@99 -home | chal | chee | etusci |hor | Le Quichote | ecex |ecre | junior | scimu | betz|nge|@99 -home
 

Der Text ist als Radioessay im SDR Stuttgart erschienen und liegt gedruckt im Frankfurter Verlag Stroemfeld Roter Stern vor (in Brigitte Wormbs, Ortsveränderungen, Frankfurt, 1981). - In ihren "Sätzen über eine Kindheitsgegend" brachte die Autorin mit dem Ende der 70er Jahre zum Ausdruck, wie vielerorts und in manigfaltiger Weise ein dem individuellen Leben gerechter und gerade darin demokratischer Umgang mit Umwelt und Zukunft mißachtet wurde (und wird). Daß Menschen auch desolaten Umgebungen aufbauende Beobachtungen und 'anheimelnde' Empfindungen abgewinnen können, steht auf einem anderen Blatt. Die Redaktion.

Brigitte Wormbs

Entfernung vom Siegerland (1)

Sätze über eine Kindheitsgegend.

Die Zusammensetzung der Bilder erscheint wahllos und zufällig, aber sie fügt sich wie von selbst zu einer deutbaren Ordnung: kleinformatige Fotos mit gezacktem Rand. Darauf abgebildet grasüberwachsene Wege, schräg hangansteigend zu fichtenbestandenen Bergkämmen, düsteren, hart von hellen Himmelsstreifen abgesetzten Horizonten unter dunklen Wolkengebirgen mit leuchtenden Rändern. Abwärts zum Fluß sich neigende Böschungen, Ufergestrüpp, mit der Strömung ziehende Weidenzweige und Treibholz, vor der Schleuse angestaut. Schmale, in Bögen gepflasterte Straßen, die sich hinter Eisenbahnunterführungen in engen Kurven verlieren. Bewaldete Hänge und Bahngleise, eintauchend in schwarze, rund gemauerte Löcher, aus denen manchmal etwas Helligkeit von der anderen Seite schimmert.

Menschenleere Landschaftsausschnitte, gruppiert um das Bild eines hochaufgestockten, spitzgiebeligen Hauses hinter einer langen Pappel,inmitten eines Gartens voll blühender Apfelbäume. Daneben - um nicht zu sagen darin - das Bild eines kleinen, weißhaarigen Mädchens, das krumm dasitzt auf viel zu großem Stuhl, vor dunklem, undeutlichem Hintergrund das spitze, hell beleuchtete Gesicht ein wenig angehoben, den Blick ernsthaft wie auf etwas weit Entferntes gerichtet, ungefähr dahin, von wo die Helligkeit kommt.

Es scheint so, als wäre es Tageslicht, das durchs Fenster ins Hausinnere kommt. Es scheint so, als wäre das Licht dieses Tages der Jahreszeit entsprechend hell. Es ist ein Tag im Mai. Geburtstag. Das kleine Mädchen hat eine Mundharmonika bekommen und ein altmodisches Lied darauf zu spielen versucht.

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Das kleine Mädchen sitzt auf dem viel zu großen Stuhl in dem viel zu hohen Haus in dem Garten voll blühender Apfelbäume im Tal eines Flusses, der Sieg heißt, zwischen den bewaldeten Bergen, die seine weitere Umgebung begrenzen: das Siegerland, Land zwischen Westerwald und Sauerland, zwischen Rothaargebirge und Siebengebirge; zwischen rheinischer, hessischer und westfälischer Sprache.

Gegend, aus einiger Entfernung vom Schreibtisch in Ulm aus betrachtet. Ist die Zusammensetzung der Bilder wahllos und zufällig, oder fügt sie sich schon zu absichtsvoll dem Vorsatz, einer Beziehung auf die Spur zu kommen, mit Sätzen über eine Kindheitsgegend wieder in die Nähe eben dieser Gegend zu gelangen?

Annäherungsversuch, ausgelöst von einem Rundbrief, der fünfundzwanzig Jahre nach dem Abitur zum Klassentreffen ins Siegerland einlädt. "Fünfundzwanzig Jahre - Grund genug zum Wiedersehen und Feiern", steht in dem Brief. (Fortsetzung)

folgende Seite =>

                                redaction@aleph99.org                               
@99 -home | chal | chee | etusci |hor | Le Quichote | ecex |ecre | junior | scimu | betz|nge|@99 -home