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Wiederaufbau

Das Grundgesetz war in Kraft getreten, die ,provisorische` Bundesrepublik, die 40 Jahre überdauern sollte, war geboren. Im gleichen Jahr 1949 gab auch der 200. Geburtstag Johann Wolfgang Goethes (1749-1832) Anlaß zur Feier. So wie siebzehn Jahre früher des ,Olympiers` hundertster Todestag. Unter dem 22. und 23. März 1932 hatten die Betzdorfer Lokalblätter geschrieben:

"Auch unser Kreisrealgymnasium wollte nicht zurückstehen in diesen Tagen, wo man weit über die deutschen Gaue hinaus das Andenken eines großen Mannes ehrt, dessen Name für alle Zeiten einen hellen Klang behalten wird: Goethe... Die anwesenden Gäste lauschten den sinnvollen Vorträgen mit reger Anteilnahme und waren von dem Gebotenen hoch befriedigt." "Goethefeier am Kreisgymnasium. Schlicht, sinnig und eindrucksstark feierte man Altmeister Goethes 100. Todestag am Montagspätnachmittag im Realgymnasium. Studienrat Schlüpmann hatte einen feinen Strauß Goethescher Gedichte gesammelt, die er Schüler und Schülerinnen der Unterprima a mit Gefühl und berechneter Stimmwirkung wiedergeben ließ. Studienrat Schlüpmann trug feinsinnig "Gesang der Geister über den Wassern" und Gedichte aus der Sesenheimer Zeit vor. Fräulein Held sang mit vollem, modulationsstarkem Organ von Meisterhand (Zelter, Schubert, Beethoven, Mozart) vertonte Goethesche Dichtungen... Die Feier, an der Eltern, Lehrer und Schüler der oberen Klassen teilnahmen, war von recht nachhaltiger Wirkung."

Seitdem waren 17 Jahre vergangen - Jahre, die jede kulturelle Kontinuität in Frage stellten. Was ließ sich mit dem ,Dichterfürsten`, der Kultfigur des Nationalstaats, vier Jahre nach dem vorläufigen Ende eines deutschen Nationalstaats und im Jahr der Konstitution der Bundesrepublik noch oder wieder anfangen? Zum Auftakt der schulischen Veranstaltungen hielt Paul Schlüpmann am 19. Juni vor rund 200 Gästen einen fast zweistündigen (!) Abendvortrag: "Goethe - heute". Weitere Feiern folgten im Juli, vor allem eine Freilicht-Schüleraufführung des "Götz von Berlichingen, die Joseph Schäfer einstudierte. Schlüpmanns Vortrag, schrieb die Rheinzeitung am 23. Juni, sei eine wohlgelungene Einführung in die Feiern gewesen, "dem Vortragenden wurde dankbarer und herzlicher Beifall gezollt".

Goethe, der Staatsmann und Politiker, der Kunst- und Naturwissenschaftler, der ,Erzieher in Theorie und Praxis`, der Dichter, der "Künder einer persönlich erworbenen Weltanschauung", so schilderte ihn der Redner. Goethe der sich über die Dinge stellen konnte, der die diesseits-Bindung nicht als seine letzte gesehen habe, und der sich gern als Wanderer bezeichnete. Kein Gott, kein Übermensch, "doch ahnt ihr nicht, daß er, der staub geworden / Seit solcher frist noch viel für euch verschließt" (Stefan George). Der ,Olympier` sei von ihm aus gesehen ein homo religiosus gewesen und gleichzeitig ein Mensch, der das eigene Leben unter der Einwirkung bedeutender Menschen und "ungeheurer Bewegung des allgemeinen politischen Weltlaufs"(Goethe, Dichtung und Wahrheit) begriff. Es sei zwingend von ihm zu reden, meinte der Vortragende, und zwar "mit höchster Pietät und Verantwortlichkeit":

"Unsere Zeiten sind wahrlich immer noch nicht zum Feiern angetan. Unsere Not ist allenthalben. Sie ist ganz persönliche Not: "Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind", dieses Goethewort ist uns heute eine Grunderfahrung geworden. Unsere Not ist zum zweiten im engsten Bezug zur sozialen und wirtschaftlichen Not und - von einem Erzieher darf auch das nicht übersehen werden - nicht zuletzt auch eine erzieherische Not"

Gewiß, Goethe habe materielle Not nie gekannt, doch

"wer die Flüchtlingsströme des Ostens im Winter 1944/45 schaudernd sah und Goethes "Herman und Dorothea" kannte, mußte überrascht sein, wie wahr und tief Goethe bereits anderthalb Jahrhunderte vorher am kleineren Beispiel solches Elend erschaut hatte."

