Etudes-home

INH

E:


I:








II:









10 
11 
12

III:









A:

A1 

 

II. SCHLAGLICHTER 1933-1945

Wenn heute an die Diktatur erinnert wird, kommt ins Blickfeld, wie Menschen als einzelne und in Gruppen mit dem Regime 'kollaborierten' - oder nicht. Damals stellten sich die Fragen in Bezug auf aktuelle Anlässe, auf persönliche Umgebungen, auf konkurrierende Persönlichkeiten und Machtverhältnisse und nur wenige reagierten kategorisch auf das nationalsozialistische Progamm in politischen Grundfragen zu Menschen- und Bürgerrechten, zur Begrenzung staatlicher Machtbefugnis, zu Krieg und Frieden. Als die Repräsentanten dieses Programms an die Macht kamen, sah sich fast die Hälfte aller Bürger ihrer bisherigen Vertreter auf allen politischen Ebenen beraubt und auf eine Hierarchie von 'Führern' verwiesen, die Anerkennung zu gewinnen trachteten und mit Einschüchterung, Terror und Ausgrenzung nicht zögerten. Die NSDAP, die SA, die SS, die DAF und ihre Unterorganisationen spielten in allen Bereichen des öffentlichen, des Berufs- und Privatlebens im 'Führerstaat' eine offene oder verdeckte Rolle, und die Geheime Staatspolizei (Gestapo) im Bündnis mit dem 'Sicherheitsdienst' (SD) der SS dominierte die Exekutive[1]. Es fällt auf, wie nachgiebig einflußreiche Gruppen und Personen skrupellose Machtausübung mittrugen und als Nebensächlichkeit empfanden. Mit Unterdrückung des Bürgerkriegs und später mit imperialistischer Kriegsführung schoben `Volksgemeinschaft' und `Führer' die Katastrophe des Systems vor sich her. Antisemitismus und rassistische Verfolgung wurden Staatsziele. Am Ende wurde zwar heimlich, aber mit hunderttausend Funktions- und Geheimnisträgern, der Massenmord geplant und ausgeführt. Personen und Handlungen sind aus heutiger Sicht kaum anders als mit Blick auf den Terror zu sehen (und zu verstehen), im Gedanken an die rassistische Diskriminierung, die Zwangs- und Gefangenenarbeit, den Völkermord, die Verbrechen gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit, die Kriegsverbrechen, die 'Shoa'.

In den Jahren der Diktatur machte Hans Kopfermann Karriere. In diesen Jahren riet die vorerwähnte Agnes Wurmb einem Schuldirektor, der sein Amt niederlegen wollte, 'mit aller Entschiedenheit' ab: er müsse bleiben und ausharren, solange es irgendwie im Interesse der Jugend noch zu tragen und zu verantworten sei. Er solle bedenken, daß bei seinem freiwilligen Ausscheiden den 'wilden' Nazis Tür und Tor geöffnet sei, einmal zum Austoben des Fanatismus und der Verstiegenheiten im Amt des Schulleiters, andererseits auch gegen ihn selbst, der ja damit ohne die geringste Tarnung sein wahres Gesicht zeige. Nach zwei Seiten würde also von ihm Schaden angerichtet werden.[2] Hatte Wurmb Recht mit ihrem Rat? Die Gründe für einen Abschied von Beamten: Ablehnung des Regimes und Solidarität mit den Entlassenen, waren nur für allzu wenige maßgebend. Aber vielleicht hätten auch wenige mit entschiedeneren Schritten mehr bewirkt.

Zweimal im Lauf der 12 Jahre 'reformierte' sich die Diktatur: 1936-38 mit Vierjahresplan, Revirement der Führung, außenpolitischem Kurswechsel; 1941-42, angesichts der Kriegslage, mit entscheidenden Umstellungen der Rüstungsproduktion und -organisation. Beide Male - darin lag ein Herrschaftsprinzip des Regimes - erfuhren die geächteten Menschen eine gravierende Verschlechterung ihrer Lage, im Zug des zweiten Revirements Deportation und Mord. Beide Male kam es zu einer Revision der Hochschul- und Forschungspolitik. Beide Male auch - war es Zufall? - änderte Hans Kopfermann sein Umfeld: 1937 wurde er nach Kiel berufen und 1942 nach Göttingen. Nach dem 20. Juli 1944, nach der Niederlage der `verlassenen Verschwörer'[3], gab es noch einmal eine Umstellung der Diktatur, eine letzte Konzentration des Mord- und Zerstörungspotentials auf der Kommandoebene.

Die Herausforderung

Bei den zweiten Reichstagswahlen des Jahres 1932 am 6. November war bekanntlich die Zahl der NSDAP-Abgeordneten von den 230, auf die sie am 31. Juli hochgeschnellt war (bis dahin 107), auf 196 zurückgegangen. Wer hoffte, ein Eintritt dieser Partei auch in die Reichsregierung (auf Staatsebene regierte sie schon) würde vermieden, wurde am 30. Januar 1933 enttäuscht. Die Regierung Hitler bahnte sich dann mit der Auflösung des Parlaments am 1. Februar, mit dem inszenierten Reichstagsbrand vom 27. Februar, darauffolgender Anwendung der 'Notverordnung zur Abwehr kommunistischer, staatsgefährdender Gewaltakte'[4], mit einer ersten Repressionswelle und dergestalt manipulierten Wahlen am 5. März 1933 (44% für die NSDAP) den Weg zur Diktatur, zum 'Ermächtigungsgesetz'[5] vom 23. März. Zunächst mußte es ihr darum gehen, Opposition, wo auch immer, mit Maßnahmen zu bekämpfen, die nicht neue, stärkere Widerstände hervorriefen. Das geschah mit offenem und heimlichem Terror, mit unredlicher Propaganda auf regressiven Stimmungsebenen, aber auch mit einer spektakulären Ausnutzung der Sehnsucht nach einer 'Wende', mit dem Anfachen einer kollektiven Regression in einfache Identifikationswünsche um jeden Preis mit einer 'Führung'. Tatsächlich gelang es, die 'linke' Opposition in Schach zu halten, die 'rechte' hatte neben der NSDAP keine Massenbasis mehr, und die Partei hatte ihre 'Massen' mit uniformierter Siegerstimmung und Kampfparolen, mit organisierter Aggressivität und 'Parteiaufgaben' im Griff.

Noch vor den Märzwahlen erhielt die SA eine Art 'Schießbefehl', 100000 Menschen, meist KPD-Mitglieder, wurden verhaftet, 4000 in KZs gebracht. Der antisemitische 'Boykott' vom 1. und das Beamtengesetz vom 7. April, die Massen-Verhaftungen am 2. Mai und damit die Zerschlagung der Freien Gewerkschaften, die die DAF zur reichsten NS-Organisation werden ließ, waren die nächsten Schritte[6]. Die 'Bücherverbrennung' am 10. Mai 1933, Höhepunkt und Abschluß einer tönenden Kampagne zur ideologischen Einstimmung der akademischen Jugend, bedeutete das Ende einer gegen die Übermacht chauvinistischen und völkischen Publikumsgeschmacks ohnehin kaum sich behauptenden 'Neuen Literatur'. Nationalsozialisten und 'Männer Hindenburgs' bildeten Hitlers Kabinett und die anfängliche Koalitionsregierung blieb hinsichtlich ehemaliger politischer Zugehörigkeiten bis 1945 heterogen[7]. In Personalunion oder parallel zu den Ministern regierten die Parteifunktionäre, der Stellvertreter des Parteiführers, Rudolf Heß, sein Stabschef Martin Bormann, die 'Reichsleiter' der NSDAP: der 'Reichsorganisationsleiter' Robert Ley (1890-1945) bald auch 'Reichsleiter der Deutschen Arbeitsfront', der Leiter des 'Außenpolitischen Amtes' und bald 'Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP', Alfred Rosenberg, der 'Reichspropagandaleiter' Joseph Goebbels, der 'Reichsleiter für die Jugenderziehung' Baldur Schirach und andere, allen voran Heinrich Himmler als 'Reichsführer SS' mit wachsenden Polizeifunktionen. Der berühmt-berüchtigte 'Zwölferkreis', der 'Freundeskreis der Wirtschaft'[8], der nach einem Treffen am 18. Dezember 1932 im Berliner Kaiserhof der Nazipartei aus der Patsche geholfen hatte, wurde zum 'Freundeskreis Heinrich Himmler' und erweiterte sich u.a. um Friedrich Flick, Heinrich Bütefisch, Karl Lindemann, Ritter von Halt, Hellmuth Röhnert und Kurt Schmitt (der vorübergehend Wirtschaftsminister wurde). Der 'Reichsverband der deutschen Industrie', die mächtige Arbeitgeberorganisation, wurde ganz im Sinn der anfänglichen Ideologie vom 'Ständestaat' zum 'Reichsstand der deutschen Industrie'. Den Vorsitz behielt Alfried Krupp. Schon bald war der 'Ständestaat' nur noch Fassade und in der zentralisierten Wirtschaftsorganisation bildete der 'Reichsverband' die 'Reichsgruppe Industrie'[9]. Schon am 14. Juli 1933 wurden per Gesetz alle anderen Parteien abgeschafft und mit Gesetz vom 1.12.33 wurde "die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei die Trägerin des deutschen Staatsgedankens und mit dem Staat unlöslich verbunden"[10]. 'Auf kaltem Weg' machte Hitler sich nach Hindenburgs Tod zum 'Führer und Reichskanzler' (2.8.1934). Wahlen und mehr noch 'Volksabstimmungen' fanden statt, die 'Nicht-ja-Stimmen' zählten bis 1936 immerhin noch nach Millionen, im August 1934, nach der 'Röhmaffaire' und der Usurpation des höchsten Staatsamtes waren es 7.1 Millionen einschließlich der Nichtwähler[11]. Notverordnung und Ermächtigungsgesetz wurden niemals aufgehoben, sondern immer wieder verlängert, zuletzt 1943 in paradoxer 'Selbstermächtigung', per Erlaß.

Aus Wirtschaft, Armee , Verwaltung, Exekutive, NS-Körperschaften und Politik heraus bildete sich ein 'Machtkartell', das sich in alle Institutionen hinein fortsetzte, auch in die religiösen und selbstverständlich in die Bildungsinstitutionen.

Aus den vielfältigen Wünschen und Rufen nach Revision des Versailler Diktats, aus Antiliberalismus, Antikommunismus, und besonders aus biologistischem Rassismus schöpfte die Ideologie des Regimes. Ein ohnehin dubioses und seit der Niederlage von 1918 stark beschädigtes Nationalbewußtsein wurde aufs neue pervertiert durch zwanghafte Heroisierung von 'arischer Herrenrasse' und durch willkürliche Ächtung unliebsamer Bürger aller Schichten. Kaum überwundener Antisemitismus ließ sich wieder mobilisieren. Der 'Neuen Rechtslehre' - keine Erfindung der Nationalsozialisten - galt das kodifizierte Recht als ungenügend und ergänzungsbedürftig aus irrationalen Rechtsquellen (Führer, Volk, Empfinden): "Gesetzliche Bestimmungen... dürfen nicht angewendet werden, wenn ihre Anwendung dem heutigen gesunden Volksempfinden ins Gesicht schlagen würde"[12]. Das Freund-Feind-Schema mit Bezug auf eine 'artbestimmte Volksgemeinschaft' wurde zum tragenden Prinzip dezisionistischer Rechtspraxis. War die ideologische Säule in mehrfacher Funktion der Antisemitismus, so fiel der Antikommunismus, 'Antibolschewismus' als proklamierte Politik und praktizierter Terror nicht weniger ins Gewicht und ins Auge[13]. Und der hatte nicht nur verheerende Wirkung in der deutschen Gesellschaft, sondern hatte auch zur Folge, daß dem Regime im westlichen Ausland manches zu Gute gehalten wurde und antirassistische Proteste im In- und Ausland weniger zur Geltung kamen. In Fortsetzung der rassistischen Maßnahmen ordnete Blomberg im Februar 1934 die 'Arisierung' der Reichswehr an. Die 100 000-Mann-Armee lehnte sich nicht auf, (nur Hindenburgs Neffe Erich Manstein (1887-1973) protestierte)[14]. Am 30. Juni / 1. Juli 1934 wurden auf Befehl des Diktators Weggenossen und 'Kritiker', Opponenten vom 'sozialrevolutionären' Flügel um Gregor Strasser (1892-1934), Gegner in der Reichswehrführung, Interessenvertreter der SA um Ernst Röhm und prominente Gegner schlechthin, wie der ehemalige Regierungschef Kurt Schleicher und seine Frau Elisabeth, ermordet. Vorwand war 'Gefahr im Verzug' durch angebliche Putschpläne Röhms. Reinhard Heydrich organisierte die Mordaktion. Roland Freisler, damals im Justizministerium, unterdrückte die Untersuchung im Fall Schleicher. Blomberg unterstützte die Aktion, die der Diktator per Gesetz nachträglich als 'Staatsnotwehr' für rechtens erklärte[15].

Nach der 'Röhmaffaire' verlor die SA ebenso ihre politische Bedeutung wie die Gauleiter ihre repressiven Machtbefugnisse. Die SS löste sich aus der SA und wurde eine eigene Parteiorganisation, die `Fußvolk' und `Ordensritter' unter einem Symbol vereinte: 'Verfügungstruppen' und 'Totenkopfverbände' (Wachtruppen) wurden von Kommunen und Ländern, später vom Reich finanziert, während die 'allgemeine SS', parteifinanziert, fortan als nationale Elite in Erscheinung trat, der man sich bei einigen Voraussetzungen als förderndes Mitglied ohne weitere Verpflichtungen anschließen konnte. Manche Hochschullehrer wurden dazu eingeladen[16].

"die SS-Totenkopfverbände sind weder ein Teil der Wehrmacht noch der Polizei. Sie sind eine stehende bewaffnete Truppe der SS zur Lösung von Sonderaufgaben polizeilicher Natur, die zu stellen ich mir von Fall zu Fall vorbehalte", hieß die Formel, und in der Juristischen Wochenschrift vom 26.9. 1936 definierte der Verwaltungschef der SS, Oswald Pohl, damals 'Brigadeführer' (Generalmajor): "Allgemeine SS ist eine Gliederung der NSDAP, SS-VT und SS-Totenkopfverbände sind dagegen Teile der Schutzstaffel, welche durch den Reichs- und preußischen Minister des Inneren passiv legitimiert werden".[17]

Das neue Regime wirkte in den ersten Jahren und angesichts von 6-8 Millionen Arbeitslosen[18] am Ausgang der Strukturkrise vor allem mit einem Substrat materieller Umschichtungen und rigoroser Intensivierung bereits angelaufener Maßnahmen, sowohl 'massenwirksamer' (Arbeitsbeschaffung in Hoch- und Tiefbau[19]; 'Arbeitsbeschaffungsgesetz' im Juni 1933, gesetzliche Verpflichtung zum 6-monatigen 'Arbeitsdienst' per Gesetz vom 26.6. 1935), als auch kapitalbezogener Natur (Reichsbankdirektiven, 'Arbeitgeber-Absprachen', 'Benzinvertrag' (s.u.) - Hjalmar Schacht als Reichsbankpräsident initiierte Wechsel, die der staatlichen Kreditaufnahme dienten, über fünf Jahre liefen, und von einer ad hoc gegründeten 'Metallforschungsgsellschaft' (Mefo) der Industrie-Freunde Schachts mitverbürgt wurden). Beides geschah von Anfang an im Zug einer, wie es hieß, 'Wehrhaftmachung' mit besonderer Rolle der Luftwaffe[20], einer bis zum massiven Rüstungsbeginn 1936 vor allem ideologischen Aufrüstung. Für den ökonomisch gebildeten Analytiker verstieß die Verfahrensweise gegen minimale Kriterien friedlicher und verträglicher Wirtschaftspolitik. Auch für den, der nicht von marktwirtschaftlicher Selbstregulierung so überzeugt war, daß ihm wie später den 'ordoliberalen' Fachleuten (Friedrich Hayek, Wilhelm Röpke) jede Form der Planwirtschaft und `Sozialtechnik' auf `Totalitarismus' hinauslief. Die weltwirtschaftliche Konjunktur war günstig, die perfide 'Mobilisierung' konnte überzeugen, anfängliche Versprechungen ('Gebt mir vier Jahre Zeit...') schienen sich endlich der Erfüllung zu nähern: 1937 war die Arbeitslosigkeit verschwunden. Aber die Zeichen standen immer deutlicher und nach altbewährtem Rezept auf Agression nach außen, und jeder der sich umsah, konnte im Land Unrecht, Entwürdigung und Mord miterleben. Was Mitmenschen zugefügt wurde, lag offen zu Tage, als Menschenrechtsverletzung, als Regierungskriminalität. Wer dies für richtig oder notwendig hielt, blind war oder wegsah, mochte sich zur 'Volksgemeinschaft' zählen. Wer hingegen die gesellschaftliche 'Schieflage' wahrnahm oder wahrnehmen mußte, verlor immer mehr die Hoffnung auf schnelle Abhilfe. Eine abstrakt abwägende Haltung, wie sie der Staatssekretär Ernst Weizsäcker 1940 zum Ausdruck brachte, "man müsse sich damit trösten, daß große Wandlungen in der Geschichte sehr oft unter Verbrechen herbeigeführt würden"[21] mag in weiten Kreisen von Anfang an bestanden haben.

Im Rahmen der DAF wurde unter dem 27. 11. 1933 die Organisation 'Kraft durch Freude' (KdF) geschaffen, die die 'Unterhaltungs-' und 'Freizeit-Ansprüche monopolisierte und regulierte. Eine besondere, staatsentlastende und volksgemeinschaftlich motivierende Rolle spielte die Inszenierung ebenso zwingender wie erfolgreicher 'Opferrituale' (Winterhilfswerk(WHW)-Sammlungen) und die Inanspruchnahme der kirchlichen Wohlfahrtsverbände unter allmählich zunehmender Hegemonie der NS-Volkswohlfahrt (NSV)[22].
* * *

Was geschah in Hochschule und Wissenschaft, im Umfeld der Physiker? Seit die Wirtschaftskrise Ende 1929 begonnen hatte, gesellte sich zur sichtlich sich ausbreitenden Arbeitslosigkeit eine verdeckte. Mit ihrem Anstieg wuchsen die Studentenzahlen an den Universitäten. Gleichzeitig zwang die Krise dort wie überall zu einschneidenden Sparmaßnahmen.

