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Eine neue Schule?

Vielleicht konnten gerade 'kriegserprobte' Menschen mit 'friedlichen Niederlagen' nicht gut umgehen, weil die Kriegspsychologie das "Sieg oder Niederlage" Denken suggerierte und den absoluten Willen gegen das Realitätsbewußtsein setzte. Doch war erstaunlich, wie schnell nach dem Sturm wieder Ruhe einkehren konnte, jedenfalls einigermaßen. Gewiß war Fritz Stenger tief gekränkt. Aber sein Disziplinarverfahren hatte schließlich glimpflich geendet.

Mit Heinrich Lake war zum 1. Dezember 1927 ein Nachfolger berufen worden, von dem Stenger einmal anerkennend geschrieben hatte, daß er "am Krieg von Anfang bis zu Ende als Mitkämpfer teilgenommen hat"[1]. Nur hatte er die andere Konfession und die Betzdorfer Zeitung reagierte, gut unterrichtet, mit ausführlicher Polemik. Sie brachte am 24. September 1927 den Beschluß des Kuratoriums zur Anzeige, daß die Konfession des neuen Direktors die katholische sein soll und kommentierte:

"Aber es muß als eine Verletzung des Grundsatzes der Parität und als Störung des konfessionellen Friedens bezeichnet werden, wenn die Besetzung der Direktorstelle trotz der überwiegenden Mehrheit des evangelischen Bekenntnisses bei den Schülern mit einem Katholiken erfolgt."

Am 29. folgte, nach weiteren Kommentaren, auch zur Meinung der Konkurrenz und zu einem gegebenenfalls präjudizierenden Beispiel in Essen (Burggymnasium) ein ausführlicher Artikel, in dem festgestellt wurde, daß an der Schule fünfzehn katholische Lehrer sechs evangelischen gegenüberstünden und, nicht zu vergessen, daß der "ganz ungeheuerliche Vorwurf" gemacht worden sei, an der Schule habe ein 'katholikenunfreundlicher' Geist geherrscht:

"Für das Betzdorfer Realgymnasium fordert die evangelische Elternschaft einen evangelischen Direktor, der ihr nach der Schülerzahl und der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums zusteht."[2]

Übrigens hatten Dinkelacker und Daum zunächst auch einen evangelischen Direktor im Auge (wenn auch keinen aus dem Kollegium), nach (bei Bohner) eingeholten Auskünften zum Essener Fall den Gedanken, dafür zu kämpfen, jedoch als sinnlos verworfen. Alfred Dinkelacker schrieb am 7. November 1927 an Theodor Bohner:

"Nun ist der einzige Kollege, der sich von unserer Anstalt gemeldet hatte, Studienrat Lake, gewählt worden, ohne dass man noch irgend einen der über 100 Bewerber in die engere Wahl gezogen hätte ... Ich habe mich mit diesem Kollegen persönlich stets gut vertragen, habe aber das vermisst, dass er nie eine entschiedene eigene Meinung vertreten hat und so, trotzdem er auch Kuratoriumsmitglied war, Direktor Stenger in seinem Tun und Treiben hat ruhig gehen lassen. Ich hätte es ja grade nach all dem, was hier vorgekommen ist, entschieden für richtiger gehalten, wenn ein ganz anderer Mann von einem anderen Ort, dazu ein möglichst tüchtiger Schulmann, als Direktor hierher gekommen wäre. Aber freilich, nachdem die katholische Mehrheit des Kuratoriums unbedingt auf einem Katholiken als Nachfolger bestand, weiss man bei H. Lake wenigstens, dass er ein in konfessioneller Hinsicht durchaus versöhnliche, allen diesbezüglichen Zänkereien abholde Persönlichkeit ist... Direktor Stenger aber ist nun, wie schon erwähnt endgiltig von der Bühne abgetreten und auch in den ersten Oktobertagen von hier nach Siegen weggezogen."[3]

Im September 1927 schrieb August Monzen, ein früherer Schüler der Oberprima 1923/24 (später Landrat in Wetzlar):

"Daß die Direktorstelle ausgeschrieben ist, teilte meine Schwester mir mit; hoffentlich erhält ein guter Mensch das Amt, der der ganzen Anstalt einen anderen, besseren Geist aufzuprägen weiß! ... Bald ist auch der Oktober wieder da. In diesen Tagen erinnere ich mich stets mit großer Freude jener schönen Tageswanderung, die Sie vor Jahren mit uns, Ihren damaligen Primanern, durch die Berge und hohen Buchenwälder der Umgebung Freusburgs machten. S'ist eigentlich sehr schade, daß wir solch schöne Wanderungen nicht häufiger machen durften, zumal Sie mit so großer Liebe und Hingabe sich Ihrer damaligen Prima widmeten, eine Hingabe, die leider nur von wenigen aus uns bemerkt und verstanden wurde; leider, leider! Möchten doch Ihre künftigen Klasse Ihnen mehr Verständnis entgegenbringen, jedenfalls aber glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können - nur das mag Ihr großer Lohn und Trost sein für all den Ärger den Sie beim Unterricht haben müssen - daß der große, schöne Eindruck Ihrer starken Persönlichkeit doch nicht ohne Wirkung bleibt..."

