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Desinformation und Aufruhr in der Schulgemeinde

Schulgeschichte 1926, Teil 2

Das Provinzialschulkollegium hatte (am 9. , mit Nachricht an Stenger am 15.) bereits entschieden. Einen Tag zuvor, am 18. November, war in der Betzdorfer Zeitung unter dem Titel "Eine Denunziation" eine längere Notiz erschienen, (Verfasser B., vermutlich Redakteur Böckelmann):

"Gegen Studiendirektor Stenger zu Betzdorf hat der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ein Disziplinarverfahren eingeleitet, weil er angeblich gegen die Republik gerichtete Bestrebungen gefördert habe..."

Die Zeitung ließ an Sympathie für Fritz Stenger und Antipathie für seine Gegner nichts zu wünschen übrig. Sie polarisierte nach Kräften. Die Nachricht werde nicht verfehlen, großes Aufsehen zu erregen und:

"hellodernder Entrüstung über die feige Hinterhältigkeit, mit der man uns den Mann zu nehmen trachtet ... man sieht, daß andauernde Minierarbeit doch etwas fertig bringt. Und wie ist diese Minierarbeit betrieben worden! Öffentlich von den sozialdemokratischen und Reichsbannerzeitungen und geheim von demokratischer Seite durch endlose Anzeigen an Provinzial-Schulkollegium, Regierung, Minister und Abgeordnete ... Die ganze Bevölkerung wird aufstehen wie ein Mann und die Hand zum Schwur erheben, an den lassen wir nicht rühren, seiner Lauterkeit und Wahrheit wegen."

Stenger war vom Dienst suspendiert. Schüler 'seiner' Untersekunda protestierten mit Streik, dem sich Schüler der Oberklassen anschlossen. Die SB mißbilligten das Schülerverhalten. In der "Siegener" war später zu lesen, daß der Elternbeirat zwar mißbillige, aber doch mit Rücksicht auf die außerordentliche Erregung, milde beurteilt wissen möchte. In der BZ erschien eine Anzeige:

"Aufruf. / Die Oberklassen des Realgymnasiums Betzdorf nehmen mit Entrüstung Kenntnis von der erzwungenen Entlassung ihres verehrten Lehrers / Herrn Direktor Stenger. / Sie weisen alle ehemaligen Schüler und alle Freunde der Anstalt auf das ihrem langjährigen Direktor angetane Unrecht hin und bitten sie, sie in den Bestrebungen zu unterstützen, daß die ihren veehrten alten Lehrer schwer kränkende vorläufige Entlassung zurückgenommen wird. / Die Oberklassen des Realgymnasiums."

Am 19. berichtete die BZ von einer "Vertrauenskundgebung für Direktor Stenger":

Ein Treugelöbnis brachten gestern abend die Schüler des Realgymnasiums, vor allen aber die der Oberklassen, die zum Protest gegen die Amtserhebung des Direktors Stenger gestern vormittag 11 Uhr die Schule verlassen hatten, ihrem verdienstvollen, hochgeschätzten Erzieher dar. Mit Fackeln zogen sie vom Deutschen Eck aus in den Park des Gymnasiums. Ein großer Teil der Bürgerschaft, der nicht nur ein Kopfschütteln, sondern entrüstete Worte über das Vorgehen gegen diesen vorbildlichen deutschen Mann hatte, schloß sich dem Zuge an. Als Direktor Stenger vor die große Schar trat, klang ihm das begeistert gesungene Lied entgegen: "Ich hab mich ergeben""

Fritz Stenger darauf hin:

"Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt. Das deutsche Vaterland und alle seine großen Männer des Rats und der Tat, von Arminius bis zum Alten Fritz, von Bismarck bis zu Hindenburg, Hoch, Hoch, Hoch."

