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Religion im Rechtsstaat

Die Laizität, der Gedanke, das Gemeinwesen müsse sich gänzlich unabhängig von religiösen Überzeugungen konstitutieren, hat sich bis heute nur bedingt durchsetzen lassen[1]. Otto Dibelius, damals Generalsuperintendent der Kurmark, später evangelischer Landesbischof Berlin, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präsident des Weltkirchenrats[2], schrieb 1933 in der ,Neuen Rundschau`:

"Langsam erwächst im neunzehnten Jahrhundert eine gewisse Selbständigkeit der Kirche gegenüber dem Staat. Der religiös neutrale Staat von Weimar bringt diese Selbständigkeit der Kirche zu einem gewissen Höhepunkt. Aber er nimmt auch der Kirche die organische Verbindung mit dem staatlichen Leben und droht sie zu isolieren. Die nationale Revolution von 1933 wirft das Steuer herum. Die kirchliche Krisis der Gegenwart wird durch diesen Übergang bestimmt. Es wird der ernste Versuch gemacht, ein neues organisches Verhältnis zwischen Staat und Kirche zu schaffen..."

Wie hatte die ,religiöse Neutralität` des Weimarer Staates ausgesehen? Am 17. Juni 1927 schrieb der Abgeordnete, Missionarssohn, Schriftsteller und Oberstudiendirektor Theodor Bohner[3] aus dem Preußischen Landtag eine Postkarte an seinen Parteifreund Alfred Dinkelacker in Betzdorf:

"Sehr geehrter Herr Kollege, wenn man, wie ich, Religionsunterricht für Aufgabe der Religionsgemeinschaften hält, erwartet man doch vom Staat für den Religionslehrer keinen anderen Schutz gegenüber der Religionsgemeinschaft als für den Geistlichen. Ihnen schwebt immer vor, daß der Staat die Aufgabe des Religionsunterrichts hat."

Dinkelacker unterstrich ,Aufgabe der Religionsgemeinschaften` und schrieb dazu "und der Staat soll zahlen?!". Und den letzten Satz Bohners kommentierte er lakonisch mit "allerdings". Religionsunterricht als Aufgabe der staatlichen Schule. Innerhalb der ,Deutschen Demokratischen Partei`, die prominente protestantische Theologen wie Adolf Harnack und Ernst Troeltsch zu ihren Vordenkern zählte, und die sich einst um den Pfarrer Friedrich Naumann versammelt hatte, gab es keine Einigkeit über die Umsetzung der ,Neutralität`. Religiöse Gruppen, große und kleinere, waren (und sind) aus der Gesellschaft nicht wegzudenken, und im Gegensatz etwa zur marxistischen Linken erachteten die liberalen Demokraten Religion oder die Religionen auch perspektivisch als gesellschaftlich unverzichtbar[4]. Wie in der Gesellschaft, so auch in der Schule: sie waren für den Religionsunterricht in der Schule auch im ,neutralen Staat`. Nur daß die einen den Unterricht ,konfessionalisieren`, die anderen ihn möglichst entkonfessionalisieren wollten, die beiden Pole waren die ,konfessionelle Unterweisung` und der ,religionswissenschaftliche Unterricht`. Die Interessenlage und die jeweilige Argumentation der Kontrahenten lassen sich ausmalen. Während die einen die Kompetenz ausschließlich den Religionsgemeinschaften vorbehielten, rückten die anderen, getragen vom Mißtrauen in Sachen gegenseitiger ,Toleranz` der Religionsgemeinschaften, das Staatsinteresse der Erziehung zum friedlichen Zusammenleben in den Vordergrund. Im ersten Fall hatten Lehrer und jeweilige Religionsgemeinschaft zwangsläufig gleiche, im zweiten nicht notwendig gleiche Unterrichtsziele. Praktisch ging es wohl weniger um ein ,organisches` Verhältnis von Kirchen und Staat, als um ein abgewogenes und weitsichtig gesetzlich geregeltes.

Dibelius, wie viele kein Demokrat, hatte seit 1918 seine Hoffnungen auf die Kirche als antirevolutionären Orientierungsfaktor im Staat gesetzt. Ganz im Gegensatz zu Karl Barth, dem damals neuen Stern am protestantisch-theologischen Himmel. Barth und seine ungleichen Mitstreiter für eine ,dialektische Theologie`, Rudolf Bultmann, Friedrich Gogarten und Paul Tillich waren sich nach 1918 einig, mit der ,orthodox-` konfessionalistischen Auffassung des Kaiserreichs auch der ,kulturprotestantisch-` liberalen ,Staatskirche`, ein Ende zu machen. Jetzt, nachdem die Monarchie, die ihre Untertanen "für Gott und Vaterland" in den Tod geschickt hatte, in der Revolution ihr Ende gefunden hatte[5]. Ihr Programm war eine ,Diastase` von Menschen und Gott, ein sich aus dem Neuen Testament offenbarendes, existentiell gelebtes Christentum, durchaus im Einklang mit einer laizistischen Ordnung der Republik. Allerdings blieb die Frage, ob und wie aus und mit der existentiellen Orientierung am Neuen Testament, einer in Offenbarung und Verkündigung autoritär angelegten Glaubensstruktur die demokratische Bürgerlichkeit im modernen Staat entstehen sollte, zunächst ungeklärt oder umstritten. Eine besonders für Schule und Erzieher brennende Frage, deren Lösung wohl nicht, in einer ,neuen organischen Verbindung der Kirche mit dem staatlichen Leben` liegen konnte, vielmehr in einem unorganischen Spannungsverhältnis liegen mußte.

Die nationalsozialistische Diktatur hat keine einhellige Haltung der protestantischen Kirchen gebracht und schon gar nicht die Lösung der praktisch-theologischen Frage nach der Staatsbürgerlichkeit (Citoyennität). Wohl aber ein Tauziehen um Macht und Einfluß mit Anpassung und Kompromissen und manchmal auch mutigem Widerstand gegen das mörderische Regime. Die Kirchenmacht war zunächst aufgeteilt zwischen dominierender ,Bekenntniskirche` und der ,Reichskirche`, einer Konstruktion des Regimes[6]. Das Kirchenvolk zerfiel in Gegner und Anhänger der Deutsch-Christlichen Glaubensbewegung und Kirchenpartei. Neben den Kirchen hatte, als ,germanische` Alternative zum Christentum, eine eklektische ,neuheidnische Gottgläubigkeit` zeitweilig Konjunktur. Das Ende der Diktatur, die Befreiung, brachte, von der amerikanischen Militärregierung unterstützt, eine Stärkung des Kircheneinflusses. Unter diesen Umständen wurde eine Lösung der Problematik ,Religion und demokratische Bürgerlichkeit` um so dringender, kam jedoch nicht in Sicht. Die wissenschaftliche Arbeit einzelner Theologen hätte zur allgemeinen Erörterung beitragen können. So mochte Emanuel Hirsch, dem niemand Unkenntnis der im zwanzigsten Jahrhundert neu zur Geltung gekommenen Texte von Luther und Kierkegaard vorwerfen konnte, die Frage ,Gott und Welt` einer aktuellen Lösung näher gebracht haben[7]. Diesem Autor und seinen Vorstellungen blieben Diskussion und praktische Anerkennung versagt. Seine überzeugte Zuarbeit für Kirchen- und Staatsführer der Nationalsozialisten waren alles andere als eine Empfehlung für seine Theologie[8]. Ungeachtet einzelner Theologen unterblieb die Diskussion vermutlich eher, weil sie den in der jungen, zunächst vor allem ,formalen`, Demokratie an Macht interessierten Kreisen in Kirche und Staat nicht opportun schien. Die Problematik wurde ausgeklammert. Schon bei der Gründungsversammlung des Rats der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EkiD), Ende August 1945 in Treysa wurde zum Beispiel beschlossen:

"Es besteht darüber Einmütigkeit, daß der evangelische Religionsunterricht (besser sollte statt dessen gesagt werden: christliche Unterweisung) auch innerhalb der Schule Sache der Kirche ist, die in der Verantwortung für ihre getauften Glieder handelt. Alle in der christlichen Unterweisung tätigen Lehrkräfte müssen einen kirchlichen Lehrauftrag haben. Die Unterweisung erfolgt nach kirchlichem Lehrplan. Die Aufsicht in der christlichen Unterweisung führen von der Kirche bestellte, fachlich vorgebildete Kräfte."[9]

Ein Beschluß, der mit seiner Ausrichtung auf die Bekenntnisschule die demokratisch-staatsbürgerliche Problematik dieser Schulform unterschlug. Allerdings waren bei dieser ersten freien Konferenz auch Gegensätze aufgetreten, mit denen hauptsächlich zwei innerkirchliche Gruppierungen, die Bekennende Kirche und der Lutherrat, in der Öffentlichkeit Profil gewannen.

"Beide Gruppen vertraten nicht nur in schulpolitischen, sondern auch in kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen kontroverse Auffassungen. Teile der Bekennenden Kirche um Niemöller und Karl Barth öffneten sich Forderungen nach Demokratisierung und Verzicht auf kirchliche Privilegien, während sich die Lutheraner um Wurm, Dibelius und Gerstenmaier und gegen Ende der vierziger Jahre auch der größte Teil der Bekennenden Kirche an der CDU orientierten und die Politik der Restauration mittrugen."[10]

* * *

Paul Schlüpmann (1901-1973) hatte nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft und nach ein paar Monaten teilweise klinischer Behandlung der Folgen von Unterernährung und nachdem die Schule in den Wintermonaten ausgefallen war, zu Ostern 1947 den Unterricht an der (unverändert so genannten) ,Westerwaldschule` in seinen Fächern Religion, Deutsch, Sport (Hebräisch gehörte nicht zum Lehrplan der Schule, aushilfsweise gab er auch Lateinunterricht) wieder aufgenommen, mußte ihn allerdings im Mai noch einmal für einen Monat unterbrechen. Anfang März war der Religionslehrer dem ,Evangelisch-Sozialen Kongress` [11]beigetreten, jener Organisation, in der sein Schwiegervater Alfred Dinkelacker vor der Revolution von 1918 seine politischen Verbindungen gehabt hatte. Wenn er gehofft hatte, der Kongress könne im gesamtdeutschen Wiederaufbau der Demokratie noch einmal eine bedeutende Rolle spielen, wurde er allerdings enttäuscht. Die Mitgliedschaft mag jedoch zeigen, daß ihm dieser Wiederaufbau nicht gleichgültig war, ebenso wenig wie die Strukturen, die sich dem persönlichen Engagement boten. Sein Freund Otto Blosen trat der Sozialdemokratischen Partei bei.

Unter dem 6. Juni 1947 erließ der Kontrollrat die Direktive Nr. 54, "Grundsätze für die Demokratisierung des Unterrichts in Deutschland". Da hieß es in Art. 5:

"Alle Schulen müssen es sich besonders angelegen sein lassen, den Sinn für staatsbürgerliche Verantwortlichkeit zu entwickeln und das Schwergewicht auf die demokratische Weltanschauung legen, und zwar durch die Auswahl der Schulbücherprogramme und des Unterrichtsmaterials, sowie durch die Schulorganisation selbst."

Ein Jahr vor der Währungsreform war der Mangel an vielen Dingen noch groß, so auch an Lehrmaterialien. Schlüpmann entschied, den Schülern einer Untersekunda - die Abschlußklasse für die ,mittlere Reife` - per Diktat einen von ihm verfaßten, sechs Seiten in Maschinenschrift umfassenden Text an die Hand zu geben. Thema: 1. Die Verpflichtung zur eigenen Urteilsbildung. 2. Die Verpflichtung zur Toleranz. Der Text ging von einem Lessing-Zitat aus:

"...Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! ich fiele ihm in Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein..."

In der sich anschließenden ,Erklärung` wird über fast drei Seiten mit Zitaten aus dem Neuen und Alten Testament (Joh. 14,6; 1.Kor.13,9; Luc. 10,25ff; I. Kön.3,ff; Phil. 3,12) und weiteren Lessing-Zitaten der Wahrheitsbegriff erläutert[12]. So heißt es unter anderem:

"Von Zeit zu Zeit treten Menschen auf, mit dem Anspruch, unmittelbar von Gott eingegebene unumstößliche Teilwahrheiten (Paulus` "unser Wissen ist Stückwerk" findet sich zuvor zitiert KS) zu verkünden. Vielfach hat sich erwiesen, daß das "falsche Propheten" waren, vielfach widersprechen sich angeblich unumstößliche Teilwahrheiten, wie sich die Religionen der Menschheit in manchen Punkten auch widersprechen. Daß es uns zugängliche unumstößliche Teilwahrheiten - mögen sie nun von Gott unmittelbar eingegeben sein oder in mühevollem Suchen errungen werden - tatsächlich gibt, ist darum noch lange nicht ausgeschlossen. Die Christen glauben daran mit guten Gründen und unbedingter persönlicher Gewißheit, auch Lessing. Aber dieser Glaube hat trotz allem auch seine Gefahr. Wohl zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, für die das Besitzen mehr bedeutet als der Gegenstand des Besitzes: die Wahrheit..."

Die übrigen drei Seiten des Diktats handeln von der Verpflichtung zur Toleranz, erinnern sowohl an zahlreiche Beispiele von Intoleranz und Verfolgung aus der Kirchengeschichte wie auch an Ansätze zur ,Religionsfreiheit`. Zum Schluß heißt es:

"Das Frankfurter Parlament nahm 1848 die Religionsfreiheit in die ,Grundrechte des deutschen Volkes` auf. Auch die Weimarer Verfassung gab weitgehende Freiheit. Der Nationalsozialismus war unbeschadet bestehender Staatsgesetze grundsätzlich intolerant. Die Gegenwart verrät noch keine klare Stellung zur Toleranzfrage. / Die Päpste Gregor XVI (1831-1846) und Pius IX und andere katholische Stimmen verwerfen die Toleranz, wenigstens in bestimmten Formen, da man zwischen theologisch-dogmatischer, praktisch-bürgerlicher und staatlich-politischer Toleranz unterscheidet. Die erste gilt dem Katholizismus wegen der Alleinwahrheit des katholischen Glaubens für verwerflich, die praktisch-bürgerliche Toleranz als christliche Liebespflicht, seine Stellung zur staatlich-politischen Toleranz macht er von den jeweiligen Umständen abhängig. / In der deutschen Schweiz wurde die Toleranzfrage innerhalb der Kirche sogar durch Wegfall der Bekenntnisverpflichtung und grundsätzliche Gleichberechtigung der sogenannten "theologischen Richtungen" gelöst. /Abschließend läßt sich sagen, daß sich die Intoleranz im Laufe der Geschichte je und je dem Sieg der Wahrheit entgegengestemmt hat, daß ihr ungezählte Menschenleben zum Opfer gefallen sind und daß sie noch darüber hinaus den Menschen gänzlich unabwägbare Schäden an Leib und Seele zugefügt hat."

