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I. VERSCHIEDENE BESTIMMUNGSSTÜCKE 1895-1933

Es ist im Folgenden von Verschiedenem die Rede, was die Quellenlage aufzuzeigen gestattet oder die Bücher wiedergeben, und was die Umgebung bildete und einen Menschen berührte, der 1895 in einem Dorf bei Wiesbaden zur Welt kam und zu Beginn des Jahres 1933 mit einem amerikanischen Stipendium in Kopenhagen arbeitete. Er war 19 Jahre alt, als er in den Krieg zog. Er überlebte und in den folgenden 14 Jahren traf er auf Leute, mit denen er sich verständigen und auf Verhältnisse, in denen er sich zurechtfinden und arbeiten konnte. Mit 38 Jahren hatte er ein gewisses Ansehen und einen Horizont, den die folgenden Bestimmungsstücke erschließen sollen. Der Autor muß sich allerdings hüten, aus dem, was passierte, geraden Wegs auf das zu schließen, was wahrgenommen und verarbeitet wurde. Das Ausmaß in dem der Krieg wirkte und nachwirkte, ist kaum zu überschätzen. Aber dann fällt besonders auf, wieviel die Umgebungen oder die 'Eliten' und Personen, um die es hier geht, der Republik verdanken, den Freiräumen, die mit der Revolution verfassungs- und verwaltungsmäßig geschaffen wurden. Aus denen jedoch in der Regel kein Bollwerk der Demokratie entstand. Nicht einmal eine höhere politische Sensibilität oder ein Abbau von Ressentiments.

Das Ende vor dem Anfang: Krieg und Freikorps

Noch bevor er zur Schule ging, erfuhr der im dörflichen Pfarrhaus von Breckenheim bei Wiesbaden aufwachsende Hans zum erstenmal Todesschrecken und elementare Angst; Auslöser war der starre Blick einer Greisin im Halbdunkel einer Bauernstube[1]:

"Mit einem Schrei sprang ich auf und hatte nur den Drang, aus dem Spuk heraus zu kommen. Weinend barg ich draussen meinen Kopf in die Schürze unseres verwunderten Dienstmädchens."

Kaum erwachsen, haben Fronterlebnisse den freiwilligen Infanteristen und späteren Logistik-Offizier in vorderster Linie von 1914 bis 1918 bleibend geprägt. Aus dem Überlebenden wurde kein 'Metaphysiker des Krieges', wie der Altersgenosse und Autor der Stahlgewitter[2], auch kein Theologe wie der drei Jahre ältere Martin Niemöller. Eine lebenslange Auseinandersetzung mit sich selbst lief mit dem Handicap der Kriegserlebnisse nach einer inneren Logik, die, so wird hoffentlich zu zeigen sein, der äußeren einer wissenschaftlichen Karriere nicht erlag, und die eine wie die andere waren ebenso gesellschaftlich wie individuell geprägt.

Der Elberfelder Pfarrerssohn Martin Niemöller äußerte lange Zeit eine katastrophal leichtfertige und voreingenommene und umso fester behauptete Meinung zur Vergangenheit, die er 1935 in hoher Auflage (60 000) drucken ließ, was ihm um dieselbe Zeit, und weil er sich Menschrechte und (Kirchen-)Freiheiten verletzenden Verordnungen öffentlich widersetzte, zur zweifelhaften 'Ehre' verhalf, kein gewöhnlicher, sondern 'des Führers persönlicher Gefangener' zu werden:
"Dann kam der Krieg mit seiner ehrlichen Begeisterung und dem Aufbrechen aller guten, vaterländischen Instinkte; es kam die große Enttäuschung, daß wir über eine schlagkräftige Flotte verfügten und sie nicht zum Einsatz brachten; es kam die Zeit des zähen, erbitterten Ringens gegen einen übermächtigen Feind; es kam das Abebben der physischen und seelischen Widerstandskräfte unseres Volkes, und wir jungen Leute machten alle diese Wandlungen mit durch, ohne uns dessen recht bewußt zu werden. Ich bin bei allem Grauen des Krieges mit sehr großer Selbstverständlichkeit und ohne eine Erschütterung, die mich in der letzten Tiefe meiner Seele gepackt hätte, hindurchgekommen; wenn ich auch nicht verschweigen will, daß die bange Frage nach der Zukunft unseres Volkes im Fall einer Niederlage mich in den Zeiten der Ruhe und des Urlaubs beständig bedrückt hat. Die Erschütterung, die endlich die Grundfesten meines Wesens und Daseins ins Wanken brachte, so daß ich eine Klärung und Entscheidung für meine Person vollziehen mußte, das war erst die Revolution, die kein Umbruch, sondern ein Zusammenbruch war! Damals versank mir eine Welt" [3].
War es nicht umgekehrt, waren nicht die 'Grundfesten des Daseins' im Krieg erschüttert worden und wurde nicht die verbotene Erschütterung mit der vermeintlichen der Revolution verwechselt und die Gefühle verschoben? Das Kriegstrauma und das des Zusammenbruchs der monarchistischen Ordnung wurden abgewehrt. Die Revolution lieferte die wahnhafte Geschichte mit der ein realitätsgerechter Neuaufbau des Selbstbewußtseins erst einmal hinausgeschoben wurde. Martin Niemöller entschied sich für den Beruf des Pfarrers:
"Das künftige Schicksal des Volkes lag bei der Familie, bei Schule und Kirche als den Quellorten schöpferischer Lebenskräfte eines Volkes! ... Und wenn ich einen wirklichen Beruf haben wollte, so konnte es nur einer sein, der die Möglichkeit, an einer ernsthaften Erneuerung unseres Volkes mitzuwirken, offenließ oder in sich schloß"[4]

