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Unruhe im Kuratorium.

Schulgeschichte 1926, erster Teil

Fritz Stenger wäre 1927 mit allen Ehren in den Ruhestand gegangen, wäre es ihm nicht eingefallen, das Schuljubiläum zum 25-jährigen Bestehen und dazu eine schmale Festschrift - die erste der Schule - noch einmal besonders 'schwarz-weiß-rot' zu gestalten ("Eine schwarzweißrote Jubiläumsfeier in Betzdorf" titelte die Rheinische Zeitung vom 29. Juli 1926)[1]. Er sah sich in seinen Ansichten doppelt gestärkt, nachdem die Reichstagswahlen im Dezember 1924 der DNVP im Kreis 24 % bescheert hatten und Hindenburg sich gegen den Zentrumskandidaten Marx durchgesetzt hatte, der im hiesigen Kreis der Sieger geblieben war.[2]

Doch seit der Kreistagswahl Ende Dezember 1925 saß unter den Abgeordneten im Kreistag, jung und mutig, der Lehrer Jakob Daum aus Biersdorf als erster und einziger Vertreter der DDP. Daum wurde am 26.3.26 in das Kuratorium der Schule gewählt und so konnte eine politische Spekulation entstehen, die sich beim gewagten Versuch, sie umzusetzen, prompt anders entwickelte, als geplant. Dinkelacker beteiligte sich beratend und unterstützend. Sehr zu seinem persönlichen Nachteil, wie sich zeigen sollte, von einer letztendlichen (1933) Enttäuschung über den Parteifreund ganz abgesehen. Augenscheinlich hatte Daum, wenn auch nur vorübergehend, das ziemlich verrückte Ziel, Dinkelacker zum Nachfolger Stengers zu machen. Und was wäre mit dem Kollegium passiert? Wie hätte die Schulbehörde reagiert? Daum hatte nur die Kräfteverhältnisse im Kuratorium im Auge und selbst da hätte er sich total verkalkuliert. Die Vorstellung geriet aus dem Blickfeld, bevor sie jemand überhaupt zur Kenntnis nehmen konnte.

Noch vor der Jubiläumsfeier vom 29 Juli hatte sich Daum in einer Kuratoriumssitzung am 22. Juni mit dem Direktor angelegt (ihn damit provoziert, daß er anregte, die Verfügung über politische Betätigung der Schüler im Jahresbericht abzudrucken. Stenger hatte einen "Einmischungsversuch" zurückgewiesen, der nach dem Schulstatut wohl rechtens war). Daum hatte dann nach der Schulfeier (und nach einer Anfrage der SPD-Fraktion im Kreistag) am 11. August im Kuratorium den Antrag gestellt, Stenger mit einer Reihe von Fragen zu seiner Amtsführung zu konfrontieren und in vier Punkten zu beschließen, daß künftig die Verfassungsfeiern öffentlich sein sollten; daß das Kuratorium von Vorgängen, die eventuell Gelegenheit zu politischer Ausbeutung geben könnten, zu unterrichten sei; daß das Kollegium bei der Abfassung der Jahresberichte hinzuzuziehen sei; daß die (vorgeschriebene) staatsbürgerliche Arbeitsgemeinschaft (die Stenger leitete, und an der sich 1925 45 Schüler beteiligt hatten - weit mehr als an anderen Arbeitsgemeinschaften) einem Leiter mit positiver Einstellung zum neuen Staat anzuvertrauen sei.

Daum schrieb unter dem 1. Oktober 1926 an Theodor Bohner, den Magdeburger Studiendirektor und Preußischen Landtagsabgeordneten, an den sich Dinkelacker seinerzeit gewandt hatte:

