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Schüler und Lehrer auf dem Weg zu Krieg und Völkermord.

Peter Suhrkamp, später bedeutender Verleger, hatte gleich nach den Märzwahlen 1933 in der Neuen Rundschau, der viel gelesenen, literarischen und kulturpolitischen Monatszeitschrift des S. Fischer Verlags, zu den Aufmärschen im Neuen Deutschland geschrieben:

"Sinnfällig war da, was gedacht keinen Sinn ergibt und nicht recht vorstellbar ist: das Militärische als Selbstzweck, als Erfüllung und Befriedigung eines Lebensgefühls. Die militante Form, als Bild durchaus kriegerisch und gewiß nicht ohne kriegerische Tugenden, hatte ihren Sinn in sich, war zivile Lebensform. Ohne den vorangegangenen Krieg war diese reine Ausprägung sicher nicht möglich, aber dies, was zu sehen war, schloß nicht notwendig einen Krieg ein."

"Schloß nicht notwendig einen Krieg ein"? An dieser Frage schieden sich die Geister. Und war da nicht die unübersehbare rassistische Diskriminierung in der höchst polemischen Schwarzweißmalerei im ,Neuen Staat`? Ein ,Blinder Fleck` in der Wahrnehmung? Ein gestörtes Realitätsbewußtsein offenbarte sich auch in dem pathetischen Fatalismus, der den Intellektuellen Suhrkamp schreiben ließ:

"Da ist also eine Generation von Männern (die der Kriegsteilnehmer KS) mit einem abgebrochenen, aber nicht abgeschlossenen Erlebnis ...Diese Männergeneration erlebt jetzt, was sie erleben mußte: ihre Lebensform will sich im Frieden erfüllen, und sie ist auf den Staat gerichtet. Ob ihr es gutheißt oder nicht: was jetzt geschieht, hat etwas vom Gesicht einer geschichtlichen Erfüllung. Es wirkt unwiderstehlich."

Der Autor setzte noch eins drauf mit einem Seitenhieb auf Repräsentanten einer anderen ,Generation`, die sich übrigens von der der vorerwähnten ,Männer` nicht unbedingt im Alter unterschied:

"Wenn ich also jetzt frage, was geschehen ist, heißt die Antwort: die staatliche Notkonstruktion von 1918, die nur aus dem Bedürfnis entstanden war, zu retten und wozu von dem Alten eilig zusammengerafft wurde, was man im Moment noch fassen konnte, ist zusammengebrochen."

In einflußreichen Kreisen gehörte es seit 1918 zum ,Guten Ton`, die Revolution zu diskreditieren, ihre unbestreitbaren Errungenschaften an bürgerlicher Freiheit nicht zu erwähnen. Dieser Gute Ton diktierte jetzt die offizielle Darstellung.

Das neue Schuljahr begann am zweiten Mai 1933. Hitlers Geburtstag wurde nachgefeiert (Ansprache Fritz Rittershaus). Ein Ereignis für die Schulchronik, wie dann am 26. Mai die Radioübertragung eines Schlageterhörspiels, am darauffolgenden Tag eine Schlageterfeier (Ansprache Karl Brauneck), am 22. Juni eine Sonnwendfeier und eine Kundgebung des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA, Ansprache Paul Schlüpmann), am 28. Juli der Film "SA-Mann Brand", am 30 Juli die erste vieler NS-Schulungsstunden zur Geschichte des Nationalsozialismus, zum Wehrsport, zum Luftschutz, zu Hitler- Ley- und Schirachreden (am 11. November Hitlers Rede zur Reichstagswahl), wie fortan regelmäßig der 30. Januar, Jahrestag der ,Machtergreifung` (,Tag von Potsdam`), jährlich auch ein ,Tag der Auslandsdeutschen`, ein ,Heldengedenktag`, ein Muttertag und der 9. November,Tag der Bewegung`. Im Lauf der Jahre sahen die Schüler die Filme "Der Choral von Leuthen", "Deutsches Turnerfest 1933", "Volldampf voraus", "Der alte und der junge König", "Triumph des Willens" (Parteitag 1933), "Wunder des Fliegens", "Wolkenstürmer", "Tannenberg", "Männer machen Geschichte: der Marsch nach Abessinien", "Die Olympiade" (1936, I u. II), "Wer will unter die Soldaten", und am 22. Mai 1939 noch "Land in Afrika".

Zum 9. November (Jahrestag des Münchener Putschversuchs) 1933 sprach Udo Rühl. Eine Schulungsstunde am 7. Dezember 1933 widmete Otto Blosen dem Thema "Das alte germanische Heldenlied und der NS". Am 16. Dezember, zum 10. Todestag des ,patriotischen` Poeten Dietrich Eckart, redete Wilhelm Arnold. Zum 30. Januar 1934 hörte die Schule das Hörspiel "Adolf Hitler", die Ansprache zur Heldengedenkfeier am 26. Februar hielt Paul Schlüpmannn, die zum Führergeburtstag 1934 Max Lohmann, ebenso wie die zum 30. Januar 35. Am 1. Februar 1935 wurde die Wiedereingliederung des Saarlandes gefeiert, am 9. März der verunglückte ,Führer` des NS-Lehrerbundes (NSLB) und Gauleiter der ,Bayrischen Ostmark`, Hans Schemm betrauert, am 1. Mai 1935 wurden zur Kundgebung am Hohenzollernplatz die Reden von Göbbels, Schirach und Hitler übertragen, am 2. Oktober hörte die Schule die Übertragung der Hindenburgfeier in Tannenberg, am 9. die Hitlerrede zum Winterhilfswerk. Am 8. Juni 1936 wurde der Schule eine eigene Hitlerjugendfahne überreicht, am 11. September hörte sie Hitlers Parteitagsrede an die HJ. Am 9. Januar 1937 wurde der 10 Todestag H. S. Chamberlains gefeiert, am 20. Dezember zeigte die Schule eine Ausstellung in der Aula: "Der Freimaurer und sein Ritual" (was hatte es mit diesem Titel auf sich?). Am 16. März 1938 wurde der "Anschluß" Österreichs gefeiert und im September der Nürnberger Parteitag übertragen. Am 1. März 1939 wurde die Rede Görings zum "Tag der Luftwaffe" gehört, am 15. März eine Großkundgebung zur Besetzung der Tschechoslowakei.

Die knappe Schulchronik mußte politische Erwartungen im ,Neuen Staat` bedienen, sie gibt wohl nur bedingt Einblick in die Veränderung des Schullebens im Nationalsozialismus. Sie verzeichnete regelmäßig die Abordnung von Lehrern zu ,Wehrsportübungen` und Lehrgängen, von Schulklassen zu nationalpolitischen Lehrgängen. Aus der registrierten Beurlaubung zu Gauparteitagen geht hervor, daß 1935 ,die Hälfte`, 1936 mindestens 11 Kollegen Parteimitglieder waren. Ähnlich läßt sich schließen, daß Udo Rühl SS-Mitglied war (solche Mitgliedschaft konnte sowohl prestigeträchtig wie ,bequemer` als andere NS-Mitgliedschaften sein, konnte im Krieg allerdings zur Eingliederung in die Waffen-SS führen), und Fritz Rittershaus 1936 Abgeordneter beim Nürnberger Parteitag. Der 22. März 1934 war schulfrei, weil die meisten Lehrer zur NSLB-Tagung nach Koblenz fuhren. Am 4. September 1934 wurde das Kollegium auf Hitler und den ,Führerstaat` vereidigt. Antisemitische Diskrimierung, rassistische Maßnahmen und Vorkommnisse werden in der Schulchronik überhaupt nicht erwähnt, es ist nicht auszuschließen, daß der Chronist (Heinrich Lake) es vorzog Schandhaftes zu verschweigen, wo es ,neutral` nicht wiederzugeben war. Vor dem Hitlerstaat hatten 3-6 Schüler (etwa 2%) jüdische Religionszugehörigkeit angegeben.

Formal wurden die "Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens" von 1925 erst 1938 durch den Erlaß der Reichsregierung zu "Erziehung und Unterricht in der Höheren Schule" ersetzt. Doch die Lehrinhalte waren längst angepaßt. So kamen zur Prüfung im deutschen Aufsatz in Betzdorf 1936 die folgenden Themen zum Vorschlag: "1. Der deutsche Frontsoldat des Weltkrieges, seine Bewährung und sein Vermächtnis (nach folgenden Dichtungen: Cremers, die Marneschlacht; Beumelburg, Der Feigling; Schauwecker, Aufbruch der Nation). 2. "Volk in 15 Staaten", die politische Zersplitterung des geschlossenen deutschen Sprachgebietes und die daraus sich ergebenden Nachteile für Deutschland. 3. Paul de Lagarde, ein früher Künder des Dritten Reiches. 4. Wir sind jung, die Welt ist offen, o du weite schöne Welt! Es gab auch zunächst keine neuen deutschen Lesebücher, erst ab 1939 wurde "Von deutscher Art" aus dem Frankfurter Salle-Verlag eingeführt, ebenso die Bände "Der Mensch der germanisch-deutschen Frühzeit (6te Klasse), "Selbstbefreiung des deutschen Geistes" (7te Klasse) und "Das ewige Deutschland" (8te Klasse), allesamt von extrem ,patriotischen`, parteiideologischen, kriegsverherrlichenden und rassistischen Beiträgen durchsetzt. Von Joseph Göbbels` "Hitlerjunge Norkus" und Hitlers Beschreibung der Saalschlacht im Hofbräuhaus 1921 zu Paul de Lagardes antisemitischen Schriften von 1881, Helmuth Moltkes "Kriegslehren" und Hitlers Parteitagsreden zur Ergänzung der traditionellen Lektüren der Klassiker und Romantiker, der Auszüge aus Kant, Fichte, Nietzsche. Im Biologie-Unterricht erschien noch später, 1940, die NS-Neuauflage des ,Kraepelin`, das vierbändige, rassistisch verzerrte Werk "Das Leben". Zum Schuljahr 1939 wurden die Schulnoten erweitert. ,Genügend` wurde in ,befriedigend` und ,ausreichend` unterteilt.

1939 wurden die Sommerferien wegen Kriegsbeginn bis zum 18. September verlängert und gleich zu Anfang war der erste Kriegstote der Schule, Abiturient im Vorjahr, zu beklagen. Drei Kollegen waren - teils nur vorübergehend - eingezogen. Im Oktober wurden Schüler ab Klasse 5 zur Erntehilfe beordert. Fliegeralarm wurde geprobt, und ab 5. Januar 1940 wurde der Schulbeginn wegen der Verdunkellungsauflagen auf 8 Uhr 45 verschoben. Wegen Koksmangel fiel die Schule bald darauf drei Wochen lang aus. Der 14. Dezember 1940 war der Winterhilfswerk-(WHV-)Sammlung gewidmet. Im Sommer 41 wurden 199 Schüler vom Arbeitsamt für Dienst in der Landwirtschaft angefordert, die Schule belieferte die ,Heimatfront` nach Kräften.

Ein von Unterprimanern von Tag zu Tag verfaßter Bericht von einem nationalpolitischen Lehrgang 1934 hat sich erhalten. Vom Freitag dem 7. September bis Mittwoch dem 26. wohnte die Betzdorfer Klasse (ausschließlich Jungen) zusammen mit einer Schulklasse aus Prünn in der Kölner Jugendherberge. Sport und Spiel, Besichtigungen, Theater- , Museumsbesuch und ,Schulungen` wechselten sich ab. Das Kölner Rathaus, Wallraff-Richartz und Schnütgen-Museum, Dom und mehrere Kirchen, Schillers "Räuber" und Wagners "Lohengrin" gehörten ebenso zum Programm, wie der Besuch einer neuen städtischen Berufsschule, des Wasserwerks der Stadt, des "Westdeutschen Beobachters" (Die Kölner Partei-Zeitung), des Hygienemuseums, einer (politischen) Ausstellung zum Saarland und die Kölner Brücken. Die ,Schulungen` konzentrierten sich auf die Themen "Der NS-Staat im Weltbild", Geschichte der ,Bewegung`, Saarproblematik, ,Deutschtum im Ausland`. Der berichtende Schüler kommentierte einen Abendvortrag des Herbergsleiters Harion als "wahrscheinlich der wichtigste Vortrag fürs Leben, den ich je gehört habe". Die Betzdorfer Schüler wurden von Wilhelm Höfken und Paul Schlüpmann begleitet. Schlüpmann schrieb an einem der ersten Tage:

"Gestern abend war Dombesichtigung, wir haben uns das alle angesehen, ganz herrlich. Die Jungen sind alle richtig dankbar und unbeschreiblich nett ... Du kannst Dir vorstellen wie mir der Betrieb behagt. Ich kümmere mich so wenig wie möglich um den Kram, denn da ist Hopfen und Malz verloren. Heute morgen nur geschlossener Kirchgang, getrennt nach Konfessionen. Die evangelischen Schüler wurden von Höfken geführt, er ist unter den Lehrern außer mir der einzige evangelische. Ich habe ihm erklärt, daß ich nicht gern zur Kirche ginge, worauf er dann auf mich freundlichst Rücksicht nahm..."

Ein Prünner Schüler ertrank beim gemeinsamen Baden im Rhein vor den Augen von Lehrern und Schülern. Der Schock, den sein Tod vermutlich auslöste, versteckt sich im Bericht hinter unbeholfenen Sätzen: er

"konnte nicht mehr trotz tatkräftiger Versuche gerettet werden, da er nach einem verzweifelten Hilferuf nicht mehr an die Wasseroberfläche kam. Alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen waren vorher von den aufsichtführenden Lehrern getroffen worden. Er war vom Schicksal ausersehen, es sollte eben so sein. Menschen konnten da nicht mehr helfen."

Abgesehen von Gebet, kurzen Ansprachen, einer Messe und dem Lied "Ich hatt` einen Kameraden", nahm das Programm seinen Gang.

Man mag in der Organisation, in und zwischen den Zeilen über diesen Lehrgang, in den verzeichneten Liedern, neben dem forcierten militärischen Jargon, Elemente der republikanischen Reformpädagogik suchen und finden. Peter Brückner hat beschrieben, wie er im Spannungsfeld zwischen HJ und Schule in den ersten Jahren des Regimes begrenzte Freiräume erlebte. Der Einschnitt kam für ihn 1938:

"Die Hitlerjugend wurde verschult und die Schule zum Dienst. Erzieherische Starre und Indoktrination (,Schulung`) nahmen Heimabend und Wochenendfahrt in Griff, ebenso wie der NS-Staat die Verkehrsformen in Schule und Internat." [1]

In der Schulchronik des Betzdorfer Direktors ist keine pädagogische Reorientierung zu erkennen. Tatsächlich erschienen im Frühjahr 1938 die ersten NS-Unterrichtspläne für die Höheren Schulen, und die ordneten an, daß fortan die geistige und die körperliche Erziehung als gleichrangig zu gelten hatten, was Peter Brückner wohl mit Recht als ,entwaffnenden`, disziplinierenden und instrumentalisierenden Zugriff auf jugendliche Freude an Sport und körperlicher Selbstbestätigung analysiert. Die ,Faschisierung` von 1938 koinzidierte mit dem Eintritt des Regimes in seine imperialistische Phase - der spanische Bürgerkrieg hatte (1936) den Anstoß gegeben. Tatsächlich auch wurde schon 1937 die seit 1933 ,im Kampf gegen den Bolschewismus` obligatorische Teilnahme am Religionsunterricht wieder freiwillig und der Reicherziehungsminister sah 1938 von Lehrplänen für den Religionsunterricht ab. Dem Schulfach Religion wurde die erzieherische Funktion genommen. Die Preußischen Richtlinien von 1925 hatten nicht nur den Religionsunterricht zu einem Kernfach der Schule gemacht, sie hatten auch Lehrpläne und Lehrbücher für dieses Fach bewirkt und gefördert.

Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom von 1938 kam es zu besonders perfidem Druck auf manche Religionslehrer, wie aus der folgenden Erklärung ersichtlich, die einer Grundschullehrerin in Hagen-Haspe am 11. November zur Unterschrift vorgelegt wurde:

"Auf Grund des gemeinen Meuchelmordes in Paris bin ich nicht mehr in der Lage, den Religionsunterricht zu erteilen und Lehre und Gestalten eines Volkes zu verherrlichen, dass allein vom Hass gegen Deutschland lebt. Hiermit erkläre ich, daß ich den Religionsunterricht niederlege."[2]

In einer anderen Fassung zur organisierten Entrüstung hieß es "Daher lege ich den Religionsunterricht bis zur Einführung eines neuen Religionslehrplanes, der den Forderungen des 3. Reiches Rechnung trägt, nieder"

1942 schrieb ,Meyers Lexikon` (die 8te Auflage, der ,Braune Meyers`) unter dem Stichwort Religionsunterricht:

"In der Vergangenheit stand über dem gesamten Schulunterricht die christliche Lehre. Alles wurde nach ihr und ihren Dogmen ausgerichtet. Heute dagegen erhält der gesamte Schulunterricht seine einheitliche Ausrichtung durch die nationalsozialistische Weltanschauung. Eine Ausnahme gilt nur für den Religionsunterricht... Den Schülern soll ein Gesamtbild des konfessionellen biblischen Unterrichtsstoffes gegeben werden, und zwar in seiner wirklichen und nicht in einer willkürlich modernisierten Fassung. Allerdings sind die Lehrer berechtigt, den Unterrichtsstoff im Religionsunterricht als biblisches Gedankengut herauszustellen und ihm in geeigneten Fällen nationalsozialistisches Gedankengut gegenüberzustellen."

* * *

Paul Schlüpmann (1901-1973) war als zweitältestes der vier Kinder einer Tischlersfamilie am Kirchplatz in Gütersloh aufgewachsen, hatte bis 1920 das evangelische (humanistische) Gymnasium (Abitur mit den Sprachen Latein, Griechisch, Hebräisch, Französisch) besucht, anschließend drei Semester in Münster, ein Semester in Leipzig und vier Semester in Marburg evangelische Theologie und Germanistik studiert und einen Kurs für Turnlehrer besucht. Er hatte in Marburg im Mai 1923 das theologische Kandidatenexamen abgelegt, dazu über Matthäus 22,1-14 und Lukas 14, 15-24 (Gleichnis vom Gastmahl) eine verleichend-exegetische Hausarbeit geschrieben[3] und über Lukas 9, 57-63 (Ernsthaftigkeit der ,Nachfolge`) das Manuskript einer Predigt abgeliefert und diese Predigt in der Kirche von Isselhorst, dem Heimatdorf seiner Mutter, auch gehalten. Nachdem er ein Jahr Hauslehrer zweier Söhne eines mecklenburgischen Gutsherren (Kobrow/ Sternberg) gewesen war, hatte er in Marburg im November 1925 die erste Staatsprüfung für das Lehramt in den Fächern Deutsch und Religion mit dem Nebenfach Hebräisch und eine Turnlehrerprüfung abgelegt und war zum Vorbereitungsdienst zunächst ein paar Monate dem städtischen Realgymnasium Münster, dann dem städtischen Gymnasium Dortmund zugewiesen worden. Als Student war er Mitglied im Verein Deutscher Studenten (VDSt), aus dessen Altherrenbund er 1934 austrat. Als er im September 1927 sein zweites Examen ablegte, hatte er gleichzeitig mit dem Vorbereitungsdienst seit einem Jahr am Reformrealgymnasium in Witten unterrichtet. Dort blieb der Assessor, bis ihm Ende 1929 der Betzdorfer Direktor Heinrich Lake im Auftrag des Kuratoriums der Schule eine Planstelle antrug, die er zu Ostern 1930 annahm. Sein monatliches Einkommen stieg auf 388,67 RM netto.

Er hatte sich in Witten wohlgefühlt, in Betzdorf gelang ihm das nicht minder. Seinen fachlichen Interessen entsprach, daß er die Zeitschrift für Theologie und Kirche abonnierte und von 1930 bis 33 die Theologische Rundschau, wie auch von 1931 bis 1938 die Neue Rundschau, die Literaturzeitschrift des S. Fischer Verlags, anregende Lektüre zu einer Untersuchung der Lyrik Gottfried Kellers, die ihn über Jahre hin beschäftigte[4]. In Betzdorf schloß er Freundschaft mit dem Kollegen Otto Blosen[5]. Ab Ende 1932 trafen sich Lore Dinkelacker und ihr Deutschlehrer auch außerhalb der Schule. Lores Elternhaus nahm den jungen Kollegen und seinen Freund in seinen politisch und kulturell lebendigen Kreis auf. Lore stand vor dem Abitur. Wie würden sich die Jahre 1933-1945 gestalten? Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse kamen nicht selten in scheinbar bedeutungslosen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten zum Ausdruck.

Im Mai 1933 war Fritz Schlüpmann, der Vater, gestorben. Die Tischlerei hatte kaum noch Gewinn abgeworfen, Schulden waren zu begleichen, der jüngere Bruder (geb. 1910) kämpfte mit der Arbeitslosikeit, die jüngere Schwester arbeitete unter prekären Umständen als Büroangestellte, und der Mann der älteren Schwester war seit 1920 aktiver Sozialdemokrat (Kommunalpolitiker), dem sein Lehrerberuf gerade verboten wurde. Pauls Einkommen war ein stabilisierender Faktor, zunächst in der Gütersloher, bald auch in der Betzdorfer Familie.

Zum ,Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933` der bis zum 3. Juli 1933 auszufüllen war, gab es keine Komplikationen. Die Schlüpmann, Schröder, Brinckmann, Kolonen und Bauern aus den Dörfern um Gütersloh, waren unverdächtig, der junge Beamte hatte keiner Partei angehört, war auch nie Mitglied der Eisernen Front, des Reichsbanners, des republikanischen Beamtenbundes oder der Liga für Menschenrechte.

War es zufällig, daß sich erste Schwierigkeiten im neuen Regime, das sich anfänglich besonders ,christlich` gab (,Kampf gegen den Bolschewismus`) im Zusammenhang mit dem Religionsunterricht zeigten? Am 16 Juni 1933 sah sich Schlüpmann genötigt, an den örtlichen Pfarrer zu schreiben. Ein Schüler hatte berichtet, daß der Pfarrer in einer Bibelstunde Schlüpmanns Auffassung von I. Cor. 14,18 ("Ich danke Gott, daß ich mehr in Zungen rede, als ihr alle") heftig angegriffen habe.

"Zwar darf ich nicht annehmen, daß der Eindruck des Schülers richtig ist, aber im Interesse einer sinnvollen Zusammenarbeit von Kirche und Schule gilt es, auch den Eindruck zu zerstreuen"...

Der Religionslehrer hatte in dem Paulus-Satz eine persönliche Heilserwartung des Autors gesehen, einen protestantisch-christlich unhaltbaren ,Elitismus`. Er berief sich auf die zur Unterrichtsvorbereitung benutzte Quelle, Heinrich Weinel, Biblische Theologie[6], schickte dem Pfarrer die einschlägigen Sätze mit[7] und erklärte seine Bereitschaft zu einer Aussprache. Gottfried Winterberg (1875-1950) antwortete umgehend:

"Gegen Ihre Auffassung von 1.Kor.14,18 habe ich nicht nur in jeder Beziehung Bedenken, sondern ich weiß, daß jede derartige Auffassung, wie Weinle (sic!) sie bietet, aus völliger Unkenntnis der Sachlage kommt und den jungen Seelen der uns anvertrauten Schüler Schaden bringt, den ich nicht verantworten könnte. Unzählige Klagen erwachsener Akademiker, Nöte von Schülern, die gesamte Not des inneren Lebens in unserem gebildeten Kreise treiben uns, um der Liebe willen hier zu helfen. In diesem Sinne habe ich auch in der letzten Bibelstunde unseres CVJM (Christlicher Verein Junger Männer KS) die von einem Schüler vorgetragene Auffassung der genannten Stelle zu berichtigen versucht. Alles Weitere mündlich...."

Es erstaunt, wie scharf die Berufung auf den wissenschaftlichen Text hier mit dem Hinweis auf eine ,Jugendgefährdung` abgelehnt wurde. Der Jenaer Theologe Weinel war bekannt als ,Evangelienforscher`, der die neutestamentlichen Gleichnisse aus zeitgenössischer Perspektive untersucht hatte und mit historischer Darstellung der urchristlichen Religion ihrer dogmatischen Verzerrung entgegentrat. Er war zu Anfang des Jahrhunderts auch mit Vorschlägen zur Reform des Religionsunterrichts hervorgetreten[8]. Merkwürdig ist, daß Winterberg ihm ,völlige Unkenntnis der Sachlage` vorwerfen konnte. Waren begründete oder unbegründete Verlustängste im Spiel, Sorge um die Autorität des ,Gottesworts`, um die des Apostels, um die eigene? Vielleicht sah der ,orthodoxe` Pfarrer auch nur in jedem Vertreter ,liberaler` Theologie eine Bedrohung. Der vielbeschäftigte Geistliche fand lange keine Zeit zur Aussprache, schickte aber einen Monat später eine Einladung zur Tagung des "Altfreundeverbandes" [9] der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV), Gau Siegerland in Freusburgermühle. Vortragsthema: "Welche Stellung haben wir als Jünger Jesu zu der gegenwärtigen nationalen u. kirchlichen Lage einzunehmen?". Schlüpmann bedauerte, zuerst müsse man sich aussprechen, zumal er Winterbergs vorläufige Antwort "als mit christlicher Liebe unvereinbar empfinden" müsse. Der Lehrer und Beamte war vermutlich auf der Hut. Die Episode fiel in die aufgeregte Anfangsphase des ,Kirchenkampfs`, den das neue Regime anzettelte und nach sich zog. Neuerliche, starke ,Selbstgleichschaltungstendenzen` in der Kirche und der allseitige Druck, Partei zu ergreifen, komplizierten den Umgang miteinander. Wahrscheinlich hat die Aussprache Ende Juli schließlich - nach den Kirchenwahlen (s.u.) - stattgefunden, in der Sache wird man sich kaum geeinigt haben, der Streit wurde jedoch nicht fortgesetzt.

* * *

Am 25. April 1933 hatte der Reichskanzler einen Exponenten der deutschchristlichen[10] Glaubensbewegung (DC), den Königsberger Militärpfarrer Ludwig Müller (1883-1945), zu seinem ,Bevollmächtigten für Fragen der evangelischen Kirchen` ernannt. Bis 1918 war die protestantische Kirche in Preußen Staatskirche gewesen. Der preußische König war ihr oberster Bischof. Seit den 1870er Jahren war das eine konstitutionelles Regime, es gab eine Kirchenverfassung. Nach der Revolution wurde die Kirche eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und von 1922 datierte die neue Kirchenverfassung der altpreußischen Union. 1922 konstituierte sich auch ein föderaler Deutscher Evangelischer Kirchenbund der 28 Landeskirchen mit dem Zweck "einen engen und dauernden Zusammenschluß herbeizuführen, das Gesamtbewußtsein des deutschen Protestantismus zu pflegen." etc.. Die Ernennung Ludwig Müllers zum Bevollmächtigten Hitlers kündigte den Durchgriff der Diktatur im kirchlichen Leben an. Im Mai 1933 kam es in Loccum zu einem Treffen der Vertreter der drei protestantischen ,Amtskirchen`, der preußisch unierten, der lutherischen und der reformierten, mit Müller zur Beratung über die Verfassung einer ,Reichskirche`. Dem Kandidaten Müller der ,Deutschen Christen` für das Amt eines ,Reichsbischofs` stellte die ,jungreformatorische Bewegung`, die trotz Sympathien für die "Nationale Erneuerung" die Kirchenmacht nicht Hitler überlassen wollte, Friedrich Bodelschwingh als ihren Kandidaten auf. Die Kirchenführer wählten Bodelschwingh, der aber schon am 24 Juni angesichts der Uneinigkeit in Gemeinden und Synoden und der Einsetzung eines Staatskommissars (der Jurist Jäger) zurücktrat. Unter dem 30. Juni forderte Hindenburg den Reichskanzler auf, für einen Kompromiß zu sorgen. Am 11. Juli wurde eine neue Kirchenverfassung verabschiedet:

"In der Stunde, da Gott unser deutsches Volk eine große geschichtliche Wende erleben läßt, verbinden sich die deutschen evangelischen Kirchen in Fortführung und Vollendung der durch den Deutschen Evangelischen Kirchenbund eingeleiteten Einigung zu einer einigen Deutschen Evangelischen Kirche."

Die Kirchenverfassung der neuen DEK entsprach weitgehend dem ,Führerprinzip` noch bevor es in anderen Körperschaften durchgesetzt wurde:

"An der Spitze der Kirche steht der lutherische Reichsbischof ... Er vollzieht die Ernennung und Entlassung der Beamten der DEK ... der Reichsbischof wird der Nationalsynode von den im leitenden Amt stehenden Führern der Landeskirchen in Gemeinschaft mit dem Geistlichen Ministerium vorgeschlagen und von der Nationalsynode im Bischofsamt berufen ... Die DEK kann den Landeskirchen für ihre Verfassung, soweit diese nicht bekenntnismäßig gebunden ist, durch Gesetz einheitliche Richtlinien geben...Eine Berufung führender Amtsträger der Landeskirchen erfolgt nach Fühlungnahme mit der DEK"

Bei den am 23. Juli folgenden, alles andere als freien Kirchenwahlen (in nur 41 von 642 rheinischen Kirchengemeinden gab es mehr als eine Liste), siegte die DC haushoch. Müller wurde unter schriftlichem Protest von 2000 Pfarrern am 27. September von der Nationalsynode zum Reichsbischof gewählt. Die Einheit war nicht erreicht, Reichskirche und Reichsbischof blieben umstritten und der Triumph der DC sollte nicht lange dauern.