Anders als Niemöller, der, U-Boot-Kommandeur, im November mit wehender Kriegsflagge in den Kieler Hafen eingelaufen war, hatte Kopfermann als Ordonanzoffizier beim 19. bayrischen Infanterieregiment einen Rückzug aus Belgien erlebt, der die erschöpfte Truppe extreme Nahrungs- und Versorgungsnöte durchleben ließ. Diese Erfahrung, die die 'Frontkämpfer' gegen den Rest der Welt aufbringen mußte, erzeugte, wie er später schrieb, eine nachhaltige Kluft. Sie verband untereinander und machte den Rückzug zu einem äußerst disziplinierten, was der Legende von einer 'ungebrochenen Kampfkraft' Vorschub leistete[5].

In der offiziellen Regimentsgeschichte von 1930[6] hieß es dazu:
"unsere Division konnte beim Abmarsch das stolze Bewußtsein mitnehmen, alle Bemühungen des Feindes auf dem Ostufer der Schelde dauernd festen Fuß zu fassen, verhindert zu haben"
Am 11. November 1918 endeten die 'Rückzugskämpfe vor der Antwerpen-Maaß-Stellung und es begann die 'Räumung des besetzten Gebiets' und der 'Marsch in die Heimat' . Am 22. November überquerte das Regiment die deutsche Grenze ("Wie zogen wir aus und wie kamen wir heim!"). Lichtenbusch, Dürwiß, Stammeln-Oberaußem, Köln-Nippes, Opladen, Schwelm-Leh waren die Stationen, bis die Heimkehrer am 14. Dezember "unter den Klängen der Regimentsmusik und dem Jubel der Bevölkerung" in die Erlanger Kaserne einzogen. 'Optimistisch' schließt die Chronik: "Einst werden in glücklichen Tagen die Regimentsmusiken eines größeren und freieren Vaterlandes einer neuen Jugend mit unserern alten Märschen vorausziehen". Ähnlich tönte es aus dem von 1929 bis 1939 erschienenen 'Nachrichtenblatt des Traditionsverbandes' Der Neunzehner, u.a. anläßlich des 40 jährigen Regimentsjubiläums, das 1930 in Erlangen gefeiert wurde (Redner Stadtvikar Trillhaas, Stadtpfarrer Schübel, München, Professor Reinmöller) Das Regiment bestand aus 3 Bataillonen zu 4 Kompanien, die Batallionsstärke sank von 1050 Ende September 1915 auf 850 Mann im November 1917. 64 Offiziere und 2353 Gemeine wurden getötet. In Gefangenschaft gingen 22 Offiziere und 998 Soldaten. Mit allen Verwundeten zählte das Regiment 11 179 Ausfälle, das heißt es wurde im Ganzen etwa dreimal 'erneuert'. Kommandeure waren Max Drausnick, Oberst, der im Februar 1916 starb, vorübergehend Staubwasser, ab September 16 Schuster, dann Berg, alles Generalleutnante, und ab April 18 Melchior, Major. Am 7/8 August 1914 schrieb Eva Marie Kopfermann zusammen mit ihrer Tochter Else aus Erlangen an ihren Mann in Caub eine Postkarte mit einem Gruppenfoto von 30 jungen Uniformierten in gestellter Haltung, meist mit Mütze oder Helm, zwei mit Geige, ein erhobener Bierseidel, Hans Kopfermann barhäuptig, mit geschorenem Kopf: "Unser Kriegsfreiwilligenzimmer in Erlangen":
"Hier präsentiere, nein stelle ich Dir unsern Sohn vor; ein richtiger Musketier. Er ist so vergnügt und gefräßig, ißt alles auf einmal auf. In 14 Tagen meint er, gehe es hinaus, gestern ging wieder ein Trupp fort. Die Soldaten mit denen ich fuhr, sagten mir, die Kriegsfreiwilligen kämen nicht vor den Feind, wohl zur Besetzung von erobertem Land. Wie steht es überhaupt draußen? Ich sehe nichts und höre nichts. Verwundete sind genug hier, auch schwer. Franzosen...Gestern Mittag wurden wieder 600 Mann vom Exerzierplatz weg verladen. Lauter Reserve..., darunter auch die besten Kriegsfreiwilligen, die alle schon vor die Front kommen sollen, so hieß es".
Die indirekt zum Ausdruck kommenden Ängste um den Sohn waren nur zu berechtigt. Wenige Tage später wurde Kopfermann dem Erlanger Ersatzbataillon zugeteilt und im Oktober kam seine Truppe an die Front. Die Verbindung nach Hause beschränkte sich vermutlich auf gelegentliche 'Lebenszeichen'. Nach den ersten vier Monaten schickte der todesmutige Infanterist das letzte Foto aus der Garnison an seine Berliner Cousine Almuth Kiehl, als wollte er sagen: "So könnt ihr mich in Erinnerung behalten":
"Fastnacht Dienstag, den 16. II. 15 / Liebe Ali! Vielen Dank für Deine Karte. Hier schicke ich Dir ein Bild von unserem Ausmarsch am 28. Oktober 1914. Weißt Du, daß Walter nur Stunden von unserem Winterlager weg ist? Leider darf man nicht einfach auskratzen, sonst wäre ich längst mal in Vigneulles gewesen. Dir, Onkel und Tante und sämtlichen Cousinen viele Grüße, Hans."
Der Soldat Kopfermann war einer von 10 Freiwilligen, die zur 1. Kompagnie des 1. Bataillons stießen, 4 kamen zum gleichen Zug. Im oben erwähnten 'Album' notierte er unter einem Foto der vier 'Saurekruten':
"Gabler +18, Lades +18, Konrad, ich: Lades fiel neben mir, als wir siegreich Kapaume durchschritten, am 25.3. 18 durch eine deutsche Granate".
