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Genozidphase

Texte von Historikern zeugen von den Schwierigkeiten, die Vergangenheit so in Geschichte zu verwandeln, daß über jede Wortwahl ein kritisches Bewußtsein wacht, und der Leser nicht in die Sprache der vergangenen Akteure geführt wird.

"Das Jahr 1941 war das letzte Jahr, in dem die deutsche Führung im Rahmen der selbstgesetzten Grenzen frei entscheiden konnte. In diesem Jahr fielen die Entscheidungen, die den weiteren Verlauf des Krieges prägten - Entscheidungen die der nationalsozialistischen Politik eine neue Qualität gaben. Alle diese Entscheidungen - die Entscheidung die Verfügungsgewalt des Heeres im Operationsgebiet entscheidend einzuschränken, in diesem Bereich den Einsatzgruppen der SS ihr Mordhandwerk zu gestatten und damit die Position der SS bedeutend aufzuwerten; die Entscheidung, einen großen Teil der sowjetischen Gefangenen erschießen zu lassen; die Entscheidung, die Völker des östlichen Europa auf den Status von Kolonialvölkern herabzudrücken; die Strukturwandlung der Konzentrationslager von Straflagern in gigantische Produktions- und Vernichtungsstätten, und schließlich die Entscheidung, das europäische Judentum in seiner Gesamtheit auszurotten - all diese Entscheidungen standen im engsten Bezug zum ideologischen Ausrottungskrieg im Osten"[1].

Vielleicht entsprach dem Begriff 'europäisches Judentum' vor dem Genozid, etwa wie dem des `Deutschtums', eine bestimmte Vorstellung, in der jemand eine `Identität' finden konnte, vielleicht geht das - nicht ohne politische Konnotationen - sogar immer noch. Aber als die nationalsozialistische Propaganda sich den Begriff zu eigen machte, stand der Ausdruck für ein rassistisch durchkonstruiertes Unterscheidungskriterium, nach dem Menschen systematisch ihrer Identität beraubt, wie Sachen verwaltet, `ausgebürgert' und ermordet wurden. 'Europäisches Judentum', aber nach einer Identität aus der Sicht der Opfer richteten sich die Mörder nicht. Im historischen Text könnte der (Neben-)Satz eigentlich nur in Anführungszeichen stehen: "die Entscheidung, 'das europäische Judentum in seiner Gesamtheit auszurotten'".

"Der Schritt zur Massenvernichtung steht am Ende eines komplexen und durchaus offenen politischen Prozesses, in dessen Verlauf die inneren Antagonismen des Systems die möglichen Optionen zunehmend verstellten..."[2]

Das schrieb der Historiker Hans Mommsen und brachte damit - wie die `Goldhagen-Debatte' neuerdings wieder gezeigt hat - eine nicht unumstrittene Ansicht zum Ausdruck. Bis 1941 wollten, so Mommsen, alle Instanzen des Regimes die Emigration, das Exil ohne Rückkehr, forcieren. Gleichzeitig bildeten aber zuerst die Brüning'sche 'Reichsfluchtsteuer'[3] und später der wirtschaftliche Ausschluß und die Enteignung entscheidende Hemmnisse. Frühe Versuche, mit Pogromaktionen Druck auszuüben, scheiterten (außer in Österreich, besonders in Wien, wo Pogrome den Einmarsch am 12. März 1938 begleiteten) immerhin auch am Widerwillen der Mitmenschen. Sehr bald schon übte man daher den Druck über ad hoc 'gesetzliche' Maßnahmen und zu dem Zweck geschaffene Verwaltungszweige einschließlich zuständiger Terrororgane aus. Vor den 'Umsiedlungen' nach Osten gab es 1940 einen 'Madagascar-Plan', und als ersten Ansatz die Deportation von 6500 Bürgern aus Baden und der Saarpfalz nach Südfrankreich. Nach dem Überfall auf Rußland ist, im Interesse genauerer historischer Feststellung und Beschreibung, zwischen den auf den 'Kommissarbefehl' zurückgehenden 'Teilvernichtungen' jüdischer und anderer Osteuropäer - 2 Millionen Menschen wurden von 'Einsatzgruppen' in mehr oder weniger 'militärischem Rahmen' ermordet - , und der 'Endlösung der europäischen Judenfrage' zu unterscheiden,

