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Mißklang im Fortschritt und Sphärenharmonien

Gefahren lagen immer schon in der Indienstnahme von Menschen, Ideen, von Arbeit und Produkt durch militärische und zivile, wirtschaftliche und kulturelle, Staats-, und Bürgerinteressen, durch die berufliche Korporation, durch parteipolitische oder hegemoniale Strömungen, auch durch die des 'Fortschritts-' und 'Konsumdenkens', durch einen jeweiligen 'Zeitgeist'. Es scheint geradezu ein Merkmal der Kultur, daß Menschen instrumentalisiert werden. Professoren, Gelehrte, Wissenschaftler nicht weniger als andere[1]. Doch ohne freies Urteil und Persönlichkeit im Ideal wäre die Kultur nicht, was sie ist.

Oft fällt die eigene Unfreiheit kaum auf und nicht immer führt Urteilsvermögen auch zu Widerstand. 1960 schrieb Ludwig Marcuse, Altersgenosse Kopfermanns, polemisch und warnend:

"Man ist sehr freigebig, wenn es noch einmal loszuwettern gilt, gegen die Hersteller von Lampenschirmen aus Menschenhaut. Man ist sehr wenig geneigt, das furchtbarste zu durchdenken, das die Zukunft viel unsensationeller bedroht: die unwahrscheinliche Rückratlosigkeit der talentiertesten deutschen Gelehrten und Künstler, wie sie 1933 zum Vorschein kam und bis heute noch nicht zugegeben wird".

Marcuse brachte 1960 das negative Faktum von 1933 ungefähr so ideologisch zum Ausdruck, wie 1914 von der 'Kulturnation' die Rede war - 'Rückgratlosigkeit der talentiertesten Gelehrten und Künstler'. Macht ihr 'Talent' die Gelehrten und die Künstler zu `Kulturträgern', von denen man erwarten könnte, daß sie zu ihren Äußerungen und Anschauungen stehen? War ein solches Ideal von `Geistesadel' nicht hinfällig und hatte sich 1933 nur einmal mehr als gänzlich absurd erwiesen? Wo war die Freiheit zu eigenständigem Handeln für so viele Menschen geblieben, ganz abgesehen von Gelehrten, Künstlern, Ingenieuren und Forschern? Im bekannten Text von 1947 zur Dialektik der Aufklärung findet sich bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno der provokante Satz:

"Die Freiheit auf dem progressiven Ticket ist den machtpolitischen Strukturen, auf welche die progressiven Entscheidungen notwendig hinauslaufen, so äußerlich wie die Judenfeindschaft dem chemischen Trust"[2]

So wenig wie sich Strukturen in Wirtschaft und Staat den Fragen nach persönlicher Freiheit und Antisemitismus stellen mußten, so wenig Kopfzerbrechen machten diese Fragen den Intellektuellen, Wissenschaftlern, Technikern. Die hatten - in welchem politischen System auch immer - höchstens die Freiheit, die das 'Surrealistische Manifest' (André Breton, Leon Trotzki) 1938 als notwendige proklamierte. Dort hatte es geheißen:

"Wenn die Revolution im Interesse einer Entwicklung der materiellen Produktion ein zentralisiertes sozialistisches System aufzurichten gezwungen ist, so muß sie gleichzeitig, und von Anfang an, ein anarchistisches Regime der intellektuellen Freiheit etablieren und zusichern.[3]"

Hans Mayer hat ausgeführt, worin im Alltag ein Test emanzipativer Praxis läge[4], nämlich in der Freiheit, Außenseiter sein zu können. Natürlich nicht ein nützlicher Außenseiter, wie es das Zerrbild des Gelehrten und Erfinders will. Was trägt die Wissenschaft zu solcher Freiheit bei? Nichts? Oder doch, und zwar in negativer Richtung, mit der Wahl ihrer Ziele und Methoden, mit ihren Institutionen, mit den materiellen und soziologischen Umständen, unter denen sie betrieben wurde und wird? Sie müßte deutlich anders sein, als jene Machtstrukturen, denen die Freiheit äußerlich. Und wo sie es nicht ist, ist der Mißklang ihrer Fortschrittsmelodien unüberhörbar.