Kompagnieführer waren Alfons Steichele, Oberleutnant, und ab 1916 der Reserveleutnant Weisemann. Bataillonskommant Wehner, Major, dann Kretzer, Hauptmann. Über Steichele schrieb Kopfermann in den `Lebenserinnerungen':"Der einzige Mensch, mit dem ich es schwer hatte..." ein "g'scheerter". Weisemann war Gymnasiallehrer "mit Landsknechtsallüren". Im ersten Kriegsjahr an der Woevre in der Lorraine starben etwa 55 der ca 250 Kompagnie-Kameraden. Kopfermann hat den ersten Angriff und dabei vier Tode in seiner unmittelbaren Nähe beschrieben. Er wurde schließlich Zugführer und nach zweimonatiger Offiziersausbildung in Munsterlager im Herbst 1915 Vizefeldwebel[7]. Nach einer mißglückten Stoßtrupunternehmung maßregelte ihn der Regimentskommandeur:
"Habe ich Ihnen befohlen, Verwundete zu bergen oder einen französischen Gefangenen zu machen?... Ich werde Sie nicht vor ein Kriegsgericht stellen. In einer solchen Lage braucht man härtere Kämpfer als Sie einer sind, ich hätte das gleich wissen müssen."
Aus den Fotos im 'Album' ist zu erkennen, daß er mit Friedrich Otto Wagner, genannt 'Peperl' und mit Bernhardt, genannt 'Sammet', besonders befreundet war. Vielleicht auch mit Faatz. Kopfermann ist übrigens häufig mit Gitarre abgebildet. Dann begann Ende Juni 1916 die allierte Offensive an der Somme, die den Zweck hatte, Verdun zu entlasten, die Engländer hatten die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und alle Reserven unter dem Kommando von Douglas Haig mobilisiert. Tatsächlich wurde Ende August auch das '19te bayrische' zur 'großen Schlacht' abgezogen. 'Peperl' und 'Sammet' starben Anfang September, der eine bei Roquigny, der andere bei Ginchy. Auch Faatz wurde getötet und Weiler, ein Vizefeldwebel wie Kopfermann. Von den Kämpfen um Ginchy am 8. September schrieb Kopfermann, daß seine Kompagnie mit nur 20 Mann und ihm als einzigem Führer zurückkam. Ab 15. September setzten die Briten die ersten 'Tanks', ein. Die Schlacht dauerte bis in den November und forderte eine halbe Million Tote auf jeder Seite.
"Vor allem hatte das monatelange Festhalten der einzigen Verteidigungslinie, zu dem sie durch den Mangel eines ausgebauten Stellungssystems gezwungen waren, auch die moralischen Kräfte der Truppen allzusehr beansprucht"[8]
Hier Kopfermanns Beschreibung einer typischen Kampfhandlung nach mehr als 40 Jahren. Ein Beleg, wie quälend die Vergangenheit wirkte und das Ausdrucksvermögen einschränkte?
"Das Grabenaufrollen gehört zu den gefährlichsten Kampfweisen des Stellungskrieges. Es ist schlechthin ein Duell Mann gegen Mann mit tödlichem Ausgang für einen der beiden Partner, wenn nicht für beide. Ein gutes Auge, ein schnelles Reaktionsvermögen, verbunden mit eiskalten Nerven gehört dazu. um Sieger zu bleiben. Meist kommt es auf Bruchteile einer Sekunde an, um die man dem Gegner voraus sein muß, damit man ihm die Handgranate richtig vor die Füße wirft oder ihn abschießt, ehe er Gelegenheit hat, das gleiche zu tun. Alles spielt sich innerhalb von 30 Metern ab, wo jeder Schuß ein Treffer und meist ein Kopfschuß ist."[9]
Der Überlebende wurde zum Reserveleutnant befördert und zu Weihnachten auf Urlaub geschickt[10]. Kommentar unter einer Fotografie: "Es ist erreicht: Kavaliersurlaub in Caub". Nach der Rückkehr zur Truppe wurde er Offizier beim Regimentsstab, zuständig für den Nachschub und nach einem fünftägigen Lehrgang bei der Heeresgasschule in Berlin Mitte März 1917 auch der Gasoffizier des Regiments. Den Stab bildeten der Kommandeur mit dem Adjutanten, Regimentsarzt, Gerichtsoffizier, Nachrichten- und Minenwerferspezialist, Nachschuboffizier, etwa 50 Mannschaften und Unteroffiziere mit 19 Pferden. Bildunterschriften im 'Album' dokumentieren die Tätigkeit des `Schubo':"Die Stützpunktlinie wird ausgebaut; der erste Betonklotz in 'Starnberg'; unter Brüdern nach damaligen Preisen 35 000 Mark wert". Oder:"Die berühmten Panzertürme, die mir mein ganzes Feldbahngleis kaputtgemacht haben" Oder auch: "Mein Bockelbähnchen" unter dem Abbild einer Feldbahn bei dem "lieben Nest Fournes, in dem ich viereinhalb Monate als 'Teppichroller' (Schubo, Gaso) tätig war". Der größere Verband, dem das Regiment angehörte und dem Kopfermann als Ordonnanzoffizier diente, wurde zeitweilig die 'Sandsackdivision' genannt, weil sämtliche Verteidigunganlagen auf moorigem Grund über der Erde lagen. In der `Frühjahrsoffensive' 1918 war der Regimentsstab in einem Loch in vorderster Linie unweit von Bucquoy versammelt, als eine Granate den Kommandeur (v. Berg), den Artillerieoffizier und `einige Ordonanzen' tötete: "Nur der Adjutant und ich blieben äußerlich unverletzt" Kopfermann trug eine Schwerhörigkeit auf dem linken Ohr davon. Danach kam die `Kemmel-Offensive' und vier Wochen später der Angriff über Le Chemin des Dames. Im Juli waren die Amerikaner kriegsentscheidend zur Stelle.

