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Hans im Glück: Breckenheim, Caub, Bonn

Hans Kopfermanns `Anfang der Lebenserinnerungen' ist ein knappes, abbrechendes Manuskript, eine unfertige Sache, zu der der Autor höchstens ein vorläufiges Verhältnis gewinnen konnte. Die Lektüre gibt Eindrücke, erlaubt keine endgültigen Schlüsse und mag literarische Qualitäten vermissen lassen. Aber sie ist lohnend und eine reiche Quelle, wenn gefragt wird, was dem 65-jährigen rückblickend wichtig schien, was er zur Sprache bringen wollte und konnte, und was vielleicht nicht. Er begann mit der Breckenheimer Idylle seiner frühen Jugend. Naturgefühl, eine Quelle anhaltender Begeisterung, tauchte zu Anfang gleich aus eigenem Erleben auf. Poetische und literarische Erinnerungen und Vorbilder mangelten vermutlich nicht:

"Wenn im März der Schnee unter den Strahlen der Frühlingssonne schmolz, erlebten wir das alljährliche Wiedererwachen der Natur aus unmittelbarer Nähe. Die ersten Schneeglöckchen an der warmen Rückseite unserer Scheune, die scheuen Veilchen hinter den Grenzhecken des Pfarrgartens, die tiefgrün gefärbten Wiesen dem Dorfbach entlang, die schon nach Wochen von Tausenden von Löwenzähnen gelb übertupft waren, den herben Saft der jungen Weidengerten, aus deren Rinden wir uns Hirtenpfeifchen machten. Der Anblick eines blühenden, von Bienen und Hummeln umsummten Kirschbaumes erweckt noch heute in mir ein wenig von dem Gefühl berstender Lebenslust, das ich als Junge beglückt empfunden habe. Was war es für eine Freude, dem Bauern, der unsere Scheune gemietet hatte, beim Heuen zu helfen und am Abend braungebrannt und arbeitsmüde auf hochbeladenem Erntewagen stolz ins Dorf einzufahren. Im Garten reiften langsam Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren und Stachelbeeren in überreichlichen Mengen, von denen wir jederzeit nach Herzenslust essen durften. Um das Bienenhaus im Pfarrhof schwirrte es den ganzen Tag; die Waben in den Stöcken füllten sich mit Honig..."[1]

In der Familie gab es eine ältere Schwester Else (1891-1994), die mit einer toten Zwillingsschwester zur Welt gekommen war. Und zu allererst hatte die Mutter einen Knaben geboren, der nach wenigen Wochen starb[2]. Über diese Mutter Eva Marie (1869-1955), der ihre Schwangerschaft wohl kaum leicht gefallen, heißt es in den Erinnerungen:

"eine zarte Frau, die ihre Gefühle ungern zur Schau trug... Die starke Persönlichkeit meines Vaters, die sie immer anerkannt und bewundert hat, ließ ihr kaum eine Möglichkeit, ihre Persönlichkeit zu entwickeln... Erst nach meines Vaters Tod... konnte man sehen, welche Lebenskraft und welche Entwicklungsmöglichkeiten in ihr steckten."[3] Und in Bezug auf das obligate Klavierspiel: "sie spielte sehr sauber und rythmisch, wenn sie auch mit den Tempi etwas auf dem Kriegsfuß stand und keinen sehr ausgeprägten musikalischen Geschmack besaß".[4]

Hans Kopfermann hat in den `Lebenserinnerungen' versucht, sich prägende Momente seiner Entwicklung psychologisierend zurechtzulegen. Tendenzen, die Mutter zu 'verkleinern', gingen einher mit relativer Überschwenglichkeit in der Beschreibung des Vaters. Enttäuschungen und ungebannte Ängste blieben weitgehend verborgen. Beklagte der Sohn im ersten Satz einen Mangel an Zuneigung? Welcher Natur waren die Ängste bei Mutter und Sohn, die so offensichtlich dem Vater die starke Persönlichkeit gaben? Die kam gleich anschließend noch einmal zur Sprache:

"Ich, der ich in entscheidenden Punkten meiner Mutter nachgeschlagen bin, habe mich vom Banne des Vaters, solange er lebte, nie ganz frei machen können. Seine Autorität war so groß, daß es zu keinem Kampf der Generationen zwischen uns gekommen ist."[5]

