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Brigitte
Wormbs
(Fortsetzung)
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vohergehende Seite

Nach
fünfundzwanzig Jahren steht die Schule nicht mehr ganz auf demselben
Fleck. Umbenannt in Freiherr vom Stein-Gymnasium ist sie mittlerweile
in das neue Gebäude ganz oben am Hang eingezogen. Der alle
umstehenden Häuser überragende Schachtelbau hat Platz für
viel mehr Schüler als - wie sagt man - zu meiner Zeit. Darunter
die Kinder der Mitschüler von damals, der wenigen, die hier geblieben
oder wieder hierhergekommen sind. Aber das Programm des Klassentreffens
sieht nur den Besuch des alten Klassenraums vor im alten, schiefergedeckten
Bau. Im neuen Bau haben wir nichts verloren, heißt es, denn er
gehört nicht unserer Vergangenheit an. Gehören
wir indessen nicht seiner Vergangenheit an? Dem, was geschah, als es
noch nicht Geschichte hieß, und wir wie noch nicht beteiligt dabei
waren?
In der Eingangshalle
des Freiherr vom Stein-Gymnasiums hängt - nicht weit vom moderner ins
Relief getriebenen Ehrenmal für die in zwei Kriegen getöteten
Schüler - ein grell koloriertes Plakat des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Unter der Europakarte mit der Oberschrift: "Deutschland im 2. Weltkrieg"
eine Tabelle, die die "Verringerung des wirtschaftlichen Potentials durch
Gebietsverluste" angibt, bezogen auf Zahlen von 1937/38.
Chronische Restauration
im Wirtschaftskampf, worin man gleichzeitig Verdrängen von Nächstliegendem
als Anpassung an den gespurten Fortschritt übt, der aus den Schulen
seinen Nachschub rekrutiert.
Stichwort Fortschritt.
Erklärung seiner heutigen Bedeutung (nach Knaurs Lexikon von 1976):
Die geschichtliche Entwicklung neuer, werthaltiger Kulturformen, entweder
als ständiger, unabschließbarer Prozeß oder mit einem vollkommenen
Endzustand als Ziel. Der Fortschrittsgedanke hat unausdrücklich schon
immer den sozialen und kulturellen Neuerungsbestrebungen zugrunde gelegen,
seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts jedoch beherrscht er die Interpretation
der Menschheitsgeschichte ausdrücklich, zunächst als allgemeiner
Fortschrittsoptimismus... Eine relativierende Kultur- und Geschichtsbetrachtung
hat.... die Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit jeder einzelnen Kultur hervorgehoben.
Einzig die unabsehbare Entwicklung auf wissenschaftlichem, technischem und
industriellem Gebiet wird unbestritten anerkannt.
Ein schmaler Scheinwerferstrahl
vor um so dunkler gehaltenem Hintergrund.
Neben dem Anschlag des
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hängt ein Plakat
der Stiftung Warentest, das zum Schülerwettbewerb ermuntert. Aufklärung
und Differenzierung im Begriff von Fortschritt auf die Neuerscheinungen
des Markts beschränkt. Gütesiegel en detail für das Unternehmen,
das en gros der Natur innen und außen seinen Prägestempel aufdrückt.
Die Schule auf der ehemaligen
Weide am steilen Hang ist entworfen für überall und nirgends,
gemäß den Anforderungen bürgerlicher Ökonomie an eine
Freizügigkeit bis zur Austauschbarkeit, wie sie die Reformen des Freiherrn
vom Stein im alten Preußen eingeleitet haben. Nahe auf den Leib gerückte
Verhältnisse.
Im ehemaligen Hauberg
die neuen Häuser der neuen Lehrer, Ärzte, Ingenieure von überallher
wie überall. Ihre Vorgärten voll Rhododendron und Säulenwacholder,
ihre breiten, behatonsteingepflasterten Garageneinfahrten, ihre Versionen
von Haustüren und Gartenzäunen, ihre Glasbausteinfassaden und
rustikalen Balkonbrüstungen mußten nicht von hier beschrieben
werden, wenn das alles nicht den hier nur einmal vorhandenen Platz einnähme.
Wenn nicht aus diesen Häusern wieder Kinder in diese Schule gingen,
die aus dem einstigen Hinterland vor dem Hinterland mitten hinein verlegt
worden ist in weitere Projekte, die so eine Gegend nicht altern lassen wie
die Leute, die in ihr herangewachsen sind.