Völlig überraschend für ihn wurde der Religionslehrer am 2. August 1947 über den Dienstweg, das hieß auf Veranlassung des Ministeriums durch den Direktor, mit einem Schreiben des Superintendenten des Kirchenkreises (Pfarrer Groß in Freusburg) an das Rheinland-Pfälzische Kultusministerium (zu Händen Herrn Oberschulrat Lötschert), vom 16. Juli konfrontiert. Groß hatte geschrieben:

"Unter Bezugnahme auf meine persönliche Unterredung mit Ihnen am gestrigen Tage erlaube ich mir, noch einmal um eine Überprüfung des Religionsunterrichts zu bitten, den Herr Studienrat Schlüpmann beim Kreisgymnasium in Betzdorf erteilt. Es sind mir über diesen Religionsunterricht Beschwerden aus den Gemeinden Betzdorf und Kirchen eingereicht worden, in denen lebhaft darüber Klage geführt wird, daß der Religionsunterricht von Herrn Schlüpmann sich nicht im Rahmen der biblischen und kirchlichen Lehre hält. Die Schüler, die bei ihm den Religionsunterricht erhalten, berichten, daß er seit längerer Zeit schon als das Ziel seines Unterrichts die Aneignung Lessing-scher Glaubensanschauung betrieben habe. Ich bitte darum möglichst bald für die Abstellung eines solchen Mißbrauchs des evangelischen Religionsunterrichts an einer höheren Schule zu sorgen."

Nach wenigen Wochen der Wiederaufnahme seines Dienstes kam ohne Vorwarnung eine formale Beschwerde gegen seinen Unterricht? Wer konnte sich so schnell ein Urteil erlauben? War er etwa von vornherein als Religionslehrer nicht erwünscht? Wurde ihm wieder, jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen, ein nicht ,zeitgemäßer` Unterricht unterstellt? In diesen Notzeiten verhielt man sich eher weniger formell, gesellschaftliche Schranken hatten geringere Bedeutung und der Lehrer hatte im übrigen die Erfahrung, daß er Schülern und Eltern durchaus nicht unzugänglich erschien, und man miteinander ganz gut auskam. Sollte er sich so in sich selbst getäuscht haben, daß ihm weder Schüler noch Eltern die geringste Andeutung einer Beschwerde gemacht hatten? Die Vermutung lag nahe, daß die Begründung der Beschwerde nicht stimmte. In der Diktatur hatte man sich an Unterstellungen zwecks Amtsenthebung gewöhnen müssen. Unvorstellbar, daß damit nicht endgültig Schluß sein sollte. Mehr Klarheit war wünschenswert. Wer sollte in den Gemeinden Betzdorf und Kirchen Beschwerden geäußert haben? Sollten tatsächlich Eltern an dem Lehrer vorbei gehandelt haben? Mit dem Wunsch nach mehr demokratischer Transparenz konfrontierte Schlüpmann die Schulöffentlichkeit möglichst eindringlich mit seiner Empörung und Betroffenheit. Am 4. August las er im Beisein Heinrich Lakes der Klasse das anklagende Schreiben vor und gab dann eine ,feierliche` Erklärung ab:

"Das Schreiben als solches stellt einen sehr schwerwiegenden Schritt dar. Komme, was da mag, ich war aus innerstem Bedürfnis bemüht und werde bemüht bleiben, selbst vor dem kleinsten Sextaner ehrlich und wahrhaftig zu sein. Trotzdem hat niemand vor diesem Schritt und auch danach bis heute noch nicht zu mir selber den Weg gefunden. So muß dieser Schritt irgendwo einen sehr schweren Vertrauensbruch enthalten. Darum bat ich Herrn Oberstudiendirektor Lake, mich bis zur Klärung der Angelegenheit vom Religionsunterricht zu befreien. Herr Oberstudiendirektor Lake hat auch dieser Bitte stattgegeben. In Anbetracht der sowieso schon schwierigen Schulverhältnisse habe ich diesen meinen Schritt nicht leichten Herzens getan. Darum stehe ich selbstverständlich jedem meiner Schüler und seiner Eltern außerdienstlich nach Kräften jederzeit zur Verfügung, wenn er irgendwas auf dem Herzen hat, was er mit mir besprechen möchte."

Vom 4. August datiert auch Schlüpmanns schriftliche, dem Dienstweg entsprechend zunächst an den Direktor gerichtete, sachliche Stellungnahme zu den Vorwürfen. Er schrieb unter anderem:

"Ein so ausführliches Diktat ist nicht meine und wohl auch nicht allgemeine didaktische Gepflogenheit... So sehr ich persönlich die religiöse Erbauung schätze - die Schulandacht liegt mir besonders am Herzen - , so darf der Religionsunterricht nicht nur erbaulich sein. Der Schüler muß lernen, daß es im Religionsunterricht, abgesehen von Bibelsprüchen und Kirchenliedern und dem Katechismus, auch noch etwas anderes wirklich zu lernen gibt. Den Schülern fehlte nach meinen anfänglichen Feststellungen dafür in einem für diese Altersstufe ungewöhnlichem Maße der Sinn... Bezüglich meiner Stoffwahl wird in der Anklage ausschließlich bemängelt, daß ich die "Aneignung Lessingscher Glaubensanschauung betrieben" hätte. Tatsache ist, daß ich "Lessingsche Glaubensanschauung" überhaupt nicht behandelt habe. Es ist schon schwierig bei Lessing überhaupt von "Anschauung" zu reden. Wiewohl er Dichter war, so war doch die "Anschauung" nicht gerade seine stärkste Seite, wenigstens nicht, wenn es ihm um religiöse Fragen ging. Selbst seine große Dichtung "Nathan der Weise" kann in dieser Beziehung nicht restlos befriedigen. Der evangelische Kirchenglaube ist ohne Frage anschaulicher. Aber auch Lessings Glaubens b e g r i f f ist nicht behandelt worden. Was seinen Inhalt anbelangt, so wäre hier von Lessings Begriff der natürlichen Religion zu handeln gewesen. Gerade das aber habe ich ausgeschlossen, schon deshalb, weil mir das im Augenblick zu sehr nur "historisch" und auch keine zentrale Frage der Gegenwart zu sein schien... Schließlich ist nicht einmal Lessings Wahrheitsbegriff behandelt worden, den ich aber gern behandelt haben würde, wenn er nicht schon das Auffassungsvermögen einer normal begabten und geschulten UII übersteigen würde; denn ich halte Lessings Darstellung seines Begriffs der "inneren Wahrheit" in seinem Schrifttum, für seine ganz persönliche historische Leistung und höchst bedeutsam für die Prinzipien der modernen wissenschaftlichen Wahrheitsfindung, auch der evangelischen Theologie..."

Die ausführliche Replik (fünf maschinegeschriebene Seiten) und in der Anlage das Manuskript des inkriminierten Diktats (sowie das Schreiben des Superintendenten) gingen an die Schulbehörde, an Pfarrer Groß und an die Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland, an Oberkonsistorialrat Rößler. Am Ende seines Schreibens bat der Religionslehrer "um die Ausführungsbestimmungen zu den einschlägigen Verfassungsbestimmungen, die die geistliche Schulaufsicht über den Religionsunterricht an höheren Schulen betreffen".[13]

Wenn Schlüpmann damit gerechnet hatte, daß die ,Herstellung der Öffentlichkeit` Licht in das Dunkel bringen würde, das über den ,Beschwerden in den Gemeinden` lag, hatte er sich nicht getäuscht. Drei Tage später hatte er in der Schule den überraschenden Besuch des evangelischen Pfarrers der Nachbarkommune Kirchen, Heinz Krieger (1904-1985). Ein Besuch ,zwischen Tür und Angel`, die Unterrichtsverpflichtungen waren unumgänglich. Der Pfarrer schien den Eindruck vermitteln zu wollen, daß er mit dem Schreiben des Superintendenten nicht ganz übereinstimme. Und er teilte mit, daß der Schüler Frieder Ewich (Name geändert KS) wegen des Religionsunterrichts zu ihm gekommen sei, und daß im Synodalvorstand (Pfarrkonvent des Kirchenkreises) über die Angelegenheit gesprochen worden sei. Der Lehrer gewann keine klare Vorstellung vom Zweck des Besuchs. Doch am gleichen Tag erreichte ihn ein Brief Ewichs, den der drei Tage zuvor geschrieben hatte, offenbar motiviert durch Schlüpmanns Erklärung vor der Klasse. Nicht zu ersehen ist, ob Heinz Krieger von diesem Brief gewußt hat und annehmen konnte, daß er den Empfänger erreicht habe und deshalb mit dem Lehrer sprechen wollte. Über ein Jahr später sollte sich herausstellen, daß des Pfarrers Besuch als verfahrensrechtlich gefordertes ,seelsorgerliches Gespräch` in Aussicht genommen war. Doch zunächst der Brief des Schülers:

"Sehr geehrter Herr Studienrat! / Ich ziehe den schriftlichen Weg einer mündlichen Unterredung mit Ihnen vor, da ich Ihnen so meine Gedanken in aller Ruhe mitteilen kann. / Wenn es in dem Brief, den Sie heute Morgen in Anwesenheit des Herrn Direktors verlasen, heißt, daß Schüler der Untersekunda aus den Gemeinden Kirchen und Betzdorf Beschwerde wegen der Art Ihres Religionsunterrichts eingereicht haben, so ist es für Sie ja ganz klar, um welche Schüler es sich nur handeln kann - also auch um mich. / Im Folgenden möchte ich Ihnen eine kurze Begründung meines Verhaltens geben: / Als wir bei Ihnen mit der Betrachtung des Lessingwortes begannen, hatte ich die leise Hoffnung, daß wir dies im Lichte des Wortes Gottes tun würden. Als es dann anders kam, konnte ich nicht umhin, immer wieder hinzuweisen auf die eine "Teilwahrheit", die die Bibel mit "die Wahrheit" bezeichnet, weil diese Wahrheit das Einzige ist, "was in dem Grauen des Todes ewig bleibt und selbst auf Erdenauen des Himmels Blumen treibt." - Aber ich konnte nicht ankommen. Sie konnten diese Dinge nur ,menschlich` betrachten. Vielleicht erinnern Sie sich noch, was Sie mir sagten, als ich Ihnen die "Bekehrung" nicht so erklären konnte, wie sie es wünschten; vielleicht wissen Sie noch, welche Antwort Sie mir gaben auf meine Frage: "Glauben Sie, daß es außer Christus noch Heil gibt?" - Zwei besonders grasse Beispiele von vielen./ Nach solchen Religionsstunden war ich oft wie zerschlagen. Nicht, daß Sie mich durch Ihre Lehren beraubt hätten (am Glauben); aber der Gedanke, daß dadurch so mancher glimmende Docht in den Herzen meiner Kameraden ausgelöscht werden könne, hat mir sehr zu schaffen gemacht. / Ich habe mich schließlich an Herrn Pfarrer Krieger gewandt, ihm über die Art Ihres Religionsunterrichts Bericht erstattet und Ihn (sic!) dann weiter auf dem laufenden gehalten. Es ist ja klar, daß die Kirche an solchen Dingen ein lebhaftes Interesse hat. - Auf die Schritte, die dann unternommen wurden, hatte ich keinen Einfluß mehr. / Ich bin mir bewußt, welche Folgen dieser Vorfall für mich haben kann. Sie lehren immerhin so wichtige Fächer wie Deutsch und Latein. / Aber angesichts all dessen bleibe ich fest, denn ich weiß, daß mir nichts kann geschehen als was Gott hat ersehen und was mir heilsam ist. - / Ich bin bereit, jederzeit für mein Handeln Rede und Antwort zu stehen. / Es ist nur mein Wunsch, daß die Kluft, die sich zischen Ihnen und mir aufgetan hat, wieder geschlossen werde - in der Weise, wie es die Heilige Schrift sagt: "Er ist unser Friede"./ Hochachtungsvoll ..."

Ewig war kein schlechter Schüler, seine Religiosität war nicht verborgen geblieben, seine Kritik am Lehrer auch nicht. Streng religiöse Schüler, allerdings in der Regel aus freikirchlichen (pietistischen und baptistischen) Elternhäusern, waren keine Seltenheit in dieser Schule. Es kam auch vor, daß Schüler in seinem Alter sich nicht mehr auf die Eltern stützen wollten oder konnten und die Lehrer darüber Bescheid wußten. Das war bei Ewich der Fall. Doch war auch unmittelbar klar geworden, daß nicht der Schüler, sondern eine erwachsene Mittelsperson eine entscheidende Rolle gespielt hatte, nämlich Heinz Krieger. Doch was tun, wenn der das nicht zugab? Noch am gleichen Tag schrieb Schlüpmann an Krieger:

"Ich bin aufs tiefste erschüttert über so viel sittliche Verwirrung im Zusammenhang mit einem von außen zweifellos als stark anzusprechenden Glaubenssleben ... Da Sie allem Anschein nach sein Vertrauen genießen, wende ich mich zunächst um seinetwillen an Sie, mit der Bitte, zu versuchen, was ich jetzt nicht leisten kann ... Was liegt, psychologisch gesehen vor?: Ganz ohne Schuldgefühl ist der Brief meines Erachtens nicht ...Daß er gar nicht anders kann, als meinen Unterricht verzerrt sehen, liegt daran, daß sein Wahrheitssinn nicht so stark entwickelt ist, daß er seinen Glaubenseifer das nötige Gegengewicht gäbe. Eben infolge dieses Glaubenseifers hat er auch gar kein Gefühl mehr dafür, daß er sich in Art und Weise, wie er mich im Briefe zur Rede stellt und sich über meinen Religionsunterricht erhebt, ganz elementar zu Luthers Auslegung des 4. Gebots[14] in Widerspruch setzt ... Die furchtbarste sittliche Entgleisung bedeutet aber der Hinweis auf die eventuellen Folgen, die der Vorfall für ihn haben könnte. Fast möchte man wünschen, daß Ewich mich für so verworfen hielte, daß er mir auch diese letzte Verworfenheit noch zutrauen würde. Dann hätte er wenigstens noch Sinn für die Verwerflichkeit solcher Lehrerrache. Aber so liegt der Fall psychologisch wohl nicht, vielmehr liegt für ihn wohl unabhängig von mir und allgemein eine solche Handlungsweise des Lehrers nahe - infolge eines in dieser Richtung liegenden sittlichen Defektes bei ihm selber. Und hier braucht er eine solche Handlungsweise des Lehrers - wahrscheinlich unbewußt - um sich vor sich selbst im voraus als Glaubensheld zu verherrlichen ..."