Und die BZ:

"Begeistert sangen die Schüler und die übrigen Teilnehmer das Deutschlandlied. Direktor Stenger teilte dann noch mit, daß eine unparteiische Untersuchung die Haltlosigkeit der ihm unterschobenen Vergehen klarstellen würde und daß er sich dann auf ein gemeinsames Zusammenarbeiten wieder freue."

Der ausufernde Zorn richtete sich alsbald gegen Alfred Dinkelacker. Nachdem am 19. der Elternbeirat im Beisein des Oberschulrats Jungbluth getagt hatte, nahmen am nächsten Tag 335 Eltern an einer Elternversammlung teil, die von Amtsgerichtsrat Schlüter/Kirchen, dem Vorsitzenden des Elternbeirats und Freund Stengers, einberufen wurde[1]. Einstimmig wurde eine Entschließung verabschiedet, die die BZ in der hier folgenden Form abdruckte, während die Siegener Zeitung ihren Lesern den Namen Dinkelackers nicht vorenthielt:

"... Direktor Stenger genießt die höchste Verehrung, Achtung und Liebe der Schüler, der Eltern und der gesamten Bevölkerung. Die von ihm als Schulleiter und Lehrer verfolgten pädagogischen Ziele entsprechen völlig den Wünschen der Eltern. Wir Eltern erblicken in der vorläufigen Beurlaubung vom Amte einen übereilten und durch nichts gerechtfertigten Schritt und verlangen unbeschadet des Fortgangs des Disziplinarverfahrens die sofortige Zurücknahme dieser Maßnahme. Nur dadurch können bei der ungeheuren Erregung unter den Eltern und Schülern weitere Erschütterungen des Schullebens vermieden und schwere, mit der Schuldisziplin und den Schulgesetzen nicht vereinbare Folgen abgewendet werden. / In der Öffentlichkeit gilt der an der Anstalt beschäftigte Studienrat ... als derjenige, welcher durch seine fortgesetzten Anfeindungen gegen Direktor Stenger die strenge Maßregel letztenendes verschuldet hat. Diese Überzeugung hat sich bezeichnender Weise auch unter den gesamten Schülern festgesetzt, so daß uns Eltern ein weiteres Verbleiben des Herrn ... an unserer Schule aus Gründen der Schulzucht unmöglich erscheint."[2]

Die "Siegener" vom 22. berichtete aus den einleitenden Erläuterungen Schlüters, daß der Oberschulrat Jungbluth leider aus dienstlichen Gründen an der Versammlung nicht hätte teilnehmen können:

"Wir (der Elternbeirat? die Zeitung? KS) haben dies lebhaft bedauert, der Herr Schulrat würde dann zu der Ansicht gekommen sein, daß die Herrn Direktor Stenger gemachten Vorwürfe der "planmäßigen Propaganda gegen die republikanische Staatsform" und daß er bei der Bevölkerung und den Eltern "kein Vertrauen mehr genieße", gemeine Lügen eines hinterhältigen Denunzianten sind. In der sich anschließenden Besprechung kam dann auch diese Ansicht in unverblümter teilweise volkstümlicher Art zum Ausdruck. Rechtsanwalt Schneider, Betzdorf, bezeichnete das Vorgehen des Ministers als unerhört ... Herr Stenger hat den Eid auf die Verfassung allzeit gewissenhaft beobachtet ... Den einen Fehler nur habe er, "er sei zu anständig" ... Dieser Herr (Dinkelacker KS) habe das meiste Material zu der Anklage herbeigetragen. Wenn dann der "Lautsprecher aus Biersdorf" das Faß zum Überlaufen gebracht habe, so könne er nur den Vorschlag machen, Herrn Dr. Dinkelacker zu entfernen, da ein gedeihlicher Schulbetrieb mit diesem Herrn unmöglich sei ... Als ehemaliger Schüler sprach Herr Dr. Hassel (Abiturient 1915, Zahnarzt Wissen, 1946-1950 Kuratoriumsmitglied) ebenfalls Direktor Stenger in warmen Worten sein Vertrauen aus..."