Zum Massenmord wurde der Kulturschöpfer nicht befragt, so dominierte auch in dieser Rede faktisch das nationale Mitgefühl über das menschliche, das eine Grauen wurde durch das andere verdrängt. Wie hatte der Wanderer die Gemütsruhe besungen?

"Übers Niederträchtige / Niemand sich beklage / Denn es ist das Mächtige, / Was man dir auch sage ..."

Dazu allerdings meinte der Redner:

"niemals darf diese Lebensregel Grundhaltung werden, wie sie auch nicht Goethes Grundhaltung war. Wo aber je und je einem geschlagenen Menschen die Kräfte nicht mehr ausreichen, sich der Niedertracht zu erwehren, da darf sich wohl ein solches Wort beschwichtigend auf seine Seele legen, daß sie sich nicht in ruinöser Verbitterung verzehre."

Goethe habe das politische Gespräch mit seinesgleichen stets gesucht, obwohl er in seiner Dichtung den "politisierenden Flachkopf mit beißendem Spott übergießt". Eine solche Haltung schien dem Redner unproblematisch, wichtig war ihm die Betonung des Politischen. Letzten Endes sei es Goethe gegangen wie dem congenialen Freund Wilhelm Humboldt, daß sie nämlich politisch nicht zum Zug kommen konnten. "Sollte sich dahinter eine deutsche Tragik verbergen?" Eine rhetorische Frage, solange das Selbstverständnis der ,geistigen Elite`, auch Goethes und Humboldts, vom Vortragenden unbesprochen blieb.

Was hatte Goethe bewogen, sich zeitlebens an den Naturwissenschaften abzuarbeiten? Die nagende oder nörgelnde Idee, daß es nicht sein könne, daß Naturwissenschaft ,alles` zu erklären im Stand sei? Goethe habe eine heutige Erkenntnis vorweg nehmen können, die der Redner auf den Punkt zu bringen meinte:

"Es kann als erwiesen betrachtet werden, daß der Stoff, die Materie, nicht das Eigentliche der Welt ist, aber was dieses Eigentliche nun sei, das liegt ( ...) außerhalb des Bereichs der Naturwissenschaft und damit wohl auch der Wissenschaft überhaupt."

Das Eigentliche? Nicht sehr selbständig zollte Schlüpmann dem ,Jargon der Eigentlichkeit` (Th. W. Adorno) Tribut, als er hier versuchte, den Naturwissenschaften über sie hinausgehende Bedeutung zuzuweisen. Er schöpfte aus populärwissenschaftlichen Quellen, Schriften von Bernhard Bavink und James Jeans. Er bat den Schwager seiner Frau, den damals 35jährigen Astrophysiker Peter Wellmann, um Kritik, die offenbar ziemlich vernichtend ausfiel. Eine Grenze wissenschaftlicher Erkenntnis sei innerwissenschaftlich nicht (mehr) in Sicht, darüber waren sich die beiden einig. Aber gäbe es etwas zwingend erkennenswertes, daß grundsätzlich logisch nicht zu erkennen sei? In Kantischer Sprechweise ein ,Ding an sich`? Keine Transzendenz ,im Himmel` sondern ,hier und jetzt`, eine ,innerweltliche Transzendenz`? Das schien dem Naturwissenschaftler keine sinnvolle Frage, während der Theologe sie bejahte und darin den Ansatz zu einer ganz bestimmten Theologie sah, der er sich anschloß. Er vermutete im Naturwissenschaftler ein ,Spezialistenbewußtsein` und schrieb sich selbst eine größere Nähe zum ,allgemeinen Bewußtsein` zu.

"Religion ohne Welt ist ein Unding, Theologie ohne wissenschaftliches Weltverständnis ist auch ein Unding. Aus der Liaison von Theologie und überholtem wissenschaftlichen Weltverständnis ergeben sich Unstimmigkeiten, die unsere Gläubigkeit attackieren und damit auf unsere Gläubigkeit aufmerksam machen. Die nie verbaute Aussicht und der gleitende Übergang zum Ding an sich hin im Gegensatz zu dem überholten scharfen Einschnitt unserer früheren Erkenntnisgrenze erleichtern uns das weitere Wagnis des Glaubens. Wir werden weiterhin in Atem gehalten und sind weiterhin gehalten, das Ding an sich nicht für ein Phantom zu halten. Nun ist das Ding an sich natürlich nicht ohne weiteres der liebe Gott. Tausend andere Dinge müssen in Betracht gezogen werden, wenn man von ihm reden will. In meinem Vortrag habe ich das natürlich nicht gekonnt. Aber wenn es das ,Ding an sich` nicht mehr gibt, hat es auch kaum noch Sinn von Gott zu reden. Es ist wohl kaum ,Gott`, wenn ,Gott` nicht auch transzendent ist, und wie sollen wir von Transzendenz reden, wenn die Welt nicht mehr auch transzendent ist? Dazu muß man Karl Barth heißen."

