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Alma Mater: Erlangen, Berlin

In den Schulen in der Kleinstadt Kaub, in St. Goarshausen und in Bonn hatten die Fächer Mathematik, Geschichte und Turnen ihm gelegen. Fluchtpunkte seiner Jugend waren das Geigenspiel, das Skizzenbuch, das ihn im Krieg noch begleitete, Guitarre und Lied. Lebenslang bedeutend blieb nur die Geige, später die Bratsche, als eine Leidenschaft mit ebenso geselliger wie gesellschaftlicher Note. Die pubertäre Entwicklung führte - nach eigener Aussage - zu Sublimation und fortdauernden Rollenkonflikten, trug bei zu einer Neigung zu euphorisch-nationalem "Pflichtgefühl", das auch der Atmosphäre in der Bonner Schule entsprach. Die Lehrer hinterliessen bei Hans kaum gute Erinnerungen. Aber seine eigenen Vorstellungen von Pädagogik blieben, trotz langjähriger Hochschulerfahrung, jedenfalls da, wo sie rückblickend zum Ausdruck kamen, nicht sehr entwickelt:

"Es gab unter uns eine Zahl noch nicht ausgereifter aber prächtiger Burschen, aus deren Substanz die geschickte Hand eines erfahrenen Pädagogen etwas Besonderes hätte formen können."[1]

Was wäre dies 'Besondere', von geschickter Hand geformte? Was wurde zum Beispiel aus Hans Kopfermann? Etwa nichts Besonderes? Der Vorwurf läuft ja wohl nicht darauf hinaus, daß es in der Schulzeit nicht gelang, sich von nationalem und kriegerischem Konformismus, von 'falscher' Begeisterung zu emanzipieren? Oder vielleicht doch? Denn im Zusammenhang mit den Lehrern hieß es in den Erinnerungen auch:

"Preussen-Deutschland hatte nacheinander so viele Kriege gewonnen, daß man glaubte, sich das Risiko eines weiteren Krieges notfalls leisten zu können. Die eitlen und törichten Reden des Kaisers wurden kritiklos umjubelt und man hatte wenig Verständnis dafür, daß das Ausland so sauer auf sie reagierte... Ein 'Roter' war nach den Worten Wilhelms des Zweiten ein "vaterlandsloser Geselle". Die Errungenschaften der französischen Revolution von 1789 blieben uns ebenso vorenthalten wie die sozialistische Entwicklung im 19. Jahrhundert".

Der Thema zum Abitur war - im Jahr der Jahrhundertfeiern - ein kriegerisch-patriotisches: "Aechtes Gold wird klar im Feuer". Mit der Geschichte der Befreiungskriege sollte die 'Wahrheit' des Sprichworts erörtert werden. Kopfermann schrieb den besten Aufsatz:

"Niemand von uns hätte es gewagt, den gewünschten Sinn des Sprichwortes anzuzweifeln oder gar, etwas gegen den Krieg schlechthin zu sagen. Zu dem Mut, eine eigene Meinung zu haben, die der amtlichen Anschauung nicht entsprach, hatte man uns nicht erzogen."[2]

Der wesentlich jüngere Freund Viktor Weisskopf hat in Unterprima seiner Wiener Schule das Aufsatzthema "Was verbindet uns Oesterreicher mit dem übrigen Deutschland" eines revanchistischen Lehrers verweigert und nur "die Westbahnen" hingeschrieben. Hans Kopfermann fand den 'Mut zur freien Meinungsäußerung' bewundernswert, wenn auch seine Bonner Situation 1913 und die des späteren Freundes im Wien von 1925 kaum zu vergleichen gewesen seien. Er hat vermutlich nicht gewußt, daß Leonard Nelson (s.u.), der 1901 in Berlin das Abitur machte, einen Schulaufsatz zum Thema "Was denke ich mir beim Anblick der Siegessäule" auf den Satz "Beim Anblick der Siegessäule denke ich mir nichts" beschränkt hatte.

Kopfermann reagierte 1914 ganz konformistisch. Es gab gleichaltrige oder wenig ältere, etwa im Kreis um Franz Pfempfert und die Zeitschrift "Die Aktion", die sich von der Euphorie nicht beeindrucken ließen, so wenig wie Hermann Hesse, Karl Kraus oder - damals Abiturient und gänzlich unpolitisch - Hans Henny Jahnn. Oder, in Kopfermanns späterer Umgebung, die Göttinger `Nelsonianer'. Es gab die pazifistische Opposition um Albert Einstein, Friedrich Nikolai, Ludwig Quidde, Helene Stöcker (etwas später auch Wilhelm und Friedrich Foerster, Walther Schücking), es gab die ganz wenigen Gegner der "Kriegskredite" im Reichstag, die 'Internationalisten' in der SPD, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin. Und es gab Leute wie Carl Runge (1856-1927), derzeit Göttinger Physiker, der sich damit abfand, daß die eigenen Söhne, die gerade noch Schüler waren, in den Krieg zogen, aber als ein Verbrechen betrachtete, daß man vielversprechende Jungwissenschaftler wie Richard Courant an die Front schickte[3].

Der achtzehnjährige Hans war 1913 vom Gymnasium in Bonn in die Stadt seiner Großmutter, nach Erlangen, übergesiedelt, studierte Geschichte, Geographie, Theologie. Bemerkenswert, daß er bald wußte, er würde sich keiner Korporation anschließen. Dies im Jahr der Jahrhundertfeiern (vielleicht gerade deshalb?) und in einer Stadt, deren 'Seele' die 'farbentragenden' Studenten waren.