Am 18. war Dinkelacker von dem Kollegen Wagner vor dem Unterrichtsbeginn eine Vorladung als Zeuge für den 20. morgens halb neun "auf Anordnung des Untersuchungskommissars Herrn Oberregierungsrats Dr. Zimmermann" übergeben worden. Dinkelacker verfaßte eine 'Erklärung', die er Fritz Stenger über Wagner zukommen lassen wollte. Stenger verweigerte die Annahme. Dinkelacker verlaß seine Erklärung unter Eid bei der ersten Zeugenvernehmung der Voruntersuchung:

"Hiermit erkläre ich, dass ich das gegen Herrn Studiendirektor Stenger eingeleitete Disziplinarverfahren nicht gewollt habe, dass es vielmehr meinem Empfinden durchaus widerstreitet. / Auch ich bin, ebenso wie die anderen Herren des Lehrerkollegiums, fest davon überzeugt, dass Reden und Handeln von Herrn Direktor Stenger stets idealen Motiven entsprungen sind. / Aber ich kann auch nicht verschweigen, dass vieles von dem, was er aus diesen Motiven heraus im Schulleben durchzusetzen, bezw. zu erhalten oder zu verhindern suchte, für die heutigen Verhältnisse einfach nicht mehr tragbar war. / Wenn ich auch eine entschiedene Abstellung der meiner Ansicht nach zweifellos vorhandenen Mißstände erwarten muss, so würde ich es andererseits doch sehr bedauern, wenn aus dem eingeleiteten Verfahren eine den Herrn Direktor schädigende Verurteilung sich ergeben sollte."

In einer weiteren Erklärung unter Eid (zu Stengers Weigerung, ihm eine Klasse anzuvertrauen) sagte er dann noch:

"Wenn man bei solchen Erfahrungen, wie ich sie während meiner hiesigen Amtstätigkeit immer wieder gemacht habe, ab und zu einmal die Nerven verliert, so ist das Temperamentssache. Herr Direktor selbst wird wissen, dass er mir darin keinesfalls nachsteht."

Nicht jeder war bereit, anzuerkennen, daß Dinkelacker - im Bewußtsein dessen, was er ständig von dem Vorgesetzten gefordert hatte? - den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen verlor. Seine Lage und die seiner Familie waren eher bedrückend, zumal seine älteste Tochter gerade von der 'Töchterschule' zum Gymnasium gewechselt hatte[3]. Andererseits gab es sowohl seitens mancher Eltern[4], wie auch der Schüler, Sympathiebezeugungen[5]. Freunde und sogar gelegentlich ganz Fremde schrieben ihm[6]. Die Siegblätter druckten am 26. 11. in der Rubrik Briefkasten die Notiz:

"B.L.G.Tü.H.M.A.K.Th.F. Außer Ihren Zuschriften haben wir noch eine größere Anzahl von Mitteilungen erhalten, in denen ausnahmslos Herrn Studienrat Dr. Dinkelacker das Vertrauen ausgesprochen wird. Wir werden bei gegebener Zeit davon Gebrauch machen. Aber wir raten Ihnen, nicht in den Fehler der anderen zu verfallen und sich nur vom Gefühl hinreißen zu lassen."

Die SB hatten sich am 23. kritisch über den/die Kollegen der 'Betzdorfer Zeitung' und ihre Informanden geäußert.

"Mit dem materiellen Inhalt der Resolution wollen wir uns heute nur insofern beschäftigen, als Herr Studienrat Dinkelacker in Frage kommt. Welche Gründe die Betzdorfer Zeitung veranlassen, seinen Namen nicht zu nennen, ist uns unbekannt. Aber es muß festgestellt werden, daß die über Herrn Dr. Dinkelacker ausgestreuten Behauptungen vollkommen falsch sind. Das ist auch, wenn unsere Informationen zutreffen, aus berufenem Munde leitender Personen der Elternversammlung mitgeteilt worden. Trotzdem fährt man fort, diese Behauptungen zu kolportieren..."

