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Polyphonie der Bilder, Bücher, Lexika und Archivalien

Schriftstücke, Bilder, Bücher, Materialien, Archivalien. In Aktenordnern und Pappkartons, in Lesesälen, Archiven und Bibliotheken, in privaten Umgebungen. Wie Instrumentenklänge vor dem Konzert das ein oder andere hier zur Einstimmung. Vor einem Konzert nach Noten von Arbeits- und Lebensverhältnissen. Lektüren kleinerer und größerer Komplexität, die sich gegen schnelle Einschätzungen sperren und vorgefaßte Fragen abzuwandeln zwingen.

Das älteste deutschsprachige bio-bibliographische Lexikon der Naturwissenschaften geht auf Johann Christian Poggendorff (1796-1877) zurück, den Kollegen von Heinrich Gustav Magnus (1802-1870) und Eilhard Mitscherlich (1794-1863) in Preußens Hauptstadt Berlin. Der war zugleich der Gründer der 'Annalen der Physik und Chemie', eines über ein Jahrhundert maßgeblichen Organs, insbesondere der Physik, dessen Herausgabe auch einmal ein Jahrzehnt bei Hans Kopfermann lag. 'J.C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch' verzeichnete in der (vorläufig) letzten Neuausgabe (1958) für die 'Berichtsjahre' 1932 bis 1953:

"Kopfermann, Hans. Physik. - 1932 Privatdozent Berlin; '37 außerplanmäßiger Professor Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg; '37 ordentlicher Professor Universität Kiel; '42 Universität Göttingen; '53 ordentlicher Professor und Direktor des I. Physikalischen Instituts. Universität Heidelberg. [ohne eigene Mitteilung] geb. 1895, Apr. 26, Breckenheim/Wiesbaden. Bildnis Ruperto Carola[1] 5 ('53) Nr.11/12, 17. Herausgeber: Naturwissenschaft und Medizin in Deutschland 1939-46, 12 (Weinheim, '53)[2]; Mitherausgeber der Zeitschrift Annalen der Physik (6) 10 ('52) ff.; Beiträge zu Sammelwerken, Handbüchern, Festschriften: Festschrift zur Feier des 200-jährigen Bestehens der Akademie der Wissenschaften Göttingen 1, Mathematisch-Physikalische Klasse, (Berlin -Göttingen-Heidelberg '51) 17-49: Neuere Ergebnisse zum Isotopieverschiebungseffekt in den Atomspektren (mit P. Brix). - Zahlenwerte und Funktionen (Landolt-Börnstein) 1,5 (Berlin Göttingen Heidelberg '52) 1-69: Hyperfeinstruktur der Atomkerne u. Atomlinien (mit P. Brix). Werke (Bücher): Kernmomente (Leipzig '40) 16+270 Seiten; 2te Frankfurt/Main '56) 16+458 Seiten (Physik und Chemie in Einzeldarstellungen 4)."

Es folgen die bis 1953 erschienenen Beiträge in Zeitschriften:

Annalen der Physik (2: Friedrich Paschen gestorben (Zusammen mit Werner Heisenberg, Max von Laue und Robert Pohl): (6) 1 ('47) 137f. - Theorie der Radialschwingungen der Elektronen in einer Elektronenschleuder ( mit Helmut Jahn): 6 ('49) 305-20). Ergebnisse der exakten Naturwissenschaften (2: Bestimmung von Kernmomenten mit Hilfe der Molekularstrahlmethode: 15 ('36) 229-61. - Elektronenschleuder 22 ('49) 13-72) Nachrichten der Akademie der Wissenschaften Göttingen (2a) (4 zwischen 1946 und 1953) Die Naturwissenschaften (6 kurze Mitteilungen zwischen 1933 und 1950, davon die späteren 4 in Koautorschaft mit anderen) Physical Review (1: Magic numbers and the isotope shift in atomic spectra of heavy elements (mit Peter Brix) (2) 85 ('52) 1050f. Physikalische Blätter (1: K. Gund gestorben, 9 1953 416f.) Zeitschrift für Physik (24 spektroskopische Arbeiten zwischen 1932 und 1952 (ab 1933 mit einer oder einem anderen), davon zwischen 1939 und 1945: Eine Methode zur Beobachtung sehr kleiner Stark-Effekte (mit Ludolf Jenkel), 117, '41 145-55; Stark-Effekt der Strontium I-Resonanzlinie Lambda = 4607 Angström (mit Christian Otzen), daselbst, 156-67; Inverser Stark-Effekt der D-Linien des Natriums (mit Wolfgang Paul) 120 ('43) 545-52; Trennung der Thalliumisotope 2 (mit Wilhelm Walcher) 122 ('44) 465-70 Zeitschrift für Technische Physik (1: Mechanisches Moment des Strontium 87 Kernes und die Radioaktivität des Rubidium 87 (mit Maria Heyden), 18 ('37) 534f.) Der 'Poggendorff' faßt die Mitautoren in Endnoten des Eintrags zusammen: Peter Brix, Haro von Buttlar, Maria Heyden, Fritz G. Houtermans, Helmut Jahn, Barbara Jaeckel, Ludolf Jenkel, Karl Krebs, Hubert Krüger, Dietrich Meyer, Hermann Öhlmann, Christian Otzen, Wolfgang Paul, Ebbe Rasmussen, Eva Rindal, Wolfgang von Siemens, Wilhelm Walcher, N. Wieth Knudsen, Heinz Wittke, Andreas Steudel, Günter Wessel. Und, zum Nekrolog für Friedrich Paschen: Werner Heisenberg, Max v. Laue, Robert Wichard Pohl.