Einer von denen, Walther Flex (1887-1917), würde bald die Erinnerung an die jugendbewegte Freundschaft mit einem toten Kameraden (wie zuvor die an den 'für Kaiser und Reich gefallenen lieben Bruder' Otto) zur Apotheose einer fatalen Verbindung von Lebensfreude und Todeswunsch 'für Gott und Vaterland' literarisch verarbeiten. Der Wanderer zwischen zwei Welten war 1916 gleich ein Bestseller und blieb ein solcher bis 1945. "Wer die Jugend hat, hat die Zukunft" hieß die deutsche Version von "Die Zukunft gehört der Jugend". Flex gab den konservativen Revolten Texte, mit denen Jugend zu gewinnen war; konservativ-protestantische, deutsch-christliche Texte[4].

Die Geschwister Kopfermann, Hans und seine ältere Schwester, waren in der gemeinsamen Bonner Zeit aufeinander angewiesen und bedeuteten einander viel. Die Schwester Else, die übrigens in den 'Erinnerungen' namenlos 'meine Schwester' geblieben ist, hatte es auf dem Weg zur Ärztin nicht ganz leicht mit der, den neuen gesetzlichen Regelungen zögerlich nachkommenden, Schulbürokratie einerseits und mit sich selbst andererseits. Hans gab ihr Nachhilfestunden in Mathematik, Physik, Chemie, aber "es lag klar auf der Hand, daß sie das Abitur nur bestehen konnte, wenn man menschliche Reife höher einschätzte als kaltes Können". Das Abitur mißglückte, "ein halbes Jahr später bestand sie in Köln, wohin sie sofort übersiedelte, die leidige Prüfung"[5]. Else Kopfermann war sehr bestimmt in ihren eigenen Zielen und für den Bruder sicher häufig 'mitbestimmend', in Bonn, aber auch noch in Erlangen und in Berlin.

Die Erfahrung der Bonner Schule und die gewohnte 'Zwischenstellung' mögen ihn zur Ablehnung der studentischen 'Männergesellschaften' bewegt haben. Vielleicht auch Else, sie brachte den Bruder jedenfalls mit Menschen in Verbindung, mit denen er über sein Studium entschied. Der 'lebenssprühende' Theologe und Philosoph Friedrich Brunstäd (1883-1944), seit 1912 habilitiert für Philosophie, ein Hegel-Spezialist ("zu seiner Zeit als Hegelianer verschrien") und ein christlich-völkischer Nationalist, riet Natur- und nicht Geisteswissenschaften zu studieren. Für letztere sei er zu 'naiv'. - Wenn damit unkritische Distanz und Reflexionsfähigkeit gegenüber Äußerungen anderer gemeint war, irrte der ältere "in seiner entwaffnenden Offenheit" gleich doppelt: erstens war ihm vermutlich wie vielen Zeitgenossen die politische Bedeutung von Natur- und Technikwissenschaftlern entgangen, denen Naivität nicht besser anstand als Herren in anderen 'Führungspositionen', und zweitens unterschätzte Brunstäd die Entwicklungsmöglichkeiten und -zwänge für den jungen Freund. Trotzdem hatte er vielleicht nicht so ganz Unrecht. Abgesehen von der 'Studienberatung' verzeichnete Kopfermann bedeutsamen 'Gewinn' durch Brunstäd so:

"Er hat mich ... aber vor dem vielverbreiteten naturwissenschaftlichen Hochmut bewahrt, zum mindesten die lebenden Philosophen für Schwätzer zu halten. In Brunstäds gastlichem Hause, in dem viel Jugend verkehrte und in dem fröhlich und hart diskutiert wurde, war ich trotz meiner Ungeeignetheit zum Philosophieren ein häufiger Gast und Frau Aline Brunstäd ist mir lange über die Erlanger Jahre hinaus eine mütterliche Freundin gewesen."[6]
Brunstäd war wohl kaum jemand, der den 'Griff nach der Weltmacht', den aufziehenden kollektiven Kriegswahnsinn in Frage stellte, und seine spätere Produktion ließ an politischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. 1920 heißt es bei ihm: "Autorität, nicht Majorität" sei die Devise, das 'Landvolk' hat 'festen Halt und Grund', man soll den "ständischen Geist der Mittelklassen pflegen", die "naturrechtliche Demokratie" mit ihrem "individualistischen Atomismus" steht im Widerspruch zu einer "Ethik" der "nationalen Kultur- und Volksgemeinschaft" mit einer "konservativen Staatsidee, wie sie im besten Gehalte des preußischen Staates lebendig gewesen ist". Diese Idee
"hat die Kraft und den Beruf in sich, auch die tiefsten und ernsten Antriebe der noch sozialistischen Arbeiterbewegung aufzunehmen, zu entfalten und zu erfüllen. Darin liegt die Zukunftshoffnung der Deutschen, wenn anders es noch eine für sie gibt, auf dem Grunde dieses neu erlebten , neu ergriffenen, neu gestalteten Erbes unserer größten Zeit, das hinabreicht bis in die tiefsten Ursprünge deutschen Wesens und in die ersten Anfänge deutscher Geschichte. Darin liegt die Eigenart der Deutschen gegenüber den 'Demokratien' des Westens und dem Gemisch von Absolutismus und Anarchismus, das sich im Osten drohend erhebt. Darin liegt noch immer der Weltberuf der Deutschen, um den der große verlorene Krieg ging..."[7]
In Vorlesungen, die er 1914 in Erlangen gehalten hatte und 1922 publizierte[8], entwickelte Brunstäd die 'Theonomie' seiner Ansichten: mit Karl Heim verbinde ihn die kritische Auflösung des (theologischen) Realismus, Rudolf Ottos vergleichende religionsphänomenologische 'realistische' Untersuchung Das Heilige sei ihm gegnerische Anregung gewesen. Brunstäd verstand sich selbst auch als 'Erkenntnistheoretiker' (und 'Logiker')[9]. 1928 verriß Gerhardt Kuhlmann in seiner Dissertation die 'Plerophorie' von Brunstäds Sprache, die über einen radikalen Irrtum nicht hinwegtäuschen könne: seine erkenntnistheoretische 'Notwendigkeit' sei alles andere als dies, er berufe sich zu Unrecht auf Kant. Kuhlmann attackiert andererseits auch den 'Realisten' Paul Tillich, indem er zu zeigen versuchte, daß der zwar Recht habe, wenn er in Martin Heideggers 'Sein zum Tode' einen Biologismus sähe, der keinen 'Sinn' abgebe, aber Unrecht mit seiner 'Theonomie' der Kultur. Eine solche sei philosophisch unhaltbar, wobei die Philosophen sich allerdings vor einer 'Theologie ohne Gott' zu hüten hätten:
"erst wenn die Erkenntnis nur noch sie selbst ist, kann sie im Verzicht auf jede Plerophorie der Sprache in nüchterner Wachsamkeit der Existenz den Dienst leisten, sie vor Mißverständnissen ihrer selbst zu schützen. Der Verzicht auf eine wissenschaftlich begründete Theonomie der Kultur bedeutet nur die Preisgabe jeder Theorie vom schöpferischen Individuum und ist darum nicht Anzeichen einer wirklichen Kultur. Diese ist ein Geschehen und keine statische Einsicht oder dynamische Intuition"[10]
Kuhlmann meldete sich 1935 wieder zu Wort mit einer Broschüre Die Theologie am Scheidewege. Es heißt dort:
"Wir fragen uns unwillkürlich, ob den keiner unter den protestantischen Theologen dem Ernst der gegenwärtigen Situation ins Auge gesehen hat.... der einzelne Mensch gehorcht sich selbst nach dem Verzicht auf jede metaphysische Bedeutsamkeit dieses Selbst. Erst so kommt der Mensch in die wahre Demut des Nichtwissens um die Wahrheit des Seins hinein. Dieses Nichtwissen nimmt ihm jeden Halt und verweist den Menschen an die wirkliche Gemeinschaft der Menschen, ob er dort Halt zu finden vermag... wissenschaftliche Theologie wird also nur praktische Wissenschaft sein können"[11].
Einer Anmerkung wäre vielleicht zu entnehmen, daß Kuhlmann einen (zu dieser Zeit subversiven?) 'Humanismus' vertrat:
"Es ist der grundlegende Fehler in dem Buche von Heinrich Forsthoff, 'Das Ende der humanistischen Illusion', Berlin 1933, daß hier humanistisch und idealistisch gleichgesetzt wird."[12]
Aus mehreren Veröffentlichungen in der Zeitschrift für Theologie und Kirche 1929 bis 1934 geht hervor, daß Kuhlmann erst in Jena, dann in Berlin zu Hause war. 29 setzte er sich mit Rudolf Bultmann auseinander, 32 mit Karl Barth und 34 mit Emanuel Hirsch. Einer Rezension 1935 von H.E. Eisenhut in der Theologischen Literaturzeitung ist zu entnehmen, daß Kuhlmann ein Schüler Grisebachs war[13]. Ich erhoffe mir weitere Recherchen.

Friedrich Brunstäd gehörte lange dem Vorstand der 'Studienstiftung des deutschen Volkes' an. Er war zeitweilig Präsident des 'Kirchlich-sozialen Bundes' und er leitete von 1922 bis 1934 die von ihm gegründete Evangelisch-Soziale Schule des Johannesstifts in Spandau[14]. Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, von 1920 bis 1928 aktives Mitglied ihres Hauptvorstandes, auch Parteitagsredner in München 1921 und in Königsberg 1928. 1930 trat er aus Opposition gegen den rechten Flügel Hugenbergs aus der Partei aus und schloß sich der 'Volkskonservativen Vereinigung' an[15]. Auf seine Initiative als Rektor in Rostock ging die parlamentarische 'Brunstäd-Verfassung' der Universität von 1930 zurück, die 1933 außer Kraft gesetzt wurde. Durchaus völkisch, galt Friedrich Brunstäd dennoch als Gegner der Nationalsozialisten und wurde 1938 als Dekan des Amtes enthoben, weil er sich für einen Kollegen einsetzte[16]. Der Gründer und Herausgeber von 'Christ und Welt'[17] und spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier studierte bei ihm und hat (zusammen mit C.G. Schweitzer) seine Werke herausgegeben. 1980 urteilte ein Theologe:

"Man kann schwerlich im 20. Jahrhundert ein zweites religionsphilosophisches System ausmachen, in dem die theologische Konklusion so eindeutig und großzügig dem wissenschaftlichen, sozialen, politischen und künstlerischen tun vermittelt ist. Jedoch, diesen weitreichenden geistigen Zusammenhang verband Friedrich Brunstäd mit einer tiefen persönlichen Frömmigkeit und einer hohen sittlichen Integrität. Auch in dem Ganzen seiner Lebensführung ist Friedrich Brunstäd mit Paul Tillich letztlich unvergleichbar. Brunstäds ganze Erscheinung in Diskussion wie Vorlesung in seiner kirchenpolitischen wie parteipolitischen Arbeit vermittelte den Eindruck absoluter Vornehmheit, die mit tiefer Güte verbunden war."[18]

Während Friedrich Brunstäd hier breiten Raum einnimmt, steht Aline Brunstäd im Hintergrund. Die langjährige 'mütterliche Freundin' mag für Hans Kopfermann umso wichtiger gewesen sein. In schwierigen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie noch einmal eingesprungen, und hat, als Hertha Kopfermann krank war, ein paar Tage den Göttinger Haushalt geführt[19].

* * *

Im Sommer 1914 lebten Hans und Else Kopfermann in Berlin; beider Budget war nie üppig und dies Semester in der Hauptstadt hatte der Vater den Kindern besonders spendiert. Es geriet zu einem intellektuellen Höhepunkt für Hans, der der zerstörten Psyche von 1919 dann als Halt und Wiederanknüpfungspunkt im beschädigten Leben erscheinen mochte. Eher vermutlich, angesichts völlig abhanden gekommenen 'Gottvertrauens', als die Erinnerung an die 'Theonomie' des Erlanger Theologen.

