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Hälfte des Lebens

Der Knabe sah im dörflichen Pfarrgarten dem Vater zu, wenn der die Spalierobstbäume schnitt, saß unter dem Klavier auf dem Boden, wenn die Eltern vierhändig spielten und die Musik strömte von oben auf ihn ein. Szenen der Kindheit waren mit dem Dorf verbunden, dem 'Theater' der Jugendzeit waren Rheinstrom, die Kaiserpfalz, Weinberge und die Kleinstadt Caub Kulisse. Standesgemäße Schulen hatten nur die Zentren der Provinz, für die rechte Bildung des Sohnes wie der Tochter sorgte über Jahre selbstbewußt der Vater. Der lebte in seiner Zeit und seiner Pfarrerswürde, tatkräftig und heiter, konservativ, aber für manchen Fortschritt offen, ein Hüter des Kaiserstaats auf kirchlichem Außenposten, ein geschätzter Organisator seiner Gemeinde mit freundschaftlichen Beziehungen zum Landrat und familiären zu einem Geheimrat in Berlin. Es gab kaum Anlaß zur Suche nach exzentrischen und Außenseiter-Rollen, die angepaßte Vielfalt bot dem Heranwachsenden hinreichend Sicherheiten. Ein alter Maler und ein junger Arzt und Musikliebhaber öffneten die Tore der familiären zur größeren musischen Welt, bürgerliches Selbstbewußtsein setzte bei den Künsten, bei Skizzenbuch, bei Laute und Geige an, real in Bezug auf Leistung und Ausbildung sinnlicher Fähigkeiten, abstrakt hinsichtlich der intellektuellen Selbständigkeit.

Der Auszug in die Fremde des Bonner Gymnasiums bedeutete Entfaltung in neuen Rollen, der männlich-militaristisch-sportlichen, der schulisch angepaßten, die auch den väterlichen Theologenberuf nicht ausschlossen. Es scheint, als habe ein einmal angelegtes Selbstbewußtsein sich mit den erlernten Rollen halbwegs verteidigt, die intellektuelle Selbständigkeit zwar nicht gewonnen, aber im Lernzwang und Konformitätsdruck der Schule auch nicht verloren. Es scheint, als habe die musische Entwicklung als sicherer Hort gedient und die Stabilität der behüteten Kindheit in das angehende Erwachsenenleben hinübergerettet. Geige, Laute, Skizzenbuch und die fortgesetzte Nähe der älteren Schwester Else gewährleisteten eine sichere Ausgangsstellung. Im patriotisch übersteigerten Jubiläumsjahr der Freiheitskriege verließ ein kontaktfreudiger Einzelgänger die Bonner Schule, dem Pathos bündischer Jugend ebensowenig zugeneigt, wie dem der Männerriege und Kasinogesellschaft. Kein Angebot, kein Handicap und keine exzentrischen Wünsche verwiesen auf andere als die üblichen Horizonte: Kein unzureichendes, aber auch kein luxuriöses Gehalt vom Vater. Kein Lehrer, der statt zu beeindrucken, sich hätte vom Eleven beeindrucken lassen. Friedrich Brunstäd, Erlanger Philosoph, Max Planck, Berliner Physiker, imponierten. Ersterer durch Lebendigkeit, letzterer durch ´Genauigkeit'. Ein paar spärliche Hinweise lassen vermuten, daß der Expressionismus, die Kunstform der 'großen, unmittelbaren Gefühle'[1], mehr als nur ein Eindruck war und - weil ein musisches - ein wirklich herausforderndes Erlebnis wurde.