Die Aufstellung ist unvollständig; ohne ersichtlichen Grund fehlen: ein Beitrag "Die Vertreter der Physik und Astronomie an der Universität Kiel" in Paul Ritterbusch, Hanns Löhr, Otto Scheel, Gottfried Ernst Hoffmann (Hg. im Auftrag der wissenschaftlichen Akademie des NS-Deutschen Dozentenbundes der Christian Albrechts Universität), Festschrift zum 275-jährigen Bestehen der Christian Albrecht Universität Kiel Leipzig (Hirzel), 1940, 344-49; ein Hauptbeitrag in Die Naturwissenschaften 29, 1941: "Magnetische Dipolstrahlung und Kernmomente" (2 Teile); ein Nekrolog: "Rudolf Ladenburg", Die Naturwissenschaften 13, 1952, 289-290; und ein Beitrag "Zum 70. Geburtstag von James Franck", Physikalische Blätter 8 ('52), 411.

Die Dissertation "Über sensibilisierte Fluoreszens von Blei- und Wismutdampf" war 1924 in der Zeitschrift für Physik erschienen, und der Niederschlag der ersten (in der früheren Ausgabe des 'Poggendorff' referierten) Berufsjahre 1924-1931 begann mit "Elektrische Untersuchungen am Natriumdampf (Anomale elektrische Doppelbrechung, Stark-Effekt an der Resonanzlinie)", als Koautor von Rudolf Ladenburg 1925 in den Annalen. In Fortsetzung erschienen zwischen 1925 und 1930 fünf Arbeiten der beiden Autoren - abgesehen von vorangegangenen Mitteilungen in den Sitzungsberichten der Preußischen Akademie - als "Untersuchungen zur Anomalen Dispersion angeregter Gase" in der Zeitschrift für Physik, davon eine zusammen mit Agathe Carst. Einen Höhepunkt stellte die ebenfalls gemeinsame Publikation zum experimentellen Nachweis der negativen Disperion im Sammelband zu Fritz Habers 60tem Geburtstag dar[3]. Kopfermann und W. Tietze publizierten 1929 in der Zeitschrift für Physik "Die Linienabsorption des Quecksilberdampfes für die Linie 2537 A" , Kopfermann und H. Schweitzer daselbst 1930 "Über ein Bandensystem des zweiatomigen Kohledampfes". In einer letzten Arbeit mit Rudolf Ladenburg 1931 in den Naturwissenschaften ging es um das statistische Gleichgewicht in der positiven Säule von Gasentladungen. Zwei kurze Mitteilungen in den Naturwissenschaften 1931 belegen den Übergang zu einem neuen Arbeitsgebiet: "Über den Kerndrehimpuls der Bleiisotope" und "Über die Kernmomente von Caesium und Blei".

Eine Liste der gesamten wissenschaftliche Produktion, auch der späteren Lebensjahre (1954 bis 1963) hat Karl Heinz Lindenberger zusammengestellt. Sie erschien im Anschluß an eine posthume Würdigung Kopfermanns durch Victor Weisskopf in Nuclear Physics 52, 1964, 177-88. Kopfermann publizierte, abgesehen von der zweiten Auflage der Kernmomente 1956, die in englischer Übersetzung durch Erich Schneider 1958 erschien, Vorträge: "Über den heutigen Stand der Kernmomentenforschung" 1954 (DPG-Tagung Hamburg), "Nuclear properties obtained from high resolution atomic spectroscopy" 1954 (Rydberg-Centennial Conference Lund), "Die Bedeutung der Atomstrahlresonanzmethode für die Atomspektroskopie" 1961 (DPG-Tagung Wien), sowie einen weiteren Konferenzbeitrag, der in Übersetzung 1956 im Journal de Physique et du Radium erschien: "La résonance quadripolaire nucléaire". Für ein fachfremdes Publikum druckte die Strahlentherapie 1959 "Über Größe und Gestalt der Atomkerne" und in den Heidelberger Jahrbüchern 1960 schrieb Kopfermann einen kurzen Abriß "Zur Geschichte der Heidelberger Physik seit 1945". Die Zusammenstellung weist ab 1954 21 Arbeiten auf, in denen Kopfermanns Namen neben anderen erscheint, sämtlich in den Naturwissenschaften und in der Zeitschrift für Physik, bis auf "Isotope shift studies of nuclei", einen abschließenden Artikel, den Peter Brix für die Review of Modern Physics verfaßte. Koautoren der optischen, Atomstrahl- und Doppelresonanzmessungen waren: H. Bucka, D. v. Ehrenstein, G. Fricke, L. Goodman, G. Guthöhrlein, L. Krüger, M. Minor, J. Ney, G. Nöldeke, E. Otten, S. Penselin, G. zu Putlitz, A. Steudel, H. Thulke, J. Trier[4].

* * *

In der Personalakte Kopfermann bewahrt das Universitätsarchiv Göttingen den folgenden, maschinegeschriebenen und unterzeichneten 'Lebenslauf'. Er ist undatiert[5], jedoch unschwer als der des etwa 40 jährigen zu erkennen:

"Ich bin als Sohn des Pfarrers Anton Kopfermann am 26.4. 1895 in Breckenheim (Kreis Wiesbaden) geboren. Nach bestandenem Abiturientenexamen an dem Realgymnasium in Bonn (1913) besuchte ich die Universitäten Erlangen und Berlin, um Mathematik und Physik zu studieren. Im August 1914 trat ich als Kriegsfreiwilliger in den Heeresdienst, machte mit dem 19. bayrischen Infanterieregiment den Krieg an der Westfront mit und wurde im Januar 1919 als Leutnant der Reserve aus dem Heeresdienst entlassen. Nachdem ich mein Studium in Erlangen wieder aufgenommen hatte, beteiligte ich mich im Frühjahr 1919 als Angehöriger des Freikorps Epp an den Kämpfen in München. Von Januar 1920 an studierte ich in Göttingen, bestand dort vor dem Wissenschaftlichen Prüfungsamt das Staatsexamen für höhere Schulen in den Fächern Mathematik, Physik und Erdkunde und promovierte im November 1923 mit einer Arbeit "Über sensibilisierte Fluoreszenz von Blei- und Wismutdampf". Ostern 1924 wurde ich Assistent von Herrn Professor Ladenburg am Kaiser Wilhelm Institut für physikalische Chemie in Berlin-Dahlem. Seit 1929 habe ich an demselben Institut selbständige wissenschaftliche Untersuchungen auf dem Gebiet der Optik gemacht. Ich habilitierte mich an der Berliner Universität im Juni 1932 mit einer Arbeit über "Die Kernmomente der drei Bleiisotope". Von Herbst 1932 bis November 1933 war ich auf ein Rockefeller Stipendium im Institut von Professor Niels Bohr in Kopenhagen. Seit 1. November 1933 bin ich Oberassistent am Physikalischen Institut der Technischen Hochschule Charlottenburg. Ich bin seit 1925 verheiratet."