Die, wie es heißt, "psychologische Gesamtbeurteilung" war nicht der einzige Gegenstand des Briefes, der Schreiber gab noch einen weiteren Grund für sein Schreiben an:

Ich habe stark den Eindruck, als ob Ewich nicht immer gut beraten worden wäre, leider wohl auch nicht von Ihnen, Herr Pfarrer ... Wenn er wirklich versucht haben sollte, Sie "auf dem Laufenden zu halten", hätten Sie als sein Seelsorger die unbedingte Amtspflicht gehabt, ihn auf das Verwerfliche dieses Tuns hinzuweisen und dafür zu sorgen, daß das unterblieb. Sie hätten ihm darum nicht das Wort abzuschneiden brauchen. Wenn Sie sich sofort mit mir in Verbindung gesetzt hätten und ihn das hätten wissen lassen, so hätte er Ihnen weiterhin sein ganzes Herz ausschütten können, ohne das Bewußtsein zu haben, daß da etwas zwischen Ihnen und ihm hinter meinem Rücken geschehe...

War der Lehrer ein ,Moralapostel`? Wie klängen seine Sätze, wenn ,sittliche Verwirrung` mit ,gestörtem Sozialverhalten` in die heutige Sprache ,übersetzt` würde und wir mit der ,furchtbarsten sittlichen Entgleisung` eben nicht die moralische, sondern die soziale Entgleisung, das (,hochgradig alarmierende`) ,soziale Fehlverhalten` betont sähen? Wo der ,sittliche Defekt` bombastisch klingt, wäre ,Sozialisationsmangel` vielleicht ohne Übertreibung zutreffend. Im übrigen ist die Vorstellung, die der Schreiber von dem Adressaten haben mußte, zu bedenken. Ihn sollte der Brief doppelt treffen, sollte sowohl seinen Umgang mit dem Jugendlichen als auch sein Verhalten dem Lehrer gegenüber in Frage stellen.

In der Schule konnte Schlüpmann einen pädagogischen Zorn zeigen, der in Worten, Gesten, Mimik manchmal aus ihm herauszubrechen schien, laut- und ausdrucksstark, scheinbar bedrohlich nahe der Unbeherrschtheit, oft als Gewissensappell. Diese erzieherische Übung verbot sich zwar im Verkehr unter erwachsenen Menschen, blieb jedoch im Hintergrund präsent, und wo sie doch zum Vorschein kam, vielleicht auch übertreibend, peinlich, anmaßend, war sie nie endgültig. (Übrigens: Manche Lehrer schlugen noch, auch in der höheren Schule. Schlüpmann wohl nie[15]). Bei der Abfassung des Briefes mag mitgespielt haben, daß im Trüben gefischt wurde, daß der Eindruck entstehen mußte, als wäre, was den Jugendlichen anging, Manipulation im Spiel. Jedenfalls sollte der Denunziation, dem verdeckten Handeln, in dem der Geist der Diktatur zu spuken schien, der Garaus gemacht werden. Dem Erzieher mögen psychologische Erörterungen und Hypothesen, auch hilflos verschärfte, gerechtfertigt erschienen sein. Was wäre der Umgang mit Heranwachsenden ohne Psychologie? Eine andere Frage ist die Komplexität dieser Psychologie, darüber wäre zu reden gewesen. Heinz Krieger antwortete unter dem 11. August:

"Ich gehöre selbst nicht zum Synodal-Vorstand, kann also in dessen Auftrag oder Namen gar nichts sagen. Ich habe ihn nur erwähnt, um Ihnen aufzuweisen, daß gemäß Kirchenordnung der Synodal-Vorstand die christliche Erziehung der Jugend in Kirche und Schule zu überwachen hat. Diese Überwachung ist für mich selbstverständlich eine Verpflichtung der Kirche, die sie dem Herrn der Kirche gegenüber schuldig ist. Sie würden mich mißverstehen, wenn Sie glauben, daß ich diese Anliegen nicht trüge. Eine andere Frage ist, mit welcher Methode diese Überwachung seitens der Kirche geschieht... Eine Beeinflussung Ewichs lag mir fern, denn das Zentral-Anliegen dieses Jungen, das er mir mit bewegtem Herzen darstellte, war in jeder Weise anzuerkennen. Schon der Versuch, das Zeugnis der Heiligen Schrift als eine "Teil-Wahrheit" in dem evangelischen Religionsunterricht zu behandeln, ist zweifellos abwegig und keine lautere Wiedergabe der Verkündigung von Jesus Christus nach der Hl. Schrift Alten und Neuen Testamentes ... Ich habe inzwischen Ihre Diktate dazu gelesen und muß sagen, daß dieselben in dieser Form getrost in irgend einem Moralunterricht, der mit dem Christentum nichts mehr gemein hat, vorgetragen werden könnten . .. Scheinbar wissen Sie, daß Ewich durch eine Evangelisation von Pfarrer Jochums aus Eiserfeld eine Bekehrung erlebt hat. Ich selbst kam erst im Februar 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück und habe Ewig erst nach der Evangelisation wiedergesehen. Ich war über die Entwicklung und das lebendige Glaubensleben von Ewich sehr erfreut ... Ich glaube, daß Ewich sich der Tragweite jener zwei Sätze nicht bewußt war, in denen er in seinem Brief von den Folgen des Vorfalls spricht ... Daß er damit eine verwerfliche Handlungsweise seines Lehrers voraussetzen würde, ist ihm gewiß nicht klar gewesen. Es ist zu verstehen und zu entschuldigen aus der ganzen Spannung, in die Ewich durch Ihren Religionsunterricht gekommen ist ... Ich habe Ewich bisher nur einen Rat gegeben: "Wenn Dein Lehrer Dich in einen Konflikt bringt, dann bekenne lauter, wozu das Zeugnis der Bibel Dich nötigt. Das ist Dein Recht und Deine Aufgabe als Konfirmierter". / Ich hoffe, daß Sie nunmehr klarer sehen.

Die angeblich aus den Gemeinden kommenden Beschwerden lösten sich mehr und mehr in Luft auf. Der Eindruck verstärkte sich dem Lehrer, daß sein Unterricht und/oder seine Person den Pfarrer auf den Plan gerufen und zum Handeln veranlaßt hatten, wobei das Vertrauen, das der Schüler seinem Pfarrer entgegengebracht hatte, in den Augen des Erziehers mißbraucht worden war. Wie war der vermutliche Urheber der Beschwerde zur Offenheit zu bewegen?

"Wollen Sie mir sagen, daß Sie sich persönlich berufen fühlen, den Religionsunterricht an höheren Schulen zu überwachen? Mir will es so scheinen ... Die Frage nach der Methode der Überwachung bedeutet freilich im Zusammenhang mit dem, wie man mit mir verfuhr, alles, aber natürlich darf auch die nach den Überwachungsorganen der Kirche dabei nicht ganz übersehen werden ... Ihre Interpretation meines behelfsmäßigen Begriffs der "Teilwahrheit" ist völlig abwegig... Ich muß Sie auf mein Diktat zurückverweisen... Was meinen "Moralunterricht", soweit er in meinem Diktat vorliegt, anbelangt, so nimmt die Wahrheitsliebe darin einen breiten Raum ein. Es sollte wirklich selbstverständlich sein, daß es immer etwas mit dem Christentum gemein hat, wo auch immer von der Wahrheitsliebe ernsthaft die Rede sein sollte. Ein Hinweis auf das 8te Gebot[16] genügt da schon, um das zu beweisen ... Ich stimme mit Ihnen auch nach meinem ersten Brief durchaus darin überein, daß "Ewich sich der Tragweite jener zwei Sätze nicht bewußt war..." und daß er sich auch über das Verwerfliche der vorausgesetzten möglichen Handlungsweise des Lehrers nicht ganz im klaren war; aber diese Unklarheit beruht - zwar nicht allgemein auf sittlichen Defekten bei ihm, ich muß Sie da schon bitten, mich genauer zu zitieren, sondern - auf e i n e m in dieser Richtung liegenden Defekt bei ihm, infolgedessen er da nicht klar sehen konnte ... Man kann nun leider bei Ewich nicht mehr von einem "tadellosen Jungen" (Zitat aus Kriegers Brief KS) sprechen, da sein Verhalten tadelnswert war.... Den Rat, den Sie Ewich nach dem Schluß Ihres Briefes geben, ist an sich nicht falsch, er war nur überflüssig, da ich ihm durch die Art meines Unterrichts selbst immer stillschweigend dazu aufgefordert habe, und vor allen Dingen hätten S i e dem Rat noch den Zusatz geben müssen: "Ich werde mich umgehend selber mit Herrn Studienrat Schlüpmann in Verbindung setzen. / Ich sehe immer klarer..."

Die Klassenkonferenz beschloß, Frieder Ewich "zu tadeln und zu ermahnen". Wesentlich sei aber, daß "der Junge" auch wirklich sein Fehlverhalten einsähe und sich nicht als unschuldig Verfolgter vorkomme.

"Da im vorliegenden Fall Schule und Kirche von dem Schüler gegeneinander ausgespielt werden, wäre es wesentlich, daß auch beide in ihrem Auftrag als Erzieher gleichmäßig auf den Jungen einwirkten. Deshalb sieht sich die Konferenz veranlaßt, ihren Beschluß Herrn Pfarrer Krieger als seinem Gemeindepfarrer mitzuteilen mit der Bitte, auch seinerseits den Jungen zu ermahnen, es an der schuldigen Achtung vor seinen Lehrern nicht fehlen zu lassen, und ihm klarzumachen, daß besonders die oben erwähnte Anschuldigung eine verwerfliche Denkungsart zeigt, abgesehen davon, daß sie eine ungeheuerliche Beleidigung enthält."

Ewich entschuldigte sich mündlich wegen der Verdächtigung, wollte aber trotz erneuter Ermahnung durch den Direktor nicht einsehen, daß er sich anmaßend über seinen Lehrer geäußert hatte, sondern schrieb noch einmal ausdrücklich unter dem 10 August:

"Sehr geehrter Herr Studienrat! / Ich bitte um Entschuldigung, daß ich in meinem Brief vom 4. 8. den Satz schrieb: "Ich bin mir bewußt, welche Folgen dieser Vorfall für mich haben kann. Sie lehren immerhin so wichtige Fächer wie Deutsch und Latein." und nehme hiermit diese Äußerung zurück. / Ich war mir beim Schreiben jener Zeilen der Tragweite der Äußerung nicht bewußt. /Hochachtungsvoll..."

Die Wortwahl des letzten Satzes ist identisch mit der in Heinz Kriegers Brief. Die Vermutung, daß das Schreiben mit ihm abgestimmt war (wie vermutlich auch das erste?), lag nahe und damit der Schluß, daß der Pfarrer in punkto Anmaßung seinen Schützling nicht überzeugen konnte und/oder wollte. Ewichs religiöse Überzeugtheit kam ein paar Monate später noch einmal im Kollegium zur Sprache, als sein Deutschlehrer mit ihm über Walther von der Vogelweide, Unter der Linde ... in Konflikt geriet. Joseph Schäfer schrieb in seinem Bericht:

"Ewich ist seiner "Erweckung" so gewiß, daß ihn sowieso keine weltliche Autorität überzeugen kann. Nach einigen Minuten Überlegung schien es mir jedoch diesmal besser, Ewichs Haltung energisch zurückzuweisen und zu betonen, daß eine Ablehnung des Gedichtes aus sittlichen Gründen ein grobes Mißverstehen voraussetzt und das Anstößige von außen in das Gedicht hineinträgt... Ich lehne es ... ab, daß engstirnige, falsch erzogene oder krankhaft empfindende Schüler darüber bestimmen, was wir an unserer Schule unterrichten..."

Mit seinem ,Eigensinn` war der Heranwachsende in der Schule nicht unproblematisch. Aber es waren nicht die Lehrer der Schule, die ihn zum Instrument - so sieht es immerhin aus - machten. Zum Werkzeug wider eigene Interessen und für fremde im Legitimations- und Einflußstreben in diesen Jahren nach der Katastrophe, in denen die besondere Besinnung auf das Christentum sich auch im Hinblick auf ganz weltliche Positionen, die erst einmal verloren waren oder bedroht schienen, lohnen konnte. Wen wundert es in diesem, aber auch über diesen hinaus in einem ideologischen Zusammenhang, daß eher der Ersatz einer autoritären Orientierung durch eine andere, als ihre Abschaffung im Horizont lag. Es war nicht das oder irgendein Christentum, das unter solchen Umständen Hegemonieansprüche stellen konnte, sondern ein passend zurechtgelegtes. Es ist kein Paradoxon, daß ein besonders ,spröder` Glaube (wobei Begriffe wie ,Bekenntnistreue`, Offenbarungsglaube`, ,Diastase` am Kern der Sache vorbeigehen) Resistenz in der Diktatur für sich verbuchen konnte, und im demokratischen Rechtsstaat dennoch problematisch war. Ein ,demokratisches Christentum` war - theoretisch und praktisch - unterentwickelt.

Der Schüler war sehr bald nicht mehr beteiligt, der eigentliche Konflikt aber dauerte an. Anfang September 1947 ersuchte das Kultusministerium den Direktor, eine Besprechung mit einem Fachlehrer, zwei Elternschafts- und zwei Kirchenvertretern zu veranstalten, was Heinrich Lake nicht gelang, weil außer dem Fachkollegen Robert Euler (1915-1995), Heinz Krieger und Schlüpmann niemand erscheinen wollte (was den Eindruck verstärken konnte, daß die Beschwerden aus den Gemeinden frei erfunden waren). Anfang Oktober bat nun auch das Kultusministerium, Herr Lötschert, die evangelische Kirchenleitung in Düsseldorf um ihre Stellungnahme und gegebenenfalls um einen Verhandlungstermin. Am 10. Dezember wandte sich Paul Schlüpmann an den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Schwäbisch-Gmünd

"weil ich seit 4 Monaten vergeblich auf eine Stellungnahme der Kirchenleitung der Rheinprovinz warte, obwohl auch meine vorgesetzte Behörde sie um Stellungnahme zu meinem Religionsunterricht bat, und weil so grundsätzliche Fragen wie die der Stellung der evangelischen Theologie zur Wissenschaft, zur Moral und zu unseren Klassikern und die der geistlichen Schulaufsicht über den evangelischen Religionsunterricht an höheren Schulen gestellt sind."

