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Endspiele

Inzwischen formierte sich die Anhängerschaft Fritz Stengers: am 4. April 1927 schrieb die BZ: "Vereinigung ehemaliger Schüler des Realgymnasiums"[1]:

"Als im vorigen Jahre das Jubiläum des 25jährigen Bestehens des Realgymnasium festlich begangen wurde, waren aus diesem Anlaß die ehemaligen Schüler der Anstalt aus Nah und Fern herbeigeeilt, um der Schule und ihren Lehrern, die ihnen lange Jahre hindurch Erzieher und Berater waren und ihren Geist für die harten Aufgaben des Lebens stählten, einen Beweis ihrer Treue und Dankbarkeit zu geben. Schon damals war geplant, eine Vereinigung aller ehemaligen Schüler zu gründen, die den Geist christlich-deutscher Sitte und Art, wie er auf der Schule gelehrt wurde, weiterpflegen und ein Band guter Kameradschaft um alle Schüler schlingen sollte ... Samstag abend fand nun im Deutschen Haus eine Versammlung von ehemaligen Schülern mehrerer Jahrgänge statt, die den Gedanken der Gründung wieder aufgriff und in die Tat umsetzte. Nach Festsetzung der Statuten wurde der engere Vorstand gewählt, der sich aus folgenden Herren zusammensetzt: Ehrenvorsitzender Studiendirektor Stenger, 1. Vorsitzender Dr. Holschbach/Wissen, 2.Vorsitzender Fabrikant Erich Reckling/Eiserfeld, Schriftführer Lehrer Erich Sabath/Betzdorf, Stellvertreter Dr. W. Meyer/Betzdorf, Kassenwart Anton Gödinger/Betzdorf. Ferner wurden Vertrauensleute für die Hauptorte der Kreise Altenkirchen, Siegen und Waldbröl gewählt, die engere Fühlung mit den Schülern ihrer Bezirke halten sollen. Diese Vertrauensleute bilden den weiteren Vorstand. Es sind die Herren: Dipl. Ing. Kurt Vogel für Kirchen, Hannes Siebel, Kaufmann, für Freudenberg, Karl Thomas, Kaufmann, für Herdorf, Zahnarzt Dr. Hassel für Wissen; Dr. Peil, Arzt, für Hamm; Emil Fuckert, Kaufmann für Daaden; Erich Reckling, Fabrikant für Siegen und Umgebung, Rendant Hermann Roth für Neunkirchen, Dr. Pfeiffer für Altenkirchen; Dipl.Ing. W. Ständebach für Gebardshain und Umgebung; Franz Poppel für den Kreis Waldbröl, Regierungsrat Eintz/Hagen für alle übrigen Schüler."

Das war also der erste "Verein Ehemaliger" der Schule. Der heutige ist eine freiere Neugründung der fünfziger Jahre. Gab es keine Erinnerung mehr an den Vorgänger?

Der "Fall Stenger" blieb im Kreis Altenkirchen nicht ganz einmalig. Die SB schrieben am 14 Februar 1927, daß dem Rektor Wagner in Altenkirchen aufgrund einer Beschwerde der Republikanischen Beschwerdestelle von der Regierung ein Verweis erteilt worden sei:

"Ganz abgesehen davon, daß Sie in Ihrer Ansprache bei der diesjährigen Verfassungsfeier mit keinem Worte die hohen idealen und sittlichen, in unserer Verfassung festgelegten Werte berührt haben, ist die von Ihnen gewählte Begriffserklärung des Wortes Verfassung zum mindesten in hohem Maße geschmacklos und war geeignet, erhebliche Mißverständnisse, wie sie tatsächlich zu Tage getreten sind, hervorzurufen..."

Willkommener Anlaß für die BZ, unter dem 24. Februar 1927 an den Fall Stenger zu erinnern:

"Die Hetze des Reichsbanners und der Republikanischen Beschwerdestelle gegen die höheren Schulen des Kreises Altenkirchen nimmt infernalische Formen an. Sattsam bekannt ist das Vorgehen gegen den Studiendirektor Stenger vom Realgymnasium zu Betzdorf, an dem die gesamte Bevölkerung des Kreises mit Liebe und Verehrung hängt. Das gegen ihn auf Grund übelster Denunziation herbeigeführte Disziplinarverfahren scheint nun ins Endlose hinausgezögert zu werden..."