Dann kam der Krieg und schlug den ungefestigten Eigensinn in Bann. Mit dem Einzelgänger war es vorbei. Der grausamste der Männerbünde fesselte in ´kameradschaftlicher' Promiskuität und in Freundschaften, die in Extremsituationen wuchsen und traumatisch endeten, immer wieder. Leicht hätte er sterben können wie die vielen, die er sterben sah. Er verweigerte sich der militärischen Karriere nicht, wurde Offizier und Stabsoffizier mit besonderen Kompetenzen für die Logistik und für den Gaskrieg. Er schwor, wie jeder Offizier, daß er sein Leben lang nicht gegen das Interesse des Staates handeln würde; Menschenrechtsklauseln waren nicht vorgesehen. Hatte das ´Selbstsein' danach noch eine Chance? Wie hätte er zum Kriegserlebnis und zur ´Frontkarriere' ein restlos negatives Verhältnis gewinnen können? Er blieb zwiegespalten. Er nahm das gelernte 'Handwerk' noch einmal auf, diesmal im Bürgerkrieg und an der Seite Franz Epps. Im Juni 1919 begann ein neues, ungewisses Leben. Die musische Zufluchtsmöglichkeit stabilisierte und 'rettete' vor der Aufgabe aller Gewißheiten. Aber sie rettete auch vor dem revanchistischen Gehabe militärischer Traditionsverbände, vor ebenso verkrampften wie verbreiteten, nationalen Gefühlen.

Neue Sicherheit und Auftrieb gaben die Serenität des Akademischen Orchesters, Oskar Hagens ´Göttinger Händelrenaissance', gaben auch die Patrioten mit Augenmaß, die Lehrer Richard Courant und James Franck. Die Aufführungen ´Rodelinde' 1920, ´Otto und Theophano' 1921, ´Julius Caesar' 1922 und die Wiederholung der drei Opern 1923, immer im Juli, waren Höhepunkte, waren Entdeckung und Landgewinn im Musikleben und im eigenen. ´Historisierend' waren Hagens Händel-Interpretationen nicht, aber boten sie eine ´Musik, deren der Geist sich nicht zu schämen brauchte, und die damit den herrschenden beschämt'[2]? Zwiespältig scheint die Tendenz auch hier, doch mehr als jene 'Quote kontrollierten Kinderglücks', die eine sonst unerträgliche Gesellschaft ´ihren Gefangenen'[3] zukommen' läßt, schienen diese Musik, dies Theater, und ihr Publikum dem Neophyten jedenfalls zu bieten. Nicht die ganze Freiheit, aber doch ein Stück von ihr. Nicht auszudenken, daß er 1921 mit dem Staatsexamen Göttingen verlassen hätte. War es die Musiker-Umgebung, die dem zögernden zuriet zur Doktorarbeit? Born, Courant, Franck, die Lehrer, gehörten zu dieser Umgebung. James Franck nahm ihn in sein Institut auf, Hertha Sponer war die Oberassistentin, er war der erste Doktorand. Der Vater, der sich einmal hatte verpflichten müssen, den Reserveleutnant standesgemäß zu unterhalten, starb, aber die 'Notgemeinschaft der Wissenschaft' half mit einem Stipendium weiter.

Wie die ´Musiker', lag der politisch reformfreudige Leonhard-Nelson-Kreis in Kopfermanns Horizont, doch über eventuelle Verbindungen scheint es keine Zeugnisse zu geben, wie auch engere freundschaftliche Beziehungen zu anderen ´Händelfreunden' und Kammermusikern unbekannt bleiben. In den neubesetzten Physikinstituten war die Parallele zum Enthousiasmus der Händelrenaissance unübersehbar. 1922 gingen den Händeltagen die ´Bohrfestspiele' der Physiker voraus. Die Geburt der Quantenmechanik aus dem Geist der Händeloper? Ganz abwegig ist die Vorstellung vielleicht nicht. Noch war allerdings das ´Kind' nicht geboren, als Oskar Hagen Göttingen verließ. Auch Kopfermann war da schon weg. Etwa gleichzeitig mit der Einführung der Rentenmark (November 1923) passierte seine wissenschaftliche ´Aufwertung', die Promotion, und der Abschied wurde leichter, weil es keine bessere und angesehenere Stelle für den Jungwissenschaftler hätte geben können, als die, die ihn erwartete. James Franck und Hertha Sponer waren aus dem Berliner KWI nach Göttingen gekommen; dort war Rudolf Ladenburg, erste Stütze zukünftiger Berufserfolge, nicht nur der engste Freund von Max Born, sondern von einem ganzen Bekannten- und Freundeskreis umgeben, zu dem Albert Einstein, Fritz Reiche, Erwin Schrödinger ebenso zählten wie Max Wertheimer, der seinerseits ganz eng mit der Familie Kollwitz/Stern befreundet war. Vom internationalen Beziehungsnetz in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft des Institutsdirektors Fritz Haber ganz zu schweigen. Übrigens begegnete der Leutnant - militärische Dienstgrade blieben im Berlin der zwanziger Jahre kaum verborgen - in Ladenburg und Haber, die im Krieg (ungleiche?) Chef-Rollen gespielt hatten - der eine für den Gaskrieg, der andere in der Artillerie-Prüfungs-Komission - die aber ihren Zivilberuf über alles schätzten und zivile Umgangsformen pflegten.