Am 24. November berichtete die Siegener Zeitung:

"Wie die Betzd. Ztg hört, hat das gesamte Lehrerkollegium des Realgymnasiums, mit Ausnahme des Studienrats Dr. Dinkelacker, seinem Studiendirektor Stenger schriftlich einstimmig das Vertrauen ausgesprochen (Dr. Dinkelacker soll nach Ansicht des Elternbeirats diejenige Person sein, welche die Amtsversetzung von Studiendirektor Stenger veranlaßt hat.)"

Unter dem 27. November schrieb Daum an Dinkelacker in einem kurzen Brief, Theodor Bohner sei der Meinung, daß "Herrn Direktor Stenger nicht viel passieren" werde, "aber an eine Rückkehr ins Schulamt glaubt er nicht mehr, und das wäre der wesentliche Erfolg". Drei Tage später, am 30. November schrieb Daum an Bohner, der ihn wegen einer eventuellen Auseinandersetzung im Landtag um Auskünfte gebeten hatte:

"Auch Herr Dr. Dinkelacker, so sehr er seine von rein menschlichen Erwägungen diktierte besondere Erklärung für richtig hält, geht mit aller Klarheit und Bestimmtheit vor, weil die Haltung der Gegner einfach jede Zurückhaltung als lächerliche Schwäche erscheinen lassen würde ... Zu dem Verfahren selbst möchte ich bemerken, daß allem Anschein nach mit jeder wünschenswerten Klarheit vorgegangen wird und es der untersuchenden Behörde - P.S.K. - (Provinzialschulkollegium KS) jetzt wohl um eine klare Scheidung zu tun ist...

Am 28. November schrieb Dinkelacker an Otto Müller, einen Schüler seiner letzten Abiturienten-Klasse (1924), der in Berlin studierte. Müller hatte ihm beim Abiturientenausflug zur Freusburg erzählt, daß sein Mitschüler Helmut Siebel bei der Verteilung der Verfassung an die Klasse durch den Direktor gemeint hatte, er könne verzichten, weil er sie von früheren Schulabgängen schon doppelt habe. Da hatte Stenger mit deutlicher Anspielung auf Dinkelacker gesagt, das ginge nicht, weil man ihn sonst denunzieren würde. Dinkelacker schrieb an Müller auch, daß Stenger von ihm behauptet habe, er sei "für durchaus ungerechtfertigte Wünsche" der Schüler dieser Klasse für den Abitur-Termin eingetreten, um sich selbst damit "eine nicht unerhebliche Erleichterung" zu verschaffen und den Schülern "im Lichte eines ihnen sehr wohlwollenden und tapferen Vorkämpfers gegen die Härte des selbstherrlichen Direktors" zu erscheinen:

"Ich weiß nicht, ob ich mich täusche, wenn ich annehme, dass Sie ebenso wie die übrigen ehemaligen Klassenkameraden mich doch in einem etwas anderen Lichte sehen, als Herr Direktor Stenger tut."

Otto Müller schrieb eine Woche später (6.12.) zurück, daß es ihm zwar sehr peinlich sei, auf diese Art und Weise zwischen einstigen Klassenlehrer und Direktor gestellt zu werden, daß er aber, wenn seine Vernehmung nicht zu vermeiden sei, selbstverständlich die Wahrheit sagen würde. Es sieht so aus, als habe man auf sein Zeugnis verzichtet.