Martin Niemöller, Pfarrer in Berlin-Dahlem, politisch ein Nationalkonservativer (der 1934 über seine Zeit als U-boot-Kommandant und Freikorpskämpfer - aus welchen Gründen auch immer - ein unkritisches Buch herausbrachte) rief im September 1933 den ,Pfarrernotbund` ins Leben, der Ende des Jahres 6000 Mitglieder zählte. Zwar sagte die Verplichtungserklärung des Notbundes eindeutig:

"In solcher Verpflichtung bezeuge ich, daß eine Verletzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung des Arierparagraphen im Rahmen der Kirche geschaffen ist"

aber es wäre verfehlt, allgemein aus der kirchenpolitischen auf die politische Haltung zu schließen. Viele DC-Gegner waren nicht auch Gegner des Nationalsozialismus. Unter dem 15. Oktober 1933 begegnete Niemöller einer solchen Unterstellung von DC-Führern mit einer Ergebenheitsadresse an Hitler im Namen von 2500 Pfarrern, die nicht der DC angehörten (im November wurde ihm dessen ungeachtet die Amtsausübung untersagt). Uneinig waren die Amtsträger und Theologen[11] auch über die Einführung der rassistischen Diskriminierung in der Kirche (,Arierparagraph`). Am Antisemitismus der einen Seite stieß sich die andere, und wenn nicht am Antisemitismus, dann an dem weiteren Schritt zur Gleichschaltung[12]. Maßgebliche Männer der DC formulierten im Oktober 1933 ,Rengsdorfer Thesen` zu einem ,im Deutschtum verwurzelten Christentum`. Die Schöpfung fordere zur Tat auf. Vorbehaltlose Stellung zum Evangelium und eine ebensolche zum Volkstum sei kein Gegensatz. Kirche und Staat seien beides gottgewollte Ordnungen. Die Bonner Theologen Karl Barth und Hans Emil Weber antworteten mit den Gegenthesen: vorrangig sei der Offenbarungs-, nicht der Schöpfungsglaube. Volkstum und Christentum seien unvereinbar, Kirche und Staat seien nicht gleichermaßen gottgewollt. Die Opposition konstituierte sich in regionalen "Bruderräten" und mit der Barmer Erklärung ihrer Synode Ende Mai 1934 erklärten die Anhänger einer ,Bekennenden Kirche` (BK) der Reichskirche die Gegnerschaft. Einigungsbemühungen, auch seitens der DC, fehlten nicht, führten aber nicht zum Ziel.

Ende 1934 waren die DC-Führer in der Kirche am Ende ihrer Macht. Einer ihrer Organisatoren, Landesleiter und Bevollmächtigter des Staatskommissars in der rheinischen und westfälischen Kirche, der Jurist Gottfried Adolf Krummacher (1892-1954)[12a], Parteigenosse und Landrat in Gummersbach, legte seinen Vorsitz nieder, nachdem seine Rettungsversuche nicht gelungen waren. Im Dezember 1934 beschwor Krummacher noch einmal seine ,Vision` und als neuen gemeinsamen Feind aller Christen Alfred Rosenberg (aus einer nach Betzdorf gelangten Abschrift des Briefes ist der Adressat nicht ersichtlich):

"Alsdann wäre aus den Gemeinden, Synoden und Gebietskirchen allmählich das neue Kirchenregiment von unten her zu fundieren und dann aufzubauen. Bis dahin würde sich wohl die Führungspersönlichkeit finden, die geeignet ist, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Selbst wenn man solange Ludwig Müller als Reichsbischof repräsentieren läßt, so könnte man sicher sein, daß er Schritt für Schritt zurückweicht und alles mit sich machen läßt. / Es ist auch selbstverständlich, daß wir in Zukunft bei dem Aufbau der Gemeinden nicht mehr irgendwelche Prärogation für die DC in Anspruch nehmen, sondern uns einfach ehrlich alle miteinander zu dem Bekenntnis der Reformation und seiner Mahnung gegenüber Gefahren der Zeit zusammenfinden. Der Fortbestand der Organisation der DC hätte nur den Zweck, die Anhänger der DC über die Notwendigkeit dieser Wendung aufzuklären und alsdann in vorderster Front gegenüber dem Germanentum für die christliche Glaubenslehre einzustehen. Dabei wird sich dann herausstellen, ob eine Sonderorganisation dann noch nötig ist, wenn die Kirche wieder eine einheitliche Kirche wird. Nach meinem Gefühl würde es dann möglich sein, beides, DC wie Pfarrernotbund und angegliederte Organisationsformen aufzulösen... / Den Entwurf eines Aufrufs, den ich Pfarrer Wilm zur Veröffentlichung zuleitete, füge ich bei. Jedenfalls muß die Kirchenspaltung vermieden werden. Ich rechne damit, daß einige Unentwegte abgehen, sowohl von den DC wie von der Bekenntnisfront, aber ich glaube, daß wir viele lebendige, gutwillige Kreise erfassen können, und daß der Augenblick zur geistigen Auseinandersetzung mit Rosenberg, wie sie beispielsweise Pfarrer Grünagel von uns in seiner Broschüre "Luther - Rosenberg" begonnen hat, ein denkbar günstiger ist und im Volke den größten Beifall finden wird."

Für die Bekennende Kirche resultierte aus politisch konservativer Haltung und aus dem Bemühen, den kirchlichen Einfluß im Staat nicht zu verlieren ein bis zuletzt ambivalentes Verhältnis zum Regime[13]. Die BK konstituierte sich in erster Linie als ein Machtfaktor, als Lobby, hinter der eine große Zahl der Pfarrer stand, und die sich um Anerkennung durch den Staat bemühte[14]. Das Regime versuchte an Ludwig Müller festzuhalten, der zwar zu ,fanatischen` Kreisen der DC auf Distanz ging, doch mit den Vertretern der BK sich nicht einigen konnte und seinen Einfluß in der Kirche einbüßte. Andererseits war die "Vorläufige Kirchenleitung" der Bruderräte ständigen Repressionen ausgesetzt und trat am 12.2.1937 zurück. Hitler desavouierte seinen ,Kirchenaufsichtsminister` Kerrl indem er offiziell den Kirchen die Regelung ihrer inneren Angelegenheit überließ. Um so wirksamer sorgten die Agenten Heinrich Himmlers für den Durchgriff der Diktatur. Der Kanzler ordnete 1937 Wahlen zu einer verfassungsgebende Generalsynode an, aber schon zur Wahlordnung gab es keine Einigung. In dem Bemühen um einen ,Minimalkonsens` erinnerte Wilhelm Schubring in Berlin, der Herausgeber des ,Protestantenblattes` damals seine Leser, wie Paul Althaus (s.u.) die ,deutschbewußten Männer`, die die Weimarer Verfassung und die republikanische Regierung als vorläufigen Notbau anerkannt hätten, in ihrer Haltung seinerzeit bestärkt hatte. Althaus hatte dazu gerade geschrieben:

"Das Ja trug alle Vorläufigkeit und allen Vorbehalt in sich. Es zielte auf dem Boden des damaligen Staates über ihn hinaus - um des deutschen Volkes willen war es ein Ja, und um des deutschen Volkes willen ein vorläufiges Ja."[15]

Und Schubring meinte:

"Sollte das nicht genau so auf die evangelische Kirche passen? Sollten nicht auch die stramm kirchlich gesinnten Männer mitarbeiten an und in der Notlösung, in der wir die Kirche bekommen werde? Sollte das nicht richtiger sein, als dem Traum einer Idealkirche nachzugehen? Nicht nur praktisch richtiger, sondern auch richtiger nach lutherischen Grundsätzen!"[16]

Der ,Reichsbund der Deutschen Evangelischen Pfarrervereine` rief seine 16000 Mitglieder in der Wahlvorbereitung zu ,Geschlossenheit und einheitlichem Wollen` auf und das ,Protestantenblatt` stellte sich hinter einen Berliner Aufruf, in dem es hieß:

"Besonders Wertvolles hat im Kampf gegen Irrlehre die Bekennende Kirche gewirkt. Indessen ist es ihr nicht gelungen, das Vertrauen aller derer zu erwerben, die mit ihr auf dem gleichen Grund des Evangeliums und der Bekenntnisse stehen. Für die gegenwärtige Stunde ist Sammlung nötig, Sammlung all derer, die mit Artikel 1 der vom Führer anerkannten Verfassung der DEK sich auf das Evangelium von Jesus Christus gründen, das Wort Gottes als die alleinige Quelle kirchlicher Verkündigung anerkennen und ihr Leben unter das Gebot stellen: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen."[17]

Man ahnt vielleicht, daß 1937 bei den vorläufig letzten und vergeblichen Anstrengungen zur kirchlichen Selbstverwaltung, längst nicht alle Gegner der DC in der BK aufgingen und dort allein auch nicht die (kirchen-)politische Vernunft zu finden war. Bis dahin mochte lokal im übrigen auch im damals noch sehr ,ländlichen` Betzdorf zutreffen, was nach 1933 im Allgemeinen beobachtet wurde:

"Die bäuerliche Bevölkerung erfuhr den Machtwechsel im Staat und auch in der Kirche zu einem großen Teil ohne Erschütterungen und Brüche, weil das Milieu erhalten blieb, weil sich nicht viel zu verändern schien. Der scharfe Kampf spielte sich, wenn überhaupt, vorwiegend in den städtischen Gemeinden ab. Hier lag der größte Erfolg der DC."[18]
* * *

Der Amerikaner Robert P. Ericksen hat 1985 drei maßgebliche deutsche Theologen als ,Theologen unter Hitler` vorgestellt[19]: Gerhard Kittel (1888-1948), Paul Althaus (1888-1966) und Emanuel Hirsch (1888-1972). Der Göttinger Kirchengeschichtler und Systematiker Hirsch, ehemals ein Freund, wenn auch theologisch bald ein Gegner des religiösen Sozialisten Paul Tillich, hatte sich als Luther- und Kierkegaardspezialist einen Namen gemacht. Er war seit 1931 so gut wie blind. Der Frankfurter Professor Tillich ging 1933 ins Exil. Hirsch war Anhänger des deutschnationalen Parteiführers Alfred Hugenberg und in der Erwartung einer nationalen ,Wiedergeburt` bald nach dessen Amtsantritt von Hitler überzeugt:

"Kein einziges Volk der Welt hat so wie das unsere einen Staatsmann, dem es so ernst um das Christliche ist; als Adolf Hitler am 1. Mai seine große Rede mit einem Gebet schloß, hat die ganze Welt die wunderbare Aufrichtigkeit darin gespürt".[20]

Alle drei Theologen hielten 1933 antisemitische Haltung für begründbar und gerechtfertigt. Hirsch hatte sich gleich zu Anfang Ludwig Müller als Berater zur Seite gestellt. Ihm schien die Zeit 1933 reif für eine Volkskirche[21] im nationalen ,Volksstaat`. Seine Laufbahn als Universitätslehrer war 1945 beendet, als publizierender Theologe und Schriftsteller wirkte er weiter. Sein Freund Althaus ging zwar spät, aber schließlich doch deutlich auf Abstand zum Nationalsozialismus und konnte in Erlangen weiter lehren. Kittel publizierte noch im August 1944 einen im politischen Zusammenhang nicht anders als antisemitisch zu lesenden Text[22]. Er wurde von der französischen Militärverwaltung abgesetzt, 17 Monate inhaftiert, dann zwar rehabilitiert, starb jedoch bevor er sein Amt hätte wieder aufnehmen können.

Ericksen hat den Unterschied der drei Theologen auf den Punkt gebracht: Kittel lehnte Rationalismus und das intellektuelle und kulturelle Erbe der Aufklärung ab. Althaus akzeptierte aufklärerisches Erbe und Denken, soweit es nicht radikal war. Hirsch war begeistert vom rationalen Erbe, vom intellektuellen Modernismus, während ihn die politische, soziale und kulturelle Modernität entsetzte und ihm als klare intellektuelle Herausforderung für christliches Denken erschien. Ericksen hat gute Gründe für die These, daß der Theologe Hirsch sich dieser Herausforderung ganz besonders gewachsen zeigte, und daß das Fehlurteil über den ,Neuen Staat`, mit dem er sich zum ,Naziintellektuellen` machte, auf der Linie seiner Wahrheitssuche lag. Niemand sei wie Hirsch der Frage, wie christliche Überzeugung und moderne, staatliche Ordnung des Zusammenlebens zueinander stehen, auf den Grund gegangen. Auch das Handeln in Gerechtigkeit und Menschlichkeit in liberaler, demokratischer Tradition und nach der Maßgabe, Entscheidungen mit historischem Wissen zu prüfen, meinte Ericksen, beruhe auf einem existentialen Urteil und damit auf einem ,Glaubenssprung`, gehe also, um Kierkegaard zu zitieren, mit ,Angst und Zittern` einher:

"Wie Hirsch erkannte, erlaubt ein Glaubenssprung kühne Handlungen, was gut ist, aber immer die Möglichkeit des Irrtums in sich trägt. Mit Hirschs Beispiel vor Augen wissen wir jetzt mehr denn je: Wir müssen handeln, aber wir können es nur mit Angst und Zittern tun."[23]

Für Hirsch folgte die Unumgänglichkeit staatsbürgerlichen Handelns aus theologischer Überlegung, war aus der Theologie nicht wegzudenken. Ganz ebenso auch ein Wissen um das politische und existentielle Risiko. Er traf die falsche Entscheidung, als er sich und seine Theologie Hitler und der ,Reichskirche` antrug. Die Fragen, die er mit seiner Theologie aufwarf, waren angesichts ihrer Instrumentalisierung und der Repression der Staats- und Parteimacht zunächst nicht frei zu diskutieren und als die Diktatur fiel, erschwerten kirchliche Machtinteressen die Diskussion. Obendrein diskreditierte Hirschs Haltung im Dritten Reich seine Ergebnisse, um so mehr vielleicht als die Haltung mancher seiner Gegner in der BK damit nachträglich an regimekritischem Potential gewinnen konnte.

* * *

Der Religionslehrer Paul Schlüpmann engagierte sich ,kirchenpolitisch` nicht. Die religionspädagogischen Vorstellungen (und die theologischen der ,Barmer Erklärung`), die in der Bekennenden Kirche unter repressiven äußeren Umständen zum Tragen kamen, und die nach der Befreiung unverändert in der ,Evangelischen Unterweisung`[24] in den Schulen Eingang fanden, sagten ihm aus letztlich politischen Gründen (autoritäre Tendenz) nicht zu. Sympathien für die DC konnten angesichts ihrer Richtlinien in der aktuellen politischen Situation bei ihm wohl kaum aufkommen. Religionspädagogisch blieb er den ,liberalen` Konzepten der zwanziger Jahre verpflichtet, theologisch galt sein Interesse aber auch der ,formkritischen` Methode seines Lehrers Bultmann. Und ganz sicher sah er sein ,Hauptengagement` in der ,Selbsterhaltung` als Religionslehrer, der sich ,vor Ort` unter den gegebenen politischen Umständen so lange wie möglich so frei wie möglich bewegen wollte.

Vom 26. November bis zum 16. Dezember 1933 wurde Schlüpmann zu einem ,Geländesportlehrgang` in die Wahner Heide beordert. Zum Abschluß erhielt er ein ,Prüfungsbuch` mit Paßbild, daß ihn mit Mütze, quer über die Schulter gelegter Mantelrolle und Hakenkreuzarmbinde darstellt. Eingetragen wurden Ergebnisse einzelner Leistungen, aufgrund derer dann ein ,Schein` erteilt wurde, im gegebenen Fall ein ,T-Schein`. Der Kommentar des Geländesportlers ließ keinen Zweifel am militärischen (internationale Verpflichtungen mißachtenden) Charakter der Veranstaltung im Rahmen der anfänglichen Rüstungspolitik des neuen Regimes:

"Denn ein richtiger Soldat, das bin ich. Comme il faut! Kann Dir sagen, eine glänzende Uniform, damit könnte ich in Betzdorf Furore machen. Links- und rechts-um habe ich schon gelernt, ebenso das Strammstehen, jedenfalls geht das auch hin."

Der neue ,Machtstaat` verleitete zu neuartigen Ansprüchen auch im Schulbetrieb. Ende März 1934 schrieb der Direktor an Schlüpmann:

"Der abgegangene Schüler Ihrer Klasse F. beanstandet nunmehr auch noch schriftlich den Fall seiner Nichtversetzung. Er beruft sich einmal auf seine besonders stark gewesene Inanspruchnahme durch den SA-Dienst; er macht aber weiterhin geltend, daß er in den Fächern Deutsch, Latein und Französisch wohl bessere Prädikate verdient hätte. Ich muß nun damit rechnen, daß ich unter Umständen seine Nichtversetzung höheren Ortes zu rechtfertigen haben werde und muß deshalb die einzelnen Fachlehrer noch einmal mit der Angelegenheit behelligen.... Sollten Sie allerdings mit Rücksichtnahme auf die erwiesene besonders starke Inanspruchnahme des F. in der SA in der Lage sein, sein Prädikat zu heben, so sollte mich dies freuen."