Im Leben des Wissenschaftlers war zwar Raum für intellektuelle, musische und ´Freizeit-'Interessen, doch nicht für ein eigentliches ´Privatleben'. Aber kaum war er Berliner geworden und mit festem Gehalt versehen, als der fortan nächste Mensch und Ratgeber für das weitere Fortkommens auftauchte. Hertha Schwertfeger, Pychologie-Studentin, sieben Jahre jünger, wurde 1925 Frau Kopfermann. Sie war sehr anders aufgewachsen als ihr Mann. Ein Hannoveraner Stadtkind, dessen Vater früh gestorben war, die Mutter eine tätige Geschäftsfrau, es gab einen alteren Bruder. Die Oberschule beeindruckte mit einer wunderbaren Lehrerin, Agnes Wurmb, die über Hannover hinaus als Pädagogin, Frauenrechtlerin, Schulpolitikerin einen Namen hatte. Der Vater von Herthas nächster Freundin, Peter Bade, war ein angesehener Orthopäde und stand politisch wie menschlich dem Altliberalen Hannoveraner Wilhelm Heile nahe. Hertha hatte Edmund Husserl in Freiburg gehört, war von Wolfgang Köhler fasziniert und begann in dessen Berliner Institut bei Max Wertheimer eine experimentelle, wahrnehmungspsychologische Untersuchung, mit der sie 1927 promovierte, und die dem einzigen Doktoranden Wertheimers außer ihr, Rudolf Arnheim, für seine ´Theorie des Films' zustatten kam. Wertheimer ging nach Frankfurt, Hertha ließ ihre wissenschaftliche Arbeit (zu Gunsten derjenigen ihres Mannes?) ruhen.

Rudolf Ladenburg und Hans Kopfermann gelang 1928 der Nachweis der ´negativen Dispersion' und damit eine schöne Demonstration für die Richtigkeit der Quantenmechanik (QM), die bis in die Lehrbücher hinein Verbreitung und Anerkennung fand. Wenn auch nicht ganz so, wie zum Beispiel wenig später die Darstellung des ´Parawasserstoffs', die dem Freund und Institutskollegen Karl Friedrich Bonhoeffer zusammen mit Paul Harteck glückte. Zur ´Berliner Fassung' der QM leistete Kopfermann auch insofern einen Beitrag, als er - warscheinlich in Zusammenarbeit mit Hertha? - Erwin Schrödingers englische Vorträge übersetzte. Als Kurt Dubislav, Kurt Grelling, Hans Reichenbach die ´Gesellschaft für empirische Philosophie' ins Leben riefen, waren Hertha und Hans Kopfermann interessierte Zuhörer der regelmäßigen Veranstaltungen, Wolfgang Köhler gelegentlich Gast als Redner. Welche ´wissenschaftsphilosophischen' Vorstellungen sich Hans und Hertha Kopfermann in der Begegnung mit Erwin Schrödinger oder mit Hans Reichenbach machten, ist kaum festzustellen, es mag durchaus sein, daß sich deren Einfluß darauf beschränkte, die Vielschichtigkeit der Fragen bewußt werden zu lassen und vor leichtfertigen Äusserungen zu bewahren. Eine engere Freundschaft verband beide mit dem jungen Carl Gustav Hempel, damals Doktorand bei Reichenbach.