"wenngleich letztere aus der ersteren hervorging. Für sie fehlt die Grundlage eines schriftlich erteilten Befehls. Zahlreiche innere Gründe sprechen dafür, daß dieser auch nicht in einer mündlichen Form durch Hitler erteilt worden ist.
Die ausschließlich metaphorische Sprache, mit der sich der Diktator mit dem 'Judenproblem' befaßte, desgleichen die durchgängig festzustellende Abneigung, Entschlüsse zu fassen, die in der Öffentlichkeit auf Widerstand stoßen könnten und gegebenenfalls zurückgenommen werden mußten, sprechen gegen eine verbindliche Entscheidungsfindung... Es scheint jedoch nicht ein hochgradig intellektueller Zynismus, sondern die Fähigkeit zur Wirklichkeitsverdrängung zu sein, die Hitlers Verhalten in dieser und anderer Beziehung erklärt... Der Diktator ließ jedoch Himmler und seine Schergen gewähren. Wie schon vor 1939 fühlte er sich von der Partei und dem SS-Apparat in Pflicht genommen, die das wortwörtlich nahmen, was für Hitler die 'große' historische Perspektive darstellte... Hitler, so wird man folgern müssen, war der ideologische und politische Urheber der 'Endlösung'. Aber deren Umsetzung aus einem utopisch erscheinenden Programm in eine tatsächlich eingeschlagene Strategie war ein Resultat einerseits selbst geschaffener Problemlagen und andererseits des Ehrgeizes von Heinrich Himmler und seinen SS-Satrapen, das Millenium noch zur Lebenszeit des Diktators in die Wirklichkeit umzusetzen..."[4]

Die zweckdienliche Verbindung von 'Wirklichkeitsverdrängung' und 'metaphorische Sprache' waren kein Privileg Hitlers, sie waren in der ganzen 'Volksgemeinschaft' der einfachen 'Volksgenossen', der 'Führer' und der 'Gefolgschaften', Bedingung und Folge offener wie heimlicher Taten. Mörder war dann niemand. Kein Bürokrat, kein Militär, kein SS-Mann. "Zugleich waren handfeste ökonomische Interessen immer wieder im Spiel", schrieb Mommsen, ein "System der öffentlich begünstigten Korruption" in den Enteignungen, in den imperialen Wirtschaftsplänen der SS sowie in der Ausbeutung der Arbeitskraft in den Lagern.

Im Juli 1941 gab Himmler den 'Generalplan Ost' in Auftrag. Daraufhin planten der ehemals Göttinger, dann Berliner Landwirtschaftler Konrad Meyer und seine Kollegen die 'Umsiedlung' von 30 Millionen Menschen und die Abteilung 'Juden' des SD sah sich durch die Eroberungen und die sich verzehnfachende Menschenmenge unter Druck gesetzt. Ob es - etwa im September 1941 - eine Direktive zum Genozid gegeben hat, ist ungewiß[5]. Ende Oktober 41 verfügte die Gestapo den absoluten Auswanderungsstop. Im Frühjahr 42 begann unter dem Deckmantel des fiktiven 'Arbeitseinsatzes' - einer `Hauptlinie' der Verschleierungspropaganda bis zum Ende - der Völkermord. Unvorhergesehene Faktoren veränderten manchmal die Planung: etwa, als der Krieg nicht mehr genügend russische Kriegsgefangene für die riesige Rüstungszentrale Auschwitz-Birkenau lieferte; oder als man auf der Suche nach Tötungsmethoden auf das 'humanere' Zyklon B stieß. Hans Mommsen hat betont, daß die Massenmorde eine eskalierende 'perfekte Improvisation' blieben, daß der Prozeß eine Eigendynamik hatte, so daß Himmlers Stopbefehl Ende 1944 von Eichmann umgangen werden konnte und Wirtschaftsinteressen für eine (wie auch immer partielle) Schonung von Arbeitskräften kaum noch wirkten. Nachdem im Winter 1941/42 vor Moskau der Vormarsch endete und auch in Nordafrika die 'Rückschläge' kamen, im Dezember 1941 japanische Flugzeuge Pearl Habour angegriffen hatten, und die deutsche Regierung den USA (aus unerfindlichen Gründen?[6] oder weil sie eine Verständigung von Japan mit Rußland auf jeden Fall vermeiden wollte?) den Krieg erklärte, wurden im `großdeutschen' Machtbereich immer mehr Kriegsgefangene, Fremdarbeiter, Deportierte in Landwirtschaft und Industrie ausgebeutet, während für die Fronten mobilisiert wurde, wer immer zu mobilisieren war.