Gleichzeitig ersuchte er die Theologische Fakultät in Marburg um eine Äußerung:

"Vor allem zur Rechtgläubigkeit und Wissenschaftlichkeit meines Religionsunterrichts ... wenn der Universitätslehrer der Theologie - um auf den vorliegenden Fall Bezug zu nehmen - z. B. auf Lessing eingehen oder "christliche Ethik" lesen darf, ohne sich des "Mißbrauchs" seines Amtes schuldig zu machen, so könnte das ein weiterer Grund sein, warum man dem Religionslehrer dasselbe Recht zubilligen müßte."

Beiden Schreiben lagen alle bisherigen Schriftstücke bei, vom Text des Unterrichtsdiktats zum Briefwechsel mit dem Pfarrer. Ernst Benz[17] als Dekan schrieb sehr bald zurück, daß die Fakultät sich für nicht zuständig erklären müsse, für die Rheinprovinz seien die Bonner Kollegen zu befragen. Schlüpmann richtete dieselbe Bitte mit allen Unterlagen unter dem 18 Januar 1948 an die Bonner Fakultät.

Am 2 März ersuchte Herr Schwister[18] aus dem Kultusministerium den Direktor

"Herrn Studienrat Schlüpmann zu veranlassen, nun endlich in seiner Angelegenheit die Entscheidung des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland und der evangelischen theologischen Fakultät in Marburg beizubringen."

Schlüpmann bedauerte in seiner Antwort am 10. März, daß bisher keine der beiden ,Entscheidungen` eingegangen sei und fügte hinzu:

"Die in der Anklage zitierten Beschwerdeführer sind weiterhin vor mir anonym geblieben, bis auf den Ortspfarrer der Nachbargemeinde Kirchen und den Schüler Ewich, die aber beide mit der Anklage unmittelbar nichts zu tun haben wollen ... Ich bat Sie s.Zt., mich vom Religionsunterricht bis zur Klärung der Angelegenheit zu befreien. Das geschah in dem "guten Glauben", daß diese Klärung bald erfolgen würde ... in meinem "guten Glauben" habe ich mich getäuscht. Wertvolle Monate sind inzwischen zu meinem tiefsten Bedauern verstrichen. Meine Überzeugung, daß ich meinen Schülern im Rahmen des evangelischen Religionsunterrichts etwas zu sagen habe, ist durch den Konflikt bisher nicht widerlegt, sondern gestärkt worden. Daher ziehe ich meine Bitte zurück und bitte Sie, mich nach Ostern wieder im Religionsunterricht einzusetzen, und zwar in den Klassen, in denen ich Religionsunterricht erteilte, auch darum, damit der Eindruck einer dem Herrn Minister vorgreifenden Maßregelung vermieden wird."

Gleichzeitig gingen noch mal Briefe nach Bonn und Schwäbisch-Gmünd, und es wurde um Mitteilung gebeten, ob grundsätzlich mit einer Stellungnahme zu rechnen sei. Daraufhin schrieb Herr Schwarzhaupt aus der Kanzlei der EKD, daß zunächst bei der Rheinischen Kirchenleitung angefragt worden sei, ob sie von ihrem Recht zur Stellungnahme Gebrauch machen wolle, und daß er bäte, sich bis zum Eingang der Antwort zu gedulden.

Die Schulverwaltung, das Ministerium hatten vor sieben Monaten gebilligt, daß der Religionslehrer im Interesse der Sache seinen Unterricht vorübergehend niederlegte. Inzwischen hätte klar sein sollen, daß mit der anfänglichen Beschwerde ein Stein ins Rollen gebracht worden war, und daß es in erster Linie nicht mehr darum ging, in der lokalen Sache zu entscheiden, sondern in unklaren politischen Verhältnissen allgemeine Entscheidungskompetenzen zu verteilen - ein Jahr vor der Gründung der Bundesrepublik, als nach einer ersten ,Entnazifizierung` neue politische Vernetzungen zu schaffen waren und alte sich reformierten. Wie verhielten sich die Politiker, als der Lehrer seinen Unterricht wieder aufnehmen wollte? Wie entschied die Schulverwaltung? Heinrich Lake schrieb am 7. März an Schlüpmann:

"Heute ging seitens der Landesregierung Rheinland-Pfalz ein an mich persönlich gerichtetes und von Herrn Ministerialdirektor Dr. Lötschert unterzeichnetes Schreiben vom 2.4.48 ein, in dem er in bezug auf Ihre Angelegenheit anordnet, daß Sie vorläufig den Religionsunterricht nicht erteilen und um Entbindung von der Erteilung dieses Unterrichts bis zum Eintreffen der Stellungnahme der kirchlichen Stellen nachsuchen -möchten, damit diese Maßnahme nicht etwa als eine Maßregelung erscheinen könne..."

Dem Lehrer wurde der Unterricht vorläufig untersagt, daß war ihm und dem Direktor natürlich unmittelbar klar. Es war ein ziemlicher Schock. Fast noch schockierender war aber die Zumutung, der Betroffene solle das auferlegte Verbot als eigenen Wunsch betrachten, also die Sachlage verdrehen. Der kaum geborene Rechtsstaat kam auf den Prüfstand. Schlüpmann äußerte sich Lake gegenüber und für den Dienstweg, zur Sicherheit noch schriftlich:

"Um der Wahrhaftigkeit willen stelle ich ausdrücklich fest, daß ich die gewünschte Bitte nicht ausspreche. Sie entsprachen der Anordnung".

Unter dem 19. April 1948 bat der Lehrer den Kultusminister um Begründung des Unterrichtsverbots. Er wies gleichzeitig auf die Erklärung Joseph Schäfers zu des Schülers Haltung im Deutschunterricht hin, die bestätigte, was Schlüpmann in seinem Rechtfertigungsschreiben vom 4. August des Vorjahres zu den ,hiesigen Verhältnissen` auf dem Dienstweg geäußert hatte: die Schule hatte sich mit religiösem Fundamentalismus auseinanderzusetzen, der von kirchlicher Seite unterstützt wurde. Vom Ortspfarrer, aber inzwischen auch von einer Äußerung des Dekans der Bonner Fakultät, die am 4. April endlich angekommen war. Günter Dehn, Professor für praktische Theologie hatte geschrieben, daß die Fakultät sich nicht in der Lage sehe, das gewünschte Gutachten abzugeben. Sie halte sich auch nicht für befugt, weil sie vom fraglichen Religionsunterricht ja nur teilweise Kenntnis habe.

"Sodann aber möchte sie angesichts der völligen Ungeklärtheit der Verhältnisse in Bezug auf die kirchliche Aufsicht über den Religionsunterricht nicht ihrerseits als eine solche aufsichtführende Instanz in die Erscheinung treten. Nach dem bisher geltenden Recht sind Sie als Religionslehrer ja völlig frei von irgendeiner Lehraufsicht. Es wird zur Zeit nun versucht von der Kirchenleitung her, aus dem berechtigten Verlangen heraus, zwischen ihr und den Religionslehrern eine Verbindung herzustellen, eine Instanz zusammenzustellen, die befugt ist, in Konfliktfällen Ihrer Art ein Urteil abzugeben. Vermutlich wird man Gremien, die aus Lehrern und Männern der Kirche zusammengesetzt sind, zu diesem Zweck schaffen..."

Der erfahrene und vielseitige Theologe[19] wollte sich aber, wo er mit einem Fakultätsurteil nicht dienen konnte, wenigstens mit einem ,persönlichen Wort` äußern:

"Es scheint mir, daß der von Ihnen gegebene Unterricht ganz dem traditionellen liberalen theologischen Denken entspricht, wie es freilich seit langem im Religionsunterricht an höheren Schulen üblich war, das aber nunmehr abgelöst wird von einem offenbarungsgläubigen theologischen Denken, das sich an Schrift und Bekenntnis gebunden fühlt. Von hier aus gesehen ist es dann freilich unmöglich, daß man im Religionsunterricht mit Lessing das Streben nach Wahrheit höher stellt, als den Besitz der Wahrheit. Heißt es doch in der Heiligen Schrift, daß Gnade und Wahrheit in Jesus Christus geworden sind, der ja der Herr der Gemeinde ist und als d i e Wahrheit sich ihr mitteilt. Von hier aus gesehen bekommt die Forderung nach Toleranz ein ganz anderes Aussehen als in der von Ihnen gegebenen relativistischen Art und Weise."

Soweit die theologische Meinung. Der ehemalige Pastor, der sich schon in den zwanziger Jahren mit Berliner Großstadtjugend und Jugendreligiösität auseinandergesetzt hatte[20] fand anschließend Worte, mit denen er sein Verständnis für den Protest des Schülers zum Ausdruck brachte, auch für die ,ungeschickte Form`, die der Lehrer nach seiner Meinung "nicht so übel hätte nehmen sollen". Mit den beiden Sätzen (die Gegenstand der Entschuldigung des Schülers wurden), sei

"er doch nur ehrlich gewesen und hat das geschrieben, was jeder andere auch, wenn auch gewiss irrtümlicherweise, gedacht hätte."

Die scharfe Reaktion der Lehrerkonferenz, die den Charakter des Jungen in ein schlechtes Licht rücke, schiene ihm "bar jedes Verständnisses für die Seele eines jungen Menschen in der vorliegenden Situation zu sein."

Tatsächlich hatte der Lehrer ja seinem Schüler nicht so sehr übel genommen, was zum Teil auf den Mentor zurückzuführen war, an den die briefliche Darstellung adressiert war und an dessen Schuldbewußtsein er - auch im Interesse des Schülers - zu appellieren versuchte.

Schlüpmann schrieb postwendend an Dehn, bedankte sich, bedauerte, daß die Fakultät, trotz der Mitverantwortung, die sie bei der Ausbildung der Religionslehrer übernehme, sich zur Begutachtung der Wissenschaftlichkeit eines Religionsunterrichts nicht berufen fühle. Er bedanke sich besonders für die klare persönliche Äußerung, die ihm als ,liberalem Theologen` Heimatrecht in der Kirche gebe. Bedenken habe er allerdings, wenn dem Liberalen jede Offenbarungsgläubigkeit in seinem Denken abgesprochen werde, auch Albert Schweitzer zähle schließlich zu dieser ,fast ausgestorbenen Generation` der Liberalen. Ein Hinweis, daß er auch sich selbst als ,Liberalen` zwar gern aber nicht ausreichend bezeichnet sah. Theologisch gefordert fühlte sich der Lehrer durch Dehns Bibelzitat zur Offenbarungstheologie. Er meinte, aus diesem Zitat (s.o):

"ergibt sich eine Fülle von Fragen, so daß es keine Theologie mehr zu geben brauchte, wenn es nicht so wäre. Darum kann ich mir auch von hier aus noch in keiner Weise eine Vorstellung davon machen, welches Aussehen die Forderung nach Toleranz für Sie hat. Ich glaube freilich, daß Jesus Christus "die Wahrheit" sei, und zwar unter der ganz bewußten Voraussetzung, daß es im Begriff der Wahrheit eingeschlossen ist, daß es letzten Endes nur eine Wahrheit gibt, also nicht auch Buddha zugleich "die Wahrheit" sein kann. So fühle ich mich in meinem Glauben frei von allem Relativismus. Aber das bedeutet nicht, daß ich dem logischen Nachweis keinerlei Bedeutung zuschreiben könnte. So gewiß ich an die christliche Wahrheit glaube, so gewiß ich bin, daß der logische Nachweis der christlichen Unwahrheit nicht zu bringen ist, so gewiß bin ich auch, daß ebenso wenig der logische Nachweis der buddhistischen Unwahrheit zu erbringen ist. Das bedeutet für mich so viel, daß Gott nicht will, daß wir Menschen intolerant sind."

Besser als mit diesen Sätzen lebendiger theologischer Dialektik hätte dem Autor seine Definition von Toleranz kaum gelingen können.

Günter Dehns kritische Äußerung zum pädagogischen Umgang mit dem Schüler hielt er nicht oder nur bedingt für gerechtfertigt - über die entscheidende Rolle des Pfarrers wurde beiderseits taktvoll geschwiegen. Schlüpmann schrieb:

"selbst wenn es so wäre (daß Ewich nur ehrlich gesagt hätte, was jeder Mensch gedacht hätte KS) so schließt das nicht ein, daß jeder Mensch von vornherein so denken darf. Die Verurteilung einer solchen Gesinnung besagt auch zunächst noch nichts über ihr psychologisches Zustandekommen, das ebenfalls von der Lehrerkonferenz eingehend geprüft und weitgehend zugunsten des Schülers in Rechnung gesetzt wurde."

Der knappe theologische Gedankenaustausch, der einzige während der ganzen Dauer der Angelegenheit, mochte andeuten, wie wenig die Problematik des Schulunterrichts, das Grundproblem von Religion und demokratischer Staatsbürgerlichkeit die Köpfe bewegte. In den Kirchen nicht, auf der politischen Ebene nicht und auch nicht in den Universitäten.

Der Betroffene hatte gebeten, das Unterrichtsverbot zu begründen. Der Kultusminister ging auf die Bitte nicht ein. Stattdessen gingen unter dem 4. Mai 1949 gleich zwei Briefe von Herrn Lötschert im Ministerium an Heinrich Lake, ein privater und ein offizieller, eine merkwürdige Vorgehensweise der Behörde:

"Entscheidungen in religiösen Fragen sind immer sehr delikate Angelegenheiten. Sie lassen sich besser in persönlicher Aussprache zwischen den Zunächstbeteiligten als ex cathedra geben. / Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie noch einmal versuchen wollten, in Besprechungen unter 4 oder 6 Augen einen Ausgleich à l'amiable zu erzielen..." "Die Entbindung des Studienrats Schlüpmann vom Religionsunterricht ist in meinem Erlaß vom 2.4.48 -II E4 als eine "vorläufige" bezeichnet worden. Der endgültige Bescheid der für die Beurteilung des religiösen Charakters des Unterrichts zuständigen Kirchenstelle bleibt abzuwarten".