1932 war Max Born in Göttingen Dekan. Auf eine Verordnung zur Entlassung von jüngeren Assistenten und Mitarbeitern reagierte er mit einer Aufforderung an den Lehrkörper, 10% der Gehälter für deren Weiterbeschäftigung zur Verfügung zu stellen: "Die Kämpfe, die das in der Fakultät hervorrief, sind mir noch in grusliger Erinnerung". Seine Freude über eine schließlich zu Stand gekommene beträchtliche Mehrheit wurde getrübt durch "eine nie dagewesene Gehässigkeit" der Überstimmten, "es waren einige Historiker,aber vor allem die Landwirtschaftler und Forstleute". Born kommentierte:
"Ein halbes Jahr später wußten wir, was sie eigentlich waren: verkappte Nazis, die Fürsorge für Einzelne für ebenso überflüssig hielten, wie das Funktionieren wissenschaftlicher Institute".[23]

Mit dem Beginn der Diktatur kam die eigentliche Herausforderung. Terror der SA und erste Festnahmen auch in den Hochschulen, gleichzeitig mit den Massenverhaftungen von Kommunisten und Sozialdemokraten vor den Märzwahlen. Fritz Haber erhielt einen 'vertraulichen' Brief der DNVP vom 6.2. mit der Bitte um Spenden für die 'Rettung der nationalen Regierung':

"Es kann nicht zweifelhaft sein, daß ein Mißlingen der gigantischen Aufgabe, die sich die Regierung Hitler-Hugenberg-Papen-Seldte gestellt hat, sehr leicht das Ende jeder bürgerlichen Ordnung in Deutschland auf unabsehbare Zeit bedeuten kann. Vor diese einfache Alternative ist heute die Wirtschaft in besonderem Maße gestellt..."

darauf Haber am 13.2.:

"...beehre ich mich zu erwidern, daß meine persönlichen Verhältnisse mir nicht mehr gestatten, für politische Zwecke Beiträge zu zahlen..."[24]

Eine ähnliche Antwort gab er auf einen Spendenappell der Deutschen Staatspartei, deren Gründungsaufruf von 1930 neben den Unterschriften von Koch-Weser, Eschenburg, Heuß, Bäumer und Bergius auch die seine trug, obwohl das Zusammengehen der DDP mit der aus dem Jungdeutschen Orden entstandenen Volksnationalen Reichsvereinigung ihn mit Bitterkeit erfüllte. Der Staatpartei schrieb er allerdings mit Anhänglichkeit, daß er dem Engagement für die "zur Zeit hoffnunglose Aufgabe" seine Achtung nicht versagen könne.[25]

Am 4. Februar wurde der Gauleiter von Hannover-Braunschweig, Bernhard Rust (1883-1946) kommissarisch preußischer Kultusminister; schon am 30. Januar war mit Hans Hinkel (1901-1960), Präsident der `Gesellschaft für Deutsche Kultur' und bald darauf `Reichsorganisationsleiter' des `Kampfbundes für Deutsche Kultur', ein prominenter Nationalsozialist in das Bildungsministerium eingezogen[26]. Am 14. Februar hing an den Berliner Litfaßsäulen ein `Dringender Apell', der auf die Nelsonianer des `Internationalen Sozialistischen Kampfbundes' zurückging, den u.a. Emil Julius Gumbel, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann und August Siemsen unterzeichnet hatten und der für die Märzwahl ein Zusammengehen von KPD und SPD forderte[27]. In dem Aufruf hieß es: "Sorgen wir dafür, daß nicht die Trägheit der Natur und die Feigheit des Herzens uns in die Barbarei versinken lassen". Am 15 Februar redete Rust im Auditorium maximum der Berliner Universität über den `nationalsozialistischen Kulturwillen': nicht der Mensch sei das Maß aller Dinge, sondern die Nation. Dann erklärte er den `Dringenden Appell' vom Vortag für einen Skandal. Skandalös war allerdings, daß am gleichen Tag die Akademie der Künste auf Rusts Veranlassung und gegen den Willen mancher Mitglieder (Alfred Döblin, Oskar Loerke) den Präsidenten der Dichterakademie Heinrich Mann und Käthe Kollwitz wegen ihrer Unterschriften zum Ausscheiden veranlaßt hatte. Einzig der Architekt Martin Wagner war daraufhin sofort ausgetreten. Den nächsten öffentlichen Skandal verursachte am 17. Februar eine Abordnung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDTB), die ungestraft Lehrer und Studenten der Kunsthochschule terrorisieren konnte.[28]

Auf das Ermächtigungsgesetz folgten antisemitischer 'Boykott' und Pogromdrohung vom 1. April, das Beamtengesetz mit dem 'Arierparagraphen'[29] am 7. April, das Gesetz zur Beschränkung des Schul- und Hochschulzugangs vom 23. April und die Massenverhaftungen von Gewerkschaftlern am 2. Mai.

Albert Einstein hatte unter dem 28. März aus Antwerpen der Akademie seine Mitgliedschaft aufgekündigt:

"Die in Deutschland gegenwärtig herrschenden Zustände veranlassen mich, meine Stellung bei der Preußíschen Akademie der Wissenschaften hiermit niederzulegen... Ich weiß in wie hohem Maße ich ihr zu Dank verpflichtet bin... Die durch meine Stellung bedingte Abhängigkeit von der preußischen Regierung empfinde ich aber unter den gegenwärtigen Umständen als untragbar"

James Franck schrieb am 16. April 1933 einen offenen Protestbrief an den neuen Kultusminister, verließ sein Göttinger Amt und das Institut und gegen Ende des Jahres in sehr depressiver Stimmung auch das Land.

"Wir Deutsche jüdischer Abstammung werden als Fremde und Feinde des Vaterlandes behandelt. Man fordert, daß unsere Kinder in dem Bewußtsein aufwachsen, sich nie als Deutsche bewähren zu dürfen. Wer im Krieg war, soll die Erlaubnis erhalten, weiter dem Staat zu dienen. Ich lehne es ab, weiter von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen, wenn ich auch Verständnis für den Standpunkt derer habe, die es heute für Ihre Pflicht halten, auf ihrem Posten auszuharren."[30]

Franck hoffte auf eine unmittelbare Signalwirkung seines Rücktritts. Grete Paquin, Sekretärin und 'Seele' des Instituts, blieb am fraglichen Abend, zusammen mit ihrer Kollegin des I. Instituts, im Dienst in Erwartung von Telefonanrufen. Im Kollegenkreis rührte sich nichts[31]. In den nächsten Tagen schrieb Peter Paul Ewald, damals Rektor in Stuttgart:

"Ihr mannhafter Schritt erregt bei Vielen Freude und Bewunderung. Ich beglückwünsche Sie dazu. Ich selbst habe das Rektorat niedergelegt, `da ich den Standpunkt der Regierung in der Rassenfrage nicht teilen kann'"[32]

Edith Hahn (Otto Hahn war gerade in Amerika) schrieb am 22. 4., daß sie "den ganzen Rest der Voss gekauft und an alle Leute geschickt" habe,

"die ich noch nicht für ganz verloren halte, weil ich denke, Dein Brief müßte sie zur Besinnung bringen und ich hoffe, die ganze Welt wird darauf reagieren."[33]

Zu einem gemeinsamen Protest von Max Born, Richard Courant und Franck war es nicht gekommen, weil vor allem Courant über Albert Einsteins kompromißlose Absage an die neue Regierung geradezu empört war, und den Wirbel, den sie auslöste, nicht noch verstärken wollte. Noch richteten sich die hergebrachten deutschen politischen Gegensätze - und damit ein Stück Untertanen- oder Anpassungsmentalität - gegen die Anti-Hitler-Solidarität[34]. Nicht mehr lange. Aber es bleibt symptomatisch, daß Richard Courant (am 30.3.33, also mit der Erfahrung der antisemitischen 'Boykott'-Aktion, die auf Reichsebene für den folgenden Tag proklamiert wurde, der aber die lokalen SA und SS schon am 28. 'vorgegriffen' hatten) an James Franck hatte schreiben können:

"Was mich besonders kränkt und bekümmert ist, daß der jetzt wieder in Bewegung geratene Antisemitismus sich nicht nur gegen unsympathische literarische und sonstige Zersetzungserscheinungen richtet, die ich und Du ebenso und vielleicht mehr verurteilen als mancher 'völkischer' Mann, sondern unterschiedslos gegen jeden Menschen jüdischer Abstammung, mag er innerlich ein noch so guter Deutscher sein, mag er und seine Familie im Kriege geblutet haben oder sonst sein Bestes für die Gesamtheit leisten. Ich kann nicht glauben, daß auf die Dauer eine solche ungerechte Einstellung bestehen bleiben wird; wenigstens nicht, so weit es sich um die Führer, insbesondere Hitler handelt, dessen letzte Reden mir persönlich durchaus einen positiven Eindruck machten."

Courant hat den 'Dringenden Apell' aus dem Umkreis der Nelsionaner wohl ebenso verurteilt, wie Einsteins `undiplomatisch' offensive Haltung.

Mancher andere, gar nicht so weit entfernt, war, was die 'Führer' betraf, weniger `ungläubig' als Courant. Peter Wellmann (1913-1999), damals Astronomiestudent in Bonn, erfuhr noch vor dem 'Umsturz', bei einer Busfahrt zur Tagung der Astronomischen Gesellschaft in Göttingen von einem Komilitonen, Mitglied der NSDAP, in nüchternen Worten, daß eine NS-Regierung selbstverständlich sofort mit dem Antisemitismus Ernst machen würde, man brauche dazu nur die Anweisungen aus 'Mein Kampf' in die Tat umzusetzen. Manchmal wirken Meinungsäußerungen entscheidend nach. Aus der 'Selbstverständlichkeit' mit der diese Äußerung getan wurde, gewann der Fahrtgenosse den Eindruck, daß sie nicht als die Meinung eines besonders 'fanatisierten' Parteigenossen abzutun war, und eine Regierung Hitler das Schlimmste befürchten ließ[35].

Die unmittelbare Folge von Francks, in der Göttinger Zeitung vom 18.4. erschienenen, Brief war eine öffentliche Intervention von 42 Hochschullehrern, die ihn der 'Sabotage' bezichtigten. Aus dem 'Patrioten' von 1914 wäre ein 'Saboteur' geworden?

Zwölf der 42 Unterzeichner kamen aus dem landwirtschaftlichen Lehrgebiet. Eine besonders ambitionierte Göttinger Gruppe 'Für den neuen Staat' trat öffentlich in Erscheinung. Zu den Unterzeichnern gegen Franck gehörten Jens Peter Jessen (1895-1944), Nationalsozialist und Ökonom (später mit dem Preußischen Finanzminister Johannes Popitz im 'Schattenkabinett' der geheimen Opposition und hingerichtet), Gerhard Jander, Physikochemiker, NSDAP-Mitglied seit 1925 (bis er während des Krieges austrat), und der Privatdozent für Pflanzenbau Konrad Meyer (1901-1973), der bald als Referent im Erziehungsministerium und Ordinarius eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Wissenschaftsverwaltung spielen sollte[36], und der als SS-Oberführer (Oberst) Planer im RSHA für den mörderischen 'Generalplan Ost' wurde. Nach einem Freispruch in Nürnberg wurde er (ab 1956) Professor für Raumplanung in Hannover.

* * *

Niels Bohr war 1933 sofort alarmiert. Harald Bohr war nach Göttingen gereist, Richard Courant hatte ihn um Rat und Hilfe gebeten. Ebbe Rasmussen, der mit einem Rockefeller Stipendium in der PTR, im Labor des Präsidenten, arbeitete, hatte am 23. Februar, noch vor den Märzwahlen, zum erstenmal berichtet: Friedrich Paschen (1865-1947) der 'Altmeister' der Spektroskopiker aus Tübingen, der 1928 das ehrenvolle Präsidentenamt an der PTR von Walter Nernst, dem es nicht gepaßt hatte, unter der Bedingung übernommen hatte, daß er es bis zum Alter von 70 Jahren innehaben könne[37], war zwei Tage zuvor entlassen worden, auch war ihm verboten worden, Günther Wolfsohn - vormals Mitarbeiter von Rudolf Ladenburg - weiter mit einem Stipendium der NG zu beschäftigen. Entlassen wurde auch Max Jakob, der seit 1910 im Haus arbeitete. In einem späteren Bericht Rasmussens im Juli war dann zu lesen, daß der neue Leiter, Nobelpreisträger und NSDAP-Altmitglied Johannes Stark, ihm keinen schlechten Eindruck mache, und in kleineren Dingen Arrangements getroffen wurden: Paschen konnte weiter das Rowlandgitter der PTR benutzen und Rasmussen selbst konnte seine Experimente ungehindert abschließen.[38]

Von Kopenhagen aus fuhr Hans Kopfermann Anfang Mai 1933 für 10 Tage nach Berlin, Göttingen und Rostock (wo er den einstigen Mentor Brunstäd und seine Frau getroffen haben dürfte)[39].

Zurück in Kopenhagen-Hellerup wurde am 23. Mai ein fünfseitiger Brief[40] in die Maschine getippt. Adressat war Niels Bohr ("Lieber Herr Professor Bohr"), der mit Frau Margarete in Amerika reiste (und u.a. Rockefeller für verstärkte Hilfe an Wissenschaftler aus Deutschland zu gewinnen suchte). Kopfermann berichtete von der Lage im neuen Regime und von der verordneten "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" durch das Beamtengesetzes vom 7. April. Man könne nur schwer beurteilen, was die deutsche Regierung von sich aus wolle, und wie weit sie von ihren Anhängern getrieben werde:

"In einem Punkte sind sich alle vernünftigen Menschen einig: Die Massen sind sehr viel radikaler als die Führer und besonders die Studenten (d.h. die Radikalen unter ihnen, die leider alles zu sagen haben gegenüber einer arbeitsamen unradikalen Studentenmasse von vielleicht 70%) gehen viel weiter oder wollen wenigstens viel weiter gehen als das Kultusministerium."

Kopfermann verwies auf den `berüchtigten' Aushang "Wider den undeutschen Geist" (zwölf `Artikel')[41] der (Berliner) Studentenschaft, und auf die Aufforderung, auch solche Professoren zu boykottieren, die das Beamtengesetz aufgrund des Dienstalters oder als `Frontkämpfer' vom antisemitischen Berufsverbot ausnahm. Es sei bisher aber nicht gelungen, die Studenten zum Mitmachen zu bewegen; bis auf eine Ausnahme seien die Kollegs ruhig verlaufen. Aber der Anschlag hinge bis heute am schwarzen Brett, weder der Kultusminister noch der Rektor hätten seine Rücknahme erreicht.

"Daß das Kultusministerium bemüht ist, abzuschwächen, scheint auch aus der Tatsache hervorzugehen, daß es versucht hat, Haber zum Bleiben zu veranlassen.
Es wird im Augenblick in Deutschland augenscheinlich ein Machtkampf zwischen den relativ gemäßigten Führern und den radikalisierten Massen geführt, der sich unter einer bewundernswerten äußeren Ruhe abspielt; und das ganze Problem scheint das zu sein, ob es gelingt, die Massen, die durch Not, Versailler Vertrag und eine systematische Hetze so weit gebracht worden sind, zu beruhigen. Für den guten Willen der Regierung wird von ernsthaften Leuten das neue Schulgesetz angeführt, auf Grund dessen gegenüber dem anfänglich viel radikaleren Standpunkt nur die Kinder als jüdisch gelten, deren beide Eltern Juden sind. Gerade diese Milderung hat viele Eltern, bei denen ein Partner Nicht-Jude ist, veranlaßt, in Deutschland zu bleiben, da sie auf Grund dieses Schulgesetzes nun Möglichkeiten für ihre Kinder sehen, die noch vor 6 Wochen einfach nicht da waren."

Laue, der "wohl am optimistischsten" sei, erwarte, daß nicht politisch exponierte, beurlaubte Professoren über kurz oder lang ihre Ämter wieder aufnehmen könnten. Haber dagegen glaube nicht an ein schnelles Abflachen des Antisemitismus. Aber daß er, Freundlich und Polanyi zurückgetreten seien, sei einer Kopflosigkeit in der Leitung der KWG zuzuschreiben,

"und nicht zuletzt der Tatsache, daß Planck in Sizilien war und sich auch auf dringenden Anruf nicht entschließen konnte, nach Deutschland zurückzukommen".[42]

Abgesehen von ein paar überzeugten Nationalsozialisten und einigen Opportunisten seien "alle an der Wissenschaft beteiligten" gegen die antisemitischen Gesetze und Verordnungen:

"Es ist aber sehr schwer, das öffentlich kundzutun. Der beiliegende Artikel von W. Köhler ist bisher wohl das Deutlichste, was in dieser Richtung gesagt worden ist. Daß man ihn daraufhin nicht beurlaubt hat, vielmehr vorsichtig versucht, mit ihm Fühlung zu nehmen, zeigt, daß vorsichtig vorgetragene Kritik (wohlgemerkt von Ariern) augenscheinlich angenommen wird." Wolfgang Köhlers `Gespräche in Deutschland' waren am 28. April in der `Deutschen Allgemeinen Zeitung' (Berlin) erschienen. Die `vorsichtig vorgetragene Kritik' wurde in reichliches Lob für die neuen Machthaber eingepackt und hob darauf ab, daß das `Vaterland' noch über der Partei stehen müsse und für das Vaterland in allen Berufszweigen die besten Menschen gerade gut genug seien. Wenn in der Politik die besten auch die Parteigenossen seien, so sei doch zu bezweifeln, daß die Partei auch über die besten für alle Berufe verfüge. Die Sorge um das Vaterland triebe seine Freunde um, wenn Menschen, wie der beste Experimentalphysiker, James Franck, verlorengingen. Der Führer habe in seinem Buch den Sieg ehrlicher Leistung versprochen; wie könne man dann verstehen, daß unschuldige Menschen ohne Ansehen ihrer persönlichen Qualitäten und ungeachtet ihres Willens, am Neubau des Vaterlandes mit allen Kräften mitzuwirken, von der nationalen Aufgabe ausgeschlossen würden. Zum Schluß der Übung in `Sklavensprache' lobte Köhler die `Behutsamkeit' des `Gesetzes gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen' vom 25.4., demzufolge der prozentuale Anteil nichtarischer Schüler jeder Schule den Prozentsatz nichtarischer Bevölkerung auf Reichsebene nicht überschreiten durfte.[43]

Kopfermann schrieb, jüngere Wissenschaftler erwögen, in die `Bewegung' einzutreten, um sie zu entradikalisieren (Wen hatte Kopfermann im Auge? Pacual Jordan in Rostock?). Es ginge nicht einfach um ein "Judenproblem", sondern "ganz allgemein um ein "Hochschulproblem", das sei natürlich der Hauptgrund, warum

"die deutsche Intelligenz dem neuen Régime oppositionell gegenüber steht. Und diese Opposition gefährdet natürlich einen arischen Dozenten ebenso sehr wie einen jüdischen. Hier zu kritisieren und Aufklärung zu schaffen, dürfte eine der wichtigsten Aufgaben sein."