Als die Wirtschaftskrise zuschlug, war die KWG - noch unter ihrem ersten Präsidenten Adolf Harnack - doppelt betroffen, und besonders schlecht waren die Aussichten für das KWI für Physik, jemals über das von Albert Einstein geleitete Forschungsförderungsinstitut hinaus zu konkreten Formen zu kommen. Damit schwand für Rudolf Ladenburg die Chance, eine angemessene Stelle in Deutschland zu finden und unter starkem Druck von Fritz Haber - im Nachhinein dank dessen Weitsicht - nahm er ein Angebot aus Princeton an. Kopfermann wurde `emanzipiert'. Die `Kernphysik' begann sich abzuzeichnen, und bevor die Stoßexperimente mit Beschleunigern anliefen, konzentrierte sich das Interesse fast ausschließlich auf spektroskopische Befunde. Hermann Schüler, damals Mitarbeiter von Erwin Freundlich in der Einstein-Stiftung in Potsdam, hatte die Experimentiertechnik entscheidend verbessert. Kopfermann trat in Konkurrenz, und ihm gelang am Blei fast gleichzeitig, was Schüler am Thallium gelungen war, der Nachweis des kernphysikalisch interessanten Phänomens der Isotopieverschiebung. Damit konnte er sich habilitieren, und als Fritz Haber ihm ein Rockefeller-Stipendium für Kopenhagen verschaffte, bot sich ihm die unverhoffte Chance, im Bohr-Institut mit seiner Experimentiertechnik zur Stelle zu sein, gerade als sich dort das theoretische Interesse auf die Kernphysik konzentrierte. Noch bevor Ebbe Rasmussen soweit war. Der sammelte gerade in der Berlin PTR die nötigen Erfahrungen. So wurde Hans Kopfermann ein willkommener Gast und ein geschätztes Mitglied des Kopenhagener Kreises. Rasmussen wurde sein Kollege und Freund. Wie sehr auch Hertha in der Kopenhagener Umgebung eine Rolle spielte, kam nicht zuletzt darin zum Ausdruck, daß sie Niels Bohrs Vortrag vor Lichttherapeuten, `Licht und Leben', für `Die Naturwissenschaften' übersetzte.

* * *

Die `Bestimmungsstücke', die hier zusammengetragen wurden, geben Anhaltspunkte für eine Lebenskonstruktion, in erster Linie zweier Menschen, dann aber vermittelt in Beziehungen zu einer Auswahl anderer, im pragmatischen wie im `utopischen' Horizont. Der Physiker mochte sich die Maxime Candide's zu eigen machen und in der wissenschaftlichen Arbeit seinen Garten bebauen; die Gefährtin, so scheint es, hörte nicht auf, sich der Umgebung zu widmen und sich ihr zu stellen. Die Gebrochenheit, die dem Krieger von einst zu schaffen machte, ging ihr vermutlich ebenso ab wie sein Selbstbewußtsein. So hatte sie Augen und Ohren offen für Menschen, mit denen sich etwas anfangen ließ. Ältere und jüngere Menschen, die konkrete Lebensbezüge bedeuteten, ein Gegengift gegen solipsistisches Handeln und abstrakte Ethik. Die Kriegs-, die theologische und die wissenschaftsphilosophische Problematik hatte er pragmatisch zurückgestellt, wohl auch vor dem Hintergrund der Denkansätze, die ihm nahegebracht wurden. Seine Haltung war die einer Als-ob-Naivität.