Aline Brunstäd hatte zu einer Pension in der Kantstraße geraten, dort lebte auch Guido, ein italienischer Physikstudent. Guido brachte Hans zu Heinrich Rubens' Vorführung der Experimentalphysik und in Plancks Vorlesungen über theoretische Optik. Hier beginnt die Karriere Kopfermanns und aus seiner eigenen Sicht steht ganz am Anfang eben Max Planck (1858-1947):

"was mich aber faszinierte, waren die Stunden bei Max Planck. Der Stoff, den er vortrug, war eigentlich für fortgeschrittenere Studenten als mich gedacht, - ich kannte nicht einmal die Maxwellschen Gleichungen - doch machte die Art, wie dieser zarte Mann mit dem schmalen Gelehrtenkopf in hellem Tonfall sein Pensum knapp, fast pedantisch, aber mit unerhörter Präzision darbot, starken Eindruck auf mich".[20]
Starken Eindruck machte die 'unerhörte Präzision'? Wer war der 'zarte Mann mit dem schmalen Kopf', der Träger des Namens, den die modernste preußische Forschungsgesellschaft 1945 an die Stelle des kaiserlichen treten ließ? John Heilbron hat seine Biographie geschrieben[21]. 1914 war Planck seit zwei Jahren ständiger Sekretär der Berliner Akademie. Ein einflußreicher Posten, der ihm unter anderem erlaubt hatte, Albert Einstein nach Berlin zu holen. 1913 war er Rektor der Universität geworden und hatte bei den Jahrhundertfeiern der 'nationalen Befreiung' ein konservatives und imperialistisches Treuebekenntnis immerhin mit relativer Mäßigung abgelegt. Seine Entdeckung des Wirkungsquantums datierte von 1900, da war er längst in Amt und Würden, 89 Studenten hörten bei ihm, zehn Jahre früher waren es 18 und 1909 waren es 143. Den Nobelpreis hätte er um ein Haar, und wenn es nur nach Svante Arrhenius gegangen wäre, 1908 schon bekommen. Das wichtigste war, so wie die Dinge lagen, daß er das Vertrauen des Ministerialdirektors Friedrich Althoff (1837-1908), des langjährigen, quasi 'autokratischen' Verwalters und 'Modernisators' der Hochschulen und der Forschungsinstitutionen[22] genoß. So hatte er sich 1894 für die Berufung Emil Warburgs (und gegen das antisemitische Ressentiment) eingesetzt, der im Aufschwung der Naturwissenschaften soviel 'Nachwuchs' produzieren konnte wie kaum ein anderer und mit seinen erfolgreichen Nobelpreisträger-Vorschlägen nur noch von Svante Arrhenius übertroffen wurde. Planck wohnte im Grunewald wo Nachbarschaft und Freundschaft ihn und seine Familie mit Adolf Harnack und Hans Delbrück und ihren Familien verbanden[23]. Zur Nachbarschaft zählte auch das Haus des Psychiaters und Klinikdirektors Karl Bonhoeffer mit dessen ältestem Sohn Karl-Friedrich sich Hans Kopfermann später befreunden sollte. Der liberale Kirchenhistoriker Harnack war in Kaiserreich und Republik ein führender Wissenschaftspolitiker - die Organisation der Kaiser-Wilhelm-Institute (KWI) 1911 war zwar das 'Lebenswerk' Althoffs, aber Harnack beriet, und er wurde der erste Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG)[24]. Politisch verkörperte er - im Gegensatz zu Planck - den 'kulturprotestantischen' Liberalismus[25]. Sein Schwager Delbrück, Militärhistoriker vom Fach, war spätestens seit seiner kritischen Äußerungen zur 'Germanisierung' in Nord-Schleswig 1899 einer größeren Öffentlichkeit bekannt und auf der politischen Ebene präsent, auch im Zusammenhang mit der die Gemüter bewegenden 'Flottenkampagne' (ab 1897), mit der in Preußen auf dem Hintergrund von Weltmachtansprüchen eine Modernisierungsstufe durchgesetzt werden sollte und durchgesetzt wurde[26]. Planck war in dem Dreigestirn ohne Zweifel der konservativste, zu allererst in seiner religiösen Überzeugung. Es heißt, daß sein Freund Carl Runge ihn, als sie beide jung waren, mit religiöser Skepsis geradezu schockiert habe. Plancks beteten bei Tisch und Max war von 1920 bis zu seinem Tod Kirchenältester in der Gemeinde Grunewald. Der Familienvater Planck spielte Klavier mit einer Bewunderung für Robert Schumanns Musik. Er verdiente einschließlich Wohnungszuschuß 5300 Mark im Jahr. Damit lag sein Einkommen nach Heilbron etwas unterhalb des Durchschnitts der Professorengehälter in Deutschland um 1900, aber hinzu kamen 900 Mark von der Akademie und Tantiemen von etwa 1000 Mark für seine Lehrbücher[27]. Hans Kopfermann schrieb in seinen 'Erinnerungen':
"Ich habe Planck später über 10 Jahre lang im berühmten Berliner physikalischen Kolloquium erlebt. Er sass immer in der ersten Bank neben Einstein und hörte interessiert zu. Ich kann mich aber nicht darauf besinnen, jemals einen Einwand oder eine Bemerkung von ihm gehört zu haben. Wie ganz anders war dieser stillen Gelassenheit Planck's gegenüber die aggressive geistige Beweglichkeit Albert Einsteins, dessen scharfe Einwände, und schnell hingeworfene Geistesblitze die Diskussion belebten und eigentlich immer erhellten."[28]
Der gelassene' Planck fühlte sich nicht nur gelegentlich zum Ideologen der Physiker und der Naturwissenschaftler berufen. Wie hätte es anders sein können, wo sein Nachbar Harnack rhetorisch die Naturwissenschaftler zu 'Philosophen von heute' machte? Gegen die Absagen an eine 'Wahrheit der Natur' zu Gunsten modellhafter Beschreibung, wie sie seit Gustav Kirchhoffs Äußerungen zur analytischen Mechanik von 1875 im Fachpublikum aufkamen, glaubte Planck erneut einen 'Realismus' setzen zu können, nicht zuletzt 1910 gegen den soviel moderneren Ernst Mach. Internationale Verbindungen waren bis 1914 selbstverständlich[29]. Selbst weite Reisen waren erschwinglich und man traf sich 'en famille' zum Beispiel anläßlich der regelmäßigen Weltausstellungen[30]. 1911 konnte Ernest Solvay, der Chemie-Industrielle und Mäzen aus Brüssel von Walther Nernst bewogen werden, eine Konferenz zu den 'Grundfragen', die die Physik neuerdings aufwarf, zu finanzieren[31]. Einstein, Lorentz, Nernst, Planck, Rubens, Sommerfeld und Warburg trafen sich mit Kollegen zur 'Wehklage auf den Trümmern Jerusalems'[32]. Von einiger Bedeutung waren auch die 'Wolfskehl-'Vorlesungen und -Treffen in Göttingen; Henri Poincaré eröffnete sie 1909, gefolgt von Hendrik Antoon Lorentz. 1913 organisierte David Hilbert in diesem Rahmen eine Konferenz zur kinetischen Gastheorie, während des Krieges gingen Einladungen an Albert Einstein, Marian Smoluchowski, Gustav Mie und Max Planck[33]. Solvay-Konferenzen, Nobelpreise strukturierten Prestigesystem und Gedankenwelt 'fachlich' und politisch. Es gab andere, wie Walther Nernst, die den industriellen Forderungen der Zeit näher standen, aber niemand war dem Beamtenstaat näher als Max Planck. Er war in dieser Hinsicht die 'Nummer Eins' der kaiserlichen Physik. Heilbron schätzt die Zahl der Doktorprüfungen, an denen Planck in seinem langen Leben teilnahm, auf 650, die Zahl 'eigener' Doktoranden lag nur bei zwei Dutzend, darunter Schlick, Reiche, Lamla, Bothe, Schottky, Meissner, Abraham, Laue. Max Laue (1885-1960) sollte 1914 die nordische Trophäe noch vor Planck erhalten.