Was meinte der Schreiber? Daß die rassistischen Maßnahmen die Mehrzahl der Kollegen weniger berührten, als die hochschulpolitischen und folglich mit der Aufklärung über letztere die Opposition gegen das Regime eher zu stärken sei? Die selbstgestellte Aufgabe, dem Regime hochschulpolitisch entgegenzutreten? Die neuen Herren wollten die Hochschule weniger als Forschungsinstitution und mehr als Erziehungsanstalt sehen, "und zwar auf ethisch idealistischer nationaler Grundlage". Rust betone Gebiete wie idealistische Philosophie, Wehrwissenschaft - Kopfermann setzte ein Ausrufezeichen -, "Rassekunde", nationalistische Geschichte. Nicht Naturwissenschaften,

"in denen diese Leute wohl instinktiv feindliche Kräfte ihrer Weltanschauung ahnen".

Kopfermann berichtete im Einzelnen:

"Herr Wolfsohn, um den Rasmussen geschrieben hatte, ist vorläufig bei Ornstein untergekommen. Sehr in Not ist der Berliner Positivist Reichenbach. In Francks Institut in Göttingen ist mit dem baldigen Abgang von H. Kuhn zu rechnen. Auch Frl. Sponer (die deutsche Frau gehört hinter den Herd!!), die zwar arisch ist, wird wohl damit rechnen müssen, ins Ausland zu gehen. Rabinowitsch schrieb mir heute, daß er aus finanziellen Gründen Deutschland spätestens am 1. August verlassen muss; ich hoffe, daß Herr Professor Brönstäd diese Angelegenheit regeln wird. Heitler geht auf 1/2 Jahr nach Bristol; und Northeim wahrscheinlich nach Cambridge".[44]

Und zum Schluß hieß es:

"Es ist augenblicklich in Kopenhagen furchtbar still; und wir freuen uns, wenn Sie wieder hier sind. Hoffentlich haben Sie eine schöne Zeit in Amerika".

Kopfermann brachte perspektivische Impressionen zum Ausdruck, die natürlich voraussetzten, was Bohr und er über die bekannteren Ereignisse wußten. Heute mag überraschen, daß die Unterscheidung "Juden"-"Nichtjuden" scheinbar vorbehaltlos Verwendung fand, daß die Folgen des Beamtengesetzes so schnell als `faits accomplis' erscheinen konnten. Kopfermann irrte in beiden generellen Vorstellungen: die Intellektuellen standen nicht einfach in ihrer Mehrheit in Opposition und die Massen nicht einfach hinter Hitler. Daß er diesen Eindruck gewinnen und behalten konnte, charakterisiert wiederum die Lage und das Denken in seiner Umgebung, eine Mischung von Resignation und Wunschdenken. Irgendwo scheint auch das "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" so tief in ihm verwurzelt, daß er von "bewundernswerter Ruhe" sprechen konnte, wo - von heute gesehen - der größte Aufruhr und kämpferische Auseinandersetzung am Platz und für viele ermutigend gewesen wären. Ihm schien Naturwissenschaft naivermaßen gleichbedeutend mit Vernunft. Er ging den taktisch-diplomatischen Gründen einer vermeintlichen oder tatsächlichen, relativen Zurückhaltung der neuen Autoritäten in bestimmten Entscheidungen nicht nach.

Die falschen oder naiven Vorstellungen nehmen dem Brief nicht seine Bedeutung. Der Schreiber teilte dem Adressaten vorbehaltlos und ohne Umschweife und Verzierungen Tatsachen und Einschätzungen mit, zielt damit auf gegenseitiges Vertrauen und baut auf eine durch patriotisches oder eigennützig-opportunistisches Denken nicht korrumpierte Offenheit. Er wollte sichtlich einer Pflicht genügen und wenn er sich das im Namen einer professionellen Deontologie (der naturwissenschaftlichen 'Vernunftnähe') vornahm, die übrigens auch Bohr nicht fremd war, so tut die Vorgabe solcher Beweggründe der Sache kaum Abbruch. Letztenendes würde es darauf ankommen, sich nichts vorzumachen, sich einer unbestechlichen (kollektiven) Instanz zu stellen, die allerdings so leicht wohl nicht zu lokalisieren war. Die Aufgabe allerdings, das Regime im engeren Bereich seiner Wissenschaftspolitik zu bekämpfen, konnte später zu falscher Genugtuung führen, als mit dem Einlenken der Machthaber auch nicht das geringste gewonnen war - im Gegenteil.

Kopfermanns Eindruck entstand in der Phase, in der Courant noch um die Aufhebung seiner Beurlaubung kämpfte, Franck sich noch nicht entschließen wollte, weg zu gehen, wohl aber Planck als Präsident der KWG am 16. Mai bei Hitler vorstellig wurde und sich von der Entschlossenheit, den 'Arier-Paragraphen' wie überall, auch in der KWG ausnahmslos durchzusetzen, hatte überzeugen können, ohne sich dadurch bewegen zu lassen, dieser Regierung offen die Loyalität zu verweigern[45]. Helmuth Albrecht hat Aufzeichnungen einer Direktorensitzung der KW-Institute vom 5. Mai zitiert, aus denen hervorgeht, daß Max Planck, und in der Generalverwaltung der KWG Friedrich Glum, der 'Selbstgleichschaltung' durchaus Vorschub leisteten, der Aufforderung zur Überprüfung der Mitarbeiter nachkamen, die Aufwertung der NS-Betriebszellen zur 'rechtlichen Vertretung der Institute' guthießen[46]. Fritz Haber hat am 9. Mai 1933 in einem Brief an Planck seine Zweifel an dessen Beurteilung der Dinge geäußert. Merkwürdig war der 'Optimismus' Max Laues - 1933 DPG-Vorsitzender -, der dem Vorgehen der Nazis die eigenen, idealtypisch 'preußisch-konservativen' Maßstäbe anlegte. Er verkörperte eine Regimegegnerschaft im Machtgefüge, mit der die Herren vorsichtig umgingen. Helmut Heiber hat von einem doppelten 'Bonus' gesprochen, den ein Naturwissenschaftler und konservativer Preuße wie er beanspruchen konnte[47]. Zu solchen allgemeineren 'Vorteilen' dürften individuelle Eigenschaften und persönliche Verbindungen zu anderen Menschen im In- und Ausland hinzuzurechnen sein, die dem besonders langjährigen Freund und Weggefährten Albert Einsteins in der Diktatur den Rücken stärkten. Max Laues zahlreiche couragierte Handlungen hätten genauere als die bisher vorliegenden historischen Arbeiten verdient.

Max Laue (1879-1960) wurde als Sohn von Wilhelmine Zerrenner (1853-1899) und Julius Laue (1848-1927), einem später (1913) geadelten Beamten der militärischen Indendantur, in Pfaffendorf bei Koblenz geboren und wuchs ab 1891 in Poznan, Berlin und Strasbourg auf. Er studierte in der elsässischen Hauptstadt und in Göttingen und promovierte 1903 bei Max Planck, wurde dessen Assistent und habilitierte sich 1906. Eine Reise nach Bern zu Albert Einstein vertiefte sein Interesse für Relativitätsphysik und 1907 konnte er alte Experimente zur Lichtgeschwindigkeit in bewegten Medien von Hyppolite-Louis Fizeau (1819-1896) neu interpretieren und erklären. 1909 ging er nach München, habilitierte sich dorthin um und schrieb auf Anregung des Verlegers Vieweg eine Monographie 'Das Relativitätsprinzip', die gleichermaßen zu seiner wie zu Einsteins Reputation beitrug. Dann gab ihm Paul Ewald im Sommerfeld-Institut die Anregung zu den Röntgenbeugungsexperimenten, die er trotz Mißbilligung des Institutschefs mit Paul Knipping und Walther Friedrich 1912 begann und deren Interpretation ihm 1914 den Nobelpreis eintrug[48]. 1912 war er als Einsteins Nachfolger Extraordinarius in Zürich geworden, wechselte 1914 an die neugegründete Stiftungsuniversität Frankfurt und - ein seltener Vorgang - im Tausch mit Max Born 1919 nach Berlin. Aus Gesundheitsgründen wurde der Reserveoffizier nicht eingezogen, zusammen mit Wilhelm Wien/ Würzburg war er ab 1916 an der kriegswichtigen Entwicklung von Elektronenröhren beteiligt. Im KWI Physik, dessen tatsächlicher Aufbau seit der Gründung 1917 in Aussicht stand und vor allem von Max Planck betrieben wurde, war Albert Einstein Direktor und Laue sein Stellvertreter. Max Laue war schon in Zürich mit Magdalene Degen (1891-1961) verheiratet. Sein Sohn, Theodor Laue, arbeitete später in Princeton.[49]

Sehr viel präziser und bedrohlicher als Kopfermann in seinem Brief, stellte sich die Lage anderen dar. Unter dem 25. April notierte der Dresdener Philologe Victor Klemperer:

"Das Schicksal der Hitlerbewegung liegt fraglos in der Judensache. Ich begreife nicht, warum sie diesen Programmpunkt so zentral gestellt haben. An ihm gehen sie zugrunde. Wir aber wahrscheinlich mit ihnen".

Nachdem unter dem 30. April Diffamierungen und Entlassungen in der Hochschule berichtet wurden, schrieb er am 15. Mai:

"Beste, jetzt Dekan, nimmt sich meiner an, ist innerlich erbittert (Zentrumsmann). Aber überall ist vollkommen Hilflosigkeit, Feigheit, Angst."

Die befreundete Chirurgin Annemarie Köhler ("Sie, die ganz deutschnationale"), berichtete ihm aus unmittelbarer Kenntnisnahme den Mord an einem Kommunisten:

"Um ein Geständnis zu erpressen, prügelt man ihn zu Tode. Die Leiche ins Krankenhaus. Stiefelspuren im Bauch, faustgroße Löcher im Rücken, Wattebäusche dreingestopft. Offizieller Sektionsbefund: Todesursache Ruhr, was vorzeitige "Leichenflecke" häufig zur Folge habe. - Greuelnachrichten sind Lügen und werden schwer bestraft.- "

Unter dem 22. Mai schrieb Klemperer schließlich:

"Seit Hitlers Friedensrede und der außenpolitischen Entspannung habe ich alle Hoffnung verloren, das Ende dieses Zustandes zu erleben"[50]

* * *

Max Born legte am 24. Mai 1933 sein Professorenamt nieder und stellte die Differenz zu den Freunden in einem Brief an Einstein dar:

"Franck hat sich darauf festgelegt, nicht ins Ausland zu gehen, wenn er irgendwelche Aussicht hat, in Deutschland eine Arbeitsmöglichkeit (nicht als Staatsbeamter) zu finden. Obwohl diese Möglichkeit natürlich nicht besteht, so bleibt er in G. und wartet. Ich hätte nicht die Nerven dazu, sehe auch den Sinn nicht ein. Aber er (und auch Courant) sind trotz ihres Judentums, das viel ausgeprägter ist als bei mir, innerlich Deutsche."[51]

Was ist diese 'Innerlichkeit', Deutsche zu sein, wenn nicht ein Ideal von nationaler Solidarität, das in Deutschland als universelle 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' selten eine Chance hatte und 1933 in diesem Land sicher nicht die geringste? Will Born sagen, die beiden sind auch darin noch Deutsche, daß sie statt auf Normen, Verfassungsmäßigkeit und demokratischen Umgang zu achten, auf `allerhöchste' Einsicht und Güte hoffen?[52] Theodor Heuß, der spätere Bundespräsident, forderte damals die Mitglieder der 'Staatspartei', der 'reformierten' und auf einen kleinen Stimmenanteil zusammengeschmolzenen DDP, auf, dem Staat "um des Vaterlandes willen, wie bisher, treu zu dienen"[53].

Als Francks am 28. November 1933 (zunächst zu einem Gastaufenthalt nach Baltimore und von dort nach Kopenhagen) abreisten, standen nicht nur die Freunde auf dem Bahnsteig. Der Kreis der Sympathisanten war größer und die Abreise geriet noch einmal zum öffentlichen, wenn auch stillen, Protest.

Vom 8. Februar 1934 datiert schließlich die offizielle Amtsentlassung; Franck wurde genötigt, seinen Verzicht auf Pensionsansprüche zu erklären (eine Erklärung, die die niedersächsische Landesregierung in der BRD später nicht ohne weiteres für ungültig befand (s.u.)). Francks Nachfolger wurde endlich, mit dem 1. April 1935, Georg Joos (1894-1959).

Mit dem Ausscheiden von Franck wäre die Institutsleitung an Hertha Sponer gefallen, an die mit Kopfermann gleichaltrige Oberassistentin und außerplanmäßige Professorin, aber Robert Pohl nahm die Fäden in die Hand[54]. Zeitweise lag die Leitung auch in Händen von Hermann Rein, dem Direktor des physiologischen Instituts. Die Assistenten verließen nach und nach das Institut, Arthur Hippel (Francks Schwiegersohn), Heinrich Kuhn und Francks Privatassistent Eugen Rabinowitch. Hertha Sponer nahm 1934 eine auf drei Jahre befristete Gastprofessur in Oslo an, wurde zunächst beurlaubt und gab ihre Stelle erst auf, als sie im Mai 1936 einem Ruf nach Durham/North Carolina folgte[55]. Im Institut blieben vom 'Stab' nur Werner Kroebel und W. Dames, aktives NSDAP-Mitglied in den Göttinger Instituten ('Informant' gegen Franck?[56]), der dann Referent im Ministerium Rust wurde und u.a. für die Berufung Kopfermanns nach Kiel zuständig war. Karl-Heinz Hellwege schloß seine Dissertation mit der Promotion 1934 ab und machte (seit dem 1.5.1937 Parteimitglied) an Ort und Stelle Karriere. Günther Cario (1897-1984) wurde Parteimitglied und 1936 Professor in Braunschweig. Reinhold Mannkopff (1894-196?), der 1926 bei Franck promovierte, in dessen Institut Assistent war, und seit 1930 als Assistent im Mineralogischen Institut arbeitete, erlebte in den folgenden Jahren Vorbehalte und Zurücksetzung durch Intervention der Parteistellen[57].

Gert Rathenau schickte im Oktober 1933 die Publikation zu seiner Dissertation 'Untersuchung am Absorptionsspektrum von Wasserdampf...' an die Zeitschrift für Physik; der Beitrag erschien im Dezember: "Meinem verehrten Lehrer, Prof. Dr. J. Franck danke ich herzlich für die Anregung zu dieser Arbeit, für das wohlwollende Interesse an ihrer Durchführung und die stete Hilfe, die er mir zuteil werden ließ. Auch danke ich Fräulein Prof. Dr. H. Sponer und Herrn Privatdozent Cario für wertvollen Rat."

Der norwegische Physikochemiker Victor Goldschmidt, den Richard Willstätter 1924 gern als Kollegen in München gesehen hätte, war damals von den antisemitischen Fakultätsmitgliedern nicht berufen worden und Willstätter hatte aus Protest gegen die skandalöse Haltung der Kollegen sein Amt aufgegeben. 1929 war Goldschmidt einem Ruf nach Göttingen gefolgt. Von ihm wird berichtet, daß er im Hitlerstaat zur Synagoge ging, was er vorher nie getan. Er schloß sich der jüdischen Religionsgemeinschaft an bis er und seine Familie sich 1935 nach Oslo zurückzogen. Sein Schüler und Nachfolger, Friedrich Karl Drescher Kaden (geb. 1894), war Mitglied der 'Wikinger' und früh ein Nationalsozialist, hat aber seinen Lehrer nicht verleugnet und war für Paul Rosbaud, der vom Kriegsausbruch bis zum 20.7.1944 für den englischen Geheimdienst arbeitete, ein Freund und ohne es zu ahnen, eine Deckung[58]. Drescher hatte eine ähnliche `Militärkarriere' wie Kopfermann hinter sich.

