung aus":

"Wie Sie in Ihrem Berichte vom 18. April d.Js. selber zugeben, haben Sie die Versetzungskonferenz vom 27. März, deren Vertagung ausdrücklich abgelehnt war, vor Ihrer Beendigung und zudem in schroffer Weise verlassen. Sie haben sich dadurch einer Verletzung der Pflichten schuldig gemacht, die Ihr Amt Ihnen auferlegt."

Dinkelacker war in Erwartung dieses "Einschüchterungsversuchs" in die Offensive gegangen und hatte seinerseits (unter dem 24. April) auf dem Dienstweg Beschwerde wegen Beleidigung gegen den Kollegen Brauneck erhoben. Ebenfalls am 9. Mai wurde die Beschwerde abgewiesen:

"Studienassessor Dr. Brauneck bestreitet, den von Ihnen als Beleidigung empfundenen Ausspruch in der behaupteten Form getan zu haben. Nach dem Berichte, den er uns erstattet hat, hat er lediglich folgendes gesagt: "Der Direktor soll in den letzten Wochen zweimal beim Landratsamt denunziert worden sein, und Sie sollen dahinter stehen. Die Sache muß erst geklärt werden." Da diese Bemerkung, zumal bei dem vorliegenden Sachverhalt noch nicht als Beleidigung aufgefaßt werden kann, so sehen wir keinen Anlaß, Ihrer Beschwerde Folge zu geben."

Die Behörde hielt es für passend, Dinkelacker zu suggerieren, er sei ein 'Denunziant'. Handelte sie aus Trägheit so, oder aus Absicht, eine 'Anzeige' abzublocken. Vermutlich beides.

Inzwischen war Hindenburg zum Nachfolger Eberts gewählt worden. Der Ausgang der Wahl zeigt, was beim Tod Eberts auf dem Spiel gestanden hatte. Die Wahl war nicht nur Stimmungsausdruck, sie war 'trend-setting'. Am 30. April veranstaltete der Reichsblock seine große Kundgebung. Die BZ führte aus:

"Die Reichspräsidentenwahl hat ja endlich die lang erstrebte Einigkeit unter diese Parteien und Verbände gebracht und gezeigt, was ihnen allen gemeinsam ist: die nationale Staats- und Weltanschauung, welche der von dem roten Volksblock vertretenen Auffassung vom internationalen Staat gegenübersteht ... Erstrebt wird damit ja nur ein Zustand wie er vor Krieg und Revolution in unserem Vaterlande geherrscht. Direktor Stenger legte in seinen Begrüßungsworten das Hauptgewicht auf diese grundsätzliche Bedeutung der Wahlentscheidung und bezeichnete sie als freudigen Anlaß der Feier zu Ehren des neuen Reichspräsidenten."

Bevor Herr von Huth dann seine Ansprache hielt und den "Sieger von Tannenberg und unzähliger anderer Schlachten" hochleben ließ, gedachte die Versammlung mit Stenger still des "Vorkämpfers für die nationale Einigung und Wiederbelebung des deutschen Gedankens, Fürst Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg"[1] und zum Schluß wurde im "durch reichen Flaggenschmuck in den alten Reichsfarben" geschmückten Saal, wo "Die schönen alten Militärmärsche und klangvollen Lieder" erklungen waren, eine "Huldigungsadresse" formuliert:

"Zur Feier des Sieges Euer Exzellenz, des Trägers und Führers der vaterländischen Bewegung versammelt, senden die in überwältigender Zahl anwesenden vaterländisch gesinnten Männer und Frauen von Betzdorf und Umgebung Euer Exzellenz begeisterten Glückwunsch und Treugelöbnis. I. A.: Stenger".