Im Juni 1927 tagte die Kreissynode in Altenkirchen und die BZ berichtete:

"Endlich erwähnte der Superintendent (Pfarrer Leibnick) noch die uns Evangelischen rätselhafte und geradezu unerträglich erscheinende Behandlung des hochverdienten Studiendirektors Stenger in Betzdorf. Einmütig faßte die Synode folgende Entschließung, die auch dem Herrn Kultusminister und den Franktionen des preußischen Abgeordnetenhauses mitgeteilt werden soll: "Die Synode spricht einstimmig ihr tiefstes Bedauern aus, daß der so verdienstvolle Direktor des Realgymnasiums zu Betzdorf, Herr Studiendirektor Stenger, der treue Christ und Bekenner des Evangeliums, der glühende Patriot, der sein Volk und Vaterland so lieb hat, der es so meisterhaft verstand, vor seinen Schülern die Größe Deutschlands in der Vergangenheit in lebendiger Weise aufleben zu lassen immer mit dem Hinweis auf die religiös-sittlichen Kräfte, ohne die auch ein Aufbau unseres Volkes in der Gegenwart nicht möglich ist - daß dieser Mann nach unserer Überzeugung ohne Grund aus seiner reich gesegneten Arbeit vorläufig entfernt worden ist. Sie tut ihm ihre einmütigste innigste Teilnahme kund mit dem Ausdruck der Entrüstung über die ganze Behandlung dieses Falles, der vielleicht erst zur Erledigung kommen soll, wenn Stengers Ausscheiden aus dem Amte nach Vollendung des 65. Lebensjahres notwendig wird."

'Seilschaften' aus der Kaiserzeit? Sollte wirklich kein Synodaler Verständnis für den 'Freund evangelischer Freiheit' und Leser der 'Christlichen Welt' gehabt haben?[2]

Im nächsten Akt des Theaters wurde im Kuratorium der Wunsch geäußert, Fritz Stenger (der nach wie vor vom Dienst suspendiert war und im September 1927 die Altersgrenze erreichen würde) mit einer Feier in den Ruhestand zu verabschieden. Jakob Daum wies in einem Schreiben an Landrat Boden auf die Problematik einer solchen Feier hin:

"... Eine solche Feier müßte doch in der ganzen Öffentlichkeit, besondrs aber in den Kreisen, denen der Herr Direktor Stenger durch seine amtlich und außeramtlich in so starkem Maße zutage getretene extrem politische Stellungnahme immer und immer wieder vor den Kopf gestoßen hat, geradezu als gewollte Demonstration gegen das noch schwebende Disziplinarverfahren aufgefaßt und von seinen nächsten Anhängern wohl auch dargestellt werden und damit einen das Ansehen der Staatsbehörden schädigenden Charakter erlangen."

Bei Gelegenheit konnte man dann in der BZ lesen, das Kuratorium habe dem Pensionär zum Abschied ein sehr schönes Hindenburgporträt überreicht. Eine salomonische Lösung.

In Betzdorf fand selbstverständlich eine 'großartige' Abschiedsfeier statt. Die Titelseite der BZ vom 1. Oktober war ganz "Unserem Hindenburg" (Überschrift) zu seinem achtzigsten Geburtstag gewidmet, und auf der zweiten Seite erschien - fast ganzseitig - der Bericht über die "Abschiedsfeier für Studiendirektor Stenger". Veranstalter war der im Frühjahr gegründete Verein ehemaliger Schüler. Der Germaniasaal war 'übervoll', Fabrikant Reckling/Eiserfeld hielt die Rede zum Hindenburg-Motto: "Die Treue ist das Mark der Ehre". Die Schülerkapelle spielte den Pilgerchor aus Tannhäuser. Und natürlich wurden "Ich hab mich ergeben", "Was ist des Deutschen Vaterland" und "Der Gott, der Eisen wachsen ließ" gemeinsam gesungen, der Männergesangverein Germania trug "Gott grüße dich" und "Flamme empor" vor, und der Kirchenchor, dem Stengers angehörten sang "Nun zu guterletzt". Geredet hatten außer Reckling Studiendirektor Heer, ein ehemaliger Betzdorfer Kollege, Fabrikant Sohn, das älteste Mitglied des Kuratoriums, Amtsgerichtsrat Schlüter, der Vorsitzende des Elternbeirats, Pfarrer Winterberg, der Ortspfarrer, und natürlich Direktor Stenger, der zum Schluß das Realgymnasium und die ganze Schulgemeinde hochleben ließ. Die BZ formulierte zusammenfassend: "Treue um Treue".