Im Mai 1942 verfaßten polnische 'Bund-'Leute einen Bericht über Massenexekutionen und Morde. Sie schätzten 700 000 Tote. Im Juli erfuhr Edgar Salin in Basel, daß in den Lagern im Osten die Deportierten und die russischen Gefangenen mit Gas ermordet wurden. Autor der Mitteilung war Arthur Sommer von der deutschen militärischen Abwehr[7] und er gab der Hoffnung Ausdruck, daß, wenn die BBC jeden Tag eine Warnung an die Deutschen senden würde, die Gaskammern vielleicht noch zu stoppen seien. Salin informierte Chaim Pazner vom Palästina-Büro des Jewish Council in Genf, der aus Danzig stammte und bis 1939 Salins Schüler gewesen war. Pazner war auch durch Briefe seiner Brüder in Polen alarmiert. Sehr früh hatte der Industrielle und 'Wehrwirtschaftsführer' Eduard Schulte (geb. 1891) eine Nachricht über den Bau von Krematorien in die Schweiz gebracht. Er hat bestätigt, daß es zumindest ganz so aussah, als habe es einen Befehl zum Genozid gegeben[8]. Der 'Bund-Report' und die beiden anderen Mitteilungen erreichten London. In den USA gingen sie über den Obersten Richter Felix Frankfurter an Eleanor Roosevelt und den Präsidenten. Großes öffentliches Interesse erhielten sie nicht und beeinflußten auch nicht die Kriegsführung. Allerdings hatten schon im Oktober 1941 Roosevelt und Churchill Erklärungen abgegeben, in denen sich ein großes Gerichtsverfahren gegen Nazi-Verbrecher abzeichnete, und England erklärte deren Bestrafung zu einem Kriegsziel. Ähnliche Äußerungen machte am 6. Januar und 27. April 1942 die sowjetische Führung, und am 13. Januar 1942 unterzeichneten 13 Exilregierungen in London die 'Declaration of St.James Palace' zur Bestrafung der deutschen Verbrecher.

Vom 21. August 1942 datiert die öffentliche Mitteilung Roosevelts an die Axenmächte, daß die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt würden. Am 7. Oktober wurde die 'United Nations Commission for the Investigation of War Crimes' gebildet, und am 17. Dezember erklärte Außenminister Eden im Namen der Alliierten feierlich, daß sie sich verpflichteten, den Genozid in der jüdischen Welt Osteuropas gerichtlich zu verfolgen.

Spätestens mit der 'Moskauer Drei-Mächte-Erklärung über Grausamkeit' vom 30 Oktober 1943 hatten die Täter die Gewißheit, daß sie 'um ihr Leben kämpften'[9]. Umsomehr Grund hatten sie auch, möglichst viele an der 'Verantwortung' zu beteiligen.