In den Erinnerungen taucht das 'Präzisionsmotiv' bei Kopfermann zum erstenmal zusammen mit der beeindruckenden Begegnung mit Planck auf: da saßen Guido und Hans unter vermutlich 150 anderen und Hans bewunderte die 'unerhörte Präzision' des vierundsechzigjährigen 'zarten Mannes mit dem schmalen Gelehrtenkopf'.[34]

Guido und Hans glaubten in Plancks Vorführung einen Fehler gefunden zu haben. Kopfermann trug ihm 'klopfenden Herzens' die Zweifel vor:

"Anstatt mich sofort aufzuklären, was er sicher gekonnt hätte, sah er mich einen Augenblick mit seinen klugen Augen an und sagte, ich möge nach der nächsten Stunde wiederkommen, er wolle sich den Fall noch einmal überlegen. Am nächsten Tag zeigte er mir ganz schnell, wo unser Denkfehler lag."[35]

Kopfermanns Leser erfahren nicht, um was es sich handelte und wo der Fehler lag. Auch wenn das volle 'Erfolgserlebnis' damals nicht zustande kam - oder gerade weil - war eine 'persönliche' Verbindung hergestellt. Es war nicht Plancks 'Stil', auf andere, zumal jüngere, wie später Kopfermann freundlich zuzugehen, aber eine Begeisterung für Wissenschaft wurde in diesem Stil sichtlich auch gefördert. Gerade noch, bevor diese Begeisterung vom allgemeinen Wahn verschluckt wurde und Hans Kopfermann sich beim Erlanger Infanterieregiment zum Kriegsdienst meldete.

Planck gehörte, im Gegensatz etwa zu Friedrich Paschen[36], 1914 zu denen, die alle Manifeste für Deutschlands kriegerische Reinheit und Größe unterschrieben. Es bedurfte des länger andauernden Krieges, außer der eigenen auch der Klugheit seines Nachbarn Hans Delbrück und des Austauschs mit Hendrik Antoon Lorentz, um ihn 1916 sogar zu einem Eingeständnis der Mitverantwortlichkeit Deutschlands am Krieg zu bewegen. Planck schrieb an Lorentz mit der Bitte um Weitergabe an Chwolson, Larmor, Lodge, Rayleigh, Schuster, Thomson, Volterra, Duhem, daß es
"Gebiete der geistigen und sittlichen Welt gibt, welche jenseits der Völkerkämpfe liegen, und daß eine ehrliche Mitwirkung bei der Pflege dieser internationalen Kulturgüter, wie auch nicht minder die persönliche Achtung von Angehörigen eines feindlichen Staates, wohl vereinbar ist mit glühender Liebe und tatkräftiger Arbeit für das eigene Vaterland."[37]
Plancks hatten sehr zu leiden: einer der beiden Söhne kam aus dem Krieg nicht zurück; eine Tochter, Frau Fehling, starb und bald darauf die zweite, nachdem sie den Mann ihrer Zwillingsschwester geheiratet hatte[38]. Es blieb nur Erwin, der dann 1944, noch zu Lebzeiten des Vaters und in dem Regime, dem dieser die Loyalität nicht hatte versagen wollen und dann doch aufkündigte[39], mit der perfiden Anschuldigung des Verrats und der Verschwörung hingerichtet wurde.