"Als demokratischer Abgeordneter im Kreistage Altenkirchen gestatte ich mir, Ihnen einiges Material zu unterbreiten ... Unglaubliche Vorgänge bei der Jubiläumsfeier (25jähriges Bestehen), sowie der Inhalt der Festschrift und der beiden letzten Jahresberichte veranlaßten mich zu einer Aktion. Auf meinen Antrag hin kam die Sache auf die Tagesordnung der letzten Sitzung (des Kuratoriums KS) und ich machte dabei ungefähr die schriftlich beigelegten Ausführungen. Der Direktor erklärte sich bereit, mit mir persönlich zu verhandeln, ehe im Kuratorium über die Angelegenheit endgültig beschlossen werden soll. Aus taktischen Gründen möchte ich jetzt den derzeitigen Direktor nicht zum Märtyrer der Reaktion machen. Er muß in naher Zukunft gehen und mein jetziges Unternehmen soll nur eine Einschüchterung der sich hier breit machenden Reaktion, sowie ein Vorzeichen für die dann zu unternehmenden Schritte sein, um unter allen Umständen einen republikanischen und wenn möglich demokratischen Studiendirektor der Anstalt zu sichern. Da wir dem Zentrum dafür andere Vorteile bieten können, die Mehrzahl der Schüler protestantisch ist und das Zentrum allein nicht die Mehrheit im Kreistage hat, kommen wir hoffentlich zum Ziele. Es wird dann unbedingt erforderlich sein, daß wir an höherer Stelle entsprechende Hilfe finden. Ich sende Ihnen heute einen Abdruck der Festschrift, damit Sie sich selber über die ganz merkwürdigen Verhältnisse, die hier herrschen, ein Bild machen können."

Am 5. Oktober traf sich Daum mit Fritz Stenger und schrieb dem Direktor am nächsten Tag, daß er die erhaltenen Antworten auf seine Fragen als unbefriedigend betrachten müsse und die gleichen Unterlagen (zu den Fragen), die er ihm gegeben habe, jetzt auch dem Vorsitzenden des Kuratoriums habe zukommen lassen, mit der Bitte um baldige Verhandlung seines Antrags vom August. Weiter schrieb er:

"will ich Ihnen auch nicht vorenthalten, daß ich neben diesem Versuche, staatbürgerlichen Notwendigkeiten auf dem Wege über das Kuratorium zu ihrem Rechte zu verhelfen, es auch als eine staatsbürgerliche Pflicht betrachtet habe, einem Parteifreunde im Preußischen Abgeordnetenhause die Jubiläumsschrift zur Kenntnisnahme und Verwertung einzureichen."

Unter dem 19. Oktober erklärte Daum Einzelheiten seines Plans in einem weiteren Schreiben an Bohner. Es sei nämlich mit einem Wechsel im Landratsamt zu rechnen:

"und gegen einen katholischen Landrat hätten wir nichts einzuwenden. Uns erscheint die Stelle des in so merkwürdiger Weise mit der Kreisverwaltung verquickten Direktors des Gymnasiums in Betzdorf - der Landrat ist Vorsitzender des Kuratoriums - wichtiger als die Besetzung des Landratspostens mit einem Protestanten, der vielleicht ziemlich rechts stehen könnte. Das Zentrum müßte zu dem einiges Interesse daran haben, diese Stellenbesetzungen möglichst ohne großen Kampf durchzusetzen, das geht aber nur, wenn Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten im Kreistag in diesen beiden Fragen Hand in Hand arbeiten... Abgemacht ist mit dem Zentrum noch nichts. Aber die Sozialdemokraten würden es mit großer Freunde begrüßen, wenn Herr Dr. Dinkelacker Direktor des Gymnasiums werden würde. Natürlich würden wir die Sache nicht parteipolitisch aufziehen. Ich habe mit Herrn Dr. Dinkelacker darüber bereits vertraulich Rücksprache genommen. Wenn er sich auch zunächst dagegen wehrte, so habe ich doch die Überzeugung, daß er im Interesse der demokratischen Sache die Ernennung zum Direktor nicht ablehnen würde. Allerdings werde ich seinem Wunsche entsprechend bei den Verhandlungen mit dem Zentrum, die vorläufig noch etwas Zeit haben, zunächst keinen Namen nennen... Nun möchte ich gerne Ihre Meinung hierüber hören, vor allem, in wieweit sie uns an den maßgebenden Stellen unterstützen könnten."[3]

Der Landrat sollte jedoch nicht wechseln, Daums parteipolitischer Kalkül wurde hinfällig. Im nächsten Schritt folgte das Kuratorium seinem Antrag und forderte den Direktor auf, zu Daums brieflicher Darstellung von der gehabten Unterredung und zu seinen schriftlichen Fragen Stellung zu nehmen. Fritz Stenger war in einer Antwort (die 8 engstens getippte Seiten umfaßte) vom 31. Oktober nicht zimperlich. Zu den Vorwürfen Daums in dem Gespräch schrieb er:

"In allen ihren Einzelheiten wie in ihrer Gesamtheit bedeuten sie einen Versuch einer ungeheuerlichen, durch nichts gerechtfertigten Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Schule. Wäre dies nach §18 des Statuts begründet, so wären Direktor und Lehrerkollegium ja in allen Einzelheiten ihres Dienstes der Kontrolle des Kuratoriums unterworfen... Auf die Fragen des Herrn Lehrers Daum überhaupt wie im Einzelnen einzugehen, halte ich mich deshalb in keiner Weise für verpflichtet... Zu dem ganzen Vorgehen des Herrn Lehrers Daum möchte ich dabei noch Folgendes bemerken: Das Ganze ist eine politische Aktion, ein Vorstoss von demokratischer Seite gegen den nicht demokratischen Direktor des Realgymnasiums. Es handelt sich hier letzten Endes nicht um pädagogische, sondern um politische Forderungen. Die Politik wird in die Schule hineingetragen."[4]

Auf den letzten Satz kam es an. Niemand im Kuratorium konnte daran zweifeln, daß Daum eine politische Aktion betrieb. Doch auch wenn es sich 'letzten Endes' um politische Forderungen handelte, pädagogische standen zur Debatte und im weiteren Sinn 'politisch' waren (und sind) pädagogische Vorstellungen ja wohl auch. Stenger konnte allenfalls mit dem Wort spielen und sich auf einen populären Begriff von 'Politik' berufen, der in erster Linie eine Inszenierung von 'gewissenlosen' Machenschaften bezeichnete. Er führte weiter aus:

"Wenn er dann in aller Bescheidenheit sich zum Richter über meine Amtsführung aufwirft und zu der Behauptung sich versteigt, die 25-Jahrfeier habe ihm gezeigt, daß mein ganzes Verhalten - gemeint ist also meine ganze Amtsführung nicht durch erzieherische, sondern durch politische Rücksichten bestimmt werde, so wird für diesen Vorwurf auch nicht der Schatten eines Beweises erbracht... Es ist also eine Unterstellung, zu behaupten, die Schulfeier habe berechtigte Gelegenheit zu politischer Kritik gegeben und das Kuratorium habe bei ihrer Vorbereitung es an der nötigen Sorgfalt fehlen lassen. Wie haltlos der dem Herrn Landrat hiermit gemachte Vorwurf ist, wissen ja die Herren Mitglieder des Kuratoriums, die bei der Besprechung über die geplante Feier anwesend waren, selber. Besonders unerhört ist die Forderung, daß die Reden (Der Inhalt oder wohl gar der Wortlaut?) vorher hätten festgelegt werden müssen. Wo ist in all den Reden irgend etwas gesagt worden, was als eine Entgleisung mit Recht bezeichnet werden müßte?"[5]

Ja, was wurde gesagt? Einiges läßt sich im Jahresbericht der Schule nachlesen. Die Feier begann am Vorabend mit Fackelzug und Kranzniederlegung. August Wolf, der nach seinen Assessorjahren in Betzdorf gerade seine erste Stelle in Duisburg angetreten hatte, kam und hielt die Rede:

"In unermüdlicher Erziehungsarbeit hatte die höhere Schule in jungen Knabenseelen deutsches Volk, deutsche Art, deutsches Heldentum, deutsche Seelengröße, das deutsche Vaterland mit seiner ruhmvollen Vergangenheit zum Erlebnis gemacht... Das dulce et dedorum est pro patriam mori, dh. die Anschauung, daß der Tod fürs Vaterland süß ist und eine hohe Ehre, das sog ein jeder auf der Schulbank wie lebensnotwendigen Atem in sich hinein. Herrlich schön erschien dieser Jugend so das Los, für Deutschlands Ehre, für die Liebe zur Heimat kämpfend fallen zu dürfen... Ja für uns, für das überlebende deutsche Volk haben sie ihr Opfer gebracht, weil sie glaubten, daß dieses Volk durch die große Not nun endlich zu einer Schicksalsgemeinschaft, einer Volksgemeinschaft zusammengeschweißt sei, die dem Vaterlande den sicheren Sieg und den gerechten Frieden verbürgen werde... Schlicht und einfach, aber tief aus dem Herzen heraus, wollen wir also alle ... den heiligen Schwur erneuern, dessen Befolgung uns jene unsere lieben Toten so ruhmvoll vorgelebt haben; Vaterland, dir bin ich ergeben mit Herz und mit Hand!"[6]

Am darauffolgenden Abend schloß Fritz Stenger die Feier mit einer Ansprache, die Franz Wagner im Jahresbericht 1926 zusammenfassend wiedergab:

