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Religionspädagogik

1996 faßte Folkert Rickers, Duisburger Hochschullehrer für Religionspädagogik und interreligiöses Lernen, die Nachkriegsgeschichte der Religionspädagogik im Überblick zusammen:

"Die Evangelische Unterweisung entstand Mitte der zwanziger Jahre, fand ihren ersten Höhepunkt in der Schrift G. Bohnes "Das Wort Gottes und der Unterricht", 1929, bildete dann das religionspädagogische Rückgrat der katechetischen Arbeit der Bekennenden Kirche, wurde aber auch von einer Reihe Religionspädagogen vertreten, die den Deutschen Christen angehörten oder mit ihnen bzw. mit dem Nationalsozialismus sympathisierten. Sie entwickelte sich dann nach 1945 zur alles beherrschenden Konzeption bis zum Ende der fünfziger Jahre, war aber über diesen Zeitraum hinaus noch lange in den sechziger Jahren wirksam. In den fünfziger Jahren gab es zu ihr im evangelischen Bereich keine Alternative./ Die evangelische Unterweisung war eine rein dogmatische Konzeption. Sie war darauf aus, die Selbstoffenbarung Gottes im Prozeß der Verkündigung didaktisch so geltend zu machen, daß Glaube gestiftet werden konnte. Die LehrerInnen wurden als berufene ZeugInnen des Evangeliums verstanden, die nicht lehren und unterrichten, sondern analog den PfarrerInnen auf der Kanzel verkündigen sollten. Unterrichtsmedien waren Bibel, Katechismus, Choräle und Glauben repräsentierende Gestalten der Kirchengeschichte(exempla fidei). Zur Hauptsache aber war die Evangelische Unterweisung biblischer Unterricht. Charakteristisch war ferner, daß der Unterricht sich selbst als kirchlicher und auf die christliche Gemeinde bezogener Unterricht verstand und von daher eine Sonderstellung in der Schule hatte, so daß gelegentlich gefordert wurde, ihn aus der Schule ganz herauszunehmen und in die Zuständigkeit der Kirchen zu verlagern./ Allerdings brauchten die Vertreter der Evangelischen Unterweisung das Fach Religion in der Schule auch nicht zu rechtfertigen. Es hatte trotz mancher Kritik im einzelnen in inhaltlicher wie formaler Hinsicht nach 1945 selbstverständliche Geltung. [1]

Der Autor kritisierte, daß die ReligionslehrerInnen in der Evangelischen Unterweisung nicht den Status des Unterrichtenden, sondern den der ZeugInnen der Autorität einnähmen; es ergebe sich ein autoritär strukturierter Zusammenhang, dessen Bezugspunkte die (absolute!) Autorität des Wortes Gottes einerseits und die Autorität der Kirche bzw. der Gemeinde andererseits seien. Die LehrerInnen selbst würden zur autoritären Institution und der dogmatisch "unpolitische" Unterricht hätte dazu geführt, daß die Schüler z.B. von der Stuttgarter Schulderklärung von 1945 oder vom Darmstädter Wort zu Nationalismus und Wiederbewaffnung 1947 nichts erfuhren.

"Damit paßte die Evangelische Unterweisung genau in eine Gesellschaft, die sich zwar formal demokratisch entwickelte, aber in ihren realen Strukturen zunächst autoritär blieb. Besonders wirkte sich hier die Fortsetzung und Restituierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen des Kapitalismus aus... Von Demokratie als gesellschaftlichem Ordnungs- und Lebensprinzip war in den fünfziger Jahren noch wenig zu spüren... Die Evangelische Unterweisung war die religionspädagogische Konzeption einer bürgerlich-konservativen Gesellschaft. Auch unter den ganz anderen Bedingungen einer sog. sozialistischen Gesellschaft in Ostdeutschland spielte diese eine Rolle. Die "Christenlehre" entwickelte sowenig demokratisches und gesellschaftskritisches Potential wie ihr Äquivalent im Westen[2].

Die Evangelische Unterweisung herrschte, Rickers zufolge, praktisch uneingeschränkt, bis 1958/59 zwei Abhandlungen erschienen, die einen Kurswechsel einleiteten: Martin Stallmann, Christentum und Schule[3], und Hans Stock, Studien zur Auslegung der synoptischen Evangelien im Unterricht[4]. 1961 legte Gert Otto mit Schule, Religionsunterricht, Kirche[5], das ausgearbeitete Konzept des hermeneutischen Unterrichts vor. Der hatte mit seinem hohen wissenschaftlichen Anspruch nicht viel Zeit, sich in der Praxis zu bewähren, denn als er Mitte der sechziger Jahre nicht nur der gymnasialen Schulstufe besser bekannt wurde, zeichneten sich bereits die Konturen des ,Problemorientierten Religionsunterrichts` ab. Rickers urteilte: In der Wohlstandsgesellschaft nach Abschluß des ,Wirtschaftswunders` wurden Religion und Kirche weniger selbstverständlich; der Unterricht wurde "wissenschaftlicher", mehr wie andere Fächer, aber nicht stärker gesellschaftskritisch. Welt und Gesellschaft blieben aussen vor bis der Problemorientierte Unterricht (1965 von Hans-Bernhard Kaufmann ,angedacht`) sich durchsetzen konnte und das Terain ,Lebenswelt` öffnete.

* * *

Wenn in den Nachkriegsjahren tatsächlich kaum eine Alternative zur Evangelischen Unterweisung Bestand hatte, war das in Betzdorf jedenfalls nicht ganz so klar. Die Fachkonferenz der evangelischen Religionslehrer der Schule hatte sich am 22. März und am 7. April 1948 über Richtlinien für den Unterricht verständigt: sie beschloß erst einmal in Anknüpfung an die Richtlinien für Lehrpläne der höheren Schulen Preußens von 1925, "soweit dem nicht gültige Bestimmungen entgegenstehen":

"Der Inhalt des evangelischen Religionsunterrichts sind danach in Übereinstimmung mit der jetzigen Verfassung von Rheinland-Pfalz "die Wahrheiten des evangelischen Glaubens in ihrer biblischen Begründung, reformatorischen Auffassung und geschichtlichen Entwicklung ,,, Die Grunderfordernisse des evangelischen Religionsunterrichts sind bestimmt durch den besonderen Inhalt des Faches und durch die Eingliederung in die Schule, deren Methode und Aufgabe: / Der besondere Inhalt ist die Religion in dem umrissenen Rahmen, die Methode der Schule vorwiegend die Wissenschaft, die Aufgabe vorwiegend die Erziehung. Daher sind religiöser, wissenschaftlicher und erzieherischer Ernst die Grunderfordernisse dieses Faches: Die erste Forderung ist der besondere Gewissensgehorsam: "Man muß Gott mehr gehorchen denn den Menschen" (Act.5, 29), indem man den Inhalt vermittelt. / Mit der zweiten Forderung erhält der Gewissensgehorsam die besondere Form der intellektuellen Redlichkeit: Die Schule duldet bei der Vermittlung des Inhalts mit besonderer Dringlichkeit keine Verstöße gegen die intellektuelle Redlichkeit. / Mit der dritten Forderung ist der Erziehungswille des Religionslehrers in den Gewissensgehorsam einbezogen: Mit der Vermittlung des Inhalts müssen sich ausgesprochen erzieherische Absichten verbinden. Das ist die Absicht evangelisch-christlicher Erziehung. /Folgerungen:... Inhalt und Grunderfordernisse schließen ... eine ausschließlich distanzierende Haltung gegenüber der Welt aus und eine entschiedene Hinwendung zur wahren Menschlichkeit jenseits von Kulturoptimismus und -pessimismus ein. Sofern die Richtlinien von 1925 von einem unter dem Eindruck der Gegenwartslage nicht mehr haltbaren Kulturoptimismus nicht ganz frei sind, muß von ihnen abgewichen werden. / Das Arbeitsverfahren unterscheidet sich nach Maßgabe der Richtlinien von 1925 grundsätzlich nicht von dem der übrigen Fächer. Doch ist die besondere seelische Konstitution der heutigen Jugend besonders zu beachten. Der gegenwärtige kirchliche Aktivismus von Jugendlichen darf über die Tatsache, daß die Jugend seit Jahren seelischer Zerrüttung ausgesetzt ist, um so weniger hinwegtäuschen, als der kirchliche Aktivismus z. Zt. Für viele Jugendliche die nächstliegende Gelegenheit ist, ihren natürlichen Hang zum Aktivismus überhaupt zu befriedigen. Der Religionsunterricht wird auf viele Jahre in weit höherem Maße "Vorhofs"-arbeit zu leisten haben, als zur Zeit der Entstehung der Richtlinien."

Zwar war die Stellung der Religionsgemeinschaften in Staat und Gesellschaft in der Landesverfassung und bald auch in der des Bundes grundsätzlich geregelt, diese Regelung warf jedoch Probleme auf, die bisweilen (wie in Betzdorf in Sachen Lehrfreiheit s.o. ,Religion im Rechtsstaat`) groteske Formen annehmen konnten und ihrer Lösung harrten.

Vom 25. Juni 1947 datierte die Kontrollratsdirektive 54, die den Schulen auferlegte, "den Sinn für staatsbürgerliche Verantwortlichkeit zu entwickeln und das Schwergewicht auf die demokratische Weltanschauung zu legen". Schon seit dem 18. Mai 1947 hatte das Land Rheinland-Pfalz eine Verfassung, die in Artikel 34 festlegte, daß der Religionsunterricht "im Auftrag der Kirchen" zu erteilen sei, und seit dem 23. Mai 1949 bestimmte Artikel 7 des Grundgesetzes der Bundesrepublik, daß ,Religion` "unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes ... in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" zu unterrichten sei.