Es ist die Eigenart psychologischer Deutungen, daß mehrere nebeneinander Bestand haben, daß die eine die andere nicht ersetzt, und daß Fragen weniger gelöst, als aufgebracht und in der Schwebe gehalten werden. Vielleicht fühlte Hans sich über die kindliche Bindung hinaus von Eva-Marie's 'Lebensart' angezogen und wurde gerade von ihr auf die des Vaters als exemplarische verwiesen? Dabei eiferte schon die ältere Schwester vermutlich ganz dem Vater nach und die 'Geschlechterrollen' setzten sich nicht einfach durch. An der Mutter 'sehr sauberem' Klavierspiel fiel das tänzerisch-rythmische auf und eine, die grundlegende Ordnung bedrohende, Eigenwilligkeit im Tempo, aber der Vater wahrte die äußerlich 'tonangebende' Rolle nicht zuletzt in der Musik: er sang und sie begleitete: Volkslieder und Löwe-Balladen. Er nahm Geige und Cello zur Hand, wenn auch nur "wie er sagte, zum Hausgebrauch", und gleichermaßen selbstverständlich traktierte er das Instrument der Mutter, so daß Hans das vierhändige Spiel der Eltern 'am schönsten' finden konnte:

"Für Klavier zu vier Händen gab es damals so gut wie alles, was sich Musik nannte: Ouvertüren, Symphonien, Opernpotpourris, Strauss'sche Walzer, Offenbach'sche Operettenauszüge, Militärmärsche. Meine Mutter spielte im Diskant, mein Vater dirigierte vom Bass aus"[6]

Rollenkonflikte waren einstweilen aufgehoben und die Musik strömte von beiden Eltern berauschend auf den Kaben ein:

"Ich kann mich noch sehr wohl erinnern, wie ich als ganz kleiner Junge auf dem Boden mit dem Ohr am Klangkörper kauerte und die Melodien in mich hineinsaugte. Später saß ich lieber in der einen Ecke unseres schön geschwungenen Sofas und hörte aufmerksam und beglückt zu."[7]

Merkwürdig, daß liturgischer Gesang, Orgelspiel und Kirchenmusik, die zum dörflichen Pfarrer gehören wie die Glocke zur Kirche (wenn es sich so ergab, war die Pfarrersfrau der Organist?), in den Erinnerungen gar keine Rolle spielen. Über Anton Friedrich Kopfermann (1864-1921) schrieb sein Sohn:

"...eine beneidenswerte Vitalität, einen starken Willen und eine überschäumende Lebensbejahung... Der Schlüssel zu seinen Erfolgen war sein naiver Glaube an Gott und an das Gute im Menschen. Er hatte das seltene Glück, darin nie enttäuscht zu werden. Wenn auf jemand das Wort Napoleons des Ersten, das Glück sei eine Eigenschaft, angewandt werden kann, so auf ihn"[8]

Noch dem alten Hans steht offenbar die Gestalt dieses 'Napoleon', (übrigens der Sohn eines 'Premier-Leutnants') strahlend vor Augen. Die Schwester hat ihn `abgöttisch geliebt'. Um den, der es fertiggebracht, mit dem 'Allmächtigen' auf Du und Du zu stehen, bewegten sich alle wie Planeten um ein Zentralgestirn. Aufgabe der Mutter war es geblieben, trotz aller Mißgeschicke einen neuen Himmelskörper auf die Bahn zu bringen. Daß sie neben dem Vater eine zweite Sonne geworden wäre, war zwar nicht auszuschließen, daß sie es nicht wurde, überrascht jedoch kaum. Verwundern mag ein wenig, daß der Sohn nicht aufgehört hat, mit ihr zu hadern, fast so als sei es ihr Fehler gewesen, daß dem Jungen die 'Individuation' im planetarischen Familienleben nicht so gelang, wie der Erwachsene es vielleicht gerne gewollt hätte.