* * *

Wahnhaftigkeit, Wirklichkeitsverlust und metaphorische Sprache waren zwar ein Strukturelement der Genozidphase des Regimes, aber kein unabdingliches. Nicht alle 'Führer' (und auch nicht alle anderen) litten gleichermaßen an Realitätsverlust als der Krieg nicht so weiter ging, wie man es sich im Sommer 1941, sei es im Traum, sei es als Alptraum, noch hatte vorstellen können, und erst recht als der Massenmord zum Genozidprogramm eskalierte. Karl-Heinz Ludwig schrieb über Fritz Todt, der seit 1940 'Minister für Bewaffnung und Munition' (RMBeMu) geworden war:

"Wir wissen heute, daß die Kriegspolitik Hitlers den Dr.-Ing Todt nachdenklich stimmte, daß die Vernichtungspolitik ihn seit 1941 empörte. Wir wissen auch, daß Todt als Minister für Bewaffnung und Munition zum Rechenstift griff und den Offizieren der Wehrmachtsteile die Unvereinbarkeit ihrer Rüstungsforderungen mit den begrenzten Industriekapazitäten ... vor Augen führte."

Ludwig urteilte:

"Die Auseinandersetzungen Todts mit Hitler bildeten 1941/42 den Höhepunkt eines besonderen politischen Interesses der technischen Intelligenz und zugleich deren Peripetie. In den folgenden Kriegsjahren verkümmerte das überstrapazierte 'technopolitische' Denken der Ingenieure wieder zu einem rein berufsständischen Professionalismus."[10] Ludwig berührt hier noch einmal die Frage der "NS-Propaganda einer neuartigen Form gesellschaftlicher Technikanwendung" (Autobahnen, Volksempfänger usw.) und die durch Rüstungsinvestitionen längst pervertierten Hoffnungen auf den Staat als Bollwerk gegen rein kapitalistische Technikverwertung. Solche Hoffnungen hatten 1940/41 erneut Konjunktur dank einer trügerischen Aussicht auf ein baldiges günstiges Kriegsende. In der letzten Phase des Regimes war für sie kein Platz.

Dietrich Eichholtz sah in Ludwigs Einschätzung Todts eine 'besonders kompakte Apologetik'. Es sei abwegig zu glauben, Todt habe Hitler bedrängt, den Krieg zu beenden. Walter Rohland (Vereinigte Stahlwerke, Todts enger Berater) habe diese Legende nach dem Krieg in die Welt gesetzt. Es sei jedoch durchaus anzunehmen, daß Rohland und Todt mit den kriegswirtschaftlichen Risiken nicht hinter dem Berg hielten.[11]

Ende 1941 kam das endgültige 'Aus' des Blitzkriegsdenkens. Brauchitsch wurde entlassen, Wilhelm Keitel (1882-1946), der als Chef des Wehrmachtsamtes im Kriegsministerium den Wechsel von Blomberg zu Hitler überdauert hatte, wurde Chef des OKW und der Diktator stellte sich selbst an die Spitze des Heeres. Der Selbstmord von Udet, Generaloberst, Leiter des technischen Amtes im Luftfahrtministerium und 'Fliegeridol' (s.o.), signalisierte das Eingeständnis erheblicher Rüstungsmängel. Tatsächlich hatte zum Beispiel die Flugzeugproduktion das anvisierte Ziel von 1000 pro Monat bei weitem nicht erreicht.

Der militärisch-industrielle Komplex `Göring' im Machtkartell mußte Kompetenzen abgeben: zum Teil an das Reichministerium für Bewaffnung und Munition (RMBeMu), zum Teil an die Wirtschaft. Die neue, in einem Erlaß vom 22. 12. 1941 verkündete Parole lautete nämlich 'Selbstverantwortung der Rüstungsindustrie'. In Zukunft gab es einen Rüstungsbeirat beim Minister mit entsprechenden Hauptausschüssen. Einen 'Vorstand' des 'Rüstungskonzerns Deutschland'.

Noch im Zug des Blitzkriegsdenkens war zunächst geplant, die Armee um 49 Divisionen (a 20 000 Mann) zu verringern, um die Rüstungsproduktion zu forcieren. Dieser Plan war im Dezember 1941 hinfällig. Aber schon unter dem 31. Oktober hatte Hitler dem Einsatz von 3 Millionen russischer Arbeitskräfte in Deutschland zugestimmt. In Anbetracht der qualitativen Struktur des Bedarfs, war das Ziel damit allein allerdings nicht zu erreichen. Auf Todts Vorschlag wurde am 28.1.42 verfügt, Reservisten der Jahrgänge 1908 und jünger u.k. zu stellen, als 'Schlüsselkräfte' der Rüstung. Dies Verfahren wurde fortgesetzt. Neben 708 000 Fachkräften und 202 000 'ungeschützten' der fraglichen Jahrgänge wurden 1942 zunächst insgesamt 647 000 'Schlüsselkräfte' gezählt, zum Jahresende wurde die Millionengrenze überschritten. Stalingrad machte dieser Planung ein Ende.[12]