Aufgrund erlebter 'Rückgratlosigkeit', gab Ludwig Marcuse die nachfolgende Empfehlung:

"Wenden wir aber den Blick von der Vergangenheit in die Zukunft, so ist für alle, welche unsere Jahre mit ihrem Namen schmücken (und ich schließe die Emigranten ein) nichts wichtiger als das Studium der erwähnten Vorgänge: auf daß die Späteren nicht denselben Schandweg gehen".

In der Hitlerzeit hätte sich einem Physiker die Frage, wohin der Fortschritt seiner Wissenschaft ihn und andere führt, in aller Schärfe stellen können, darüber zu sprechen wäre nicht möglich gewesen. Was könnte heute wie damals nützlicher sein, als der Frage und den verschiedenen Verdachtsmomenten gegen wissenschaftliche Arbeit nachzugehen?

* * *

Die 'Scientific Community' der Physiker blieb, im Unterschied zur heutigen, trotz aller Erweiterungen in den 'Industrialisierungswellen' zwischen 1871 und 1918 noch lange Zeit eine Gruppe der persönlichen Bekanntschaften, 'national' wie international.

An den deutschen Hochschulen lehrten und forschten einige 300 Physiker, meist Männer. In staatlichen und industriellen Forschungsinstituten arbeiteten vielleicht noch einmal so viele. An den Hochschulen wurden Lehrer und in zunehmendem Maß Ingenieure ausgebildet. 1922 zählte man in Deutschland 1300 Gymnasien, Realgymnasien, Oberreal- und Realschulen und 824 höhere 'Schulen für die weibliche Jugend'. Insgesamt unterrichteten an diesen Schulen einige 40 000 Lehrer, davon - fast ausschließlich an den Mädchenschulen - 10 000 Frauen. Höchstens ein Drittel mögen eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung gehabt haben, und nur ein geringer Prozentsatz eine über die Anfangsgründe hinausgehende Ausbildung in Physik. Die Hochschulphysiker hatten für entsprechenden Nachwuchs zu sorgen, für kaum mehr als ein paar hundert Absolventen pro Jahr, die wenigsten (10%?) mit einer bevorzugt physikalischen Ausbildung. 1924 etwa, studierten insgesamt im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig der Universitäten weniger als 4000 Studenten. An den Technischen Hochschulen entfielen auf die Fächer Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Hüttenkunde, deren Lehrplan physikalische Anteile aufwies, 16500 Studenten. Diese Zahl hatte sich seit 1914 fast verdreifacht[5]. Der 'Kapazitätsbedarf' hier war prinzipiell also rund viermal so groß wie an den Universitäten. Die Mitgliederzahlen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) von einigen hundert entsprachen den Zahlen des wissenschaftlichen Personals der Universitäten mit einem gewissen Anteil an 'Schulphysikern'. Die über 1000 steigenden Mitgliederzahlen der Deutschen Gesellschaft für Technische Physik (DGTP) entsprachen der wachsenden Zahl der an technischen Hochschulen unterrichtenden Physiker und einem höheren Anteil physikalisch arbeitender Ingenieure und Industriephysiker.

Verglichen mit der heutigen, auch bei Einschränkung auf das engere Fachgebiet oft nicht mehr überschaubaren, war die berufliche Gruppe, um die es in der vorliegenden Arbeit geht, so klein, daß sich die Fragen der 'kulturellen' und sozialen Integration ganz anders stellten. 'Physiker' heute lassen sich 'soziologisch' gar nicht mit ihren 'Kollegen' von damals vergleichen und die 'Fachwelt' mit ihren heutigen Strukturen hat bestenfalls eine ihrer Wurzeln in dem, was man ehemals 'die Physiker' nennen konnte.

