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Der Text ist als Radioessay im SDR Stuttgart erschienen und liegt gedruckt im Frankfurter Verlag Stroemfeld Roter Stern vor (in Brigitte Wormbs, Ortsveränderungen, Frankfurt, 1981). - In ihren "Sätzen über eine Kindheitsgegend" brachte die Autorin mit dem Ende der 70er Jahre zum Ausdruck, wie vielerorts und in manigfaltiger Weise ein dem individuellen Leben gerechter und gerade darin demokratischer Umgang mit Umwelt und Zukunft mißachtet wurde (und wird). Daß Menschen auch desolaten Umgebungen aufbauende Beobachtungen und 'anheimelnde' Empfindungen abgewinnen können, steht auf einem anderen Blatt. Die Redaktion. Brigitte Wormbs Entfernung vom Siegerland (1)Sätze über eine Kindheitsgegend. Die Zusammensetzung der Bilder erscheint wahllos und zufällig, aber sie fügt sich wie von selbst zu einer deutbaren Ordnung: kleinformatige Fotos mit gezacktem Rand. Darauf
abgebildet grasüberwachsene Wege, schräg hangansteigend zu fichtenbestandenen
Bergkämmen, düsteren, hart von hellen Himmelsstreifen abgesetzten
Horizonten unter dunklen Wolkengebirgen mit leuchtenden Rändern. Abwärts
zum Fluß sich neigende Böschungen, Ufergestrüpp, mit der
Strömung ziehende Weidenzweige und Treibholz, vor der Schleuse angestaut.
Schmale, in Bögen gepflasterte Straßen, die sich hinter Eisenbahnunterführungen
in engen Kurven verlieren. Bewaldete Hänge und Bahngleise, eintauchend
in schwarze, rund gemauerte Löcher, aus denen manchmal etwas Helligkeit
von der anderen Seite schimmert.
Menschenleere
Landschaftsausschnitte, gruppiert um das Bild eines hochaufgestockten, spitzgiebeligen
Hauses hinter einer langen Pappel, inmitten
eines Gartens voll blühender Apfelbäume. Daneben - um nicht zu
sagen darin - das Bild eines kleinen, weißhaarigen Mädchens,
das krumm dasitzt auf viel zu großem Stuhl, vor dunklem, undeutlichem
Hintergrund das spitze, hell beleuchtete Gesicht ein wenig angehoben, den
Blick ernsthaft wie auf etwas weit Entferntes gerichtet, ungefähr dahin,
von wo die Helligkeit kommt.
Es scheint so, als wäre
es Tageslicht, das durchs Fenster ins Hausinnere kommt. Es scheint so, als
wäre das Licht dieses Tages der Jahreszeit entsprechend hell. Es ist
ein Tag im Mai. Geburtstag. Das kleine Mädchen hat eine Mundharmonika
bekommen und ein altmodisches Lied darauf zu spielen versucht.
Der
Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Das kleine Mädchen sitzt auf dem viel zu großen Stuhl in dem viel zu hohen Haus in dem Garten voll blühender Apfelbäume im Tal eines Flusses, der Sieg heißt, zwischen den bewaldeten Bergen, die seine weitere Umgebung begrenzen: das Siegerland, Land zwischen Westerwald und Sauerland, zwischen Rothaargebirge und Siebengebirge; zwischen rheinischer, hessischer und westfälischer Sprache.
Gegend,
aus einiger Entfernung vom Schreibtisch in Ulm aus betrachtet. Ist die
Zusammensetzung der Bilder wahllos und zufällig, oder fügt sie
sich schon zu absichtsvoll dem Vorsatz, einer Beziehung auf die Spur zu
kommen, mit Sätzen über eine Kindheitsgegend wieder in die Nähe
eben dieser Gegend zu gelangen?
Annäherungsversuch, ausgelöst von einem Rundbrief, der fünfundzwanzig Jahre nach dem Abitur zum Klassentreffen ins Siegerland einlädt. "Fünfundzwanzig Jahre - Grund genug zum Wiedersehen und Feiern", steht in dem Brief. (Fortsetzung) | |
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