Einen Dämpfer erfuhr die konservative Siegesgewißheit des Direktors dann doch. Sein 'Denunziant' hatte sich ein Herz gefaßt und einem Landtagsabgeordneten seiner Partei, Schulmann und Mitglied im Unterrichtsausschuß mitgeteilt, was er in diesem Jahr in der Schule erlebt hatte. Am 20. August druckte die Vossische Zeitung, das Berliner 'Intelligenzblatt' für das ganze Reich, in ihrer Beilage einen Artikel von "Studiendirektor Dr. Theodor Bohner, Mitglied des Preußischen Landtags"[2] mit dem Titel "Wehrwolf in der Schule. Ist es besser geworden?". Bohner wies darauf hin, daß radikal rechte Tendenzen an den Schulen, auch nachdem die Lage durch den Mord an Walther Rathenau (1922) seinerzeit 'wie durch einen Scheinwerfer' erhellt worden war, fortdauerten, z.B. in Weißenfels/ Saale u. a. mit dem Schülerverein 'Wehrwolf'. Dann schrieb der Autor, was er von Dinkelacker erfahren hatte:

"Die Republik stürzt nicht zusammen, wenn einmal die Flagge fehlt. Wenn aber ein Republikaner in dem festen Gefühl, daß ein großes Volk sich selbst in einem Sinnbild erkennen will, und daher die Republik überall dort ihre Fahnen zeigen muß, wo früher das Kaiserbild hing, die absichtliche Nichtbeflaggung rügt und beim Landrat wegen der Beflaggung vorstellig wird, dann dürfen ihm jüngere, nichtangestellte Kollegen im Konferenzzimmer ungestraft den Gruß verweigern. Einen Schutz findet er nicht. Als ich die betreffende Entscheidung des Provinzialschulkollegiums las, habe ich mich erstaunt gefragt, ob man in Koblenz die Einsamkeit des republikanischen Akademikers und den gesellschaftlichen Druck, der auf ihm lastet, nicht kennt, jenes Ressentiment der 'guten Kreise' gegen den Linksmann, das übrigens Keller im 'Salander' selbst für die Schweiz bezeugt, und das die Republik nicht dulden kann./ Man wird am 11. August dieses Jahres in Betzdorf wohl auch das Deutschlandlied gesungen haben. In früheren Jahren sang man an der dortigen höheren Schule nach dem Deutschlandhoch nur:'Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?' Das Deutschlandlied war ja durch Friedrich Ebert 'verweiht'."

Bohner erwähnte Betzdorf noch einmal kurz in einem Artikel im Kölner Tageblatt vom 26. August: "Rechtsagitation an höheren Schulen". Zwangsläufig mußte sich das Provinzialschulkollegium einer Anfrage des Kultusministers stellen und Dinkelacker sah sich an einem Donnerstag im November (mitten im privaten Umzug in das neue Haus) in der Schule unangekündigt einer 'Vernehmung' durch die Behörde ausgesetzt. Da er nur auf die gestellten Fragen hätte antworten können, und auch das nur unvollständig, schrieb Dinkelacker umgehend an den Oberschulrat, bat um eine gelegentliche Unterredung in Koblenz und meinte, hier nur zur Frage nach der letzten Verfassungsfeier in der Schule nachtragen zu müssen, daß seines Wissens im Schulprotokollbuch zur Vorbesprechung der Feier auch "die Äusserung des Herrn Direktors" vermerkt sei, "daß es sich um eine Verfassungs- und Sedanfeier handle". Stenger hatte damals eine zweite Besprechung ausschließlich der Klassenleiter angesetzt und seinem Widersacher hatte er seit 1924 keine Klasse mehr anvertraut (s.u.). Dinkelacker berichtete:

"...bin ich, als ich zu seiner, in die Lehrerbücherei berufenen Besprechung der Klassenleiter auch gehen wollte, trotz meines ruhigen Hinweises darauf, daß ich meines Erachtens nach der Konferenzordnung beratend anwohnen dürfte, von Herrn Direktor aus dem Zimmer ausgewiesen worden. Ich bitte deshalb höflichst darum, doch zu entscheiden, ob dies zu Recht oder Unrecht geschah ... Es war und ist mir bei alledem wahrhaftig nicht darum zu tun, irgendeinen der Herren, die in dieser Sache gegen mich stehen, irgendeinen Nachteil zuzufügen oder sie zur Verleugnung ihrer eigenen Überzeugung zu zwingen, sondern lediglich darum, endlich einmal zu wissen, ob es einen Zweck hat, daß ein, immer aus leidenschaftlicher Sorge um die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes, aus Liebe zu unserer, in unverantwortlicher Weise in die politischen Gegensätze hineingeratenen Jugend und aus Gerechtigkeitsgefühl sich als Beamter, der auf die heutige demokratisch-republikanische Verfassung vereidigt ist, dafür einsetzt, daß wenigstens wichtige und wertvolle ministerielle Verfügungen usw. nach Form und Inhalt - der letztere ist mir selbstverständlich die Hauptsache - , an der Stelle, wo ich mit Freuden arbeiten will, zur Durchführung zu gelangen./ Im übrigen sehne ich mich danach, von all dem seelischen Druck, der ob dieser Dinge auf mir lastet, endlich befreit zu werden. Sofern und soweit ich selbst zu den persönlichen Differenzen Veranlassung gegeben habe, will ich gern die Hand zur Verständigung und Entschuldigung bieten, wenn dies gleichzeitig auch von der Gegenseite geschieht. Mit Vorzüglicher Hochachtung, Ihr sehr ergebener D."[3]

Konsequenzen hatte die Untersuchung der Koblenzer Behörde und die Vernehmung Dinkelackers offenbar nicht. Es kehrte wieder Ruhe ein. Die Ruhe vor dem Sturm, wie sich später herausstellen sollte.

1926 trat Dinkelacker zunächst zweimal in der lokalen Öffentlichkeit in Erscheinung, nicht ahnend, wie sehr die Medien sich gegen Ende des Jahres mit ihm beschäftigen würden. Im April (19.4.26) brachte die RWVZ/SB eine kurze Notiz zu einer Freiligrath-Feier der Ortsgruppe des RB mit Festrede Dinkelackers über den "Menschen, Dichter und Politiker", diesen "geistigen Führer des republikanischen Deutschland" (Hubert Meurer) und später einen ausführlichen Bericht der Zeitung über die Verfassungsfeier am 7. August in der 'Bürgergesellschaft' mit 'einigen hundert' Teilnehmern. Dinkelacker als Versammlungsleiter begrüßte insbesondere den Bürgermeister und den Festredner Honigsheim, Volkshochschuldirektor/Köln und führte, wie die Zeitung schrieb, aus,

"daß leider heute, nach 7 jährigem, würdigem Bestand der Republik immer noch Millionen von Staatsbürgern abseits ständen und den Weg zum Volksstaat nicht finden könnten. Diese Gruppe setze sich in der Hauptsache zusammen aus solchen, die entweder noch auf den alten Machtstandpunkt pochten, oder Anhänger des alten Herrenstandpunktes seien. Eine weitere Gruppe bildeten jene, die gefühlsmäßig noch immer an dem monarchistischen System hingen, oder die politisch Unreifen."

"Er ließ auch denen Gerechtigkeit widerfahren, die den Weg zum Volksstaat noch nicht gefunden haben" meinte der Journalist[4].

Am 30. August bat der Philologenverband um Stellungnahmen zu einem Artikel von Professor Hildebrandt in der Vossischen Zeitung zur antirepublikanischen Haltung der Lehrerschaft. Dinkelacker schrieb am 4.9. zurück, er hoffe, daß die Gesamtumfrage Aufschlüsse über eine Frage gäbe, die im Philologenblatt vorsichtig umgangen werde - es sei ja wohl auch das beste so.