Der Schüler F. fühlte sich im Vergleich zum Schüler B. ungerecht behandelt. Schlüpmann schrieb an Lake:

"In der Vorbesprechung wie in der Versetzungskonferenz habe ich ausdrücklich darauf hingewiesen, daß ich auch solche Leistungen (die von B. KS) unter normalen Verhältnissen mit "mangelhaft" bezeichnet haben würde. B. erhielt sein besseres Prädikat unter größten Bedenken meinerseits nur mit der anempfohlenen Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse des verflossenen Schuljahrs (auch B. steht in der Bewegung). Für F. reichte die gleiche Rücksicht nicht aus, sein Prädikat zu heben.... Da sich sachlich nichts Neues ergeben hat, kann ich sein Prädikat nicht ändern. Von beiden füge ich ein Aufsatzheft bei. Heil Hitler!"

Anfang November 1933 hatte ein Vater die Reifeprüfungen 1932 und 1933, die sein Sohn, der auch "in der Bewegung stand" offenbar nicht bestanden hatte, bei der Schulbehörde in Frage gestellt und dabei (angebliche) Vorkommnisse aus der Schule angeführt, und speziell Schlüpmann unterstellt, die Regierung beleidigt zu haben. Der ministerielle Entscheid gegen den Beschwerdeführer kam sechs Wochen später aus Berlin:

"...Somit muß ich auch Ihre Vorwürfe, die sich gegen mehrere Herren der Prüfungskommission und der Anstalt richten, mit aller Entschiedenheit zurückweisen."

Beschwerden, die im Rechtsstaat jeder Grundlage entbehrt hätten, wurden in diesen Fällen erst abgewiesen, nachdem den Beamten problematische Stellungnahmen abverlangt worden waren.

Eine neue Zumutung war die rassistische Kontrolle der Lebenspartner für Beamte. Am 6. August 1934 teilte der Oberpräsident der Rheinprovinz als zuständige Behörde auf die mit Dokumenten ausgestattete Heiratsanzeige vom 30. Juli mit:

"Ich habe wegen der arischen Abstammung Ihrer zukünftigen Ehegattin Bedenken nicht geltend zu machen..."

Die Trauung hatte inzwischen stattgefunden (die kirchliche - des Religionslehrers - nicht durch Gottfried Winterberg, sondern, im Einvernehmen mit ihm, durch den befreundeten Pfarrer Becker/Köln). Kopien der Abstammungsnachweise gingen zu den Akten. Als ,Familienvater` trat Paul Schlüpmann zum 1. September 1934 der NS-Volkswohlfahrt (NSV) bei, vom gleichen Jahr datiert seine Mitgliedschaft im Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA). Die VDA-Mitgliedsbeiträge waren niedrig (RM 2.- pro Jahr) während die NSV mit größeren Beträgen zur Kasse bat (RM 10.- pro Monat)

Unter dem 1. April 1935 erschienen "Richtlinien für die nationalpolitischen Lehrgänge für Lehrer (innen)" des "Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Abteilung für höheres Schulwesen". Das Dokument ist von eben dem Herrn Jungbluth unterzeichnet, auf dessen Loyalität Alfred Dinkelacker 1933 Hoffnungen gesetzt hatte.

"In dem grundlegenden Ministerialerlaß vom 15. Dezember 1933... inhaltlich mitgeteilt durch meinen Erlaß vom 4. Januar 1934 ... , über Lehrgänge in Vererbungslehre, Rassenkunde usw. ist davon ausgegangen, daß die Lehrkräfte aller Schulen sich in Lehrgängen in Arbeitsgemeinschaften über die Grundlagen der Vererbungslehre, Rassenkunde, Rassenhygiene, Familienkunde und Bevölkerungspolitik sowie über deren Anwendung auf die verschiedenen Erziehungs- und Unterrichtsgebiete klar werden. Wenn also hierdurch Wissenschaftsgebiete, die für den heutigen Staat von besonderer Bedeutung sind, in den Vordergrund gerückt werden, so bedeuten diese Lehrgänge zunächst nach der Seite der Fachausbildung etwas grundsätzlich Neues insofern, als es sich hier nicht darum handeln darf, etwa nur biologische Tatsachen in den Vordergrund zu rücken, sondern alle Einzelgebiete, die hier in Frage kommen, weltanschaulich im Sinne der nationalsozialistischen Bewegung zu durchdringen. Schon insofern unterscheiden sich also diese Lehrgänge von den früheren Fortbildungskursen, als das Schwergewicht auf das Weltanschauliche zu legen ist und alle verschiedenen Gebiete nur unter diesem einen Gesichtspunkt zu behandeln sind. Es wird also infolgedessen die Aufgabe des Leiters sein, sämtliche Vorträge unter diesen leitenden Gesichtspunkt zu stellen. Die Hauptaufgabe dieser nationalpolitischen Lehrgänge für die Lehrer(innen) ist genau wie bei den entsprechenden Lehrgängen für die Schüler die Pflege des Gemeinschaftsgedankens. Dem Lehrer im heutigen Staate erwachsen aus dem Gedanken der Volksgemeinschaft heraus weit größere Verpflichtungen als die rein unterrichtlicher und erzieherischer Art. Nur der Lehrer wird in Zukunft zur Jugendführung berufen sein und als solcher anerkannt werden, der selbst in den großen Gemeinschaftsgedanken hineingewachsen ist und der es gelernt hat, sich in den Zwang einer solchen Gemeinschaft einzugliedern. Nicht alle haben das Erlebnis der Frontgeneration mitgemacht, und dieses zu neuem Geiste zu erwecken, soll eine der Aufgaben dieser nationalpolitischen Lehrgänge für Lehrer sein. Aus diesem Grunde muß also der Lehrgang den Charakter eines Gemeinschaftslagers tragen, d.h. ein jeder muß sich in die militärisch-straffe Zucht und die absichtlich einfach gehaltene Lebensweise eingliedern. -Dem Führer erwächst daraus die Aufgabe, in straffer Zucht sämtliche Teilnehmer des Lehrgangs zu einer wahren Kameradschaft zusammenzufassen. Dazu soll ihm vor allen Dingen der Geländesport dienen; deshalb wird jedem Führer, soweit er nicht selbst auch Leiter des Geländesports ist, eine Lehrkraft beigegeben, die in der Lage ist, diese Aufgabe zu erfüllen. Es muß darauf Gewicht gelegt werden, daß diese Lehrgänge nicht zu stark mit wissenschaftlichen Dingen überlastet werden. Es sind vielmehr außer Geländesport noch Gebiete heranzuziehen, die dazu dienen, das Leben der Gemeinschaft zu fördern (Plege des Liedes, gemeinsame Wanderungen, in denen die betreffende Landschaft volkstümlich erschlossen wird, Fühlungnahme mit den Ortsgruppen der NSDAP u.ä.) Wie bei den nationalpolitischen Lehrgängen für Schüler verzichte ich darauf, zunächst bindende Einzelrichtlinien zu geben; die Ausgestaltung im einzelnen soll dem Führer überlassen bleiben."

Vom 4. bis 21. Juli 1935 wurde Paul Schlüpmann zum nationalpolitischen Lehrgang in der Jugendherberge Manderscheid ,einberufen`. Die Anweisung kam unter dem 22. Juni auf vorgedrucktem Formular der Koblenzer Behörde mit der Unterschrift Heinrich Lakes.

Am 24. Mai 1935 hatte der Kreisamtsleiter des ,Amtes für Erziehung` der NSDAP unter dem Briefkopf der Partei an Paul Schlüpmann geschrieben:

"Ich habe Ihren Antrag um Aufnahme in den N.S.L.B. entgegengenommen. Obwohl Sie sich reichlich spät zur Einheitsfront der deutschen Erzieher bekennen, will ich Ihrem Eintritt im Sinne der Einigungsbestrebungen des Führers keine Hindernisse in den Weg legen. Ich erwarte aber als der politische Führer der Lehrerschaft des Kreises von Ihnen, daß Sie sich nunmehr mit größtem Eifer bei allen Gelegenheiten für den Dienst in der Bewegung und damit am Volksganzen einsetzen, um damit ein tätiges Mitglied in der N.S.L.B. geeinigten Erzieherschaft zu werden."

Im Januar 1935 hatte der ,Deutsche Philologenverband`, dem Schlüpmann angehörte, mitgeteilt, daß es ihm nicht gelungen sei, mit dem NSLB zu einer Einigung zu kommen, der habe vielmehr das Gespräch abgebrochen und bestehende regionale Beschlüsse gegen eine Doppelmitgliedschaft nicht zurückgenommen. Wohl gemerkt: die ,Verbandsphilologen` verstanden sich als gute Nationalsozialisten.

Am 23. Juli 1935 sah sich der neuaufgenommene NS-Lehrer veranlaßt, eine schriftliche Erklärung abzugeben, nähere Umstände und Adressat sind nicht ersichtlich, offenbar lag eine Beschwerde vor.

"Den 1. Mai habe ich in meiner Wohnung mit Zahnschmerzen verbracht, die durch einen abgestorbenen Zahn der rechten Seite des Unterkiefers verursacht wurden. Da ich, soweit ich orientiert war, zur Teilnahme an den Veranstaltungen dieses Tages in keiner Weise gezwungen war, hatte ich keine Möglichkeit, mich vorher oder nachher ordnungsgemäß zu entschuldigen. Das Kollegium hat als solches an den Veranstaltungen nicht teilgenommen."

Unter dem 31 Juli 1935 schrieben Kreisleiter Venter und Kreisfrauenschaftsleiterin Alfrida Eubell an Lore Dinkelacker-Schlüpmann:

"Wie uns bekannt geworden, sind Sie noch nicht Mitglied der N.S. Frauenschaft. Jede deutsche Frau muß es als ihre Pflicht betrachten, an dem großen Aufbauwerk unseres Führers mitzuhelfen. Besonders diejenigen, die selber oder deren Männer in Staatsstellen sind. Hiermit ergeht an Sie noch einmal die Mahnung, Ihre Kraft in den Dienst der deutschen Sache zu stellen und Mitglied der N.S.-Frauenschaft zu werden"

Einen Monat später ließ derselbe Amtsleiter des Amtes für Erzieher, der die Aufnahme in den NSLB entgegengenommen hatte, von sich hören:

"Am 31. Juli ging Ihnen vorstehende Aufforderung des Kreisleiters zu, in die NS-Frauenschaft einzutreten. Bisher liegt uns keine Nachricht vor, daß Sie Ihren Eintritt vollzogen haben. In den nächsten Wochen beginnt die große Werbeaktion für die NS-Frauenschaft. Es ist wünschenswert, daß Namen von deutschen Erzieherinnen und Lehrersfrauen nicht genannt werden unter denen, die der einheitlichen Front der Frauen im Dritten Reich noch fernstehen. Stellen Sie daher alle Bedenken zurück und treten Sie ein in die NS-Frauenschaft. Da ich der Kreisleitung und der Gauamtsleitung diesbezügliche Mitteilungen machen muß, bitte ich Sie mir gegebenenfalls Ihre Gründe anzugeben, die Ihrem Eintritt entgegen stehen."

Lore Schlüpmann erinnert sich heute (2002) nicht, ob sie je Mitglied wurde. Eher nicht, denn an den kaum zu umgehenden Veranstaltungen (Umzüge) hat sie nie teilgenommen. Eine entsprechende ,politische` Entscheidung wäre mit Mann und Eltern in Abwägung der Konsequenzen getroffen worden. Sie selbst genoß in diesen ,politischen` Dingen den Schutz, den ihr die Familie gegenüber der Öffentlichkeit bot, auch hatte sie gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Sie ließ sich später in die Reichskulturkammer aufnehmen, als Materialien für Aquarellmalerei nur noch für Mitglieder zu haben waren.

Von der unter Nationalsozialisten als Alternative zu christlicher Religiosität propagierten ,Gottgläubigkeit` blieb der Religionslehrer vermutlich nicht ganz unberührt. Einen Hinweis bietet ein Schreiben an die Eltern eines Quartaners, Anhänger des ,weltanschaulichen` Kreises Ludendorff[25] im Oktober 36 :

"...befindet sich Ihr Sohn in einer Lage, die pädagogisch so schwierig ist, daß sie eine Beprechung zwischen Ihnen und mir erfordert. Die religiösen Auffassungen des Hauses Ludendorff sind, wie Sie wissen werden, von denen sehr verschieden, die ich in Übereinstimmung mit meiner persönlichen Überzeugung amtlich im evangelischen Religionsunterricht der Schule zu vertreten habe. Wir dürfen Ihren Sohn nicht hin- und herzerren... So fern es mir liegt und liegen muß, Ihrem Sohn meinen Unterricht zu verwehren, so halte ich es indes für meine Pflicht, Sie bei dieser Gelegenheit auf die Möglichkeit hinzuweisen, Ihren Sohn vom evangelischen Religionsunterricht abzumelden."

Vermutlich 1937 verlangte der NSLB von Schlüpmann per Formular eine ,NLSB-Ahnentafel`, in der Raum bis zum 128ten der ,64-Ahnen` vorgesehen war. Es scheint, daß der Nachkomme nicht über die schon 1933 verlangten Angaben hinausgegangen ist. Im Oktober 1937 wurde ,Zur Ergänzung der Personalakten` nach ,Zugehörigkeit zu und Beteiligung in der NSDAP und ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden` gefragt. Schlüpmann gehörte zu dieser Zeit außer den genannten Organisationen (NSV, NSLB, VDA) noch dem ;Deutschen Kolonialbund` seit dem 1. August 1935 und dem Reichsluftschutzbund an. Es blieb dabei bis 1945.

Wie dichtete Berthold Brecht 1937/38 zur 18ten seiner bekannten 27 Szenen aus dem Dritten Reich:

"Die Winterhelfer treten / Mit Fahnen und Trompeten / Auch in das ärmste Haus. / Sie schleppen stolz erpreßte / Lumpen und Speisereste / für die armen Nachbarn heraus. // Die Hand, die ihren Bruder erschlagen / Reicht, daß sie sich nicht beklagen / Eine milde Gabe in Eil / Es bleiben die Almosenwecken / Ihnen im Halse stecken / Und auch das Hitlerheil."[26]

Unter dem 7. November 1938 (d.h. zwei Tage vor der Pogromnacht von 1938) schickte der Kreisbeauftragte Bender des Winterhilfswerks[27] (WHV) ein hektographiertes Schreiben:

"Bei Durchprüfung der Eintopflisten mußte ich feststellen, daß Sie bei der 1. Eintopfsammlung am 9. 10. 1938 nur 1.- M (entsprechender Wert heute etwa 5 EUR KS) gespendet haben. / Der Führer hat durch seine geschichtliche Großtat den Weltfrieden gerettet und auch unsere Heimat vor unsäglichem Leid und Elend bewahrt. Dafür gebührt ihm größter Dank. Der Führer erwartet, daß sich das Winterhilfswerk der geschichtlichen Größe der Zeit anpaßt. / Eine solch geringe Spende aber ist eine Beleidigung für den Führer. / Ich hoffe, daß meine wohlgemeinten Zeilen Sie veranlassen werden bei weiteren Sammlungen Ihren Verhältnissen entsprechend Ihre Gabe zu bemessen. / Ich werde die Listen auch weiterhin einer Durchsicht unterziehen. / Opfern, nicht bloß spenden, muß unsere Parole bleiben."