Zeigte das Album bis zur Sommeschlacht Bilder der `Kameraden', so enthält es später, der neuen Aufgabe entsprechend, vor allem Fotos von Bauwerken, Verteidigungsanlagen und Zerstörungen in Städten und Dörfern. Im Ganzen macht es den Eindruck eines privaten Friedhofs, eine Ahnung von Alpträumen entsteht, aber genau so gut erscheint es als Beweisstück emanzipativer Erinnerung.

Niemöller lebte auf Jahre hinaus mit katastrophalen 'Notlügen', mit einem wahnhaften Verhältnis zu Politik und Gesellschaft. Hans Kopfermann war davon nicht frei, aber vieles deutet darauf hin, daß ihm der Aufbau von Realitäts- und Selbstbewußtsein eher gelang. Er wurde kein Theologe, und wenn wissenschaftliche Arbeit auch einen ähnlich autoritären Fixpunkt lieferte: die Menschen, mit denen er zu tun hatte, verwiesen auf eine etwas andere Ich-Konstitution, vielleicht mit Bezug auf ähnlich traumatische Kriegserfahrungen. Allerdings, eine merkwürdige Vorstellung vom 'alten Frontsoldaten' hielt sich offenbar bis in die späten Jahre:

"Es ist der Begriff der Kameradschaft im Kriege so viel gepriesen worden. Was Kameradschaft wirklich bedeutet, haben wir erst gelernt, als sie nicht mehr existierte. Die Jungen, in entbehrungsreichen Jahren ohne väterliche Autorität aufgewachsen, liefen bis auf Ausnahmen davon oder liessen sich fangen. Sie waren nicht bereit, um des tapferen Nachbarn willen auszuhalten, sie wollten nur ihren Kopf retten, gleichgültig, was den Kameraden nebenan geschah. Woher sollten sie auch von dem Zusammenhalten der alten Frontsoldaten wissen, da sie nicht die Zeit hatten, sich in die Frontgemeinschaft hineinzuleben. Sie wußten nicht, wofür sie kämpfen sollten. Wir wußten es ja auch nicht mehr, wir hielten aus, weil ein anständiger Kerl eine Sache, für die so viele Opfer gebracht worden waren, irgendwie anständig zu Ende bringen muss".[11]

Väterliche Autorität sollte dafür zuständig sein, daß ein junger Mensch nicht davonläuft? Ein `anständiger Kerl' sollte eine derartige `Sache' wie diesen Krieg `anständig' zu Ende bringen?