Anfang 1950 führte die nordrhein-westfälische Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Gespräche mit Vertretern der protestantischen rheinischen Kirche parallel zu den Düsseldorfer Parlamentsdebatten zum Entwurf der Landesverfassung, die am 18 Juli per Volksentscheid in Kraft treten sollte. Die Zuständigkeit der Kirche in der Ausbildung und Lehre von Religonslehrern und in der Aufsicht über den Religionsunterricht waren Gegenstand eines noch unveröffentlichten kirchlichen Memorandums, das den GEW-Vertretern vorlag. Einer von denen, Karl Hansmeyer[5a], schickte es unter dem 5. Februar seinem Schwager Paul Schlüpmann mit der Bitte um Hilfe bei der Beurteilung: Schlüpmann schrieb unter anderem:

"Es bedeutet völlige Verkennung der Aufgabe der Schule und Degradation des Lehrerstandes, wenn man annimmt, daß es sich bei der evangelischen Unterweisung in staatlichen Schulen um die Kombination eines geistlich-kirchlichen und eines staatlich-schultechnischen Auftrages handelt. Auch die christliche Staatsschule und gerade diese hat ein einheitliches Erziehungsziel, dem alle Fächer dienen. Irgendein Fachunterricht in der Schule, dessen innere Verbindung mit dem übrigen Unterricht auch nur gelockert ist, ist schließlich nicht nur wertlos, sondern schädlich, und zwar sowohl für das zu erziehende Kind wie für das betreffende Fach selber. Der Religionslehrer befindet sich hier keineswegs mit jedem Christen in derselben Lage. Die Aufforderung, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist, kann hier nicht anders verstanden werden, als der sichtbaren Kirche (Gott!) das "Ihrige" zu geben und dem Staat in den "weltlichen" Fächern das Seinige. Also Aufspaltung zwischen dem weltlichen und religiösen Lebensbezirk! Solche Aufspaltung ist sowohl unevangelisch und unreformatorisch wie auch vom erzieherischen Standpunkt zu verwerfen."

Schlüpmanns Kritik ist vom Mißtrauen gegen Vertreter einer ,sichtbaren` Kirche geprägt, die diese mit der evangelisch-reformatorischen ,unsichtbaren` zu verwechseln schienen. In einer kirchlichen "Denkschrift zur Frage ,Gemeinschaftsschule auf christlicher Grundlage`" hieß es:

"Die Evangelische Kirche in Deutschland ist bestrebt, ihr Staatskirchentum bewußt und verantwortungsbewußt aufzugeben. Geblieben ist noch die volkskirchliche Überlieferung ... Wichtig ist, wie die Kirche die außerkirchliche Bejahung der christlichen Grundlagen der Kultur von ihrer reformatorischen Verantwortung aus beurteilt. Christentum ist immer nur ein Gemisch sehr verschiedenartiger Ableitungen aus Antike, Mittelalter und Neuzeit, mehr oder weniger fern dem biblischen Evangelium. Katholizismus, Kulturprotestantismus, religiöser Sozialismus, Humanismus und vieles andere gehört unter dem Oberbegriff Christentum in das weite Feld der abendländischen Kultur. / Die Evangelische Kirche hat seit Barmen 1934 mehr und mehr erkannt, daß sie zwar auch mit diesem allem, also mit dem allgemeinen Christentum zu tun hat, daß sie aber vor allem noch etwas anderes ist, als nur ein wichtiges Stück davon. Sie steht in diesem Kulturkreis. Aber sie ist gegenüber allen Abteilungen unmittelbar verantwortlich für den übersäkularen Ursprung. Die Kirche muß, obwohl auch sie an der Säkularisierung teilhat, der Auflösung ihrer Substanz überall da, wo das ewige Evangelium zu bezeugen ist, entgegenwirken."[6]

Mit gewissem Recht konnte man in der Distanzierung der Institution Kirche von Geschichte und Kultur und in der Berufung auf die Verantwortung für den "übersäkularen Ursprung" einen fragwürdigen (Macht-)Anspruch erkennen. Zumal die Beobachtung der "volkskirchlichen Überlieferung" sich vermutlich auf eine Konservatismus und christlichen Glauben gleichsetzende Haltung (,Wertegemeinschaft`) bezog und nicht auf jene ehemals demokratische Opposition im Obrigkeitsstaat, an die vielleicht zu erinnern gewesen wäre.

Unter dem 11. September 1950 genehmigte der Minister für Justiz und Kultus in Rheinland-Pfalz einen ersten Nachkriegslehrplan für den evangelischen Religionsunterricht in den höheren Schulen. Ein Lehrplan, der das kirchliche Konzept der ,Evangelischen Unterweisung` für die Schule konkretisierte. Paul Schlüpmann sah sich veranlaßt, kritisch Stellung zu nehmen. Während der Lehrplan wörtlich "die heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes als das einzige Zeugnis der göttlichen Offenbarung" bezeichne, sage und schreibe ein so bekannter Theologe wie Paul Althaus[7]:

"Das Reden von ursprünglicher Offenbarung bedeutet: der eine wahre Gott tut sich aller Menschheit ständig kund, und das geschieht unabhängig von dem, wie der Mensch sich dazu verhält. Wenn auch Gott den Menschen am klarsten durch die ,Schrift` anredet, so stößt ihn doch die Bibel damit nur auf einen Wirklichkeit, die immer schon da ist, auch ehe er an Christus glaubt, und das Evangelium setzt das aus ursprünglicher Selbstbezeugung empfangene nicht ins Unrecht. Diese Bezeugung ist auch in der Welt der Religionen zu finden; sie sind nicht einfach als Gemächte menschlicher Fantasie oder als Bildungen des Lebensverlangens abzutun, so rückhaltlos auch zuzugeben ist, daß einem in den Religionen viel Trug und Flucht vor dem wahren Gott begegnet ... der Offenbarungsbegriff ist auch nicht einzig und allein dem biblischen Wort einzuräumen. Selbst Paulus billigt Röm.1; 19 jenen Zeugnissen Gottes (gemeint sind außerbiblische Zeugnisse. P.S.) die Würde der Offenbarung zu."

Und "der bekannte Religionswissenschaftler" Gustav Mensching erkläre:

"...diese auffallende Struktureinheit der sehr verschiedenartigen Universalreligionen deutet auf eine neue Stufe des Offenbarungswirkens Gottes, das nicht damit entwertet werden kann, daß man die hier angebotenen Heilsgüter als erdichtet abtut. Wenn gesagt wird, daß dort Selbsterlösung versucht werde, so sei daran erinnert, daß auch im Christentum immer wieder ,synergistische` das heißt das menschliche Mitwirken bei der Erlösung betonende, Strebungen auftauchen, und das umgekehrt etwa im Hinduismus das ,Allein aus Gnaden` (Vishnus) eine große Rolle spielt. Das Mißtrauen gegen die Selbstbekundungen fremder Religionen ist nicht berechtigt; laufen sie doch durchaus dem christlichen Selbstbewußtsein gleich."

Die "Debatte über die Besonderheit des biblischen Zeugnisses" sei also keineswegs abgeschlossen, argumentierte der Religionslehrer, und der Lehrplan vertrete seine Sache dogmatisch, wofür sicherlich seine Verfasser auch ihre Gewährsmänner einer bestimmten theologischen Richtung hätten. Deshalb und weil ihm auch andere Vorgaben des Lehrplans bedenklich erschienen, bitte er das Ministerium

"mich entweder dahingehend belehren zu wollen, daß nichts als eine "Lehrverpflichtung" in dem genannten Sinne gleichkommend anzusehen ist, was als "Lehrverpflichtung" eine gewissensmäßige Einschränkung des Maßes meiner bisherigen Lehrfreiheit bedeutet, oder zur Kenntnis nehmen zu wollen, daß ich eine solche Einschränkung nicht als rechtmäßig anerkennen kann. Das Amt des Religionslehrers wurde mir bei meinem Eintritt in den Schuldienst, Herbst 1925 beziehungsweise mit meiner festen Anstellung Ostern 1930 bis zur Erreichung der Altersgrenze rechtmäßig übertragen. Die Aufhebung meiner - meines Erachtens unrechtmäßigen - Suspendierung durch Verfügung vom 30. August 1948 mit nachträglicher Zustimmung der Rheinischen Kirchenleitung bestätigt mich in meinem Amt. Auf das Recht berufe ich mich: 1) um seines Eigenwertes willen, 2) weil ich weder dafür, daß ich unter Preisgabe der mir bisher zugestandenen evangelischen Freiheit Religionsunterricht erteile, noch dafür, daß ich freiwillig auf den Religionsunterricht verzichte, die Verantwortung übernehmen kann, 3) weil ich ein unevangelisches Übermaß an Lehrverpflichtung als das Ende des evangelischen Religionsunterrichtes in den höheren Schulen ansehen muß."

Schlüpmann schickte seine Kritik an das rheinland-pfälzischen Ministerium, an Karl Hansmeyer und an den Leiter der Geschäftsstelle des Bundes für Freies Christentum (BFC), Erich Meyer, in Frankfurt. Hansmeyer unterrichtete ihn daraufhin über ein Treffen von Vertretern der GEW mit Kirchenvertretern in Sachen Religionsunterricht im September 1950 in Rengsdorf. Das Ergebnis dieses Treffens setzte sich über theologische und pädagogische ,Abgründe` in schlichten Sätzen (,Rengsdorfer Sätze`) hinweg. In Sachen Lehrplan hieß es nur:

"Auch die Mitwirkung der Kirche bei der Gestaltung der sachlichen Grundlagen des evgl. Rel.U. (Schaffung und Zulassung von Lehrplänen, von Lehr- und Lernbüchern) soll von der Mitverantwortung der evgl. Lehrerschaft getragen sein." [8]

Erich Meyer lud Schlüpmann zu einem Beitrag im monatlichen Blatt ,Freies Christentum` ein und zu einem Vortrag in Frankfurt. Die Stellungnahme hatte er dem hessischen Oberkirchenrat Wissmann zugeleitet. Zu dessen Anmerkung, der Kritiker irre, wenn er meine, Religionslehrer seien bei der Abfassung des Lehrplans nicht zu Rat gezogen worden, schrieb ihm Schlüpmann:

"Selbstverständlich habe ich mir vorgestellt, daß an dem Lehrplan auch Religionslehrer(innen) mitgearbeitet haben. Aber als Vertreter der Religionslehrerschaft - nur davon habe ich gesprochen - können nach richtigem Sprachgebrauch nur solche Religionslehrer(innen) fungieren und bezeichnet werden, denen zuvor auf Befragung von den Religionslehrer(inne)n zumindest das Vertrauen ausgesprochen ist. Von einer solchen Befragung hier im Rheinland ist mir nichts bekannt."