"Ich gehe davon aus, daß ich Ihnen klar und offen versichern kann, daß ich das "Maryrium", von dem der Herr Kultusminister im Landtage sprach, seit 7 Jahren hier voll und ganz durchkoste und daß ich darum nach meinen Erfahrungen - und ich kann nicht annehmen, daß das hiesige Realgymnasium die einzige höhere Lehranstalt in Preußen ist, an der noch solche oder ähnliche Zustände herrschen - den mir von Ihnen übersandten Artikel der Vossischen Zeitung von Prof. Dr. Hildebrandt in seinen Hauptpunkten für sachlich, oder besser gesagt, inhaltlich voll berechtigt bezeichnen muß, wobei ich allerdings die Form einzelner Wendungen und Sätze nicht durchweg billige./ Über das, was ich hier an bewußt und beabsichtigt antirepublikanischer Beeinflussung der Schüler unter Führung des Direktors und unter direkter, bezw. (aus Opportunitätsgründen) meist stillschweigender Billigung des ganzen, 17 Mann starken Lehrkörpers mit meiner alleinigen Ausnahme erlebt habe, ohne daß auch eine vorgesetzte Behörde, selbst nachdem sie Kenntnis von solchen Dingen hatte, wirklich durchgriff, könnte ich heute ein ganzes Buch schreiben ... Man soll sich nur einmal in voller Ruhe und Abgeklärtheit fragen, was mit einem Lehrer geschehen wäre, der unter der Monarchie sich ähnlich in seiner Schule gegen die Monarchie eingestellt hätte, wie heute so viele gegen den demokratisch-republikanischen Volksstaat. Es soll wahrhaftig keine Gesinnungsheuchelei groß gezogen werden, was unter der Monarchie leider sehr der Fall war, wo jeder Kollege die Kaisersgeburtstagsrede mit Kaiserhoch halten mußte, aber wenn man an einer Schule es vereitelt, da man die Mehrheit des Lehrkörpers als Deckung hat, daß ein aus ideellen Gründen überzeugter Anhänger des heutigen Staates auch einmal ein gewinnendes Wort für diese Verfassung in einer Schulfeier sprechen kann, wo, wie schon eingangs erwähnt, auf allen möglichen Wegen die Schüler gegen die Republik beeinflußt werden, dann ist es nicht mehr als Gebot der Selbsterhaltung dieses Staates, wenn er sich nicht gerade in den Augen seiner Gegner selbst lächerlich machen und sich selbst aufgeben will, wenigstens an alle leitenden Stellen grundsätzlich nur solche Männer zu stellen, die aus innerer Überzeugung auf dem Boden der heutigen Verfassung stehen oder doch für ein durchaus loyales Verhalten ihr gegenüber alle Gewähr bieten, ihre einwandfreie berufliche Eignung zu dem leitenden Posten selbstverständlich vorausgesetzt. Deshalb habe ich, nach all dem, wie ich die Lage ansehen muß, die Entschließung des Philologenverbandes gegen angebliche unsachliche Stellenbesetzung nach politischen Gesichtspunkten für durchaus unbegründet gehalten. Denn diese, an sich sicher nicht erfreuliche, Rücksichtnahme auf politische Einstellung ist, solange es so noch an vielen Schulen aussieht, verteufelt nötig ... Und daß es möglich ist, aus unserer heutigen Staatsverfassung ideelle Werte herauszuheben, für die man die Jugend begeistern kann, so daß sie gewillt wird, das, was hier leider vielfach noch an Großem auf dem Papier steht, in die Tat umzusetzen, das wird jeder wahrhaft Gebildete zugeben."

Am ersten Oktoberwochenende 1926 veranstaltete der RB in Altenkirchen einen "Republikanischen Tag", den ersten seit Bestehen der Republik in "unserem Kreisstädtchen", wo die Rechten in der Mehrzahl waren. Samstagabend Fackelzug, Sonntag Festzug durch die Stadt. Über tausend Teilnehmer. Festreden: Hubert Meurer, Kreisführer des RB, Regierungsassessor Dr. Hübner im Namen des Landrats. Vermutlich schrieb Meurer auch den Bericht für die RWVZ:

"... Bereits am Samstag abend kam es verschiedentlich zu kleinen Zusammenstößen, bei denen es beiderseits Hiebe absetzte. Der Gipfel der Gemeinheit wurde jedoch erst während des Festzuges am Sonntag nachmittag erreicht. Als der Festzug mit über 1000 Teilnehmern, von dem niemand behaupten kann, daß er zu Ärgernissen Anlaß gegeben habe, dieWilhelmstraße passierte, wurden aus dem Hause der Wirtschaft Hörder verschiedene Festzugsteilnehmer von halbwüchsigen Burschen angespukt. Das hiermit das Signal gegeben war zu einem Handgemenge, bedarf wohl keiner weiteren Erörterung. In kurzer Zeit hatte sich eine riesige Menschenmenge vor dem Hause angesammelt. Stöcke fuhren durch die Luft, ohne recht zu wissen, um was es sich eigentlich handelte, war die Menge in kürzester Zeit in die schönste Schlägerei verwickelt. Die wenigen Polizeibeamten von Altenkirchen erwiesen sich als zu schwach, um diesen unliebsamen Zwischenfällen Einhalt zu bieten. Nur unter Zuhilfenahme ihrer Gummiknüppel und durch das Eingreifen beherzter Leute gelang es, weiteres Unheil zu verhüten..."

Seit einigen Monaten zogen im Kuratorium und fern von Betzdorf Gewitterwolken auf, die sich über der Schulgemeinde noch vor Jahresende entladen sollten.

* * *


[1]Noch Ende Februar hatte "seine Durchlaucht" in Betzdorf gesprochen und versichert, daß er nicht beabsichtige "das Schoß Friedewald in undeutsche Hände zu verkaufen". Anschliessend hatten seine scharfen Worte gegen den 'Fachminister' Severing ... ungeteilten Beifall der gespannt lauschen Zuhörer" gefunden. BZ 28.2.1925

[2]Bohner war in einer Missionarsfamilie (Basler Mission, der Vater, Schuster von Beruf, wurde Bischof) in Kamerun aufgewachsen. Im Verzeichnis der Landtagsabgeordneten steht:"Schriftsteller und Studiendirektor, Magdeburg. Wahlkreis 10: Magdeburg, Deutsche Demokratische Partei. Geb. 6.Juli 1882 zu Abokobi (Britische Goldküste), evangelisch. 1899 Abiturientenexamen Gymnasium Mannheim; 1904 Staatsexamen Karlsruhe, seit 1. April 1907 im preußischen Schuldienst, 1908 bis 1915 Direktor der Deutschen Schule in Rom und Lektor für Deutsch an der Universität Rom; seit 1917 Direktor der Viktoriaschule in Magdeburg. Schriftsteller. Romane: Kwabla, Der Weg zurück, Novellen: Lachendes, liebendes Rom, Rheinverlag Basel. Seit 1919 Stadtverordneter in Magdeburg." Bohner schlug sich, nachdem er 1933 aus seinen Ämtern (als Oberschulrat und Abgeordneter) vertrieben war, als (Sachbuch-)Autor durch. Über eine (grundsätzliche) Frage konnten sich Dinkelacker und er während ihrer Tätigkeit in der DDP nicht einigen: Bohner folgerte aus dem neuen Verfassungsgrundsatz der Trennung von Staat und Kirche, daß das Verhältnis von Staat und Religionslehrer nicht anders sei, als das von Staat und Pfarrer. In einem Brief an Dinkelacker steht der Satz: "Ihnen schwebt immer vor, daß der Staat die Aufgabe des Religionsunterrichts hat" mit der Randbemerkung des Empfängers: "Allerdings!"

[3] Bleistiftmanuskript (4 Seiten. Abschrift?) mit der Datierung Nov.1925, vielleicht ein Entwurf geblieben?

[4]Eingangs beschrieb M (vermutlich Hubert Meurer) das Dekor: "Über der Bühne in großen Lettern der Wortlaut des Artikels 1 der Reichsverfassung: "Das Deutsche Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus." Darunter auf deiner Tafel, hübsch mit schwarz-rot-goldenem Fahnenstoff drapiert die Präambel der Verfassung. Das Rednerpult zeigt, umgeben von schwarz-rot-goldenem Tuch, den Reichsadler. Von der Decke herab leuchten mannigfaltig die alten deutschen Reichsfarben. - So war der Schmuck des Saales, der sofort Festesstimmung, vaterländische Stimmung, hervorrief."(RWVZ-SB vom 9.8.1926)

 

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