Die Namen Rudolf Ladenburg und Niels Bohr kennzeichneten die wissenschaftliche 'Herkunft' des Kandidaten nur zum Teil; unter anderen politischen Umständen wäre auch James Franck, vielleicht auch Fritz Haber, von ihm genannt worden. Offiziersrang und Freikorpsmitgliedschaft konnten unter damaligen Umständen als berufliche Qualifikationsmerkmale gelten. Tatsächlich war der erste Weltkrieg wohl so prägend für ihn wie er das für viele war. Spätere `Lebensläufe' fehlen. Persönliche Aufzeichnungen liegen in einem polykopierten Manuskript, 'Anfang der Lebenserinnerungen', zu Jugend- und Kriegsjahren vor. Auch in manchen erhaltenen Briefen, in denen er ungezwungen und lebendig schrieb, wenn auch, wie es scheint, nicht gerade häufig.

Das bayrische Kriegsarchiv in der Münchener Leonrod-Straße, gerade gegenüber dem Institut für Zeitgeschichte, verwahrt im Personalakt des Leutnants der Reserve u. a. einen 'Auszug aus der Kriegs-Stammrolle'. Das Formular verlangte Angaben zur Erscheinung:

"Größe: 180 cm, schlank; Kinn: gew.: Nase: gew.; Mund: gew.; Haar: blond; Bart: Anflug; Besondere Kennzeichen: keine". Weiter wurde vermerkt: "27.7.15: durch Mine linke Stirnseite leicht verwundet"; und unter 'Strafbuchauszug' nur (von Hauptmann Burger, Erlangen, eingetragen): "8.3.16 bis 16.3.16 Kaserne, Arrest, weil er zu spät zum Dienst angetreten ist". Als er am 2.Juni 1915 zum Gefreiten und am darauffolgenden 17. August zum Unteroffizier befördert wurde, erklärte er sich noch im gleichen Monat einverstanden mit der Wahl zum Reserve-Offiziers-Aspiranten und gab als Referenzen (auch über häusliche Verhältnisse) den Geheimrat Kiehl in Berlin und den Landrat Berg in St. Goarshausen an. Letzterer beeilte sich mitzuteilen, "daß Kopfermann ein frischer, gut gesitteter junger Mann ist, der sich zur Ernennung zum Offiziers-Aspiranten eignet. Der Vater ist Pfarrer in Caub und nimmt daselbst eine geachtete Stellung ein." Auch liegt eine amtlich beglaubigte Erklärung von Anton Kopfermann vom 20. September 15 bei: "Hierdurch verpflichte ich mich - zunächst auf die Zeit von 6 Jahren - meinem Sohn, dem stud. math, z.Zt. Unteroffizier und Offiziers-Aspirant Hans Kopfermann fur den Fall seiner Beförderung zum ReserveOffizier eine jährliche Unterstützung von wenigstens 1500 M (eintausendfünfhundert Mark) zu geben, so lange und soweit er nicht selbst soviel verdient." Am 1.8.1916 kann der Kompagniechef Weisemann Hans Kopfermann und seinen Freund Friedrich Otto Wagner zur Beförderung vorschlagen: "Beide Vizefeldwebel sind tapfere, äußerst gewissenhafte und verlässige Zugführer. Sie haben ein bestimmtes und sicheres Auftreten als Vorgesetzte. Ihr Verhalten in und außer Dienst lassen sie zur Beförderung zum Offizier des Beurlaubtenstandes für vollkommen würdig und geeignet erscheinen". Otto Wagner starb in der Sommeschlacht noch vor der Beförderung. Kopfermann legte am 4.12.1916 den 'Fahneneid' als Leutnant der Reserve ab und erklärte schriftlich: "Ich, Lt. d. Res. Kopfermann, erkläre und versichere hiermit, daß ich zu keiner geheimen Gesellschaft oder zu irgend einer Verbindung, deren Zweck dem Staat unbekannt, von demselben nicht gebilligt oder dem Interesse des Staates fremd ist, weder gehöre, noch in Zukunft gehören werde und bin bereit, diese meine Versicherung durch einen Eid zu bekräftigen, wie ich sie jetzt schon durch meine Unterschrift bestätige." Das Offizierspatent wurde vom 18.10.1914 datiert. Der Leutnant wurde am 12.Juli 1916 mit dem preußischen EKII, am 15. Mai 1917 mit dem Bayrischen Militärischen Verdienstorden und am 30. August 1918 mit dem EKI dekoriert.

Hans Kopfermann hat nach dem Krieg die Fotos, die er und andere aufgenommen hatten, in einem 'Album' von ca 50 Seiten zu je 3 bis 4 Abbildungen, meist in Postkartengröße, zusammengestellt[6]. Auf der Innenseite des Vorsatzblattes hat er chronologisch rekapituliert:

"Bilder aus meinem Krieg.