Am 29. November brachte die BZ in ihrer Rubrik "Heimatliche Nachrichten" noch einmal eine längere Polemik. Die Kölner Volkszeitung hatte eine Zuschrift "aus dem Kreise Altenkirchen" unter der Überschrift "Bedauerliche Vorgänge" publiziert, die recht genau die Vorwürfe gegen den Direktor wiedergab und dann hinzufügte: "Gegen solchen Geist wehrte sich schon lange die republikanische Öffentlichkeit von Betzdorf ohne Unterschied der Parteien." Die BZ polemisierte:

"Dabei ist (besteht? KS) die "republikanische Öffentlichkeit" nur aus den Drahtziehern des Reichsbanners. Die andere "Öffentlichkeit" weiß nichts anderes, als daß es sich um einen verdienten Schulmann handelt... Man sieht wieder, daß die Menschen, so aufrichtig, wie sie tun, nicht sind. Es kleben ihnen immer die Eierschalen an. Wir aber haben alle Ursache, dem Ausgang der Sache mit Ruhe entgegen zu sehen und dann sind wir vielleicht in der Lage, über sie zu schreiben: Bedauerliche Vorgänge."

Die DNVP ließ es mit einer kleinen Anfrage bewenden, die nicht zu einer Landtagsdebatte um den 'Fall Stenger' führte. Die Leser der BZ wurden am 2. Dezember unterrichtet:

"Im preußischen Landtag ist folgende kleine Anfrage (Bachem D.Ntl.) eingegangen: Der Studiendirektor Stenger in Betzdorf/Sieg, gegen den durch den Minister Becker ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden ist, ist, trotzdem die gegen ihn zum Teil von berufsmäßigen Denunzianten gemachten Vorwürfe, die überwiegend belanglos erscheinen, zum Teil viele Jahre zurück liegen und schon als erledigt angesehen wurden, mit sofortiger Wirkung vorläufig seines Amtes entsetzt worden. Diese Form der Maßregelung steht in schroffem Gegensatz zu der Geduld und Langmut, die der Herr Minister gegenüber einem Manne von der Art des Herrn Lessing in Hannover walten ließ. Billigt das Staatsministerium die Haltung des Herrn Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung?"

Bachem war Landtagsabgeordneter des hiesigen Wahlkreises Koblenz-Trier. Theodor Lessing (1872-1933), Journalist, Philosoph und Hochschullehrer in Hannover, hatte neuerdings, 1925 mit einer Charakterstudie Hindenburgs vor dessen Wahl gewarnt, was nach Hindenburgs Sieg 'folgerichtig' zu einer antisemitisch gefärbten Kampagne der politischen Rechten gegen ihn führte. Lessing mußte sein Lehramt an der Hochschule aufgeben (lehrte dann, physisch bedroht, nur noch an der Volkshochschule). Er floh zwar 1933 gleich ins Ausland, aber seine Verfolger ermordeten ihn am 8. August 1933 in Marienbad. In den Augen des Abgeordneten Bachem war Lessings 'Beleidigung' Hindenburgs (vor der Wahl) offenbar vergleichbar mit Stengers Mißachtung der Verfassung.

Am 14 Dezember erschien in der sozialdemokratischen Kölner "Rheinischen Zeitung" eine Notiz, teilweise fett gedruckt: "Der Kultusminister greift ein / Disziplinarverfahren gegen Studiendirektor Stenger - und die anderen?":

"Der Kultusminister teilt auf eine Kleine Anfrage im Landtag mit, daß gegen den Studiendirektor Stenger aus Betzdorf das förmliche Disziplinarverfahren eingeleitet worden ist. Stenger, dessen Hetzreden in der "Rheinischen Zeitung" mehrmals angeprangert worden sind, wird beschuldigt, sein Amt planmäßig zu Förderung von Bestrebungen gegen die Republik verletzt zu haben. Auch soll er außerhalb des Amtes die ihm als Beamten gezogene Grenze verletzt haben. - / Mit der Eröffnung des Disziplinarverfahrens wird endlich einem ganz unhaltbaren Zustand ein Ende gemacht. Endlich greift der Minister in die Wespennester, die in gewissen Schulen im Kreise Altenkirchen zu finden sind. Stenger ist kein Einzelfall. Auch in Altenkirchen fühlen sich Rektor und Lehrer berufen, Reden zu halten, in denen die Verfassung lächerlich gemacht wird, und Schüler gegen das Reichsbanner und die Reichsfarben aufzuhetzen ... Wir verlangen, daß die Schulen im Kreise Altenkirchen endlich von gewissen monarchistischen Gehaltsempfängern gesäubert werden."