Doch der permanente
Angriff auf die äußere Natur läßt auch die innere
nicht unversehrt; deren Deformation äußert sich in immer wieder
reproduzierten Widerwärtigkeiten an der Front des Fortschritts von
Kommerz und Konsum, die quer durchs Siegtal und seine Bewohner verläuft.
Wo die feindlichen Linien durchbrechen?
Jahr für Jahr ein
Klassentreffen inmitten und doch abseits der gewalttätigen Vorgänge
hier. Fünfundzwanzig Jahre, das Später im fortgeschrittenen Prozeß
"Grund genug zum Wiedersehen und Feiern"?
Auf eine Mauer nahe
am Ausgang des Hofs haben Schüler große farbige Landschaften
gemalt. Nur eine davon zeigt grau in grau eine Straße zwischen tristen
Häuserblocks geradlinig ins Endlose auslaufend. Oder geradlinig aus
dem Endlosen auf mich zukommend? Die Flucht nach vorn, das ersehnte Glück
in der Ferne, zurückgeworfen aus einer Topographie, von der man nicht
mehr so genau weiß, wo vorn und wo hinten ist.
Es läßt sich
nicht mehr so leicht von Glück reden nach der ersten Zukunft. Das Wort
sieht in der Tat alt aus; in Knaurs neuem Lexikon kommt es als Stichwort
für sich nicht mehr vor, anders als das ausführlich behandelte
Wort Fortschritt, das vor allem in Gegenden wie hier seinen verfänglich
weitläufigen Schein wahrt,
Zwar hat die Ferne mittlerweile
zwei Seiten bekommen; das Wort leuchtet nicht mehr so hell ein, hat keine
so offenen Züge mehr, nachdem der Blick von der anderen Seite auf die
Entfernung der Nähe fällt. Aber in der Ambivalenz vielleicht doch
auch vorenthalten das, was die Geschichte hier am Ort zu wünschen übrig
ließ. Unbestimmte Vorstellungen von Veränderungen, die notwendig
sind, aber nicht notwendig so, wie sie sind. Von etwas, das sich, statt
aus der Erinnerung, in der Erwartung in kleine Worte fassen läßt:
das, was noch nicht ist, aber werden sollte. Ansätze zu etwas, das
allen in die Kindheit zu scheinen scheint; worin aber - wie es im "Prinzip
Hoffnung" heißt - bisher noch niemand war: "Heimat", der "heimliche
Grund", der "ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie"
bewohnbar wäre. Wie weit entfernt solche Verhältnisse? Diesmal
in der anderen Richtung der Zeit und nicht auf einer Linie mit dem, was
sich hier über die Köpfe und die Eigenart der Landschaft hinweg
durchgesetzt hat.
Was habe ich verloren
in diesem Siegerland, ohne es bewußt zu vermissen? Und was wäre
zu gewinnen in noch nicht entfalteten Beziehungen zu der Umgebung, von der
sich die Sinne beim Aufwachsen entfernt, "frei" gemacht haben? Nur schwach
heimleuchtend noch das Frühlicht, so vielmal gebrochen in Erfahrung,
Erwartung und Erinnerung.
Wieder eine mögliche
Geschichte hier im Stich lassend, wieder einem Wiedersehen zuvorgekommen
als hätte es stattgefunden, bewege ich mich unschlüssig überstürzt
auf den Ausgang zu.
Der Weg vom Schulhof
zur Straße hinunter ist verbreitert und asphaltiert. An der unübersichtlichen
Einmündung ein Rückspiegel, darin unablässig Auto nach Auto
auftaucht und verschwindet. Endlich läßt sich die Fahrbahn überqueren.
Bahnen, Straßen, Verbindungen zur Ferne durch blockierende Verbänderung
der Nähe. Wo sich die basaltgepflasterte Koblenz-Olper Provinzialstraße
in die Enge des Siegtals gefügt hatte, drückt jetzt das breite,
dreispurige Asphaltband der Bundesstraße 62 Fluß und Berg beiseite.
Rechtsabbieger Köln. Linksabbieger Frankfurt. Unverfehlbar ausgeschildert
hoch oben am grauen, kantigen Gerüst die Fernstrecken für die
Autofahrer.
