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Fritz Stenger und die Betzdorfer Schule

(Kurze Zusammenfassung des "Falls", Juli 2000, Fußnote 2 Juni 2001)

Der Schulgründer, Fritz Stenger (1862-1939), ein konservativer Protestant, wehrte sich 1912 in einem ausführlichen Brief an die Schriftleitung des ,Wächters` (s. Jg.22, Nr.3) gegen die liberalere politische Richtung, die ihm das Organ des ,Rheinischen Hauptvereins des Evangelischen Bundes` (Auflage 45000), einzuschlagen schien. Die Nationalliberalen seien ein unsicherer Partner für ,unsere Interessen`, meinte das Vorstandsmitglied aus Betzdorf:

"Die Nationalliberalen bleiben lieber im Bunde mit dem Freisinn, der wieder seinerseits mit der Sozialdemokratie eng verschwistert, ja im Grunde kaum noch von ihr zu unterscheiden ist, wobei das Judentum den Treiber spielt."

Diese, teils auf politische Beobachtungen, teils auf Wahnvorstellungen sich gründende Äusserung Stengers lag ganz auf der Linie Adolf Stöckers (1835-1909), des langjährigen Abgeordneten im heimatlichen Wahlbezirk (Stenger war als Pfarrerssohn in Röttgen/Siegen aufgewachsen), des Berliner Hofpredigers und Organisators (paternalistisch-) sozialer Dienste der protestantischen Kirche, der zugleich ein schrecklicher und leider sehr einflußreicher Ideologe und Propagandist des Antisemitismus im Kaiserreich war.

Fritz Stenger war im Rang eines Hauptmanns von 1914 bis 1916 freiwillig mobilisiert. Er verlor 1918 seinen einzigen Sohn. Nach der Revolution war er, wie allzuviele Deutsche, nicht bereit, die Regeln der Republik zu respektieren, geschweige, die Weimarer Verfassung zu begrüßen. Er legte, wie viele Beamte, dennoch den Beamteneid ab und blieb Direktor,seiner` Schule. (Die neue Regierung versuchte, Leuten wie ihm goldene Brücken in den Ruhestand zu bauen. Am Fall Stengers läßt sich die politische Problematik solchen Entgegenkommens exemplarisch aufzeigen).

Die Verfassungsfeindlichkeit in der Betzdorfer Schule hatte karrikaturale Züge, der Direktor flaggte schwarz-weiß-rot aus Anlaß von Kapps Putschversuch (1920), ließ ,Kaisers Geburtstag` weiter feiern und zur Verfassungsfeier am 11. August, wenn er sie nicht gar ausfallen ließ, anstelle der Nationalhymmne "Ich bin ein Preuße ..." singen. In Anbetracht der vielen Feinde der Republik und mit Blick auf die Zukunft des Rechtsbewußtseins in Staat und Gesellschaft waren seine Berufsauffassung und seine Amtsführung nicht harmlos. Anzumerken ist, daß er sich ohne offene Sympathien in Verwaltung und Presse wohl nicht hätte durchsetzen können. Überregionale, republikanische Zeitungen brachten die Zustände in Betzdorf (und in der Schulaufsicht im Kreis Altenkirchen) manchmal kritisch zur Sprache (so die ,Vossische` in ihrer Beilage vom 20.8.1925 oder später das Berliner Tageblatt vom 24.11.1926), während die Betzdorfer Zeitung (E.A. Böckelmann) Fritz Stengers ablehnenden Umgang mit Verfassung, Mitbestimmung, Schulreform ohne Vorbehalt unterstützte.

Als das 25-jährige Bestehen des Realgymnasiums im Juli 1926 festlich begangen wurde, berichtete die Kölner Rheinische Zeitung (SPD) unter dem 29.7. mit der Überschrift "Eine schwarzweißrote Jubiläumsfeier in Betzdorf". Fritz Stengers Festschrift zeugt von Verherrlichung des Krieges und von patriotisch-wilhelminischer Voreingenommenheit. Maßstäbe setzte hier nicht der neue, sondern der alte Staat. Da erst wehrte sich die Demokratie. Der Kultusminister brachte eine Voruntersuchung auf den Weg, die über Schule und Elternversammlung hinaus in Betzdorf zu großer Aufregung führte[1]. Die Betzdorfer Zeitung (18.11.1926) suggerierte ihrer Leserschaft ,hellodernde Entrüstung`, nicht ohne die Erinnerung an das ,glanzvolle Jubelfest in diesem Sommer, das ein einziges Zeugnis von verdienstvollem Wirken eines Schulmannes... war`. Ähnlich wohl die Altenkirchener Zeitung, jedenfalls titelte das Berliner Tageblatt unter dem 24. November ,Ein Kreisblatt, das die Republik beschimpft`. Die Siegblätter (Zentrumspartei) vom 23.11. 1926 zeigten mehr Format, setzten sich kritisch mit der Berichterstattung der Kollegen der ,Betzdorfer` auseinander und mahnten die ,vornehmste journalistische Pflicht` an, in das schwebende Verfahren nicht einzugreifen.