Eingetreten als Kriegsfreiwilliger am 13. August 1914 in das 19. Bayr. Inf.Rgt (man denke!) König Victor Emanuel v. Italien.
Am 28. Oktober zum Feldreg. über Metz-Vigneulles in den Wald von Apremont abgerückt.
Vom 30. Oktober -20. August 15 auf der Côte Lorraine.
3. Nov. 14 der erste Sturmangriff.
3.-7. Mai 15 die Schlacht im Bois d'Ailly.
Mai und Juni 15 Kämpfe zwischen Maas und Mosel.
Am 20. August nach Deutschland zurück.
Zum Kurs nach Munsterlager 1. Sept. - 1. Nov. 1915
1. Nov. Vize
Beim Ersatzbatl. in Erlangen bis April 1916
16. April 16 wieder in die geliebte Côte.
17. -20. Juli nach Lens, Stellung an der Kohlenhalde von Lens.
Am 1. September ab zur Sommeschlacht.
1. Einsatz : 8.-12. Sept. Zwischen Ginchy und Delville-Wald
2. Einsatz : in und vor Combles 14.-16.
3. Einsatz : zwischen Les Boeufs und Morval 16.-18-Sept.
21. September landen wir in Haubourdin bei Lille
Stellung Fromelles-Aubers bis Mai 1917
Am 2. Mai ab zur Originalabwehrschlacht.
6. Mai Sturm auf Fresnoy, dann die Front abgekloppt bis zur Scarpe ; Vitry, Appy, Fresnes, Gavrelle
7. Juli nach Antwerpen, dort 4 1/2 Wochen völlige Ruhe.
Am 8. August auf nach Flandern. 16. August 2. Großkampftag.
Am 19. Richtung Tourcoing.
Vom 20. August bis Februar 18 in Stellung vor Armentières. Frélinghien, Wambrechies, Quesnoy.
Februar -März 1918 Vorbereitung zur Frühjahrsoffensive in Tourcoing und bei Quéant. Sauchy-Lestrée.
21.3.-2.4. 18 Angriff von Quéant über Bapaume nach Bucquoy
dort bis Anfang Mai. Ruhe in Marchiennes.
Ende Mai - Ende Juli in Stellung vor Hamelincourt.
Am 8. August auf Autos von Arras über Péronne gen Amiens, Tankschlacht
Lihons, Rückzug zur Siegfriedstellung, Römerstraße, Somme, Péronne, Hargicourt
18. Sept. das Ausreißen vor Hargicourt. 5 Tage Ruhe, dann
19. Sept.- 8. Okt. Die Cambraischlacht. Woche in Valenciennes
20. Okt. -3. Nov. Stellung an der Schelde bei Tournai.
4.-9. Nov. Rückzug zur Antwerpen-Maasstellung. Waffenstillstand in Galmandin."

Zur Kriegschronik des Freiwilligen von 1914 gesellt sich, handschriftlich am 24. Oktober 1918 vom Regimentskommandeur (Melchior, Major) ausgestellt, folgendes "Dienstleistungszeugnis über den Leutnant Hans Kopfermann der Reserve des 19. Infanterieregiments, verwendet als Ordonnanz-Offizier beim Regiment, Patent vom 18.10. 14, Nr. 10"[7]:

"Große, elastische, kräftige Erscheinung. Offener, ehrlicher Charakter mit heiterer Lebensauffasung. Besitzt gute Schulbildung und angenehme Formen; musikalisch; Reitfertigkeit noch wenig erprobt. Unverdrossen und gewissenhaft in seinen Dienstgeschäften; bei Entsendungen unbedingt verlässig. Furchtloser Offizier. Besitzt klaren Verstand und guten militärischen Blick für einfache Verhältnisse In seinen Nebenfunktionen als Gasschutzoffizier und Nachschuboffizier des Regiments sehr gewissenhaft und verwendbar. Braver, verlässiger, beliebter Kamerad Im ganzen sehr brauchbarer Offizier des Beurlaubtenstandes, unbedingt geeignet zum Kompagnieführer, zum Ordonanzoffizier ebenso wie als Gasschutzoffizier beim Regimentsstab."

* * *

So prägend wie der erste Weltkrieg vermutlich war, so ernst war die Herausforderung des Hitlerregimes. Im Niels-Bohr-Archiv in Kopenhagen findet sich jener Brief, den Kopfermann Ende Mai 1933 aus Kopenhagen nach einem 14-tägigen Besuch in Deutschland an den in USA weilenden Niels Bohr schrieb, und der heute zum Bestand einschlägiger Anthologien zählt[8]:

"...Was nun die Stellungnahme zu der veränderten Situation in Deutschland betrifft, so sind, abgesehen von einigen überzeugten Nationalsozialisten und einer geringen Zahl von Leuten, die hoffen, nun zu Amt und Würden zu kommen, alle an der Wissenschaft Beteiligten gegen die antisemitischen Massnahmen der Regierung. Es ist aber sehr schwer, das öffentlich kundzutun..."

Kopfermann kam nach und nach zu Amt und Würden. Die Personalakte (im Heidelberger Universitätsarchiv) enthält u.a. ein Schreiben des Rektors der Technischen Hochschule Berlin, Eggert, zur Anstellung als Oberassistent zum 1. November 1933, Vergütungsdienstalter ab 1.12.1924, mit der Bemerkung:

"die Kriegszeit kann auf das Vergütungsdienstalter nicht angerechnet werden, da die Anstellung durch den Kriegsdienst nicht verzögert worden ist."

und dem Zusatz:

"Ich bitte Sie, mir noch zu bestätigen, daß Sie ihre Tätigkeit an der Technischen Hochschule Berlin nicht zum Zwecke des Broterwerbs, sondern zum Zwecke ihrer Ausbildung für den zukünftigen Beruf des Hochschullehrers aufgenommen haben."