Friedrich Karl Drescher-Kaden, geboren in Münster, war der Sohn von Julie Heyden und Karl Maria Drescher-Kaden, Universitätsprofessor. Die folgenden Angaben sind einem 1935 bei seiner Berufung nach Göttingen ausgefüllten Personalbogen entnommen: Militärzeit vom 13. September 1915 bis zum 15.Juli 1919 beim 6. Bayr. Cheranleger-Regiment 'von Kress' an der Front; als Oberleutnant verabschiedet, ausgezeichnet mit dem EK I und II und dem Bayr. Mil. Verd. Orden IV. Klasse 'mit Schwertern'. Mitgliedschaft in nationalen Verbänden: 1926-28 Angehöriger des Bundes Wiking im Verband der Vaterländischen Verbände zu Darmstadt, zusammen mit der NSDAP. Unterbrechung der Mitgliedschaft durch Grönlandexpedition 1929. Herbst 1931 Mitarbeiter der ITA der NSDAP Berlin, März 1932 als Mitglied gemeldet, Mitgliedschaft vom 1.8.1932. Politische Betätigung: Seit Herbst 1931 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der ITA, desgleichen nach ihrer Umwandlung in die U IIb. Seit April 1933 als Reichsreferent für Lagerstätten, zuletzt in der gleichen Stellung beim 'Amt für Technik' der NSDAP, dem ich noch jetzt (15.1.1935) angehöre. Vom April 33 bis Mai 34 Reichsvertrauensmann für die Bergakademien im NS-Lehrerbund, Reichsfachschaft I, Hochschullehrer, Seit April Reichsobmann für Mineralogie dortselbst.[59]

Norbert Schappacher[60] hat den 'Abbau' der Göttinger Mathematiker, die juristische und finanzielle 'Sachlage' im Einzelnen beschrieben. An Stelle rechtlicher Handhaben trat Diffamation. David Hilbert war emeritiert. Das Beamtengesetz betraf niemanden, nicht Gustav Herglotz und nicht Hermann Weyl, der seit Hilberts Emeritierung als dessen Nachfolger amtierte. In Anbetracht ihrer Dienstzeit ebensowenig Felix Bernstein und Edmund Landau; Richard Courant war Kriegsteilnehmer. Emmy Noether war nicht beamtet. Aber Emmy Noether war Mitglied erst der USPD, dann der SPD, David Hilbert war seit 1919 Mitglied der DDP, Bernstein hatte 1919 für den Zentrumsvorsitzenden Matthias Erzberger Finanzpläne entworfen, Courant, Hilbert und Carl Runge hatten sich seinerzeit für Felix Bernsteins Ernennung eingesetzt. Das Institut wurde als 'marxistisch' hingestellt, Beurlaubungen wurden ausgesprochen und Druck ausgeübt. Einmal mehr kam jener 'Marxismusverdacht' aus dem Arsenal der Unterdrückung zum Ausdruck, der über die Hitlerzeit hinaus im akademischen Berufsleben schlechterdings wirksam blieb[61]. Ein Boykott gegen Landau im Wintersemester, der mit dessen Pensionierung (und nicht Emeritierung) endete, schloß den Abbau ab. Hermann Weyl hatte unter dem 9. Oktober aus Princeton ein Rücktrittsgesuch abgeschickt, in dem er einerseits wünschte,

"daß die neuen Wege, welche die gegenwärtige Regierung beschritten hat, das deutsche Volk zu Gesundung und Aufstieg führen mögen",

andererseits betonte, daß er bald nach seiner Berufung festgestellt habe, daß er in Göttingen fehl am Platz gewesen sei:

"Die Entscheidung ist für mich jetzt völlig eindeutig, namentlich durch die Rücksicht auf meine Frau, welche jüdischer Abstammung ist, und auf die seelische Gesundheit und die Lebenszukunft meiner Kinder".[62] Otto Heckmann (geb. 1901), der 1927 Assistent bei Hans Kienle an der Göttinger Sternwarte geworden war, übernahm, aufgefordert von einem "prominenten Ordinarius der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät", Borns Optik-Vorlesung. Born sei, als er ihn deswegen aufgesucht habe, empört dagegen gewesen, "Sie werden das doch nicht mitmachen". Heckmann "ging bedrückt und ratlos nach Hause". Am Abend besuchte ihn Born und hatte seine Meinung geändert: "Halten Sie die Vorlesung". Heckmann tat's.[63]

Emmy Noether ging, Max Born und Richard Courant gingen; Nina Runge, die Tochter von Carl Runge (und Enkelin von Emil Dubois-Reymond), die sich 1919 mit Richard Courant verheiratet hatte; folgte mit den Kindern ins Exil. Wilhelm Runge, der Bruder, der den Krieg überlebt hatte, blieb Physiker bei Telefunken, Ninas Schwester Iris, Verfasserin einer Biographie ihres Vaters[64], blieb Physikerin bei Osram[65].

In Breslau sah die Spektroskopikerin Hedwig Kohn sich gezwungen, auszuwandern, in Berlin verlor Hermann Brück, der mit Hermann Schüler zusammengearbeitet hatte, seine Stelle. Aus Frankfurt ging Friedrich Dessauer ins Exil, der ein Zentrumspolitiker war und neben der Physik auch noch ein bekannter `technikphilosophischer' Schriftsteller; aus Hamburg, aus dem Kreis der Atomphysiker, Otto Stern (1888-1969), Imanuel Estermann, Otto Frisch, Robert Schnurmann[66]. Otto Stern schrieb am 30. Juni an die Schulbehörde:

"Hierdurch bestätige ich der Landesschulbehörde meine telegraphisch ausgesprochnes Bitte, mich zum 1. Oktober 1933 aus dem Staatsdienst zu entlassen. Ich sehe mich durch die Ereignisse der letzten Zeit zu diesem für mich äußerst schmerzlichen Schritte genötigt." [67]

Aus Freiburg emigrierte im Juli Georg Hevesy (1885-1966), Extraordinarius für physikalische Chemie, der in Budapest ebenso wie in Kopenhagen, in der experimentellen ebenso wie in der theoretischen Physik zu Hause war[68].

Der Nobelpreis des Jahres 1933 ging an Paul Dirac und Erwin Schrödinger. Vorher hatte Schrödinger sein Berliner Amt aufgegeben und Freunden gegenüber deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er `die Nase voll habe'.

Annie Schrödinger hat von ihrem Mann berichtet, daß er bei einer Pogromaktion einem SA-Mann entgegentrat und ihm auf die Stiefel spuckte, daß Fritz Möglich, der dabei war und die Parteiinsignien trug, ihn mit Mühe vor der Wut des anderen Hitleranhängers rettete[69]. Friedrich Möglich (1902-1957) war Berliner, hatte 1927 bei Max Laue promoviert, war seit 1930 habilitiert und wurde `Dozentenführer'. Im Nekrolog hieß es über ihn:
"die politische Entwicklung bei Beginn der 30er Jahre ging nicht an Möglich vorbei. - er war nicht der Typ des deutschen Gelehrten der Weimarer Zeit, der sich vor dem Leben in die Wissenschaft zurückzieht, um nicht zu sagen flüchtet. Er ergriff Partei, scheute sich aber auch nicht, als er erkannte, daß seine Stellungnahme falsch war, sie in drastischer Weise zu korrigieren. Da ihm bereits 1934 wegen offener Auflehnung gegen die Politik Hitlers Verhaftung drohte, ging er außer Landes. In Paris erreichte ihn eine Berufung nach Heidelberg, die er nach längerm Zögern auf Grund von Zusicherungen offizieller Persönlichkeiten der Pariser Deutschen Botschaft annahm. Er kehrte, um seine Übersiedlung nach Heidelberg einzuleiten, nach Berlin zurück und wurde verhaftet. Nach längerer Haftzeit entlassen, wurde ihm jede Tätigkeit an deutschen Hochschulen, ja sogar das Betreten der Berliner Universität, untersagt. Durch Fürsprache Max von Laues fand er die Möglichkeit einer wissnschaftlichen Tätigkeit in der Industrie als freischaffender Mitarbeiter bei der Studiengesellschaft für elektrische Beleuchtung der Osram GmbH."[70]

Erwin Schrödinger ging ohne persönliche Not, auch ohne Affront, aber mit deutlichem Abscheu. Frederick Lindemann hatte ihm eine renommierte Position im Magdalen College in Oxford besorgt, nicht ohne nachträgliches Bedauern, auch weil Schrödinger aus seinem Zusammenleben mit zwei Frauen, mit Annie Schrödinger und mit Hildegunde, der Frau seines Freundes Arthur March, kein Hehl machte[71]. Fritz London (1900-1954), der wie Kopfermann als `Rheinländer' in Bonn aufgewachsen war, 1928 Edith Caspary, eine Berlinerin, geheiratet hatte und Schrödingers erster Assistent in Berlin gewesen war, ging nach Durham, North Carolina, wo der Chemiker Paul Gross eine interessante Fakultät aufzubauen versuchte und wo später auch Hertha Sponer arbeiten würde[72].

Albert Einstein, den der 'Umsturz' in Amerika traf, war genötigt, Deutschland fern zu bleiben, lebte vorübergehend in Belgien (der belgische Staat stellte Leibwächter), bis ihm Princeton eine Bleibe bot.

Peter Pringsheim arbeitete 1933 im Berliner physiko-chemischen Institut - gegenüber vom Theater am Schiffbauerdamm - dessen Leitung Walther Nernst (1864-1941) nach einem kurzen Zwischenspiel als Präsident der PTR 1925/26 wieder übernommen hatte. Nernsts Stellvertreter war Arthur Wehnelt.

Als Nernst an einem jener Tage im Jahr 33 ins Institut kam, war Pringsheim von Wehnelt entlassen worden. Nernst verließ das Haus und fuhr zu Fritz Haber nach Dahlem. Sein Gedanke war - so erzählt sein Schüler Kurt Mendelssohn die Geschichte - seinen Erzkonkurrenten um eine Bleibe zu bitten, jedenfalls aber sich demonstrativ mit ihm zu solidarisieren. Er fand Haber zur Demission entschlossen und im Begriff, sein Büro zu räumen.[73]. Eine Forderung an den Verwaltungsdirektor der Universität vom 1. Juni 1933 zur Aufhebung von Pringsheims Entlassung trug die Unterschriften von Planck und Schrödinger. Sie blieb erfolglos.[74]

Fritz Haber ging im Oktober nach Cambridge, nachdem er nach Kräften versucht hatte, sein Prestige für die Mitarbeiter einzusetzen[75]. Sein langjähriger Verwalter und Freund Fritz Epstein ging ins Exil, seine Sekretärin Rita Cracauer fuhr Ende des Jahres nach England, dann nach Palästina; die Abteilungsleiter Herbert Freundlich und Michael Polanyi hatten ihre Stellen verloren, ebenso die Assistenten Ladislaus Farkas, Leopold Frommer, Hartmut Kallmann, Karl Söllner, Ernst Simon und Joseph Weiss. Habers persönlicher Assistent Paul Goldfinger, den er 1932 noch als Patentanwalt hatte etablieren wollen, blieb bis 1937 in Deutschland[76]. Haber hatte Planck zunächst vorgeschlagen, das Institut umzuwandeln in ein KWI für Physik und physikalische Chemie, Max Laue und Karl Friedrich Bonhoeffer als Direktoren zu berufen und als Gast James Franck aufzunehmen[77]. Stattdessen wurde im Sommer vorübergehend Otto Hahn kommissarischer Leiter, dann Gerhard Jander aus Göttingen, bis 1935 August Thiessen zum Direktor ernannt wurde. Jander und Thiessen waren NSDAP-Mitglieder. August Thiessen teilte die Dienstvilla mit dem Ministerialbeamten Rudolf Mentzel (s.u.), dessen Freund und Berater er war. Von Habers Mitarbeitern machten in den neuen Verhältnissen (u.a.) Karriere: Paul Harteck, der Ende 1934 nach Hamburg berufen wurde, und Hans Kopfermann, der weniger schnell arrivierte. Karl Friedrich Bonhoeffer war schon seit 1930 Physikochemiker in Frankfurt geworden und wurde 1934 auf den Wilhelm-Ostwald-Lehrstuhl nach Leipzig berufen[78].

Fritz Haber hatte im Februar 33 an seinen Freund Richard Willstätter geschrieben:

"Ich kämpfe mit sinkender Kraft gegen meine vier Feinde, die Schlaflosigkeit, die wirtschaftlichen Ansprüche meiner geschiedenen Frau, die mangelnde Ruhe gegenüber der Zukunft und das Gefühl der schweren Fehler meines Lebens"[79]

Etwas später, vermutlich Ende Mai, hieß es dann:

"Ich bin so bitter wie nie zuvor. Ich bin in einem Maße deutsch gewesen, daß ich es erst jetzt voll empfinde, und ich fühle eine unerhörte Widerwärtigkeit darin, daß ich nicht mehr genug arbeiten kann, um mich eines neuen Amtes in einem anderen Lande zu getrauen... Aus dem Kreis der I.G. hat sich niemand gefunden, der mich anläßlich meines Abschiedsgesuches angesprochen, angeschrieben oder besucht hätte... Planck gibt sich jede Mühe, um mir Achtung und Zuneigung zu bekunden".[80]

Mit Recht mußte Haber nach allem, was ihn mit Industriellen wie Carl Duisberg und Carl Bosch verband, erwarten, daß die I.G. Farben ihn und 'sein' Institut verteidigen würde. Von Bosch wird wohl auch berichtet, daß er in einem Gespräch mit Hitler die Vertreibung der 'nichtarischen' Wissenschaftler angesprochen, sich aber eine Abfuhr geholt habe: "dann werden wir eben hundert Jahre ohne Physik und Chemie arbeiten". Er habe vergebens versucht, eine Kampagne für Haber zu organisieren. Nicht vergebens waren die Verhandlungen, die dazu führten, daß am 14. Dezember 1933 Bosch und sein Protégé Hermann Schmitz ('Ehrenabgeordneter' der NSDAP im Reichstag) für die I.G. Farben einen von Hitler persönlich befürworteten Vertrag zur Versorgung der schwarzen Luftwaffe unterzeichnen konnten[81].

Haber schrieb im Oktober an das Institut:

"Mit diesen Worten nehme ich Abschied von dem Kaiser Wilhelm Institut, das von der Leopold-Koppel-Stiftung nach meinen Vorschlägen durch den verstorbenen Oberbaurat Ihne errichtet und unter meiner Leitung 22 Jahre bemüht gewesen ist, im Frieden der Menschheit und im Kriege dem Vaterland zu dienen. Soweit ich das Ergebnis beurteilen kann, ist es günstig gewesen und hat dem Fache wie der Landesverteidigung Nutzen gebracht. Der Erfolg ist der glücklichen Auswahl und der schöpferischen Kraft meiner Mitarbeiter zu danken. Ich danke Ihnen allen und wünsche dem Institut, daß es unter neuer Leitung gleich wertvolle Menschen zu Mitarbeitern finden und in der Achtung der Fachwelt seine Geltung bewahren und erhöhen möge".

Jürgen Kuczinski hat kommentiert:

"Wie typisch die Unterscheidung zwischen dem Dienst an der Menschheit und dem Dienst am Vaterland! Wie typisch stolz die Hervorhebung seiner Bemühung um beide Dienste!"[82]

Stolz oder nur Selbstbehauptung? Haber schrieb angesichts der Gegner, die sich ihres Nationalbewußtseins und ihres 'Soldatentums' rühmten. Hätte er unter anderen Umständen seinen Patriotismus auch so sehr betont?

Ladislaus Farkas war 1924 ins Haber-Institut gekommen, hatte bei Karl Friedrich Bonhoeffer promoviert und blieb mit ihm zeitlebens befreundet. Auch sein jüngerer Bruder Adalbert kam 1928 zu Bonhoeffer. 1933 gingen die Brüder Farkas zunächst nach Cambridge. Haber schrieb für Ladislaus Farkas im Oktober eine Empfehlung für Jerusalem, und die beiden Brüder reisten nach Palästina. Sie wurden die Pioniere israelischer Physikochemie. Adalbert Farkas schrieb schon 1936 an Bonhoeffer begeistert über das Weizmann Institut, das Gulio Racah, der 1939 aus Pisa kam, zu einem der internationalen Zentren ausbauen sollte[83]. Fritz Haber hätte noch einmal `mitangepackt': er starb im Januar 1934, fünfundsechzigjährig, in Basel, während der Übersiedlung von Cambridge nach Tel Aviv. James Franck schrieb aus Amerika an Hermann und Marga Haber:

"Es ist einfach unauslöschliche Schande, daß man diesen Menschen moralisch in das Exil gezwungen hat... Vieles was zu Haus passierte und geschieht, vermag ich zu verzeihen und suche das Gute daran zu sehen, wenn es auch spärlich ist, aber das werde ich mein Leben lang nicht verzeihen können, daß man einen Mann wie Fritz Haber, der für sein Land mehr tat, als fast ausdenkbar ist, zwingt, sein Leben im Exil zu beschließen. Ich wünsche, da es Ihrem Vater nicht vergönnt war, die schwere Zeit zu überleben, daß er sie gar nicht erst erlebt hätte".[84]

Ein Jahr später, im Januar 1935, lud Max Planck zu einer Gedenkfeier[85] im Harnackhaus ein, deren Gelingen eine Machtprobe darstellte, die manche Teilnehmer als Kundgebung der Opposition gegen das Regime verstanden, und die zumindest teilweise seitens des Regimes auch so aufgefaßt wurde. Den Hochschullehrern wurde die Teilnahme verboten; hauptsächlich anwesend waren nach Otto Hahns Aussage "Direktoren und Angestellte der verschiedenen I.G.-Werke, denen Bosch telegraphiert und geschrieben hatte"[86]. Otto Hahn las stellvertretend für Karl-Friedrich Bonhoeffer, dem die Teilnahme untersagt war, dessen Ansprache. Eine Demonstration der Stärke der I.G.-Farben im Machtkartell?

Peter Paul Ewald (1888-1985), Rektor der TH in Stuttgart und eine bemerkenswerte Schlüsselfigur in der Entwicklung der Festkörper-Quantenphysik[87], hatte nach der Verkündung des Beamtengesetzes an den Minister geschrieben:

"Da es mir nicht möglich ist, in der Rassenfrage den Standpunkt der nationalen Regierung zu teilen, so bitte ich, mein Amt als Rektor der Technischen Hochschule Stuttgart mit sofortiger Wirkung niederlegen zu dürfen und auch von dem Amt als Prorektor entbunden zu werden" [88].