Kopfermann zählte zu denen, die mit militärischen Ordnungmaßstäben und militaristischen Umgangsformen aufwuchsen und Sinn und Unsinn solcher Erziehung im Krieg erfahren hatten. In der Republik konkurrierten jüngere, die den alten Maßstäben und Formen - wenn nicht gar militärischen Karrieren - nachtrauerten, mit Altersgenossen, die sich in zivilen, demokratischen, auch anarchisch-individualistischen Formen übten. Der noch lange nicht überwundenen militaristischen und Untertanen-Mentalität zum Trotz. Den einen waren die `Krieger' Idol, den anderen suspekt, auch wenn sie - nicht selten - Kriegsgegner waren. Kopfermann ließ andere über ihn denken, was sie wollten, im Stillen galten seine Sympathien wohl weniger als je den ausgesprochenen Militaristen.

Zwanzig Jahre waren seit seinem erstem Studienjahr vergangen, dreizehn seit seinem Abschied vom Militär. Er war mit seinen 38 Jahren relativ alt und in der Berliner Umgebung befand er sich zwar in einem Konzentrationspunkt der Arbeitsmöglichkeiten und auch in einer relativ guten Ausgangsposition für eine Karriere an anderem Ort, aber die Zeichen standen nicht auf Expansion am kleinen 'Stellenmarkt'. Das gewählte Arbeitsgebiet war aktuell, aber vorläufig weit ab von praktischen Anwendungen, so gut wie ausschließlich geeignet für eine Universitätskarriere. Die formalen Voraussetzungen dafür waren vorhanden und wenn sich der Student sein Leben als Schullehrer vorgestellt hatte, war er über dies Ziel - so mußte es ihm erscheinen - als Privatdozent ein ganzes Stück hinaus gekommen. Mit dem Auslandsstipendium kamen Arbeitsmöglichkeiten auch in einem anderen Land ins Blickfeld. Er war auf Bezahlung angewiesen und in der nächsten Zeit mußte sich herausstellen, ob der eingeschlagene Weg weiterführen würde oder nicht. Was dann tatsächlich passierte, und die enge Verknüpfung der Karriere mit einer erschreckend regressiven Entwicklung der Gesellschaft in Deutschland, war nicht vorausgesehen.

Das Ansehen von Wissenschaft und Technik schlechthin war infolge der militärischen und industriellen 'Sachzwänge' im Krieg und nach der militärischen Niederlage als Pflaster auf die nationale Wunde eher gestiegen. Dabei war das Verhältnis der Forschungsinstitutionen zur Lobby aus Wirtschaft und Industrie alles andere als durchsichtig. Weitreichender als je konnten Wirtschaft und Industrie versuchen, mit Hilfe der wissenschaftlichen Institutionen und ihrer Förderung Staatsinteressen und die eigenen zu ihren Gunsten in Einklang zu bringen.

Die Reputation, die Kopfermann sich seit seiner Dissertation erworben hatte, gründete sich wesentlich auf die der Institute, in denen er arbeitete, James Francks Göttinger Institut und Fritz Habers KWI; und sie beruhte auf Publikationen, die von gewissenhaften Präzisionsmessungen Zeugnis ablegten, welche im neuen Arbeitsgebiet der Kernphysik als produktives, weiterführendes Beweismaterial ihre Geltung hatten und zugleich ganz traditionell auf der Linie einer Vermessung von 'Naturkonstanten' lagen. Die Anerkennung im kleinen Kreis der Kollegen war ihm sicher. Ganz persönlich mag jedes Resultat der Experimente auch als das 'Ruhende in der Erscheinungen Flucht' berührt haben, als etwas 'für die Ewigkeit', als Kilometerstein an einem Weg, der nicht mit dem Tod enden würde. Ein Weg in die Zukunft? Die bedrohlichen Gefahren, die es galt, sich bewußt zu machen, hat Hermann Broch 1949 als einen Alptraum beschrieben, als Traum des 'Schuldlosen':

"sein Traum ist eine unentwegt auf gestrige Ziele gerichtete höchstentwickelte und höchstmoderne Technik; sein Traum ist der technisch äußerst vollkommene Kitsch; sein Traum ist die professionelle Dämonie der für ihn geigenden Virtuosen; sein Traum ist die im romantischen Feuerzauber glühend strahlende Opernmagie; sein Traum ist schäbige Brillanz".[4] Broch ließ auch den verklemmten Mathematiker Zacharias, dem 1923 'seine sozialdemokratische Parteizugehörigkeit eine zwiespältige Einstellung zur Relativitätstheorie' - und zum Antisemitismus auferlegte, den Holländer A. treffen, der ihm sagte 'Alle Präzision bringt Unglück' mit dem Nachschlag, daß die Deutschen das präziseste Volk Europas seien und infolgedessen über sich selbst und Europa alles Unglück gebracht hätten[5].