Der Hochschullehrer war lange keins, und wurde dann doch Parteimitglied. Das Bundesarchiv Berlin, ehemals Berlin Document Center, bewahrt in der Akte Kopfermann eine maschinengeschriebene Stellungnahme des Gaudozentenführers Dr. Freerksen in Kiel vom 17. Juni 1941. Briefkopf der NSDAP-Gauleitung Schlewig Holstein, NSD.-Dozentenbund, der Dozentenbundsführer an der Universität Kiel.

"An die Kreisleitung der NSDAP Kiel / Betr. Prof. Dr. Kopfermann. Kiel. Physikalisches Institut. Ein Aufnahmeantrag des Herrn Prof. Kopfermann in die NSDAP wird seitens des Dozentenbunds wärmstens befürwortet. Der Dozentenbund Kiel hat Gelegenheit gehabt, Kopfermann in seiner ganzen Haltung jahrelang zu beobachten. Es muss festgestellt werden, dass K. alle Bedingungen bestens erfüllt, die an einen einsatzbereiten Parteigenossen gestellt werden müssen. In dieser Erkenntnis ist auch Prof. Kopfermann zum Dekan der philosophischen Fakultät ernannt wurde, obwohl er nicht Parteigenosse war. Es kommt das nur in wenigen Ausnahmefällen vor, in denen alle beteiligten Stellen der Überzeugung sind, daß der Betreffende als ebenso zuverlässig wie ein Parteigenosse zu beurteilen ist. Wir haben es daher immer bedauert, dass K. nicht Parteigenosse war und begrüssen seine jetzige Aufnahme ganz besonders. Es mag noch erwähnt sein, dass K. im vorigen Kriege das EKI und II erworben hat, verschüttet war und nach dem Kriege Freikorps-Kämpfer war. Er hat also auch sichtbare Beweise seines rückhaltlosen politischen und menschlichen Einsatzes erbracht. Als Wissenschaftler ist er sehr angesehen - dass er ausserdem auch von dieser Seite her als politisch zuverlässig allgemein betrachtet wird, kommt darin zum Ausdruck, dass er mit kriegswichtigen Forschungsaufgaben betraut is. Heil Hitler! gez. Freerksen, Gaudozentenführer."

Am 7. Oktober 1943 schrieb Hertha Kopfermann - inzwischen in Göttingen - an die Kieler Freundin Charlotte Gmelin, die mit ihren vier Kindern nach Münklingen bei Stuttgart ausquartiert war:

"Wir haben hier auch oft unruhige Tage, weil "sinnlosen" Alarm, und in der Nacht, als Kassel angegriffen wurde, viel Geschieße u. Luftgefechte über der Stadt, wobei sogar 3 von unseren Nachtjägern ganz nahe bei uns abgeschossen wurden. Ich mußte mit den Kindern in den Luftschutzkeller des Nachbarhauses, mein Mann war im Institut; und es war ungemütlich u. ängstlich. Göttingen ist erfüllt von diesem erstmalig wirklich beunruhigenden Alarm; aber gelten tut es uns wohl nicht. Wir kriegen es nur so mit ab, wenn Hannover oder Kassel gemeint sind. Sonst ist es friedlich bei uns; mit Einmachen plage ich mich nicht, da es nichts gibt; nur selbstgezogene Tomaten hab ich verarbeitet, die ich in ungeahnter Menge im Garten geerntet habe. Wir essen brav abwechselnd Weiß- und Rotkohl. Mein Mann ist gerade für ein paar Tage in Berlin. Er hat große Pläne fürs Institut, will ein Haus bauen für eine Hochspannungsanlage u. tut die nötigen Schritte, um dies zu erreichen. Es ist schön, daß er Lust und Kraft zu diesen Dingen hat, und daß er auch die anderen dazu mitreißt. Im Institut vergißt man wirklich, daß Krieg ist. Und seine Musik hilft auch über vieles hinweg. Wie sehr wünschte man sich, auch irgend eine solche Begabung oder Leidenschaft zu haben. Die Backpflaumen, die Nähmaschine und das Strickzeug tun es auf die Dauer nicht. Ich gehe jetzt gelegentlich ins Theater, das doch netter ist als das Kino; und oft ist es wirklich hübsch. Und das Theater ist so nett in der Nähe, daß man selbst bei Alarm zu den Kindern laufen kann. Bei sonstigen Einladungen fange ich an, um 9 Uhr unruhig zu werden; die dunklen schnellen Heimwege auf dem Rad sind ein besonderes Vergnügen!"[9]

Als sich Wolfgang Paul (1914-1992) im Mai 1944 in Göttingen habilitierte, gab Hans Kopfermann folgendes Hauptgutachten über den jungen Freund und späteren Nobelpreisträger ab[10]:

"Herr Paul gehört seit Jahren zu meinen engeren Mitarbeitern. Er hat unter meiner Leitung Diplom- und Doktorexamen gemacht. Mit Kriegsbeginn wurde er zur Flak eingezogen, im Frühjahr 1940 aber für kriegswichtige Arbeiten u.k. gestellt. Diese Arbeiten haben seine wissenschaftliche Produktion in dem heute fast allgemein üblichen Maß eingeschränkt. In den beiden letzten Jahren gelang es Paul, trotz dieser Belastung sich erfreulich zu entfalten. Er hat einige schöne Untersuchungen gemacht, die sich z. T. mit optischen Fragen, z.T. mit Problemen der Massenspektroskopie beschäftigen. Dieser an zweiter Stelle genannte Teil liegt als Habilitationsschrift vor, deren Inhalt die Beschreibung eines Massenspektrometers, mit dem man Isotopenmischungsverhältnisse auf 1% genau in einfacher Weise messen kann, darstellt. Die Konstruktion des Massenspektrometers, seine Erprobung und seine Anwendung auf verschiedenartige Probleme weisen Paul als einen gereiften Physiker aus, der konstruktiv und meßtechnisch über reiche Erfahrung verfügt. Sie zeigen aber auch sein vielseitiges Interesse für physikalische, chemische und biologische Fragen und die Wendigkeit, mit der er sich schnell in ein neues Gebiet einzuarbeiten versteht, eine Eigenschaft, die bei ihm sehr hervorsticht. Neuerdings ist seine Aufmerksamkeit über die Massenspektroskopie hinaus stark auf die reine Kernphysik hin gerichtet, in der er sich größere experimentelle Erfahrungen erworben hat, die m.E. bald zu einer ergiebigen kernphysikalischen Produktion führen müßten. Paul trägt gut vor. Menschlich ist er eine besonders erfreuliche Erscheinung. Ich empfehle seine Habilitation. gez. Kopfermann"