R.J. Overy schrieb:

"the proportion of german skilled workers in arms factories declined steadily during the war. By 1944 the proportion of skilled german males in the Messerschmidt work force had fallen from 59% in 1941 to only 21%. Over 40% of the workers in the Daimler-Benz concern were foreigners or prisoners of war by 1945."[13]

Stalingrad machte auch deutlich, wie sehr das Risiko, im Krieg getötet zu werden, steigen konnte. Bis Ende 1941 starben in Rußland 173 000 deutsche Soldaten. Am Ende des Krieges standen 5 Millionen Front-Tote gegen zehn mal weniger tote Zivilisten. Kann es da wundernehmen, daß die u.k.-Gestellten entschieden motiviert waren, ihr Privileg zu erhalten?[14] Motivation und Anstrengung fanden in der Rüstungsbilanz ihren Niederschlag:

Die Kriegsproduktion wuchs von 100 relativen Einheiten im Jahr 1940 auf 285 im Jahr 1945, die Produktionsmittelerzeugung immerhin von 150 auf 210-240, während die Konsumproduktion von 110 auf 80-90 fiel.[15] Zur Finanzierung wird angegeben, daß die Spareinlagen von 20,1 Milliarden RM Ende 1939 auf 85 Milliarden RM Ende 1944 anstiegen, und die Reichsschuld sich am 21.4.1945 auf 387,9 Milliarden RM belief gegenüber 37,4 Milliarden RM am 1.9.1939. Verbündete und besetzte Länder hatten bei Kriegsende 119 Milliarden RM beigetragen - das entsprach 28% der Wehrmachtsausgaben. Das jährliche Volkseinkommen lag 1944 bei 135 Milliarden RM.[16] Am Ende des Kriegs wirkten 8 Millionen Fremde in der deutschen Wirtschaft und schon 1942 war jeder vierte Arbeiter ein Ausländer.[17]

Als Todt im Frühjahr 1942 bei einem Flugzeugabsturz starb, erhielten Konzentration und 'Selbstverantwortung' noch mehr Schub. Albert Speer wurde Reichsminister für Bewaffnung und Munition (RMBeMu). Bald darauf wurde das Ministerium erweitert, Speer wurde - per Dekret - 'Minister für Rüstung und Kriegsproduktion' RMRK. Albert Vögler, der Stahlboß (und Präsident der KWG), dessen Bruder Eugen als Chef der Frankfurter Hoch & Tief schon längst mit Hitlers Architekt zusammenarbeitete, beteiligte sich maßgeblich am Ausbau des Ministeriums. Am 14.2. 1942 erhielt Speer Vollmachten auch für die Luftwaffenproduktion. Göring unterzeichnete am 22. 4. einen Erlaß, demzufolge Speer, Milch und Görings Staatssekretär Paul Körner, der 'Schatten-Wirschaftsminister' der Durchbruchsphase, der regelmäßig die Sitzungen in Funks Ministerium leitete, gehalten waren, ihre Entscheidungen fortan gemeinsam zu treffen. Dominierte bisher Göring, so hatte jetzt Speer weitgehend die Hebel in der Hand. War die `Axe' Göring-Himmler die der Durchbruchsphase, so lag das Entscheidungszentrum der Genozidphase eher in einer Axe Speer-Himmler.

Parallel zur Rüstungswirtschaft beim RMRK wurden Organisation und Verwaltung von Arbeitskraft und Arbeitseinsatz ebenfalls zentralisiert. Mit einem Erlaß vom 21. März 1942 wurde Fritz Sauckel (Gauleiter Thüringen) zum 'Generalbevollmächtigten' ernannt.