Zu dem nunmehr klaren Vorgehen, von dem Daum in seinem Brief an Bohner gesprochen hatte, zählte, daß Dinkelacker, während die Voruntersuchung lief,. unter dem 8. Dezember über das Provinzialschulkollegium eine Beschwerde an den Kultusminister einreichte, die Fritz Stengers Äußerungen über ihn in der Antwort des Direktors auf die Fragen im Kuratorium zum Gegenstand hatte, nämlich die Behauptungen, er sei als Klassenlehrer nicht geeignet und habe ungerechtfertigte Wünsche der Schüler vertreten, er habe Parteipolitik in die Schule getragen, er habe schon mal beim Minister Beschwerde erhoben und leichtfertige Behauptungen aufgestellt, er habe seine Rechte als Lehrer in "gehässiger Weise und unvornehmer Art" verfochten, er sei 'Hintermann' und 'Inspirator' Daums. Letzteres habe Stenger auch zu Heinrich Lake und zu dritten Personen, außerhalb des Kollegiums, geäußert. Da diese Behauptungen zu einem guten Teil die Voreingenommenheit der Elternversammlung verursacht hätten, bitte er den Minister, Stenger aufzufordern, den Beweis für seine ehrenrührigen Behauptungen anzutreten.

"ich halte es daher vorher nicht für nötig, mich meinerseits zu den erhobenen, mich schwer kränkenden Vorwürfen zu äussern, sondern begnüge mich damit, zunächst nur auf das zu verweisen, was ich bei meiner Zeugenvernehmung in dem Disziplinarverfahren zu Protokoll gegeben habe. / Wenn aber, woran ich nicht zweifle, ein Beweis für diese beleidigenden Vorwürfe nicht erbracht werden kann, muss ich im Interesse meiner ferneren Amtstätigkeit die Zurücknahme dieser Beleidigungen durch den Herrn Direktor verlangen und meiner vorgesetzte Behörde dringend darum bitten, für die Wiederherstellung meines guten Rufes überall da, wo es meiner Berufstätigkeit wegen erforderlich ist, Sorge zu tragen."

Mit der Beschwerde wollte Dinkelacker vermutlich erreichen, daß vom Disziplinarverfahren abgesehen, die Koblenzer Behörde die öffentlichen Beschuldigungen gegen ihn (Elternversammlung, Zeitungsmeldungen) nicht auf sich beruhen ließ, was zu befürchten war.

Die Koblenzer teilten ihm am 24.12 mit, daß sie seine Eingabe nicht prüfen könnten, weil die fraglichen Dokumente, Bestandteile der Verfahrensakten geworden seien und diese zur Zeit nicht zugänglich seien. Am 8. Januar schrieb Dinkelacker dann, daß er doch ein berechtigtes Interesse an baldiger Prüfung habe und daher Daum gebeten habe, Kopien der Dokumente an die Behörde zu schicken. Ausserdem bitte er um eine vollständige Abschrift der Resolution der Elternversammlung. Darauf kam die Antwort am 3. Februar, in der Herr Jungbluth mitteilte, daß auch die fragliche Entschließung Bestandteil der Akten sei, die inzwischen beim Minister lägen. Am 4. März 1927 schließlich wurde mitgeteilt, daß man nach rechtskräftiger Erledigung des gegen den Studiendirektor Stenger eingeleiteten Disziplinarverfahrens auf die Beschwerde ("Ihre Bescheide") zurückkommen werde. Irgendwo war wohl doch der Wurm in dem Verfahren.