Der Goethevers zu solcher Glaubenslogik des ,Seinsgrundes` hieß:

Was er erkennt, läßt sich ergreifen. / Er wandle so den Erdentag entlang; / Wenn Geister spuken, geh er seinen Gang, / Im Weiterschreiten find er Qual und Glück, / Er! unbefriedigt jeden Augenblick.(Goethe, Faust)

Der Redner erklärte:

"Der mittelalterliche Mensch konnte vermöge seines Weltbildes durchaus weltfromm sein. Weltfromm, das heißt nicht in pantheistischer Verflachung des religiösen Anliegens Gott verweltlichen, die Welt für Gott anbeten. Weltfromm sein heißt die Welt in ihrem unmittelbaren Bezug zu Gott erfahren. Im mittelalterlichen Weltbild war dieser unmittelbare Bezug gegeben. Sollte der Zerfall des mittelalterlichen Weltbildes und die menschliche Hilflosigkeit gegenüber diesem Ereignis mit dazu beigetragen haben, daß es der modernen Menschheit in ihrer Weltlichkeit wie in ihrer Religiösität an ,decidierter` Weltfrömmigkeit gebricht?"

Goethe, erinnerte Schlüpmann, "war Prinzenerzieher. Der Prinz war jung und, wie es ihm das Vorrecht der Jugend zu sein schien, vom Genieteufel besessen". An den im Abstand von wenigen Jahren verfaßten Gedichten .Prometheus` und ,Grenzen der Menschheit` wurde des Dichters Vorstellung von Erziehung - als Beruf - erläutert:

"Erziehung heißt ganz allgemein die Entwicklung eines Menschen fördern. Wie kann das angesichts solcher und dazu tief gelagerter Entwicklungsmöglichkeiten im Grund möglich sein, ohne daß der Erzieher davon selber etwas erfahren hat, das heißt, in seinem Wesenskern entschieden reifer ist, als der zu erziehende. Jugend kann sich unter sich in Tugenden und Untugenden üben, Jugend muß unter Jugend leben, sonst verkümmert an ihr die Jugend. Aber kann Jugend Jugend im Grund erziehen? Niemals! Erziehung ist und bleibt ein Generationsproblem. / Und die Erziehung ist, unbeschadet aller Sozialpädagogik ein Individualitätsproblem ... Freilich knüpft sich hier ein letztes Problem an: ...Wie, wenn das Individuum über der Pflege seiner Individualität und damit seiner Geistesrichtung es nicht zugleich lernt, die andere Individualität zu achten und womöglich zu verstehen. Hier setzt das Toleranzproblem ein. Es ist ein religiöses, politisches und, wie sich gezeigt hat, auch ein erzieherisches Problem."

Zum Individualitätsbewußtsein Goethes war in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 19. März ein längerer Aufsatz des Heidelberger Germanisten Paul Böckmann erschienen, "Die Rekapitulation unseres Lebens". Der Redner ließ sich inspirieren. Der Frankfurter Rundfunk hatte in einer Sendereihe "Begegnung mit Goethe, einen wenig bekannten Text, "Brief des Pastors in ... an den jungen Pastor in ..." im Auszug verlesen. Diese Quelle bot die willkommene Gelegenheit, zum Schluß die Toleranzforderung zu betonen. Goethes alter Pastor hatte sich ganz unchristlich gefreut, als sein Kollege im Nachbarsprengel gestorben war, denn dessen Leute hatten seine Leute angesteckt

"daß sie zuletzt haben wollten, ich solle mehr Menschen verdammen, als ich nicht täte; es wäre keine Freude, meinten sie, ein Christ zu sein, wenn nicht alle Heiden ewig gebraten würden.... Ihr habt da in Eurer vorigen Pfarre, wie ich höre, viel von den Leuten um Euch gehabt, die sich Philosophen nennen, und eine mehr lächerliche Person in der Welt spielen. Es ist nichts jämmerlicher, als Leute unaufhörlich von Vernunft reden zu hören, mittlerweile sie allein nach ihren Vorurteilen handeln. Es liegt ihnen nichts so sehr am Herzen, als die Toleranz, aber ihr Spott über alles, was nicht ihre Meinung ist, beweist, wie wenig Friede von ihnen zu hoffen ist. Man hält einen Aal am Schwanze fester, als einen Spötter mit Gründen. "Bleibt denn Philosoph, weil ihrs einmal seid, und Gott habe Mitleiden mit Euch!" So pflege ich zu sagen, wenn ich es mit einem zu tun habe. Und diese Seligkeit meiner friedfertigen Empfindung vertausche ich nicht mit dem höchsten Ansehen der Unfehlbarkeit."