* * *

Unter den Max-Laue-Papieren im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin-Dahlem befindet sich ein Brief von Kopfermann vom 6.12. 1950 an den in Stockholm weilenden Laue:

"Lieber Herr von Laue, es tut mir leid, daß ich in der Eile in der vorigen Woche nicht dazu gekommen bin, Ihnen kurz über mein Gespräch mit Frau St.[11] zu berichten, so daß ich es auf diesem Wege nachholen muß. Darf ich zunächst betonen, daß Sie auf keinen Fall den Namen von Frau St. nennen dürfen. Schon Ihr Brief an Buchwald enthielt ein gewisses Gefahrenmoment. Man kann das nur verstehen, wenn man einmal, wie ich jetzt, in der Ostzone gewesen ist. G.H. ist augenscheinlich weiterhin in Gunst, wohnt in seinem, für ihn nach seinen Plänen erbauten, Hause, fühlt sich wohl und hat große Mittel zur Verfügung. Er hat nicht vor, zurückzukommen, während St., der bis zum Kreml vorgedrungen ist, und dort erreicht hat, daß seine Familie zurückkehren durfte, gewillt ist, auf alle Fälle spätestens in zwei Jahren in die Ostzone zurückzukehren. Frau St. hat immer wieder ihre Verwunderung darüber ausgesprochen, daß H. nicht vorhat zurückzukommen, obwohl er, wie alle anderen, so wenig frei ist, daß selbst bei Spaziergängen mit seiner Frau der Begleiter neben ihm gehen muß und bei äußerster Vergünstigung 5 Schritte hinterherkommt. Das Ansehen der deutschen Kollegen dort scheint sich aber etwas verschoben zu haben, insofern als St. jetzt an erster Stelle steht. Nur so ist es zu erklären, daß er seine Familie herausgebracht hat. Ardenne z.B. soll gar nichts mehr gelten, dagegen ist der engste Mitarbeiter von H. stark in den Vordergrund gerückt. Im ganzen fand Frau St. schon das Leben in der Ostzone eine ungeheure Erlösung. Wenn man gesehen hat, wie die Kollegen dort leben, so kann man erst wirklich verstehen, was es für einen Deutschen heißt, in Rußland zu leben und um so weniger begreifen, warum H. es augenscheinlich nicht bloß erträglich, sondern angenehm findet, dort zu sein. Bitte sorgen sie dafür, daß von diesen Dingen nichts in Schwedische oder westdeutsche Zeitungen kommt. Es würde unseren Kollegen nur sehr schaden. Ich bin mit bestem Gruß Ihr sehr ergebener Hans Kopfermann."

1956 hätte der Sechzigjährige über sich sagen können `ein Mann, ein Buch'. Die Kernmomente erschienen in 2ter Auflage. `Anschaulichkeit' hatte nach wie vor grundsätzliche Bedeutung. Statt seinerzeit nur Paul und Walcher konnte er sich nun bei fünf Mitarbeitern bedanken.

"Wie in der ersten Auflage gehen die theoretischen Abschnitte - aus Gründen der Allgemeinverständlickeit - so weit wie irgend möglich von der anschaulichen Vorstellung der Bohrschen Atommodelle aus und die korrepondenzmäßig abgeleiteten Formeln werden jeweils am Schluß in die quantenmechanisch korrekten Gleichungen verwandelt. ... Bei der Gliederung des Buches und der Formulierung einzelner Paragraphen haben mir P. Brix, H. Friedburg, H. Krüger, U. Meyer-Berkhout und A. Steudel mancherlei Hilfe geleistet. Mit Maria Göppert-Mayer, H. Jensen und F. Sauter hatte ich aufschlußreiche Diskussionen; den beiden erstgenannten bin ich außerdem für die Möglichkeit, Einsicht in das Manuskript ihres Buches über das Schalenmodell zu nehmen, sehr zu Dank verpflichtet ..."

Neu war die Widmung des Werks von 1956 ("Umfang um mehr als 50% gestiegen, praktisch ein neues Buch"): "Meiner Frau gewidmet".

Von politischen Äußerungen hat Kopfermann eher Abstand genommen. Stellvertretend mag hier ein Brief Walther Gerlachs zitiert sein, den dieser zum gemeinsamen politischen Anliegen unter dem 13.3.1958 aus München an die Organisatoren des Komitees 'Kampf dem Atomtod' schrieb[12]:

"Die Stärke der Erklärung der Achtzehn[13] beruht wesentlich auf drei Tatsachen. 1. Die Unterzeichner kennen die Atomwaffen und alle mit ihnen verbundenen Gefahren ganz genau und verstehen wirklich den Unterschied zwischen konventionellen und atomaren Waffen. 2. Die Achtzehn verbindet untereinander lediglich ihre gleiche physikalische Denkweise, während sie politisch und weltanschaulich keineswegs gleichgerichtet sind. 3. Die Achtzehn haben aus der Tatsache 1) und trotz der Tatsache 2) eine gemeinsame Schlußfolgerung gezogen: sie werden sich nicht an irgendwelchen Atomwaffen betreffenden Arbeiten beteiligen. Dass hierin in gewisser Weise politische Stellungnahme mit eingeschlossen ist, unterliegt keinem Zweifel. Gerade aus diesem Grunde wollen wir es vermeiden, dass nunmehr unsere Stellungsnahme in eine rein politische Stellungnahme umgewandelt wird. Es mehren sich die Angriffe, dass wir doch mit irgendwelchen Stellen der Opposition zusammenhängen und dass unsere Stellungnahme deshalb nur scheinbar sachlich begründet sei. Es wird uns ja auch immer wieder und in der letzten Zeit noch mehr als früher der Vorwurf gemacht, dass wir entweder die östliche Gefahr überhaupt nicht sehen oder aber sogar mit östlichen Kreisen (wie man sagt) in einer Verbindung stehen. Wenn wir uns jetzt an einer Erklärung beteiligen, die sich wesentlich auf die politische Seite bezieht, wenn sie auch die furchtbaren Gefahren in den Vordergrund stellt, so wird man uns nur politische Handlung vorwerfen. Dieses müssen wir unter allen Umständen vermeiden. In allen anderen Aufrufen, die mittlerweile erschienen sind und die wir ja auch nicht unterzeichnet haben, ist und kann der eine entscheidende Satz nicht enthalten sein: 'wir haben die Überzeugung, dass wir uns nicht an einer Mitarbeit beteiligen dürfen'. Das ist eine so weitgehende Aussage und eine so entscheidende Frage unserer Erklärung vom 12. April 1957, dass wir diese nur abschwächen würden, wenn wir uns jetzt an wesentlich politisch-gerichteten Deklarationen beteiligen werden. Wir haben dieses Problem auch in unserem Kreis sehr eingehend besprochen. Wir haben es von uns aus sehr begrüsst, dass unser Kollege Max Born den Aufruf unterschrieben hat. Dennoch konnten wir uns nicht dazu entschliessen, den Rat zu geben, dass eine grössere Anzahl der Achtzehn ihn unterzeichnen soll."

Der Wissenschaftspolitiker Kopfermann schrieb als Berater des Berliner Senats für den Ausbau der kernphysikalischen Großforschungseinrichtung (Hahn-Meitner-Institut) am 10. Dezember 1959 an den zuständigen Beamten in der Senatsverwaltung für Volksbildung (von Mutius)[14]:

"Ich finde es von Herrn Szillard(sic!) sehr anständig, daß er seinen Ruf zurückgibt, und ich hoffe, Herr von Laue wird so klug sein und ihm nicht zuraten, doch zu kommen. Man wird von Szilard in Berlin außer einigen geistreichen Reden nicht viel erwarten können; mit Sicherheit keine Kernphysik. Er interessiert sich im Augenblick eigentlich nur für Politik auf dem physikalischen Sektor."

Zum hier in Betracht kommenden Material mag am Ende das mehr oder weniger konventionelle Urteil über den Kollegen von Menschen gehören, die wie er Funktionsträger waren. Als Hans Kopfermann am 28. Januar 1963 gestorben war, bedankte sich der Heidelberger Rektor Fritz Ernst unter dem 22.2.1963 beim Bundesminister für Forschung, Hans Lenz, für dessen Teilnahme an der akademischen Trauerfeier und schrieb[15]:

"Er war ein Gelehrter besonderer Art, und das Echo in Ihrem Hause wird Ihnen ja gezeigt haben, daß es nicht nur wissenschaftliche, sondern vor allem menschliche Qualitäten gewesen sind, die ihn ausgezeichnet haben..."

* * *

Die Rückschau von 1919 lieferte eine abgeschlossene Folge von Ortsnamen, Kriegsschauplätzen, Zeitangaben, die spätere wissenschaftliche Bibliographie eine Reihe von Titeln, Jahreszahlen bis zum Tod. Gab es nicht eine absurde Parallele? Beide Male erinnern die Stichworte an Zusammenhänge. Sie verweisen auf verschiedene Welten, aber auf Welten, die sich das Erfahrungs- und Erinnerungsvermögen desselben Menschen teilen. Gewiß hat er aufgehört, Soldat zu sein, haben die verzeichneten Ereignisse aufgehört, auch zu bedeuten `da hab ich überlebt'. Später werden nur noch friedliche 'Siege' aufgezeichnet, die bedeuten mochten `das hab ich geschafft'. Beide Male steht die chronologische Liste vor der Folie kollektiver Vergangenheit, aber die erste verweist stärker auf diesen Hintergrund, der Leser glaubt zu ahnen `was der da machte'; die zweite ist weniger suggestiv, sie läßt das Fachgebiet erkennen, `er war ein Quantenoptiker, ein Kernspektroskopiker'. Welchen Gang er mit seinen fachlichen Erfolgen und gleichwohl als Bürger in der kollektiven Vergangenheit ging, tritt nicht ohne weiteres in Erscheinung. Möchte man nicht doch wissen, welche Rolle einer mit seinen Taten damals gespielt hat und ebenso wenig für den Spektroskopiker wie für den Soldaten von vornherein annehmen, er handle sinnvoll? Sind nicht die Kriegs- wie die Fachwelten eingebettet in den Zusammenhang, dem es sich zu stellen galt und gilt, aus dessen Kenntnis heraus Befehle wie Forschungsprogramme, die militärische Operation wie das wissenschaftliche Fachgebiet sich rechtfertigen lassen oder nicht? Stehen mithin nicht Begründungshorizont und Unabhängigkeit des Protagonisten zur Debatte? Die Vergangenheit ist voller Taten in realen Machtverhältnissen, die mal mehr, mal weniger die gesellschaftlichen Beziehungen verderben und nicht einmal die mimimale Gerechtigkeit und Freiheit bestehen lassen, die ein guter Mensch und politischer 'Realist' sich und seinen Mitmenschen wünschen möchte.