Die Schulverwaltung kam schließlich auf Dinkelackers Beschwerde zurück, zunächst in einem Brief vom 16. September 1928 an den neuen Direktor der Schule:

"Über den Fall Stenger ist allmählich glücklicherweise etwas Gras gewachsen. Da ist es denn sicherlich der Wunsch aller Einsichtigen, dass der Frieden an der dortigen Anstalt und ihre ruhige Arbeit nicht irgendwie aufs neue gestört wird. Diese Gefahr droht aber insofern, als eine alte Beschwerde von Herrn Studienrat Dr. Dinkelacker noch nicht entschieden ist, weil sie mit Rücksicht auf das Disziplinarverfahren Stenger hatte zurückgestellt werden müssen. Nachdem das Verfahren selbst aber abgeschlossen ist, würde es an sich notwendig sein, nunmehr auf Herrn Dinkelackers Beschwerde einzugehen. Andererseits läge es wohl im Interesse aller, die alten Dinge nun auch wirklich ruhen zu lassen. Da wir aber die Behörde auf keinen Falle Anschein aussetzen wollen, als bo sie eine Sache "totgeschwiegen" habe, möchten wir uns das Einverständnis von Herrn Studienrat Dr. Dinkelacker mit einem stillschweigenden Ruhenlassen der nunmehr Jahr und Tag zurückliegenden Dinge vergewissern. Im Einvernehmen mit Herrn Oberschulrat Dr. Jungbluth bitte ich Sie daher, Herrn Dr. Dinkelacker in diesem Sinne zu befragen und mir demnächst Mitteilung darüber zukommen zu lassen."

Dinkelacker antwortete am 5. Oktober:

"... Nachdem ich indirekt von Seiten des Ministeriums (siehe Anlage) darüber unterrichtet bin, wie in Sachen Stenger die Entscheidung gefallen ist, bin ich gerne bereit, von jeder Genugtuung seitens des Direktor Stenger abzusehen. Das Ergebnis der Untersuchung ist mir ihm gegenüber, mit dem ich dienstlich nichts mehr zu tun habe, Rechtfertigung genug. / Anders liegt für mich die Sache bezüglich des Lehrerkollegiums und des Elternbeirats, bezw. der Elternschaft der Schule."

Man hatte es nicht für notwendig (oder nicht für opportun?) gehalten, das Untersuchungsergebnis mitzuteilen. Dinkelacker verlangte daher, daß das anliegende Schreiben von Staatssekretär Lammers an Theodor Bohner vor Lehrerkollegium und Elternbeirat offiziell verlesen werde und gleichzeitig die Erwartung ausgesprochen würde, daß ihn niemand mehr mit anzüglichen Bemerkungen behellige. Auch solle die Behörde bedauern oder mißbilligen, daß seinerzeit in der Resolution der Elternversammlung das Vorgehen des Ministers als "übereilter, durch nichts gerechtfertigter Schritt" bezeichnet wurde, und die nächste Elternversammlung solle von der Stellungnahme der Schulverwaltung in Kenntnis gesetzt werden. Inzwischen hatte der Beschwerdeführer sich nämlich genötigt gesehen, unter dem 14. Februar 1928 noch einmal auf den ausstehenden Bescheid hinzuweisen, weil im Kollegium jemand gegen seine Wahl zum Kuratoriumsmitglied (es mußte ein Protestant sein) argumentiert hatte, daß sein ganzes Verhalten in der Sache Stenger es einem großen Teil der Herren des Kollegiums, insbesondere der evangelischen, unmöglich mache, ihm ihr Vertrauen zu schenken. Dinkelacker hatte, auch in Anbetracht der neuen Kollegen, nur sein gutes Gewissen betont und gemeint, er hätte gehofft, man würde endlich (in amtlichen Angelegenheiten) über diese Dinge hinwegkommen. Da hatte der Kollege (vermutlich Wilhelm Arnold, der dann gewählt wurde) gesagt, es sei unmöglich, diese Dinge zu vergessen.