* * *


[1]"Zur Besprechung der durch die vorläufige Amtsenthebung des Herrn Direktors Stenger entstandenen Lage findet am Samstag, den 20. November ds. Js. abends 8 ½ Uhr in der Aula des Realgymnasiums eine Elternversammlung statt. Zu dieser Versammlung werden die sämtlichen Eltern der Schüler des Gymnasiums (Väter und Mütter) dringend eingeladen. Diese Einladung ist als Ausweis am Eingang in die Aula vorzuzeigen. Der Vorsitzende des Elternbeirats am Realgymnasium Betzdorf-Kirchen."

[2]Zitiert nach Betzdorfer Zeitung vom 19.11.26

[3]Von der Aufregung, die innerhalb der Famlie entstand, zeugt ein Brief von Klaras Bruder Karl vom 10 Dezember, der offenbar 'aus allen Wolken gefallen war', als man ihm die Siegener Zeitung zugeschickt hatte. Er schrieb an Alfred: "Da die ganze Angelegenheit dort offenbar Auswirkungen von tief einschneidender Bedeutung für unsere ganze Familie zu haben scheint, finde ich es erstaunlich, daß ich nicht von Dir bis in alle Einzelheiten über die ganze Affäre unterrichtet worden bin. - Es handelt sich doch nicht nur um Dich, sondern um uns alle aus unerer Heimat. - Ich bitte um ungehenden ausführlichen Bericht und wenn ich gebraucht werde, stehe ich zur Verfügung." Alfred antwortete umgehend und konnte den Schwager beruhigen.

[4]Vermutlich wäre hier der Oberberginspektor Peter/Betzdorf zu nennen, ein Mitglied des 8 köpfigen Elternbeirats.

[5]In einem Brief Daums an Dinkelacker vom 25.11.26 ist die Rede von Rudolf Bühring, der sich durch Clara Dinkelacker von der Unrichtigkeit der verbreiteten Ansichten über ihren Mann hatte überzeugen lassen und seine Mitschüler in der Oberprima zumindest in einen Zwiespalt gebracht hätte. Daum schlug Dinkelacker vor, sich mit einer verständnisvollen Erklärung in den 'Siegblättern' zum Verhalten der Schüler den Zwiespalt zu Nutze zu machen, worauf der nicht einging. (Durchschlag PALS). Bühring, Arztsohn aus Eiserfeld, wohnte in Pension bei Dinkelackers. Zum ersten des folgenden Monats beendete sein Vater wortlos die bis dahin freundschaftliche Unterbringung.

[6]H. Nies ('und Familie') schrieb aus Frankfurt am 20.2.27: "Wer, wie ich die Betzdorfer Pappenheimer kennt, kann nicht anders, als Ihnen recht zu geben. So bin ich ganz ihrer Meinung und kann Ihnen nur raten, jetzt, wo sich alles gegen Sie verschworen hat, rücksichtslos vorzugehen. Endlich muß es an maßgebender Stelle bekannt werden, daß gerade in Betzdorf auch ein Herd derjenigen Widerstände zu suchen ist, die eine Annäherung der einzelnen Volksglieder im Inneren und eine Verständigung mit unseren ehemaligen Feinden verhindern wollen und, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nur ihre eigenen "Belange" (verzeihen Sie den abgedroschenen "völkischen" Ausdruck für Interessen) im Auge haben. Daß ich mit der Politik der sog. bürgerlichen Rechen nicht einverstanden war, war in Betzdorf ja auch bekannt und hat mir zum Glück wahrscheinlich auch meine Versetzung nach hier gebracht..." Unter dem 1. 12. 26 schrieben drei Kollegen aus Bad Kreuznach: "Aus den Zeitungen hören wir von den Vorgängen am Gymnasium zu Betzdorf. Sie sind dem Direktor, der monarchistische Bestrebungen an der Schule anregte und förderte, entgegengetreten und haben auf Abhilfe gedrängt. Dafür werden Sie jetzt von Eltern und Schülern angefeindet. Wir wissen, wie rücksichtslos der Gegner ist. Daher möchten wir Ihnen in den schweren Kampfstunden unsere Sympathie aussprechen." Beide Briefe handschriftlich.

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