Der ,freiwillige` Spender wurde mit Drohungen unter Druck gesetzt. Beleidigung ist auch heute grundsätzlich strafbar (§185 StGB), mit potentiell höherem Strafmaß auch die ,Verunglimpfung` des Staatsoberhauptes (§90 StGB). Was eine ,Beleidigung des Führers` in der Diktatur, zumal durch einen Beamten, bedeuten konnte, läßt sich denken. Schlüpmann sah sich veranlaßt, eine ,Selbstanzeige` auf dem Dienstweg abzugeben. Wenn er den Führer beleidigt habe, sei er als Beamter zur Anzeige verpflichtet. Aus Gründen, die seinem ,Protokoll` der Angelegenheit zu entnehmen sind, erklärte er außerdem:

"Meinen Ehrenstandpunkt wahre ich um jeden Preis. Ich bemühe mich, darin ein guter Nationalsozialist zu sein. Ich kann mein Handeln in diesem Punkt nicht davon abhängig machen, ob es mir im Konfliktfalle im Hinblick auf das über mich abzugebende politische Gutachten schaden könnte. Das Ansinnen (das Handeln abhängig zu machen KS) ist an mich gestellt worden. Das abzugebende Gutachten kann nach meiner Auffassung nur gut ausfallen, da ich mir keines politischen Vergehens bewußt bin. Um diese Grundhaltung geht es mir weiterhin ganz allein."

Es handelte sich eher nicht um den Versuch, der Willkür kleiner und großer Machthaber mit Rechtsansprüchen zu begegnen - Aussichtslosigkeit wäre da vermutlich noch die harmloseste Perspektive gewesen - , als darum, den ,moralischen` Erpressungsversuchen mit einer (konservativen) Ethik zu begegnen, von der die Gegner vorgaben, daß sie ihr Handeln bestimme, und die Teil ihrer Propaganda war. Die Anwort der Schulbehörde (Jungbluth) kam unter dem 24. November:

"Ich kann in dem Satz "eine solche Spende ist eine Beleidigung für den Führer" keine Ehrenkränkung sehen. Tatsächlich hat der Führer verlangt, daß in diesem Winter die Spenden für das Winterhilfswerk der Größe der politischen Erfolge entsprechen und besonders hoch ausfallen müssen, damit für das notleidende Sudetendeutschentum gesorgt werden kann. Der Betrag von 1.- RM bei der ersten Eintopfsammlung ist ohne Zweifel für einen Studienrat kein wirkliches Opfer. Ich erwarte daher, daß Sie in Zukunft eine größere Opferwilligkeit beweisen. Ihre in der Anlage 2 eingereichte Erklärung ist mir nicht recht verständlich."

Der Dienstvorgesetzte hielt es nicht für nötig festzustellen, daß der Beamte das Staatsoberhaupt nicht beleidigt hatte und hielt die parteiamtliche Unterstellung für nicht ehrenrührig, geschweige denn für eine strafbare Handlung. Die Erpressung durch leichtfertige Unterstellung wurde gutgeheißen. Was hatte Schlüpmann dazu gebracht, Kollegen und Dienstvorgesetze mit Rechtssystem und Sittengesetz (Ehrenkodex) zu konfrontieren? War die zeitliche Koinzidenz der WHV-Mahnung mit den Rechtsbrüchen der Pogromnacht rein zufällig? Vielleicht nicht ganz insofern, als die Abgrenzung der ,Volksgemeinschaft` durch Partei und Staat und das Mißtrauen innerhalb derselben sich zweifellos verschärften, und er wohl mit Recht glaubte, einer Gefährdung seiner Familie offensiv entgegentreten zu können, während ,Nichtvolksgenossen` diese Chance einfach nicht hatten. In einer Art künstlicher Transparenz seiner Motive und Handlungen sah er einen Schutz. Daher auch wurde für alle Fälle ein umständliches ,Protokoll` der kleinen Schritte angelegt:

"Am 10. November erhielt ich zwischen 10 und 11 Uhr das bei der Anzeige in Abschrift vorgelegte Schreiben. Unmittelbar darauf wandte ich mich mit dem Schreiben an Herrn Kollegen Rittershaus als den Vertreter des Kollegiums und bat ihn um seine Meinung, ob eine ,Beleidigung für den Führer` vorliege. Herr Kollege Brauneck gesellte sich hinzu. Beide verneinten den Tatbestand einer Beleidigung. Herr Kollege Rittershaus riet mir, den Herrn Kreisbeauftragten für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes aufzusuchen. / Nachmittags desselben Tages suchte meine Schwiegermutter, Frau Dinkelacker, in eigener Angelegenheit wegen eines gleichen Schreibens den Herrn Kreisbeauftragten auf. Dabei zog der Herr Kreisbeauftragte von sich aus meinen Namen ins Gespräch, offenbar ohne zu wissen, daß wir verwandt sind, da ihn meine Schwiegermutter erst davon unterrichten mußte. Im weiteren Verlauf betonte der Herr Kreisbeauftragte nach den Aussagen meiner Schwiegermutter noch einmal, daß eine Spende, wie ich sie gegeben hatte, eine ,Beleidigung für den Führer` sei. / Am folgenden Tag, dem 11. November, um ½ 10 Uhr, um die Ehrenfrist von 24 Stunden nicht verstreichen zu lassen, zeigte ich mich bei Herrn Oberstudiendirektor Lake unter Vorlage von 2 Abschriften jenes Schreibens an. Er fragte mich, ob er die Anzeige weiter geben solle. Ich vertrat den Standpunkt, daß er das zu entscheiden habe. Daraufhin entschied sich Herr Oberstudiendirektor Lake für die Weitergabe. / Am 12. November, in einer der ersten Pausen, teilte mir Herr Direktor Lake mit, daß er inzwischen das gleiche Schreiben bekommen habe; darauf fragte ich natürlich, ob meine Selbstanzeige schon weiter gegangen sei; er verneinte das. Nunmehr mußte ich von mir aus darauf bestehen, da ja gegen Herrn Direktor Lake dieselbe Beschuldigung vorlag. / In der nächsten Pause teilte mir Herr Direktor Lake mit, daß Herr Kollege Rittershaus ihn gebeten habe, auf mich einzuwirken, daß ich von einer Weitergabe der Selbstanzeige abstände, ich könnte mir schaden, da ja gegebenenfalls auch ein politisches Gutachten über mich abzugeben sei. Aufs tiefste empört über dieses Ansinnen, in einer Ehrensache irgendwelche anderen persönlichen Rücksichten überhaupt nur mitsprechen zu lassen, stellte ich Herrn Rittershaus in Gegenwart von Herrn Direktor Lake zur Rede. / Herr Kollege Rittershaus bemängelte, daß ich seinem Rat, den Herrn Kreisbeauftragten aufzusuchen, nicht gefolgt sei. Ich erklärte ihm, daß ich mich nach jener Unterredung meiner Schwiegermutter nicht mehr dazu habe entschließen können. Weiterhin bemängelte Herr Kollege Rittershaus, daß ich ihn nicht vor dem Schritt der Selbstanzeige erst gefragt habe. Daraufhin erwiderte ich, daß ich keinen anderen Weg gesehen habe, z.B. habe auch Herr Kollege Brauneck ganz unabhängig von mir diesen Weg für notwendig erachtet. Da er der Ansicht gewesen sei, daß meine Spende keine ,Beleidigung für den Führer` darstelle, würde ich im umgekehrten Falle von mir aus für den angegriffenen Kollegen eingetreten sein. Herr Kollege Rittershaus vertrat den Standpunkt, ich hätte ihn erst darum bitten müssen. Im Verlauf der Gespräche vertrat Herr Kollege Rittershaus weiterhin den Standpunkt, daß das Schreiben von einem einfachen Mann aus dem Volke abgefaßt sei, vielen zugeschickt sei und nicht ehrenrührig sei. Ich wies demgegenüber auf meine Beamtenpflicht zur Selbstanzeige hin. Ich könne nicht überschauen, welche Folgen es haben könnte, wenn später einmal auf die Beschuldigung zurückgegriffen würde. Nach Unterbrechung der Verhandlung, da Herr Direktor Lake und Herr Kollege Rittershaus wegen Unterrichts verhindert waren, legte ich zu Beginn der Weiterführung der Verhandlung die von Herrn Direktor Lake weitergereichte Erklärung ab. Herr Kollege Rittershaus blieb schließlich bei dem Vorschlag, ich möchte mich, anstatt auf der Weitergabe der Selbstanzeige zu bestehen, mit dem Herrn Kreisamtsleiter des NSLB in Verbindung setzen. Ich konnte mich dazu nicht entschließen, da ich mich ja bereits angezeigt hatte."

Die Niederschrift spiegelt exakt die Pedanterie, mit der Partei- und Staatsstellen vorgingen, um Menschen in die Enge zu treiben und mit Unterstellungen anzuklagen.

Es ist nicht klar, wie weit sich Fritz Rittershaus für die neue Repressionswelle der Parteiorgane im Bereich der Schule instrumentalisieren ließ, oder sich voreilig gelegentlich selbst als Kämpfer der Bewegung investierte. Seit Alfred Dinkelacker 1933 ,abgebaut` worden war, lebte die Familie mit finanziellen Einschränkungen. Die wurden zum Teil dadurch aufgefangen, daß Paul Schlüpmann mit seiner Familie im Haus der Schwiegereltern wohnte, und daß Alfred Dinkelacker sein Einkommen um etwa ein Fünftel durch Privatunterricht aufbessern konnte. Sohn Eberhard sah für 1939 seinem Abitur entgegen, war ein begeisterter Segelflieger und ,Scharführer` der Flieger-Hitlerjugend. Seit Beginn des Schuljahrs 1938 (April) hatten seine Eltern Karl Grüter, einen etwa gleichaltrigen Schüler, als zahlenden Gast aufgenommen. Wie sich später herausstellte, gab es von vornherein Einwände gegen Grüters Aufenthalt bei Dinkelackers. Aus einem Bericht, den Otto Blosen am 20.Januar 1939 verfaßte, ist näheres ersichtlich. Blosen hatte am 5. Januar 1939 eine Auseinandersetzung mit Fritz Rittershaus, in der offenbar relativ scharfe Sätze fielen:

"Wenn es Ihnen Freude macht, den Schwiegervater eines Herrn, den Sie hier Ihren Kameraden nennen, wirtschaftlich zu schädigen, dann weiß ich, wie ich mich in Zukunft Ihnen gegenüber einzustellen habe..." - "Ich könnte mir sehr wohl vorstellen, daß ein Schüler sich bei Familie Dinkelacker nicht wohlfühlt." - "Ich kenne Famlie Dinkelacker besser als Sie und weiss, daß Grüter sich da sehr wohl gefühlt hat."

Am 20. Januar wurde Otto Blosen vom Kollegen Johannes Kaspar Blom angesprochen und schrieb das Gespräch und aus der Erinnerung auch die vorstehenden Sätze auf:

"Heute, am 20.1.1939, redete mich Herr Stud.-Rat Blom an, um mir folgendes mitzuteilen: Herr Stud.-Rat Rittershaus habe ihm erklärt, er (Herr Blom) sei doch mit mir befreundet, darum möchte er (Herr Rittershaus) ihm (Herrn Blom) den Sachverhalt in der Angelegenheit Grüter-Dinkelacker mitteilen, er (Herr Rittershaus) stelle ihm (Herrn Blom) frei, das mir mitzuteilen: Er (Herr Rittershaus) habe nie gegen Familie Dinkelacker etwas unternommen, er sei nie irgendwie unkameradschaftlich gewesen. Er habe Grüter früher einmal darauf aufmerksam gemacht, daß bei oder von Familie Dinkelacker nie mit Heil Hitler gegrüßt würde, er (Grüter) habe die Pflicht, Familie Dinkelacker mit Heil Hitler zu grüßen. / Das Ganze sei erst verursacht worden durch die geringe Spende zum Eintopf, Herr Bender sei sehr aufgeregt zu ihm gekommen und habe ihn (Herrn Rittershaus) darauf aufmerksam gemacht. Dann habe der Herr Kreisleiter ihn nach Familie Dinkelacker befragt. Er (Herr Rittershaus) habe darauf erklärt, daß Herr Dinkelacker wegen politischer Unzuverlässigkeit abgebaut sei. Über die Angelegenheit mit Herrn Direktor Stenger könne er nicht Näheres sagen, da er damals noch nicht hier gewesen sei. Dann habe Herr Kreisleiter nach dem Einkommen des Herrn Dr. Dinkelacker gefragt, und er habe erwidert, daß er einen Teil der vollen Pension bezöge und einen Pensionär habe. Da habe der Herr Kreisleiter erklärt, das müsse anders werden. / Jetzt sei Grüter vor den Weihnachtsferien zu dem Herrn Direktor gegangen und habe erklärt, er wolle ausziehen. Der Herr Direktor habe sich dann nach Wohnungen umgesehen, und zwar in irgendeinem anderen als Grüters oder seiner Angehörigen Auftrage, und dabei habe der Herr Direktor auch bei Herrn Stud.-Rat Elfering und bei Frau Prof. Markus angefragt..."

Otto Blosen hatte allerdings den Eindruck, daß Fritz Rittershaus seine Rolle in der Sache habe herunterspielen wollen. Nach Karl Grüters Aussage hatte nämlich sein Mathematik- und Klassenlehrer Rittershaus längst vor der Eintopfspende und danach verschärft Bedenken gegen die Familie Dinkelacker geäußert, die nur als Aufforderung, dort auszuziehen, zu verstehen waren. Anfang November hatte Rittershaus dem Vormund und Onkel Grüters geschrieben, er sehe die Versetzung von Karl gefährdet. Dem stand eine briefliche Anwort Alfred Dinkelackers an Karls Onkel in Berlin entgegen, in der sich Dinkelacker sehr positiv über Karls schulische Arbeiten und Motivation geäußert hatte und mitgeteilt hatte, daß er nach Rücksprache mit Heinrich Lake (der war Karls Englischlehrer) (und Fritz Rittershaus s.u.) die Gefährdung für sehr gering hielte. Veranlaßt durch Rittershaus hatte Lake vor Weihnachten ein Gespräch mit Grüter, und dabei erfahren, daß der Klassenleiter den Schüler drängte, ,etwas zu unternehmen`. Alfred Dinkelacker schrieb am 21. Dezember an den Onkel:

"Ihr Mündel Karl Grüter überraschte uns heute morgen, kurz vor seiner Abreise - er hat uns offenbar bisher nicht damit behelligen mögen- , mit der Mitteilung, daß sein Klassenleiter, Herr Studienrat Rittershaus, wiederholt - seit den ersten Wochen des Schuljahrs und auch schon vor Ihrem Besuche hier in Betzdorf - aus politischen Gründen heraus auf ihn eingewirkt habe, von uns fortzuziehen. Daß solche Bedenken geltend gemacht würden, konnte ich um so weniger ahnen, als Herr Oberstudiendirektor Lake ohne unser Zutun von sich aus Frau Pfeiffer (Karls Großmutter KS) zu uns gewiesen hatte, als sie vor Beginn des Schuljahres für Karl ein Heim suchte. Er sagte nun zwar, daß Herr Rittershaus Ihnen gegenüber diese Bedenken bisher nicht geäußert habe, ob es dem Direktor gegenüber geschehen ist, ist uns aus Karls Äusserungen in der Eile nicht klar geworden. Übrigens hat Herr Rittershaus auch mir gegenüber sie nie angedeutet, obwohl ich ihn vor ein paar Wochen sogar persönlich um Ihres Mündels willen in seiner Wohnung aufgesucht habe. Bei dieser Sachlage fühle ich mich um so mehr verpflichtet, Sie umgehend davon in Kenntnis zu setzen, und Sie zugleich wissen zu lassen, daß es uns unangenehm wäre, wenn Ihrem Mündel aus seinem Aufenthalt in unserem Hause irgendeine Schwierigkeit erwachsen würde. / Wir haben es mit Karl ebenso gehalten wie mit unserem eigenen Sohn, der Scharführer bei der Flieger-HJ ist: wir haben ihn wie in der Schule, so auch zum Dienst in der HJ stets angehalten und wenn es nötig gewesen wäre, würden wir ihn selbstverständlich auch darüber hinaus zu allen Pflichten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat angehalten haben. Dementsprechend hat Karl, wie er sagt, die Bedenken seines Klassenleiters vor diesem selbst von sich aus zu zerstreuen versucht. Mir ist auch nichts bekannt geworden, daß Karls Verhalten in politischer Hinsicht zu irgendwelchen Beanstandungen Veranlassung gegeben hat. Im übrigen darf ich bei dieser Gelegenheit noch anmerken, daß ich seit Anfang Oktober d. Js. als Luftschutzblockwart auf den Führer vereidigt bin..."