Jean Giono, ein gleichaltriger, der auf der Gegenseite 'im Feld' stand, schrieb 1934 in der Zeitschrift 'Europe' "Je ne peux pas oublier" (Ich kann nicht vergessen):

"Ich kann den Krieg nicht vergessen. Ich wäre froh, Ich könnte es. Manchmal vergehen zwei, drei Tage ohne daß ich daran denke und dann steht er plötzlich wieder vor mir, ich fühle ihn, ich höre ihn, und ertrage noch immer das Leid. Und ich habe Angst. Heute neigt ein schöner Juli-Abend dem Ende zu. Die Ebene unterhalb ist ganz rot geworden. Das Korn ist reif. Die Luft, der Himmel, die Erde sind unbewegt und ruhig. Zwanzig Jahre sind vergangen. Und seit zwanzig Jahren ist der Krieg trotz Leben, Leid und Glück nicht abgewaschen. Noch immer sind die Schrecken dieser vier Jahre in mir. Ich bin gezeichnet. Alle Überlebenden sind gezeichnet. Ich war vier Jahre lang Soldat zweiter Klasse bei der Infanterie, in einem Gebirgsjägerregiment. M.V., mein Hauptmann und ich, wir sind fast die einzigen Überlebenden unserer anfänglichen 6. Kompanie. Wir haben les Eparges, Verdun-Vaux, Noyon-SaintQuentin, Le Chemin des Dames, den Angriff auf Pinon, Chevrillon, Le Kemmel mitgemacht. Die 6. Kompanie wurde hunderte von Malen wieder aufgefüllt. Die 6. Kompanie war in der 27 Division wie ein kleiner Topf, wie ein Kornscheffel. Wenn der Scheffel leer war, wenn nur noch wenige Männer übrig waren, nur noch ein paar Körner in den Ritzen, füllte man ihn mit frischen Menschen wieder auf. So hat man die 6. Kompanie hundert und nochmal hundert Mal aufgefüllt. Und hundert mal hat man sie in die Mühle geworfen. V. und ich, wir sind von alldem die letzten noch Lebenden. Ich möchte, daß er diese Zeilen liest. Er dürfte am Abend das gleiche tun, wie ich: versuchen, zu vergessen. Er wird sich auf die Terasse setzen und er wird auf den grünen Fluss schauen, der sich durch die Pappelwälder schlängelt. Aber alle zwei drei Tage wird er wie ich, wie wir alle, leiden. Und wir leiden bis ans Ende unserer Tage".[12]

Für Hans Kopfermann hatte die 'Ablösung' vom Krieg nach der förmlichen Entlassung am 15. Januar 1919[13] kaum begonnen, als er zum 'Freikorps Epp' stieß und bald darauf für 'Law and Order' und die neue Reichsregierung 'München eroberte'. An vielen Universitäten wurde im Frühjahr 1919 für den 'Grenzschutz Ost' und die militärische Unterdrückung des 'Bolschewismus' - eine sehr summarische Bezeichnung für die politisch unterschiedlichsten Strömungen - geworben. Nicht zuletzt die ordnungsgemäße Besoldung (monatlich 280 Mark?) war für viele 'Heimkehrer' eine Attraktion. Im Tagebuch der `Meldestelle' in Ohrdruf/Gotha (am späteren Ort eines Konzentrationslagers) steht unter dem 3.April 1919:

"Ankunft Erlanger Studenten, meist Offiziere, die der Offiziersabteilung beziehungsweise Batterie zugeteilt werden. Transport und Bekleidung vom Bahnhof zur Kammer. Nachmittags kam Delegierter Scharrer an und berichtete. Lt. Hartmann ... Offizier Saalfeld teilte mit, daß bayrische (Autoritäten?) Mannschaften, die zu uns kommen wollen, Ausweise abnehmen und verhaften wollen. Bayern sucht systematisch jeden Zufluß abzuschneiden. Wetter: teilweise bewölkt, wärmer."[14]

In der Liste der Angeworbenen erscheint an eben diesem bewölkten 3. April als Nr. 70 "Hans Kopfermann, Lt. d.R., Inf. 19, Patent vom 18.10.14". Vom gleichen Regiment auch Kurt Beulich, Adolf Hermann, Albrecht Schübel, Friedrich Fleischer, Fritz Hammelmann[15]. Im Münchener Kriegsarchiv werden sowohl Anfragen an die Meldestellen, wie Kündigungsschreiben aufbewahrt. Besondere Motive sind selten, der ein oder andere patriotische Satz häufiger. Hier das etwas ausführlichere Schreiben eines Reserveleutnants, stud. ing. und rer. nat. (H. Praun) aus Nürnberg vom 10. April 1919:

"An den Grenzschutz Ost, Freicorps, Franz von Epp / Auf meine Anfrage hin erhielt ich das Antwortschreiben vom Anfang des Monats. Ich hoffe trotz der großen Schwierigkeiten von seiten meines Truppenteils, die mir bei einer Meldung beim Grenzschutz Ost in den Weg gelegt werden, in den nächsten Tagen die nötigen Papiere beisammen zu haben. - Vom Ende des Monats stehe ich Ihnen auf alle Fälle zur Fügung. Ich erwarte Nachricht ob Sie mich brauchen können. Ein Telegramm genügt sicherlich, um mich beim Truppenteil sofort zu melden. Ich stand drei Jahre als Kompagnieführer im Felde, leitete in ... verschiedene Ausbildungskurse. Ich erkrankte Ende 18 in der Türkei an Typhus und Malaria und nahm nach meiner Genesung mein Studium als Naturwissenschaftler wieder auf. - Zur Zeit arbeite ich auf mein Schlußexamen , werde aber, wenn Sie mich brauchen können, sofort mich bei Ihrem Truppenteil melden".

Die 'Reichsaktion' gegen das 'rote München', gegen die Räterepublik, Ende April/Anfang Mai wurde die bis dahin größte militärische Operation des Bürgerkriegs. 557 Menschen kamen ums Leben, viele bei schrecklichen Greueltaten[16].