Er kann damit als 'Gegenstück' zu seinem berühmteren, alsbaldigen Amtskollegen Martin Heidegger[89] in Freiburg gelten. Noch am 4. Dezember 1932 hatten die in Halle versammelten Rektoren eine Dankesadresse an ihren Braunschweiger Kollegen Gassner gerichtet, der das Hochschulrecht gegen Propagandaaktionen des NS-Deutschen Studentenbund (NSDStB) und gegen Angriffe des Kultusministers Klagges verteidigt hatte. Schon am 3. März 1933 in Berlin äußerte sich das gleiche Gremium in edler 'Selbstgleichschaltung': "die nationalsozialistische Hochschule" stellte sich den "großen völkischen Aufgaben", die ihr das neue Regime vermeintlich übertrug. Gassner, damals designierter Leiter der Berliner Biologischen Reichsanstalt, wurde in 'Schutzhaft' genommen und ging 1934 nach Ankara.[90]

Den Berliner und Frankfurter Gestaltpsychologen, den Lehrern und Freunden von Hertha Kopfermann, ging es (im Gegensatz zu ihren Leipziger Kollegen um Felix Krueger[91]) ähnlich wie den Göttinger Physikern. Wolfgang Köhlers Protest gegen die erste rassistische Entlassungswelle in der Hochschule war auch der erste Schritt zur Aufgabe seiner Arbeit in Berlin. Er emigrierte 1935. Kurt Lewin war längst als politisch links engagiert und als Gegner der Nationalsozialisten bekannt. Ihm gelang es von allen im Kreis am besten, sich in der Emigration und als 'Begründer der Sozialpsychologie' in USA zu etablieren[92]. Er unterstützte ärmere Exilanten, u.a. seinen alten Freund Karl Korsch (1886-1961). Wertheimers fanden an der New School in New York eine Bleibe. Köhlers Schwager Adhémar Gelb wurde vertrieben und starb 1936 in Holland. Otto Selz, der auch nach Holland emigierte, starb in Auschwitz.

Es blieb Wolfgang Metzger als Assistent am verwaisten Frankfurter Lehrstuhl. Statt ihn zu berufen, zog man 1938 in Halle Allesch vor, der seinen Lehrer Köhler verleugnete. Allesch machte im Nationalsozialismus Karriere, obwohl nicht Parteimitglied. Er wurde 1942 nach Göttingen berufen und war dort nach dem Krieg maßgeblich am 'Neuaufbau' der Psychologie beteiligt[93]. Metzger wurde nach dem Krieg der 'Hauptvertreter' der Gestalpsychologie. Frei von Anpassung war auch er nicht geblieben[94].

Die Forschung der 'Gestalt-'Psychologen war im Ausland weder so etabliert, noch so gefragt wie die der Atomphysiker; sie erfuhren nicht den 'Transfer' ihres Arbeitsfeldes aus Deutschland auf die internationale Ebene. Der Grund mag auch gewesen sein, daß die Konjunktur dieser Arbeitsrichtung schon vor 1933 stagnierte[95].

Den `logischen Empiristen', die "im Grunde... im Universitätsmilieu nur eine Randexistenz hatten"[96], gelang es unter dem Druck des Exils zwar, sich durchzusetzen, doch mit dieser Feststellung hat Andreas Kamlah zugleich daran erinnert, daß Walter Dubislav sich 1937 in Prag das Leben nahm, Kurt Grelling in Auschwitz starb, Edgar Zilsel 1944 in Oakland/Los Angeles durch Suizid starb und seine Frau nur noch im Spital leben konnte[97]. Hans Reichenbach, den Kopfermann in seinem Brief an Bohr erwähnte, ging nach Istanbul. Nachrichten von dort mögen Kopfermanns über Carl Gustav Hempel erreicht haben, der, wie schon gesagt, noch bis 1935 in Berlin blieb.

In Württemberg hatte der Staatspräsident Eugen Bolz (1881-1945) auf einer Zentrums-Kundgebung 1933 vor den Märzwahlen gesagt:

"Überall werden sich Zellen des Widerstandes bilden, bis es zum Brechen kommt".

Er konnte nur noch sein Amt niederlegen; zum Brechen kam es nicht, der Bürgerkrieg blieb unterdrückt. Bolz war 1944 designierter Kultusminister der geheimen Opposition und wurde als 'Hochverräter' hingerichtet.

Die Marburger protestantisch-theologische Fakultät stellte in einem Gutachten im Herbst 1933 fest, daß für Pastoren der 'Arierparagraph' nicht zu rechtfertigen sei[98]. Eine 'jungreformatorische' (seit dem 9.5. 1933) Gruppierung opponierte zunächst innerhalb der 'Deutschen Christen' ebenfalls in diesem Punkt. Zu ihr zählte auch Friedrich Brunstäd, Kopfermanns Erlanger Mentor, jetzt in Rostock. Brunstäd nahm später regelmäßig an den Sitzungen des 'Bruderrats' der 'Bekennenden Kirche' (BK) in Mecklenburg teil.[99] Martin Niemöller ging 1934 zum ersten Mal ins Gefängnis. Mit der politisch linken Opposition hatten die Nazis kurzen Prozeß machen können, sie war öffentlich bald mundtot. Öffentlich blieb eine gewisse Opposition im konservativen Lager; mit der die Machthaber vorsichtiger umgehen mußten, wollten sie sich nicht selbst das Wasser abgraben.

Franck und andere hatten 1933 den Mut und die Stärke, ihre Position und ihre persönlichen Vorteile in die Bresche zu schlagen. Hans Kopfermann schrieb später über Franck: "daß er es um des ewig gültigen Rechts willen getan hat, soll ihm nie vergessen werden" (s.u.). Anna und Felix Auerbach in Jena nahmen sich im Februar 1933 um des Menschenrechts willen das Leben[100]. Das gleiche taten nach den Amtsentlassungen andere wie der Marburger Philologe Hermann Jakobsohn oder in Hamburg im September Martha Muchow, Psychologin, William Sterns Assistentin. Bald waren Hausdurchsuchungen und Terror darauf angelegt, Menschen in den Tod zu treiben. Aber selbst die Suizide 1941/42 vor der Deportation, von Arnold Berliner etwa, oder von Felix Hausdorff in Bonn, bedeuteten immer noch Auflehnung und Aufforderung zur Auflehnung.

* * *

Wilhelm Kahl, Strafrechtler und Altliberaler, der 1919 der DVP beigetreten war, weil er meinte, 'die Republik müsse sich gegenüber der Monarchie erst noch bewähren'[101], dennoch einer der Hochschullehrer des 'Weimarer Kreises', hatte 1926 von den politischen Pflichten der Lehrer gesprochen und gemeint, unterschiedliche Fächer seien davon unterschiedlich berührt, alttestamentliche Exegese oder pathologische Anatomie kaum und Jura, Publizistik, Geschichte sehr. Der Bonner Pflanzenphysiologe und Agrarwissenschaftler, Kopfermanns Altersgenosse, Hans Braun (geb. 1896) kommentierte 1968:

"Nach den hinter uns liegenden Jahren und angesichts der uns heute gestellten Aufgaben sollte man, glaube ich, eine solche Differenzierung, wenn überhaupt, nur noch sehr begrenzt gelten lassen. Kahl hat sie auch schon selbst durch den Hinweis eingeschränkt: "Auch daran werden wir endlich nicht vorbeikommen, ob nicht die Universitätslehrer selbst mehr aus ihrer Studierstube heraus und größere Teilnahme am öffentlichen Leben nehmen müssen." Daß es daran an den deutschen Universitäten in den Jahren vor 1933 allzu sehr gefehlt hat, wie es auch für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gilt, ist nicht zuletzt eine der mancherlei Ursachen ihres Versagens im Dritten Reich wie auch der heutigen Unruhe unter der akademischen Jugend".[102]

Der Germanist und Schriftsteller Ernst Erich Noth, der als vierundzwanzigjähriger Frankfurter Student 1933 bereits für die Frankfurter Zeitung arbeitete, der SAP angehörte und bewaffneten Widerstand zu organisieren versuchte, schrieb 1971 in seiner Autobiographie:

"Ich bin heute noch davon überzeugt, daß man selbst unter den damals herrschenden und bereits höchst ungünstigen Mehrheits- und Machtverhältnissen den braunen Vormarsch auf der Straße mit Gewalt gegen Gewalt gestoppt haben könnte. Es hätte Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Opfern gegeben. Aber sie hätten Deutschland und der Welt höchstwahrscheinlich die Hekatombe des Zweiten Weltkrieges erspart. Die erste und wichtigste Schlacht gegen die Nazis ist nie geschlagen worden: die im eigenen Lande. Das weitet die 'Schuldfrage' ganz erheblich aus, und zwar auf recht bestürzende Weise. Die sich damals nicht rührten und es einem ansehnlichen Teil des deutschen Volkes verwehrten, sich mit der Waffe in der Hand und einem wirklich effektiven, also gezielt politischen Generalstreik gegen die Unterdrücker von morgen zu wehren, riefen später am lautesten, das Ausland habe für die Sache der deutschen Freiheit keinen Finger gerührt. Dies zu tun, war immerhin zunächst einmal Sache des deutschen Volkes selber; und außerdem ist man dem Ausland den überzeugenden Beweis schuldig geblieben, daß es in Deutschland diesen Widerstandswillen gab. Die wirkliche Tragödie besteht jedoch darin, daß diese Bereitschaft zum Kampf in wesentlichen Volksschichten durchaus vorhanden war und auch die Bereitschaft zur Verteidigung eines Staates und einer Staatsform, die nicht gerade eine derartige Opferbereitschaft selbstverständlich machten. Der unterlassene Bürgerkrieg in Deutschland ist vielleicht die schwerste geschichtliche Unterlassungssünde dieses Jahrhunderts; und diese Feststellung ist nicht die Ausgeburt politisch-theologischer Spitzfindigkeiten. Die braunen Bataillone brauchten die Straße gar nicht erst zu erobern; man hat sie ihnen freigehalten und schließlich kampflos überlassen."[103]

Im Vergleich zu diesen Äußerungen klingen Golo Manns Bemerkungen von 1950 zur Rolle der KPD recht apodiktisch:

"Ihre im besten Fall immer unnütze Existenz, ihr hirnverbrannter, selbst heute, im Rückblick, kaum glaublicher Kampf gegen die Sozialdemokraten, ihre prahlerischen, aber kraftlosen Bürgerkriegsdrohungen haben Hitlers Aufstieg und Machtergreifung entscheidend erleichtert und in der Tat möglich gemacht. Das sind von der Geschichte längst anerkannte Tatsachen..."[104]

Weiten Kreisen und führenden Schichten hatte die Revolution und die republikanische Ordnung keineswegs die Ängste vor den 'Massen' genommen. Die Ordnungskräfte hielten daher tatsächlich 'die Straße frei' und die Rechte bediente sich der Ängste.

"Der marxistische Internationalismus wird nur gebrochen werden durch einen fanatisch extremen Nationalismus von höchster sozialer Ethik und Moral"[105].

Das war Hitlers 'Angebot' an die Mittelschichten, ihnen die Angst vor den lohnabhängigen Mehrheiten zu nehmen; und selbst die, die zu allererst Opfer der sozialen "Ethik" wurden, taten sich schwer, zu sehen, daß, wenn überhaupt irgendwo, dann in jenen Mehrheiten, für die der 'marxistische Internationalismus' jedenfalls kein Schreckgespenst war, das Potential gegen Hitler lag und gegen seine Helfer in der eigenen Klasse[106]. Erwin Planck (1893-1945), Sohn von Max Planck und (noch) Staatssekretär in der Reichskanzlei, sah klarer, als er 1932 für eine 'Front' von Allgemeinem Deutschem Gewerkschaftsbund und Reichswehr tätig wurde[107].

* * *

In Kopenhagen kam eine Hilfsaktion für bedrängte Kollegen aus Deutschland bald in Gang, Harald und Niels Bohr waren prominente Mitglieder im Dänischen Unterstützungskomitee für Intellektuelle[108]. Abraham Pais hat die anderen dänischen Organisationen genannt, sozialdemokratische, jüdische und lutherische Komitees, die 4500 Flüchtlinge in Dänemark unterbrachten (von denen noch etwa 1500 im Land waren, als im Herbst 1943 insgesamt 7000 Menschen in einer großen Rettungsaktion über den Sund nach Schweden in Sicherheit gebracht wurden)[109].

Alarmiert und auf Hilfe bedacht waren andere in anderen Ländern auch.

Paul Rivet berichtete am 27.4. aus Paris an Franz Boas in New York (der öffentlich an Hindenburg appelliert hatte) von einer Deutschlandreise in den Osterferien, von der Pogromstimmung Anfang April gegen Juden und Sozialisten, von Entlassungen von Kollegen (Lips in Köln) und Stillschweigen der anderen. Er habe es nicht glauben wollen, aber was in den Zeitungen stünde, sei wahr. Ihm schwebte - völlig utopisch - ein in der Schweiz angesiedeltes großes 'Wissenschaftszentrum' vor[110].

Leo Szilard suchte in Wien den Ökonomen Karl Schlesinger und den (Berliner) Politologen Ignaz Jastrow auf, traf dort William Beveridge, den Direktor der London School of Economics und in London entstand aus seiner Initiative (beteiligt war u.a. auch Harold Laski, Politologe, London University) ein 'Academic Assistance Council' unter dem Vorsitz von Ernest Rutherford, das bis 1939 hunderte von Jobs, meist vorübergehend, zum Teil dauerhaft, vermittelten konnte[111]. Esther Simpson versah das Sekretariat. Ab 1936 hieß der Verein `Society for the Protection of Science and Learning' und zählte über 2000 zahlende Mitglieder. In einem Brief vom 7.5.1933 erwähnte Szilard ein bereits existierendes Hilfskomitee, das der Chemiker Philip Hartog koordinierte[112]: das `Comité pour le Placement des Intellectuels Réfugiés in Genf'. 1935 bildeten Exilanten eine `Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland' in Zürich, dann in London, die mit einem Netz von Beziehungen 2000 Stellen vermittelte.[113] Der Physikochemiker Frederick.A. Lindemann, einst Nernsts Schüler, dann Leiter des Clarendon Laboratoriums in Oxford und später Churchills Berater und 'Lord Cherwell', fuhr im Sommer 33 mit seinem Rolls-Royce durch Deutschland und bot 18 Stipendien in England an, die die Firma Imperial Chemical Industries finanzierte[114].

Szilard hatte längst richtig gesehen, und seine seit 1930 im ausgedehnten Bekanntenkreis versuchte Mobilisierung zu einem 'Bund'[115] hätte vielleicht mehr werden können als eine Emigranten-Hilfsaktion, wenn Kollegen und Freunde wie Michael Polanyi seine Betroffenheit und seine Handlungsbereitschaft angesichts der politischen Entwicklung geteilt hätten, bevor es zu spät war. Szilards frühzeitige Handlungsbereitschaft - und Zurückstellung der wissenschaftlichen Arbeit - war eine Ausnahme. In dieser Hinsicht hat auch der 'Kreis der Kopenhagener' versagt.

Von Princeton aus organisierten Rudolf Ladenburg und Jenö Wigner. Am 15. Dezember 1933 schrieb Rudolf Ladenburg noch einmal an Fritz Haber:

"Ich höre mit Freuden, daß es Ihnen entschieden besser geht und daß Sie schon seit einigen Wochen glücklich in Cambridge sind... Unser Sohn Karl ist diesmal mit uns hierhergefahren und Junior im Princeton College. Meine ältere Tochter ist in Deutschland geblieben und hat dort einen entfernten Vetter unseres Namens geheiratet, der vorläufig ungestört in einer Treuhandgesellschaft in Mannheim, der 'Stadt unserer Väter', tätig ist. Frau und jüngere Tochter sind mit mir hier und wohl ... Da in den Staaten hunderte von Hochschullehrern abgebaut sind, scheint es augenblicklich das Einzige, was wir für unsere stellungslosen Kollegen in Deutschland tun können, daß wir Geld sammeln. Wir haben soeben eine solche Sammlung, vorläufig nur bei unseren Kollegen deutscher Abstammung oder Ausbildung, hier in Amerika eingeleitet und hoffen, wenn wir Erfolg haben, auch bei anderen Unterstützung zu finden, von den Ergebnissen werde ich Ihnen seinerzeit berichten".[116] 2-4% des Einkommens sollte jeder für zwei Jahre spenden. Robert Oppenheimer gab 3% und schrieb, es sei weise gewesen, nicht wahllos alle amerikanischen Physiker zu fragen (Auch in Berkeley gab es Antisemitismus: als er Robert Serber hatte einstellen wollen, hatte Raymond Birge geantwortet, ein Jude in der Fakultät genüge.)[117] Jennö Wigner kommentierte im Rückblick: "luckily the United States needed scientists. Ladenburg and I were not as helpful, as we had hoped to be, but we did some good"[118]

Rockefeller stiftete von 1933 bis 1945 1,4 Millionen $ für das 'Emergency Comittee' (und investierte vergleichbare Summen in Nazi-Deutschland). Erwin Schrödinger schrieb, als er ein Angebot aus Princeton ablehnte[119], 1933 an Ladenburg:

"Wir, lieber Freund, Sie und ich und unsere Freunde, sind in der Tat die Ware und nicht die Kaufleute..."[120]

Fritz Reiche, der Freund Ladenburgs und Schrödingers, verlor Anfang 1934 in Breslau seine Stelle. Ladenburg konnte ihm für kurze Zeit einen Posten in Prag verschaffen; ab 1935 lebte Reiche in Berlin, Niels Bohr lud ihn zu Kopenhagener Treffen ein, in Berlin hatte er Kontakt mit Max Laue und Otto Hahn. Pogrom vom November 1938 und Kriegsausbruch erlebten Reiches in Berlin. Tochter Eva arbeitete in einer Kinderklinik, erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sohn Hans ließ sich zur Emigration bestimmen. Ende 1940 hatte Mark Zemansky einen Posten für Reiche an der New School in New York. Gerade noch rechzeitig konnten Berta, Fritz und Eva ausreisen: Im Herbst 1941 wurde die Auswanderung verboten. Großmutter Charlotte Ochs war nicht gleich mitgekommen, sie starb in Theresienstadt[121]. Photos von Fritz Reiche hat Thomas Powers publiziert. ein Gruppenbild 1925 mit Born, Hahn, Ladenburg, Pohl und Reiche; 1928 in Breslau; mit Frau und Tochter kurz vor der Ausreise in Berlin.