"Schwer und ernst sei die Zeit, das gewaltige Erleben des Weltkrieges liegt hinter uns. Ein herrliches Wiederaufleben deutscher Tapferkeit, wie sie die Welt vielleicht noch nicht gesehen, habe der Krieg gebracht... Die Seele des deutschen Volkes sei krank. Die älteren ehemaligen Schüler hatten die Ehre, dem Heere während des Krieges anzugehören ... Sie haben ihre Kameraden für Deutschland bluten und sterben sehen. Viel zu wenig wird erkannt, was das Vaterland ihnen allen und besonders denen zu danken hat, die die Treue mit dem Tode besiegeln. Soll das alles vergeblich gewesen sein?"[7]

Man mußte kein Pazifist sein, um in solchen Reden einen fragwürdigen Patriotismus zu erkennen. Soll das alles vergeblich gewesen sein? Fast scheint es, als riefe die sicher manchen quälende Frage noch fast ein Schülerleben nach Kriegsende einen morbiden Heldenkult hervor, nur um die Antwort Nein! vorwegzunehmen oder ein noch so moderates Ja! ( - vielleicht nicht alles, aber...!) zu unterdrücken. Im Verbund mit dem verabsolutierten Heldenkult war es möglich, den eigenen Patriotismus nicht als politisch zu verstehen ("Ich kenne keine Parteien ... " hatte der Hohenzoller 1914 erklärt). Über Politik war in der Tat dann kaum noch zu streiten. Ein ehemaliger Schüler der ersten Betzdorfer Oberschulklasse, Regierungsrat Eintz, beschwor den Geist der Schule und schloß:

"Kommen mag, was kommen soll! Wir wollen stets bereit sein, unsern Lehrern unser Lehrgeld heimzuzahlen. Die Zeit soll uns finden, wie unsere Lehrer es wollten, als pflichttreue, wahrhaftige, furchtlose, opferbereite, gerade, ganze, deutsche Männer. Deutsche des Worts und Männer der Tat."[8]

So wenig die Reden zur 25-Jahrfeier in Stengers Augen mit Politik zu tun hatten, so wenig hatte auch seine Einstellung zu Daums 'Hintermann' (Stengers Bezeichnung) damit zu tun:

"Ein Ordinariat hat Herr Studienrat Dr. Dinkelacker in den letzten Jahren nicht mehr erhalten, weil seine aufgeregte und unbeherrschte Persönlichkeit ihn dazu nicht geeignet erscheinen ließ und insbesondere auch noch deshalb, weil er bei seinem letzten Ordinariat als Klassenleiter der Oberprima seine Stellung so sehr verkannte, daß er mit großer Zähigkeit für durchaus ungerechtfertigte Wünsche seiner Schüler eintrat... Daher habe ich seitdem Bedenken, einem Herrn, der seine Ordinariatspflichten derartig verkannt hat, von neuem eine Klassenleitung zu übertragen."[9]

Zur Frage Daums, wie es käme, daß Inschriften auf den Toilettenwänden nicht wenigstens stillschweigend beseitigt würden, es sei doch "so merkwürdig, daß alles sich nur auf einen einzigen Herrn bezieht[10]", meinte der Direktor, das sei ja nun die Höhe, solche Eindeutigkeit ihm anzulasten:

"Die richtige Erklärung dafür ist doch wohl nicht schwer zu finden"[11]

Fritz Stenger war wirklich nicht zimperlich. Und sich offenbar seiner Durchsetzungsfähigkeit sehr sicher. Mußte denn nicht der Verdacht aufkommen, daß mit im Spiel war, was heute mit 'mobbing' bezeichnet wird? Im restlichen Schreiben erörterte er noch einmal seine 'unpolitische' Einstellung, verteidigte den Abdruck von Reden aus der Kaiserzeit in der Festschrift und würdigte den Hintermann 'endgültig':

