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ZUR EINLEITUNG

Jahrgang 1895

Einbrüche und Aufbrüche im gesellschaftlichen und politischen Leben bestimmen die individuelle Entwicklung in verschiedenen Altersgruppen der Frauen und Männer unterschiedlich. Das Jugendalter, die Adoleszenz, die 'Teenager-'Phase gilt als die Zeit, in der mit emphatischen Potentialen auch soziale und politische Horizonte fixiert werden; mithin überträgt sich die gesellschaftliche Verfassung, die sehr vielfältig relativ fest gefügte und beweglichere Perioden, Zusammenbrüche und Neuaufbau von Ordnungen und Verhältnissen auf den verschiedenen Ebenen aufweist, auch in Dispositionen der verschiedenen Altersgruppen und Generationen. Wenn jemand um 1895 in Westeuropa geboren wurde, erlebte er mehr oder weniger eine Jugendzeit der relativen 'Ruhe vor dem Sturm', während im russisch-zaristischen Herrschaftsbereich Krieg, Pogrome und die Revolution von 1905 größere Teile der Gesellschaft in Atem hielten.

In Westeuropa bildeten koloniale Expansion nach außen und politischer Druck der Arbeiterbewegung im Inneren politische Horizonte. Während in Frankreich die bürgerliche Gesellschaft sich von 1894 bis 1906 über die 'Affaire Dreyfus' polarisierte und Reformen auf den Weg brachte[1], waren der politischen Liberalität im kaiserlichen Deutschland obrigkeitsstaatliche Grenzen gesetzt, wie sie etwa im Fall des Physikers Leo Arons 1900 zum Ausdruck kamen[2].

In immer weiteren Kreisen vermittelte die 'Frauenfrage' eine auf den ersten Blick für jugendliche Frauen und Männer unterschiedliche Wahrnehmung der gesellschaftlichen Perspektiven, vor allem für die besser situierten. Die Vorkriegs-'Jugendbewegung' in Preußen-Deutschland spiegelte einerseits eine relative Unbeschwertheit großer Teile der Jungen wider, andererseits, getragen von weitgehend asketischen Idealen, ihren Gestaltungswillen angesichts der Verzögerung von politischen, sozialen und kulturellen Reformen im Industrialisierungsprozeß. Ziemlich mühelos ließ sich offenbar die Begeisterung für innere Umgestaltung des Vaterlandes und der Mitmenschen umlenken in wahnhafte Hingabe an ihre angebliche Verteidigung. Vom Treffen auf dem Hohen Meissner (Oktober 1913) zur Mobilmachung verging nicht einmal ein Jahr.

Hans Kopfermann (1895-1963), Physiker, teilte seine Altersgruppe mit den Physikern Charles Ellis, Boris Gessen, Pjotr Kapiza, Igor Tamm; mit der Physikerin Hertha Sponer; mit Paul Hindemith, Musiker, Walter Hückel, Chemiker, Carl Ludwig Siegel, Mathematiker, Norbert Wiener, 'Kybernetiker'; mit André Breton, Dichter, Max Horkheimer, Soziologe, Aldous Huxley, Publizist, Alfred Kinsey, Sexologe, Anna Freud, Psychoanalytikerin, Kurt Schumacher, Politiker; mit Zeitgenossen, von denen noch die Rede sein wird[3].

Fünf Jahre früher geborene hatten bei Kriegsbeginn einen festeren Stand im Berufs- und im sozialen Leben; die fünf oder sechs Jahre später geborenen waren zu jung 'für die Front', wurden - ganz anders als die älteren - von einer Gesellschaft in Kriegs- und Revolutionszuständen geprägt.