Aus dem Briefwechsel zwischen Max Born und Albert Einstein erfährt der Leser, daß Hedwig Born mit Hilfe der Quakergemeinden auch Nichtwissenschaftlern die Emigration ermöglichen konnte. Aber politisch und öffentlich wurde dem Umstand zu wenig Rechnung getragen, daß die Verfolgung von Anfang an vor allem Menschen galt, die sich keiner besonderen Elite zurechnen konnten. Für die auch kein 'Markt' da war[122]. Allein im Sommer 33 emigrierten 70 000 Menschen aus Deutschland, die meisten vertrieben aufgrund antisemitischer Gesetze (nicht zuletzt aufgrund des 'Quotenerlasses' für 'Nichtarier' an den Hochschulen) und Verfolgungen.[123]

Wenn Laue und mit ihm Kopfermann anfänglich 'optimistischer' dachten, liegen die Nuancen doch anders als bei Werner Heisenberg, der, nach Kräften den Kollegen helfend[124], dennoch am 2. Juni an Born schreiben konnte:

"Trotzdem weiß ich, daß es unter denen, die in der neuen politischen Situation führen, auch Menschen gibt, um derentwillen sich ein Ausharren durchaus lohnt. Es wird sich im Lauf der Zeit das Häßliche vom Schönen scheiden"[125].

Wer war hier gemeint? Heisenberg, in dieser Hinsicht vielleicht ein 'Gustav Gründgens der Physik', war - in seiner Umgebung - programmiert für Ämter und Aufgaben, für die er sich zuständig fühlte, zu Hitlers wie später zu Adenauers Zeiten[126].

Die 'Göttinger', der vom engeren Arbeitsgebiet der 'Quantenmechanik' und der 'Kernphysik' bestimmte Kreis der 'Kopenhagener' in Deutschland, das Haber-Institut - das waren Kopfermanns Umgebungen mit den beruflichen und auch den menschlichen Beziehungen, in denen er einigermaßen 'aufgehoben' war und die es zu pflegen galt. Was nun? Diese Umgebung weiterhin zu pflegen, bedeutete Bereitschaft zu Beistand und Unterstützung, und den Willen, auch über die Entfernung und die Grenzen hinweg, Kontakte zu halten. Das zweite wurde, was vielleicht nicht gleich abzusehen war, dadurch leichter und sogar persönlich nützlich, daß relativ viele aus diesem Kreis der `Kernphysiker' und `Kopenhagener' in der Emigration weiterarbeiten konnten und im Arbeitsgebiet etabliert waren. Vorausgesetzt natürlich, er blieb selbst 'bei seinen Leisten'. Es galt jetzt, zwischen den Kollegen im Ausland und den Machthabern im Inland, mit einer zunehmend größeren `Scheere' im Kopf zu leben.

Rückblickend schrieb Hans Kopfermann 1952 aus Anlaß des siebzigsten Geburtstags von James Franck und zusätzlich zu seinem Beitrag im Sammelband der Zeitschrift für Physik zu Ehren des Jubilars, eine Würdigung (an anderer Stelle), aus der auch der schon einmal zitierte Satz vom 'ewig gültigen Recht' stammt:

"Nicht durch eine elegante Vorlesung, die ihm wenig lag, sondern durch das Zusammenleben im Labor ist er unser Lehrmeister und Vorbild gewesen... Man spürte bei jeder Begegnung den gütigen Menschen, der jung unter Jungen war, der ihnen ein Freund sein wollte und der den Weg zu ihren Herzen fand. - Diese einzigartige Gemeinschaft wurde durch den Nationalsozialismus zerstört. Als im Frühjahr 1933 die sogenannten Nürnberger Gesetze unter den deutschen jüdischer Abstammung nur noch den Teilnehmern des ersten Weltkrieges erlaubten, dem Staate weiter zu dienen, legte Franck, obwohl er aktiv am Kriege teilgenommen hatte, zum Protest gegen die allerseits zutage tretende Willkürherrschaft des Regimes, deren Auswirkungen er klarer als viele andere von Anfang an gesehen hat und an der er nicht mitschuldig werden wollte, sein Amt nieder. Franck hat so deutsch gefühlt, wie je ein Deutscher fühlen konnte, und es ist für ihn ein unendlich schwerer Entschluß gewesen, seine Heimat, seinen Wirkungsbereich und seine Freunde zu verlassen. Daß er es um des ewig gültigen Rechtes willen getan hat, soll ihm nie vergessen werden."[127]

Was bedeutete es, daß Kopfermann 1952 das Beamtengesetz von 1933 unter die 'Nürnberger Gesetze' von 1935 subsummiert? Eine Unaufmerksamkeit? Den (unbewußten) Widerstand gegen die genauere Analyse der 'Machtübernahme'? Was bedeutete vor allem der Satz von der Willkürherrschaft, an der Franck 'nicht mitschuldig werden wollte'? In der Formulierung klingt eine Unabänderlichkeit der Dinge mit, die seinerzeit gerade nicht allgemeine Billigung gefunden hatte. Francks Amtsniederlegung war der Versuch, diese 'Schuld' auch für die anderen, die weniger klar sahen, gar nicht erst entstehen zu lassen. Kopfermanns Sätze gerieten schief. War es die 'Ungenauigkeit', zu der der 'Zeitgeist' 1952 (s.u.) nötigte? War es das Widerstreben dagegen, einer bedrückenden, kaum zurückliegenden Vergangenheit noch einmal die ganze Aufmerksamkeit und Gedankenarbeit zu widmen?


[1]NSDAP - Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Parteiprogramm vom 24.2.1920 (§4: Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein. §24: Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz vor Eigennutz.). Ab 1933 Körperschaft des öffentlichen Rechts, organisiert in Block, Zelle, Ortsgruppe, Kreisleitung, Gauleitung, Reichsleitung (20 Reichsleiter für verschiedene Ressorts), Führer (Stellvertreter Rudolf Heß mit Stabsleiter Martin Bormann) "ist keine Partei im üblichen liberalistischen Sinn, sondern eine Bewegung, die jenen Geist der französischen Revolution und des 19. Jahrhunderts überwindet; schöpft aus den ewigen Werten deutschen Volkstums (Führer und Gefolgschaft, heldisches Denken usw.)" (Das Kluge Alphabet, Berlin (Propyläen) 1935); SA - Sturmabteilung der NSDAP ('Parteisoldaten') gegliedert in Rotte, Schar, Trupp, Sturm, Sturmbann, Standarte, Brigade, Gruppe, Stab (Chef bis 1934 Erich Röhm); DAF - Deutsche Arbeitsfront seit 10.5.1933 (Reichsleitung Robert Ley), Organisation der Arbeitnehmer und -geber, der Partei angeschlossener Verband, aufbauend auf 'Betriebsgemeinschaften' (die anfänglichen NS-Betriebsorganisationen (BO) fielen der schnellen 'Übernahme' gewerkschaftlicher Strukturen im Mai 1933 zum Opfer) 1933 5,5 Mio Mitglieder, 1939 22,5 Mio; SS - Schutzstaffeln der NSDAP ('allgemeine SS', 'Verfügungstruppe' und 'Totenkopfverbände'), ähnlich gegliedert wie SA; der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, wurde zugleich Polizeichef (und zum Schluß Innenminister); SS-'Ämter': Hauptamt, Reichsicherheitshauptamt, Rasse- und Siedlungshauptamt.

[2]Vgl. Else Alpers, loc.cit.

[3]Vgl. Klemens von Klemperer, Die verlassenen Verschwörer. Der deutsche Widerstand auf der Suche nach Verbündeten 1938-1945, Berlin 1994 (Oxford 1992)

[4]Von der Regierung Schleicher vorbereitete präsidiale Verordnung 'zum Schutz von Volk und Staat' auf Grund von Art. 48 der Verfassung, sog. Notverordnung vom 28.2. 33, deren repressiven Interpretationsspielraum die Nationalsozialisten ungehindert von Präsident und deutschnationalen Partnern voll ausnutzten

[5]'Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich', verabschiedet mit Zweidrittelmehrheit einchließlich der Stimmen von Zentrum und BVP, verabschiedet in der `Kroll-Oper', dem Tagungsort des Parlaments nach dem Reichstagsbrand.

[6]Vgl Chup Friemert, "Die Organisation des Ideologischen als betriebliche Praxis" in: Faschismus und Ideologie 2, Berlin (Argument) 1980, S.227

[7]Der 'Medienzar' Alfred Hugenberg (1865-1951), deutschnationaler Parteichef und Minister für Wirtschaft und Ernährung trat schon ihm Juni 1933 zurück. Kurt Schmitt ('Allianzversicherungen'), der ihn ablöste, erkrankte, und das Ministerium übernahmen der wiederernannte Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht als komissarischer Wirtschaftsminister bis 1937 und Walther Darré (1895-1953) als Ernährungs- und Landwirtschaftsminister. Für vorläufige Kontinuität der Außenpolitik stand Konstantin Neurath (1877-1956), deutschnationaler Außenminister bis 1937. Er hatte, ebenso wie sein Parteifreund Johann Ludwig Schwerin-Krossigk (1887-197?), Finanzminister bis 1945, schon dem Kabinett Papen angehört. Das galt auch für den Justizminister Franz Gürtner (1881-1941) und den Postminister Peter Paul Eltz-Rübenach (1875-1943), den 1937 Wilhelm Ohnesorge (1872- ) ablöste. Franz Papen blieb bis 1934 Vizekanzler. Neuer Innenminister wurde Wilhelm Frick (1877-1946), bis 1943 Heinrich Himmler dies Amt besetzte. Für Reichswehr- und später Kriegsministerium wurde Werner Blomberg (1878-1946) zuständig bis 1938 der Führer-Präsident, Kanzler und Parteichef seine eigentliche Domäne selbst in die Hand nahm. Arbeitsminister wurde bis 1945 Franz Seldte (1882-1947, Gründer des 'Stahlhelm' 1928). Nach den Märzwahlen (am 13.3.1933) wurde ein eigenes Ministerium für 'Volksaufklärung und Propaganda' (RMP) unter Joseph Goebbels geschaffen, und der anfängliche 'Reichskommissar für Luftfahrt' und Minister ohne Geschäftsbereich Hermann Göring (1893-1946, seit 1932 Reichstags- und dann preußischer Ministerpräsident) wurde im nächsten Schritt Luftfahrtminister. Ministertitel trugen bald (Dez.1933) auch Rudolf Heß (1896-1987, seit September 33 'Stellvertreter' des Parteichefs) und (1934) Hans Frank (1900-1946, Hitlers Rechtsanwalt seit 1927, 'Reichsjustizkommissar' seit 1933). Ebenso ab 22.6.1934 Hanns Kerrl (1887-1942), der mit dem 16.7. 1935 Kirchenminister wurde. Minister wurde nicht zuletzt auch (seit Dezember 1933) SA-Stabschef Ernst Röhm (1887-1934).

[8]Die Industriellen und Bankiers Hjalmar Schacht, Kurt Schröder, Otto Steinbrink, Albert Vögler, Friedrich Reinhardt, August Rostem, Ewald Becker, Rudolf Bingel (Siemens & Halske), Emil Helfferich, Emil Meyer, Heinrich Schmidt, Gottfried Bismarck.

[9]Vgl. Walter Hofer, Die Diktatur Hitlers bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs, Konstanz (Athenäum) 1960, S.121

[10]Die Theorie lieferte 1933 Carl Schmitt: "...können auch die Gesichtspunkte der Haftung, insbesondere die der Körperschaftshaftung für Amtsmißbrauch (Art. 131 der Weimarer Verfassung, § 839 BGB) nicht auf die Partei oder die SA übertragen werden. Ebensowenig dürfen sich die Gerichte unter irgendeinem Vorwand in innere Fragen und Entscheidungen der Parteiorganisationen einmischen und deren Führerprinzip von außen her druchbrechen". Zitiert nach Walter Hofer Hg., Der Nationalsozialismus, Dokumente 1933-1945, Frankfurt (Fischer) 1957

[11]Vgl. Adelheid von Saldern, Mittelstand im 'Dritten Reich', Frankfurt (Campus) 1979; eine Dissertation bei Wilhelm Treue

[12]S. Leitsätze des 'Reichsrechtsführers' vom 14.1.1936, zitiert nach Walter Hofer, Hg., Der Nationalsozialismus..., log.cit., S.101

[13]Karl Dietrich Bracher ("Zusammenbruch des Versailler Systems und Zweiter Weltkrieg" in Golo Mann Hg., Das zwanzigste Jahrhundert, Berlin (Ullstein) 1960, S.398) urteilte m.E. abgesehen von der außenpolitischen Dimension auch innenpolitisch zu global, wenn er schrieb: "Nach dem destruktiven Zusammenwirken der beiden totalitären Bewegungen zum Sturz der (Weimarer K.S.) Demokratie war der Kommunismus nun zwar radikal unterdrückt. Aber das widerfuhr auch allen anderen politischen Gruppen, so daß dieser 'Antibolschewismus' in Wahrheit nur der Inbegriff des nationalsozialistischen Alleinherrschaftsanspruches war".

[14]Manstein kommandierte 1942 die Eroberung der Krim; gegen die in seinem Bereich mordenden 'Einsatzgruppen' (s.u.: Otto Ohlendorf) protestierte er nicht. In Nürnberg 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt, kam er 1953 frei.

[15] Vgl. Otto Gritschneider, "Der Führer hat sie zum Tode verurteilt"... München (Beck) 1993; s. auch Carl Schmitt zum 30. Juni 1934: "Der Führer schützt das Recht... wenn er ... unmittelbar Recht schafft" (Walther Hofer Hg., loc. cit., S.105

[16]Der Biologe Kurt Kosswig (1903-1982) wurde parteilos zum 1.4.33 in Braunschweig berufen, trat im November in die SS ein, wurde Schulungsleiter des von Darré geleiteten Rasse- und Siedlungsamtes, trat im August 1936 aus der SS aus und emigrierte im Herbst 1937 (Klaus Erich Pollmann in: Walter Kertz Hg., Technische Universität Braunschweig..., Hildesheim (Olms) 1995). - Mancher, der geglaubt hatte, mit dem Beitritt zur SS am einfachsten die Karriere stabilisieren zu können, fand sich im Krieg in der 'Waffen-SS' (spätere Bezeichnung der Verfügungstruppen) wieder.

[17]Vgl. Hans Buchheim, Die SS - das Herrschaftsinstrument. Befehl und Gehorsam. Olten (Walter) 1965

[18]Ludolf Herbst, Das nationalsozialistische Deutschland, Frankfurt, Suhrkamp, 1996 S.89 zitiert Schätzungen , nach denen im Herbst 1932, Familienangehörige eingerechnet, "weit mehr als 20 Mio Menschen oder 36% der Gesamtbevölkerung von öffentlichen Unterstützungsmitteln, die oft weit unter dem Existenzminimum lagen" , lebten.

[19]Fritz Todts Autobahnbaupläne vom Januar 1933 veranschlagten 600 000 Arbeitskräfte, der Bau lief jedoch nur langsam an. Vgl. auch Ludolf Herbst, a.a.O. S.97

[20]Vgl. Bernhard Heimann, Joachim Schunke, "Eine geheime Denkschrift zur Luftkriegskonzeption Hitler-Deutschlands vom Mai 1933", Z. Militärgesch. 3, S.72, 1964

[21]Fr. Hiller von Gaertringen, Die Hassell-Tagebücher 1938-1944, Berlin 1988, S.216

[22]Vgl. Wieland Elfferding, "Opferritual und Volksgemeinschaftsdiskurs am Beispiel des Winterhilfswerks", in: Faschismus und Ideologie 2, Berlin (Argument) 1980, S.199

[23]Albert Einstein, Hedwig und Max Born, Briefwechsel, a.a.O., S.156; Offenbar gehörten Historiker, Land- und Forstwirte nach der wenige Jahre zurückliegenden Abspaltung der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät von der philosophischen zur ersteren.

[24]Archiv der MPG, Haber-Sammlung Jaenicke 954

[25]Margit Szöllösi-Janze, a.a.O. s.638, der ich hier folge, erwähnt auch, daß Haber nach Rudolf Sterns Erinnerung dem Wahlfond der DDP - wohl 1928 - eine bedeutende Summe gespendet hatte, vielleicht 1927/28 der Partei auch beigetreten sei.

[26]Oskar Schlemmer, Maler und Bauhauslehrer schrieb unter dem 18.3.1933 über Hinkel: "ich hörte ihn kürzlich nebenan sprechen und kann nur sagen: es war furchtbar. Ein Feldwebel sprach zu seiner Kompanie" s. ders., Briefe und Tagebücher, München 1958, S.306

[27]Schon im Vorjahr hatten Kollwitz und Mann in einem Brief an die Vorsitzenden der Links-Parteien eine gemeinsame Wahlliste gefordert

[28]Vgl.Joseph Wulf, Die Bildenden Künste im Dritten Reich, Reinbek, Rowohlt 1966, S.13-19

[29]§3: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen; Ehrenbeamte sind aus dem Amtsverhältnis zu entlassen"'. Eine Durchführungsverordnung vom 11.4. präzisiserte zu §3: "Als nichtarisch gilt, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Es genügt, wenn ein Elternteil oder Großelternteil nichtarisch ist."

[30]Zitiert nach Jost Lenmerich, Hg., Max Born, James Franck, der Luxus des Gewissens. Physiker in ihrer Zeit, Ausstellung der Staatsbibliothek, Berlin 1982, S.114

[31]Ulf Rosenow in Heinrich Becker, Hans-Joachim Dahms, Cornelia Wegeler Hg., Die Univerisität Göttingen unter dem Nationalsozialismus. Das verdrängte Kapitel ihrer 250 jährigen Geschichte, München (Saur) 1987. Dort auch die Bemerkung, daß sich in Francks Nachlaß Dutzende von zustimmenden Briefen aus allen Landesteilen und Bevölkerungsschichten befinden, auch die Offiziere seines Regiments sprachen ihr Vertrauen und ihre Anhänglichkeit aus.