Fußgänger
von der Einmündung in den Ort wie weggefegt; hinein, hinunter in die
Unterführung längs der kanalisierten Sieg, unter der Autobrücke
hindurch, die sich in weit ausladendem Bogen über die Ufer, den Fluß
und die Bahn hinwegschwingt.
Anfang der siebziger
Jahre wurde die kleine Stadt an der Sieg zum Bundesausbauort erklärt.
Das bedeutete "Sanierung des Ortskerns" und Ausbau der Straßen im
Raster des bundesweiten Fernverkehrs. "Eine von der Eisenbahn geprägte
Gemeinde legt ihre eisernen Fesseln ab.... Eine Stadt beginnt, ihr Gesicht
zum Wohl der Allgemeinheit zu verändern", sagte der Bürgermeister
bei der Einweihung der großspurigen Verkehrsbauten am neuen Konrad-Adenauer-Platz,
der selbst als "Jahrhundertbauwerk" den Fluß in der Ortsmitte überspannt.
Wendeltreppe
und Rampen bringen die Fußgänger über Fluß, Bahn und
Straße ans andere Ufer, direkt zum AKA City-Kaufhaus an der Stelle,
wo früher hinter der "Glück-auf-Schranke" der goldene Löwe
über der Apothekentür lag. Dort gibt es heute alles das, was es
früher auch in Siegen nicht gab. Mit neuen Sachen entstehen fortwährend
neue Wünsche und Sehnsüchte, die vorherige oder gleichzeitige
durchkreuzen.
"Betzdorf in alten Ansichten",
die reproduzierte Postkartensammlung im Schaufenster der Buchhandlung am
neuen Busbahnhof. Daneben "Betzdorf, junge Stadt an Sieg und Heller"
mit diesem Busbahnhof im Titelbild, der seit ein paar Jahren die Stelle,
an der die Heller in die Sieg mündet, verdeckt. Das Romantische der
alten Flußufer zwar in Bildern festgehalten; aber das steht im einzelnen,
ausschnittsweise, auf einem anderen Blatt, unterdes im ganzen Innovation
und Restauration auf eine Karte gesetzt worden sind von den Siegern in diesem
Land.
Langsam rollt der Zug
aus dem Bahnhof am neuen Konrad-Adenauer-Platz vorbei nordwärts durchs
Siegtal zurück. "Sweet Lady Disco Grill" ist das letzte, was ich beim
Abschied von Betzdorf lese.
Wo das Tal am engsten
ist, leuchtet vom Hang gegenüber kein rotes Haus mehr aus grünem
Gebüsch und weißblühenden Bäumen, läßt sich
kein Winken weißer Tücher mehr sehen. Hinter dicht beraubten
Baumkronen ist die Innenwelt von Haus und Garten vollständig verschwunden.
Vorbei
an den unbeschriebenen Seiten dieser Landschaft fährt der Zug die Pendler
zu ihren Arbeitsplätzen. Drössler Beton-Fertigteile. Schallex.
Reprotechnik. Rostfrei Stahl. Zwischen der Werbung für das neue Erzquell-Pils
die alte Reklame für Siegtal-Bier auch schon beinahe nostalgisch.
Bei Eiserfeld hat die
Sieg ihr altes Flußbett an ein neues Gewerbegebiet verloren. Zwischen
den Niederlagen von Baustoffe- und Getränkefirmen kein Wiesengrund,
keine schöne bunte Kuh, keine Sauerrampferröte mehr, und Mohnblumen
schwinden schon aus dem Gedächtnis. Das allmähliche Gegenstandsloswerden
der Sätze über eine Kindheitsgegend, dem das Verschwinden der
zugehörigen Wörter folgt.
Hüttental-Weidenau
- umsteigen in die schnelleren Züge des Fernverkehrs. Auftauchend aus
dem Geisbergtunnel wie nach einer Nacht, in der man vergißt, daß
man vergißt, schreibe ich mich südwärts dem Schwabenland
zu.
Aber bei aller Entfernung
vom Siegerland verliert mich das Siebengebirge nicht aus dem Blick. Vom
Schreibtisch in Ulm aus betrachtet, übersteigt es sich bei klarem
Wetter hinter blau in blau fließendem Hügelland bis zur Höhe
der Alpen hin. So setzt sie sich fort, die fern angrenzende Nachbarschaft;
Satz und Gegensatz von einer Kindheitsgegend ineins.
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