Die (gegenseitige) Zuneigung, die ihm zur Selbständigkeit half und die der Knabe bei der Mutter vielleicht zu wenig fand - beziehungsweise zu suchen sich nicht traute -, holte er sich außerhalb des väterlichen Kraftfelds bei der Großmutter alljährlich in den Ferien: die war "braungelockt", "quicklebendig", "Seele des Hauses" und "bei ihr ging es immer lustig zu". Nachdem Berta Holzberger den Krug Bier, den Hans ihr des abends holte, fast ausgetrunken, goß sie den Rest über ihr Haar:

"Sie hat - wahrscheinlich durch diese aparte Haarbehandlung - bis in ihr hohes Alter ein fast üppiges, kaum angegrautes Haar behalten".
Und nicht ganz unvermittelt kommt dann gleich der gewichtige, wenn auch etwas konventionelle Satz:
"Wir haben uns gegenseitig sehr geliebt".
* * *
Als Kopfermann diese Erinnerungen Ingeborg Sach[9] in die Maschine diktierte, war Peter Weiss' (geboren 1916) Abschied von den Eltern gerade erschienen:
"Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung. Nie habe ich das Wesen dieser beiden Portalfiguren meines Lebens fassen und deuten können. Bei ihrem fast gleichzeitigen Tod sah ich, wie tief entfremdet ich ihnen war. Die Trauer, die mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben hatte. Die Trauer galt der Erkenntnis eines gänzlich mißglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten".[10]
Das war nicht die literarische Vorlage, derer sich Hans Kopfermann hätte bedienen können. Die seiner 'Lebenserinnerungen' aus den Vorkriegszeiten war eher noch die Besonnte Vergangenheit des Berliner Arztes und Szczeciner Arztsohnes Carl Ludwig Schleich, die der 1921, dreiundsechzig Jahre alt, herausgebracht hatte, und die ein Bestseller wurde:
"Wahrlich, zur Dankbarkeit hatte ich alle Veranlassung in den sonnigen Tagen meiner Jugend, die überstrahlt wurden von der Liebe meiner Mutter und der Schönheit ihrer Heimat auf der Insel Wollin, von der ich jetzt erzählen will. Traurig um den Sohn, der nicht das Gefühl gehabt hat in seiner Kindheit, daß seine Mutter das beste Wesen der Welt sei ... Wer einmal die ganze Tiefe der Mutterliebe segnend über sich empfunden hat, wird auch, trotz alledem, niemals über ein Weib ganz schlecht denken können, wie umgekehrt die Erlebnisse mit einer schlechten Mutter stets einen unauslöschbaren Verdacht gegen das Weib als solches hinterlassen werden". Und ein paar Seiten weiter: "Ich bin zwei ganz großen Menschen begegnet, der eine war mein bester Freund und hieß August Strindberg, der andere war mein Vater"[11]
Hier durfte der Leser erfahren, daß der Sohn die Liebe der Mutter zwar empfand, aber leider nicht ganz erwiderte und den Vater bewunderte. Das Problem des 'Abschieds' von den 'Portalfiguren' schien sich, ganz von selbst, nicht zu stellen, wurde tatsächlich mehr oder weniger kunstvoll abgewehrt. Der 'beste Freund' (dem es sich stellte) litt platterdings - wegen der bösen Mutter - an einem 'unauslöschbaren Verdacht gegen das Weib als solches'. Ablösung oder 'Abschied' hätten eine größere Anstrengung gefordert, eine andere Auffassung. Demgegenüber ist Peter Weiss dem Thema Elternliebe bis zur Schmerzhaftigkeit und in die Beschreibung pubertärer Sexualität nachgegangen, und die Leser können erfahren, wie das erzählende Ich zu sich selbst gelangt und die Eltern Eltern sein läßt. Ein fast gleichaltriger Fachgenosse Kopfermanns hat autobiographische Aufzeichnungen 1975 publiziert. Ein Vergleich liegt nahe, ganz ähnliche berufliche Stationen laden dazu ein, stilistische Parallelen wenig literarische Schreibe auch. Erich Hückel (1896-197?)[12], der mit seinen beiden Brüdern Walter (1895-1973) und Rudi (1899-1949) als Arztkind in Göttingen aufwuchs, hat lapidar, 'unliterarisch', Ein Gelehrtenleben. Ernst und Satire aufgeschrieben. Der Text vermittelt in manchem Detail, mancher Formulierung und mancher Geschichte 'Authentizität', Einblicke in Umgebungen, Verhältnisse, Entwicklungen. Und enttäuscht zugleich durch nicht nur gelegentlich verengten Blick, Beziehungslosigkeit der Erinnerung, anekdotische Beliebigkeit. Die Eltern kamen aus Süddeutschland, der Vater Armand war in Tübingen als Internist und Psychiater habilitiert, sah sich gezwungen, zwischen Heirat und Karriere zu entscheiden, weil seine Braut, ein 'Bauernkind', als unstandesgemäß angesehen wurde, und er entschied sich für die Verbindung mit Marie Maier. In Göttingen lebten die Eltern ganz zufrieden, ohne viel gesellschaftlichen Umgang. Der Vater vermittelte den Söhnen Naturwissen, und seine Redensarten waren: "Du bist ein Phantast" oder "Du denkst nicht nach".
"Über zwei Themen sprach mein Vater so gut wie nie: Über Religion und über sexuelle Dinge..."
Vater und Söhnen galt ihre Zugehörigkeit zur protestantischen Kirche nichts, Religion war 'für das Volk' da. Erich Hückel erinnert sich, wie der Vater bei einer Hygiene-Ausstellung den Söhnen die Abteilung Geschlechtskrankheiten vorführte und dem jüngsten, der später Arzt wurde, sich der Magen umdrehte. "Ob diese Methode die richtige ist, junge Menschen sexuell aufzuklären, möchte ich allerdings bezweifeln".[13] Manchmal geriet die persönliche Erinnerung zu einer literarischen Figur, die 'der Physiker' heißen könnte. So im Abschnitt 'Tod meines Vaters'.
"Als der Leichnam meines Vaters aus dem Haus getragen wurde, saßen mein Bruder Walter und ich an der Bearbeitung eines Abschnitts für sein Buch: 'Theoretische Grundlagen der organischen Chemie', um uns über diese schweren Stunden hinwegzuhelfen. Wir hatten unseren Vater über alles verehrt und geliebt".[14]
Die Arbeit half in 'schweren Stunden'. Für Erich und Walter Hückel vermittelte sie die Nähe des Bruders und es war, als ob auch für beide die Verehrung und Liebe für den Vater auf die Arbeit überging. Eine Auseinandersetzung mit dem Tod des Vater und mit sich selbst wäre demnach zu einer mit der Arbeit geworden. War sie dann überhaupt noch möglich?