Anfang Januar hatte Heinrich Lake bei einer Begegnung mit Alfred Dinkelacker auf der Straße sein Bedauern geäußert, daß von Karl verlangt werde, auszuziehen. Als dann ein anderer Onkel, Finanzpräsident in München, einen Besuch in Betzdorf ankündigte, und Karl wohl gemeint hatte, der müsse über die Auseinandersetzungen mit den Parteistellen informiert werden, schickte ihm Alfred Dinkelacker entsprechende Unterlagen und schrieb zur Situation und zu den Vorwürfen:

"Im außerfamiliären Verkehr ist bei uns der "deutsche Gruß" die Regel. Daneben sind bei uns im unmittelbaren familiären Verkehr zur Wahrung des besonderen Charakters des deutschen Grußes die Grußformeln "Grüß Gott", "Guten Morgen", "Gute Nacht", "Guten Tag", "Gesegnete Mahlzeit" u. dergl. üblich. / Mein Ruhegehalt beträgt 52% des Vollgehaltes, das ich bei meiner Entlassung bezog, sodaß ich auf fremde Beihilfe zum Studium meiner Tochter, auf weitestgehende Vermietung meines Hauses und eine meiner Ausbildung nicht entsprechende Nebenbeschäftigung angewiesen bin, deren Einnahmen sich immer in bescheidenem Rahmen hielten und halten werden... / Abgesehen von unserem Lebensunterhalt habe ich monatlich durchschnittlich 180-190 M für mein Haus an Zinsen, Tilgung, Steuern, Unterhaltskosten usw. aufzubringen. Mein Sohn steht vor dem Abitur, so daß´mir die Kosten für seine Berufsausbildung noch bevorstehen..../ Meine Frau und ich sind Mitglied der NSV. Die üblichen 10% der Lohnsteuer habe ich stets an das WHW überwiesen; bei ,Pfundsammlungen` haben wir uns stets in durchaus angemessener Weise beteiligt, ebenso an allen anderen Sammlungen. Bei der 1. Eintopfsammlung dieses Winters gab meine Frau 40 Pf. gemäß der früheren Handhabung, die bisher zu keiner Beanstandung Anlass gegeben hatte. Darauf erhielt ich, wie sehr viele andere aus Betzdorf, von dem Herrn Kreisbeauftragten des WHW Bender das in der Anlage beigefügte Schreiben. Da meine Frau diese Spende von ihrem Wirtschaftsgeld bestreitet, begab sie sich zu dem Herrn Kreisbeauftragten, um ihn über unsere wirtschaftliche Lage aufzuklären. Dieser war aber so erregt, daß ihr dies nur zum geringen Teil gelang. Doch verabschiedete Herr Bender meine Frau mit Händedruck und der Zusicherung, daß die Sache respektiert würde. Damit erschien uns der Fall erledigt..."

Wenn der Münchener Finanzrat je vorgehabt hatte, sich mit den örtlichen Parteistellen auseinanderzusetzen, konnte Dinkelackers ,Dokumentation` ihn wohl nur abschrecken, er schickte sie postwendend zurück, er wolle einzig und allein mit den Lehrern und dem Schuldirektor ,auf ein glückliches Jahresergebnis für Karl hinwirken`. Karl Grüter zog, nicht ohne sein Bedauern und das seiner Angehörigen, zum 1. Februar bei Dinkelackers aus und bestand im Jahr darauf sein Abitur. Ende gut, alles gut?

Vom 14. bis 25. Juni 1939 besuchte Paul Schlüpmann in der ,Schulungsstätte` des Deutschen Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht in Kettwig/Ruhr einen ,Lehrgang für Deutsch`. Im Oktober 1939 wurde er zur Erntehilfe nach Hohensayn ,kommandiert`. Erfuhr jedoch, dort angekommen, daß zwar der Ortsbauernführer einmal Hilfe angekündigt hatte, inzwischen aber die Ernte so gut wie eingebracht sei und Hilfe nicht mehr vonnöten.

"Wenn Sie nicht anders verfügen, werde ich also morgen meinen gewohnten Dienst wieder aufnehmen"

schrieb Schlüpmann am 2. Oktober an seinen Dienstvorgesetzen.

Mit den deutschen Kriegszügen erreichte die ,Opfer`-Propaganda` neue Dimensionen. Am 17. Juni 1940 schickte der Ortsgruppenleiter der NSDAP ein hektographiertes Schreiben:

"Am 22. u. 23. ds. Mts. findet die 4. Sammlung für das Kriegshilfswerk des Deutschen Roten Kreuzes statt. / Dein Kamerad, Dein Mann, Dein Vater, Dein Sohn, Dein Bruder - sie kämpfen, bluten und siegen für Dich! Was Du dem Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz gibst, das gibst Du für sie. Du gibst es für den Sieg und die Zukunft Deutschlands! Du gibst es für Dich und Deine Kinder!!! / Das Ergebnis Ihrer bisherigen Zeichnungen gibt mir Veranlassung, Sie zu bitten, sich ernstlich zu prüfen, ob Ihre Spende in Einklang zu bringen ist mit den einzig dastehenden Taten unserer Frontsoldaten. Haben Sie die Parole des Führers richtig verstanden? Kennen Sie den Mahnruf, der allabendlich durch den Rundfunk geht: Gebt nicht doppelt, sondern gebt ein Vielfaches! Beweisen Sie durch Ihre Spende am 22/23. 6. 40, daß Sie ein treuer Gefolgsmann des Führers sind, damit auch Sie nach dem endgültigen Siege den heimkehrenden Soldaten ohne Schamempfinden ins Auge schauen können."

Wie vielerorts, scheinen die ersten Kriegsjahre auch in Betzdorf das Leben kaum zu verändern. Im Nachhinein ist der Mangel in der schulischen und der familiären Überlieferung an Äußerungen zu und Hinweisen auf die mit dem Krieg hereinbrechenden Katastrophen - ganz zu schweigen von den unter dem Deckmantel des Krieges begangenen Verbrechen - bedrückend. Allerdings ist die Nachfrage nach den Angehörigen ,im Feld` ein ständiger Bestandteil des Briefverkehrs, und die Trauernachrichten lassen, so sie eintreffen, den Krieg bestimmt nicht vergessen. Familie Lake verlor zwei Söhne und den Schwiegersohn im Krieg. Eberhard Dinkelacker kam als Funker und Flieger nach Frankreich und Rußland; der gerade 24 jährige Oberleutnant verlor sein Leben im Januar 1945. Todesanzeigen mit dem ,Eisernen Kreuz` wurden den Zeitungslesern zur Gewohnheit. 1941, bevor die letzte, die Genozidphase des Regimes einsetzte, konnten sich Deutsche auf dem Höhepunkt ihrer ,Welt-`Macht sehen. Als könne sie bestätigen, daß der Krieg sich gelohnt hatte, oder als müsse sie sich ihrer Beamtenschaft noch einmal besonders erkenntlich zeigen, zahlte die Diktatur zum 1. August den noch in der Republik (,Brüningsche Notverordnung`) abverlangten Notgroschen, "die in der Zeit vom 1.7.32 bis 31.5.35 von den Dienst-pp-Bezügen einbehaltenen Beträge" aus. Unter dem 5. Juli 1941 bat Direktor Lake die Kollegen um die entsprechenden Belege.

Paul Schlüpmann wurde im Mai 1943 eingezogen, kam zur allgemeinen Ausbildung nach Trier, zur Ausbildung als Kraftfahrer nach Würzburg und Ende Dezember 1943 nach Osten zu einer Kraftwagen Transport Abteilung (607). Er wurde im August 1944 zum ,Oberkraftfahrer` und noch am 1. April 1945, als in Betzdorf der Krieg schon vorbei war, zum ,Gefreiten` befördert, gehörte dann zum Grenadier Ersatz- und Ausbildungsbataillon 14. Er schrieb häufig, fast ausschließlich an Frau und Kinder, meist von ,Heimweh` bestimmte, für dritte belanglose Sätze. Nach dem ersten Monat ,im Einsatz` kam unter dem 30 Januar, ausdrücklich zum ,Tag der Machtergreifung` der wahrscheinlich einzige Brief mit deutlich anderem Inhalt, konzipiert als ,Sandwich `. Zunächst eine wohl absichtlich einfältige Niederschrift von klischeehaft-einfachen ,persönlichen Beobachtungen`, die jedenfalls vermitteln konnten oder sollten, daß von der Ukraine die Rede war. Dann längere Ausführungen und Gedanken zur eigenen Gemütslage einigermaßen im Klartext, und zum Schluß ein Salat aus abstrus anmutenden Phrasen zur politischen und Kriegslage - herauszudeuten wäre oder war: der Krieg kann noch länger dauern, aber die Sowjets werden siegen. Hoffentlich greifen England und Amerika an, noch könnten wir vor sowjetischer Herrschaft bewahrt bleiben.

"Ich sah die Dorfinsassen heute aus der Kirche kommen in ihren sonntäglichen Kleidern. Das heißt, sie sind heute genau so schmutzig in ihren braunen Schafsfellkitteln wie sonst. Trotzdem bin ich nun schon ,lange` genug hier, um ihre Sonntagskleidung und -haltung von der des Alltags unterscheiden zu können. Auch die Sonntagshaltung ist anders bei ihnen als wochentags, obwohl sie wochentags auch nicht arbeiten. Ihre Bewegungen, ihre Gesichter drücken irgendwie auf primitive Weise aus, daß sie um den Feiertag wissen, das ist so ungefähr das einzige für mich Wahrnehmbare, was sie übers Tier erhebt, sie leben ja sonst wie das liebe Vieh, das sie nur ganz notdürftig versorgen, wiewohl sie das junge Kalb liebevoll mit in ihre Schlafkajüte nehmen. Sie schlafen, wenn's ihnen gefällt, wenn's dunkel wird, um 4 Uhr schon mal, und stehen auf, wie's ihnen gefällt, mitten in der Nacht. Neulich hatte sich der noch nicht mal halbwüchsige Junge zum Gaudium der ganzen Familie total besoffen im Kuhstall neben die Kuh schlafen gelegt. Der Alkohol spielt hier überhaupt eine große Rolle bei Eingesessenen wie bei den Landsern, die ja mit den Eingesessenen aufs engste zusammenleben; denn die Eingesessenen tun ja eingedenk der bolschewistischen Schreckensherrschaft sehr deutschfreundlich, da wir ihnen die Kirche lassen. Mit dem Popen, der in der bolschewistischen Ära nach Polen geflüchtet war, habe ich auch schon "Bekanntschaft" gemacht. Es geht mir, wie gesagt, augenblicklich sehr gut, wenn nur die leidigen Wachen nicht wären, mit denen wir ziemlich stark behelligt werden. Die letzte Nacht hatte ich wieder Wache, den Mangel an Schlaf spüre ich. - Gestern abend habe ich den Anfang von ,Bergkristall` gelesen, nur die Schilderung der Örtlichkeit, viel kann man ja nicht lesen, da es immer dunkel ist. Ich liege dann auf meinem Strohlager - das Stroh wird nicht ausgewechselt und bei Tage trottet man mit Mistschuhen drauf herum - auf dem Erdboden an der Wand, an der eine Bank entlang läuft. Darauf steht dann mein spärliches Hindenburglicht. Aber ich habe gestern abend das starke Bedürfnis gehabt, die Stelle laut zu lesen und all die feinen Gemütsregungen im Widerspiel mit der Gesetztheit, hörbar zu machen. Es ist mir gestern abend wie nie zuvor aufgegangen, wie fein und in den Gemütsregungen mannigfaltig und bunt wie ein Kaleidoskop die Stelle ist. Lies sie daraufhin doch auch noch mal in meiner Ausgabe. Oder hast Du sie schon so in Erinnerung? Für mich war es gestern ein kleines Erlebnis, und das gehört auch zu dem was mir gut tut, denn das merke ich doch immer mehr, ... das Soldatsein zerrt doch auch innerlich an mir gewaltig herum. Dabei bin ich in meinen Ansprüchen für die Zukunft nicht im geringsten bescheiden. Ich wünsche so sehnlichst, daß meine junge Mama und meine kleinen Kinder einen innerlich ungebrochenen Papa wiederkriegen. Ihr habt von mir ja noch so herzlich wenig gehabt. Wenn's gelingt, dann bin ich zwar an Verstandeserfahrungen nicht - denn dem Verstand lagen die Dinge, die ich hier erfahre, wirklich schon vorher klar - aber an Gemütserfahrungen reicher. Es ist eben, was ich vorher auch wohl schon gewußt habe, eine andere Sache, etwas denkend zu wissen und etwas mit allen Fasern durchlebt zu haben. Lange wird der Krieg nicht mehr dauern. Eben haben wir, soweit wir bei der Kompanie sind, die Führerrede (zum Jahrestag der ,Machtergreifung` KS) gehört. Ihr auch? Sie war kurz und ohne wesentliche Invektiven, im Wesentlichen enthielt sie eine freundliche Warnung an England vor dem Bolschewismus, fünf Minuten vor zwölf. Würde Rußland siegen, wäre England nicht Amerika, sondern dem furchtbaren Bolschewismus ausgeliefert, vor dem es noch bewahrt bleiben kann..."

Stifter beschrieb sein Dorf Gschaid im Gebirge, die umgebende Natur in den Jahreszeiten, ,sie`, die Bewohner in ihrem festen Lebenshorizont mit dem Blick des Beobachters am Fernrohr. Weniger eine idyllische, als doch eine friedliche Welt, insofern vielleicht ein Fluchtpunkt für den Soldaten.

Mit seiner Neujahrsrede 1944 hatte Hitler den ,Kampf bis zur letzten Konsequenz` (Titel der Siegener Zeitung vom 3. Januar) beschworen. Wie man in Betzdorf über die Kampfparolen des Führers dachte, geht aus Alfred Dinkelackers unbekümmerten Randnotizen hervor. Hitler:

"Das Ziel unseres Kampfes ist bekannt. Es ist kein anderes, als unserem Volke, das er (die Rede ist vom ,Herrgott` KS) selbst geschaffen hat, das Dasein zu erhalten"

Dinkelacker notierte am Zeitungsrand "Und die Juden?". Die Sätze zur ,Ausrottung` fehlten auch in dieser Hitler-Rede nicht.