Schon im April hatte Schlüpmann das Manuskript seines Vortrags an Erich Meyer , den Vorsitzenden des Bundes für Freies Christentum geschickt und gleichzeitig auf seinen Konflikt mit der evangelischen Kirche hingewiesen (s.o., ,Religion im Rechtsstaat`). Meyer bat um die Akten des Streites um den Religionsunterricht und schrieb unter dem 8. Juli, daß ihn die Lektüre sehr interessiert habe und er an mehreren Stellen darauf aufmerksam gemacht habe. Auch den Goethe-Vortrag habe er sehr gern gelesen, nur würden sie in Frankfurt mit Goethevorträgen geradezu überschwemmt und könnten leider nicht wagen, einen besonderen aus ihrem Kreis anzubieten.

* * *

Als Paul Schlüpmann zu Ostern 1947 seinen Dienst in der Schule wieder aufnahm, war Gustav Hassel, der ehemalige Kreisvorsitzende der Deutsch Nationalen Volkspartei (DNVP), Mitglied im Kuratorium der Schule. Dr. Hassel, Zahnarzt in Wissen, war Schüler Fritz Stengers gewesen (Abitur 1915) und Vorsitzender im ersten Verein ehemaliger Schüler, der sich zur Unterstützung des Direktors im Disziplinarverfahren 1926 gegründet hatte. Hassel hatte dann als Kreisvorsitzender der DNVP im Frühjahr 1933 die ,Rehabilitierung` Fritz Stengers in die Wege geleitet und dabei Alfred Dinkelacker noch einmal mit Unterstellungen angegriffen und beschuldigt, die sich 1926 als unhaltbar erwiesen hatten. Unter den neuen Machtverhältnissen waren die falschen Unterstellungen geeignete Mittel zum Zweck. Ein Schreiben Hassels vom 10. März 1933 an den Reichstagsabgeordneten Professor Dr. Spahn gelangte in Abschrift an die Schulbehörde in Koblenz und wurde von dort unter dem 25 Mai 1933 an den Betzdorfer Direktor geschickt, mit dem Ersuchen, Dinkelacker zur Stellungnahme aufzufordern. Es hieß in dem Schreiben, Dinkelacker habe Stenger denunziert und damit ein Disziplinarverfahren anhängig gemacht. Man habe Stenger der regierungsfeindlichen Gesinnung bezichtigt, und ihm zum Vorwurf gemacht, beim Kapp-Putsch die schwarzweißrote Fahne gehißt zu haben usw. Das Verfahren sei eingestellt worden, weil eine Handhabe zur Amtsenthebung nicht gegeben gewesen sei. Die Einstellung sei aber bis zur Pensionierung Stengers 1927 hinausgezögert worden und das Hausverbot für Stenger nie aufgehoben worden. Dinkelackers Verhalten sei um so kläglicher, als er seine Anstellung Stenger verdankt habe. Auch habe seine Anhänglichkeit an die "Herrlichkeiten des Novembersystems" ihn in Gegenwart von Schülern, die einen Aufruf der neuen Regierung lasen, erklären lassen, dieser Aufruf enthalte Unwahrheiten. Das sei doch wirklich eine schlimmere regierungsfeindliche Handlung als das Hissen einer Flagge unter der 2 Millionen, unter ihnen Stengers einziger Sohn, ihr Leben hingegeben hätten.

Gustav Hassel war jetzt Mitglied der SPD. Unter dem 22. Juli 1947 richtete Otto Blosen an den Ortsverein Betzdorf seiner Partei eine Anzeige mit dem (Mindest-)Ziel, dem Kuratoriumsmitglied Hassel das Vertrauen seiner Partei zu entziehen. Die entsprechenden Belege von 1933 waren beigefügt. Der Kreisvorstand der Partei zögerte. Am 25. August 1947 schrieb Paul Schlüpmann an den Kreisvorsitzenden der SPD, Amtsbürgermeister Rüttel/Hamm:

"Am 19.7.1947 erfuhr ich, daß Herr Dr. Hassel (Wissen) Mitglied des Kuratoriums des Kreisgymnasiums zu Betzdorf sei, und am folgenden Tage, daß er als Vertreter der SPD zum Kuratorium gehöre. Darauf setzte ich sofort meinen Freund, Herrn Studienrat Blosen (Betzdorf), der Ihrer Partei angehört, von dem Schreiben vom 10.3.1933 in Kenntnis, mit dem Herr Dr. Hassel in seiner Eigenschaft als Kreisvorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei meinen Schwiegervater, Herrn Studienrat i.R. Dr. Dinkelacker vom Gymnasium-Betzdorf unter falschen Angaben und Ehrenkränkungen politisch verfolgte, weil Herr Dr. Dinkelacker als Demokrat und Ehrenmann mit seinem früheren Direktor am Gymnasium zu Betzdorf in Konflikt geraten war. Inzwischen dürfte dieses Schreiben auch Ihnen zur Kenntnis gelangt sein. Herr Dr. Dinkelacker wurde seiner Zeit bis zum Zusammenbruch aus dem Schuldienst entlassen, heute ist er infolge seines schlechten Gesundheitszustandes, der nicht zuletzt auch eine Folge seines langen, viele Jahre währenden, aufreibenden politischen Kampfes ist, nicht mehr in der Lage, seinen Widersachern entgegenzutreten. Als Mitglied des Kuratoriums derjenigen Anstalt, an der ich als Lehrer tätig bin, ist Herr Dr. Hassel auf Grund seines Briefes für mich nicht mehr tragbar. Trotzdem unterließ ich bisher in der Annahme, daß Sie früher von diesem Schreiben keine Kenntnis hatten und im Vertrauen, daß Sie nunmehr von sich aus innerhalb Ihrer Partei die Angelegenheit bereinigen würden, weitere Schritte lediglich um die SPD nicht zu kompromittieren. Um so mehr bin ich heute erstaunt, daß Herr Dr. Hassel wohl immer noch als Kuratoriumsmitglied der SPD fungiert..."

Unter dem 4. September schrieb der SPD-Vorstand zurück:

"wird Ihnen mitgeteilt, daß Herr Dr. Hassel seine gelegentlich einer Besprechung am 3.9.47 abgegebene Erklärung, aus dem Kuratorium des Kreisgymnasiums freiwillig auszuscheiden, heute Vormittag fernmündlich als undiskutabel zurückgezogen hat und hat Ihnen ein weiteres Vorgehen gegen ihn anheimgestellt ... Wir bedauern, daß diese Angelegenheit nicht auf friedlichem Wege aus der Welt geschafft werden konnte, vermögen dies aber nicht zu ändern."

Otto Blosen wurde offenbar ähnliches mitgeteilt, nämlich die Sache sei im Zweifelsfall eine private Angelegenheit der Herren Dinkelacker und Hassel. Auch sei abzuwarten, welche Schritte Schlüpmann jetzt ergreifen würde. Otto Blosen schrieb daraufhin unter dem 10 September zurück:

" 1) ist die Partei nicht daran interessiert, ob ein Parteimitglied sich für die Rehabilitierung eines Beamten in Schlüsselstellung eingesetzt hat, der sich aus reaktionärer Gesinnung im republikanischen Staat fortgesetzte Amtsverfehlungen zuschulden kommen ließ, und dessen Verhalten auch die SPD seiner Zeit an maßgebender Stelle beanstandet hat? / 2) ist die Partei nicht daran interessiert, wenn ein Mitglied einen demokratisch eingestellten Beamten von untadeliger Gesinnung politisch verfolgte? / Dieser Tatbestand ist dadurch gegeben, daß Herr Dr. Hassel in Zusammenhang mit dem Rehabilitierungsversuch des Herrn Direktors Stenger ohne Notwendigkeit Herrn Dr. Dinkelacker, der sich keine Amtsverfehlung zuschulden kommen ließ, unter falschen Angaben und Ehrenkränkungen im Sinne des Nationalsozialismus politisch belastete. Die falsche Angabe besteht darin, daß das Disziplinarverfahren nicht deswegen nicht beendet wurde, weil man keine Handhabe finden konnte, sondern weil man nicht zuletzt unter dem Einfluß des Dr. Dinkelacker, dem es nur um die Abstellung weiterer Amtsverfehlungen ging, den Direktor aus allgemein menschlichem Wohlwollen auch gegenüber dem Gegner nicht mehr schädigen wollte als zur Wahrung der auf dem Spiele stehenden politischen Belange notwendig war... / Der Tatbestand der Ehrenkränkung ist dadurch gegeben, daß Dr. Hassel das Verhalten des Dr. Dinkelacker als Denunziation bezeichnet und daß er die demokratische Gesinnung des Dr. Dinkelacker als Anhänglichkeit an die "Herrlichkeiten des Novembersystems" (die Anführungszeichen im Original!) bezeichnet, drittens durch die Wendung, "die Rolle, welche Herr Studienrat Dr. Dinkelacker in der Angelegenheit gespielt hat, wird erst dann in ihrer vollen Kläglichkeit offenbar". Es ist unwahr, daß Herr Dr. Dinkelacker seine Anstellung Herrn Direktor Stenger verdanke, vielmehr hatte dieser selbst ein lebhaftes Interesse daran, Herrn Studienrat Dr. Dinkelacker an seine Schule zu ziehen, selbst auf die Gefahr hin, daß er, wie in Aussicht genommen, ein halbes Jahr später an eine andere Anstalt ginge. Es ist weiter zu fragen, ob ein Verschieben des Ausschlußverfahrens bis nach der Durchführung der Maßnahmen des Studienrats Schlüpmann, der sich gegenüber der SPD äußerst wohlwollend verhalten hat, dem Ansehen der Partei dienlich ist. Man könnte das auch als Verschleppungsmanöver betrachten. Gewiß kann die Partei Herrn Dr. Hassel nicht zum Ausscheiden aus der Kreisversammlung zwingen, doch bin ich überzeugt, daß die Kreisversammlung nicht in der Lage sein würde, Herrn Dr. Hassel zu halten, wenn die Partei ihm ihr Vertrauen entzöge. Eine Unentschiedenheit der Partei wirkt sich somit tatsächlich unter Umständen dahin aus, daß die Kreisversammlung veranlaßt wird, Herrn Dr. Hassel zu halten.