* * *

Bis zu seinem zehnten Lebensjahr wuchs Hans Kopfermann zwar, wie er schrieb, als 'Dorfjunge' auf, aber da alles, was zum aktiven Leben des Vaters gehörte, 'kurze lebendige Predigten' ebenso wie Spalierobstbäume, Bienen und Beerenkelterei, als 'erstklassig' und als 'Prunkstücke' anzusehen waren, hatte der Sohn des 'ungekrönten Königs' im Dorf und im vielfenstrigen Pfarrhaus zunächst einmal ein wahres Prinzen-Leben:

"Die Konflikte blieben latent. Immerhin sind mir, einem typischen Spätentwickler, trotz unseres glücklichen Familienlebens meine von Natur aus vorhandenen Hemmungen eher vermehrt als vermindert worden."[15]

Im Januar 1905 wurde Anton Kopfermann vom Dorf Breckenheim in die Kleinstadt Kaub versetzt. Dort wohnten Bergleute der Schiefergruben, arme Weinbauern, Rheinschiffer und Lotsen, und der Bergwerksbesitzer, der Oberförster, der Sanitätsrat, der Hauptlehrer und der Pfarrer waren die Honoratioren. Die sozialen Gegensätze waren, anders als im Dorf, unübersehbar (wie übrigens auch die von Katholiken und Protestanten), aber der Pfarrer verstand mit ihnen umzugehen:

"Er war vielleicht der einzige, der von allen anerkannt wurde. Er konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren, mit einem Landrat ebensogut umgehen wie mit einem Grubenarbeiter."[16]

Und er verstand es, mit Literatur (Rabe und Dickens, "auch triviale aber spannende ..."), Musik, Schauspiel ("profane und religiöse Stoffe") die Kauber Jugend zu begeistern:

"Das Ansehen und die Beliebtheit meines Vaters stärkte mein Ansehen unter den Schulkameraden in ausserordentlicher Weise. Für mich war sein Verhalten vorbildlich."[17]

Hans Kopfermann meinte, er habe vom Vater - manche Leserin und mancher Leser werden sagen trotz des Vaters - und von der überschaubar vielschichtigen Kauber Umgebung mit anderen Menschen umzugehen gelernt:

"Wie sehr hat mir diese soziale Schulung in meinem späteren Leben geholfen, mit Menschen verschiedener Lebensansprüche gut auszukommen, sei es während meiner Kriegsjahre, in denen ich mit vielen primitiven Menschen - einfachen Soldaten und Offizieren - ungewohnt eng zusammengekoppelt war, sei es in meinem Beruf, der mich laufend vor die Aufgabe stellte, mit geistigen und ungeistigen Personen auskommen zu müssen."[18]

Vier Kriegsjahre und mindestens 35 Berufsjahre hatten in der Erinnerung auf merkwürdig gleicher Ebene etwas gemeinsames: die Herausforderung durch die verschiedenen Lebensansprüche der Mitmenschen. Aber was bedeutete dies 'gut auszukommen' oder 'auskommen zu müssen' in Lebenslagen, die allerdings eins gemeinsam hatten, nämlich den eigenen und des Vaters 'Führungsanspruch' oder die 'Führungsaufgabe'? Ging es in Variationen vielleicht das ganze Leben darum, die soziale Anerkennung nicht zu gefährden, die dem Sohn des Pfarrers in Kaub einmal zugefallen war?

Dem Geist einer 'Besonnten Vergangenheit' entsprechen die 'Lebenserinnerungen' dort gar nicht mehr, wo dem Autor Pubertät und Sexualität seiner Jugend - und in diesem Zusammenhang dann auf einmal auch der Vater - problematisch scheinen:

"Ich habe oft darüber gegrübelt, warum ich nicht ein einziges Mal den Mut gefunden habe, mit meinem Vater über die mich quälenden Fragen zu sprechen. Sicher war es die Scheu, ihn mit meinen aufkommenden religiösen Zweifeln zu kränken, wahrscheinlich quittierte ich aber auch unbewußt die Tatsache, daß er nicht von sich aus meine Not gesehen und geholfen hat, mit einem ersten Mangel an Vertrauen. Trotz aller Fortschrittlichkeit, die meinen Vater so stark auszeichnete, konnte er nicht über alle Schatten seiner Zeit springen. Es gab eben Dinge, über die ein Vater damals glaubte, nicht mit seinem Sohn reden zu können. Ich bin von ihm nicht in der einfachsten Form aufgeklärt worden. Dies haben vielmehr meine älteren Kameraden getan und zwar in einer Weise, daß an allem Erotischen das Odium des Verbotenen, des Unanständigen und Aufreizenden haftete."[19]

So sehr der vierzehnjährige das Recht auf einen 'ersten Mangel an Vertrauen' in den Vater - oder, vielleicht richtiger, zu etwas mehr Eigenständigkeit - beanspruchen konnte, so wenig hätte vermutlich Aufklärung durch diese Respektsperson den Anspruch gefördert. Die religiösen Zweifel hätten vielleicht weniger den Vater gekränkt, als den Sohn erneut in den väterlichen Bann gezogen. Der Mut mangelte, wie der Autor an anderen Stellen zu erkennen gibt, vor allem da, wo sich sinnliche Erfahrungen machen ließen. Das aber war ein komplexeres Problem, das mit väterlicher Aufklärung wenig zu tun hatte und ebensowenig mit dem erotischen Odium der Kameraden.

* * *

'Fortschrittlich' zeigte sich Anton Kopfermann vor allem darin, daß er im Sommer 1908 - die Trott'schen Reformen zur 'Frauenbildung' standen in Preußen auf der Tagesordnung - dem entschiedenen Willen seiner sechzehnjährigen Tochter entsprach, die das Abitur machen und Medizin studieren wollte. Anton Kopfermann gab noch einmal beiden Kindern Zusatzunterricht und zu Ostern 1909 zogen die Geschwister nach Bonn, in das Haus einer Tante, Else zur Aufnahme in die Obersekunda der Frauenkurse, Hans zu einem Probejahr in Untersekunda des städtischen Realgymnasiums. Das in Kaub gewachsene Selbstbewußtsein des Jugendlichen wurde auf eine harte Probe gestellt, er wurde von lauter älteren Aspiranten für den 'Einjährigen-'Abschluß ständig zurückgesetzt und wegen seiner rheinpfälzischen Sprechweise gehänselt (so daß er die bald ablegte), konnte im Unterricht nicht genügend Punkte sammeln und sah die Aufnahme gefährdet. Aber nach glücklichen Ferien zu Hause, in denen auf Vorschlag des Vaters ein Paddelboot gebaut wurde, kam Hans besser zu recht und in Obersekunda normalisierte sich das Bonner Schülerleben. Im Hinblick auf ein eventuelles Theologiestudium lernte er sogar Hebräisch und konnte, wenn auch mehr schlecht als recht, aus dem alten Testament übersetzen.