Ende Januar 1951 versammelte das Kultusministerium die Religionslehrer beider Konfessionen zu einer Tagung in Bad Ems. Schlüpmann schrieb an Meyer, daß er mit seiner Kritik am Lehrplan von allen Teilnehmern "deutlich und von überraschend vielen gut verstanden" wurde. In der Märznummer des ,Freien Christentums` erschien zweispaltig sein Aufsatz "Kritisches zu einem neuen Religionslehrplan": Es sei verdienstlich, daß jetzt seit praktisch 17 Jahren (seit 1933/34 der alte unverbindlich geworden war) zum erstenmal wieder ein Lehrplan da sei und auch daß er über Länder und Zonengrenzen hinweggehe (Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen). Das schulpolitische Grundproblem sei, daß Staat und Kirche getrennt seien, der Religionsunterricht aber sowohl staatlich wie kirchlich. Der Lehrplan ignoriere in seinem Wortlaut die Staatlichkeit des Unterrichts und hebe ohne nähere Angaben hervor, er sei "ein Teil kirchlicher Verkündigung". Die pädagogisch-didaktische Problematik werde mit einer "Evangelischen Unterweisung" beiseite geräumt, die sich streng von anderen Schulfächern unterscheide. Zwar stehe und falle alle Erziehung mit dem rechten "Bezeugen" (von Lehrern und Schülern), unverzichtbar in der "Ganzheitserziehung", aber wie sei denn die Christusbotschaft an den "ganzen Menschen" auf allen Lebensgebieten ohne Brückenschlag zu den anderen Fächern zu verstehen? Mit der einfachen Anweisung des Plans, alle Unterrichtstoffe und -formen hätten der Aufgabe des Religionsunterrichts zu dienen, sei es nicht getan. Im übrigen bestimme der theologische Aspekt den Gesamtcharakter des Lehrplans. Da liege die Problematik eben darin, daß es auf reformatorischem Boden keine unfehlbare Lehrmeinung gäbe, und der Lehrplan einseitig durch eine solche geprägt sei. So sei das Thema etwa in Untersekunda der "Verfall des kirchlichen Lebens im Vernunftzeitalter":

"Die Behandlung des "Vernunftzeitalters" ausschließlich unter dem Gesichtspunkt "Verfall des kirchlichen Lebens" schließt in Untersekunda Männer wie etwa M. Claudius, Oberlin, Chr.F. Gellert aus. Hat das reformatorische Christentum der Aufklärung wirklich n u r "Verfall des kirchlichen Lebens" zu verdanken?"

Wie schon in seiner Stellungnahme für das Ministerium war dem Autor auch in seinem Aufsatz die theologische Feststellung von der Schrift als einzigem Zeugnis der Offenbarung fragwürdig und ebenso unreformatorisch schien ihm die "Zusammenfassung des evangelischen Glaubens im Apostolikum":

"Gewiß haben unsere Reformatoren die altchristlichen Bekenntnisse, in Sonderheit das Apostolikum, nicht preisgegeben; aber welche durch den Lehrplan ausgeschlossene Souveränität gegenüber dem Dogma besitzt zum Beispiel Luther, wenn er sagt: Christus ist nicht darum Christus genannt, daß er zwei Naturen hat. Was geht mich dasselbige an? Sondern er trägt diesen herrlichen Namen von dem Amt und Werk, so er auf sich genommen hat..."

Schlüpmann schickte die Publikation unter anderem an Hermann Weber in Koblenz, den er in Bad Ems getroffen hatte. Der setzte sich unter dem 5. April 1951 in einer dreiseitigen, maschinegeschriebenen Antwort mit der Kritik auseinander. Hinsichtlich der stofflichen Vorgaben des Lehrplans und der (fehlenden) religionspädagogischen Aussagen war man sich einig. Aber Weber lobte die betont christozentrische Ausrichtung des Lehrplans und teilte weder Schlüpmanns Ablehnung des "einzigen Zeugnisses" noch seine Bedenken gegen das Apostolikum. Zum "einzigen Zeugnis" schrieb er:

"nicht als ob hierdurch die Uroffenbarung als religiöse Erkenntnisquelle geleugnet würde. Sie haben recht, sie wird ja in Römer 1,19 von Paulus selbst festgestellt, wobei allerdings von ihm höchst persönlich die Unzulänglichkeit, die Grenzen und die Gefahren der natürlichen Gotteserkenntnis aufgewiesen werden. Religion als Götzendienst, als Folge einer nicht auf Christus bezogenen Gotteserkenntnis, haben wir ja kennengelernt in jüngster Vergangenheit; andererseits haben wir die Gefahr des Abrückens von der Heiligen Schrift als dem alleinigen Zeugnis im vergangenen Jahr in concreto am Beispiel der assumptio Mariä erfahren. Die Gemeinde Jesu Christi, in deren Medium die Wahrheiten allein verantwortet, getragen und verkündet werden können, befindet sich auf dem Weg zwischen Skylla und Charybdis. Von der einen Seite droht Gefahr der Mythisierung, der Überwucherung, von der anderen die Gefahr der Entmythisierung, der Idealisierung, Romantisierung und Individualisierung, beide Mächte verdunkeln den christlichen Wahrheitsgehalt. Darum, der Weg ist schmal, der zum ewigen Leben führt. Das aber widerstreitet keineswegs der Fülle in Jesus Christus. Daraus ergibt sich keine "unmögliche Exklusivität"...

Zum Apostolikum und der Intention des Lehrplans meinte Weber:

"Ich kann mir keine weitgespanntere Formulierung der christlichen Wahrheit denken als das Apostolicum. Es handelt erstens von der Schöpfung und der durch sie in Welt und Mensch gelegten immanenten Ordnung, zweitens von der Kontingenz der Offenbarung in dem geschichtlichen Ereignis Jesu Christi, drittens vom Innerlichwerden des Wortes Gottes durch den Heiligen Geist, und viertens von der Geschichtlichkeit der Glaubensgemeinschaft der Kirche: Ein Glaubensbekenntnis, das wirklich aufhört, christliches Glaubensbekenntnis zu sein, wenn es nicht das pleroma ton egon in Jesus Christus, der tragenden Mitte ausdrückte. Wichtig ist allerdings hierbei zur Wahrung und Bewahrung dieser Fülle, daß keine Vereinzelung, keine falsche Verselbständigung der vier Punkte stattfindet, wie es in der hinter uns liegenden Geschichte des Protestantismus seit der Reformation sich in Orthodoxie, Rationalismus, Pietismus verwirklicht hat, sondern daß die innere Zusammengehörigkeit dieser vier Punkte gewahrt bleibt, um deren Realisierung es meines Erachtens gerade in der Gegenwartstheologie geht... Ich glaube sie mißverstehen die Vertreter der Lehrpläne, wenn Sie annehmen, daß jene einem formalen Konfessionalismus das Wort reden. Was wiedergefunden werden soll, ist die Wahrung der paradoxalen und spannungsvollen Einheit von Gott und Mensch, von Schrift und Geist, von Glaubenstat und Glaubensgeschenk, welches die Konstitutiven des reformatorischen Offenbarungsbegriffes sind."

Schlüpmann schrieb unter dem 5. Mai zurück:

"Sie sagen, für den Lehrplan sei charakteristisch die christozentrische Sinngebung; eben das habe ich nicht angegriffen. Ich sehe und suche keinen anderen Weg zum Vater als durch Jesus Christus. Aber was weiß ich vom Glaubensleben eines gebildeten Hindu, was wüßte ich davon, wenn ich alle Bücher der Weisen studiert hätte? Wie darf ich ihn in diesem Sachzusammenhang zum Götzendiener stempeln? Eben das verlangt der Lehrplan, ob seine Urheber es wollten oder nicht; und nur das habe ich hier angegriffen. Vorsichtshalber muß ich indes nun hinzufügen, ohne das damit aber der Lehrplan angegriffen zu sein braucht: Ich sehe zwar keinen anderen Weg zum Vater als durch Jesus Christus, aber "ich kreise um Gott". Es gibt auch eine "Christo"-logie, die die "Theologie" zersetzt, etwa: sitzend zur Rechten Gottes so verstanden, als ob Gott-Vater den zweiten Platz einnähme. Vielleicht hat Jaspers hier einen unbefangeneren und schärferen Blick als wir Theologen, wenn er meint, daß das Christentum (als geschichtliche Größe) ausgerechnet an seiner Christologie scheitern könne. Auf alle Fälle zwingt eine solche Warnung uns Theologen zu ernster Selbstbesinnung, und ein evangelischer Lehrplan ist nicht befugt, Entscheidungen in der Frage "christozentrisch oder theozentrisch" vorwegzunehmen, soweit sie der theologischen Diskussion noch vorbehalten bleiben muß... Mißverstanden haben Sie offenbar, was ich über die "unmögliche Exklusivität" gesagt habe. Es ist auch meine Ansicht, daß sich weder daraus, wie die Gemeinde Jesu Christi nach Ihrer Meinung den von Ihnen genannten Gefahren zu begegnen habe, noch aus der Fülle in Jesus Christus eine "unmögliche Exklusivität" ohne weiteres ergibt. Vielmehr ist der Lehrplan meines Erachtens de facto von einer unmöglichen Exklusivität... Ich hätte in diesem Zusammenhang zum Beispiel auch darauf hinweisen können, daß dem Lehrplan wohl auch ein für unsere Schularbeit sehr enger Begriff von Kirchengeschichte zu Grunde liegt."

Was Weber aus dem Apostolikum herausläse, stünde, wie jeder Theologe wisse, tatsächlich auch drin. Es ginge aber nicht darum, sondern um die Forderung des Lehrplans für die Oberprima: "Zusammenfassung des evangelischen Glaubens im Apostolikum".