"Das Entsetzen, daß diese Exzesse in der ganzen deutschen Presse hevorrief, wurde dabei von den meisten Freikorpssoldaten, auch den an den Verbrechen unbeteiligten, à conto des verweichlichten Bürgertums geschrieben. 'Krieg ist Gewalt', sagte der Führer der Sturmkompagnie der Brigade Ehrhardt zu diesen Ereignissen, 'Bürgerkrieg ist Gewalt in höchster Potenz. Mäßigung ist Dummheit, nein, sie ist Verbrechen am eigenen Volk und Staat... Wir wissen, was uns blüht, wenn dieses Gesindel ans Ruder kommt, man wird uns die Kehle durchschneiden und den Schädel einschlagen, wie mans in München mit den Geiseln machte. Gut! Wir versprechen Euch genau so zu behandeln'". [17]

Hans Kopfermann hätte Grund gehabt, sich zu fragen, welches 'Gesindel' in den eigenen Reihen und auf der Seite der Repression stand. Viel mehr als der 17-jährige Werner Heisenberg, der aus dem Wehrsportverein seiner Schule zu einem der Freikorps stieß und die patriotische Leidenschaft zum erstenmal ausagierte, hat Kopfermann spüren müssen, daß der Aufmarsch der 'Frontkämpfer' im Bürgerkrieg jedenfalls alles andere war, als 'fair'.

Seine Rolle 1919 war ganz dazu angetan, bei späterer Gelegenheit den Verfechtern militärischer Repression mit Mißtrauen zu begegnen und ihn.für die Anwendung anderer Mittel gegen tatsächliche und angebliche Bolschewismen zu gewinnen. Wenn man einer späteren Äußerung Glauben schenken will[18], waren es vor allem die politischen Morde der Truppe , die ihn veranlaßten, sich bald von ihr zu verabschieden. Wann - geht aus einer Postkarte mit dem Abbild des Freikorpskämpfers im ovalen Ausschnitt an jene Cousine Ali (Almuth Kiehl) hervor, der er 1914 seinen 'Ausmarsch' mittgeteilt hatte:

"München, 25.5.19 / So sehe ich also nach 4 1/2 Jahren Krieg wieder aus und mit mir ein Haufen Kavaliere. Dank für Deinen Geburtstagsbrief und das Bild. Wie nett, Daß Du an so was denkst. Ich weiß Anderleute Geburtstage nie. Am 1.6. gehts wieder nach Erlangen zum Studium. Herzliche Grüße, Vetter Hans / Abs. Kopfermann Lt.d.Res., 1. bayr. Schützenregiment, 4te Kompagnie."

Als die Nationalsozialisten später 'Frontkämpfer' privilegierten, galten 'Freikorpskämpfer' als besonders verdient. Zu den 'ehemaligen' der 'Brigade Erhard'[19], die zusammen mit dem Freikorps Epp antrat, zählte Wilhelm Canaris (1887-1945), später Admiral der Reichswehr und ab 1935 Chef der militärischen Abwehr. Franz Epp kommandierte als Reichswehroberst die Brigade 21 und sein Untergebener Erich Röhm bewaffnete in Bayern die 'Einwohnerwehren' und nutzte, auch gegen Epps Willen, die Reichswehr für die NSDAP. Epp machte politisch Karriere, wurde Ende 1923 Vorsitzender des 'Bundes Bayern und Reich' und 1924-1926 des 'Notbanns Epp' militanter (rechter) Republikaner, bevor er auf den fahrenden Zug der Hitler-Partei aufsprang.

Niemöller wurde demobilisiert, heiratete und unternahm einen sommerlichen Versuch als angehender Landwirt, entschied sich dann zum Studium. Im Frühjahr 1920 verpaßte er zwar die Gelegenheit Kapp's Putsch zu retten, aber der Kapitänleutnant konnte mit der Münsteraner Akademischen Wehr in den Bürgerkrieg ziehen und im Ruhrgebiet seine Gegner suchen:
"im Industriegebiet wurde die 'rote Republik' ausgerufen und das Tohuvabohu war da ... Überall, wohin wir jetzt kamen, wurden wir als Befreier aus der Hölle des Bolschewismus begrüßt: und schlimm genug hatten die Spartakisten gehaust..." [20]

Hans Kopfermann begann den Abschnitt 'Bürgerkrieg' seiner 'Lebenserinnerungen' mit dem Hinweis auf die schon erwähnte 'Kluft':

"Eigentlich fing der Bürgerkrieg für uns schon in Belgien an ... Der Ausbruch der Revolution machte die Kluft unüberwindlich. Die Etappe ging mit fliegenden Fahnen zu ihr über, die Front dagegen empfand die Revolution als Dolchstoß in ihren Rücken".