Unter dem 28. August 1928 schrieb Staatsekretär Lammers im Preußischen Kultusministerium dem Landtagsabgeordneten Theodor Bohner (DDP, Oberstudiendirektor Magdeburg) auf Anfrage:

"Nach dem Ergebnis der Voruntersuchung hat Studiendirektor Stenger in Betzdorf/Sieg sich in den Jahren 1919 bis 1926 einer Reihe von Amtspflichtverletzungen schuldig gemacht, die in ihrer Gesamtheit an sich die Fortführung des Verfahrens mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amte gerechtfertigt hätten. Stenger war aber vor Abschluss des Verfahrens auf Grund des Altersgrenzengesetzes mit dem 30 September 1927 in den Ruhestand getreten. In der Erwägung, daß seine Verfehlungen lediglich die Aberkennung des Anspruches auf Ruhegehalt nicht rechtfertigen würden, habe ich damals davon abgesehen, das Verfahren weiter fortzuführen, und es durch Beschluß vom 31. März 1928 eingestellt."

So verschwand das Verfahren im ,Fall Stenger` ohne weiteres Aufsehen in der Vergangenheit[2], was sich über die Schatten, die auf der Schule lagen, leider so einfach nicht sagen läßt.


[1]Fritz Stenger stand in der Öffentlichkeit als Kreisvorsitzender der Deutsch Nationalen Vokspartei (DNVP). Nachdem öffentliche Anfragen und Beschwerden (Republikanische Beschwerdestelle, Kreistag Altenkirchen) auch eine Nachfrage des Ministers) das Provinzialschulkollegium zu keinem sichtbaren Akt veranlaßt hatten, und im Kuratorium das neue Mitglied Jakob Daum (Deutsche Demokratische Partei (DDP)) von Fritz Stenger Rechenschaft verlangt hatte, sah Theodor Bohner, Schulmann und Abgeordneter (DDP) im Unterrichtsausschuss des preußischen Landtags, sich veranlaßt, das Ministerium noch einmal zu unterrichten. Es kam zur Voruntersuchung. Die Festschrift zum Schuljubiläum 1926 brachte das Maß zum Überlaufen. Daum hatte sie dem Parteifreund geschickt, aber ausdrücklich keine Anzeige gewünscht. Alfred Dinkelacker, der im Kollegium seit Jahren Stenger - ziemlich allein gelassen - gegenübergetreten war, konnte noch weniger, ein Jahr vor Stengers Pensionierung, an einem Eklat interessiert sein. Weder in der Schule, noch in der Öffentlichkeit, in der er politisch als Kreisvorsitzender der (nach Stimmen gänzlich unbedeutenden) DDP in Erscheinung trat. Maßgebliche Teile der lokalen Öffentlichkeit folgten Stenger, dessen Verteidigung darin bestand, Dinkelacker als unqualifizierten Kritiker seiner Amtsführung hinzustellen. Die DNVP unterstützte ihren Funktionär mit einer KLeinen Anfrage im Landtag zum Vorgehen des Ministers. Es wäre jedoch schief 'politische' Gründe für das Verfahren zu suchen. Es sei denn, man fasse den Begriff Politik so weit, das Pädagogik und gesellschaftlicher Umgang miteinander dazugehören.

[2] Nicht ganz: Fünf Jahre später, unter dem 9. 9. 1933, konnte die Betzdorfer Zeitung, mit dem Titel ,Das Unrecht an Studiendirektor Stenger gesühnt`, einen ,E.B.` gezeichneten Aufsatz der ,Volkswacht` abdrucken, der seinen Anlaß darin hatte, daß "der Herr Minister für Kunst und Volksbildung in einem besonderen Erlaß die Rehabilitierung des Herrn Studiendirektors Stenger ausgesprochen" hatte. Der Rechtsstaat hatte verloren. In der Sprache der Diktatur hatte "die Meute der Novemberlinge" das Verfahren gegen Stenger ins Werk gesetzt (Die ,Weimarer` Parteien DDP, SPD und Zentrum standen zur Novemberrevolution von 1918). In der Tat, die Demokratie hatte versucht, sich zu wehren, - das wird heute niemand mehr so einfach abtun wollen?

 

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