"Wenn ich meinen Oberprimanern sage, daß Tertullian die "Auferstehung des Fleisches" damit begründet, daß es in der Hölle kein Heulen und Zähneklappern geben könnte, wenn der Körper nicht in seiner Erdengestalt wiederhergestellt wäre, so "glauben" sie an eine solche Auferstehung nicht. Mir selber erscheint solcher "Glaube" für das Wesen eines evangelischen Glaubens mindestens belanglos, ich habe infolgedessen selber keine Möglichkeit, ihn ausschließlich auf unser ignoramus hin zu haben. Vom 3-stöckigen Weltgebäude der altchristlichen Bekenntnisse wissen wir ganz positiv, daß es das nicht gibt. Nimmt man nun hinzu, daß das Apostolikum in verschiedener Hinsicht mindestens eine "Weiterbildung" biblischer Ansätze bedeutet, so spricht doch sehr viel dafür, daß wir es auch in ihm mit einer "Überwucherung" zu tun haben, die sich prinzipiell nicht von der in der assumptio Mariae vorliegenden unterscheidet. Die Menschen haben jedenfalls damals ganz ohne Frage zum Mythos ein ganz anderes Verhältnis gehabt, als wir heute. Ich bezweifle, daß wir uns da restlos hineindenken können. Die Denkformen, nach denen die Menschen zu denken gezwungen sind, haben sich namentlich seit der Reformation sehr geändert. Wir können zu tiefst das Dogma des 5. Jahrhunderts nicht mehr verstehen, und aus Ehrfurcht sind wir darum verpflichtet, nicht so zu tun, als ob wir es noch ganz verstünden. Darum bedrückt es mich persönlich immer, wenn ich im Gottesdienst das Apostolikum höre, ob man da nun statt "Auferstehung des Fleisches" "Auferstehung des Leibes" sagt oder hinzufügt, daß man den "Glauben der Väter" bekennt (Gefahr der reservatio mentalis!) oder es einfach spricht. Der Lehrplan läßt nun geradezu den Religionsunterricht in diesem Apostolikum gipfeln; das ist geeignet, einen "Apostolikumsstreit" in der Schule heraufzubeschwören, für den heute unter den mannigfaltigen wahrlich wichtigeren Sorgen und der völlig veränderten Geisteslage außer verschwindend kleinen Kreisen unserer Kirche niemand mehr irgendwelches Verständnis aufzubringen vermag. Ein Warnzeichen dafür, wie schwach die kirchliche Verkündigung ist, wenn die Kirche mit solchen Problemen beschäftigt ist."

Der Religionslehrer schrieb weiter:

"Der Lehrplan sagt: Der Religionsunterricht ist ein Teil der kirchlichen Verkündigung; Sie sagen: Er ist n u r kirchlicher Unterricht; unsere Verfassung sagt: Er ist ordentliches Lehrfach an allen Schulen. Da weder die Kirche der Schule noch die Schule der Kirche restlos eingegliedert ist, verträgt sich das doch nur dann miteinander, wenn die Verfassung lediglich ausdrücken wollte, daß der Staat, beziehungsweise die Schulpatrone den Religionsunterricht schließlich nur zu bezahlen hätten. Eine Zumutung für den Steuerzahler!"

Unter dem 24. April 1951 berichtete der Evangelische Presse-Dienst (epd)[9]:

"Protest gegen Lehrplan für Religionsunterricht. Gegen die lebensfremde Enge, die der im Herbst 1950 herausgegebene Lehrplan für den evangelischen Religionsunterricht an höheren Schulen in Rheinland-Pfalz mit sich bringe, wandte sich Studienrat Schlüpmann in einem Vortrag vor dem "Deutschen Bund für freies Christentum" in Frankfurt a. M. Der Plan sei ohne genügende Rücksicht auf die besondere Situation der Schule und auf ihre pädagogischen Erfordernisse aufgestellt worden. Eine Revision des Planes in enger Zusammenarbeit der kirchlichen Stellen mit der Religionslehrerschaft sei dringend zu wünschen; "der gegenwärtig geltende Plan kann den Tod des Religionsunterrichtes bedeuten". Der Religionslehrer sei an das Evangelium gebunden und der Gemeinde verantwortlich, er müsse aber in seiner theologischen Lehrmeinung frei bleiben. Die Abstimmung des Planes mit den Plänen der anderen Fächer sollte die Querverbindung zu den anderen Sachgebieten erleichtern. Anpassung an die Schulmethoden und intellektuelle Sauberkeit müßten gewährleistet sein. Als Beispiel eines einwandfreien Lehrplanes für den Religionsunterricht wurde der für Hessen geltende aufgezeigt."

Der in Schlüpmanns Augen unvernünftige Lehrplan hatte in Rheinland-Pfalz offizielle Geltung. Das war in so fern paradox, als der Religionslehrer sich gleichzeitig staatlich-offiziell in der Auffassung bestätigt sehen konnte, daß der Plan keine allgemeine Verbindlichkeit haben könne.

* * *

Am 10. November 1951 unterzeichneten die Kirchenleiter des Rheinlandes, Westfalens und der Lippischen Kirche, Held, Wilm, Neuser, eine "Ordnung für die kirchliche Bevollmächtigung zur Erteilung evangelischer Unterweisung"[10] und Präses Held schrieb an alle ReligionslehrerInnen im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland:

"Bisher genügte die durch Examen erworbene staatliche Lehrbefähigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes in der Schule. Je mehr aber der Staat den Anspruch, ein christlicher Staat zu sein, aufgab, und die religiöse und weltanschauliche Neutralität als seinem Wesen gemäß anerkannte, mußte es fraglich werden, ob er allein den Auftrag zur Erteilung des Religionsunterrichtes geben könne. Entsprechend der Wandlung im Wesen des Staates verwandelte sich auch der Unterricht in evangelischer Religion mehr und mehr in eine besondere oder allgemeine Religionskunde. Evangelischer Religionsunterricht ist aber etwas anderes als besondere oder allgemeine Religionskunde und bloße Wissensvermittlung. Er ist ein wesentlicher Bestandteil der Evangelischen Unterweisung und damit Verkündigung des Evangeliums von Jesu Christus. Damit erfüllt der Religionsunterricht in der Schule an seinem Teil den der Kirche von ihrem Herrn gewordenen Auftrag, das Evangelium zu verkündigen und zu lehren. Weil der Religionsunterricht als Unterweisung im Evangelium eine Funktion der Kirche ist, bedarf es zu seiner Erteilung, unbeschadet des staatlichen Lehrauftrages und Aufsichtsrechtes, derselben Bevollmächtigung, wie zu allen anderen Diensten der Verkündigung in der Gemeinde. Mit der Bevollmächtigung darf der Lehrer darauf vertrauen, daß er wie der Pfarrer und die anderen Träger kirchlicher Dienste vom Herrn der Kirche berufen und bevollmächtigt und in seinem Dienst von der Fürbitte der Gemeinde getragen wird ... Die Kirche wird der Bevollmächtigung jedes Lehrenden zustimmen, der sich aufrichtig bemüht, im Zusammenhang mit der der Gemeinde Jesu Christi geschenkten Erkenntnis des biblischen Wortes dem Evangelium in der Schule zu dienen... Die Kirche tritt dafür ein, daß keinem Lehrenden ein beamtenrechtlicher Nachteil daraus erwächst, daß er aus Gewissensgründen die Erteilung des Religionsunterrichtes ablehnt."

Mit solcher Begründung der Notwendigkeit kirchlicher Vokation konnte sich Schlüpmann vermutlich so wenig abfinden, wie er sich gegen den Inhalt der ,Vokationsordnung` auflehnte. Die Evangelische Unterweisung war nach Paragraph 1 dieser Ordnung an das "biblische Evangelium Alten und Neuen Testamentes, wie es bezeugt ist in den Bekenntnisschriften der Reformation" gebunden. Schlüpmann schrieb in einem Beitrag zur Märznummer 1952 des "Freien Christentums": schon 1948 seien begründete Einwände gegen eine ähnliche Formulierung im Entwurf für eine Grundordnung der EKD vorgebracht worden, gegen die "Gleichstellung des Alten und des Neuen Testamentes untereinander und mit dem Evangelium" und gegen die "Wertung des Bekenntnisses als Norm für das Schriftverständnis". Es sei völlig unbegreiflich, wie die Bekenntnisschriften das Evangelium ,bezeugen` könnten. Schon die alte Konkordienformel sage "ganz reformatorisch", sie seien

"nicht Richter, wie die Heilige Schrift, sondern allein Zeugnis und Erklärung des Glaubens, wie jederzeit die Heilige Schrift in streitigen Artikeln in der Kirche Gottes von den damals Lebenden verstanden und ausgelegt worden".

Ausdrückliche Zustimmung - "vielleicht der einzige Satz der Vokationsordnung... dem man seine Zustimmung ohne alle Bedenken geben kann" - fand die Feststellung:

"Sie (die ev. Unterw. KS) kann nur von solchen Lehrern erteilt werden, die bereit sind, in Verbundenheit mit ihrer Kirche dem Evangelium in der Schule zu dienen."

Paragraph 2 der Vokationsordnung bestimmte:

"Unbeschadet seiner Rechtsstellung als Beamter des öffentlichen Dienstes übernimmt der Lehrer mit der Erteilung der evangelischen Unterweisung einen Dienst kirchlicher Lehre und Verkündigung".

Dazu Schlüpmann:

"Damit wäre dann der Dienst des Religionslehrers vierfach umschrieben: als Dienst am Evangelium, als öffentlicher Dienst - freilich ,nur` beamtenrechtlich und nebenbei - , als Dienst kirchlicher Lehre, als Dienst kirchlicher Verkündigung; - es fehlt bei aller Umschreibungsfreudigkeit die Umschreibung als Dienst an der Wahrheit und Dienst am werdenden Menschen."

Die Ordnung vermittle dann auch im weiteren peinlicherweise den Eindruck, es ginge vor allem darum, den Einfluß der Kirche zu sichern. Der Kritiker zitierte S.T. Coleridge:

"Wer damit beginnt, das Christentum mehr als die Wahrheit zu lieben, kommt dazu weiter, seine Sekte oder Kirche mehr als das Christentum zu lieben und endet damit, sich selbst über alle Dinge zu lieben."

Nicht nur das Wahrheitsethos, sondern auch das Erziehungsethos seien gegebenenfalls schwer getroffen. Die gegenwärtig wohl vorherrschende, dennoch theologisch einseitig orientierte Religionspädagogik halte nicht viel von "religiöser Erziehung":

"die christliche Unterweisung soll nicht den Menschen und seine Erziehung in den Mittelpunkt stellen, sondern Christus in seiner Macht und Herrlichkeit."[11]

Der Lehrer schrieb dazu:

"Ein Erzieher weiß um das Scheitern seiner erzieherischen Bemühungen. "An Gottes Segen ist alles gelegen." Soll er, darf er darum sein Erziehertum verleugnen, gerade als Religionslehrer? "Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn." Der Erzieher weiß auch, daß man mit dem Religionsunterricht den werdenden Menschen dem Christentum entfremden kann, - auf keine Weise wirksamer, als wenn man den Unterricht auf "kirchliche Lehre" abzielt, zumal auf Bekenntnisschriften.