Lake und Schlüpmann waren sich darin einig, daß das offizielle Schreiben, das übrigens formal nur auf einen Bericht Lakes vom 21. April Bezug nahm, keine Antwort auf Schlüpmanns Anfrage sein konnte, insbesondere konnte der zweite Satz das Verbot nicht begründen,

"da der Herr Minister nach dem z.Zt. geltenden Gesetz offenbar durchaus in eigener Verantwortung und selbständig entscheidet, also eine solche Maßnahme auch nur treffen kann, wenn ihm selbst bereits sachliche Bedenken gegen meinen Religionsunterricht gekommen sind, die er selbst für gerechtfertigt hält, und zwar unter der gesetzlichen Voraussetzung, daß es für den evangelischen Religionslehrer z.Zt. keine Lehrverpflichtung gibt, wie sie es auch nicht gegeben hat, solange ich Religionslehrer bin (das war seit 1926 KS)"

Dem Wunsch nach einem Ausgleich à l'amiable entsprach diese Antwort des Lehrers nicht. Welches Resultat sollte ein solcher Ausgleich wohl haben? Daß der Lehrer auf seinen Unterricht verzichtete? Daß der Pfarrer sich selbst einer falschen, jedenfalls aber ungeprüften Beschuldigung angeklagt hätte? Als am 17 Juli immer noch keine Begründung vorlag, schrieb der Lehrer an den Minister, daß er jetzt die Sachlage juristisch habe prüfen lassen und ,in aller Höflichkeit` noch einmal nach der Begründung frage:

"Herr Dr. Heinen ist unbeschadet seiner abweichenden persönlichen religiösen Überzeugungen in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt der Ansicht, daß ich einen solchen Rechtsanspruch habe."

Zu welchen Schlüssen war der Jurist im Einzelnen gekommen? Sein Gutachten - natürlich nicht zu den inhaltlichen Fragen, sondern zum Verfahren - lag dem Schreiben an den Minister bei:

"Die Kirchen oder Religionsgemeinschaften haben das Recht, im Benehmen mit der staatlichen Aufsichtsbehörde den Religionsunterricht zu beaufsichtigen und Einsicht in seine Erteilung zu nehmen. Soweit mir bekannt ist, fehlt bisher noch eine Vereinbarung zwischen dem Staate und der evangelischen Kirche über die Bevollmächtigung der evangelischen Religionslehrer.... Herr Studienrat Schlüpmann hat die Eingabe des Herrn Superintendenten Groß als "Anklage" bezeichnet. Diese Formulierung ist zweifellos nicht richtig. Der Eingabe des Herrn Superintendenten Groß kommt der Charakter einer Beschwerde zu, wie sie jeder Erziehungsberechtigte, aber auch die Kirchengemeinde und der Kirchenkreis erheben kann. Sie ist aber keine Handlung im Sinne des "Einvernehmens" nach Artikel 34 Satz 2 der Verfassung (wo es hieß, daß Religionslehrer im Einvernehmen mit der jeweiligen Kirche bestallt werden KS)... Es ist nicht Sache des Herrn Studienrat Schlüpmann, durch ein Gutachten einer theologischen Fakultät und einer Kirchenstelle ... sich gewissermaßen theologisch zu bereinigen. Es ist vielmehr Aufgabe des Staates, wenn er gegen den Beamten einzuschreiten gedenkt, diese Stellungnahme herbeizuführen... Wird ein Beamter des Dienstes vorläufig enthoben, so weiß er auf Grund der Anklageschrift im Dienststrafverfahren was gegen ihn vorgebracht wird. Herr Schlüpmann befindet sich in einer verfahrensrechtlich ungleich schlechteren Lage. Er kennt die Eingabe des Herrn Superintendenten Groß und sieht sich auf Grund dieser Beschwerde ohne Stellungnahme der kirchlichen Behörde des Religionsunterrichts enthoben. Das Unterrichtsverbot ist nach dieser Darlegung verfahrensrechtlich zu beanstanden."

Nun fand auch das Kollegium der Schule es an der Zeit, sich für den Kollegen einzusetzen. Es gingen am 27. und 28. Juli Briefe an die Kirchenleitung und an den Kultusminister:

"Die evangelischen Lehrerinnen und Lehrer des Gymnasiums zu Betzdorf müssen mit starkem Befremden davon Kenntnis nehmen, daß die Angelegenheit des Kollegen Schlüpmann immer noch ihrer Erledigung harrt. Sie verurteilen scharf, daß von kirchlichen Instanzen eingeschlagene Verfahren einer direkten Anzeige bei staatlichen Stellen, die schließlich zur Suspendierung des Herrn Studienrats Schlüpmann vom Religionsunterricht führte. Sie müssen sagen, daß - rein menschlich, geschweige denn christlich gesehen - der Weg einer vorherigen persönlichen Aussprache der allein mögliche gewesen wäre. Sie bitten auch in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß Herr Schlüpmann kurz vorher in stark angegriffenem Gesundheitszustand aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war und vor allem, daß Herr Schlüpmann als Nichtparteigenosse in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft seinen Religionsunterricht bis zuletzt erteilte trotz der damit verbundenen Gefährdung seiner wirtschaftlichen Existenz...." "In der Annahme, daß die gegen Herrn Kollegen Schlüpmann erhobenen Vorwürfe eine schnelle und gerechte Klarstellung erfahren würden, verhielt sich das Kollegium bisher abwartend, obwohl die Tatsache und die Art der Suspendierung vom Religionsunterricht angesichts der unklaren Rechtslage uns befremdet hat. Mehr als ein Jahr ist verstrichen, ohne daß eine Entscheidung erfolgt wäre. / Herr Schlüpmann fand als Nichtparteigenosse den Mut, die ganze Zeit der Naziherrschaft hindurch bis zu seiner Einberufung evangelischen Religionsunterricht zu erteilen ... Herrn Schlüpmann ist die religiöse und ethische Erziehung der Jugend ein Teil seiner Lehrerpersönlichkeit. Daß gegen einen bewährten Erzieher auf die erfolgte Weise vorgegangen wurde, befremdet das gesamte Kollegium, nicht minder aber beunruhigt es uns, daß der rechtliche Schutz eines Lehrers irgendwelchen Vorwürfen gegenüber so wenig gewährleistet zu sein scheint. / Darum bitten wir das Ministerium, die Suspendierung Herrn Schlüpmanns vom Religionsunterricht ohne weitere Verzögerung aufzuheben, da keine tragbare Begründung gegeben ist."

Bereits am 3. Juni hatte Herr Lötschert vom Kultusministerium (in Fortsetzung seiner Bemühung, den Konflikt "à l'amiable" aus der Welt zu schaffen?) in einer Unterredung mit Heinrich Lake und dem jungen Kollegen Robert Euler letzteren beauftragt, sich um ein Gespräch mit der Kirchenleitung zu bemühen. Euler war es schließlich gelungen, den Oberkirchenrat Held[21] zu einem Gespräch zu bewegen, das am 3. August in Düsseldorf stattfand. Mit dem Ergebnis, daß Held eine Konferenz von Groß, Krieger, Schlüpmann, den anderen Religionspädagogen der Schule und ihm selbst anläßlich eines kommenden Besuchs auf der Hohen Grete bei Hamm/Sieg zu veranstalten. Die Termine fielen mitten in die Sommerferien, Schlüpmann war verreist, Euler unterrichtete ihn schriftlich, wie auch das Ministerium, über Helds Vorschlag und betrachtete seine Mission damit als erledigt. Schlüpmann schrieb unter dem 12. August aus Castrop-Rauxel an Ministerium und Kirchenleitung, daß er zu der Besprechung bereit sei,

"ohne allerdings mit dieser Bereiterklärung irgendeine z.Zt. nicht bestehende Rechtsverbindlichkeit eingehen oder von vorne herein in dieser Besprechung einen Weg zur endgültigen Entscheidung in meiner Angelegenheit sehen zu können"

Er präzisierte den Adressaten seine Bedenken:

"Da der Herr Minister gegebenenfalls an meiner endgültigen Maßregellung beteiligt wäre, wie er bereits sehr nachdrücklich und selbständig zu meinen Ungunsten eingegriffen hat, vermisse ich in dem Vorschlag seine Beteiligung an einer Besprechung, von der man letzten Endes eine "Entscheidung" in meiner Angelegenheit erwartet, um so mehr, als er doch selbst um diese Besprechung bemüht war. / Über das vorläufige Unterrichtsverbot des Herrn Ministers liegt ein juristisches Gutachten vor, nach dem es verfahrensrechtlich zu beanstanden ist. Nie habe ich es unterlassen, auch auf die Verfahrensweise der kirchlichen wie staatlichen Seite in meiner Angelegenheit hinzuweisen. Das Unterrichtsverbot des Herrn Ministers hat das einhellige Befremden des gesamten Kollegiums meiner Anstalt hervorgerufen. Die Verfahrensweise kirchlicher Instanzen hat eine scharfe Verurteilung durch meine sämtlichen evangelischen Kollegen gefunden. Eine Beschränkung der Besprechung auf die "fachliche und theologische Klärung" würde einen ganzen Fragenkomplex übergehen, dessen gründliche Klärung ebenfalls im Verlaufe des Konfliktes immer dringlicher und für eine innerlich stichhaltige Entscheidung in meiner Angelegenheit unumgänglich geworden ist. / Nach wie vor betrachte ich das vorläufige Unterrichtsverbot des Herrn Ministers als Rechtsverletzung, auf alle Fälle solange, als mir die Begründung vorenthalten wird..."

Dem Kollegen Euler war schon länger der Gedanke gekommen, daß es nützlich sei, den vor 1933 bestehenden Religionsphilologenverband neu zu gründen. Er hatte die Gelegenheit benutzt, diesen Gedanken in die Mitteilung an das Ministerium über sein Gespräch mit Held einzuflechten. An Schlüpmann hatte er geschrieben daß er sehr bedaure,

"daß Ihre Angelegenheit gerade jetzt schwebt, wo keine organisierte Philologenschaft irgendein Wort mitreden kann. Dabei ist also vollkommen gleichgültig, welche Stellung ich als Einzelner zu Ihnen fachlich oder theologisch eingenommen habe oder jetzt einnehme. S i e stehen als Einzelner einer ... o r g a n i s i e r t e n Kirche gegenüber ... Ich habe im Handbuch für den Evangelischen Religionsunterricht an höheren Schulen von Schuster einmal näher über die Kämpfe nach 1918 um den evangelischen Religionsunterricht nachgelesen..."

Der ältere Kollege schrieb zurück:

"Die Frage des Religionslehrerverbandes ist für meinen Konflikt völlig belanglos, weil es ihn 1. eben noch nicht gibt und weil wir 2. gegenüber der Zeit nach 1918, die ich ja selbst mit ihren Kämpfen- aus eigener Anschauung noch ziemlich gut kenne, heute in einer völlig anderen Situation befinden. Wir haben seit 1933 die Erfahrung gemacht, daß Berufsorganisationen keine uneinnehmbaren Bollwerke mehr sind. 3. fahnde ich aber auch nicht nach tüchtigen Mitstreitern. Der organisierten Kirche stehe ich als Einzelner nicht nur gegenüber. Die Kirche hat zwar gegenüber der Masse ihre Aufgabe, was für sie gewiß auch eine Gefahr ist; aber das Christentum ist darum kein Massenartikel. Ein Christ ist in Wahrheit immer ein Einzelner, und daß ich als Einzelner auch i n der organisierten Kirche stehe, beweist die Tatsache, daß die organisierte Kirche bisher noch keine Bedenken gehabt hat, von mir Kirchensteuern anzunehmen. Zu dem hätte eine organisierte Kirche ihr Recht sich reformatorisch zu nennen, verwirkt, wenn sie vollens im Organisatorischen aufginge - also reformatorische Kirche etwa = gegenwärtiges Kirchenregiment - , denn dann hätte sie sich in einer sehr deutlichen Weise von der Tradition radikal gelöst, und wenn sie sich noch so sehr an reformatorische Bekenntnisformeln klammerte. Es ist freilich eine allgemein bekannte sehr verhängnisvolle Zeitkrankheit, daß das Einzelwesen geradezu eine Sucht hat, sich von der Organisation absorbieren zu lassen, vielleicht aus Lebensangst. Auch gerade darum ist mir am anderen Menschen immer wichtig, daß er eine eigene Position hat. Auch von hier aus ist es mir nicht gleichgültig, welche Stellung Sie gerade als Einzelner zu mir sei es nun "fachlich" oder "theologisch" oder sonst wie eingenommen haben oder jetzt einnehmen oder in Zukunft einnehmen werden..."

Urplötzlich war dann am 30 August 1948 die Angelegenheit für das Ministerium erledigt. Herr Lötschert schrieb im Auftrag des Kultusministers an Herrn Kirchenrat Lic. Sachsse, (dessen Name bisher nicht aufgetaucht war) nach Oberwinter:

"Bis heute ist eine Antwort auf mein Schreiben vom 18.6.1948 nicht eingegangen. Infolgedessen habe ich die vorläufige Suspendierung des Studienrats Schlüpmann vom Religionsunterricht mit sofortiger Wirkung aufgehoben."

Dieses Schreiben ging in Abschrift an Heinrich Lake mit dem Zusatz:

"Obige Abschrift erhalten Sie mit dem Ersuchen um weitere Veranlassung. Im übrigen muß ich den Ausdruck in dem Schreiben des Realgymnasiums Betzdorf vom 28.7. "befremdet das ganze Kollegium" als unzulässig ablehnen."

Keine weitere Erklärung, ausdrückliche Zurückweisung der Kritik des Kollegiums am bisherigen Verfahren, aber auch hier keine Erklärung der ,Unzulässigkeit` dieser Kritik. Die Rechtslage hatte sich durchgesetzt. Wie es um das Rechtsbewußtsein und Selbstverständnis der Entscheidungsträger stand, war eine andere Frage.

Unklar blieben zunächst auch die näheren Umstände der anfänglichen Beschwerde. Das sollte sich allerdings ändern. Am 19. Oktober 1948 konnte Johannes Muhl, Lehrerkollege und Kommunalpolitiker (das ehemalige Zentrumsmitglied war 1938 "abgebaut" worden und war jetzt Mitglied der CDU ) Robert Euler bestätigen, daß Heinz Krieger zu einem Gremium von etwa 6-7 Personen zählte, das über Fragen der Una Sancta Bewegung[22] verhandelte und zu dem katholischerseits Muhl und Pfarrer Brands, Kirchen gehörten. In diesem Gremium habe sich Heinz Krieger seiner Zeit mißbilligend über Schlüpmanns Religionsunterricht geäußert und sich auch bei ihm, Johannes Muhl, nach der Person des Kollegen erkundigt. Genau diesen Sachverhalt hatte Krieger in einem Brief an Euler vom Vortag vehement bestritten. Ein weiterer Hinweis auf des Pfarrers Schlüsselrolle.