Die generelle ,Kriegserfahrung`, auf den ,Feind` oder überhaupt einen anderen Menschen zu schießen, hat Paul Schlüpmann nicht gemacht. Im August 1944 war aus einem Brief auch zu schließen, daß er sich mit dem Kommandeur auf ,keine Karriere` habe einigen können. In Anbetracht der Gegend, in der seine Truppe operierte, läßt die Bezeichnung ,Transportabteilung` unwillkürlich den Gedanken an den Völkermord aufkommen, der ja 1944 andauerte. Es wäre im Zweifelsfall nachzuprüfen, welche Aufgaben seine Abteilung übernommen hat. Ihm selbst zufolge und allem Anschein nach, keine ,besonderen`. Das heißt nicht, daß er dem unmittelbaren Augenschein aller Greueltaten entgehen konnte. Unter dem 13 August 1944 hieß es in einem kurzen Brief:

"hatte ich erschütternd erhabene Bilder des totalsten Kriegseinsatzes vor mir. Es ist richtig, daß es so gemacht wird. Namentlich die Stabilisierung der Ostfront ist ja nach den Worten des Führers die vordringlichste Aufgabe. Viel Schlaf habe ich letzte Nacht wieder nicht bekommen, das ist ja an sich längst nicht das schlimmste, aber tatsächlich meine größte Leistung, daran kannst Du ermessen, daß insgesamt der Dienst nicht schwer ist."

Im Klartext bedeuteten die Sätze wohl, daß vor seinen Augen auf erschütternde, erniedrigende (,erhabene`) Weise gemordet und gebrandmarkt wurde und daß das ganz und gar nicht richtig war.

Einmal noch, im Oktober aus Javorzno bei Katowice, konnte er mit Betzdorf telephonieren, bis zum 9. Februar 1945 dauerte der Briefkontakt. Dann riß der ab, und das erste Lebenszeichen nach dem Krieg kam mit einer Postkarte des russischen Roten Kreuzes zu Ostern 1946. Nach seiner Heimkehr war zu erfahren, daß er im April 1945 unweit der Elbe gefangen genommen wurde und bis Ende September 1946 in der Nähe von Odessa zunächst im Lager, später im Lazarett gewesen war. Gefangenschaft und Begegnung mit ,den Russen` waren für ihn nicht oder nicht nur traumatische Erfahrungen. Heimgekehrt und wieder im Schuldienst, war es eines seiner ersten Anliegen, von den Texten eines Musiktheaterstücks, daß zwei Musiker und er im Lazarett erfunden und mit selbstgebauten Instrumenten aufgeführt hatten, ein Typoskript anzufertigen. Eine mit Gedicht- und Liedversen aus der Erinnerung komponierte ,Hungeroper` mit dem Titel "Hänsel und Gretel".

Als Schlüpmann im April 1949 - dann achtundvierzigjährig - von Betzdorf wegstrebte, bat er Freunde um ein Gutachten und schrieb rückblickend:

"Pg (Parteigenosse KS) war ich nicht, obwohl man es auch hier nicht, auch bei mir persönlich nicht, an Erpressungsversuchen hat fehlen lassen. Dem NSLB gehörte ich mit allen Kollegen als Mitglied an, nachdem der Kreisleiter auf einer Lehrerversammlung, zu deren Besuch ich dienstlich angewiesen war, mit völlig pensionsloser Entlassung aus dem Dienst gedroht hatte. Über seine diesbezüglichen Machtbefugnisse waren wir völlig im Unklaren gehalten. / Nach den Angaben des "Öffentlichen Klägers" mußte ich als Blockwart der NSV "amnestiert" werden. Ich habe das hingenommen. Gemäß Dienstanweisung habe ich im Dienst den Hitlergruß angewendet und meine Distanz zum Nationalsozialismus zugleich öffentliches Geheimnis werden lassen. / Ich habe meinen Dienst einem Martyrium vorgezogen, vielleicht mir zuliebe, sicher meiner Familie zuliebe, die mit zwei Dienstentlassenen (Schwiegervater und Schwager) bereits belastet war, und auch meinen Schülern zuliebe, die es vor falscher Erziehung möglichst zu bewahren galt. / Mit dem Religionsunterricht ging es mir wie mit den 9 kleinen Negerlein: Wir waren 4 Religionslehrer, der eine starb, da waren wir nur noch drei, der zweite legte seinen Religionsunterricht nieder, dar waren wir nur noch zwei, der dritte war eine Frau. Sie hätte damals so gern, wie sich jetzt herausgestellt hat, Religionsunterricht erteilt, aber sie mußte damals ausgerechnet zur Zeit des Religionsunterrichts Essen kochen und konnte darum nicht (Das ist kein Scherz), "da waren's nur noch eins", und das war ich. / Ich gehöre zu den Schulmeistern, für die die Pädagogik bei Pestalozzi sozusagen erst anfängt, aber auch wirklich anfängt. Solche Schulmeister wissen dann auch, daß es keine echte erzieherische Gesinnung ohne demokratische Gesinnung gibt. Mein Vaterland liebe ich nicht wie der Feldherr, sondern wie ich den Erdenfleck liebe, an dem ich hafte, meinen Wirkungs- und Lebenskreis und die großen Leute."

* * *

Querelen aus dem Alltag der Diktatur mögen zeigen, bis zu welchem Grad der öffentliche Widerspruch ins Absurde verdrängt war, mit welchem Verlust an Würde der Erhalt von Handlungsspielräumen und unter Umständen die Existenzgrundlage erkauft wurden, und wie mit einer ,Sklavensprache` Ergebenheit vorgetäuscht wurde. Ablehnung schien sich nur noch auf das Unmittelbare zu konzentrieren, auf die Schikanen, denen man sich persönlich ausgesetzt sah. Organisierter Widerstand, der sich vom Überblick über die kriminellen Handlungen des Regimes hätte leiten lassen oder leiten ließ, war unweigerlich mit Tarnung und zweckdienlicher Heuchelei verbunden. War daran in der Schule und mit heranwachsenden jungen Menschen auch nur zu denken? Dem Wissen um die Pädagogik entsprach wohl eher ein Bemühen, im engeren Wirkungskreis ,religiöse`(s.u. ,Religionspädagogik`) und erzieherische Einsichten so transparent wie möglich zu vermitteln. Da, wo das gelingen konnte, mußte zugleich klar werden, wie wenig damit praktisch gewonnen war, Selbstgerechtigkeit war nicht angebracht. Bei der gängigen Rechtspraxis und -theorie war ein konkretes Rechtsbewußtseins unwirklich, Unterrichts- und Lernziele konnten in Überlegungen zur Persönlichkeitsbildung, zur individuellen Ethik, in allerlei Ich-stärkenden Erfahrungen liegen. Eben darin, verkürzend gesagt, das faschistische ,Überich` zu schwächen - und auch nicht etwa durch ein alternatives, ebenso zur Selbstaufgabe aufforderndes, zu ersetzen. Speziell im Religionsunterricht lag eine Chance darin, der ,Eigenverantwortlichkeit` mit sozialethisch einsichtigen, nicht einfach und autoritär ,schriftbezogenen` Maßstäben gegen den Druck des Kollektivs aufzuhelfen.

So wenig wie das Machtgefüge einheitlich war - man spricht heute gern von einem ,Machtkartell` - , so wenig ließ die Diktatur andererseits Gegenöffentlichkeiten zu. Aber die Einschränkung der Versammlungsfreiheit und die Gleichschaltung und Veranstaltung der ,Kulturproduktion` waren nicht immer und überall gleichermaßen ,total`. Halböffentlich konnten im ,Haus Dinkelacker-Schlüpmann` in den anfänglichen Kriegsjahren ,Hauskonzerte` stattfinden. Das hektographierte, maschinegeschriebene Programmblatt, das im Bekanntenkreis zum fünften dieser Konzerte einlud, hat sich erhalten. Am Sonntag den 19. April 1942, 16 Uhr musizierten Heinz Wiechert, Violine, Grete Jordan, Violine, Gustav Siebenborn, Cello und Dr. Joachim Herrmann, Klavier. Das G-dur Quartett von Karl Philipp Emmanuel Bach, Joseph Haydens Duo für zwei Violinen in B-dur und das Beethoven Klaviertrio Es-dur bildeten die ,Vortragsfolge`. Die Musiker gastierten zum öffentlichen Konzert in Siegen, das Hauskonzert war ein ,Abstecher`. Der Kreis der Zuhörer war vermutlich nicht sehr groß, die Räumlichkeiten boten zwanzig bis dreißig Menschen reichlich Platz. Der Bekanntenkreis war durch die politische Diskriminierung seit 1933 entschieden eingeschränkt, umfaßte aber keineswegs nur Regimekritiker. Vermutlich war den Gastgebern nicht zuletzt daran gelegen, mit solchen kulturellen Treffen der sozialen Diskriminierung zu begegnen oder ihr vorzubeugen. Politik kam im engeren Kreis zur Sprache. Diesem Kreis galt Heinz Wiechert, der Violinist, der in Berlin zu hause war, als gut informiert und als regimekritisches ,Orakel`.

Paul Schlüpmann hatte bis 1933 etwa drei Meter an theologischer und mehr als zehn Meter an Werkausgaben und germanistischer Literatur zusammengetragen, dazu der ,republikanische Meyer`, die 6te, in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik erschienene, Auflage des großen Lexikons. Bis 1945 kam wenig hinzu, nur etwa Peter Gan, Die Windrose (Gedichte) 1935, Oskar Loerke, Der Wald der Welt (Lyrik), 1936, oder zwei Bände Reinhard Buchwald, Schiller 1938 und, wie oben gesagt, monatlich bis 1938 ,Die Neue Rundschau` (RM 20.- pro Jahr). Aber in der Familie wurden Neuerscheinungen von Rudolf Binding, Hans Carossa, Hermann Hesse, Ricarda Huch, Ernst Jünger gelesen und auch die ein oder andere Novelle von E.G. Kolbenheyer. Besonderes Interesse fanden, nach der Anzahl der vorhandenen Bände zu urteilen, die Bücher von Ernst Wiechert (1887-1950). In der 1936 bei Langen und Müller in München erschienenen autobiographischen Erzählung Wälder und Menschen liegt bis heute, irgendwo mit der Maschine abgetippt, das Manuskript der zweiten seiner damals bekannten Reden vor Münchener Studenten, Der Dichter und die Zeit, vom 16. April 1935:

"... Es ist vor einiger Zeit in einem vom Philologenverband herausgegebenen Buch ein Aufsatz eines Oberstudiendirektors über den kommenden Deutsch-Unterricht erschienen, in dem diese Absicht der Weltveränderung unverhüllt ausgesprochen ist. Es hat nämlich dieser wild gewordene Volkserneuerer in seinem Aufsatz gefordert, daß fortan die Jugend zu einem neuen Heldentum erzogen werden müsse. Und zwar sei es hinfort ganz gleichgültig, ob der Held einer Dichtung oder eines Lebenskreises edel oder unedel, böse oder gut handle, sondern es komme allein darauf an, daß er überhaupt handele. Und es sei ferner eine Forderung überwundener Zeiten, daß die Jugend zur Ehrfurcht vor sittlicher Größe geführt werde, weil die Jugend von heute auf der Schule bereits - von der Universität ganz zu schweigen - dahin zu führen sei, daß sie - ich zitiere - "mit kaltem Blick die Anarchie der amoralischen Welt bejahe" ... Wenn in mir ein Stück Gewissen der Nation lebt - und ich fühle schmerzlich genug, wie sehr es das tut - dann kann es mir nicht gleich sein, ob eine Jugend in "Goethescher Ehrfurcht" heranwächst, oder ob sie "mit kaltem Blick die Anarchie der amoralischen Welt" bejaht. Von "Helden" ist in aller Dichtung die Rede, aber daß gleich sei, ob sie edel oder unedel handeln, das kann wohl Fallada und sein Johannes Güntzschow behaupten (von anderen Beispielen zu schweigen), aber das hat keiner von denen behauptet, aus denen sich die deutsche Seele seit Jahrtausenden gespeist hat, weder der Dichter des Hildebrandliedes noch Adalbert Stifter (und dieser war doch sogar ein Schulrat) ... Ja, es kann wohl sein, daß sein Volk aufhört, Recht und Unrecht zu unterscheiden und daß jeder Kampf ihm "recht" ist, aber dieses Volk steht schon auf einer jäh sich neigenden Ebene und das Gesetz seines Untergangs ist ihm schon geschrieben. Es kann auch sein, daß es noch einen Gladiatorenruhm gewinnt und in Krämpfen ein Ethos aufrichtet, das wir ein Boxerethos nennen wollen. Aber die Waage ist schon aufgehoben über diesem Volk, und an jeder Wand wird die Hand erscheinen, die die Buchstaben von Feuer schreibt...."

Ernst Wiechert war in der Diktatur ein vielgelesener Autor. Er war 1914-1918 Soldat und Offizier und 20 Jahre lang Lehrer an höheren Schulen gewesen, als er 1933 diesen Beruf aus Gesundheitsgründen und zugunsten des Schreibens aufgab. Er wurde 1938, als er öffentlich gegen die Verschleppung Martin Niemöllers protestierte, zwei Monate in Buchenwald inhaftiert und erhielt Publikationsverbot. Seine Bücher wurden weiter verkauft und gelesen.


[1] Peter Brückner, Das Abseits als sicherer Ort. Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945, Berlin, Wagenbach, 1980, S.44

[2] Der Abschnitt von einer A4-Seite ist handschriftlich an ,Elfriede Noeckel` adressiert, die ein häufiger, bei Erwachsenen und Kindern gern gesehener Gast in Betzdorf war.

[3] Hier nur ein Satz aus dieser Arbeit, der etwas von der Komplexität solcher Wissenschaft erkennen läßt: " So ist die synoptische Parabole (in griechischer Schrift KS) nichts anderes als eine Übersetzung des hebräischen Maschal (in hebräischer Schrift KS), und Jesus wie die Synoptiker werden die Parabeln Jesu in keine andere Kategorie eingeordnet haben als in die des jüdischen Maschal". Der Marburger Theologe Rudolf Bultmann beurteilte mit III und schrieb zusammenfassend: "Die Arbeit zeigt große Vorzüge und daneben manche Schwächen. Der Verfasser hat wohl die Aufgabe richtig erfaßt und die Probleme im wesentlichen erkannt. Er zeigt auch ein gesundes und selbständiges Urteil, aber er hat - von einzelnen Ungeschicklichkeiten der Darstellung abgesehen - seine Untersuchungen und Ergebnisse nicht zu einer rechten Einheit zusammenzufassen vermocht. Recht gut sind die Abschnitte über die Begriffsbestimmung, weniger klar ist seine Einsicht in die Geschichte der Überlieferung der synoptischen Gleichnisse. Die eigentliche Exegese zerfällt in glossatorische Bemerkungen und analytische und konstruktive Reflexionen, so daß die rechte Überzeugungskraft fehlt. Sehr ungeschickt ist die Einleitung." In seinen Begriffsbestimmungen hatte Schlüpmann geschrieben: "...kann sich die Allegorie um einen Schritt mehr als das Rätsel dem völlig Durchsichtigen nähern. Görres` "Athanasius" und David Strauß` "Julian" dürfte wohl niemand mißverstanden haben". Dazu die Fußnote:" Ich habe allerdings beide nicht gelesen". Prompt kommentierte Bultmann: "Dann hätte der Verfasser auch nicht so urteilen sollen."