Fast zu viel des Guten für einen Leser von heute, aber der Lehrer damals wird sich gefreut haben.

* * *

Die Jahresberichte ab 1927/28 zeugen von der Erneuerung im Schulbetrieb. Die Trauer um die 'große nationale Vergangenheit' trat in den Hintergrund und in Beiträgen jüngerer Kollegen (Josef Teipel, "Die Bedeutung des humanistischen Gymnasiums für die Bildungsaufgaben der Gegenwart", Hans Klingelhöfer, "Der deutsche Aufsatz am hiesigen Realgymnasium, die Schüler und das Elternhaus") öffnete man sich gelöster als bisher der bildungspolitischen Diskussion. Die Animositäten im Kollegium hielten sich in Grenzen. Das Verhältnis Dinkelackers zu Wilhelm Arnold blieb gespannt, auch durch dessen Sitz im Kuratorium und den damit verbundenen Einfluß auf die Reproduktion des Lehrkörpers. Besonders jüngere Kollegen, wie Otto Blosen (seit 1929), Walter Elfering, Fritz Flur, Hans Klingelhöfer, Johann Kohlhaas, Franz Matern (1930 gestorben), Josef Teipel, pflegten dagegen freundschaftliche Beziehungen mit ihm, in der Schule und privat. Der Lehrkörper war bunter geworden, vermutlich auch im Hinblick auf die 1928/29 eingerichtete Gabelung in einen gymnasialen und einen realgymnasialen Zweig. Allerdings war die Fluktuation groß, Assessoren kamen und gingen. Im ganzen ließ sich die neue Ära wohl gut an. Noch ahnte niemand die Weltwirtschaftskrise und die soziale und politische Problematik, die mit ihr aufkam.

Alfred Dinkelacker hatte seit Ostern 1927 wieder eine Klasse, eine Untertertia, die 1933 Abitur machen würde. Aus den zurückliegenden Auseinandersetzungen war ihm ein gutes Verhältnis zu dem Oberschulrat Jungbluth, dem Dezernenten der Schule, geblieben. Er mobiliserte mit neuem Elan die eigenen pädagogischen Fähigkeiten und begann eine astronomische Arbeitsgemeinschaft. In einem Brief an Jakob Daum (der im Frühjahr 1927 eine Lebensbedrohliche Lungenentzündung überstanden hatte) schrieb er:

"Meine astronomische Arbeitsgemeinschaft, um deren Übernahme ich gebeten worden war, wird, trotzdem sie ja freiwillig ist, von 30 Schülern besucht, darunter ein Klappert etc. Ich wollte, ich würde da mehr boykottiert..."[4]

Ein 2,5 Zoll 'Kosmos' Universalfernrohr, das dem Verein Volkswohl in Betzdorf gehört hatte, ging in den Besitz der Schule über, und Dinkelacker stellte sein eigenes 'Kosmos' 3-Zoll-Instrument zur Verfügung.

"Ein besonderes Ereignis war die Beobachtung der Sonnenfinsternis in der Frühe des schulfreien 29. Juni, zu der sich denn auch freiwillig fast sämtliche Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaft gegen 6 ½ Uhr morgens auf dem Schulhof einfanden, wobei beide Fernrohre fortdauernd eifrigst benutzt wurden..."[5]

Als im Frühjahr 1928 ein Neubau geplant wurde, stellte Dinkelacker unter dem 21.April einen "Antrag auf Errichtung einer Schulsternwarte auf dem neuen Anbau des Realgymnasiums":

"Als Fachlehrer für Naturwissenschaften und Mathematik und auf Grund der besonderen Erfahrungen, die ich als großer Freund der Sternkunde gerade auch hier, u.a. durch Abhaltung eines Volksbildungskurses für Astronomie im Jahre 1921, sodann jetzt durch Abhaltung einer 'Astronomischen Arbeitsgemeinschaft' für die Oberklassen unserer Anstalt im letzten Schuljahr gesammelt habe, möchte ich die Schaffung einer einfachen, aber gediegenen Schulsternwarte auf dem jetzt zu errichtenden Erweiterungsbau des Realgymnasiums dringend beantragen..."