Gerade hatte Joseph Schäfer von seinem eigensinnigen Schüler Ewich im Deutschunterricht die Behauptung registriert, Pfarrer Groß hätte gesagt, Schiller zu lesen, sei schlimmer als der Besuch eines schlechten Films. Schäfer und Schlüpmann wurden vom Kollegium abgeordnet, sich Ewichs wegen mit Groß zu treffen. Offenbar war gleich klar, daß Ewich eine hypothetische Äusserung Groß` in eine apodiktische verkehrt hatte[23]. Endlich hatte Schlüpmann also den Unterzeichner der Beschwerde, die einigen Staub aufgewirbelt hatte, getroffen, und dabei hatte der Superintendent nun auch den Wunsch nach einer persönlichen Aussprache über die Angelegenheit geäußert. Das führte dazu, daß der Schulmann dem Kirchenmann sämtliche Aktenstücke zur Ansicht schickte und dem - so schrieb er - manches klarer wurde. Vielleicht setzte er sich auch mit seiner Kirchenleitung in Verbindung. Jedenfalls erhielt Schlüpmann am 27. November 1948 ein Schreiben aus Düsseldorf, (Unterzeichnet: "Im Auftrage: / Engelbert"):

"Nachdem die Schulabteilung der Landesregierung in Koblenz ihrerseits Sie wieder zum Religionsunterricht zugelassen hat, verzichtet die Kirchenleitung auf eine weitere Verfolgung Ihrer Angelegenheit. Sie tut das unter der Voraussetzung und in der Erwartung, daß weitere Beanstandungen Ihres Religionsunterrichts nicht erfolgen"

Nicht der Ansatz einer Antwort in der Sache. Ganz ,unverfroren` wurde dem Betroffenen die versprochene Stellungnahme verweigert, und gleichzeitig wurde unterstellt, daß die ,Beanstandung` nach wie vor - sei es zu Recht oder zu Unrecht - zähle. Schlüpmann gab seinem Bedauern über diese Behandlung der Angelegenheit postwendend Ausdruck und fügte hinzu:

"Da ich in keiner Weise widerlegt bin, bedeutet das mit Bezug auf meinen Konflikt im wesentlichen, daß ich weiterhin meine Schüler wie bisher u.a. auch zum Wahrheitssuchen und zur Toleranz unter Einsatz meiner ganzen Persönlichkeit aus Gewissensgründen anhalten muß, wie es übrigens auch Art.33 der Verfassung von Rheinland-Pfalz von mir verlangt. Solange ich nicht widerlegt bin, muß ich, wenn es der Gang des Unterrichts so will, weiterhin dem Inhalt nach genau und in vollem Umfang das sagen, was beanstandet wurde. Mit dieser Haltung weiß ich mich ganz genau in lutherischer Tradition verbunden."

Die Mitteilung der Kirchenleitung und seine Antwort schickte er in Kopie an die EKD offenbar in der Hoffnung auf eine Reaktion.

* * *

Ob überraschend oder nicht, jedenfalls tat Superintendent Gross einen ungewöhnlichen Schritt. Er fand zwar noch immer keine Zeit zur in Aussicht genommenen Unterredung aber er überließ - vermutlich nicht ohne Einverständnis seiner Kirchenleitung - Schlüpmann seinen Schriftwechsel in der Angelegenheit zur Einsichtnahme. So ergab sich eine nachträgliche Offenlegung von Absichten und Motiven.

Heinz Krieger hatte unter dem 9ten Juli 1947, also gut drei Wochen bevor Schlüpmann von der Beschwerde überrascht wurde, sowohl an Groß wie auch an das Kreisschulreferat (das Gymnasium war ja eine Kreisschule) geschrieben:

"In seiner Sitzung vom 8. Juli beschloß Presbyterium einstimmig folgende Schulangelegenheiten: / Es werden lebhafte Klagen geführt über den Religionsunterricht von Studienrat Schlüpmann am Kreisgymnasium Betzdorf. Wie von mehreren Seiten festgestellt wurde, geschieht der Unterricht des Herrn Schlüpmann nicht im Rahmen der biblischen und kirchlichen Lehre. So hat er seit längerer Zeit als Ziel seines Unterrichts die Aneignung Lessingscher Glaubensanschauung betrieben. Das Presbyterium bittet die kirchliche Aufsichtsbehörde, gegen diese untragbare Form des Religionsunterrichts Maßnahmen zu ergreifen."

Der Superintendent hielt daraufhin mit dem Regierungsrat Dr. Beermann und dem Regierungsrat Klaus Rücksprache und schrieb unter dem 18. Juli dem "Lieben Bruder Krieger", daß er beim Kultusministerium Beschwerde erheben werde, und ihm von dort eine Überprüfung des Unterrichts zusammen mit ihm, Groß, zugesagt sei, "alles weitere wird nach der geschehenen Überprüfung in die Wege geleitet werden können".

Heinz Krieger hatte inzwischen, wie er Groß unter dem 26. Juli schrieb, wie telephonisch vereinbart, genauere Auskünfte zur Vorgehensweise eingeholt, nämlich beim Beauftragten der Rheinischen Kirchenleitung für Angelegenheiten der höheren Schulen, Studiendirektor Lauffs in Düsseldorf. Diese Auskünfte ließen an juristischer Konkretheit nichts zu wünschen übrig:

"Wenn eine Lehrperson in der Religionsunterricht genannten christlichen Unterweisung eine von der Heiligen Schrift und dem kirchlichen Bekenntnis abweichende Lehre fortgesetzt vertritt, so hat die Evangelische Kirche Recht und Pflicht, dagegen Einspruch zu erheben und für Abhilfe zu sorgen. Das entspricht nicht bloß dem bisher gültigen und durch die Reichsverfassung besonders geschützten Recht (das überall grundsätzlich noch gilt, soweit es nicht durch einen gesetzlichen Akt oder eine Verordnung der Militärregierung aufgehoben ist), sondern vor allem auch der durch Volksentscheid angenommenen Verfassung des Landes Rheinland-Pfalz. §34 dieser Verfassung besagt, daß der Religionsunterricht im Auftrag und in Übereinstimmung mit der Lehre der betreffenden Kirche erteilt werden muß. / Über den Verfahrensweg zur wirksamen Durchführung dieser Bestimmung sind mit dem Kultusministerium von Rheinland-Pfalz bisher noch keine besonderen Abmachungen getroffen worden. Sachlich richtig und allen Rechtssicherungen entsprechend und darum empfehlenswert erscheint folgender Weg: 1. Auf die entsprechende Vorstellung des Prebyteriums bei dem Superintendenten beauftragt dieser entweder den kreisynodalen Schulreferenten oder den Ortspfarrer oder sonst einen geeigneten Pastor oder Lehrer, mit der der falschen Lehre bezichtigten Lehrperson ein eingehendes seelsorgerliches Gespräch zu führen mit dem Ziel, den Lehrer auf den rechten Weg der christlichen Verkündigung zurückzuführen, oder ihn durch überzeugende Darstellung willig zu machen, von sich aus seinen Religionsunterricht niederzulegen...."

Für den Fall, daß keine Einigung zustande käme, sollte das Presbyterium eine gründliche Beweisaufnahme durchführen, wobei Schüleraussagen vorsichtig zu bewerten wären. Berichte über das seelsorgerliche Gespräch und die Beweisaufnahme sollten über den Superintendenten an die Kirchenleitung gehen. Die würde sich mit dem Kultusminister in Verbindung setzen und die Abberufung des Religionslehrers und die Berufung eines Ersatzlehrers beantragen, unter Umständen müsse die Kirchenleitung ersatzweise einen Pfarrer zur Verfügung stellen. Lauffs bat Krieger ihn auf dem Laufenden zu halten, insbesondere auch ihm persönlich ein Doppel der Berichte an die Kirchenleitung zuzusenden. Statt nun offen nach dem vorgegebenen Schema zu verfahren, hielt Heinz Krieger sich bedeckt.

Der Betroffene erfuhr auch erst durch die Akteneinsicht, die ihm der Superintendent nachträglich ermöglicht hatte, daß die Kirchenleitung neuerdings, unter dem 27. Mai 1948, offenbar an die örtlichen Kirchenvertreter herangetreten war. Heinz Krieger hatte daraufhin seiner Kirchenleitung am 25. Juni einen - die Sachlage ziemlich entstellenden - Bericht geliefert, der den Lehrer als nicht gesprächsbereiten, rechthaberischen Menschen darstellte und der in der Argumentation allzu auffällig hinter den inzwischen erreichten Stand der anderen ,Gesprächspartner` zurückfiel, indem er einfach behauptete, der Lehrer spreche der Kirche jedes Recht der Überwachung ab. War dem Pfarrer nicht klar, daß ein so eindeutiger Verstoß gegen die Landesverfassung alle weitere Verhandlung längst erübrigt hätte?

"Aufgrund der obigen Verfügung der Kirchenleitung vom 27. Mai 1948 habe ich mich erneut um eine Klärung der Beschwerdesache über Herrn Studienrat Schlüpmann bemüht ... Bereits im August 1947 scheiterte der Versuch einer seelsorgerlichen Besprechung und später ein Gespräch zwischen Kirche und Schule, das Oberstudiendirektor Lake durchführte (müßte heißen: wegen mangelnder Beteiligung nicht durchgeführt hatte. s.o. KS) ... Die alleinige Bindung an das geoffenbarte Wort Gottes lehnt er für sich und seinen Unterricht ab, steht auch völlig fern - wie er meint, über - dem Gottesdienst der Gemeinde. / Leider ist die ganze Angelegenheit, so wie sie heute steht, als verfahren zu betrachten. M.E. ist das Kultusministerium zu schnell dabei in Erscheinung getreten."

Krieger schrieb von einer ,Verfügung` des Ministeriums, die zu schnell gekommen sei. Gemeint war die Aufforderung des Ministers an den Lehrer, sich zu der Beschwerde zu äußern. Der Ministerialbeamte habe sich vorher mit der Kirchenleitung ins Benehmen setzen müssen. Die verdeckte Vorgehensweise, die dem Pfarrer vorschwebte, entsprach nicht einer rechtsstaatlichen Öffentlichkeit. Vermutlich hat diese Vorstellung zur Vorgehensweise, wie sie seinem Bericht zu entnehmen war, schlagartig zur Einsicht geführt, das anstelle des Verfahrens nur noch ,Schadensbegrenzung` betrieben werden konnte. Wenn es so war, war das eine rechtsstaatliche Einsicht und eine christliche zugleich. Die Kirchenleitung hatte übrigens auch um reichhaltigeres Belastungsmaterial gebeten. Der Pfarrer konnte nur wiederholen, was aus Schlüpmanns Anlagen in Düsseldorf längst vorlag und sein einziger ,Zeuge` war leider wieder Ewich, der Schüler.

* * *

Schlüpmann schickte unter dem 20. Dezember 1948 dem Superintendenten, der ihm Kriegers Bericht an die Kirchenleitung gerade zugänglich gemacht hatte, einen nüchternen, aber ins Einzelne gehenden Kommentar in 21 Punkten und am 6. Januar schickte er eine Kopie an den Pfarrer mit dem Anschreiben:

"Sehr geehrter Herr Pfarrer! / Erst vor kurzem gelangte Ihr Schreiben an die Rhein. Kirchenleitung vom 25.6.48 zu meiner Kenntnis. Vor allem infolge Krankheit kann ich Ihnen erst jetzt meine Stellungnahme dazu zugehen lassen. Sie erhebt nicht den Anspruch, erschöpfend zu sein; insbesondere liegt ja meine Stellungnahme zu den von Ihnen zitierten Briefen bereits an anderer Stelle vor".

Am 14. März 1949 schrieb der Lehrer seinem Minister einen abschließenden kurzen Brief. Da die EkiD noch immer schwiege, erwarte er keine Antwort mehr. Seine Möglichkeiten, kirchliche Instanzen zu den Fragen, die die Beschwerde vom 16 Juli 1947 aufgeworfen habe, seien erschöpft. Er bedaure das Verhalten der Instanzen, entnähme ihm jedoch, das sachlich gegen seinen Unterricht nichts einzuwenden sei, womit die Beschwerde in sich zusammengebrochen sei, und die persönliche Diffamierung, die er gleich zu Anfang habe erkennen müssen, jeder sachlichen Grundlage entbehre. Eine Kopie dieses Briefs schickte er an das Presbyterium der Pfarrgemeinde Kirchen, weil dessen Schreiben seinerzeit der Beschwerde des Superintendenten zugrunde gelegen habe, "wie ich Mitte Dezember 1948 erfuhr"; Außerdem gingen Kopien an Pfarrer Gross und an den Pfarrkonvent, weil der schon im Juni 1947 laut Krieger einhellig seinen Unterricht verworfen und beschlossen habe, Einspruch zu erheben. Schließlich wurde die Rheinische Kirchenleitung informiert, daß er inzwischen Kriegers Bericht an sie vom Juni 1948 habe einsehen und kommentieren können und der Pfarrer ihm seither nicht geantwortet habe. Der Kommentar, den er in Kopie mitschicke, wolle nicht erschöpfend sein und seine bisherige Korrespondenz mit dem Pfarrer läge ja vor. Der schweigsame Rat der EKD erhielt einen Durchschlag des Abschlußbriefs an den Kultusminister.

Am 28. März kam es endlich doch noch zu einer Aussprache mit Pfarrer Groß (der inzwischen das Superintendentenamt weitergegeben hatte). Der rückte von seinem Amtsbruder in Kirchen ab und konnte dessen Aussage über die einhellige Ablehnung von Schlüpmanns Unterricht nicht bestätigen, außerdem seien Beschwerdebeschlüsse nicht Sache des Pfarrkonvents. Sein eigenes Vorgehen in der Angelegenheit bedauerte er, und er habe in dem inkriminierten Diktat, nachdem er es nun gelesen habe, nichts unevangelisches erkennen können.

Die EKD-Kanzlei konnte sich - oh Wunder - nun auch noch äußern. Sie mochte keinen Vorwurf auf sich sitzen lassen, zumal

" es sich in dieser Angelegenheit um Fragen (handelt), in die sich nach der Grundordnung der EkiD keine Instanz der EkiD einschalten kann, da es sich um Fragen des Bekenntnisses handelt"

Dabei hatte die leidige Angelegenheit doch immerhin soviel ergeben, daß nicht die Bekenntnisfragen, die der Beschwerdeführer glaubte anführen zu können, sondern die Grundfrage von Religion und Schule, von Religion und Staatsbürgerlichkeit den Lehrer in erster Linie bewegten. Wer über diese Frage hinwegsehen konnte, verhinderte damit ihre in der jungen Demokratie so wichtige Erörterung und öffnete ,Fundamentalisten` und ,Kommunitaristen` die Tore.