Die GEW in Nordrhein-Westfalen war schon Ende Oktober 1951 in Bochum von Oberkirchenrat Boué[12] mit der fertigen Ordnung konfrontiert worden: es handele sich um eine rein kirchliche Angelegenheit, formal gesehen seien Verhandlungen mit den Lehrern überflüssig. Die GEW hatte daraufhin ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben (RA Dr. Oscar Redelberger), in dem die Rechtsunwirksamkeit einer solchen Ordnung für den Staat und die Lehrer in ihrer Tätigkeit als Beamte festgestellt wurde. Unter dem 8. Januar 1951 hatte Paul Schlüpmann an seinen Schwager (und GEW-Vertreter) geschrieben:

"Man hat Euch mit der Vokationsordnung gewaltig übers Ohr gehauen. Das habe ich kommen sehen, weil ich in Eurer Weise dem Gegner zu begegnen zu sehr das Theologische und Religionspädagogische vermisse. Ich verstehe das Fehlen oder Zurücktretenlassen dieser Gesichtspunkte - wenn ich das richtig feststelle - zwar gut, aber schließlich vertretet Ihr doch evangelische Religionslehrer, mit denen Ihr nach evangelischer Auffassung durchaus das Recht zum Mitreden in Theologie und Religionspädagogik habt, und mir scheint das nach Lage der Dinge unumgänglich ... Unter "Evangelischer Unterweisung" darf man unter religionspädagogischen und theologischen Gesichtspunkten, ohne sich damit von den Grundsätzen der Kirche zu entfernen, sehr wohl etwas ganz anderes verstehen als "Dienst kirchlicher Lehre und Verkündigung". Deswegen verstehe ich auch nicht recht, warum Ihr nicht mit aller Macht sturmgelaufen seid gegen Euern Religionslehrplan (oder weiß ich nur nichts davon?). Geht es denn Euch nicht als Pädagogen gegen Eure Berufsehre, wenn man Euch einen Religionsunterricht zumutet, für den man ,anordnet`: "Wir haben es nicht in der Hand, irgendeinen Menschen zugänglich zu machen für Gottes Wort; darum sollen wir auch nicht unsere Unterrichtsmethoden darauf richten..." Ein solcher Religionsunterricht sollte doch in einer Schule nichts zu suchen haben. Aber ein wirklicher evangelischer Erzieher hat darum noch lange nicht das innere Recht, darum für sich auf den evangelischen Religionsunterricht überhaupt zu verzichten. Er ist vielmehr in seinem Gewissen dazu verpflichtet, ihn auf die seinem Gewissen gemäße Weise zu geben. Er wird darum auch um seines Gewissens willen nicht der Erwartung in Ziffer 11b der Vokationsordnung entsprechen dürfen."

Unter Ziffer 11b wurde die Erwartung ausgesprochen, daß Lehrer, die mit der Vokationsordnung nicht einverstanden sind, die Bevollmächtigung zurückgeben. Unter 11a wurde bestimmt, daß Lehrer, die vor Ostern 1945 schon lehrten und "gegen deren Lehre und Wandel begründete Einwendungen nicht erhoben werden" als bevollmächtigt gelten.

Man hätte meinen können, daß das Engagement, daß Schlüpmann in Sachen Religionsunterricht bewies, die besten Voraussetzungen für seinen Unterricht abgab, egal ob man seine theologischen und pädagogischen Ansichten teilte oder nicht. Aber so sollte es erst einmal nicht sein. Im Oktober 1954 kam noch einmal Heinz Krieger (s.o ,Religion im Rechtsstaat) zu Wort, dessen Einwände 1947/48 gegen Schlüpmanns Unterricht zu dessen unbegründeter Suspendierung geführt hatten bis anschließend die Rechtslage geklärt und die Vorwürfe als unhaltbar sich erwiesen hatten. Im Gespräch mit Robert Euler sagte Krieger, daß Schlüpmann die Vokation nicht erhalten werde. Herr Weber (s.o.) habe ihm den Märzartikel 1952 aus dem Freien Christentum zugeschickt, Schlüpmann wolle die Vokation nicht, also werde er sie auch nicht erhalten. Die Kirchenleitung werde dem Kultusministerium entsprechende Mitteilung machen, und der Lehrer würde dann nicht mehr unterrichten können. Euler machte Krieger darauf aufmerksam, daß der Artikel zwar die Vokationsordnung kritisiert habe, aber die Vokation ausdrücklich nicht ablehne. Schlüpmann schrieb für alle Fälle eine Notiz, die der Kollege Euler las und für richtig befand. Zwei Jahre später stand seine kirchliche Bevollmächtigung tatsächlich in Frage, als nämlich die Landesregierung die Schulleitungen per Erlaß vom 22. November 1956 bat, gemäß Artikel 34 der Landesverfassung über einen Beschluß der Kirchenleitung zu wachen, daß ab 1. April 1957 kein Lehrer mehr ohne die Bescheinigung der Kirche unterrichte. Schlüpmann schrieb unter dem 1. Dezember 1956 an das Kultusministerium, er habe bisher die im Erlaß zitierte Bescheinigung nicht erhalten, er erteile seit 1926 Unterricht und er habe nicht die Absicht den Anspruch auf sein ordnungsgemäß erworbenes Recht aufzugeben.

Die Landesregierung schrieb daraufhin unter dem 19. Dezember, sie verweise auf Artikel 34 und empfehle, sich wegen des Vokationsscheines mit der Kirchenleitung in Verbindung zu setzen. Schlüpmann wandte sich am 31. Dezember noch einmal an das Ministerium "in Kenntnis des Grundgesetzes, der Verfassung ... jedoch noch ohne juristisch beraten zu sein": Die Tatsache, daß er dem Personenkreis angehöre, dem der Vokationsschein laut Ordnung ohne Einschränkung und ohne weiteres zugesichert sei, böte ihm nicht die Veranlassung sich an die Kirchenleitung zu wenden. Jetzt wies das Ministerium am 29. Januar den Direktor an, sich mit dem Landeskirchenamt in Verbindung zu setzen. Schlüpmann stellte in einem Brief vom 4. Februar an den Landesvorsitzenden des Philologenverband, Fritz Flammersfeld, seine Angelegenheit dar und bat um Rechtsschutz. In einem zweiten Schreiben an Flammersfeld vom 14. Februar hieß es:

"Von der Anweisung des Ministeriums an den Direktor meiner Anstalt vom 29.1.57 verspreche ich mir wenig. Ich habe den Eindruck: Das Landeskirchenamt will mir unter Vermeidung jeder Diskussion den Vokationsschein einfach vorenthalten, damit das Ministerium mir den Religionsunterricht nimmt, und das Ministerium will sich nach Möglichkeit jeder Verantwortung für den evangelischen Religionsunterricht in sachlicher und personeller Hinsicht entziehen, indem es letzten Endes die Absicht des Landeskirchenamtes vollstreckt, obwohl der evangelische Religionsunterricht doch immer "ordentliches Lehrfach" in unter Staatsaufsicht stehenden Schulen war und noch ist..."

Der Schreiber gab auch noch einmal seiner Auffassung hinsichtlich der Verfassungsbestimmung zum Unterricht "im Auftrag und in Übereinstimmung mir den Lehren und Satzungen der betreffenden Kirche..." Ausdruck:

"1. Landeskirchenamt und evangelische Kirche sind nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche etwas so Verschiedenes, daß ein Konflikt eines Mitglieds der evangelischen Kirche mit einem Landeskirchenamt nicht ohne weiteres als ein Konflikt mit der evangelischen Kirche angesehen werden kann. Daraus folgt, daß das Ministerium vor der Anwendung des Artikels 34 der Landesverfassung auch erst prüfen müßte, ob die Entscheidung des Landeskirchenamtes im fraglichen Falle als Entscheidung der evangelischen Kirche angesehen werden kann. / 2. Was ist im Sinne evangelischen Kirchentums unter "Lehren der (ev.) Kirche" zu verstehen? Eine "Normaltheologie" gibt es im Sinne evangelischen Kirchentums nicht, auch ein Landeskirchenamt ist nicht legitimiert und auch nicht legalisiert, seine Theologie dafür zu nehmen..."

Unter dem 23. März bat Edgar Boué Schlüpmann zu einem Gespräch im Landeskirchenamt. Schlüpmann antwortete am 25. März, daß er grundsätzlich bereit sei, daß er aber um einen späteren Termin bitte, weil er zunächst die Dienstreise beantragen müsse und daß er aus Gründen der Loyalität fände, wenn möglich solle ein Vertreter des Ministeriums hinzugezogen werden, weil letztendlich dort entschieden werde, ob er mit oder ohne Kirchenschein Unterricht erteilen könne. Doch solle das Gespräch daran nicht scheitern.

Das Ministerium verweigerte per Erlaß vom 29. April die Dienstreise und bekräftigte diese Entscheidung unter dem 15. Mai, nachdem der Direktor um Revision gebeten hatte. Das Ministerium war der Ansicht, der Sachverhalt sei durch Schriftwechsel zu klären. Das schrieb Schlüpmann am 17. Juni an Boué und bat, ihm mitzuteilen, warum die Erlaubnis bisher nicht erteilt worden sei und gegebenenfalls, ob und welche Bedenken von welcher Seite bestünden. Boué antwortete zehn Tage später:

"Es ist ein Irrtum Ihrerseits, wenn Sie meinen, die Erteilung der Vokation ist eine staatliche Angelegenheit. Sie ist ein rein kirchlicher Vorgang. Daher ist es auch durchaus verständlich und folgerichtig, daß das Ministerium für Kultus und Unterricht Ihren Antrag (zur Dienstreise KS) abschlägig beschieden hat. Wir müssen Sie also bitten, zur Klärung der Erteilung der Vokation an Sie zu uns zu kommen. Ich bitte Sie, am Mittwoch, den 3. Juli nachmittags zu einem Gespräch über diese Angelegenheit in das Landeskirchenamt in Düsseldorf, Inselstraße 10, zu kommen."

Schlüpmann schrieb am 29. Juni noch einmal an Boué:

"Soweit ich unabhängig von Ihrem Brief zur Zeit sehe, können Sie über mich bezüglich der Erlaubnis zur Erteilung evangelischen Religionsunterrichts entscheiden, ganz, wie Sie es für richtig halten, selbst, ohne mich zu hören, ohne daß ich es Ihnen verwehren könnte. Auch dagegen, daß mir der Religionsunterricht im Falle Ihrer entsprechenden Entscheidung genommen würde, könnte ich mich nicht wehren. Das nimmt mir viel Verantwortung und erleichtert mir die Situation. / Ihr Schreiben ignoriert die Meinung des Ministeriums, daß sich der in Frage stehende Sachverhalt durch Schriftwechsel klären ließe. Sie ist auch meine Meinung. Ebenso ignoriert Ihr Schreiben meine Fragen in meinem Schreiben vom 17. 6. 57. Über Jahre hin wurde mir die zu erteilende Erlaubnis vorenthalten, ohne daß ich dazu auch nur irgendeine Mitteilung erhalten hätte. Ich kann nicht leugnen, daß mir über alledem die meinen Religionsunterricht betreffenden Ereignisse von 1947-49, die auch bei Ihnen noch aktenkundig sein werden, wieder recht lebendig geworden sind. / Ich nehme Ihre Einladung zu meinen finanziellen Lasten an, vorausgesetzt, daß ich den notwendigen Urlaub vom Dienst bekomme, nachdem das Ministerium die Reise für nicht notwendig erachtet und erklärt hat."