[4] Gelegentlich verfaßte er kurze Berichte für Religionspädagogische Zeitschriften: "Religionspädagogische Tagung in Essen", (Gesellschaft für evangelische Pädagogik, 700 Teilnehmer) , Z.f.d. ev. Religionsunterricht 39, 1928, S.270-75, "Barth über David Friedrich Strauß" (Tagung der ev.ak.geb. Religionslehrer(innen) in Hamm), Monatsblätter für den ev. Religionsunterricht 1928, 7/8, S. 184-87, "Die Religiosität der Nachkriegsjugend", Ebendort, 1929, 7/8, S. 181-82. Auch einmal eine Theaterkritik: "Ein Volksspiel vom Helden Siegfried. Grundsätzliches zu der Krug'schen Bearbeitung von Hebbels Nibelungen-Drama für die Landesheimatspiele Witten", Nr. 139 eines (Dortmunder?) Lokalblatts vom Sonntag, 20.5.1928. Dem Manuskript der Keller-Arbeit gab er um 1950 den Titel: "Der weltanschauliche Gehalt der Lyrik Gottfried Kellers, im Zusammenhang der deutschen Lyrik unter gelegentlicher Berücksichtigung der Prosa untersucht."

[5] Zum Tod seines Freundes 1966 schrieb er: "Im Betzdorfer Gymnasium trafen wir einander nach den Osterferien des Jahres 1930. Er hatte hier bereits ein halbes Jahr zuvor seine ,Lebensstellung` erhalten. Ich trat meine jetzt erst an ... Wir waren jung, Junggesellen und beide voller Hoffnungen in Bezug auf unser künftiges Berufswirken. Es war ja die Zeit, als eben ein neuer Schwung in die Pädagogik gekommen war, der uns jungen Pädagogen Auftrieb gab. Ich besuchte ihn bald außerhalb des Dienstes in seiner Wohnung. Ein Neues zeigte sich mir. Er bewohnte -abgelegen von unserem ,Kulturzentrum` in einem Neubau eine ganze Etage. Die Bilder und die Worpsweder Möbel verrieten seinen eigenen Geschmack, die überraschend umfangreiche, vielseitige Bibliothek, der Stutzflügel, der Plattenspieler, die Meerschweinchen und das Aquarium, Hund Ingo und die Mannigfaltigkeit der Zimmerpflanzen seine häuslichen Passionen. Es gab da nichts, was nicht zu ihm gehörte. In seiner Küche war er sein eigener Koch, dessen Künste wahrzunehmen, ich später noch häufig Gelegenheit haben sollte, als unser Verhältnis über das der Kollegialität hinausgewachsen war und sich mit anderen ein kleiner Zirkel gebildet hatte ... Er spielte Beethoven, Schuman (die ,Kinderszenen`) Chopin und Brahms. Er intonierte beste volkstümliche Lieder, eins nach dem anderen. Es ist mir, als hätte ich Musik nie so unmittelbar jubeln hören wie dann, wenn er ,Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit` erklingen ließ, und nicht die Meisterkonzerte im großen Konzertsaal, deren ich immerhin einige im meinem Leben gehört habe, sondern sein Spiel war mir später in schweren Augenblicken meines Lebens gegenwärtig."

[6] Tübingen 1921, S. 337

[7]Paulus " ...hat auch das Herrenmenschentum des Pneumatikers (Neoplatonikers KS) trotz gelegentlicher Ausbrüche überwunden oder wenigstens bewußt abgelehnt... Dennoch wären unsere Ausführungen unvollständig, wenn verschwiegen würde, daß auch Paulus die alten Werte noch nicht ganz überwunden hat. Natürlich kann es sich hier nicht darum handeln, ihn zu richten und seinen Selbstverteidigungen, zumal im 2. Korintherbrief, nachzuspüren, wie weit sie doch auf die Anerkennung seiner Person und Wirksamkeit und nicht bloß auf das Beste seiner Gemeinde und ihre Bestimmung zum Heil hinauslaufen. Wohl aber müssen seine Aussagen geprüft werden auf die Höhenlage ihrer Wertungen. Und da kann kein Zweifel sein, daß er ... die Ehre, auf die er bei den Menschen verzichtete, doch wieder bei Gott gesucht und den Ruhm, den er von Menschen nicht wollte 1 Kor. 1, 31; 3, 21, doch von Gott gewünscht und fast kindlich ersehnt hat 1 Kor. 9,15 ff. ... In den Verkehr mit Gott verweist er und dort billigt er auch ein mystisches Sichausleben, das den Menschen nicht dienen kann, 1.Kor 14,18 f. Und wenn ihm auch alle Zungenrede ,ohne Liebe` und in der Gemeinde ohne Auslegung ,nichts` ist, so hat er sich doch durch sie und alle seine wunderbaren Erlebnisse von Gott ausgezeichnet empfunden und frohlockend gesagt: "Ich danke Gott, daß ich mehr als ihr alle mit Zungen rede" 1.Kor 14, 18. All das zeigt, daß auch Paulus noch nicht ganz ,die Welt` überwunden hat."

[8] Heinrich Weinel hatte als Vorstandsmitglied der Hauptversammlung des Bundes für Reform des Religionsunterrichts in Dresden 1912 Leitsätze zur Reform vorgelegt und begründet. Die Anliegen waren damals unter anderem das Zusammenwirken mit der Kirche, aber die Aufhebung des rechtlichen Zwangs der ,Aufsicht`; eine pädagogische Ausrichtung des Unterrichts die den Unterschieden je nach Altersgruppen- und individueller Rezeptionsfähigkeit stärker Rechnung trug. Bei gleicher Gelegenheit hatte ein anderer Reformer, Friedrich Niebergall, zum Thema ,Religionsunterricht und Konfirmandenuntericht` die Losung ,unterscheiden und verbinden` ausgegeben.

[9]Der "Altfreundeverband" wurde in der Bundesrepublik zur "Evangelischen Akademikerschaft" Vgl. K.Kupisch, Studenten entdecken die Bibel. Die Geschichte des DCSV, Hamburg, 1964

[10]Nationalistische Protestantenvereine gab es schon lange. Seit 1931 existierte ein NS-Pfarrerbund. Seit 1929 nannten sich Thüringer Nationalprotestanten ,Deutsche Christen`. Zu den Kirchenwahlen im November 1932 (Altpreußische Union) traten die Deutschen Christen (DC) als Kirchenpartei an. Den Vorsitz hatte der ,Führer` des NS-Pfarrerbundes, Joachim Hossenfelder. In den Richtlinien der DC vom 26. Mai 1932 hieß es u.a. "Wir bekennen uns zu einem bejahenden, artgemäßen Christus-Glauben, wie er deutschen Luther-Geist und heldischer Frömmigkeit entspricht... Wir verlangen eine Abänderung des Kirchenvertrages (politische Klausel) und Kampf gegen den religions- und volksfeindlichen Marxismus und eine christlich-sozialen Schleppenträger aller Schattierungen...Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. Daher ist der Rassenvermischung entgegenzutreten... In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper...Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastadierung besteht. Die Heilige Schrift weiß auch etwas zu sagen von heiligem Zorn und versagender Liebe. Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten."

[11]Die Marburger Fakultät wandte sich in einem Gutachten (mit 21 Unterschriften, Rudolf Bultmann war maßgeblich beteiligt) gegen die Diskriminierung: Rassengesichtspunkte seien für Christen bedeutungslos. Paul Althaus und Werner Elert in Erlangen verfaßten ein Gegengutachten: wenn aus einer Missionskirche eine Volkskirche entstünde, wähle man die Geistlichen ja auch aus den eigenen Reihen.

[12]Protest gegen die Verfolgung und später gegen den Völkermord und vor allem Hilfeleistungen blieben im wesentlichen Sache Einzelner, darunter manche Amtsträger (Dietrichs Bonhoeffers Text "Die Kirche vor der Judenfrage" vom April 1933, Theophil Wurms Proteste gegen Euthanasie, Verfolgung der Juden und Massenmord, Pfarrer Asmussens (Hamburg) Fluchthilfe). Allerdings beschloß die Synode der Altpreußischen Union am 5. März 1935 eine Kanzelerklärung gegen die Rassen- und ,neuheidnische` Ideologie. 700 Pfarrer wurden vorübergehend verhaftet. Vgl. auch: Friedrich Wilhelm Graf, "Wir konnten dem Rad nicht in die Speichen fallen. Liberaler Protestantismus und "Judenfrage" nach 1933" in: Jochen-Christoph Kaiser, Martin Greschat Hg., Der Holocaust und die Protestanten, Frankfurt, Athenäum 1988.

[12a] Krummacher, der schon 1933 mit einer Schrift "Weltwirtschaftskrise und Christentum" nicht hinreichend eindeutig der Parteilinie (Alfred Rosenbergs) gefolgt war (die Publikation wurde beschlagnamt), fiel in Berlin mit diesem Brief neuerlich auf. Ab Januar 1935 bekleidete er keine politischen Ämter mehr, wurde (straf-)versetzt, erst nach Hildesheim, bald darauf nach Schleswig. Der Weltkriegsoffizier, (Verwaltungs-) Jurist (Dr. jur et rer. pol.) trat 1930 in die NSDAP ein, bekleidete 1933-1935 mehrfach kurzfristig Parteiämter auf Reichsebene und war dort zugleich engagierter Synodaler der protestantischen Kirchen. Vom 20.September 1939 bis 11. Januar 1940 war er Kriegsverwaltungsjurist in Polen, anschließend Frontsoldat, letzteres, nach eigener Aussage wegen abzusehenden, mit seiner (christlichen) Überzeugung nicht zu vereinbarenden, "Amtspflichten" und obwohl Vater von fünf Kindern. (zuletzt geändert April 2012: ich danke Frau Dr. Hildegard Westhoff-Krummacher für ergänzende und den Hinweis auf falsche Angaben. (Persönliche Mitteilung Frühjahr 2012)

[13] Vgl. a. die Kritik an Wilhelm Niemöllers historischer Darstellung in Friedrich Baumgärtel, Wider die Kirchenkampflegenden, Neuendettelsau, Freimund, 1959

[14] Die ,Barmer Erklärung` der BK war (im Anschluß an Barths und Webers Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen der DC) von der (,neoorthodoxen`) Offenbarungstheologie Karl Barths geprägt. Barth war 1933 politisch wie theologisch ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten und der Reichskirche. Gegenüber Jungreformatoren und Teilen der BK vertrat er einen entschiedenen Machtverzicht der Kirche. Der Bonner Professor verlor sein Amt Ende 1934 und ging nach Basel. Die Barmer Erklärung sprach von "die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der DEK sprengenden Irrtümer der Deutschen Christen und der gegenwärtigen Reichskirchenregierung". Rasse, Volk, Nation wurden im Text mit Bedacht nicht benannt: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen ... Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde befohlenen Dienstes. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben oder geben lassen... Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen ..."

[15] Paul Althaus, Obrigkeit und Führertum. Wandlungen des evangelischen Staatsethos in Deutschland. Gütersloh, Bertelsmann, 1936

[16] W. Sch. "Die geglaubte und die verfaßte Kirche. Eine Vorfrage zur Wahl der verfassunggebenden Generalsynode", Protestantenblatt 70, 1937, Nr. 10, Sp.144

[17] Ebenda, Sp.145

[18]Günther van Norden Hg., Der Kirchenkampf im Rheinland, Köln 1984, S.52; an anderer Stelle dort auch, daß der damalige Superintendent des hiesigen Kirchenkreises, Pfarrer Heckenroth / Altenkirchen, im Frühjahr 1934 zwar nicht von der Kanzel gegen die ,Gleichschaltung` protestierte, aber der 43. rheinischen Synode fernblieb und ,wie 33 andere Pfarrer, dem Präses seine Bedenken gegen die Zerstörung der presbyterial-synodalen Ordnung durch die neue Leitung schriftlich mitteilte.

[19]Robert P. Ericksen, Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus, München, Hanser, 1986 (Theologians under Hitler, New Haven London, Yale Univ. Press, 1985)

[20]Zitiert nach Robert P. Ericksen, loc.cit, S.203

[21] Zur Ambivalenz des Begriffs s. Martin Greschat, "Adolf Stoecker und der deutsche Protestantismus" in Günter Brakelmann, Martin Greschat, Werner Jochmann, Protestantismus und Politik. Werk und Wirken Adolf Stoeckers, Hamburg, Christians, 1984; der Begriff einer demokratischen Volkskirche, der vom oppositionellen Liberalismus im Kaisereich geprägt war, wurde überschattet vom nationalistischen, staatsfrommen Begriff in der Nachfolge Stoeckers, der in der Deutsch Nationalen Volkspartei (und noch, meinte Greschat, in der anfänglichen CDU) seine Rolle gespielt hat.

[22]Ericksen versuchte Kittel gerecht zu werden und konnte anführen, daß die wissenschaftlichen Arbeiten des Theologen nicht per se, wohl aber in dem gewählten Arbeitszusammenhang (Kittel war Mitbegründer von Walter Francks Institut) zum mörderischen Antisemitismus beitrugen. Kittel äußerte sich zum Pogrom von 1938 ablehnend und mit den Opfern mitfühlend. Zum Genozid hat er erst recht nicht beitragen wollen. Aber er distanzierte sich bis 1945 nicht vom Nationalsozialismus und sah sich bis zuletzt frei von persönlicher Schuld.

[23]Robert P. Ericksen, loc. cit., S.260

[24] Das Konzept der ,Evangelischen Unterweisung` ging auf eine Schrift Gerd Bohnes, Das Wort Gottes und der Unterricht, 1929, zurück

[25] Erich Ludendorff, kaiserlicher Feldherr im 1. Weltkrieg, hatte 1923 mit Hitler sympathisiert, dann seinen eigenen ,Tannenberg-Bund` gegründet, der unter dem Einfluß seiner Frau Mathilde mehr und mehr den Charakter einer religiösen Sekte annahm, die auf der Linie nationaler (und pantheistischer) ,Gottgläubigkeit` lag, wie sie von Teilen des NS-Establishments als religiöse Alternative propagiert wurde. Als eigenständige Organisation wurden die "Ludendorffianer" alsbald nicht mehr geduldet.

[26]Berthold Brecht, "18. Winterhilfe" in Furcht und Elend des Dritten Reiches, 27 Szenen, London, Malik 1938 (nicht erschienen) Gesammelte Werke, Stücke 4, Berlin Frankfurt, Aufbau Suhrkamp, 1988, S.418. Die Winterhilfe-Szene war die zweite der 8 in der Salle d'Iéna in Paris am 21. Mai 1938 unter dem Titel 99% (Wahlergebnis bei der voraufgegangenen Abstimmung zum Anschluß Österreichs) uraufgeführten ,Montage`. Brecht blieb in Dänemark, Helene Weigel reiste an und spielte mit. Die Aufführung war ein überraschender Erfolg.

[27]Kommentar der Brecht-Editoren zum WHW, loc. cit., S.536: "Das WHW war - seit 1933 - eine Sammelaktion (für Geld und Sachwerte) zur Unterstützung hilfebedürftiger Bürger. Seit 1936 wurde das WHW verstärkt dazu benutzt, zusätzliche Mittel für die Aufrüstung zu beschaffen (1937/38: fast 300 Mio RM 1937 und Sachspenden im Wert von über 100 Mio RM)".

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