Max Planck hielt an seiner religiösen Lebenspraxis fest, für Hans Kopfermann waren die Kriegserlebnisse der Anlaß, sie endgültig zu revidieren:

"Mein schon stark erschütterter Glaube an ein persönliches göttliches Walten ist von Tausenden von Granaten in den Dreck gestampft worden. Um mich herum hatten so viele mit dem Himmel gefeilscht, indem sie in Todesangst um ihr Leben bettelten. Demgegenüber war fast über Nacht etwas Unerbittliches in mir gewachsen, das mit diesen Dingen alleine fertig werden wollte... Ich habe seit jener Zeit nie mehr in meinem Leben gebetet".[40]

In der Pension, wo Guido, Hans und seine Schwester wohnten, lebten auch ein Japaner, dessen Name nicht erinnert wird, ein Amerikaner, 'Onkel Bobby', Regieaspirant bei Max Reinhardt, dem Kopfermann 'hinreißende' Shakespeare-Erlebnisse verdankte[41], und Kitty, eine Engländerin, Kunststudentin, die ihm die Museen zeigte und die "Seele aller gemeinsamen Ausflüge in den Grunewald und in das damals noch sehr primitive Freibad Wannsee" war:

"Sie konnte herrlich schwimmen. Da sie nie eine Bademütze trug, sah man ihren Rotschopf meist weit draußen in Sonne und Wasser glänzen. Nach dem Bad öffnete sie ihr patschnasses Haar zum Trocknen und erst bei der Heimfahrt in der Stadtbahn zwischen Nikolassee und Charlottenburg steckte sie völlig ungeniert ihre Frisur wieder auf. Dabei mußte ich ihr immer den Taschenspiegel halten, nachdem sie gemerkt hatte, daß mir diese Beschäftigung wegen der neugierigen Mitfahrer recht unangenehm war."[42]

Das 'Haarmotiv', die Aufmerksamkeit für diese Fülle körperlicher Feinheit, war im Zusammenhang mit der Erlanger Großmutter schon einmal aufgetaucht. Es stellt sich hier, symbolisch für die Berliner Umgebung, ganz zufallig neben ein frühes berufliches Ideal, neben die Begeisterung für Präzision Max-Planck'scher Prägung.

Nach dem Krieg war nichts mehr wie zuvor. Erinnerung an jugendlichen Enthusiasmus konkurrierte mit schierer Verzweiflung und aus beidem entstanden 'neue Existenz' und Karriere.


[1]Anfang der Lebenserinnerungen,S.38

[2]Ebendort, S.51

[3]Vgl. Constance Reid, Richard Courant 1888-1972. Der Mathematiker als Zeitgenosse, Berlin (Springer) 1979, S.58

[4]Vgl. Rita Thalmann, Protestantisme et Nationalisme en Allemagne de 1900 à 1945, Paris (Klingsiek) 1976, zweiter Teil: "Le Protestantisme conservateur, Walter Flex (1887-1917) Pro Deo et Patria"; Vgl. auch Karl O. Paetel, Jugendbewegung und Politik. Randbemerkungen, Bad Godesberg (Voggenreiter) 1961: "Walter Flex hat im Wanderer zwischen beiden Welten den Typ des Feldwandervogels gestaltet. Das Buch wurde zu einer Art Brevier des gesamten Wandervogels in dieser Zeit."

[5]Anfang der Lebenserinnerungen, Seite 45

[6]Ebenda, S.61.

[7]Friedrich Brunstäd, Die Staatsideen der politischen Parteien, Berlin (Vossische) 1920, S.31

[8]Friedrich Brunstäd, Die Idee der Religion, Halle (Niemeyer) 1922

[9]Vgl.auch ders., 'Logik' in Hb. d. Philosophie (Oldenbourg) München 1933

[10]Gerhardt Kuhlmann, Brunstäd und Tillich. Zum Problem einer Theonomie der Kultur, Tübingen (Mohr) 1928, S.43

[11]Ders., Die Theologie am Scheidewege, Tübingen (Mohr) 1935, S. 42

[12]Ebenda, Anm.8, S.40

[13]In "Entweder oder. Eine Frage an Em. Hirsch", Z.f.Th.u.K. 42, 1934, 247-256, schrieb Kuhlmann: "Die Kirche will offenbar nicht zugeben, daß sie ein politisches Element in sich hat. Und wo sie das zugibt, da sieht man, was aus ihr wird: die Weihestunde des Staates... So geht es nicht. Entweder die Theologie sucht ihren Weg abseits von aller Politik, unter Umständen verfolgt, auf jeden Fall aber verlacht von ihr, in der stillen Verkündigung der Hilfe für den, der den nächsten auzuhalten sucht, weiter nichts - oder die Theologie sucht den Menschen in eine letzte Erschütterung hineinzutreiben vor irgendeinem Absoluten, welches sie dann Gott nennt. Dann muß sie hinein in die Konkurrenz mit einer profanen Philosophie, die den Menschen ebenso gut, vielleicht noch besser in den Wirbel von Verzweiflung und Glaube stürzt. Der Ausgang dieses Kampfes kann nicht zweifelhaft sein. Wer Ohren hat zu hören, der hört. Vor dieses Entweder-oder stellt uns die nationale Revolution. Aber vor dieses Entweder-oder, nicht vor das vorläufige und künstliche des Gegensatzes von Idealismus und Existenzphilosophie..."

[14]Nachfolgerin heute die 'Evangelisch-Soziale Akademie' in Friedewald/Daaden

[15]Meier, Der ev. Kirchenkampf I, S.92: Die `Jungreformatorische Bewegung' (seit 9.5.1933), stand auf Seiten der Deutschen Christen, lehnte aber den Rassismus ab: Hanns Lilje, Martin Niemöller, Karl Heim, Karl Bernhard Ritter, Helmuth Schreiner, Wilhelm Stählin, Friedrich Brunstäd und Wilhelm Lätgert werden in diesem Zusammenhang genannt. Karl Barth sah im Sommer 33 in der Gruppierung keine Opposition. Brunstäd nahm später an den Bruderratssitzungen der Bekennenden Kirche in Mecklenburg teil.