Unter dem 4. Oktober hatte Schlüpmann an den Kreisausschuß geschrieben, Hassels Schreiben von 1933 und die Forderung nach dessen Rücktritt wiederum erläutert und dann geschlossen:

"Meine Tätigkeit am Kreisgymnasium datiert von Ostern 1930. Sie wurde nur durch meine Einberufung zur Wehrmacht und anschließende Gefangenschaft unterbrochen. Dieser Tätigkeit nach bin ich also eines der ältesten Kollegiumsmitglieder. Infolge seines Gesundheitszustandes kann sich mein Schwiegervater um die Angelegenheit nicht mehr bekümmern. Um so mehr müßte ich ein längeres Verbleiben des Herrn Dr. Hassel in seinem Ehrenamte ganz stark als persönliche Kränkung empfinden. Ich darf daher wohl um Ihre Stellungnahme bitten."

Die erbetene Stellungnahme kam schließlich unter dem 22. Januar 1948 von Landrat Sinzig:

"Auf Ihre Eingabe vom 4.10.1947 habe ich über den von Ihnen vorgebrachten Sachverhalt eine eingehende Stellungnahme des Fraktionsvorsitzenden des Kreisverbandes Altenkirchen der SPD herbeigeführt, weil Dr. Hassel s.Zt. von diesem als Mitglied des Kuratoriums des Kreisgymnasiums vorgeschlagen wurde und aufgrund dieses Vorschlages seine Wahl erfolgte. Die vorliegende Stellungnahme bietet keine Handhabe, Maßnahmen gegen Dr. Hassel zu treffen."

Gewiß, hier ging es nicht um ,Mittäterschaft` oder gar ,Hauptschuld`, wie in den Spruchkammerverfahren. Es ging ,nur` darum, jemanden, der als öffentliche Person dem Rechtsstaat in der Krise Schaden zugefügt und dem Durchgriff der Diktatur in der Schule Vorschub geleistet hatte, zu einem öffentlichen Eingeständnis zu bewegen, und dem Rechtsbewußtsein im jungen Staat und in der Schule nicht wiederum Schaden zuzufügen. Paul Schlüpmann und Alfred Dinkelacker mußten mit der persönlichen Kränkung leben. Das Kollegium erklärte gegenüber dem Kuratorium sein Befremden. Otto Blosen trat aus der SPD aus.

1949 erreichte Heinrich Lake die Altersgrenze und es bewarben sich die Kollegen Otto Blosen und Peter Krumholz um die Nachfolge als Direktor der Kreisschule. Otto Blosen hatte 1929, Peter Krumholz 1936 den Dienst in Betzdorf aufgenommen. Anfang Juli suchte Heinrich van Wasen, der 1938 als Assessor an die Schule gekommen war, den Kollegen Blosen auf, um ihm mitzuteilen, daß er auf Anregung von Landrat Sinzig sich ebenfalls beworben habe. Paul Schlüpmann fühlte sich daraufhin veranlaßt, vor dem Kollegium "als nach den Kollegen Muhl und Blosen dienstältester Kollege" zu erklären, daß der Kollege van Wasen zwar in der berechtigten Sorge um das gute Einvernehmen Blosen aufgesucht habe, dies jedoch besser vor seiner Bewerbung getan hätte. Er hätte also zum zweiten Mal in einer öffentlichen Situation, in der seine eventuelle Beförderung anstand (das erste Mal vermutlich, als man ihn unter Übergehung des dienstälteren Kollegen zum Oberstudienrat befördert hatte) den notwendigen Takt vermissen lassen und von sich aus das gute Einvernehmen in Frage gestellt. Das Kuratorium wählte Heinrich van Wasen zum Direktor. Der Anregung des Landrats und Vorsitzenden des Kuratoriums wurde damit entsprochen. Wie stimmte Gustav Hassel?