Das Gespräch fand statt und vom 2. September 1957 datierte die fragliche Bescheinigung gemäß Artikel 34 der Landesverfassung und nach Ziffer 11 der Vokationsordnung. Das Landeskirchenamt hatte keine Einwände mehr, dem Lehrer die ihm ohne weiteres zustehende Erlaubnis nach all dem Hin und Her ohne weiteres, daß heißt ohne einen schriftlichen Satz der Erklärung oder des Bedauerns, zu geben. Es mag anzumerken sein, daß Schlüpmann den örtlichen Gottesdienst äußerst selten besucht hatte, und daß sich daran auch nichts änderte. Aber er (und später seine Frau) hörten nicht auf, Kirchensteuer zu zahlen. Den Religionsunterricht erteilte er noch 16 weitere Jahre bis zu seinem Tod 1973.

* * *

In zwei Aufsätzen versuchte Schlüpmann 1952 seine religionspädagogischen und theologischen Ansichten zu untermauern: "Erinnerung zum Thema: Der evangelische Religionsunterricht der Schule und die Pädagogik", "Die altchristlichen Glaubensbekenntnisse heute". Der erstgenannte Text wurde für die Juni-Beilage "Schule und Kirche" der Gewerkschaftszeitschrift "Die Neue Schule" geschrieben[12a]. Mit der historischen Erinnerung verband sich die (polemische) Kritik an der gegenwärtig dominanten Religionspädagogik:

"... es ist das Verdienst Lessings, in seiner Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts" im Zusammenhang mit dem neuen Geistesleben (der Aufklärung KS) über die Erziehungsidee einem "christlichen Humanismus" eine theologische Prägung gegeben zu haben... Eben dieser heute in der theologischen Diskussion sehr umstrittene "christliche Humanismus" hielt die Tür offen zwischen der neuen Allgemeinen Pädagogik und einer konfessionellen evangelischen Religionspädagogik, die erst viel später kommen sollte. Es entfaltete sich vor allem in Deutschland auf dem Grunde des Evangeliums innerhalb der evangelischen Kirche eine Theologie, die mit "liberal" nicht glücklich bezeichnet und viel und nicht immer würdig geschmäht wurde... Sie hatte ausgeprägten Sinn für Laientheologie - ein lutherisches, pietistisches und aufklärerisches Erbe zugleich - und ließ die dem undogmatischen Christentum wie der "Aufklärung" immanenten pädagogischen Impulse wirken... So konnte es geschehen, daß diese Theologie die große Anregerin wurde für eine unter anderem mit den Namen Kabisch und Niebergall verbundene konfessionelle evangelische Religionspädagogik, die sich gleichwohl der Allgemeinen Pädagogik erschloß, sich ihrer Erkenntnisse bediente und sie organisch ergänzte und bereicherte..." "Diese skizzierte Entwicklung ist nun seit etwa 30 Jahren überlagert von dem Aufkommen und Überhandnehmen einer Theologie, die sich in richtigem Selbstverständnis auf der ganzen Linie von der "liberalen" Theologie bewußt distanziert. Als Theologie der "Diastase", des äußersten Auseinandertretens von Gott und Welt, betrachtet sie das neuzeitliche Geistesleben mindestens als im Grunde nicht existent... Als "dialektische" Theologie, unter welchem Namen sie vor allem bekannt ist, hat sie eine besondere Vorliebe für das Widersprüchliche... Nach dem Vorgange der "liberalen" Theologie hat auch diese Theologie sogar eine recht rührige "Religionspädagogik" ausgelöst und die Religionspädagogik des 1. Jahrhundertdrittels überwuchert. Die Verdienste dieser neuen Religionspädagogik sollen nicht geschmälert werden, vor allem kann sie uns vor leichtfertigem religionspädagogischem Optimismus warnen, auch mag sie als eigentümlich "kirchliche" Pädagogik wertvolle sozialpädagogische Impulse enthalten. Aufs Ganze gesehen aber fehlt ihr, wie es nichts anders sein kann, letztlich der innere Kontakt mit der Allgemeinen Pädagogik, um so mehr, als in ihr die Theologie den absoluten Vorrang hat; die christliche "Unterweisung" ist hier etwas "ganz anderes" als der übrige Unterricht... Die christliche Unterweisung soll nicht den Menschen und seine Erziehung in den Mittelpunkt stellen, sondern "Christus in seiner Herrlichkeit".

Diese Erinnerungen zur Religionspädagogik waren vermutlich ein relativ müheloses Unterfangen. Dagegen bedeutete die Niederschrift zu den Glaubensbekenntnissen wohl erheblich größeren Arbeitsaufwand. Es hatte - das war allen Theologen geläufig - einen berühmten Streit um das Glaubensbekenntnis gegeben. Im Juli 1891 hatte der württembergische Pfarrer und Theologe Christoph Schrempf bei einer Kindtaufe nicht das vorgeschriebene Glaubensbekenntnis, das ,Apostolikum` verwendet. Die Gemeinde und 6 Monate später die Kirchenbehörde entließen Schrempf aus dem Amt. Berliner Studenten Adolf Harnacks ergriffen Partei für den Pfarrer. Harnack antwortete ihnen in seinem kirchengeschichtlichen Kolleg. Ja, die Kirche sei gut beraten, wenn sie neben dem Apostolikum eine kurze Glaubensformel billigen würde, die dem nachreformatorischen Verständnis gerechter würde. Nein, um Abschaffung könne es nicht gehen, die würde dem Atheismus Vorschub leisten. Es entwickelte sich der ,Apostolikumsstreit` von 1892 unter protestantischen Theologen und Laien, der vielleicht um so mehr die Gemüter bewegte und die Geister schied, als gleichzeitig ein Gesetzentwurf zur Festigung der Konfessionsschule zu größerer Aufgeregtheit und zum Sturz des preußischen Kultusministers führte. 60 Jahre später war die Situation (kirchen-)politisch und theologisch eine völlig andere. In der Behandlung der Bekenntnisformel sollte laut Lehrplan der Unterricht gipfeln? Welche Bedenken standen der kirchlichen Auffassung von der Bedeutung des Apostolikums entgegen? Schlüpmann stellte seine Arbeit zu den altchristlichen Glaubenbekenntnissen[13] unter das Motto des Luther-Satzes:

"Ein Christ ist eine Person für sich selbst; er glaubt für sich selbst und sonst für niemand"

Der Aufsatz war ursprünglich Teil eines "kühnen Plans". Unter dem 28 August 1952 schrieb er an Karl Hansmeyer:

"Gestern sollen 40 000 in Stuttgart (Kirchentag KS) das Glaubensbekenntnis gesprochen haben. Die Zahl bedeutet wenig im Verhältnis zur Gesamtzahl der Deutschen, aber sie bedeutet eine Ungeheuerlichkeit, wenn man bedenkt, was da im Einzelnen geschieht. Wer sprach mit, ohne "mitgerissen" zu sein? Wer verstand, was er sagte? Wer verstand richtig, was im Glaubensbekenntnis gesagt ist? ... Ich erwäge nun folgenden kühnen Plan: einen Vorstoß gegen die wieder so akut gewordenen altchristlichen Glaubensbekenntnisse mit dem noch kühneren Endziel - nicht ihrer Abschaffung, wohl aber eines offenen Zugeständnisses absoluter Lehrfreiheit ihnen gegenüber von Seite einer Kirchenleitung. Ein beträchtliches Teilziel wäre es, wenn das Exempel statuiert würde, daß eine Kirchenleitung eine rückhaltlose Kritik an den Glaubensbekenntnissen durch einen bestallten Religionslehrer in aller Öffentlichkeit durchgehen lassen müßte. Eine solche Kritik ist meine beigefügte Arbeit, von der ich hoffe, daß sie sachlich in Ordnung ist. Wenn ich sie einfach der für mich zuständigen rheinischen Kirchenleitung vorlegen würde, würde mein Protest im Sande verlaufen... Ganz anders stände der Fall da, wenn ich meine Aktion in Verbindung mit der GEW und dem Bund für freies Christentum startete... Daher wüßte ich gern, ob und in welcher Weise ihr interessiert seid."

Aus dem Plan wurde nichts. Die Arbeit zirkulierte bei wenigen Interessierten und blieb praktisch ohne Resonanz[14]. Schlüpmann hatte sich über 25 eng beschriebene Seiten (32 Zeilen a 28 Anschläge) bemüht, Konstantinopolitanum (griechisch, Konzil von Konstantinopel 381), Apostolikum (griechisch und lateinisch, Ende 4tes, Anfang 5tes Jahrhundert) und Athanasianum (lateinisch, Südgallien, 5tes Jahrhundert) in Wortlaut und Übersetzung zu erläutern und dann hinsichtlich der Lehre vom Glauben, von der Kirche, vom Heil, von der Welt, von Gott und von Christus kritisch zu untersuchen. Zum Beispiel schrieb er zur Lehre von der Welt:

"Im Zusammenhang mit der Heils-"geschichte" äußern sich die altchristlichen Bekenntnisse auch über die "Welt". / Im Konstantinopolitanum und im lateinischen Text des Apostolikums wird Gott (Vater) als Schöpfer von "Himmel und Erde" bezeichnet. Dieses Begriffspaar wird in der religiösen Sprache der Gegenwart weithin uneigentlich gebraucht und ist daher weithin synonym den Begriffspaaren Jenseits und Diesseits, Metaphysik und Physik, Transzendenz und Immanenz. In den Altchristlichen Bekenntnissen aber ist es durchaus eigentlich gemeint; denn nimmt man die weiteren Aussagen hinzu, wird unbezweifelbar deutlich, daß den Bekenntnissen die recht widerspruchs- aber phantasievollen antiken Vorstellungen vom Weltgebäude zu Grunde liegen, wie sie sich sehr ausführlich im Alten Testament einschließlich der apokryphen Literatur, weit spärlicher aber auch im Neuen Testament finden..."