Zu Weihnachten 1902 hatte der Knabe eine erste Geige erhalten, und der Vater hatte ihm das Streichen beigebracht, das der Sohn bald besser konnte als er. Das 'allabendliche Musizieren' war über Jahre durch der Mutter 'wenig ausgeprägten Geschmack' (s.o. - oder eher doch durch eine auf des Vaters begrenzte Fähigkeiten abgestimmte Notensammlung?) beschränkt, bis der junge Nachfolger des alten Hausarztes klavierspielend an die Stelle der Mutter trat, Brahms A-dur Sonate auflegte und "Nur Mut" sagte und "Mensch, man könnte Sie beneiden, daß Sie das alles noch vor sich haben":

"Dies war der Anfang einer beglückenden Schulung, in der er mich vor allem in die Schönheiten der Wiener Klassik einführte. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich anfänglich Beethoven's Violinsonaten nur auf gutes Zureden schön finden konnte. Mit der Zeit kam dann aber im gemeinsamen Spielen das musikalische Verständnis, das mir bisher so sehr gefehlt hatte"[20]

Auf Veranlassung des Freundes stiftete der Vater ein Jahr lang den 'einzig guten' Geigenuntericht beim zweiten Konzertmeister des Bonner städtischen Orchesters.

Der Gymnasiast in der Oberstufe stand nach eigener Aussage zwischen den Tennis- und Hockey-spielenden 'Mondänen', die auf studentischen Komment und Offizierskasino schielten, und den 'Jugendbewegten', die sonntags in Wanderschuhen, Rucksack und als 'Zupfgeigenhansel' unterwegs waren und statt Gesellschaftstanz die Volkstänze pflegten. Doch mit den einen maß er sich erfolgreich im Turnen und im Schlagball, mit den anderen im Lautespiel:

"Ich verbrachte in meinen Ferien viel Zeit damit, neue und bessere Begleitungen zu den altbekannten Liedern zu erproben und fing um ein Paar schöner Augen willen an, eigene Melodien zu Gedichten, die mir gefielen, zu erfinden. Meine treue Mutter hat vieles von dem aufgehoben, was ich damals in jugendlicher Unvoreingenommenheit aufgeschrieben habe. Es sind einige ganz gelungene Stückchen dabei. Im ganzen blieb es eine romantische Spielerei, die aber trotz ihrer Fragwürdigkeit mir und anderen viel Freude gemacht hat."[21]

Kaum war die Mutter einmal eine 'treue', so wurde sie gleich wieder - im Verein mit einer 'romantischen Spielerei' - zurückgesetzt? Die Gitarre hat den Sohn in den Krieg begleitet, wovon aber nicht weiter die Rede ist.

'Ernster' als die musikalischen Stückchen, meinte der Schreiber, seien seine Versuche gewesen, unter Anleitung eines 'kauzigen' Kauber 'Onkel Malers' Zeichnungen anzufertigen. Er lernte schnell mit ein paar Strichen Gesichter zu karrikieren und seine Schul- und später die Kolleghefte seien voll gewesen mit solchen Illustrationen. Weil er mit Farben kein Glück hatte, brachte ihn der Maler auf das Federzeichnen:

"Wie heute die Menschen mit dem Photographenapparat hinter 'Motiven' her sind, so habe ich jede alte Ecke in Kaub und Umgebung nach ihrer Tauglichkeit als Zeichenobjekt geprüft, dabei viel sehen gelernt und mit Vergnügen meine Zeit vertan. Selbst im ersten Weltkrieg sind Skizzenbuch und Tusche meine ständigen Begleiter gewesen".[22]

Ein solches Buch mit Zeichnungen vom Juni 1914 hat sich erhalten[23]. Darin finden sich drei Feder- und Bleistiftzeichnungen aus Kaub, kleine Porträts von Vater und Schwester, eine Szene `Sturm' in Tusche und ein paar Kreidezeichnungen, `Stimmungsbilder' (Kiefern am See, Brücke mit romantischer Ruine, eine Theaterszene, eine Modezeichnung, ein Schauspieler-Kopf).