Immer wieder wurde und wird die Forderung erhoben, die Fachwelten dadurch zu öffnen, daß man sie zur Teilnahme an öffentlichen und politischen' Diskursen' bewegt, und so der korporatistischen Gefahr begegnet. Die Versuche, dogmatisch der Facharbeit einen ideologischen Rahmen zu geben, sind bekannt. Als 1940 in einer Expansionsphase des NS-Systems, noch einmal Parteiideologen den Versuch machten, die 'Opinionleaders' der physikalischen Fachgenossenschaft zu einen solchen Rahmendiskurs zu bewegen, scheiterten sie, wie auch vorher. Hans Kopfermann nahm an jenem 'Münchener Religionsgespräch' (s.u.) teil. Aber niemand konnte in der Diktatur der offiziellen 'weltanschaulichen' Ideologie (der Suche nach einer 'Deutschen Physik') auf politischer Ebene offen begegnen. So wurde ihr eine 'professionalistische' Sicht des 'von der Sache bestimmt seins' gegenübergestellt, nach 1945 sprach man wieder von 'Ideologiefreiheit'. Der damals gefestigte Professionalismus, der ebenso wie eine dogmatische Ideologie die Gefahr der 'Instrumentalisierung' in sich trägt, pflanzte sich fort, auch dann noch, als kein Zwang mehr bestand. So entwickelte sich doch noch die Tendenz zu einer, auf ganz andere Weise 'deutschen', Physik, zu einer Fachgenossenschaft, die sich - so scheint es dem Autor - besonders korporatistisch gerierte.

Man hat geschrieben, daß die neueren Wissenschaftsstudien viel "der politischen Ambivalenz unter Physikern verdanken, die zum Bulletin of the Atomic Scientists führten oder zu Formen wie Science for the People oder das Radical-Science-Journal-Kollektiv"[6]. Mit der Vorgeschichte des Bulletin und erst recht mit den beiden anderen 'Formen' verbindet sich auch die - politisch engagierte, durch Hyman Levy (1889-1975) angeregte - Gründung der britischen National Union - später Association - of Scientific Workers (AScW) 1919, sowie ihre spätere Gegenbewegung, die auf die Initiative Michael Polanyis (1891-1976) zurückgehende, militant 'antikommunistische' Society for the Freedom of Science[7]. Das Bulletin entstand 1945 in USA, das Radical-Science-Kollektiv Anfang der 70er Jahre in England. Nach dem Einstein-Russel-Manifest von 1954 und den anfänglichen 'Pugwash-Konferenzen' führte die 'politische Ambivalenz' in Deutschland 1959 auf Initiative von Gerd Burkhardt (1911-1969) zur Gründung der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VdW) ('Deutsche Pugwash-Gruppe'), deren Vorsitzender Hans Kopfermann wurde.

Arbeiten von Gert Hortleder, Eugen Kogon, Karl-Heinz Ludwig, Jeffrey Herf[8] und anderen haben eine in Deutschland spezifisch ausgeprägte Kluft zwischen der Fortschrittsorientierung der technischen Intelligenz in ihrer Arbeit und ihrem, politisch und kulturell reaktionären, allgemeinen Fahrwasser unter verschiedenen Aspekten beschrieben. Paul Forman[9] fand in einer, wissenschaftsgeschichtliche Standards setzenden Untersuchung 1974, daß nur wenige Physiker der Weimarer Zeit mit der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) sympathisierten, geschätzte 30 % zur Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP) tendierten und das Gros die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP) gewählt hat[10]. In Anbetracht der Änderungen, denen die genannten Parteien (und ihre Führungen) im Lauf der 13 Jahre unterlagen, der möglichen 'Wechsel-' und Nichtwähler, können solche Zahlen nur Anhaltspunkte sein.

Fritz Ringer hat die 'Mandarine', die Gelehrten des Kaiserreichs in den Industrialisierungsschüben nach der 'großen Depression', in 'Orthodoxe' und 'Modernisten' eingeteilt[11]. Die einen wurden während des Krieges in der Regel 'Annexionisten', die anderen 'Gemäßigte' (wie Adolf Harnack, Friedrich Meinecke, Max Weber, die 'Kathedersozialisten', die Mitglieder des 'Vereins für Sozialpolitik'). Die 'Orthodoxen' dominierten noch in der Republik und die Minderheit, die dann ab 1926 im 'Weimarer Kreis' zusammenkam, rekrutierte sich ausschließlich unter den 'Gemäßigten'[12]. Ringer richtete seine Aufmerksamkeit auf die 'Geistesaristokratie' und schätzte die ideologische Bedeutung der Naturwissenschaftler und Techniker gering. Aber der pragmatische Einfluß der technischen Eliten wuchs ständig und diese waren auch nicht bloße 'Ideologiekonsumenten'.