Der alte Direktor wurde mit einer Feierstunde verabschiedet. Die Rheinzeitung berichtete wie Landrat Sinzig, der Laudator, 43 Jahre Schuldienst Revue passieren ließ, seit 1912 amtiere Heinrich Lake in Betzdorf:

"Wenn Direktor Lake nun in den Ruhestand trete, dürfe er die Versicherung entgegennehmen, daß er als zuverlässiger und pflichttreuer Beamter alter Prägung im Andenken des Kreises und der Schule fortleben werde. Er dankte ihm namens des Kreises für alle Mühen und Erfolge mit guten Wünschen für einen gottgesegneten Lebensabend."

Auf den Redner Sinzig folgten weitere: Lieutenant Linniac für die Militärregierung, Oberschulrat Schwister für die Schulbehörde, Johannes Velser für das Kollegium, "ein Oberprimaner, der die fürsorgliche Betreuung und die väterliche Liebe hervorhob, die der Scheidende jedem Schüler gegenüber bewiesen habe ... auch ein französischer Gastschüler schloß sich den Wünschen seiner deutschen Schulkameraden mit großer Herzlichkeit an"; Vertreter der Elternschaft, der Grundschulen und höheren Schulen sagten Abschiedsworte, Heinrich Lake dankte allen und wünschte der Schule alles Gute. Zuvor hatte auch noch der Vertreter des Kuratoriums das Wort genommen - Gustav Hassel. Man kann sich ausmalen, wie Otto Blosen und Paul Schlüpmann dessen Auftritt empfanden. Schlüpmann sprach ein paar Tage später mit Heinrich van Wasen, und erwähnte das Gespräch wenig später in einem Briefwechsel (s.u.) der beiden. Er habe es als Schuld empfunden, schrieb Schlüpmann, daß er nicht gegen Hassels Auftreten protestiert habe:

"Wenn ich mich damals so verhielt, so geschah das deshalb, weil ich sonst einen Mißklang in einer Feier verstärkt hätte, die der Verabschiedung eines besonders leidgeprüften Mannes, aus einem Amt galt, an dem er, wie ich glaube, jahrelang schwer genug getragen hat."

Der Mißklang wurde jedoch nicht mehr vermieden, als am 22. Dezember der neue Direktor in sein Amt eingeführt wurde, und wiederum Gustav Hassel als Redner auftrat. Schlüpmann verließ ostentativ die Aula, Otto Blosen tat unauffälliger das gleiche. Beide mußten davon ausgehen, daß Heinrich van Wasen vorher von Hassels Teilnahme gewußt hatte. Der schrieb noch am Heiligen Abend an Schlüpmann und Blosen, an alle anderen Kollegen, sowie an Alfred Dinkelacker, der eingeladen, aber nicht gekommen war, etwa gleichlautende Briefe. Er bedaure außerordentlich, was vorgefallen sei. Er entschuldige sich, daß er nicht alles versucht habe, das erneute Auftreten Hassels zu verhindern. Er habe dem Landrat gegenüber außerdem Hassels Ausführungen zu Fritz Stenger bedauert und ihn gebeten, zukünftig einen anderen Vertreter benennen zu wollen. An Schlüpmann schrieb er:

"Wenn man auch der Meinung sein kann, daß Sie in der Form des Protestes gefehlt haben, so gestehe ich Ihnen doch das in der Sache begründete Recht und andererseits eine begreifliche Erregung zu."

Van Wasen bot eine Aussprache an. Schlüpmann schrieb unter dem 28. Dezember 1949 zurück, daß er ihm, auch im Namen seines Schwiegervaters aufrichtig für alle seine Schritte danke, daß er den Wunsch nach guter Zusammenarbeit teile und gern auf das Angebot zur Aussprache einginge:

"Vielleicht habe ich mich eines Dienstvergehens schuldig gemacht, indem ich eine Veranstaltung verließ, an der teilzunehmen ich zunächst Ihnen gegenüber als meinem unmittelbaren Vorgesetzten dienstlich verpflichtet war. Darum machte ich Ihnen auch sofort nach der Veranstaltung Mitteilung. Meines Erachtens sollte, unbeschadet aller juristischen Erwägungen, die Dienstanweisung dort haltmachen, wo sie in Gefahr ist, die Menschenwürde des Beamten außer Acht zu lassen. Nachdem Herr Dr. Hassel das Wort ergriffen hatte, empfand ich meine weitere Teilnahme als mich persönlich entwürdigend."