Skizzenbuch und Tusche standen dem Logistik-Offizier und Strategen im 'harten Kriegshandwerk' gut an, die Laute vielleicht weniger. Fielen 'musikalische' Kriegserinnerungen deshalb unter den Tisch? Oder gab es andere Gründe? Verband sich das Lautenspiel, anders als das distanzierende Zeichnen, zu eng mit der Erinnerung an die Kameraderie der Schützengräben, mit beschämenden Gefühlen beim Gedanken an die Liedtexte, oder ganz einfach mit dem Kriegstrauma? Vielleicht rührten Laute und Gitarre schmerzlich an ein Gefühl von verlorener Freundschaft oder Liebe?

Der junge Hans Kopfermann konnte in den letzten, von größeren Einbrüchen ungestörten, wenn auch von zunehmender 'Krisenstimmung' des Regimes geprägten Vorkriegsjahren, mit Glück und Geschick körperliche, musisch-handwerkliche und geistige Fähigkeiten entwickeln, die ihm in verschiedensten Umgebungen `soziale Kompetenz' und Anerkennung garantierten. Es scheint, als hätten diese Qualitäten ein altersgemäßes Selbstbewußtsein nicht vermitteln können, als sei eine innere Unsicherheit geblieben, die dem Verfasser der Lebenserinnerungen vorallem als 'Gehemmtheit' vorkam. Der junge Mann konnte sein Selbstwertgefühl auf einer Anzahl 'wertvoller' Eigenschaften aufbauen, die teils leicht, teils mit Anstrengung erworben waren. Die eher selbstbewußte Gehemmtheit war keine lähmende, sie entsprach zweifellos tiefen Sehnsüchten und war Triebkraft vielseitiger Begeisterungsfähigkeit. Die frühe Kindheit mag ein familienbezogen starkes Ich hervorgerufen haben, dessen pubertärer 'Rückgewinn' aus den Angeboten der 'großen weiten Welt' sich besonders schwierig gestaltete, solange diese Angebote nicht die relative Geschlossenheit der kindlichen Umgebung vermittelten. So könnte der Eindruck vom Spätentwickler entstanden sein. Es könnte sein, daß hier einmal mehr 'einer auszog, das Gruseln zu lernen'. Er hätte vor allem Zeit gebraucht. Der Krieg führte zu einem vermutlich ganz anderen Ergebnis als im Märchen, wo bekanntlich die Fische auf der nackten Haut der Sehnsucht ein Ende setzten.


[1]Anfang der Lebenserinnerungen, S.10

[2]1911 kam noch eine Schwester zur Welt, zu der der ältere Bruder, wie er im Anfang der Lebenserinnerungen meinte, bei aller Anstrengung, kein rechtes Verhältnis gewinnen konnte.

[3]Anfang der Lebenserinnerungen, S.4

[4]Ebendort, S.8

[5]Ebendort, S.4

[6]Ebendort, S.8

[7]Ebendort. S.8

[8]Ebendort, S.3

[9]Ingeborg Sach war langjährige Sekretärin des Instituts in Heidelberg

[10]Peter Weiss, Abschied von den Eltern, Frankfurt (Suhrkamp) 12te. 1978 (1te 1961) S.7

[11]Carl Ludwig Schleich, Besonnte Vergangenheit, Lebenserinnerungen 1858-1919, München (Droemer) 1950 (1te 1921)

[12]Vgl. Wilhelm Walcher, "Erich Hückel 75 Jahre", Phys. Bl. 27, 1971, S. 364

[13]Erich Hückel, Ein Gelehrtenleben. Ernst und Satire (Weinheim (Chemie) 1975, S.49

[14]Ebendort, S.121

[15]Anfang der Lebenserinnerungen, S.4

[16]Ebendort, S.26

[17]Ebendort, S.27

[18]Ebendort

[19]Ebendort, Seite 30

[20]Ebendort, S.43

[21]Ebendort, S.40

[22]Ebendort, S.42

[23]Privatarchiv Michael Kopfermann

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