[16]Vgl. Ruth Carlsen, Günder Heidorn, Peter Koppen, Gudrun Miehe in Gerhard Heitz (Hg.) Geschichte der Universität Rostock. Festschrift 1969, Bd.1, S.239ff. Dort im Bildteil nach S.160 auch ein Foto Brunstäds. Auch Carl Heinz Ratschow, "Friedrich Brunstäd 1883-1944" in Theol. Realenzyklopädie Bd.7 1980, S.249 ; Personalakte REM B 785, Kopie im BA (BDC): Vermerk vom 31.12.1937 Rechenschaft bzgl. einer Äußerung; Amtsenthebung 1938

[17]Über die Rolle Gerstenmaiers und des Wochenblattes als Organ einer 'Amnestielobby' in der frühen Bundesrepublik vgl. Norbert Frei, Vergangenheitspolitik, München (Beck) 1997

[18]Carl Heinz Ratschow, lod.cit.; dort der Verweis auf die Autobiographie eines Brunstäd-Schülers, H.-D. Wendland, Wege und Umwege, Gütersloh 1977 und die Bemerkung, daß "ausgesprochen das Erbe Stöckers ihn bewegt habe"; auch daß er - nicht 'wehrdiensttauglich' - im Krieg dem Roten Kreuz gedient.

[19]Brief von Hans Kopfermann vom 19.7.1947: "Unsere sehr liebe, stellvertretende Hausfrau, Frau Prof. Brunstäd aus Rostock, eine alte Freundin von mir, geht nämlich bald in ihr Kinderheim im Taunus zurück". Korrespondenz, Privatarchiv Charlotte Gmelin

[20]Anfang der Lebenserinnerungen, S.68

[21]John L. Heilbron, Max Planck. Ein Leben für die Wissenschaft 1850-1947, Stuttgart (Hirzel) 1988

[22]Bernhard vom Brocke, "Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Preußen und im deutschen Kaissereich 1882-1907: Das 'System Althoff'" in Peter Baumgart Hg., Hochschul- und Bildungspolitik in Preußen zur Zeit des Kaiserreichs Stuttgart (Klett) 1980. vom Brocke spricht vom 'System Althoff' als von einer Vision der Modernisierung, die damals umgesetzt wurde; Er zitiert Max Webers polemischen Ausspruch: ein "korrumpierendes System der Menschenbehandlung" und zeigt, wie nicht zuletzt die Zwänge im ancien régime dieses System mithervorbrachten.

[23]Agnes Zahn-Harnack, op.cit., S.440, schrieb über diese Umgebung: "Im Jahre 1910 wurde das kleine Haus in der Fasanenstraße mit einem größeren im Grunewald vertauscht. Nicht leichten Herzens trennte man sich von den guten und getreuen Nachbarn; aber auch das neue Haus bot Freundschaft und Verwandtschaft in nächster Nähe: die Geschwister Hans und Lina Delbrück, mit denen sich nun ein täglicher Austausch ermöglichte, der alte Studienfreund, Oberlandstallmeister von Oettingen, die Kollegen Planck, Hertwig, das Schönesche Haus und manche Andere". Oscar Hertwig war Anatom, Richard Schöne Generaldirektor der preußischen Museen. Lina Delbrück, geborene Thiersch war die Schwester von Frau Amalie Harnack.

[24]Das Gründungskapital der KWG wurde von Banken und Industrie aufgebracht; so stiftete der Berliner Banker Leopold Koppel 1 Million Mark: nur Krupp stiftete mehr; der preußische Staat zeichnete zwar nur 70 000 Mark, stellte aber das große Gelände der Domäne Dahlem zur Verfügung. Vgl. Lothar Burchardt, Wissenschaftspolitik im Wilhelminischen Deutschland, Göttingen 1975,

[25]Friedrich Naumann schrieb Harnack zu seinem 60. Geburtstag 1911 wie sehr er die Zusammenarbeit im 'Evangelisch-sozialen Kongress' schätze, und weiter: "Für viele Menschen, denen es ganz unmöglich ist, daß sie selber eine historisch-kritische Meinung erlangen, ist es von entscheidender Bedeutung, einen Mann vor sich zu haben, dessen Wissenschaftlichkeit nicht erst lange bewiesen zu werden braucht und der doch in Galiläa zu Hause ist. Der bloße Begriff 'liberale Theologie' ist farblos und der einzelne liberale Pfarrer wird nicht verstanden, solange er den Leuten als zufälliger Einzelner erscheint. Das wird erst langsam überwunden durch die Anschauung, daß es eine Gemeinschaft gibt, die ungefähr das sucht, was in Ihnen sich den Leuten am deutlichsten verkörpert. In diesem Sinne sind Sie ein pater evangelicus." (zitiert nach Agnes v. Zahn-Harnack, op.cit, S.441). Harnack die Verkörperung des 'Kulturprotestantismus', der ein politisches Programm darstellte?

[26]Zu der für die preußische Technologie- und Wissenschaftspolitik richtungsweisenden 'Flottenkampagne' vgl. Volker R. Berghahn, Wilhelm Deist, Rüstung im Zeichen der Wilhelminischen Weltpolitik. Grundlegende Dokumente 1890-1914, Düsseldorf 1988; Zu der 'Kluft zwischen den flottenbegeisterten Wissenschaftlern' und den finanziell am Flottenbau interessierten Großindustriellen bereits Anneliese Thimme: 1904 ging Delbrück der Flottenbau nicht schnell genug, 1907 propagierte er zwar die Auflösung des Flottenvereins, aber erst 1912 warnte er öffentlich vor den Folgen der letzten 'Flottennovelle'.