Mit 'fliegenden Fahnen' und 'Dochstoß' entschwindet die Authentizität des Schreibers. Aber wenn das Manuskript nach zwei Seiten abbricht, ist ein persönliches Moment wieder da. In einem zufällig also 'letzten Satz':

"In Wirklichkeit jedoch wollte jeder nach Hause, und es lag im Wesen des Feldheeres, daß es glaubte, dies am besten in der gewohnten Disziplin tun zu können"

Das 'ich' und das 'wir' verbergen sich auch hier noch hinter der 'strategischen' Wendung vom 'Feldheer' und die eigene und die Vernunft der anderen hinter dem mystifizierenden Begriff 'Wesen'. Der Autor war in wissenschaftlicher Präzision geübt und fühlte sich ihr verpflichtet. Er hatte das Werkzeug und die Worte für die literarische und historische Genauigkeit nicht ebenso parat[21].

In Der Weg zurück. Frontkameraden, der Heimat wiedergegeben, suchen den neuen Weg ins Leben[22] ließ Erich Maria Remarque einen der Weggenossen nach einer Begegnung mit gleichaltrigen Revanchisten und schon wieder kriegspielender Jugend sagen:

"Nächste Woche sind meine Ferien zu Ende, und ich muß wieder als Schulmeister aufs Dorf. Darauf freue ich mich direkt. Ich will meinen Jungen da beibringen, was wirklich Vaterland ist, ihre Heimat nämlich, und nicht eine politische Partei. Ihre Heimat aber sind Bäume, Äcker, Erde und keine großmäuligen Schlagworte. Ich habe mir das lange hin und her überlegt und gefunden, daß wir alt genug sind, eine Aufgabe zu haben. Dies ist meine. Sie ist nicht groß, das gebe ich zu. Aber für mich reicht sie. Ich bin ja auch kein Goethe".

Aus dem 'Bürgerkrieg' ging Hans Kopfermann den 'neuen Weg ins Leben'. Von Erlangen nach Göttingen zum Studium in Mathematik und Physik mit der Perspektive des Staatsexamens für Gymnasiallehrer. 1921 starb sein Vater.


[1]Vgl. Hans Kopfermann, Anfang der Lebenserinnerungen, polykopiertes Manuskript, Heidelberg 1963, 125 Seiten

[2]Ernst Jünger, geb. 1895

[3]Martin Niemöller, Vom U-Boot zur Kanzel, Berlin (Warneck) 1935, S.200

[4]Ebenda, S.150

[5]Vgl. Hans Kopfermann, loc.cit. Die 'Dolchstoßlegende' geht auf Erich Ludendorff zurück. Sie verschleierte, daß niemand deutlicher als er die Niederlage durch sein Verhalten zum Ausdruck gebracht hatte: er hatte sich nach Schweden abgesetzt, nachdem die Engländer am 8.8.1918 die deutschen Linien durchbrochen hatten und die 'Kaiserschlacht' (die wohl eher 'die seine' als die Hohenzollerns war) verloren ging.

[6]Hans Jäger, Das königlich-bayrische Infanterieregiment König Victor Emanuel III von Italien, München 1930 (Gemeinsame Publikationsreihe des bayr. Kriegsarchivs und des preußischen Archivs)

[7]Neben Kopfermann werden in der Regimentsgeschichte und im 'Album' als Zugführer und Offiziere der 1. Kompagnie zu verschiedenen Zeiten noch genannt: Erl, Görtz, Hörauf, Michaelis, Reuter, Roidl, Steinhard, Stillrich, Weiler, Ziegler

[8]Meyers Lexikon 7te, 1929 "Sommeschlacht"

[9]Anfang der Lebenserinnerungen, S.102

[10]Wahrscheinlich war dieser Urlaub vom 12. bis 26. Dezember 1916 der erste überhaupt. Weitere Urlaubsdaten: 2.-16. 7. 17 ebenfalls nach Caub; 24.11.-9.12. 17 nach Bad Ems und Heidelberg; 6.-26. 7. 18 nach Bad Ems

[11]Anfang der Lebenserinnerungen, S.117

[12]Vgl. Jean Giono, Refus d'obéissance, 20te Paris (nrf gallimard) 1937

[13]Dokumente der Personalakte im Münchener Kriegsarchiv: Unter dem 22.1.19: "Ich erkläre hiermit, daß ich anläßlich meiner Entlassung Versorgungsansprüche nicht erhebe"; Vgl. a. einen späterer Vermerk (29.1.20?), daß ein Dokument aus Erlangen zur Versorgung Patent Nr. 53 dem 'Dienstmädchen' in der Wohnung Nikolausberger Weg 25 in Göttingen übergeben wurde

[14]Kriegsarchiv München, Schützenbrigade 21 Bd 1, Akt 1a

[15]Kriegsarchiv München, Schützenbrigade 21 /221 Schützenkorps Epp, Liste der in Ohrdruf und Ulm angeworbenen Offiziere, S.11