Ende Januar hatte der Staatsrechtsprofessor Helfritz in Wroclaw die öffentliche Mißbilligung des Kultusministers erfahren. Helfritz hatte in der "Schlesischen Zeitung" geschrieben:

"Wer sich ein klares Urteil und den Sinn für Gerechtigkeit bewahrt hat, denkt warmen Herzens und voll innerer Anteilnahme seines ehemaligen obersten Kriegsherrn, seines Kaisers und Königs. Die freventliche Revolution such nachträglich nach Entschuldigungsgründen..."

Die BZ kommentierte am 13.3. 1928:

"Nach der vorausgegangenen Einleitung dieser Mitteilung ist ohne weiteres klar, daß in diesen Ausführungen auch nicht ein Tüpfelchen über dem i auszusetzen ist. Aber der Kultusminister Dr. Becker, der sich in der Stengeraffaire in Betzdorf mit so viel Ruhm bedeckt hat, kann es doch nicht über sich gewinnen, hier keinen Anstoß zu nehmen.

Mit Schreiben vom 3. November 1928 teilte die Behörde Dinkelacker endlich mit, daß sie den Direktor ersucht habe, in einer Konferenz den Einstellungsbeschluß des Verfahrens nebst Gründen zu verlesen und ihn auch ermächtigt habe,

"in derselben Weise dem Elternbeirat von der Entscheidung des Herrn Ministers vertraulich Kenntnis zu geben. Zu weiteren Maßnahmen sind wir teils aus rechtlichen, teils aus sachlichen Gründen nicht in der Lage."

Das wars. Der Elternbeirat sei keine amtliche Instanz, an die sich die Behörde wenden könne. Wenn aus Kreisen der Elternschaft beleidigende Behauptungen kämen, stünde ja der Weg der gerichtlichen Klage offen. So 'vorsichtig' war die Schulverwaltung. Kollegium und Elternschaft wurden 'vertraulich' in Kenntnis gesetzt. Dinkelacker hoffte, seine Ruhe zu haben. Hier das entscheidende Endergebnis der Untersuchung im Wortlaut:

"Auf das Schreiben vom 19. August d. Js. erwidere Ich ergebenst folgendes: / Nach dem Ergebnis der Voruntersuchung hat Studiendirektor Stenger in Betzdorf/Sieg sich in den Jahren 1919 bis 1926 einer Reihe von Amtspflichtverletzungen schuldig gemacht, die in ihrer Gesamtheit an sich die Fortführung des Verfahrens mit dem Ziele der Entfernung aus dem Amte gerechtfertigt hätten. Stenger war aber vor Abschluss des Verfahrens auf Grund des Altersgrenzengesetzes mit dem 30. September 1927 in den Ruhestand getreten. In der Erwägung, dass seine Verfehlungen lediglich die Aberkennung des Anspruchs auf Ruhegehalt nicht rechtfertigen würden, habe ich damals davon abgesehen, das Verfahren weiter fortzuführen, und es durch Beschluss vom 21. März 1928 eingestellt. In besonderer Hochschätzung Ihr sehr ergebener[3] "

Das war die "Entscheidung des Herrn Ministers" in Gestalt einer Antwort seines Staatssekretärs an den Abgeordneten, der in der Sache schon 1925 die Initiative ergriffen hatte, fast zwei Jahre nach der Eröffnung des Verfahrens und 5 Monate nach seiner Einstellung. Jahre, die die Betzdorfer Schule veränderten. Sie verschloß sich nicht länger der Republik.

* * *

Damals, als die Untersuchung in vollem Gang gewesen war, provozierte ein Brief des Kollegen Wilhelm Arnold vom 21. Dezember 1926 an Clara Dinkelacker, die Patin seiner Tochter und Freundin seiner Frau, zu einer Rückschau und einem Urteil aus ihrer Sicht. Arnold hatte ihr geschrieben:

"Ich frage mich nur - und alle ihre guten Freunde und Bekannten von ehedem tun das - wie ist das möglich? Was ist es anders als Wortklauberei, wenn Ihr Mann behauptet, er habe mit den Dingen, die zur Beurlaubung des Herrn Stenger geführt haben, nichts zu tun. Möglich wäre ja immerhin, dass er hinter der letzten Sache nicht unmittelbar steht. Doch hat er in jahrelanger planmässiger Wühlarbeit das Material zusammen getragen auf Grund dessen letzten Endes gegen Herrn Stenger das Verfahren mit dem Ziel der Amtsenthebung und der Entziehung der Pension(!) eröffnet worden ist... Sollte all das in Ihnen nicht vielleicht doch die Vermutung aufkommen lassen, dass Ihr Mann schuld ist an den geradezu unerträglichen Verhältnissen, wie wir sie jetzt hier haben? ... Die ganze Untersuchung hat ja bewiesen, dass er fast hinter allem steht... Und wenn Sie nun wirklich so überzeugt von der Unschuld Ihres Mannes sind, warum rücken Sie dann nicht von dem Herrn D. ab? Oder hat dieser vielleicht mit der ganzen Sache auch nichts zu tun? ... Ich bin völlig irre an Ihnen geworden: ich konnte mir eben nicht denken, dass Sie - falls Ihnen nichts verschwiegen worden ist - die ganze Handlungsweise Ihres Mannes verstehen und gutheissen ... In Anbetracht der ganzen Lage führen unsere Wege leider auseinander, einer Erkenntnis, der sich auch meine Frau nicht verschliessen kann."

Darauf hin schrieb Clara Dinkelacker nach Weihnachten, unter dem 29. 12. 26:

"...Nach fast zwanzigjähriger Freundschaft sind Sie an mir irre geworden, weil ich an meinen Mann glaube und ihn nicht für schuldig halte ... Als mein Mann hierher kam, hat er es bald empfunden, dass Herr Stenger in manchen Dingen für den Schulbetrieb eine Hemmung war. Das ist ihm durch Äusserungen von verschiedenen Seiten bestätigt worden, und ich kann mich noch daran erinnern, dass Sie mir persönlich einmal erklärten, schon so vieles versucht, aber nichts erreicht und darum alle Bemühungen aufgegeben zu haben. Wenn mein Mann an dieser Tatsache nicht stillschweigend vorüber gehen konnte, einfach aus einem Verantwortungsgefühl der Jugend gegenüber, so habe ich das verstanden. Ich habe mich aber auch immer bemüht, Herrn Stenger gerecht zu werden, weil er mir als Freund meines Vaters wert war ... Ich bin auch nicht kritiklos an allem (was ihr Mann tat KS) vorübergegangen, weil ich auch den nächsten Menschen gegenüber wahr sein muss. Das gehört für mich zu dem Begriff Liebe... Ich habe auch einmal, um nichts unversucht zu lassen, mit Herrn Dr. Wolf über diese Dinge gesprochen. Er hat aber , wohl aus dem Gefühl heraus, mir "Wahrheiten" über meinen Mann sagen zu müssen, in einer so gefühlsrohen Weise auf mich eingeredet, daß sich mein ganzes Empfinden als Frau darüber empörte... Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, Herr Dr.. Was man Herrn Stenger zugute hält als mannhaftes Eintreten für seine Überzeugung, das wird meinem Mann verdacht u. man versucht es auf alle Art und Weise, sein Tun herunterzuziehen und ihm Dinge zu unterschieben, an die er nie gedacht hat. Er hat doch wahrhaftig um seiner Überzeugung willen, dass man in der Jugend das Verantwortungsgefühl vor den Aufgaben im neuen Staat wecken und pflegen müsse, Dinge auf sich genommen, die fast unerträglich waren. Nur der Gedanke, dass Herr Stenger bald pensioniert würde, hat ihn schliesslich bewogen, sich in die Verhältnisse zu schicken ... Sie erwähnen in Ihrem Briefe auch Herrn Daum und können nicht verstehen, dass ich von diesem Mann nicht abrücke. Ich nehme vorweg, dass ich auch ihm keine Schuld an diesem Verfahren gegen Herrn Stenger beimesse... Da ich durch den Briefwechsel zwischen Herrn Stenger und Daum einen ganz klaren Einblick in die Dinge bekommen habe, kann ich den Schritt von ihm voll und ganz verstehen, weiss aber zugleich, dass er mit diesem Verfahren nichts zu tun hat, so sehr auch der Schein gegen ihn spricht ... Mein Mann hat mir in meinem Handeln völlige Freiheit gelassen und es immer verstanden, dass ich mich mit den Menschen hier durch gemeinsame Erinnerungen an frühere Zeiten verbunden fühlte. Das gilt auch noch besonders in Bezug auf meine Freundschaft mit Ihnen, Herr Dr.. Heute muss ich allerdings aus Äusserungen schliessen, dass man dieses falsch gedeutet und es mir so ausgelegt hat, als stände ich in meinem Urteil eigentlich auf der Gegenseite... Wenn ich persönlich es auch versuchen will, innerlich über Herrn Stengers Verhalten meinem Mann gegenüber hinwegzukommen und es von ganzem Herzen bedauere, dass er am Schluss seiner Amtstätigkeit solch ein Verfahren erleiden muss, so kann ich es von meinem Mann aber voll und ganz verstehen, dass er alle Rücksichten fallen lassen musste, nachdem man sich in der Elternversammlung auf diese Weise über ihn äusserte und Behauptungen in die Öffentlichkeit brachte, die durch nichts erwiesen waren. Für ihn war es jetzt ein unumgängliches Muss, um seiner Familie willen für Ehre und Wahrheit einzutreten, ganz abgesehen davon, dass der Zeugeneid ihn dazu verpflichtete, nichts zu verschweigen und dieses letztere wiederum nicht allein um seinetwillen sondern der Sache willen. Aus diesen ganzen Gedankengängen heraus bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass mein Mann auch nicht "letzten Endes" die Schuld an dem Verfahren trifft. Meiner Meinung nach liegen die Dinge so: Die Tatsache, dass Herr Direktor Stenger bei seiner Einstellung zum neuen Staat im Amte blieb und damals nicht die letzten Konsequenzen um seiner Überzeugung willen zog, musste mit Notwendigkeit zu diesem ganzen tragischen Konflikt führen, sobald ihm ein Mann mit positiver Einstellung gegenübertrat. Letzten Endes trägt meiner Ansicht nach Herr Stenger selbst die Schuld an dem ganzen Geschehen, unter dessen Folgen alle leiden. / Ich möchte aber eigentlich überhaupt von keiner Schuld sprechen. Ich muss, unter Zurückstellung all der schweren persönlichen Dinge, sowohl für Stengers wie für uns die ganze Angelegenheit als ein Zeitgeschehen ansehen und sie unter das Wort Raabes stellen: "Schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit". Nur das bewahrt mich vor Bitterkeit und Enttäuschtsein... Unsere wahren Freunde sind uns alle geblieben und, so schwer die Ereignisse der letzten Wochen auch gewesen sind, eins haben sie mir gebracht: Klarheit über Menschen und Dinge!"