Noch bevor der neue Direktor reagiert hatte, war ein Schreiben Schwisters abgegangen, daß die Schule am 2. Januar erreichte:

"Sie haben während der Feier zur Einführung des Direktors des dortigen Kreisgymnasiums ostentativ den Saal verlassen. Mir ist Ihr Verhalten unverständlich gewesen; ich erwarte umgehend eine Erklärung."

Am 6. Januar sprachen sich Dienstvorgesetzter und Untergebener aus. Schlüpmann sah ein, daß van Wasen davon ausgehen konnte, daß Hassel nicht kommen würde, weil er kurz zuvor bei einer Kuratoriumssitzung nicht gekommen war. Er erfuhr, daß der Direktor glaubte, Schlüpmann selbstverständlich von Veranstaltungen bei denen Hassel auftreten würde, befreit zu haben. Berichte der beiden Lehrer mit entsprechenden Anlagen zur Vorgeschichte der Affaire gingen am 7. Januar über den Direktor zur Schulbehörde nach Koblenz. Vom 10. Februar datierte die Antwort Schwisters an Heinrich van Wasen:

"Die Ausführungen, die Dr. Hassel im Namen des Kuratoriums der Anstalt bei der Einführungsfeier machte, mögen vielleicht die Zustimmung aller Anwesenden nicht gefunden haben. Die Verantwortung für seine Ausführungen muß jedoch in das Ermessen des Kuratoriums gestellt werden. Ohne Kenntnis der gesamten Zusammenhänge mußte jedoch bei den unbefangenen Teilnehmern an der Feier der Eindruck entstehen, als ob die Demonstration der beiden Herren gegen die Person des einzuführenden Direktors gerichtet sei. Das hätte unter allen Umständen vermieden werden sollen. Darum kann ich nicht verhehlen, daß ich diese Form des Widerspruchs mißbillige, da die Motive mißdeutet werden konnten. Sie wollen die beiden Herren ebenso wie Herrn Studienrat Muhl in diesem Sinne bescheiden."

Es schien, als wolle die Behörde einfach nicht verstehen, daß der Protest sich gegen die Haltung, die Hassel einnahm und gegen die Rolle, die ihm zugebilligt wurde, richtete, nicht oder nicht in erster Linie gegen seine Ausführungen. Die Schule entschloß sich nicht, den Schülern (der Schulöffentlichkeit) Grund und Sinn des ostentativen Protests eines Lehrers gegen einen der Redner zu erklären.

Ende 1949 gab es allenthalben Kritik an der ,Entnazifizierungspolitik` der Besatzungsmächte. Veranlaßt durch den Protest eines schweizer Pfarrers gegen das Eintreten eines kirchlichen Blattes für den einstigen Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, schrieb der alte württembergische Landesbischof Wurm (vormals eine maßgebliche Persönlichkeit des Protestes gegen Verbrechen des Hitlerregimes), Weizsäcker habe aus Pflichtgefühl dem Vaterland gegenüber den Entschluß gefaßt, "die Fahrt in den Abgrund aufzuhalten". Wurm bekräftigte, was der nordrheinwestfälische Ministerpräsident Karl Arnold gesagt hatte: Es sei nun alles aufgewogen. Was nicht heißen solle, "daß die Schande, die wir Deutsche durch das Hitlerregime auf uns geladen haben, nicht auf unserer Seele brennen sollte. Aber es sollte heißen: ,Laßt uns Schluß machen mit dem gegenwärtigen Aufrechnen der Untaten, denn die einen haben sich genau so schuldig gemacht wie die anderen`"[1]. Die Forderung ,Schluß zu machen` richtete sich nicht nur an Ausländer. Die ,innere Aussöhnung` aus Gründen des sozialen Friedens, die so manchen Funktionär der Diktatur in hohe Ämter der Bundesrepublik brachte, führte auf allen Ebenen nicht selten zu neuer Ungerechtigkeit und nochmaliger Kränkung der vormals Diskriminierten. Der relativ harmlose Fall in Betzdorf war symptomatisch für zeitweilig und grundsätzlich beängstigende politische Fehlentwicklungen trotz ,freiheitlich demokratischer Grundordnung`.


[1] Brief Wurms, Evangelischer Pressedienst Dezember 1949, zitiert nach Der Ruf, ev. Blatt der Synode Altenkirchen, Dez. 1949

 

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