In der Diktatur, in Krieg und Völkermord wurden Fäden gesponnen. Wie wurde der Physiker Dekan und Parteimitglied? Zu Papieren der heillosen Bürokratie fügen sich persönliche. Einmal mehr kann überraschen, wie unverhältnismäßig `normal' Leben und Karriere nicht selten blieben. Jedenfalls äußerlich. Und wie sich in den schlimmsten Zeiten der Diktatur ein zukunftsorientierter Aufbruch andeutet. Die Erklärung für die Normalität in der Katastrophe liegt nicht auf der Hand. Ebenso wenig für die scheinbar gedankenlose `buisiness as usual' Einstellung von Forschung und Lehre nach der Befreiung. Wie nachhaltig waren halboffizielle Entwicklungspläne, die auf den absehbaren `Karthagofrieden' abgestellt waren, dann sogar in Hochschulinstituten?

Eine politisch bedeutsame Besonderheit der Physiker nach 1945 lag in ihren Beziehungen zur Militärverwaltung und ins Ausland, in einem Zusammenhang, der durch den alliierten Bombenbau aufgewertet und in Machtnähe gerückt war. Wissenschaftler wurden für die Wiedergewinnung der Souveränität ein politischer Faktor. Kopfermanns Kernmomente signalisierten das Ende einer Epoche der `Kammermusiker' in der Kernphysik, die Zukunft gehörte der Großforschung und dem Produktionsbetrieb. Sehr bald hatte sich eine Lobby für die neue Branche formiert. Ehrenwert und innenpolitisch fruchtbar war die Erklärung dieser Lobby gegen die Atomrüstungspläne der Regierung Adenauer. Zugleich stand sie im Zeichen der `Geschäftsbeziehungen' der Forscher und ihrer Institute zu Kollegen in Amerika, England und Frankreich. Und einen historischen Hintergrund in der Haltung der `Göttinger Achtzehn' in der Rüstung im `Dritten Reich' hatte sie auch.

Leserinnen und Leser werden bei manchen Sätzen in Archivmaterial und Dokumenten unwillkürlich lachen. Etwa, wenn 1918, an der Schwelle zur allgemeinen Motorisierung, ein Regimentskommandeur bescheinigt: "Reitfertigkeit noch wenig erprobt", oder wenn dem Rektor der Charlottenburger Hochschule 1933 zu bestätigen ist, daß das Geld, von dem man lebt, zur Weiterbildung und nicht zum Broterwerb gezahlt wird. Vielleicht auch, wenn Kopfermann 1944 schrieb: "Paul trägt gut vor" wo notorisch das Gegenteil der Fall war; oder wenn er 1956 den Zauberstab zu schwingen schien: "die korrespondenzmäßig abgeleiteten Formeln werden jeweils am Schluß in die quantenmechanisch korrekten Gleichungen verwandelt".

Was aber bedeutet ein Satz wie dieser von 1959 über Leo Szilard: "er interessiert sich im Augenblick eigentlich nur für Politik auf dem physikalischen Sektor"? Hatte Szilard nicht bewiesen, daß er ein Gespür für politische Situationen hatte und nicht umsonst sein Interesse dementsprechend konzentrierte?

Hans Kopfermann war ein 'begeisterter' Physiker? War nicht Enthusiasmus für ein Tätigkeitsfeld das einigende Moment für alle in seiner beruflichen Umgebung - oder doch für fast alle? Begeisterung wie in dieser Ausbildungs- und Berufswelt - wäre sie nicht jedem Menschen bei seinem Tun zu wünschen? Doch stellt sich zugleich die Frage nach den Quellen der Begeisterung. Begeisterung und 'Entfremdung' müssen sich ja nicht gegenseitig ausschließen. Entfremdung in dem Sinn, daß einer glaubt, in einem bestimmten Zusammenhang etwas zu Stande zu bringen, das `objektiv' in einen anderen Zusammenhang fällt.


[1]Zeitschrift der 'Freunde der Universität Heidelberg'

[2]Eine von der Field Investigation Agency Technical (FIAT) des alliierten Kontrollrats eingeforderte Bestandsaufnahme der Forschung auf den verschiedensten Gebieten

[3]Eine entsprechende Mitteilung "Experimental Proof of 'Negative Dispersion'" 1928 in Nature war bisher nicht ausfindig zu machen

[4]Kopfermanns Koautorschaft entsprach in vielen Fällen nicht seiner aktiven Teilnahme am Experiment sondern seiner Unterstützung als Institutsleiter und Garant der Arbeitsmöglichkeiten, als kritischer Instanz mit Erfahrung und Urteilsvermögen. Sein Name fehlt bei Untersuchungen, die unter der Regie von Peter Brix oder Hubert Krüger entstanden, so auch bei allen Messungen am 35 MeV Betatron.

[5]Vermutlich Ende 1934 geschrieben, im Zug der Umhabilitation zur Technischen Hochschule Berlin

[6]Privatarchiv Michael Kopfermann

[7]Bayrisches Staatsarchiv, Abt. Kriegsarchiv, Akt Lt. Kopfermann

[8]S. Klaus Hentschel, Physics and Nationalsocialism, an Anthology, Basel (Birkhäuser) 1996, S.

[9]Privatarchiv Charlotte Gmelin.

[10]Universitätsarchiv Göttingen, Akte Kopfermann

[11]Frau Steenbeck; G.H. steht für Gustav Hertz und mit dessen "engstem Mitarbeiter" ist vermutlich Heinz Barwig gemeint.

[12]Deutsches Museum München, Nachlass Walther Gerlach, Briefe

[13]Göttinger Erklärung gegen atomare Bewaffnung vom 12.4.57, die auch Hans Kopfermann unterzeichnete.

[14]Zitiert nach Burghard Weiss, Großforschung in Berlin: Geschichte des HMI 1955-1980, Frankfurt, Campus, 1994

[15]Archiv der Universität Heidelberg, Akte Kopfermann

 

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