[32]Jost Lemmerich a.a.O., S.115. Auch Walther Gerlach aus Muenchen schrieb an Franck. Vgl. Rudolf Heinrich, Hans-Reinhard Bachmann, Walther Gerlach, Physiker, Lehrer, Organisator. Dokumente aus dem Nachlaß, München, Deutsches Museum, 1989

[33]Lemmerich a:a.O.

[34]W. Kroebel übernimmt 1964 nocheinmal die Formulierung Francks: "Es entsprach aber seiner Haltung und Gesinnung, einem Staate nicht dienen zu können, der bestimmten, ihm angehörigen Menschengruppen von vornherein das Recht abspricht, sich als Staatsbürger bewähren zu dürfen." "Zum Tode von James Franck", Naturw. 51, 1964, S. 421

[35]Peter Wellmann, Gespräch München Juni 1995

[36]S. Ute Deichmann, a.a.O. S.62

[37]In den Annalen, der ältesten Physiker-Zeitschrift, deren Herausgeber Friedrich Paschen gewesen war, publizierten Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max Laue und Robert W. Pohl 1947 gemeinsam mit Herausgebern und Verleger einen Nekrolog ("Friedrich Paschen gestorben". Annalen der Physik, 6te Folge, 1, 1947 S.137), indem es hieß: "...kam 1901 als ordentlicher Professor der Experimentalphysik nach Tübingen und blieb dort, bis er 1924 Nachfolger von Nernst an der Physikalisch-technischen Reichsanstalt wurde. Da er bei der Übernahme dieses Amtes schon 59 Jahre alt war, ließ er sich die Zusicherung geben, daß er über die Altersgrenze hinaus im Amte bleiben könne. Trotzdem setzte in 1933, also mit 68 Jahren die nationalsozialistische Regierung zugunsten von Johannes Stark ab..."; Vgl. auch Hermann Schüler in den Physikalischen Blättern 3, 1947, S.232 über seinen Lehrer.

[38]Vgl. Finn Aaserud, loc.cit.; Auch Ulrich Kern, "Die Physikalisch-Technische Reichsanstalt 1918 bis 1945", in J. Bortfeldt et.al, op. cit.; Ebbe Rasmussen in einer am 16.12.33 bei der Zeitschrift für Physik (s. Bd.87, 1934) eingegangenen Untersuchung zum Radium-Bogenspektrum: "Diese Arbeit ist in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt im Laboratorium des Präsidenten ausgeführt. Für sein förderndes Interesse danke ich Herrn Präsident Paschen herzlichst. Ebenso danke ich Herrn Präsident Stark für die Erlaubnis, diese Arbeit in seinem Laboratorium vollenden zu dürfen..."

[39]In Rostock arbeiteten der Mathematiker Robert Otto Furch (1894-1967), den Kopfermann aus Göttingen und als Freund von Friedrich Hund gekannt haben dürfte und Pascual Jordan. Jordan trat im September mit der Vorstellung 'durch mitmachen zu verbessern'in die NSDAP ein und dann in die SA. Jordan war als origineller Quantentheoretiker ein gern gesehener Gast in Kopenhagen. Und Bohr hatte ihn für eine Sprachtherapie finanziell unterstützt. Zum Beitrag Jordans zur Quantenfeldtheorie s. Silvan S. Schweber, QED and the Men, who made it: Dyson, Feynman, Schwinger and Tomonaga, Princeton (Univ. Press) 1994. Besonders auch Norton Wise, "Pascual Jordan, Quantum Mechanics, Psychology, National Socialism" in Monika Renneberg und Mark Walker Hg., Science, Technology and National Socialism, Cambridge (Univ. Press) 1994; Dort die Fußnote 3: "According to Jordan's official statement, he joined the NSDAP on 1 September 1933 and the SA in the autumn of 1933. Jordan an das Kuratorium der Universität Rostock, 25 May 1938, HU, UK. J69 I, 86. Jordan's personal life is difficult to reconstruct because his Nachlass, housed at the Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz in Berlin, contains virtually nothing of personal-political relevance from the thirties and forties, even though it contains voluminous lecture notes from that period, often written on the back of used paper of all kinds, including letters".

[40]NBA Kopenhagen, freundliche Mitteilung Finn Aaserud, alle Zitate mit Vorbehalt der Rechte des Archivs.

[41]Vgl. G. Sauder Hg., Die Bücherverbrennung, München, 1983 und den Abdruck in Herbert Mehrtens, "Die Hochschule im Netz des Ideologischen" in: Walter Kertz Hg., Technische Universität Braunschweig 1745-1995, Hildesheim, Olms, 1995,

[42]Am 12.5. schrieb Fritz Haber an Karl Bonhoeffer und bat ihn, er möge mit Planck reden, daß der in Sachen Freundlich und Polanyi etwas unternähme. Planck wurde am 16. bei Hitler vorstellig (s.u.). Vgl. Christie Macrakis, a.a.O., S.85

[43]Vgl. Köhlers Artikel abgedruckt in Klaus Hentschel, Physics and Nationalsocialism, an Anthology, Basel, Birkhäuser, 1996, S.36. S. a. M. Henle, "Einer kuschte nicht. Wolfgang Köhlers Kampf gegen die Nazis", Psychologie heute, 6, 1979, S.80

[44]Hans Reichenbach emigrierte nach Istanbul, Heinrich Kuhn nach Oxford; Brönstad war Physikochemiker in Kopenhagen

[45]Zum Stand der Forschung vgl. Helmuth Albrecht, "'Max Planck: Mein Besuch bei Hitler' - Anmerkungen zum Wert einer historischen Quelle", in: ders. Hg., Naturwissenschaft und Technik in der Geschichte. 25 Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaft und Technik am Historischen Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart (Verlag für Gesch. der Naturw. und der Technik) 1993, S.41. (Ein Bericht von Frau Marga Planck an Ernst Brüche 1947 zeugt von jenem Antisemitismus, der sich gegen die Einwanderer aus dem Osten richtete).

[46]Ebenda, S.48

[47]Helmut Heiber, Universität unterm Hakenkreuz, Teil 1: Der Professor im Dritten Reich. Bilder aus der akademischen Provinz, München, Saur, 1991, S.173: "man hat Laue nach dem Kriege die Entwicklung vom loyalen Staatsdiener, der 1933 trotz aller Verteidigung dem Freunde Einstein doch sein politisches Hervortreten vorgeworfen hat (er fände, der Gelehrte solle 'damit zurückhalten') zum 'Kämpfer gegen die geistige Tyrannis' bescheinigt. Das ist indes nur mit Einschränkungen richtig. Gewiß stand der Nestor des Faches, Max Planck, als alter und schon etwas müder Mann den Ereignissen in seiner 'eingewurzelten Ehrfurcht vor der Staatsautorität' hilfloser gegenüber - Widerstand hielt er für sinnlos, man könne nichts tun als sich 'beugen wie die Bäume im Wind'. aber eine 'Tellsfigur' (Paul Ewald) ist ebenfalls Laue nur recht bedingt gewesen - auch die Weigerung, mit dem übrigen Reserveoffiziersverband des Infanterieregiments 138 der Sa-Reserve beizutreten, macht noch keinen Tell. Die Schmerzgrenze des Regimes bei einem Naturwissenschaftler (doppelter Bonus für wehrwirtschaftlichen Nutzen und gegebenenfalls offene Arme des Auslands) und Nobelpreisträger (Zusatzbonus für internationales Renommé) hat auch er richtig kalkuliert und respektiert".

[48]Vgl. Peter Paul Ewald, "Max von Laue", Biog. Mem. Roy. Soc.

[49]Vgl. auch: Friedrich Beck/Darmstadt, `Max von Laue 1879-1960', www.physik.uni-frankfurt.de/paf/paf24.html

[50]Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1941, Berlin (Aufbau) 1995, Band 1, S.25-29

[51]Zu dem, was ich hier aus der Göttinger Umgebung berichte, vgl. vor allem Constance Reid, op. cit., woraus auch die Zitate übernommen wurden. Die wurden allerdings in der deutschen Übersetzung offenbar nicht wörtlich übertragen. Zum letzten Zitat s. Albert Einstein, Hedwig und Max Born, Briefwechsel, loc. cit., S. 164 (Brief Max Born aus Selva-Gardena vom 2.6.33)

[52]Max Born war in Breslau als Professorensohn bei liberalen Eltern aufgewachsen, die nicht konvertierten, aber sich wenig 'jüdisch' fühlten und kaum Traditionen pflegten. Hedwig Born, geborene Ehrenberg, kam aus einer Juristenfamilie: mütterlicherseits war sie die Enkelin von Rudolf Ihering und die Mutter verstand sich als protestantische Friesin; der Vater kam aus einer jüdischen Familie, die Tochter "war in ihren reiferen Jahren nicht nur der Form nach Christin". Im Exil in Edinburgh trat sie der 'Religiösen Gemeinschaft der Freunde' bei. Vgl. Briefwechsel, a.a.O. S.165

[53]Der Mathematiker Abraham Fraenkel in Marburg (später Kiel s.u.) hatte nach dem Rathenau-Mord 1922 dem Kollegen, Theologen und DDP-Abgeordneten Rudolf Otto wegen der 'Leisetreterei' der DDP deutlich seine Meinung gesagt (Abraham Fraenkel, Lebenskreise, Stuttgart (DVA) 1967, S.176). Der Historiker, DDP-Politiker, Verlagsleiter und Lehrer an der Hochschule für Politik, Peter Rassow (1889-1961) stellte sich 1933 in Breslau demonstrativ auf die Seite der diskriminierten Kollegen. Der Delbrück-Neffe, Harnack- und Meinecke-Schüler, in Breslau 1927 mit Johannes Ziekurschs Unterstützung habilitiert, der wie der sechs Jahre jüngere Kopfermann aus dem Krieg als Reserveleutnant zurückgekehrt war, trat 1933 dem Stahlhelm bei und trat sofort wieder aus, als die Organisation in die SA eingegliedert wurde. 1934 wurde er Rotarier und als Breslauer Sekretär der Vereinigung trat er aus, als die Rotarier 1936 die 'Arisierung' akzeptierten. Ein Ruf nach Freiburg scheiterte am Einspruch eines Parteimitglieds. 1939/40 vertrat er den einberufenen Heimpel in Leipzig und schließlich wurde Rassow mit der Empfehlung des Rektors Martin Staemmler in Breslau und in direkter Absprache mit dem Ministerium (Harmjanz) nach Köln berufen:. "durfte als gemäßigter NS-Gegner gelten und hatte im Unterschied zu vielen seiner Kollegen eine Korrumpierung durch die neuen Herrscher weitgehend vermieden". (Helmut Heiber, a.a.O.)

[54]Dazu und zu Pohls 'autokratischem' Stil und anderen Schwächen s. Ulf Rosenow a.a.O.

[55]Hertha Sponer konnte, nach einigem Hin- und Her-, und Komplikationen, die, wie es scheint, Robert Wichard Pohl veursachte, einen Vakuumspektrographen leihweise mitnehmen. Sie hatte dazu eine Unterredung mit Thiessen, der in den Akten als 'persönlicher Mitarbeiter' Vahlens auftaucht (PA Sponer, Universitätsarchiv Göttingen)

[56]Ulf Rosenow, a.a.O., zitiert M. Baethge, "Die Georgia Augusta, eine deutsche Universität im Dritten Reich", Politikon Nr.9, 23-27

[57]Vgl. Briefwechsel mit Günther Cario, Wilhelm Hanle, Werner Heisenberg, Eduard Justi, Helmuth Volz, Wilhelm Walcher im Zusammenhang mit einem Wiedergutmachungsverfahren, das Mannkopff Ende 50er/Anfang 60er Jahre anstrengte. Werner Heisenberg Archiv, MPI Physik, München.

[58]Vgl. Arnold Kramish, The Griffin (deutsche Übersetzung Der Greif) Boston (Houghton Mifflin) 1985

[59]Personalblatt PA Drescher-Kaden, BA, BDC; Drescher Kaden lebte in zweiter Ehe seit 1934 mit Anna Magarethe Kroeger, drei Kinder stammten aus seiner ersten Ehe mit Renate Luise (Freiin von) Reibnitz.

[60]Norbert Schappacher, "Questions politiques dans la vie des mathématiques en Allemagne (1918-1935)" in Josiane Olff-Nathan Hg., La science sous le troisième Reich, Paris (Seuil) 1993, S.51-87; Vgl. ders., "Das mathematische Institut der Universität Göttingen 1929-1950" in H. Becker, A. Dahms und C. Wegeler Hg., Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus, München (Saur) 1987

[61]Hans Kopfermann hatte immer wieder, auch vor und nach Hitler, Gelegenheit, sich zu Menschen, Freunden, Mitarbeitern zu verhalten, die einem mehr oder weniger inkriminierenden 'Ideologieverdacht' ausgesetzt waren. Wie ging er mit solchen sozialen Praktiken um? Gelang es ihm ebenso, solche 'Verteufellung' zu erkennen und sich zu distanzieren, wie der Differenz zur eigenen Meinung Ausdruck zu geben, wo das möglich war? Er war geübt in persönlicher Aufmerksamkeit und Interesse für sein Gegenüber, und wohl eher bemüht, zugunsten einer persönlichen Vertrauensbasis einer Konfrontation im `Lagerdenken' auszuweichen. Aus Hans Kopfermanns Bibliothek ist das Exemplar einer populären Broschüre Nikolai Bukharins zum Kommunismus erhalten (Gespräch mit Michael Kopfermann, München, April 1996). Autor und Werk begleitete das Odium eines blutrünstigen Revolutionärs. Aber schon Vladimir Vernadski, ein Doyen der russischen Geologie, national-liberaler Staatsmann und kein Freund der Bolschewiki, zeigte sich angenehm überrascht, als er 1927 bei Gelegenheit der 'Bolschewisierung' der alten Akademie Bukharin näher kennenlernte.

[62]Der ganze Brief bei Norbert Schappacher a.a.O, S.81

[63]Otto Heckmann, Sterne, Kosmos, Weltmodelle. Erlebte Astronomie, München (Piper) 1976, S.30

[64]Iris Runge, Carl Runge und sein wissenschaftliches Werk, Göttingen 1949; s.a. Georg Richenhausen, Carl Runge (1856-1927): Von der reinen Mathematik zur Numerik, Göttingen 1985

[65]Eine Cousine der beiden, Fanny Dubois-Reymond, arbeitete seit 1927 als Gärtnerin in der KWG, konnte durch Vermittlung von Max Planck zunächst noch bleiben, bis sie 1934 entlassen wurde. In einem Brief an Friedrich Glum (oder an Max Planck?) schrieb sie, man atme in der KWG "die Luft, die ich aus der hohen wissenschaftlichen Tradition meiner Famlie gewohnt war. Diese Atmosphäre war mir selbst in meiner bescheidenen Stellung vollkommen gemäß, sodaß ich heute noch gar nicht verstehe, wie ich außerhalb davon existieren soll... Möge es Ihnen vergönnt sein, im Dritten Reich die Tradition der KWG weiterhin schön und rein zu halten." (zitiert nach Ute Deichmann, Biologen unter Hitler, Frankfurt (Fischer) 1995 (1. 1992), S.35)

[66]Vgl. Monika Renneberg, "La physique à l'université de Hambourg" in Josiane Olff-Nathan, La science sous le Troisième Reich. Victime ou allié du nazisme?, Paris (Seuil) 1993, S.137 und dies. "Die Physik und die Physikalischen Institute an der Hamburger Univeristät im Dritten Reich" in Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer Hg, Hochschulalltag im Dritten Reich. Die Hamburger Univeristät 1933-1945, Teil II, Math.-Nat. und Med Falutäten, S.1097.

[67]Wolfgang Walter, "Otto Stern, Leistung und Schicksal" in Eckart Krause et.al, Hg., a.a.O., S. 1141. Als die Göttinger Akademie 1946 die vormals ausgeschlossenen Mitglieder wieder aufnehmen wollte, schrieb Otto Stern: "Ich danke der Göttinger Akademie für ihre Aufforderung. jedoch machen die unfaßbaren Geschehnisse der Hitlerzeit es mir unmöglich, mich wieder als Mitglied der Göttinger Akademie zu betrachten"

[68]Hevesy hatte in Freiburg 1908 promoviert, war dann Assistent in Zürich und ab 1910 bei Fritz Haber in Karlsruhe. Anschließend 1911-1913 bei Rutherford in Manchester und Mitarbeiter der Akademie in Wien. 1918 war er Professor für experimentelle Physik und Institutsleiter in Budapest geworden. 1920 Professor für theoretische Physik in Kopenhagen. Dort hatte er mit Johannes Bronstäd zusammengearbeitet und mit Dirk Coster 1923 das Hafnium entdeckt. Seit 1926 war er Professor für physikalische Chemie in Freiburg.Vgl. Hilde Levi, George de Hevesy. Life and Work. Bristol/London, Hilger, 1985

[69]Annie Schrödinger im Interview mit Thomas Kuhn. Vgl Walter Moore, Schrödinger, life and thought, Cambridge, Univ. Press, 1989, auch Victor F. Weisskopf, Mein Leben (The joy of insight) München (Scherz) 1991, S.80

[70]Robert Rompe: Friedrich Möglich 1902-17.6.1957, Annalen der Physik, 7te Folge, Bd. 1, Heft 1-3, 1958 S.1

[71]Klaus Fischer schrieb 1991: "Erwin Schrödinger schließlich entzieht sich jeder Kategorisierung. Schon in Berlin fiel er bei konservativeren Kollegen nicht nur deshalb in Ungnade, weil er zuweilen seine Vorlesungen in Tennisshorts und Turnschuhen abhielt. Als er nach der Nazi-Machtübernahme mit einem großzügigen ICI Stipendium nach Oxford gegangen war, blieb er auch dort ein Außenseiter, der in den dominierenden konservativen Kreisen vor allem durch seine unkonventionellen sozialen Gepflogenheiten negativ auffiel. So lebte er nicht im College, aß selten dort, kleidete sich sehr leger und lebte offenbar in einer sexuellen Dreierbeziehung. Dies wog schwerer als seine physikalischen Ideen, die in Oxford nach den Quellenforschungen von Hoch und Yoxen ohnehin niemand verstand. 1936 ging Schrödinger enttäuscht nach Österreich. Frederick Lindemann, Professor für Experimentalphysik am Clarendon Lab und späterer Berater Churchills, bewertete den Fall mit den Worten "we soon got rid of the bounder" und gab damit seinem völlligen Unverständnis sowohl für die Leistung Schrödingers als auch der Bedeutung der theoretischen Physik angemessenen Ausdruck. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich mußte Schrödinger überstürzt fliehen und kam auf abenteuerlichen Wegen nach Dublin, wo der frühere irische Freiheitskämpfer De Valera ein hochkarätiges Institute of Advanced Studies aufbauen wollte. Über einen Mittelsmann hatte er mit Schrödinger bereits vor dessen Flucht Kontakt aufgenomen". Klaus Fischer, "Die Emigration deutschsprachiger Physiker nach 1933: Strukturen und Wirkungen", in: Herbert Strauss, Klaus Fischer, Christhard Hoffmann, Alfons Söllner, Die Emigration der Wissenschaften nach 1933, München (Saur) 1991;

[72]Zu Fritz London vgl.: Kostas Gavroglu, Fritz London, A Scientific Biography, Cambridge, Univ. Press, 1995

[73]Vgl. Kurt Mendelsohn, op.cit.; (Fritz Habers offizielle Amtsentlassung datierte dann vom Oktober 33).