Der Glauben des Athanasianums - die beiden anderen Bekenntnissse handeln von der Kirche, aber nicht vom Glauben - stelle sich als eine reine fides quae creditur (Glaube, an den geglaubt wird) dar und schließe den Glauben, aus dem heraus geglaubt wird (fides qua creditur) und damit die paulinische und lutherische Auffassung restlos aus. Die Glaubens-"wahrheit" ist nicht die wissenschaftliche. Darin liege eine große Versuchung zur Wahrheitsbeugung für religiöse Menschen, denen das Heil alles, Wahrheit nur insofern etwas bedeute, als sie dem zuvor erhofften Heil nicht im Weg stehe.

Die "apostolische" (auf die Apostel zurückzuführende) Kirche in Konstantinopolitanum und Apostolikum sei, kritisch betrachtet, eine Legende. Ihre Katholizität, von Cyrill konzipiert, nicht biblisch. Die Heilsnotwendigkeit der Zugehörigkeit zur Kirche, da es mehrere christliche Kirchen gebe, stark in Frage gestellt.

Das Heil liege, den Glaubensbekenntnisssen zufolge in der Auferstehung. Der krasse Materialismus körperlicher Auferstehung sei biblisch nicht gegeben:

"So sehr der materialistische Auferstehungsglaube den Ernst des Todes dem menschlichen Bewußtsein wach erhält und zugleich dem sinnlichen Lebenshunger des Menschen entgegenkommt, so unerträglich ist er dem modernen naturwissenschaftlichen Gewissen wie übrigens auch der Glaube an das Eingehen ins ewige Feuer, der ein Restbestand der biblischen Geenna (Tal bei Jerusalem, zeitweilig imaginärer Ort der Hölle KS) -Vorstellungen ist. Dagegen hat sich der Unsterblichkeitsglaube, von seiner dogmatischen Verklammerung gelöst, besonders im Denken der christlichen Aufklärung und des deutschen Idealismus als fruchtbar erwiesen und wird, abgewandelt, von den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart kräftig genährt."

Wenn der Autor hier seinen Unsterblichkeitsglauben durch die Naturwissenschaft seiner Gegenwart genährt sah, folgte er wohl eher einer willkürlichen und reduktionistischen Interpretation von Fachwissen, vielleicht auch verbreiteten Bemühungen von "Popularisierung".

Die Gotteslehre des Athanasianums, die Trinität, der "Trimisimplizitheismus" (die Dreifaltigkeitseinfaltigkeit des Gottes) sei im Neuen Testament nicht zu finden: keine einzige Trinitätsformel unter den Dreiheitsformeln:

"...nur Tertullians verhängnisvolles "creo quia absurdum" (ich glaube, weil es absurd ist) und ein vernunftverlassener Glaube an die Heilsnotwendigkeit können diese Lehre im Verein mit kirchenregimentlichen Maßnahmen heut noch "stützen"."

Die Christologie der Bekenntnisse schließlich schien dem Autor in den unterschiedlichen Gott-Mensch-Vorstellungen (Zweinaturenlehre des Athanasianums), in der Hypostasen- und Trinitätslehre unglaubwürdig, mangelhaft für heute aber auch darin, daß der Mensch Jesus in den drei Bekenntnissen viel zu kurz kommt, nämlich ausschließlich als der der Passion erwähnt wird. An dem "Christus"-Gott der Bekenntnisse kritisierte er mit Karl Jaspers, daß Gott durch viele Menschen spricht, nicht nur durch Jesus:

"der Christus in mir ist nicht an jenen einmaligen Jesus-Christus ausschließend gebunden, und der Jesus ist als Christus, als Gottmensch ein Mythus. Die Entmythisierung darf hier nicht willkürlich halt machen"[15]

Schlüpmann dazu und seinen Aufsatz abschließend:

"An diesem Wort sollten Theologie und Kirchen unserer Tage nicht achtlos vorübergehen. Es gibt Antwort auf die Gegenwartskrise und verspricht dem Christentum viel Möglichkeit zur Überwindung der Krise. Was wäre mit den altchristlichen Glaubensbekenntnissen heut noch gerettet? Es könnte aber viel gewonnen sein mit einem Christusbegriff, der im Einklang mit dem wissenschaftlichen Gewissen unserer Tage von den Bekenntnissen weg in entgegengesetzter Richtung ans erlösend Unbegrenzte führt."

Am 1. Januar 1954 bat ihn Heinrich Brenne in Dortmund noch einmal kurzfristig um einen Beitrag zur (Februar-)Beilage ,Schule und Kirche` der GEW-Zeitschrift Die Neue Schule. Ob er zum Thema "Der pädagogische Gehalt der Gleichnisse und Reden Jesu" etwas schreiben könne, "weil heute oft gesagt wird, daß das Evangelium keine pädagogische Größe sei...". Unter dem 18. Januar schickte Schlüpmann ein achtseitiges Manuskript[15a].

Von Adolf Harnacks Vorlesungen "Das Wesen des Christentums" von 1899/1900, die zur Überraschung des Autors einen Skandal auslösten, hatte Rudolf Bultmann, Schlüpmanns einstiger Lehrer, geschrieben, daß sie zu Recht eine Christologie anprangerten, die ,Lehre` sein wollte, wo die Unmittelbarkeit des Kerygma (der Verkündigung) zu begreifen war. Harnack hatte im Vorwort zu seinen Vorlesungen geschrieben:

"Nein - diese Verkündigung ist einfacher, als die Kirchen es war haben wollen, einfacher, aber darum auch universaler und ernster",

Adolf Jülichers "Die Gleichnisreden Jesu" waren etwa gleichzeitig mit Harnacks Vorlesungen erschienen und sollten die Theologen überzeugen, daß es sich bei den Gleichnissen nicht um Allegorie im eigentlichen Sinn handele. Die Allegorie ist ein Versteckspiel mit einem eigentlichen Sachverhalt, während das Grundelement des Gleichnisses der sinnvolle Vergleich eines schwerer verständlichen eigentlichen Sachverhaltes mit einem einfacheren, anschaulicheren, deutlicheren, überzeugenderen ist. Das Gleichnis ist ein genuin pädagogisch-didaktisches Mittel. Jesus liefere "Musterbeispiele unübertrefflicher pädagogischer Didaktik".

Das Bild im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist - Heinrich Weinel[16] hatte das gezeigt - ähnlich einem talmudischen: der König (Gott), der seine Arbeiter beobachtete, nahm nach zwei Stunden einen besonders geschickten und fleißigen bei der Hand und wanderte den ganzen Tag lang mit ihm auf und ab. Als er ihm am Abend den gleichen Lohn zahlte und die anderen murrten, sagte der König: er hat in zwei Stunden mehr geleistet, als ihr den ganzen Tag. Der Talmud läßt Rabbi Sera beim Tod seines 28 jährigen Kollegen sagen: So hat auch Bun bar Chija in 28 Jahren mehr geleistet als manch einer in 100 Jahren. Weinel und mit ihm Schlüpmann fanden, es sei eine Binsenwahrheit, daß einer mehr leiste als ein anderer, pädagogisch-didaktisch sei mit der Erzählung nicht viel gewonnen. Die Geschichte, die Jesus (Math. 20) erzählt sei viel gewichtiger: Der gute Hausvater (Gott) schickte morgens Tagelöhner in seinen Weinberg, im Laufe des Tages schickte er weitere, die letzten, die bis dahin keine Arbeit hatten finden können, eine Stunde vor Feierabend. Alle ließ er, trotz ungleicher Arbeitszeit, mit einem Silberling entlohnen, die zuletzt eingestellten zuerst. Zu dem, der sich beklagte, sagte er: ich tue Dir nicht unrecht, der Silberling war doch der verabredete Lohn. Den letzten gebe ich das gleiche, oder darf ich mit meinem Geld nicht machen, was ich will. Bist du neidisch, daß ich gütig bin? Schlüpmann kommentierte:

"Niemand darf müßig gehen, niemand darf im Lohn zu kurz kommen. Niemand verachte den Wert formaler Gerechtigkeit. Kämpfen nicht heute, im Zeitalter entpersönlichter Arbeitsverhältnisse ganze Berufsorganisationen um den "gerechten" Lohn? Aber die murrenden Arbeiter haben hier ihren gerechten Lohn bekommen und die anderen ein "Übriges". Darf man um ein "Übriges" rechten wollen, daß ein guter Hausvater diesem und jenem Arbeiter antut?"

Das Gleichnis veranlasse, dem "ewig menschlichen Neid" abzuschwören; vor Gott, wie Rudolf Bultmann schrieb, keinen Anspruch vorzubringen[17], darin sei Jesus mit den Grundgedanken der rabbinischen Ethik einig[18]. Schlüpmann hob auf die besondere ethische und pädagogische Forderung ab, die darin liege, der Güte des Hausvaters zu vertrauen. Sich auszumalen, wie der scheinbar ungerecht handelnde vielleicht die ausgleichende Gerechtigkeit im Sinn habe.

"Um mit solchem Gleichnis innerlich mitzugehen, braucht man weder schon von vornherein ein ausgemachter ,Christ` mit sicherem christlich-theologischem Besitz, noch ein Erwachsener mit womöglich ,abgeschlossener` Lebensreife zu sein, und wen man ein ,dezidierter Nicht-Christ` ist, nur sei man ein denkender, empfindender, wollender Mensch."

Es folgten weitere Beispiele zum Lob der pädagogischen Talente Jesu und schließlich zitierte der Autor Hans-Emil Weber, den Mitstreiter Karl Barths im Kirchenkampf 1933:

"Die unüberbietbare Intensität dieser ,Pädagogik` aber ruht in der Freiheit: "Man sucht in allen Evangelienbüchern vergeblich nach einem Beispiel, wo Jesus einem Menschen gegenüber auch nur den Schatten eines Zwanges ausgeübt oder gefordert hätte. Er ist in Wort und Werk und Person der Beweis für den Satz: ,Gott überwältigt wohl; aber er vergewaltigt nie!"

Das Evangelium sei gewiß nicht nur Pädagogik und die Pädagogik sei auch nicht als Rechtfertigung für das Evangelium zu verstehen, aber:

"die Gegenwart befindet sich im Zustande einer verhängnisvollen pädagogischen Depression. Diese erstreckt sich nicht bloß auf die "religiöse Erziehung" und muß keineswegs zwangsläufig aus dem christlichen Bewußtsein der menschlichen Existenz abgeleitet werden. Jesu Worte, das "Evangelium, wie es Jesus verkündet hat", legitimieren das Ringen um eine echte evangelische Religionspädagogik sowohl vor der Pädagogik als auch vor dem Wesen des Christentums."