Konnte Präzision der `Naturerkenntnis' glücklich machen, wo Präzision doch Unglück bringt, spezifisch deutsches Unglück?

Politische Zugehörigkeiten blieben zweitrangig. Politische Arbeit war Sache anderer. Sympathien verbanden Hertha und Hans Kopfermann mit einer Reihe von Menschen, die sich unpolitisch-politisch an humanistischen Normen orientierten, die die Selbstbehauptung aller Menschen gewährleisten sollten, wenn auch die eigene vielleicht etwas besser. Hielt sich nicht noch in den Köpfen die `Klassen-'Einteilung Gustave Flauberts (Masse, Spießbürger, Gebildete), die in dem Satz gipfelte: `das Volk sind die Gebildeten'[6]? Ludwig Marcuses eingangs zitierte Passage mag als Beleg dafür dienen. In Anlehnung an Max Webers Thesen durfte Wissenschaft als zweckfreier `Beruf' gelten, Politik als ein ganz anderer. Nach dem Beispiel der Empiristen, andererseits, konnte Wissenschaft, `unpolitisch' wie die Aufklärung, ein Mandat beanspruchen. Ob der im einen Fall defensive, im anderen didaktisch-offensive, 'unpolitische' Grundkonsens trug, würde sich bald zeigen.

René Schickele (1883-1940) schrieb im August 1932 aus Badenweiler an einen Knaben:

"Hör mal zu, kleiner Bertold! Welches Tier kannst du am wenigsten leiden? Welches flößt dir den größten Abscheu ein? Schlange?, Spinne?, Hornisse?, Waldschnecke? Mache dir klar, welches dir am ekligsten ist, und gib ihm den Namen 'Politik'. Sobald es auftaucht, mußt du rufen: 'Hu, schon wieder die Politik!' und dich abwenden."

Kaum einer war so überzeugend ein Republikaner, wie der Elsässer Schickele, seit dem Krieg ein überzeugter Pazifist. 'Politikverdrossenheit' scheint nicht zu ihm zu passen. Doch wie über dem Nachdenken der Abscheu vor den Tieren sich verlieren sollte, und durch Abwenden kein genaues Bild von ihnen entstehen kann, mag es auch mit der Politik gehen, das wäre die List des Gleichnisses. Bald lebte der Schreiber im provenzalischen Exil, wo er sterben sollte, bevor er weiter hätte fliehen müssen. Mit Natur, Kunst, Güte allein war die Republik nicht zu verteidigen. Trotzdem hatte er geschrieben:

"Ich hoffe, bis du groß bist, sind den Menschen Natur und Kunst und ein bißchen Güte wiederum wichtiger als ein Parteiprogramm"[7]


[1]Kasimir Edschmid, "Über den Expressionismus in der Literatur und die neue Dichtung", Tribüne der Kunst und Zeit, Berlin, 1919, S.50

[2]Theodor W. Adorno, "Arnold Schönberg" Die Neue Rundschau 1953, abgedruckt in ders., Prismen, Frankfurt, Suhrkamp, 1955 S.181

[3]Ebenda

[4]Hermann Broch, Die Schuldlosen. Roman in elf Erzählungen, Zürich (Rhein) 1954, S.297

[5]Ebendort, S.191

[6]Gustave Flaubert, Brief an George Sand vom 17.5.1867 in: G.F., G.S., Eine Freundschaft in Briefen, München, Beck, 1992, S.132

[7]Brief an Bertold Renner. René Schickele, Werke in drei Bänden, Bd.3, Köln (Kiepenheuer) 1959, S.1169

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