Spezifische 'Betriebsideologien' der Naturwissenschaftler können eine Verwandtschaft mit Ideen aus dem gesellschaftlich-politischen Hintergrund selten ganz verleugnen.

In Göttingen erfanden die Mathematiker im 'Aufschwung zur Weltmacht' zwischen 1890 und 1914 'weltanschauliche' Kontroversen. Hintergrund waren, wie Herbert Mehrtens gezeigt hat[13], die manchmal sprunghaften Erweiterungen ihrer 'Märkte'. Ideologien bewiesen eine 'Hegemonialfunktion'. Georg Cantor (1845-1918), David Hilbert (1862-1943) entwickelten den konstruktivistischen Nominalismus einer 'Zeichenwelt', dem ein prinzipiell gegensätzlicher, aber in mehrfacher Hinsicht (Schule, Technikerbildung) vermittelnd-diplomatischer 'Platonismus' der 'Anschaulichkeit' - von Felix Klein (1849-1925) geprägt[14] -, die Wege ebnen konnte. Hie Kreativität, Produkt und Sachlichkeit, hie Erkenntnis, Wahrheit und Persönlichkeit? Das wäre zu einfach. Beide Ideologien dienten dem Auf- und Ausbau von Macht und Einfluß im Arbeitsbereich und stärkten Widerstände gegen ein Realitätsbewußtsein von der Herausforderung, vor die sich Mathematiker gestellt sahen.
Seit den zwanziger Jahren gab die Quantenmechanik Anlaß zur Kontroverse um die 'Kopenhagener Deutung', die - der Auseinandersetzung zwischen 'Moderne und Gegenmoderne' (Mehrtens) der Mathematiker nicht unähnlich, auch nicht ohne Bezugnahme auf sie - ins 'Weltanschauliche' erhoben wurde: als Aussage über 'die' Realität und ihre prinzipielle 'Indeterminiertheit'. Max Planck (1858-1947), Albert Einstein (1879-1955), Erwin Schrödinger (1887-1961) waren bekanntlich die prominenten 'philosophischen' Gegner des Kopenhagener 'Weltbilds'; Erwin Madelung und später Louis de Broglie und vorallem Felix Böhm lieferten technische Alternativen, die die 'weltanschauliche Revolution' eigentlich hätte relativieren können: James T. Cushing folgerte in einer neueren Arbeit: "einmal mehr scheint es, als sei die Wissenschaft in der Verallgemeinerung zu weit gegangen"[15].

Mit der weltanschaulichen Bedeutungszuweisung wurde die Quantenmechanik ideologisch gleich doppelt in Dienst genommen: für Hegemonialansprüche und Durchsetzungswillen eines Fachgebiets und einer 'Schule' und zu individueller Selbsttäuschung über einen Realitätsverlust. Man täuschte sich darüber hinweg, daß sich dem Spezialisten das soziale Realitätsbewußtsein kaum in seiner Arbeit vermittelt, und das andere den Bedeutungsanspruch, den die Forscher mit ihrer Arbeit verbanden, nicht ohne weiteres anerkennen konnten. Die universelle Bedeutung der Ergebnisse war fraglich, die Ansprüche waren bedenklich.

Man erkennt Naturgesetzen universelle Gültigkeit zu. Daraus kann nicht folgen, daß diese Universalität für alle Menschen große Bedeutung hat. Der Gedanke der Ebenbürtigkeit, der 'Gleichheit von Natur' hat für alle Menschen große Bedeutung; solange wie unterjochte Menschen für gleiche Rechte streiten, mobilisiert der Gedanke der 'Nation'. Doch selbst dieses schöne 'Naturgesetz' verliert seine emanzipative Bedeutung, wenn historisch und kulturell verschiedene Gesellschaften jede für sich den Anspruch erheben, Nation zu sein.