Am Schluß der dreiseitigen Begründung hieß es:

"Ich möchte die Begründung für den Bau einer Schulsternwarte an unserer Anstalt, die durch ihre Lage wie selten sonst eine Schule dafür geeignet wäre, schließen mit dem Hinweis darauf, daß die Schaffung einer solchen, idealen und allgemeinbildenden Zwecken dienlichen Anlage, die bis jetzt in der gedachten Ausführung noch nicht viele höhere Lehranstalten besitzen, eine besondere Zierde der Schule und damit eine Ehre für den Kreis als Patronatsbehörde bilden würde."[6]

Heute würden Straßenbeleuchtung und Ausdehnung der Wohngebiete bergaufwärts astronomische Beobachtungsmöglichkeiten einschränken, die Schule hat längst mit ihrer idyllischen Lage auch den Nachthimmel über ihr verloren. Der 'Astronom' fuhr im Sommer aus seinem Ferienort Calw zum Ulmer Blauring-Realgymnasium, um von den Erfahrungen der Kollegen mit ihrer Sternwarte zu lernen, Baupläne einzusammeln und den Kreisbaurat Metzler, den Baumeister des Betzdorfer Neubaus (und schon des Altbaus) zu beraten. Bei Baubeginn im September waren eine 3,5 m Kuppel und eine umlaufende Plattform für 30 Personen fester Bestandteil des Bauplans. Natürlich wurden auch Angebote eingeholt für ein geeignetes Instrument. Das Optische Institut Merz in Pasing bot ein Spiegelteleskop mit Zubehör für 14000 RM an und alternativ einen 5-Zoll Refraktor mit Zubehör für 3700 RM[7]. Aber als die Schule im Dezember des nächsten Jahres bezogen wurde, stand den potentiellen Geldgebern die Wirtschaftskrise ins Haus und an ein Fernrohr war vorläufig nicht mehr zu denken. Der gesamte Bau hatte 330 412 RM gekostet. Die Kuppel erschien nun als unnötiger Luxus. Der Arzt und Abgeordnete Weber/Kirchen verlangte drei Jahre später bei der Endabrechnung im Kreistag Auskunft über die zusätzlichen Kosten. Baurat Metzler bezifferte den 'Luxus' auf 6000-6500 RM[8].

* * *


[1]Fritz Stenger, Jahresbericht 1924/25, S.15

[2]Wenn man nicht annimmt, daß die Betzdorfer Zeitung Dinkelacker zum Direktor machen wollte, muß man wohl annehmen, daß sie an einen Kandidaten von außen dachte, wenn man nämlich die Namen im Kollegium durchgeht, waren Wilhelm Arnold vermutlich zu alt und Max Lohmann, zwar als deutschnationaler Politiker der richtige, aber doch wohl zu jung.

[3]Dinkelacker meinte dann noch zum Kollegen Brauneck: "Die Aussicht, mit einem solchen Fachkollegen, falls er bestätigt wird, auf die Dauer hier zusammenarbeiten zu müssen wäre die einzige bittere Pille, von dem ganzen Fall St. , der naturgemäß nie ganz überwunden werden könnte. Man sollte aber meinen, man würde einen solchen Mann, der in dem Stengerschen Verfahren zweifellos mit kompromittiert ist, wenigstens lieber an einer anderen Anstalt fest anstellen. Er hat ja als Mathematiker, Physiker und Chemiker gute Anstellungsmöglichkeiten." Zum Schluß kam er noch einmal auf die zwischen ihm und Bohner bestehende Differenz zu sprechen: "Wir können mit dem Standpunkt, dass man den Kirchen, speziell der evangelischen den Religionsunterricht so weitgehend ausliefern soll, wie Sie es vertreten, offen gestanden nicht befreunden, vor allem im Hinblick auf das wissenschaftliche Niveau dieses Unterrichts an höheren Schulen..."

[4]Brief vom 29.5.1927

[5]Heinrich Lake, Jahresbericht 1927/28 S.20

[6]Antrag in Maschinenschrift vom 21.4.25

[7]zum Vergleich: Dinkelackers eigenes 'Kosmos' Instrument kostete damals 800 RM

[8]Altenkirchener(?) Zeitungsbericht über die Abrechung der Erweiterungsbauten des Kreisständehauses und des Kreisgymnasiums vom 10(?) 11. 1932. Unter dem 31. Januar 1937(? - jedenfalls nach 35 Jahren des Bestehens der Schule) schrieb die Betzdorfer Zeitung: "Der Neubau ist später oft bekritelt worden, weil er in der pompösen Art der Schaffung einer teueren Wandelhalle und einer ebenso kostspieligen und heute völlig ungenutzten Sternwarte weit über ein vernünftiges Ziel hinausschoß." Tat er daß, oder war hier der Wunsch, einen positiven Gedanken zur Republik gar nicht erst aufkommen zu lassen, der Vater des Gedankens?

 

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