Einige der oben genannten zählen, wenn man den fragwürdigen Titel eines mehrbändigen, 1978 erschienenen Werks wörtlich nimmt, zu den "Großen der Weltgeschichte". Nicht so Hans Kopfermann. In Charles Gillispie's einschlägigem "Dictionary of Scientific Biography" wird er nur einmal erwähnt, im Zusammenhang mit Rudolf Ladenburg (1882-1951). Demnach wäre er kein besonders "bedeutender" Physiker. Über die ersten Messungen der "anomalen Dispersion am Neon", der "Isotopieverschiebung an Bleiisotopen", des "Kernvolumeneffekts" und des `Quadrupoleffekts', über zahlreiche "Hyperfeinstruktur"-Bestimmungen mit optischen und später hochfrequenzspektrokopischen Methoden, über "Kernmomente", über "Radialschwingungen" in einer "Elektronenschleuder" wird heute kaum noch gesprochen.

Doch hat Otto Haxel dem älteren Freund und Kollegen in der `Neuen Deutschen Biographie' eine Spalte gewidmet[4] . Und zur 'Geschichte', auch zur `Wissenschaftsgeschichte', die sich weder als Litanei preisgekrönter Arbeiten noch als Erinnerung in korporativen 'Familienangelegenheiten' anläßlich von Festen und Jahrestagen darstellt, und die sich auch nicht nur aus biographischen Wörterbüchern speisen kann, trägt nun einmal jede Person bei, wenn es gelingt, im (kollektiven) Gedächtnis und in den Dokumenten ein 'historisches Moment' an ihr oder mit ihr auszumachen. Geschichte ist ein Kunststück das - vornehmlich in Erzählungen, Bildern und Texten - aus Vergangenheiten gemacht wird.

Als Kopfermann geboren wurde spiegelte sich bald danach der Zeitgeist in einem musikalischen Ereignis. 'La Bohème', in Vertonungen von Giacomo Puccini 1896 und von Ruggero Leoncavallo 1897 nach einem 'Kultroman' von Henri Murger (geschrieben 1847-49) bedeutete die gleich doppelte Aufnahme eines Versatzstücks bürgerlicher Utopie in das repräsentative Medium der gehobenen Mittelschichten, die Oper. Als unwirkliche Alternative zum militärisch aristokratischen Lebensstil stellten sich Intellektualität und 'künstlerische Freiheit' in schiefer Verbindung mit romantisch-heroischer Armut dar. Jungen Köpfen, denen die bürgerliche Perspektive im deutschen Kaiserreich vor allem als die spießbürgerliche erschien, konnte, besonders in Leoncavallos Bearbeitung, die politische Virulenz solch ironischer Gefühle für die 'Kulturschaffenden' nicht entgehen, und der Publikumserfolg scheint die Aktualität des Themas zu bezeugen.


[1]Vgl. Shulamit Volkov, "Le texte et la parole: de l'antisémitisme d'avant 1914 à l'antisémitisme nazi" in Colloque de l'EHESS, L'Allemagne nazie et le génocide juif, Paris, Seul, 1985, S.91

[2]Obwohl sich Universität, Kollegen und viele Intellektuelle für Leo Arons (1860-1919) aussprachen, wurde ihm wegen seiner staatsbürgerlichen Parteinahme für die Sozialdemokratie die Berufsausübung an der Hochschule verboten und ein Präzedenzfall geschaffen ('Lex Arons').

[3]Beinahe Altersgenossen (Jahrgänge 1893-1898) waren unter anderen Louis de Broglie, Arthur Compton, John Cockroft, Leopold Infeld, Irène Joliot-Curie, Hartmut Kallmann, Boris Rajewski, George P. Thomson, Warren Weaver. Lauter Namen, die im `fachlichen' Zusammenhang mit Kopfermann vertraut klingen mögen. Ein Blick in das Register des `Dictionary of Scientific Biography lehrt, wie fortgeschritten die Spezialisierung war, und wie beliebig sich die Liste durch sehr bekannte Namen aus benachbarten, sich überschneidenden Arbeitsgebieten erweitern ließe: Walther Baade, N. Edlefsen, Lester Germer, W.F. Giauque, Ronald Gurney, A.J. Khintchin, Georges Lemaître, Bertil Lindblad.

[4]Neue Deutsche Biographie (NDB) 1979

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