Heinrich Lake erstattete unter dem 12. April in Absprache mit Schlüpmann noch einmal dem Ministerium Bericht, das wissen wollte, ob der Lehrer mit Billigung der Kirche wieder Religionsunterricht gäbe, oder wie andernfalls der Religionsunterricht gesichert sei. Der Bericht faßte die wesentlichen (Nicht-) Entscheidungen noch einmal zusammen.

Unter dem 22. April kam dann noch ein Nachwort von Pfarrer K. Fritz aus Schwäbisch- Gmünd:

"Ich möchte zu dem Briefwechsel zwischen Ihnen und der Kirchenkanzlei doch noch ein persönliches Wort sagen, da mich die ganze Angelegenheit, seit ich Kenntnis davon erhielt und sie referatsmäßig zu bearbeiten hatte, bedrückt hat... Glauben Sie nicht, daß ich Ihre Schwierigkeiten und Ihre Bemühung um Ihren Dienst gering achte, oder daß ich diese Dinge für grundsätzlich bedeutungslos hielte; ich war lange selbst Religionslehrer und kann mitfühlen. Auch die Ihrem Fall ähnlichen Vorgänge, die aus Anlass des Kongresses für Freies Christentum in Frankfurt zur Sprache kamen, haben mich sehr umgetrieben. / Schmerzlich ist es mir vor allem, daß es Ihnen anscheinend nicht gelungen ist, mit den dortigen Stellen in wirklich brüderlicher Weise über Ihr Anliegen zu reden. Lassen Sie sich die Freudigkeit in Ihrem Dienst nicht nehmen .. Röm. 14, 4,5,12! / Nehmen Sie dieses Wort als Bekenntnis der Spannung zwischen Wollen und Können in der Ecclesia Visibilis."[24]

Schlüpmann schrieb am 3. Mai 1949 zurück:

"Man müßte nicht solange Beamter sein, um nicht zu wissen, daß Aktensprache und Brudersprache zweierlei ist. Ich glaube wohl, daß Sie nicht der einzige sind unter denen, die in ,meiner` Angelegenheit in jener Sprache zu mir reden mußten, der zu mir auch in dieser Sprache hätte reden mögen. Ihr persönlicher Brief ist mir dafür beglückende Bestätigung. Dafür bin ich Ihnen von Herzen dankbar..."

Er bedaure, schrieb der Lehrer, daß nicht auch seitens der Rheinischen Kirchenleitung, die persönliche ,Brudersprache` einmal die ,Aktensprache` gesprengt hätte, ein Schritt, den dort wohl niemand hätte wagen mögen.

"Glauben Sie darum nicht, daß ich überhaupt nicht mehr in der Ecclesia visibilis die Brudersprache vernehme. Ich vernehme sie auch noch aus dem Munde ihrer amtlichen Vertreter, selbst an exponierter Stelle. Glauben Sie auch nicht, daß ich nicht um das Wagnis einer "totalitären" Brudersprache wüßte. Aber in der ecclesia invisibilis ist sie total, und um der geschlagenen Menschheit willen ist sie auch in der Ecclesia visibilis letzten Endes noch notwendig..."

Sollte hier mit anderen Worten gesagt sein, daß die ,totalitäre` Rede vom absolutem Gehorsam "vor Gott und den Geboten", trotz der im Autoritätsglauben liegenden Gefahr gewagt werden müsse? Bis auf weiteres wäre den weltlichen Totalitarismen gegebenenfalls mit totalitär religiöser Sprache zu begegnen?

Fritz wies in seinem Brief auf den ,Deutschen Bund für Freies Christentum in der evangelischen Kirche` (BFC) hin. Der ,Weltbund Freies Christentum` ging auf eine amerikanische Gründung im Jahr 1900 zurück und fand seine Mitglieder weltweit im bildungsbürgerlichen Establishment. Seit 1932 veranstaltete die "International Association for Religious Freedom` (IARF) Weltkongresse[25]. Der BFC enstand auf Initiative des Frankfurter Pfarrers Erich Meyer[26] 1948 als Zusammenschluß von Mitgliedern des ,Bundes für entschiedenen Protestantismus`, der ,Freunde evangelischer Freiheit`, der ,Volkskirchlichen Vereinigung` etc., und trat dem Weltbund der IARF dann bei. Er arbeitete "positiv, aber kritisch innerhalb der Landeskirchen"[27]. In Zeiten, in denen ,Freiheit` ganz besonders ein politischer Kampfbegriff geworden war, vertraten die Mitglieder eine "Freiheit, die ihren Grund in der zentralen christlichen Wahrheit hat."[28] Zu den prominenten Mitgliedern und Sympathisanten zählten die Marburger Theologen Friedrich Heiler und Georg Wünsch, der Duisburger Schulleiter Friedrich Feigel, der Bonner Religionssoziologe Gustav Mensching oder auch der ,Urwalddoktor` Albert Schweitzer und der religiöse Sozialist Paul Tillich. Der Bund setzte sich gegen eine Abqualifizierung als ,Überbleibsel` liberaler Theologie zur Wehr ohne seine Herkunft zu leugnen. Paul Schlüpmann war mit der Gründung des Bundes aus seinem Bekanntenkreis vertraut. ,Liberale` Theologen hatten bekanntlich auch die Tradition des Evangelisch Sozialen Kongresses[29] bestimmt, dem er 1947 beigetreten war. Es überraschte nicht, daß seine Theologie und seine schulpolitischen Ansichten im neuen Frankfurter Kreis und seinem Blatt Freies Christentum[30] Resonanz finden sollten.

Anfang 1952 vertrat Schlüpmann den BFC im Komitee für religiöse Erziehung der IARF und verfaßte auf Anfrage einen kurzen Beitrag für das Nachrichtenblatt des Weltbundes, "Zur Entwicklung der religiösen Erziehung in Deutschland". In dem Text wurden seine Ansichten noch einmal deutlich.

"Von überragender Bedeutung für die religiöse Erziehung ist in Deutschland der nach den Konfessionen (katholisch und evangelisch) getrennte konfessionelle Religionsunterricht der - staatlich beaufsichtigten - öffentlichen Schule. Er pflegt "ordentliches Lehrfach" zu sein und wird meistens von hauptamtlichen, der betreffenden Konfession angehörenden Lehrern der Schule erteilt, die auch in anderen Fächern unterrichten und ebenfalls der staatlichen Aufsichtsbehörde unterstehen. Zeitweilig war insbesondere der ev. Rel.-U. auch eine Stütze des allgemeinen Erziehungsgedankens in der Schule, weil man ihm auch gerade wegen seiner an ihm besonders hervorstechenden erzieherischen Art einen Platz im Schulorganismus anwies. Wiewohl es jedem Schüler freisteht, sich über seine Eltern oder sonstigen "Erziehungsberechtigten" von ihm abzumelden, nehmen am ev. Rel.-U. doch auch Angehörige außerlandeskirchlicher Denominationen, ja sogar solche Schüler teil, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Dieser ev. Rel.-U. steht nicht ganz mit Unrecht in dem mehr oder weniger geheimen oder öffentlichen Ruf, lange Zeit weitgehend im theologischen Sinn "liberal" gewesen zu sein und auch heute noch nicht ganz von den "Restbeständen" eines theologischen "Liberalismus" frei zu sein. Was daran richtig ist, hat seine guten Gründe: Zum ersten kann ein Rel.-U., der der Schule organisch eingegliedert ist, der Berücksichtigung der allgemeinen Methoden der Schule praktisch wohl nicht ausweichen, wenn er nicht in sich zusammenfallen soll. Zu diesen allgemeinen Methoden gehört aber u.a. wissenschaftliche Strenge im Handhaben des Unterrichtsfaches, in der für die Theologie und sogar darüber hinaus eben die freiheitliche Theologie bis heute vorbildlich geblieben ist. Zum anderen verdankt der ev. Rel.-U. seine eigenen, heute noch sachgemäßen Methoden weithin einer im ersten Drittel unseres Jahrhunderts entwickelten Religionspädagogik, für die die freiheitliche Theologie von entscheidender Bedeutung war; es sei hier nur an das umfassende religionspädagogische Werk Friedrich Niebergalls, des damaligen Marburger Universitätsprofessors für praktische Theologie, erinnert und daran, daß das Buch von Else Zurhellen-Pfleiderer "Wie erzähle ich meinen Kindern biblische Geschichten", zum ersten Mal 1906 erschienen, nach vielen Auflagen auch heute noch gedruckt, gelesen und gebraucht wird. Eine Anzahl von Religionslehrbüchern wurden unter Mitwirkung von frei-christlichen Pfarrern und Religionslehrern verfaßt, so die Unterrichtswerke von Schuster, Hannover. Freilich hat sich seit dem Aufkommen der dialektischen Theologie und ihrer Varianten eine rührige entsprechende Religionspädagogik entwickelt. Es soll keineswegs bestritten werden, daß ihr wichtige religionspädagogische Einsichten zu verdanken sind. Aber im ganzen hat sie doch wohl den Rückfall in die alten, fragwürdigen Methoden des "Lern"-unterrichts gefördert und mit ihren bisherigen Ergebnissen ungewollt die pädagogische Unfruchtbarkeit ihrer zu Grunde liegenden Theologie geradezu erwiesen. Es will fast wie der unmittelbare Niederschlag ihres Hauptergebnisses erscheinen, wenn in einem im Bereich und Auftrag einer großen Gliedkirche der "Evangelischen Kirche in Deutschland" neu eingeführten Rel.-Lehrplan für die Volksschulen ausgeführt wird: "Wir haben es nicht in der Hand, irgendeinen Menschen zugänglich zu machen für Gottes Wort; darum sollen wir auch unsere Unterrichtsmethoden nicht darauf richten... Die christliche Unterweisung soll nicht den Menschen und seine Erziehung in den Mittelpunkt stellen, sondern Christus in seiner Macht und Herrlichkeit". Das bedeutet den radikalen Verzicht auf die religiöse Erziehung, ohne daß gewagt wäre, die praktischen Folgerungen daraus ebenso radikal zu ziehen, und man muß den Eindruck gewinnen, als ob es dem freien Christentum vorerst weithin allein überlassen bleiben sollte, Wahrerin der Idee der religiösen Erziehung zu sein; starke Impulse zur Pädagogik sind ihm ja von seiner besten Tradition her mitgegeben.

Theologen und Kirchenvertreter verschiedener Provenienz, ob dialektische Theologie oder Lutherrenaissance, hatten aus der Sicht des Lehrers die Widersprüche nicht gesehen oder nicht ernst genommen, zu denen ihre Forderungen in der erzieherischen Praxis der Schule im demokratischen Gemeinwesen führten. Es wäre verfehlt, diesen Vorwurf des Mangels an Problembewußtsein, der auch die Vertreter der Kultus- und Schulbehörde nicht ausnahm, über der teilweise grotesken Auseinandersetzung, die dem Religionslehrer aus fragwürdigen Motiven und mit fragwürdigen Absichten aufgezwungen wurde, zu vergessen. Er wurde damals leider nicht aus der Welt geschafft und in dem Maß, in dem er zu Recht bestand, standen Kirche und Demokratie auf schwachen Füßen.

Als das Bonner Grundgesetz 1949 in Artikel 7, Abs.3 festgelegt hatte, daß der Religionsunterricht "... als ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes... in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" zu erteilen sei, schrieb das Allgemeine Deutsche Sonntagsblatt (H.D.) vom 3. Juli unter dem Titel "Religionsunterricht der keiner ist":

"Unter den Lehrern und Lehrerinnen überwiegen, insbesondere in den leitenden Stellungen, die älteren Menschen, die ihre entscheidenden Lebenseindrücke noch in einer Zeit empfingen, als der Mensch, der fortschrittlich gesonnen war - und die Lehrerschaft war es - das Wort der Offenbarung durch moderne Religiosität ersetzte. / Seitdem geistert in der Schule (die allen Reformen zum Trotz in Wirklichkeit eine überaus konservative Einrichtung ist) eine "christliche Weltanschauung", die sich gegen das Hörbarwerden der neutestamentlichen Wahrheiten mit orthodoxer Unduldsamkeit verschließt. Die Lehrerschaft hat, wie Helmuth Kittel es in einem Aufsatz in der "Sammlung" genannt hat, aus sich heraus eine eigene Standestheologie für den Religionsunterricht entwickelt, die, durch geistige Standesdisziplin gedeckt, praktisch die Grundlage zu einer Standeskirche abgibt, die bewußt neben der Kirche Christi lebt. "Der Pädagoge reißt die Verkündigung an sich und vertritt pseudoschöpferisch eine außerchristlich antichristliche Religion" (Osterloh) In der Schule wird also, mit einem Worte, weithin ein Religionsunterricht erteilt, der keiner ist."

Das ,Sonntagsblatt` war ein ,meinungsbildendes` Organ, Helmuth Kittel hatte die Parole "Evangelische Unterweisung - nie wieder Religionsunterricht" ausgegeben, und Edo Osterloh war der Schulreferent in der Kanzlei der EKD. Menschen aller Altersgruppen hatten gerade Krieg und Völkermord erlebt - ,entscheidende Lebenseindrücke` hätten nur die Jüngeren davongetragen? Erstaunlich auch, mit welcher Leichtfertigkeit und wie pauschal von ,moderner Religiosität` und ,orthodoxer Unduldsamkeit`, von ,Standestheologie`, und ,bewußt neben der Kirche Christi leben`, von ,pseudoschöpferisch außerchristlich antichristlicher Religion` geschrieben werden konnte. Nährte nicht solcher Eifer sich aus jenem Mangel an Problembewußtsein im Umgang mit Religion im Rechtsstaat, zumal in den Schulen?

Erst 1971 dämmerte es in der protestantischen Kirchenleitung, als ein vom EKD-Rat bestelltes verfassungsrechtliches Gutachten zu dem Schluß kam:

"Die Bindung an das biblische Zeugnis von Jesus Christus schließt nach evangelischem Verständnis ein, daß der Lehrer die Auslegung und Vermittlung der Glaubensinhalte auf wissenschaftlicher Grundlage und in Freiheit des Gewissens vornimmt" " Die ,Grundsätze der Religionsgemeinschaften` schließen in der gegenwärtigen Situation die Forderung ein, sich mit den verschiedenen geschichtlichen Formen des christlichen Glaubens (Kirchen, Denominationen, Bekenntnisse) zu befassen, um den eigenen Standpunkt und die eigene Auffassung zu überprüfen, um Andersdenkende zu verstehen und um zu größerer Gemeinsamkeit zu gelangen. Entsprechendes gilt für die Auseinandersetzung mit nichtchristlichen Religionen und nichtreligiösen Überzeugungen." " Das theologische Verständnis der ,Grundsätze der Religionsgemeinschaften` korrespondiert mit einer pädagogischen Gestaltung des Unterrichts, der zugleich die Fähigkeit zur Interpretation vermittelt und den Dialog und die Zusammenarbeit einübt."[31]


[1] Vgl. Martin Stallmann, Christentum und Schule, Stuttgart, Schwab, 1958, S. 196: "Das Bonner Grundgesetz hat im wesentlichen die Bestimmungen der Weimarer Verfassung übernommen. Damit war erneut die laizistische, in der französischen ,école laïque` eingeführte Ausscheidung des Religionsunterrichts aus der staatlichen Schule abgelehnt..."