[27]Vgl. John L. Heilborn, loc. cit.

[28]Anfang der Lebenserinnerungen, S.70

[29]Allerdings haben die Physiker der neuen Mode internationaler Fachkongresse nur einmal gehuldigt: 1900 in Paris. Vgl. Anne Rasmussen, L'internationalisme scientifique, Thèse, Paris 1995

[30]Von besonderer Bedeutung war ein von Hugo Münsterberg zur Weltausstellung 1904 in St. Louis organisierter Kongress, eine 'erste Begegnung großen Stils von europäischer und amerikanischer Wissenschaft'. Wilhelm Ostwald und Ludwig Boltzmann stritten noch über die Bedeutung von kinetischen und Atomvorstellungen, während Ernest Rutherford und Paul Langevin, der eine über Radioaktivität, der anderer über Experimente mit Elektronen berichteten. Vgl. Kathrine R. Sopka Hg., Physics for a Century, Papers at the 1904 St. Louis Congres, NY (AIP) 1986

[31]Vgl. H.A. Lorentz, "Ernest Solvay", Die Naturwissenschaften 2, Heft 47, Nov. 1913, S.997

[32]"Der dortige Kongreß sah überhaupt einer Wehklage auf den Trümmern Jerusalems ähnlich... Gefordert wurde ich wenig, indem ich nichts hörte, was mir nicht bekannt gewesen wäre" schrieb Albert Einstein unter dem 26.12. 1911 an Michel Besso. Zitiert nach Karl von Meyenn, "Einsteins Dialog mit den Kollegen" in: H. Nelkowski et al. Hg., Einstein Symposion Berlin, Berlin (Springer) 1979

[33]Vgl. Jagdish Mehra, The Birth of Quantum Mechanics, Werner Heisenberg Memorial Lecture, CERN (76-10), Genf 1976

[34]Approximative Koinzidenz der Lebensalter: Hans Kopfermann war 60 Jahre alt, als ich ihm zum ersten Mal begegnete, ein paar Jahre später schrieb er seine Erinnerung an Planck. Heute im gleichen Alter wie er damals, erinnere ich mich an den Eindruck meiner ersten Begegnung mit ihm (1955): da war nichts zu 'bewundern', da waren die Angst vor der Prüfung und auf seiner Seite die Aufforderung zu einer Ungezwungenheit im Umgang, die bei mir keinerlei Argwohn aufkommen ließ und der Einstellung entgegenzukommen schien, daß nach der Diktatur 'Respekt' nie mehr und niemandem von vornherein zu schulden sei. Charme überbrückte die Distanz und unterstrich sie zugleich. In meiner Kindheit hatte es einen nur 14 Jahre älteren 'Onkel' gegeben, der Kriegsflieger wurde und ein paar Monate vor Kriegsende abgestürzt war. In der Erinnerung kommt es mir vor, als habe ich Kopfermann bei mir die Rolle dieses Onkels gegeben, ungeachtet des Atersunterschieds.

[35]Anfang der Lebenserinnerungen

[36]Walther Gerlach (Nachlass Deutsches Museum München) erinnerte sich:"im Anfang des Krieges, 1914, soweit ich mich entsinne Anfang November 1914, kam Paschen zu mir mit einem grossen Blatt Papier, ziemlich aufgeregt: "lesen sie mal, Dr. Gerlach. und dann kam "so etwas soll ich unterschreiben. und sehen sie einmal, sogar Wien hat das unterschrieben - ist das nicht furchtbar?" es handelte sich um den "Aufruf an die Kulturschaffenden" (oder so ähnlich), der dann weit verbreitet wurde."

[37]Zitiert bei John Heilbron, loc. cit., S.79

[38]Vgl. Brief vom 9.12.1919 von Albert Einstein an Max Born, in dem es heißt: "Plancks Unglück geht mir sehr zu Herzen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, als ich ihn nach meiner Rückkehr von Rostock besuchte. Er hält sich wunderbar tapfer und aufrecht, aber man sieht ihm den nagenden Kummer an". Albert Einstein, Hedwig und Max Born Briefwechsel 1916-1955, München (Nymphenburger) 1969

[39] Max Born, "Max Planck", in Die Großen Deutschen, S.224 hat notiert, daß sich Planck 1944 weigerte, sich mit der Begnadigung Erwin Plancks erpressen zu lassen

[40]Anfang der Lebenserinnerungen, S.105; Zum Vergleich: Erwin Schrödinger hat geäußert: "Der persönliche Gott kann in einem Weltbild nicht vorkommen, das bloß zugänglich wurde um den Preis, daß alles Persönliche daraus entfernt wurde. Wir wissen, wenn Gott erlebt wird, ist er ein Erlebnis, genau so real wie die unmittelbare Sinnesempfindung, wie die eigene Persönlichkeit. Wie diese muß er in dem raum-zeitlichen Bild fehlen. "ich finde Gott nicht vor in Raum und Zeit", so sagt der ehrliche naturwissenschaftliche Denker und wird dafür von denen gescholten, in deren Katechismus doch steht: Gott ist Geist. "Die Besonderheit des Weltbilds der Naturwissenschaft", Acta Physica Austriaca, 1, 1948, S.201

[41]Vom 14. November 1913 bis 18. Mai 1914 inszenierte Max Reinhardt im Deutschen Theater einen ganzen Shakespear-Zyklus in Vorwegnahme der 300-Jahr-Feier. Es waren neue Inszenierungen, "das für ihn ausschlaggebende Prinzip dabei war: der Wille zur Vereinfachung". Vgl. Arthur Kahane in: Hans Rothe Hg., Max Reinhardt. 25 Jahre Deutsches Theater München, Piper, 1930

[42]Anfang der Lebenserinnerungen, S.71

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