[74]Rudolf Schottlaeder (Hg.), Verfolgte Berliner Wissenschaft, Berlin (Hentrich) 1988.

[75]Dazu Dietrich Stolzenberg, Fritz Haber, loc. cit.

[76]Ebenda, S.578

[77]Brief Haber an Franck vom 3. Juni 1933; in einem Brief vom 12 Mai 1933 hatte Haber Karl Bonhoeffer gebeten, ihn zu einem Treffen mit Planck zu begleiten. Frank papers, Univ. of Chicago, hier zitiert nach Makrakis, a.a.O. S.83

[78]Im Zug dieser Berufung schrieb der Dozentenführer in Frankfurt nach Leipzig - ich zitiere nach Helmut Heiber, Die Universität unterm Hakenkreuz Teil 1, S.233 -: Bonhoeffer halte sich zwar für einen 'ehrlichen Antisemiten', bringe jedoch nicht die Konsequenz auf, auf Ausnahmen zugunsten 'anständiger deutscher' Juden (gemeint Wissenschaftler) zu verzichten. Hat Bonhoeffer tatsächlich (ähnlich wie es von Max Planck überliefert wird, und wie auch Wolfgang Köhler geschrieben hatte) gegen den amtlichen Antisemitismus argumentiert, daß doch nicht alle inkriminierten gleich seien? Wurde daraus `wohlwollend' ein `ehrlicher Antisemit' gemacht? Walther Jaenicke (geb. 1921) schrieb über seinen Lehrer später:"Prof. Bonhoeffer hat mich in vollem Bewußtsein meiner Probleme in seinem Institut arbeiten lassen, so daß ich eine Veröffentlichung produzieren konnte, die dann nach dem Krieg als Dissertation anerkannt wurde. Ich war übrigens nicht der einzige meiner Art, der bei Bonhoeffer Unterschlupf gefunden hat. Er war einer der nobelsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Was er gewagt hat, habe ich erst sehr viel später gemerkt, als ich das Schicksal seiner Familie erfuhr". Christian Kleint und Gerald Wiemers, Werner Heisenberg in Leipzig 1927-1942, Berlin, Akademie, 1993, S. 103

[79]Zitiert nach Margit Szöllösi-Janze, a.a.O., S.638. Haber hatte noch vor Kriegsende Charlotte Nathan geheiratet, die 'Managerin' der 1914 gegründeten 'Deutschen Gesellschaft', der Haber angehörte. Ein Hochzeitsbild des Ehepaars mit Hermann Haber vor der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche , Fritz Haber in Uniform mit Pickelhaube findet sich abgedruckt bei Margit Szölösi-Janze, S.403, Abb. 12.

[80]Fritz Stern, loc.cit., S.86; dort der Vermerk, das der Brief im Archiv der MPG liege und vermutlich auf Anfang Mai 1933 zu datieren sei.

[81]Joseph Borkin, loc.cit., S.58/59 mit Hinweis auf 'Holdermann 1954'

[82]Jürgen Kuzcinsky, Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften, Berlin 1975, Band 2, S.203; für das Haber-Zitat: A. Butenandt, 50 Jahre Kaiser Wilhelm Gesellschaft und Max Planck Gesellschaft... 1911-1961, Berlin 1961, S.191

[83]Vgl. Michael Chayut, "From Berlin to Jerusalem: Ladislaus Farkas and the founding of physial chemistry in Israel", hsps, 24, 1994, 237

[84]Fritz Stern loc.cit., S.88.; dort sowohl "unerlöschlich" wie "wünsche"; Quellenangabe Archiv MPG;

[85]Eine inoffizielle Trauerfeier von Mitgliedern des Instituts war vorausgegangen, die Ansprache hatte Karl Friedrich Bonhoeffer gehalten.

[86]Vgl. Otto Hahn, Mein Leben, Münster (Bruckmann) 1968, S.53: "Nach der Feier kam über Planck noch einmal das strikte Verbot des Ministeriums, irgendetwas über die Feier zu publizieren oder gar die Vorträge zu veröffentlichen oder zu verschicken. (Ich fürchte, die Akten über die ganzen Vorgänge vor und nach der Haber-Feier sind mir beim Institutsbrand am 15.2.1944 mitverbrannt)".

[87]Vgl. Hans A. Bethe, The Road from Los Alamos, NY, (AIP) 1991, dort Bethes u. anderer Nekrolog von 1986: Ewalds Vater war Historiker in Berlin, seine Mutter eine bekannte Porträtistin, seine Lehrer waren Sommerfeld, Hilbert, Albert Pringsheim; er war von 1921-37 Professor in Stuttgart. Hans Bethe war sein Schwiegersohn.

[88]Hans A. Bethe, loc.cit.,S.237: "He continued in his position as professor until 1937, when he was pensioned after walking out of a faculty meeting in protest over a speaker's statement: "Objectivity is no longer a valid or acceptable concept in science". Soon thereafter he left Germany for Cambridge, where he had been offered a small research grant". Die Rede gegen wissenschaftliche Objektivität war in der Formierungsphase ein häufig wiederkehrendes NS-Ideologem (Vgl. Minister Rusts Jubiläumsrede in Heidelberg gegen 'Voraussetzungslosigkeit und Objektivität'...) Im Exil lehrte Ewald später in Belfast und schließlich am Brooklyn Polytechnical Colledge. Er blieb zeitlebens ein Spezialist für Kristallphysik.

[89]Martin Heidegger erklärte am 19.7. 1933:"Aus der Entschlossenheit der deutschen Studentenschaft, dem deutschen Schicksal in seiner äußersten Not standzuhalten, kommt ein Wille zum Wesen der Universität. Dieser Wille ist ein wahrer Wille, sofern die deutsche Studentenschaft durch das neue Studentenrecht sich selbst unter das Gesetz ihres Wesens stellt und damit dieses Wesen allererst umgrenzt. Sich selbst das Gesetz geben, ist höchste Freiheit. Die vielbesungene 'akademische Freiheit' wird aus der deutschen Universität verstoßen; denn diese Freiheit war unecht, weil nur verneinend..."

[90]Vgl. Klaus Erich Pollmann, "Die Natonalsozialistische Hochschulpolitik und ihre Wirkungen in Braunschweig", in: Walter Kertz Hg., Technische Universität Braunschweig. Vom Collegium Carolinum zur Technischen Universität 1745-1995, Hildesheim (Olms) 1995, S.443-465

[91]Zum Unterschied der beiden Schulen vgl. Wolfgang Prinz, "Ganzheits- und Gestaltpsychologie und Nationalsozialismus" in: Peter Lundgren Hg., Wissenschaft im Dritten Reich, Frankfurt, Suhrkamp 1985, S.55. Ein besonderer Fall war Karlfried (Graf) Dürckheim (1896-19 ), der den ganzen Weltkrieg unter dem Bataillonskommandeur Franz Epp mitgemacht hatte, als Kommandeur einer Wachtruppe in München nur knapp und dank eines ehemaligen Hausangestellten der Hinrichtung durch die Revolutionäre entging, dann bei Felix Krueger studierte, promovierte und sich habilitierte und 33 Hochschullehrer in Kiel war. Als 'Frontkämpfer' konnte der 'Nichtarier' zwar im Amrt bleiben, engagierte sich aber mit Epp für das 'Deutschtum im Ausland' und ging im Auftrag von Rust nach Südafrika, schrieb und redete für eine Blut und Boden - Pädagogie und sagte später, er sei zwar kein Nazi gewesen, aber auch kein Antinazi. Er war 33 in die SA eingetreten und nach seiner Rückkehr aus Südafrika arbeitete er für Ribbentropp in England und später in Japan, wo die Amerikaner in bis 1947 gefangenhielten. Wieder in Deutschland bauten Marie Hippius (geb.1909) und er in Todtmoos eine psychotherapeutisches Zentrum auf. (Vgl. Gerhahd Wehr, Karlfried Graf Dürckheim, Freiburg, Kösel 1988)

[92]Kurt Lewin (1890-1947) lehrte ab 1933 an den Universitäten Cornell, Iowa State und am Massachusetts Institute of Technology. Vgl. A.J. Marrow, Kurt Lewin - Leben und Werk, Stuttgart 1977

[93]Vgl. Rainer Paul, "Psychologie unter den Bedingungen der 'Kulturwende', das Psychologische Institut 1933-1945", in Göttingen unter dem NS, a.a.O.

[94]Vgl. Wolfgang Prinz, a.a.O., S.72

[95]Vgl. U.Geuter, "Der Nationalsozialismus und die Entwicklung der deutschen Psychologie" und M.G. Ash, "Die deutschsprachige Psychologie im Exil" beide in Bericht über den 33. Kongress der DGP in Mainz 1982, Göttingen 1983

[96]Andreas Kamlah, "Die Vertreibung der Philosophen durch den Nationalsozialismus", Bremer Philosophica 1996/5, S.4

[97]Paul R. Zilsel, "Über Edgar Zilsel", in F. Stadler Hg., Vertriebene Vernunft, Bd.2, Wien/München 1988, S.929

[98]Ein 'diplomatischeres' Gutachten lieferte die Erlanger Fakultät. Rudolf Bultmann erklärte in einer Stellungnahme im Dezember 1933 dazu öffentlich: "Es ist meine Überzeugung, daß der Arier-Paragraph aus den nichtarischen Kirchengliedern Kirchenglieder minderen Rechtes und minderer Würde macht, wie es unser Fakultätsgutachten gesagt hat. Alle Versicherungen, daß durch den Arier-Paragraphen das vollgültige Christsein der nichtarischen Christen nicht angetastet werde, daß der christliche Jude auch so mein christlicher Bruder sei, scheinen mir Selbsttäuschung zu sein". Ulrich Schneider, "Widerstand und Verfolgung an der Marburger Universtität 1933-1945" in Wolfgang Abendroth et.al, Universität und demokratische Bewegung, Marburg 1977

[99]Vgl. Meyer, Der Evang. Kirchenkampf I, S.92

[100]Felix Auerbach war zwar emeritiert - Georg Joos war sein Nachfolger geworden - , aber sehr rüstig und (fach-)schriftstellerisch tätig. Anna Auerbach, geborene Silbergleit, war eine engagierte Frauenrechtlerin. Auerbachs waren mit Max Bruch und Ida und Richard Dehmel befreundet gewesen. Sie hatten sich von Walther Gropius ihr Haus bauen lassen. Erwin Schrödinger hatte bei seinen Peripetien vor der Berliner Zeit auch in Jena gelehrt: "Meine Stellung wurde mir sehr dadurch erleichtert, daß das sehr sympathische Ehepaar Auerbach (Juden) uns mit derselben Freundschaft und Herzlichkeit entgegenkam wie mein Chef Max Wien und seine Gattin (Antisemiten, aber mehr nach Herkommen, nicht sehr schlimme)..." Mein Leben, meine Weltansicht, Wien (Zsolnay) 1985 S.34

[101]Vgl. Werner Stephan, Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918-1933, Göttingen (Vandenhoek und Ruprecht) 1973, S.31

[102]Hans Braun, "Die deutsche Universität in den Jahren 1933-1945", in: J. Meixner, G. Kegel, Festschrift für Leo Brandt. Opladen 1968. S.475; Braun war laut Kürschner 1940/41 Regierungsrat in Dahlem und seit 1935 a.o. Professor an der Berliner Universität. 1940 publizierte er (zusammen mit E. Riehm) "Die Krankheiten der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen und ihre Bekämpfung". Er schrieb a.a.O., S.474 auch: "Mir hat die Lektüre des ersten Bandes (von Hitlers 'Mein Kampf' K.S.) mit dem Untertitel "Eine Abrechnung" 1928 vollkommen genügt, um mich nicht vor mancher, sondern vor jeder Illusion zu bewahren und meinen Weg eindeutig festzulegen, ohne mich natürlich von taktischen Kompromissen völlig freisprechen zu können".

[103]Ernst Erich Noth, Erinnerungen eines Deutschen, Hamburg (Claassen) 1971, S.244

[104]Golo Mann, "Deutschland und Rußland im 20. Jahrhundert" in: Geschichte und Geschichten, Frankfurt (Fischer) 1961; zuerst: Neue Schweizer Rundschau 1950

[105]Adolf Hitler, "Warum mußte ein 8.November kommen?" in: Deutschlands Erneuerung IV, 1924, S.207

[106]Zur Realität dieses Potentials vgl. Timothy W. Mason, Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft. Dokumente und Materialien zur deutschen Arbeiterpolitik 1936-1939, Opladen 1975; das von mir wiedergegebene Zitat s. Seite 5

[107]Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler, Frankfurt (Fischer) 1958, S.101

[108]Von Otto Frisch wird berichtet, wie Niels Bohr ihn 1933 im Hamburger Labor ansprach:"Bohr went straight over to him when he entered the laboratory, took him by his waistcoat buttons and said, I hope you will come and work with us for a while, we need people who can carry out intellectual experiments..." Abraham Pais, a.a.O., S. 198

[109]Abraham Pais zitiert Pa Flugt fra Nazismen, Kopenhagen (Reitzels Forlag) 1986. Am 28.9. kam die Anordnung zur Deportation. Georg Ferdinand Duckwitz informierte dänische Organisatoren umgehend vom vorgesehenen Termin, dem 1.10. So wurden nur 474 Menschen aus Dänemark nach Theresienstadt deportiert, von denen mehr als 400 wiederkamen. Vgl. Abram Pais, Niels Bohrs Time, S.478.

[110]Fond Paul Rivet, Musée de l'homme, Trocadéro Paris

[111]William Lanouette, op. cit.; Stefan Wolff, "Das ungarische Phänomen" Wiss. Jb. Deutsches Museum 1992, S.228, schreibt von 830 Vermittlungen bis zum Pogrom von 1938.

[112]Im Auftrag des Jewish Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association; Leo Szilard, a.a.O., S.32; der Brief ist die Anwort auf die Anfrage eines 'Dr.D'. aus Bristol.

[113]Vgl. die Übersicht in Klaus Hentschel, "Introduction" in der ders. Hg., a.a. O., S.lxii

[114]Er gewann u.a. Franz Simon aus Breslau und die jüngeren Kurt Mendelssohn, Nikolaus Kürti, Heinrich Kuhn.

[115]Leo Szilard, a.a.O., S.30, H.G. Wells 'Open conspiracy' gab die Anregung

[116]Archiv der MPG, Sammlung Haber

[117]Michel Rival, Robert Oppenheimer, Paris (Flammarion) 1995, S.82

[118]Andrew Szanton, The recollections of Eugene P. Wigner, NY. (Plenum) 1992

[119]Für Schrödingers Anliegen konnte Albert Einstein sich wegen schlechter Beziehungen zu Flexner nicht verwenden?

[120]Von mir rückübersetzt. Englisches Zitat bei Walter Moore, Schrödinger, Life and Thought, Cambridge (Univ. Press) 1989 S.134

[121]S. Thomas Powers, Heisenberg's war. The secret history of the german bomb, französisch: Le Mystère Heisenberg. L'Allemagne nazie et la bombe atomique, Paris (Albin Michel) 1993

[122]Pierre Vidal Naquet hat erst kürzlich im Zusammenhang (Réflexions sur le génocide, Paris (Découverte) 1995, S.72/73 auf die 'Konjunktur' hingewiesen, die die Vorstellung von einer geschlossenen Welt hatte, die keine Fremden will; Vorstellung, die auf einer europäischen Konferenz (außer Deutschland) zum Flüchtlingsproblem im Juli 1938 in Evian rundum zum Ausdruck kam.

[123]Dies ist eine zeitgenössische Zahl:vgl. Simon Dubnov, Histoire moderne du peuple juif 1789-1938 Paris (Cerf) 1994, erstmals in russisch Berlin 1923-29 mit weiterem Kapitel Riga 1937-38; S. auch Werner Röder, "Emigration nach 1933" in: Martin Broszat und Horst Möller Hg., Das Dritte Reich, Herschaftsstruktur und Geschichte, München (Beck) 1983: auf 500 000 Auswanderer insgesamt wird die jüdische Emigration beziffert: etwa 330 000 aus dem Deutschen Reich, 150 000 aus Österreich und 25 000 aus den Sudetengebieten.

[124]David Cassidy, The life and Science of Werner Heisenberg, N.Y. (Freeman) 1992 berichtet, daß Heisenberg u.a. Guido Beck und Herta Sponer Stellen im Ausland (Madrid, Oslo?) vermittelte.

[125]Werner Heisenberg an Max Born zitiert nach Wolfang Pauli, Correspondence, Band II, loc. cit., S.167

[126]Vgl. Pierre Radvanyi, Vorwort zur französischen Ausgabe von Elisabeth Heisenbergs Buch über ihren Mann, Paris (Belin), 1990.

[127]Hans Kopfermann, "Zum 70. Geburtstag von James Franck", Phys. Bl. 1952

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

Bemerkungen/Kritik: ks@aleph99.org