Historisch ist freilich einsichtig, wie die bedeutungsvolle Universalität der Naturgesetze in der 'Säkularisierung'[16] angelegt ist. Der historische Weg von der 'Gotterkenntnis' zur 'Naturerkenntnis' war kein gerader Weg, weil die Gegner in ihrem Hegemoniestreben sich ideologisch zu unterminieren und zu vereinnahmen trachteten. Doch die 'Naturerkenntnis' erbte die Bedeutung. Sie öffnete den Zugang zu einer revolutionären Rechtsquelle 'Natur', sie bereitete - Dialektik der Aufklärung - den Weg zu den neuen autoritären Heilsquellen, zu Fortschrittsideologie und 'Weltbild-'Produktion. Am 'Weltbild' war der Fortschritt abzulesen und 'Weltanschauung' schien ebenso unersetzlich wie Religion. Das Ideologem Natur, kulturell und historisch schillernd und auratisch, verlieh Geltung und Autorität für und gegen theologische und weltliche Macht. Natur war archaische Legitimationsquelle für geordnete Investition und 'systemorientierte' Modernisierung, und zeitweilig kam den Naturwissenschaften unter statushungrigen technischen Eliten ein Führungsanspruch zu.

Die moderne Gegenbewegung gegen solche Überhöhung des Naturbegriffs lag vor dem Hintergrund der industriellen und sozialen Entwicklung auf der Hand: sie war voluntaristisch, konstruktivistisch, nominalistisch, 'dynamisch', 'Markt-konform', 'produktivistisch'. Sie verlegte die Quelle ihres hegemonialen Anspruchs aus dem Himmel und aus der 'Natur' in die Methode, in den Arbeitsprozess der Forschung. Sie berief sich auf Wahrnehmung, Erkenntnis und erkannte die theologische oder 'naturologische' Fixierung als das was sie - jedenfalls auch - bedeutete, als gesellschaftlich regulierendes Symbolsystem. Ernst Mach (1838-1916) hatte - empiristisch-reduktionistisch - 'zu Gunsten der Laborarbeit' aller 'Metaphysik' Absagen erteilt und mit Analyse der Empfindungen' (seit 1886) der Wahrnehmungspsychologie auf die Sprünge geholfen. Über das positivistische Protokoll hinausgehend, erschien Ernst Cassirers (1874-1945) Philosophie der symbolischen Formen (1923-1929) als ein nachhaltiger Versuch, die Gesellschaft auf nichts anderes als sich selbst zu verweisen.

Hans Kopfermann schien zeitlebens von der Überzeugung beseelt, daß das Besondere physikalischer Arbeit in der Natur-Erkenntnis liege. Anders als die Theoretiker-Kollegen Werner Heisenberg und Pascual Jordan hat er 'philosophisch' so gut wie nichts publiziert. Vielleicht im selbstkritischen Bewußtsein mangelnder Horizonte, vielleicht auch um eine liebgewonnene Natur-Vorstellung nicht zu gefährden. Die maßgebliche naturwissenschaftliche Zeitschrift Nature erschien noch bis 1936 unter dem Motto

"To the solid ground of Nature trusts the mind which builds for aye" (William Wordsworth 1770-1850).

Was war das für eine 'Natur', auf die Verlaß sein sollte? Was galt es über sie zu wissen? Die meisten ernsthaften Menschen seien heutzutage 'Wordsworthianer', meinte 1936 Kopfermanns Altersgenosse Aldous Huxley (1894-1963), die 'Natur' gälte als sichtbarer Ausdruck von 'Geist und Weisheit des Universums', eine Wanderung durch die Landschaft sei das Äquivalent des Kirchgangs. Ein idyllisches Mißverständnis:

"'Die Natur sei dein Lehrer', sagt Wordsworth. Ein ausgezeichneter Rat. Aber wie seltsam geht er selbst damit um? Anstelle bescheiden anzuhören, was der Lehrer zu sagen hat, verschließt er die Ohren und diktiert die Lehre, die er hören will. Der Schüler weiß es besser als der Lehrer, der Gläubige ersetzt das göttliche Orakel durch das eigene. Statt die Lehre aus der unmittelbaren Eingebung zu ziehen, verdreht er sie rationalistisch zu einer Predigt oder zu einer professoralen Vorlesung. Unsere unmittelbare Eingebung sagt uns doch, daß die Welt bodenlos furchterregend ist, fremd selbst da wo sie freundlich und schön ist; in unzähligen Seinsweisen, die nicht unsere sind, immer geheimnisvoll unpersönlich, unbewußt, unmoralisch; oft feindlich und finster; manchmal sogar unvorstellbar, weil unmenschlich, böse."[17]