"Wenn aber Parteipolitik in die Schule hineingetragen wird, so geschieht es wahrlich nicht von mir, denn ich weiß, wie sehr unser Vaterland, und zwar nicht erst seit der Revolution, wenn auch seitdem noch ganz besonders, unter der gegenseitigen Befehdung der Parteien und ihrer Machtgelüste leidet und wie sehr freilich eine nicht von dieser oder jener Partei gewünschte Volksgemeinschaft, sondern eine solche uns nottut, wie es 1914 war, die angesichts unserer Notlage die innern Gegensätze überwindet und nach außen hin unsern vielen Feinden den zur Selbstbehauptung entschlossenen Willen eines einigen Volkes zeigt..."[12] "Nach dem bekannten Ranke'schen Wort hat der Geschichtsschreiber - und das gilt auch für den schlichten Chronisten - lediglich die Aufgabe "zu zeigen, wie es gewesen ist". Daher bin ich auch nicht der Meinung, daß das republikanische Deutschland nunmehr die Pflicht oder auch nur das Recht habe, das was Zeiten und Männer früherer Zeit - und seien es auch die Hohenzollern - geleistet haben, der Jugend zu verschweigen oder tendenziös zu entstellen. Zur Ehrfurcht vor der großen Vergangenheit unsres Volkes u. seiner großen Männer die Jugend zu erziehen, ist vielmehr auch heute noch Aufgabe der Schule u. heute vielleicht ganz besonders, angesichts der vielfach beobachteten Pietätlosigkeit in manchen Kreisen unserer Jugend..."[13] "Herrn Dr. Dinkelackers ganzes Bestreben geht dahin, in unserer Schule nur seinen Willen maßgebend sein zu lassen, seine Anschauungen durchzusetzen... Er sieht in sich immer nur den Märtyrer, der für seine vermeintlichen idealen Bestrebungen kein Verständnis findet. Sein ganzes Verhalten macht mir den Eindruck des pathologischen und Krankhaften u. scheint mir mindestens mit dem verwandt zu sein, was man als Querulantentum zu bezeichnen pflegt."[14]

Oh je, was tat sich der Schreiber mit diesen letzten Sätzen über seinen unliebsamen Widersacher selber an? Das Kuratorium bildeten damals ex officio der Landrat Boden und er selbst und als gewählte Mitglieder außer Daum die Herren Pfarrer Heckenroth/Altenkirchen, Studienrat Lake, die Bürgermeister Lorsbach/Gebardshain und Stein/Wissen, Rektor Rausch/Herdorf, Fabrikant Sohn/Betzdorf, und der Arzt Dr. Wurm/Betzdorf. Stengers Schreiben richtete sich ausschließlich an diesen Kreis. Er erwähnte aber, daß er zwei, nach seiner Ansicht falsch gestellte, Fragen[15] beantwortet habe wie auch in seiner Reaktion auf eine Beschwerde, die Daum an einen Abgeordneten gesandt habe, "d.h. dann natürlich durch diesen an den Herrn Minister".

Daum schrieb unter dem 6. November an den Landrat mit der Bitte um schnelle Einberufung des Kuratoriums zur Beratung über Stengers Antwort und, Dinkelacker betreffend, über die Aberkennung des Rechts, Klassenlehrer zu sein, "die nach meiner Auffassung innerhalb des Schullebens etwas Ähnliches bedeutet wie die Absprechung der bürgerlichen Ehrenrechte im staatlichen Leben"[16] Auf einen Durchschlag für Dinkelacker schrieb er:

"Nach Abgang! Lieber Herr Doktor! Vorstehendes zur Kenntnis. Die Sache dauert mir doch etwas zu lang, ich kann sie nicht länger ruhen lassen. Ich hoffe, daß Sie mit meinem Schritte, von dem ich auch Herrn Dr. Bohner Kenntnis gab, einverstanden sein werden..."

Die Zeilen widerlegen die Rede und den Eindruck vom 'Hintermann'. Im übrigen sei daran erinnert, daß Anna Hartmann gerade (am 9.11.) gestorben war und Dinkelackers in diesen Tagen andere Dinge im Kopf hatten.

Unter dem 19. November, nachdem öffentlich geworden war, daß gegen Stenger eine Voruntersuchung in Gang kam (s.u.), und Daum als Zeuge gehört werden würde, ging er zum 'Angriff' über, schrieb eine ausführliche Stellungnahme zu Stengers Antwort in Form einer Beschwerde an das Ministerium, an die Schulbehörde und an das Kuratorium und ersuchte um gründliche Aufkärung über Stengers Vorgehen, die staatsbürgerliche Erziehung[17] an der Schule betreffend. Er schloß mit der Bitte um Genugtuung für Dinkelacker und sich selbst, und mit der Bitte, die Folgerungen aus der Untersuchung auch gradlinig umzusetzen. Er wehrte sich gegen Stengers Versuch, ihm andere unfreundliche Vorgänge, als die im Kuratorium, in die Schuhe zu schieben:

"Und daß ich die Festschrift lange nach der Jubiläumsfeier einem Abgeordneten einsandte, ist mein gutes Recht und hätte auf keinen Fall nachteilig für Herrn Direktor Stenger sein können, wenn die Festschrift einwandfrei oder sogar musterhaft gewesen wäre. Jedenfalls habe ich bei der Einsendung der Festschrift nicht gebeten oder auch nur angeregt, über ihren Inhalt beim Herrn Minister Beschwerde zu erheben, daß es aber doch geschah, trotz meiner ausdrücklichen gegenteiligen Stellungnahme, nachdem lange vorher schon beim Provinzialschulkollegium von anderer Seite Beschwerde eingereicht worden war, ist ein deutliches Zeichen dafür, daß auch noch andere Leute als der kleine und unbedeutende und erfahrungslose junge Volksschullehrer diese Gegensätze als über die Grenzen jedes Zulässigen hinausgehend empfanden, und diese Stellen werden auch wohl ihre Verantwortung zu tragen wissen. Schritte außerhalb des Kuratoriums habe ich jedenfalls bis jetzt zu dieser Beschwerde hin nicht unternommen... Ohne sein "freundliches" Verhalten bei der Kuratoriumssitzung vom 22.Juni wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, die Festschrift an einen Abgeordneten zu senden, der dann von sich aus, ohne mein Wissen, besondere Schritte unternahm... Allerdings wäre im weiteren Verlauf der Entwicklung auch für mich , wie sich gezeigt hat, der Zwang zum Handeln gegeben gewesen, nachdem die vermittelnde Haltung ohne jeden Erfolg geblieben ist. Jetzt mögen die zuständigen Stellen entscheiden."

Zwei Tage später, unter dem 21., schickte Daum noch eine "Besondere Erklärung" nach, in der er nach der "rein menschlichen Seite" ergänzt, daß er Stenger, obwohl das manchmal schwer fiele, zugestehe, daß er "stets in seiner Weise das Beste erstrebt" habe. In diesem Sinn schrieb er:

"Es würde nun nach meiner Meinung, die ich hier darlegen zu dürfen bitte, vielleicht kein moralischer Gewinn für den neuen Staat sein, wenn das eingeleitete Verfahren nicht nur in angemessener Weise die Verhältnisse, auf die er sich nicht mehr einzustellen vermag, seelisch schwer getroffenen alten und ersten Direktor des Gymnasiums, der in Kürze die Altersgrenze erreicht, in seiner schon durch die Schularbeit im alten Staate verdienten wirtschaftlichen Sicherstellung beeinträchtige."


[1]Auffiel die Auswahl der Redner und der entsprechend ausgefallenen Ansprachen, auffielen in der Festschrift die Chronik mit ausführlichen Zitaten aus Reden der Kaiserzeit, aus einer Rede zur Einweihung des Kriegerdenkmals der Schule 1924, die deutlich monarchistische Orientierung des Verfassers. Dem heutigen Leser mag auch ein Totenkult ins Auge springen, als eine schlechte Ewigkeitsbeschwörung, die durch die Geschichte, auch die Schulgeschichte geisterte und sich nie ganz verlor.

[2]Der Kandidat der DDP im ersten Durchgang war der Psychologe Willy Hellpach, für den sich auch eine überparteiliche Liste von Frauen einsetzte, auf der unter anderen bekannten Persönlichkeiten Helene Lange, Elisabeth Lüders, Alice Salomon standen.

[3]Durchschlag

[4]Abschrift, S.1

[5]Ebenda S.2

[6]Jahresbericht über das Realgymnasium des Kreises Altenkirchen zu Betzdorf a.d. Sieg für das Schuljahr 1926-27, erstattet von dem stellvertretenden Direktor, Betzdorf, 1927, S.4/5

[7] Ebenda, S.10/11

[8] Ebenda, S.10

[9]Schreiben Stengers an das Kuratorium vom 30.10 1926, Abschrift, S.3

[10]Entwurf Jakob Daums "Für die Vertretung meines Antrags im Kuratorium" vermutlich vom August 1926, Durchschlag

[11]Schreiben vom 30.10., a.a.O., S.3

[12]Ebenda, S.4

[13]S.5

[14]S.8

[15]Warum Sedansfeier, aber keine zur Aufnahme in den Völkerbund? Warum noch immer Kaisers Geburtstag, aber die Verfassungsfeier kaum der Rede wert?

[16]Schreiben Daum an Boden 6.11.26, Durchschlag

[17]Diesbezügliche Richtlinien enthielten ministerieller Erlasse vom 30. Dezember 1921, vom 4. August 1922, vom 23 Dezember 1922.

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