[2] Otto Dibelius (1880-1967) war vielfach publizistisch in Erscheinung getreten, einerseits als scharfer Kritiker der Revolution von 1918 (,Entchristlichung`), andererseits als (nichtpazifistischer) Kriegsgegner ("Friede auf Erden" 1930), er wurde im Sommer 1933 seiner Ämter enthoben, kehrte 1934 nach Berlin zurück, wirkte in der Bekennenden Kirche, nach der Zerschlagung der ,Vorläufigen Kirchenleitung` ab 1938 auch auf nationaler Ebene in maßgeblicher Position. Unterzeichnete 1956 den umstrittenen ,Militärseelsorgevertrag` der Bundesrepublik. Dibelius blieb wohl zeitlebens einer auf Adolf Stoecker zurückgehenden (,schlechten`, weil realitätsfernen) Vorstellung von staatsnaher ,Volkskirche` treu. Vgl. Martin Greschat, "Adolf Stoecker und der deutsche Protestantismus" in Günter Brakelmann, Martin Greschat, Werner Jochmann, Protestantismus und Politik. Werk und Wirken Adolf Stoeckers, Hamburg, Christians, 1984

[3]Der Vater Heinrich Bohner hatte es über die Basler Mission vom Schuster zum Bischof in deutschen Kolonien in Afrika gebracht. Theodor Bohner (1880- 1956) war nach dem Studium 1904-07 Lehrer in badischen und preußischen Diensten, von 1908-1915 Lehrer in Rom. 1917 wurde er Direktor der Viktoriaschule in Magedburg. 1929-1933 war er Oberschulrat im Provinzialschulkollegium in Berlin, 1925-1932 auch DDP-Abgeordneter im Preußischen Landtag. Er wurde 1933 ,abgebaut`, widmete sich der Schriftstellerei (Sachbücher und Romane). Von 1946-48 beschäftigte ihn das War Office London in deutschen Gefangenenlagern. 1948/49 lehrte er Philosophie an der Georgetown University in Texas. Er war zweimal, 1932/33 und 1951/52 Vorsitzender des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller.

[4]So starb Ernst Troeltsch, der 1896 die Eisenacher Versammlung der (liberalen) Freunde der Christlichen Welt mit der Ansprache "Meine Herren, es wackelt alles" schockiert hatte, 1923, nicht alt, aber mit einem ,monumentalen` geschichtskritischen Lebenswerk und mit der Überzeugung, die individuelle religiöse Dimension sei eine anthropologische Gegebenheit.

[5]Für Karl Barth hatte 1914 das berüchtigte und für die Geistesgrößen der Nation beschämende ,Manifest der 93` den ersten Anstoß zum Umdenken gegeben. Allerdings meinte Paul Tillich später (1936 im Journal of Religion) zu Barths Theologie: "wenn ich gefragt werde, was ist falsch an der dialektischen Theologie? so antworte ich: daß sie nicht dialektisch ist." (Die ,Dialektik` sollte einmal die geforderte radikale Diastase von Gott und Mensch gestalten.) Barths Urteil über Religionsphilosophie und liberale Theologie sei irrig, er habe sich in seiner Gegnerschaft gegen die ,liberale` Auffassung nicht für die dialektische, sondern für die supranaturale Theologie entschieden.

[6]S.o. ,Schüler und Lehrer auf dem Weg zu Krieg und Völkermord`

[7]Ebenda`

[8]Hirsch blieb als literarischer und theologischer Autor präsent. Vgl. u.a. "Mein Weg in die Wissenschaft" Freies Christentum 3, Nr.11, 1951

[9]Edo Osterloh, "Schule und Kirche nach dem Zusammenbruch 1945" in: Kirchliches Jahrbuch 1950 S. 379ff

[10]Wolfgang Sander, Politische Bildung und Religionsunterricht. Eine Untersuchung zur politischen Dimension der Religionspädagogik, Stuttgart, Metzler, 1980, S.121

[11] Sitz Leipzig, Mitgliedsbeitrag RM 5.- /a, Geschäftsführer D. Herz

[12] Lessing hatte in seiner Auseinandersetzung mit dem Hamburger Pastor Melchior Goeze geschrieben: "Ich verachte alle Ausflüchte, verachte alles, was einer Ausflucht nur ähnlich sieht. Ich habe es gesagt und sage es nochmals: auch an und für sich selbst sind die bisherigen Verteidigungen der christlichen Religion bei weitem nicht mit allen den Kenntnissen, mit all der Wahrheitsliebe, mit allem dem Ernste geschrieben, den die Wichtigkeit und Würde des Gegenstandes erfordert!" Heinz Zahrnt, Pfarrer und Herausgeber einer viel gelesenen protestantischen Wochenzeitung (Sonntagsblatt) schrieb 1960: "Wahrscheinlich hat Lessing zeit seines Lebens wenig geglaubt und am Ende sogar noch weniger. Was er dennoch bis auf diesen Tag für die Theologie und die Kirche leistet, ist, daß er sie unerbittlich zur Wahrhaftigkeit anhält und sie davor bewahrt, es sich gerade mit der christlichen Wahrheit zu leicht zu machen." (Es begann mit Jesus von Nazareth. Die Frage nach dem historischen Jesus, Stuttgart, Kreuz-Verlag, 1960, S.36)

[13]Die ,Verfassungswirklichkeit` in den Ländern war und ist unterschiedlich. Seit Gründung der Bundesrepublik gilt Art.7 GG, den die Landesverfassungen unterschiedlich ergänzen: "Die kirchliche Lehrbevollmächtigung der Religionslehrer wird in den Verfassungen von Bayern, Nordrhein-Westfalen und des Saarlandes gefordert. Die Verfassungen von Rheinland-Pfalz und des Saarlandes gehen dabei mit der zumindest mißverständlichen Formulierung, daß der Religionsunterricht ,im Auftrag` der Kirchen erteilt wird, bis hart an den Rand des vom Grundgesetz gewährleisteten Spielraums" (Wolfgang Sander, loc.cit. S. 29) Der Autor schrieb auch: "Lassen Grundgesetz und Landesverfassungen zumindest nominell eine Beteiligung aller Religionsgemeinschaften am Religionsunterricht offen, so wird durch die Praxis vertraglicher Abmachungen zwischen dem Staat und den Großkirchen faktisch eine Privilegierung der christlichen Großkirchen juristisch festgeschrieben"(Ebendort.).

[14] ("Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben." Schlüpmann übernahm offenbar eine Analogie von Lehrer und Eltern (oder Herren?), die auch in den zum 4. Gebot gern und ,offiziell` zitierten Bibelsprüchen zum Ausdruck kam, etwa Hebräerbrief 13,17/18: "Gehorchet euren Lehrern und folget ihnen, denn sie wachen über eure Seelen, als die da Rechenschaft dafür geben sollen, auf daß sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn das ist euch nicht gut." Zitiert nach Rheinische Provinzialsynode Hg. , Evangelischer Katechismus, Elberfeld Juli 1946, S.16, das 4te in Luthers Katechismus ist hier das 5te Gebot KS)

[15] Die eigenen Kinder wurden allerdings im Vorschul- und frühen Schulalter noch gelegentlich von väterlicher Hand ,versohlt`.

[16] "Du sollst kein falsch Zeugnis reden wieder deinen Nächsten". Einschlägiger Bibelspruch etwa Epheserbrief 4, 25: " Leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeglicher mit seinem Nächsten, sintemal wir untereinander Glieder sind." Zitiert nach Rhein. Provinzialsynode Hg., loc. cit. Der Schreiber mag mit Genugtuung den Pfarrer an das 8te Gebot erinnert haben, wo er vermutlich bewußt des Heranwachsenden Verhalten nicht mit diesem in Verbindung gebracht hatte, sondern mit dem 4ten (s.o.). KS)

[17] Ernst Benz (1907-1978), vielgelesener wissenschaftlicher Autor (u.a. Werke zur Mystik, zur Kunstgeschichte) gründete 1948 zusammen mit Hans Joachim Schoeps (dem ehemaligen Schriftleiter von Martin Rades Christ und Welt) die Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte.

[18] Oberschulrat, ab 1954 Leiter des Wilhelm Hofmann Gymnasiums in Loreley

[19] Günter Dehn (1882-1970) war in den zwanziger Jahren Mitgründer der Neuwerkgruppe religiöser Sozialisten, theologisch stand er jedoch Karl Barth nahe. Der Berliner Pastor wurde Universitätslehrer für praktische Theologie in Heidelberg und 1931 in Halle. Dehn hatte 1928 in einem Marburger Vortrag gefragt, ob es erlaubt sei ,Heldentod` und christlichen ,Opfertod` zu vergleichen, ob Kriegerdenkmäler in den Kirchen am Platz wären. Die politische Rechte der Hallenser Studenten bereitete ihm einen öffentlichen Skandal, er wurde beurlaubt und 1933 "abgebaut". Ab 1935 unterrichtete er an der Hochschule der Bekennenden Kirche in Berlin, der Unterricht fand ab 1937 mehr oder weniger ,im Untergrund` statt, das heißt inoffiziell und in verschiedenen Berliner Wohnungen. 1941 wurde Dehn von der Gestapo wegen verbotener Lehr- und Prüfungstätigkeit verhaftet, und wurde zu monatelanger Gefängnishaft verurteilt.Nach der Freilassung war er Pfarrer in Ravensburg. 1946 wurde der 64-jährige nach Bonn berufen, wo er bis 1953 lehrte. Vgl. Günter Dehn, Die alte Zeit, die vorigen Jahre, München, Kaiser, 1964 (ab 1945 nur in groben Zügen).

[20] Günther Dehn, Die religiöse Welt der Jugend, Berlin 1926, ders., Proletarische Jugend, 1929

[21] Der spätere Präses Held war seinerzeit eine der führenden Persönlichkeiten der BK im Rheinland gewesen, er hatte 1934 im Auftrag der Bruderschaft, ähnlich wie Martin Niemöller an Hitler, an Innenminister Frick geschrieben, daß die politische Diffamierung durch die DC und ihren Führer Krummacher unerträglich sei für "unzählige evangelische Volksgenossen, die mit ganzer Treue zu Adolf Hilter stehen und sich in ihrer Liebe zum Dritten Reich nicht irremachen lassen" (Günther van Norden Hg, Der Kirchenkampf im Rheinland, Köln 1984, S.87).

[22] Una Sancta: ,una sancta eglesia ...`, Glaubensartikel`: "Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige allgemeine (weltumspannende) christliche Kirche ..." (deutsche Fassung des lateinischen ,Apostolikum`). Die Una Sancta Bewegung war und ist eine lose Verbindung von Theologen und Laien mit ins 19te Jahrhundert zurückgehenden Wurzeln und uneinheitlichen Bestrebungen, die katholische und protestantische Kirchen in Deutschland zusammenzuführen. Beruft sich auf den Widerstand mancher Mitglieder im NS. Teilnahme an ihren Diskussionen um Bibelglauben und Liturgie in der Nachkriegszeit katholischerseits zunächst nur mit kirchlicher Genehmigung. Später Öffnung der katholischen Kirche im Umfeld der Ökumene und Erweiterung der Una Sancta durch orthodoxe Mitglieder. Seit 1955 in Niederaltaich zentriert.

[23] In dem Zusammenhang ist allerdings bemerkenswert, daß Helmut Kittel, damals Theologe an der PH Celle, der mit dem Programm "Christliche Unterweisung - Nie wieder Religionsunterricht" seit 1947 ein maßgeblicher Religionspädagoge wurde, Dichtung ziemlich generalisierend für mitverantwortlich an der ,Entchristlichung`, der Entfremdung vom Christentum hielt.

[24] Röm. 14, 4,5,12: "Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest. Er steht oder fällt s e i n e m Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn wohl aufrecht halten. Einer hält einen Tag höher als den anderen; der andere aber hält alle Tage gleich. Ein jeglicher sei in seiner Meinung gewiß ... So wird nun ein jeglicher für sich selbst Gott Rechenschaft geben"

[25] Vorher gab es die ,Weltkongresse für freies Christentum`, deren 7ter, 1927 in Prag, unter den deutschen Teilnehmern die Theologen Carola Barth, Otto Baumgarten, Hermelin, Niebergall, Rudolf Otto, Martin Rade aufwies.

[26]Erich Meyer (1884-1955) war 1909-1914 Pfarrer in Alexandria, bevor er Pfarrer der reformierten Gemeinde in Frankfurt wurde.

[27]Georg Wünsch in der Enzyklopädie Religion in Geschichte und Gesellschaft (RGG), 3te Aufl. 1958

[28]Vgl. auch H.-H. Jenssen Hg., Lesebuch Offenes Christentum, Aachen, Shaker, 1998

[29] Vgl. http://www.esk-online.de

[30]Erster Hg. und Schriftleiter war der langjährige Freund Meyers in Frankfurt, Friedrich Manz (1872-1957). Das Blatt knüpfte an die ,Christliche Freiheit` an, der das Erscheinen 1939 untersagt worden war. Manz war 1934 aus dem Pfarrernotbund ausgetreten, als sich in Frankfurt auch unter Laien eine ,Bekenntnisgruppe` gebildet hatte. Manz schrieb später: "Es ist so denkt und fühlt man, in der Zeit des Kirchenkampfes ein Neuanfang und eine Neubegründung der evangelischen Kirche auf dem Barmer Bekenntnis erfolgt, wobei das Wort neu im Sinne der Erneuerung, der Wiederinkraftsetzung der altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse als der alleingültigen Auslegung der Heiligen Schrift verstanden wird. Und doch wetterleuchtet in theologischen Kreisen die Erkenntnis, daß man die Arbeit des 19. Jahrhunderts nicht einfach überspringen kann, und daß im Wandel der Zeiten auch ein Gestaltwandel im christlichen Denken und in der christlichen Verkündigung erfolgen muß." "Unser freies Christentum. Eine Rechenschaft", Beilage zu Freies Christentum 1949(?)

[31] Rat der EKD Hg., Die evangelische Kirche und die Bildungsplanung, Güterloh und Heidelberg, 1972, S.124

 

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