Wäre es die Rolle der nach ihr benannten Wissenschaften, solche 'Eingebung' der Natur durch verläßliche Kenntnisse zu untermauern? Dazu wieder Huxley:

"Protokolle von Sinneswahrnehmungen (besonders von solchen, die sich zur zahlenmäßigen Beschreibung eignen) aufzunehmen, zu sammeln, zu verallgemeinern, Schlüsse aus ihnen zu ziehen und so aus ihnen ein logisch harmonisches Schema von Beschreibung und Erklärung zu konstruieren - das ist das Geschäft der Wissenschaft. Zur Zeit - das muß gesagt werden - gibt es es kein Schema, daß auch nur im begrenzten Bereich wissenschaftlicher Forschung alle Tatsachen harmonisch mit einander verbindet. Was im subatomaren Universum gilt, ist reiner Unsinn in der makroskopischen Welt. Mit anderen Worten, die Logik zwingt uns, aus gewissen Sinneserfahrungen einen Satz von Schlüssen zu ziehen und einen unvereinbaren anderen aus gewissen anderen Sinneserfahrungen."[18]

War der Anspruch aufgegeben, daß Natur, gemäß dem Wordsworth-Motto, den Geist zu ewigen Wahrheiten führe?

"Weniger laut, in der Tat, und weniger aufdringlich als in der Vergangenheit beanspruchen Wissenschaft und Logik noch immer, durch den Mund ihrer Berufsvertreter, zur Wahrheit hin zu führen. Dieser Anspruch läßt sich schwerlich rechtfertigen."[19]

Was den Berufsvertretern blieb, war eine 'Natur' die sich in der in Zahlen geronnenen Verläßlichkeit zahlloser Aussagen zu erkennen gab. Kopfermanns Interesse galt unverkennbar einer 'Experimentierkunst', die 'Genauigkeit' produzierte, so sehr, daß die 'Meßergebnisse' oft genauer waren als Berechnungen nach Maßgabe theoretischer Modelle, und in so fern auch 'genauer als nötig'.

Genauigkeit und Präzision waren ideologisch längst nicht neutral. Der Mechaniker Brashear, der für Henry August Rowland (1848-1901) reflektierende Metallflächen herstellte, schrieb an seinen Auftraggeber unter dem 18.2. 1889:
"Ich wünschte mir, wir könnten von der Geldfrage absehen. Ich habe aus dieser Arbeit keinen Profit gezogen und werde aus ihr keinen ziehen, und möchte nur kein Geld dabei verlieren. Ich möchte höchste Präzisionsarbeit leisten und meine ganze Anstrengung richtet sich allein darauf, meine Arbeit auf den höchsten Standard zu bringen"[20]
Andrew Warwick hat die Frage nach dem Stellenwert von Genauigkeit auch mit der Entwicklung von Berechnungsverfahren in Verbindung gebracht.
"In meinem Essay habe ich versucht zu zeigen, daß die sozialgeschichtlichen Ursprünge der Exaktheit in den exakten Wissenschaften der Forschung zugänglich werden, wenn wir die Rechenpraxis für die starke Bindung zwischen mathematischer Theorie und experimentellen Daten als konstitutiv betrachten".[21]

Der ideologische Status der 'Präzisionsmessung' bleibt hier dahingestellt[22], ihr Bezug zur technischen Entwicklung und zum Fortschritt liegt auf der Hand, eine sportliche Note des Wettstreitens ebenso. Seit Adam Smith waren Gewinnstreben und ein ethisches Moment Grundpfeiler 'klassischen' Wirtschaftsdenkens, Stimulanz und Regulativ. Hatten Genauigkeit und Fairness im Reputations- und Gelderwerbszweig Wissenschaft eine ähnliche ideologische Funktion?


[1] Zu den Bedenken gegen den Begriff der 'Instrumentalisierung' vgl. William T. Lynch, "Ideology and the Sociology of Scientific Knowledge", Social Studies of Science, 24, 1994, S.197-227.