* * *


[1]Auf derselben Seite druckte die BZ, ausführlich 'kommentiert', eine Antwort der SB auf einen anonymen Artikel der BZ vom 28. März, "Ist der Kreis Altenkirchen reaktionär", zusammen mit einer ebenso kommentierten Antwort des eben (planmäßig) versetzten (protestantischen) Regierungsassessors Dr. Hübner im Landratsamt, der von dem Anonymus offenbar aufs übelste angegriffen worden war. Die SB hatten über den anonymen Artikel geschrieben: "Das Geschriebene ist geistiger Unrat. Das ungeschriebene, das man zwischen den Zeilen lesen muß, ist der in der Überschrift bestrittene Haß gegen die Republik und die Republikaner, ist ferner das Bestreben, bewußt und mit Absicht den Regierungsassessor Dr. Hübner der Liebedienerei, des unehrlichen Strebens nach der Gunst der höheren Behörde zu zeihen." Die BZ kommentierte: "Staatspolitisches Denken kommt nicht in Betracht, parteipolitische Agitation ist ihnen alles; selbst wenn darunter der Bürgerfrieden leidet und der Bürgerkrieg heraufbeschworen wird."

[2] Ein Freund der Familie, Theo Müsse, war einige Zeit Pfarrer in Hamm, bevor er 1933 nur knapp der Amtsenthebung entkam und in ein Hunsrückdorf versetzt wurde. Aber das mag später gewesen sein.

[3]Schreiben von Staatssekretär Lammers im RMWKV an Theodor Bohner vom 28.8.1926. Abschrift

 

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