[16]Am 17 April fand im Reichswehrtruppenkommando I in Berlin unter der Leitung von Reichswehrminister Noske die entscheidende Besprechung statt. Dem kommandierenden General des XXI. Armeekorps, Oven, Generalleutnant, wurde der Oberbefehl über die in Bayern einzusetzenden Truppen übertragen. Die gliederten sich in vier Gruppen: 1) Deetjen, Oberst, mit der Gardekavallerieschützendivision, dem Freikorps Lützow und der Marinebrigade Ehrhardt 2) Friedeburg, Generalleutnant, mit der zweiten Gardedivision, dem hessich-thüringisch-waldeckschen Freikorps unter Konatzky, Oberst, und dem Freikorps Görlitz des Oberstleutnants Faupel; 3) Haas, Generalmajor, mit dem württembergischen Freiwilligenkorps, dem Detachement Bogendörfer, dem Freikorps Epp und dem Freikorps Schwaben; 4) Siebert mit kleineren bayrischen Einheiten. Vgl. Gerhard Schmolze, Revolution und Räterepublik in München in Augenzeugenberichten, Düsseldorf (Karl Rauch) 1969, S.326. Franz Ritter von Epp (1868-1951), Sohn eines Kunstmalers, war seit 1878 bei der Armee, hatte an der China-Expedition des Deutschen Reichs gegen die Boxer teilgenommen und am Kolonialkrieg gegen die Herrero 1904-1906, wurde im königlichen Bayern Kommandeur des Infanterie-Leibregiments. In einer (ns-offiziellen) Publikation von 1934 hieß es: "aber am furchtbarsten rast der Kampf im roten Giesing, wo das Korps Epp am 2. Mai eingerückt ist. Da kracht es aus den Fenstern, aus den Dachluken und aus den Kellerlöchern. da hämmert von der Mariahilfkirche das MG. Da tun Frauen Winkerdienste für die roten Schützen, da schießt man mit zerfleischenden Dum-Dum auf deutsche Brüder, da muß Artillerie eingesetzt werden gegen einzelne Feuer- und Tod-speiende Dächer, und ihre Einschläge fallen in den Giesinger Kirchturm und in das Pfarrhaus. ... um 1/2 4 Uhr am 2. Mai haben die ersten Vortrupen des Freikorps das Luitpoldgymnasium erreicht. Sie stehen vor den noch frischen Spuren des Geiselmordes. Sechs Tote und vierzig Verwundete haben die 'Weißen'. viel mehr, meist Tote, die 'Roten'. Allmählich wird es ruhig in Giesing. ... Am 5. Mai nimmt der Oberst von Epp am Odeonsplatz den Vorbeimarsch seiner Truppe ab. Zum erstenmal wieder seit dem November 1918 klirren die Fenster der Residenz unter dem Paradeschritt einer echten Truppe. Jubelnd steht Münchens Bürgerschaft an den Straßen, und ihr Jubel brandet um den Mann, der seit diesen Maitagen Bayerns volkstümlichster Soldat sein wird: um Franz von Epp" (Walter Frank, Franz Ritter von Epp, der Weg eines deutschen Soldaten, Hamburg, (hanseatische) 1934, S.88. Im Anschluß an die Einnahme Münchens wurde eine große Entwaffnungsaktion durchgeführt, am 11.5. verließen die nichtbayrischen Truppen die Innenstadt, die bleibenden wurden zur Reichswehrbrigade 21, deren Kern das Freikorps Epp bildete. Am 10.4.19 33 ernannte Hitler Epp, seit 1927 Mitglied der NSDAP und inzwischen Generalleutnant, zum Reichstatthalter in Bayern. Er war gleichzeitig Reichsleiter der NSDAP für das Kolonialpolitische Amt. Horst Nußer (Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933, München (Nusser) 1973 urteilte: "Epp hat sich besonders als politisierender Offizier in den Zeiten der Räterepublik und des Ruhrkampfes hervorgetan, teilweise als äußerst rücksichtsloser Mannschaftsführer. Die Beurteilungen seines Personalakts sind den politischen Ansichten seiner Vorgesetzten entsprechend ausgefallen". Nusser zitiert die positive Äußerung von Möhl und eine eher negative von Xylander.

[17]Hagen Schulze, Freikorps und Republik 1918-1920, Boppard (Boldt) 1969, S.98

[18]Mündliche Überlieferung durch Dieter von Ehrenstein, Gespräch Bremen, Mai 1995

[19]Aus der 'Brigade Erhardt' rekrutierte sich die berüchtigte 'Organisation Consul' vgl. Martin Sabrow, Der Rathenaumord. Rekonstruktion einer Verschwörung gegen die Republik von Weimar, München (Oldenbourg) 1994

[20]Martin Niemöller, loc.cit., S.177

[21]Früher und literarisch 'genauer' haben andere den Krieg, sein Ende und die Revolution beschrieben. Mitten im Krieg, 1916, schrieb der Kadett und Prinzenfreund Fritz Unruh (1885-1970) Opfergang, aber die Zensur verbot das Buch bis 1918. In Frankreich kam Henri Barbusse (1873-1935) mit Feuer heraus. Georg von der Vrings Soldat Suhren fand 1924 keinen Verleger und wurde zwei Jahre später ein Erfolg. Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues erschien Ende 1928 als Zeitungsroman in der 'Vossischen', Ludwig Renns 'Krieg' ebenso in der 'Frankfurter' und 1936 publizierte Bernard Brentano im Exil 'Theodor Chindler. Roman einer deutschen Familie'.

[22]Erich Maria Remarque, Der Weg zurück. Frontkameraden, der Heimat wiedergegeben, suchen den neuen Weg ins Leben. Berlin (Propyläen) 1931

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