* * *

Vielleicht galt für Schlüpmann, was Heinz Zahrnt (s.o.) von Lessing vermutete: "daß er zeit seines Lebens wenig geglaubt und am Ende sogar noch weniger". Aber er hielt offenbar an der Vorstellung von einer (christlichen) Wahrheit fest, die in der Welt zu finden ist, sich der (natur-)wissenschaftlichen (logischen) Erkenntnis entzieht, und durch deren glaubhafte Existenz ,Gott` zum Ausdruck kommt (sich offenbart). Diese ,innerweltliche Transzendenz` schien ihm unverzichtbar als Leitvorstellung im Zusammenleben und in der Pädagogik. Sie begründete eine ,Weltfrömmigkeit`, die der intellektuellen Einsicht und Erkenntnis nicht entgegenstand, sondern diese forderte. Die logische Wahrheit und die ,transzendente` waren in seiner Vorstellung qualitativ verschieden und unvergleichbar (,Diastase`), doch die eine ohne die andere inexistent oder unwirklich (,Dialektik`).

Die ,Autorität` der ,tranzendenten` Wahrheit war der Angelpunkt seiner ,antiautoritären` (im Sinn der Reformpädagogen in der Weimarer Republik) Pädagogik und seines Demokratieverständnisses. Sie spiegelte sich in äußeren Normen - oder nicht - , darüber hatte das innere Gewissen zu entscheiden. Erziehung erschien dem Lehrer vor allem als Gewissensbildung, ein Selbst-Bewußtsein ohne innerweltliche ,Gotterkenntnis` (,Gottesfurcht`, ,Ehrfurcht`) unzureichend oder gar unmöglich. Die unumgängliche Entscheidungsnotwendigkeit (,Entscheidungsnot`) im Leben bringt ,in letzter Instanz` jene Wahrheit zum tragen, die sich jenseits der rational erkennbaren findet. Ihre Erkenntnis bedeutet immer einen ,Glaubenssprung`, ungeachtet der Religion oder Kirche. Sie ist individuell und gesellschaftlich entscheidend, aber sie entzieht sich dem Wissen. Ethische und rechtliche Normen, die christliche oder eine andere Überlieferung bilden als einsichtige Wahrheiten ihren ,dialektischen` Gegenpol und sind somit nicht minder entscheidend. So oder auch ganz anders könnte der Lehrer sich ein paar (Grund-?)Wahrheiten zurecht gelegt haben.


[1] "Evangelische Religionspädagogik in zeitgeschichtlicher Perspektive", Jb. f. Rel. päd. (Neukirchen-Vluyn) 12, 1996, s.35

[2] Ebenda, S. 38ff. Der Autor schrieb dann noch: "Am meisten hat die evangelische Unterweisung dem Kapitalismus darin gedient, daß sie sich geradezu programmatisch unpolitisch gab und damit einer nicht immer demokratischen Entwicklung ihren ungestörten Lauf überließ... Evangelische Unterweisung. paßte aber auch gut in die kirchliche Landschaft des Nachkriegsprotestantismus. Denn sie läßt sich gut verstehen im Zusammenhang eines als Programm zu umreißenden Leitbilds der "Rechristianisierung" der Gesellschaft beziehungsweise der Aufrichtung und Durchsetzung einer umfassenden christlichen Gesellschaftsordnung..." (Vgl.a. M. Greschat, "Die Ev. Kirche" in W. Benz (Hg.), Die Geschichte der Bundesrepublik Bd.3, Gesellschaft, Fischer Tb 1989, 97 ).

[3] Stuttgart 1958

[4] Gütersloh 1959

[5] Göttingen 1961

[5a]Karl Hansmeyer (1895-1981) war Lehrer, wurde Offizier (Hauptmann) im Krieg 1914-1918, war Sozialdemokrat in der Republik, verlor sein Lehramt 1933, übernahm nach 1945 Funktionen als Kommunalpolitiker (in Castrop Rauxel, später in Dortmund) und als Gewerkschafter in der GEW auf Landesebene in NRW.

[6] Die Denkschrift war verfaßt von O. Hammelsbeck und fand am 5. Juni 1950 die Zustimmung der Kirchenleiter des Rheinlands und Westfalens, Held und Wilm.

[7] Zu Althaus s. o. ,Religion im Rechtsstaat`. Seine ,Erlanger` lutherische Theologie galt als weder als ,liberal` noch ,dialektisch`.

[8] Im Dezember meinte das in Essen erscheinende Gewerkschaftsblatt ,Die Neue Schule` zu den "Rengsdorfer Sätzen": "Mit den Vereinbarungen ist ein gutes Stück Weg zur Befriedigung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat zurückgelegt". Das Blatt zitierte die Lüdenscheider Nachrichten: "Präses D. Held bezeichnete die Rengsdorfer Sätze als ein bedeutsames Ereignis in der geistigen Situation unserer Zeit... Die Landessynode bezeichnete die Rengsdorfer Sätze als eine gute Grundlage für weitere Gespräche zwischen Landeskirchen und Lehrerverbänden und forderte die Kirchen auf, im Sinn dieser Gespräche auf der Gestaltung der künftigen Schulgesetze zu bestehen." (Die Neue Schule 2, 1950 Heft 12, S.9). Satz 1 der ,Rengsdorfer Sätze`: "Jede evangelische Unterweisung (Religionsunterricht) ist der Sache nach gebunden an das biblische Evangelium". Satz 2: "Sie kann nur erteilt werden von Lehrern, die selber Ja sagen zum Evangelium, also dienend und nicht nach persönlicher Willkür". Satz 7: "Die(se) kirchliche Bevollmächtigung begründet kein Vorgesetzten- oder Aufsichtsverhältnis und legt nicht auf eine bestimmte Lehrmeinung fest. Der Lehrer ist als Glied der Gemeinde ebenbürtiger Partner im Lehrdienst. Die Arbeitsgemeinschaften von Pfarrern und Lehrern leisten im gemeinsamen Bemühen um ihre theologische und katechetische Erkenntnis Förderung im gegenseitigen Austausch." Im Text zitiert ist Satz 10.

[9] S. a. Freies Christentum 3, Nr. 7, Juli 1951, S.6

[10] Die am 18. Juli 1950 durch Volksabstimmung mit 3,6 Mio gegen 2,2 Mio Stimmen in Kraft gesetzte nordrhein-westfälische Landesverfassung - der parlamentarische Vorschlag von CDU und Zentrum - bestimmte in Artikel 14: "Für die religiöse Unterweisung bedarf der Lehrer der Bevollmächtigung durch die Kirche oder der Religionsgemeinschaft. Kein Lehrer darf gezwungen werden, Religionsunterricht zu erteilen."

[11] So ein im kirchlichen Auftrag erstellter Lehrplan für die Grundschulen (Volksschulen). Wenn mit der Anweisung gemeint sein sollte, daß nicht das Reden über Erziehung den Unterricht ausmachen sollte, erübrigt sie sich als pädagogische Binsenwahrheit. Also soll wohl gesagt sein, wie Schlüpmann auch meinte, daß keine pädagogische Absichten mit der Lehre zu verbinden seien. Über ,Pädagogik` ließe sich streiten, aber jede Lehre bedarf immerhin der Vermittlung im realen Umfeld.

[12] Edgar Boué, geb. 1898, als Pfarrer in Oberkassel 1934 Mitglied der Bruderschaft

[12a] Paul Schlüpmann, "Der evangelische Religionsunterricht der Schule und die Pädagogik", Schule und Kirche. Mitteilungsblatt der evangelischen Religionslehrer in der GEW, Nr.5, Dezember 1952

[13] Zu heutigen Glaubensbekenntnissen vgl. die Sammlung von Gerhard Ruhbach, Glaubensbekenntnisse für unsere Zeit, Gütersloh, Mohn, 1985 (dort u.a. auch die ,Barmer Erklärung` 1934); Wissenschaftlich zu den alten Bekenntnisformeln vgl. John Norman Davidson Kelly, Altchristliche Glaubensbekenntnisse. Geschichte und Theologie, Göttingen 1972 (Early Christian Creeds. 3te London, Longmans, 1972)

[14] Georg Wünsch streifte in anderem Zusammenhang in einem Brief vom 12. September 1953 kurz das vermeintliche Anliegen Schlüpmanns: "Ihre Meinung geht dahin, daß man sich heute aus intellektueller Ehrlichkeit vom historischen Lehrgut des Glaubens losmachen müsse. Das ist eine lediglich negative Maßnahme. Aber was soll nun positiv geschehen? Bisher war das Ergebnis einer derartigen Haltung gerade das, was so viele echte Christen vom Freien Christentum abgestoßen hat: Oberflächlichkeit, Verschwommenheit und Subjektivismus. Tatsächlich stehen wir aber in einer Tradition, aber es ist die Tradition der Sache und nicht die des Ausdrucks, und da kann nur helfen, was ich vorgeschlagen habe: Interpretation..." Das Anliegen Schlüpmanns war nicht das ,Losmachen` vom historischen Lehrgut, sondern eher die Aufgabe, im historischen Lehrgut die ,Spreu vom Weizen` zu scheiden, vermutlich mit gehöriger Skepsis gegenüber den Möglichkeiten der ,Interpretation`.

[15] Karl Jaspers, Der philosophische Glaube, München 1948, 4. Vorlesung: Philosophie und Religion

[15a] Paul Schlüpmann, "Von den Worten Jesu und der Legitimation einer evangelischen Religionspädagogik". Schule und Kirche. Mitteilungsblatt der evangelischen Religionslehrer in der GEW Nr1, Februar 1954, S.1

[16] Heinrich Weinel, Die Gleichnisse Jesu, 4te Aufl. Leipzig, Teubner, 1918, S. 75

[17] Rudolf Bultmann, Jesus, Berlin, Deutsche Bibliothek, 1926, S.70

[18] Bultmann fuhr fort (S.71):"Aber die Bindung an eine rein formale Autorität, der blinder Gehorsam zu leisten ist, erfährt nun bei ihm eine Ablehnung, die über alles hinausgeht, was uns von gelegentlicher rabbinischer Kritik bekannt ist." Ist der Gehorsam gegenüber einem ,(Leistungs-)gerechten König` denn tatsächlich ,blinder` als der gegenüber einem ,gütigen Hausvater`?

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