[2]Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Dialektik und Aufklärung, Neuausgabe Frankfurt (Suhrkamp) 1969.

[3]Hans Mayer, Außenseiter, Frankfurt (Suhrkamp) 1975, S.449 ff.

[4]Ebenda, S.447

[5]Zahlenangaben s. Meyers Lexikon 7te, 1925, 'Deutsches Reich'

[6]Joseph Rouse, "What are cultural studies of scientific knowledge", Configurations 1, 1992 S.1-22

[7]Vgl. John R. Baker, Freiheit und Wissenschaft, Bern (Francke) 1950

[8]Gert Hortleder, Das Gesellschaftsbild der Ingenieure, Frankfurt 1970; Eugen Kogon, Die Stunde der Ingenieure, Düsseldorf 1976; Karl Heinz Ludwig, Technik und Ingenieure im 3.Reich, Düsseldorf 1979; Jeffrey Herf, Reactionary Modernism: Technology, Culture and Politics in Weimar and the Third Reich, Cambridge 1984

[9]Paul Forman, "The financial Support and Political Alignment of Physicists in Weimar Germany", Minerva 12, No.1, 1974, S.39

[10]Klaus Erich Pollmann, "Die nationalsozialistische Hochschulpolitik und ihre Wirkungen in Braunschweig" in Walter Kertz Hg., Technische Universität Braunschweig..., Hildesheim (Olms) 1995 notiert zur Parteimitgliedschaft der Hochschullehrer 1932 (S.451): DVP 20, SPD 10, DNVP 8, DDP 4, NSDAP 4, Zentrum 1;

[11]Fritz Ringer, The Decline of the German Mandarins. The German Academic Community, 1890-1933, Cambridge/Mass 1969, S.129

[12]Vgl. Herbert Döring, Der Weimarer Kreis. Studien zum politischen Bewußtsein verfassungstreuer Hochschullehrer in der Weimarer Republik. Meisenheim (Hain) 1975

[13]Herbert Mehrtens, Moderne-Sprache-Mathematik. Eine Geschichte des Streits um die Grundlagen der Disziplin und des Subjekts formaler Systeme, Frankfurt (Suhrkamp) 1990, besonders Kap. 5: "Die Modernisierung der Mathematik um 1900".

[14]Einen konkreten Eindruck von jenem Anschaulichkeitsideal gewinnt, wer heute das Göttinger Institut betritt. Eine Unzahl von Modellen mathematischer Funktionen lagern in Vitrinen im Foyer.

[15]"Once again, it seems, science made an overgeneralization". James T. Cushing, Quantum Mechanics. Historical Contingency and the Copenhagen Hegemony, Chicago 1994; zur Debatte um eine 'Milieubedingtheit' der Quantenmechanik vgl. neuerdings: Karl von Meyenn Hg., Quantenmehaik und Weimarer Republik, Braunschweig (Vieweg) 1994

[16]Der Begriff verweist auf eine Geschichte der 'longue durée' und auf philosophische Horizonte: vgl. Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt (Suhrkamp) 1966

[17]"Wordworth" in Aldous Huxley, Do what you will, London, Watts, 1936, S. 93 ( Bd 56 der 'Thinker's Library' "Do what you will, this world's a fiction / And is made up of contradiction, William Blake)

[18]"One and many", Ebendort, S.3

[19]Ebendort, S. 4

[20]The Rowland papers, zitiert nach George Sweetnam, Precision implemented: Henry Rowland, the concave diffraction grating and the analysis of light; Im ersten längeren Gespräch, das wir miteinander hatten ('Vordiplom-' Prüfung Mai 1956) fragte Hans Kopfermann: "Ein Physiker muß Zahlen wissen, was schätzen Sie, wieviel Striche pro cm hat ein Rowlandgitter?"

[21]Andrew Warwick, The... S.344

[22]Zum Thema Genauigkeit Vgl. auch M. Norton Wise ed., The values of precision, Princeton, Univ.press 1995. Darin Kathryn M. Olesko, "The Meaning of precision: Exact sensibility in early nineteenth-century germany". Simon Schaffer, "Accurate measurement is an English science".

 

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