Im März 1942 wurden auch die Kompetenzen des HWA eingeschränkt, die 'Eigenproduktion' von Waffen und Kriegsgerät mußte eingestellt werden. Im Geist der neuen Parole 'Selbstverantwortung' übernahmen Industrielle die zentrale Lenkung (und analog wurden Wissenschaftler mit Kompetenzen ausgestattet). Fritz Porsche war Vorsitzender der Panzerkommission, Erich Müller/ Krupp leitete die Waffenkommission, Albert Wolff die Munitionskommission und Karl Küpfmüller/Siemens-Halske war für die Nachrichtentechnik zuständig. 1944 wurde auch Peenemünde als 'Elektromechanische Werke Karlshagen' einem Industriemanager, nämlich Paul Storch/Siemens, unterstellt. Gleichzeitig kamen neue Rüstungsplaner ins Spiel: die SS hatte im Frühjahr 1942 eine Stärke von 4 Divisionen erreicht und erhielt das längst beanspruchte eigene Waffenamt.

Eine besondere Rolle hatte nach wie vor die Planung in Sachen Kohle, Treibstoff, Buna, welche in die Zuständigkeit des Generalbevollmächtigten für Chemische Produktion (GeBeChem), Carl Krauch, fiel. Arbeitete man dort nicht längst in 'Selbstverantwortung'? Die zentrale Planung gestand Krauch ein faktisch ungekürztes Bauvolumen von 650 Millionen Mark zu. In dieses Volumen fiel auch das Werk Auschwitz.

Schon am 18. Februar 1941 hatte Göring, auf Veranlassung von Krauch, Himmler mit einer Forderung nach 8-12000 Arbeitskräften für Bauarbeiten konfrontiert. Der gab entsprechende Anweisungen. Am 7.4. fand in Kattowice eine Sitzung zur Gründung des Werks statt. Unter dem 11. 8. meldete die IG-Farben einen Bedarf von voraussichtlich 10 000 Arbeitskräften, darunter 1000 Gefangene. Im Herbst 1942 stellte Sauckels Behörde 2000 'Ostarbeiter' und 2000 Kriegsgefangene in Aussicht.

Heinrich Himmler und Oswald Pohl, Obergruppenführer (Generaloberst), Wirtschafts- und Verwaltungschef der SS, gestalteten ihre `Hausmacht' mehr und mehr zum Wirtschaftsfaktor. Ihr `Kapital' waren Arbeitskraft und das Leben von Deportierten und Gefangenen, war die Sklavenarbeit. Ihr schwarzes 'Prestige-Kapital' war die Organisaton des Genozids. In einem 'protokollartigen' Schreiben aus der SS-Verwaltung hieß es im Herbst 1942:

"die für die Ostwanderung bestimmten arbeitsfähigen Juden werden also ihre Reise unterbrechen und Rüstungsarbeiten leisten müssen"[18]

So gingen Lockerung des 'totalen' ideologischen Durchgriffs und Freiräume der 'Selbstverantwortung' für Eliten einher mit der heimlichen Organisation des Genozids und dem Ausbau der Todeslager.

* * *

Vom 6.10. 41 datierte ein Brief des Luftfahrt- an den Erziehungsminister, daß er beabsichtige, die `Deutsche Akademie für Luftfahrtforschung' (DALFF, Gründungspräsident Adolf Baeumker (1891-1976)) beträchtlich zu vergrößern. Am 18 Februar 1942 war der Befehl heraus:

"Neu aufzunehmende Mitglieder": Barkhausen/Dresden, Richard Becker/Göttingen, Büchner/ Freiburg, Clusius/München, Joos/Jena, Lettau/Königsberg, Lindner/ Breslau, List/Dresden, Möller/ Hamburg, Schlichting/Braunschweig, Schwarz/Königsberg und aus den KWI: Butenandt/Biologie Berlin, Glocker/Metallforschung Stuttgart, Hahn/Chemie Berlin, Köster/Metallforschung, Regener/Stratosphärenforschung Friedrichshafen, und sonstige: Hansen/TH Berlin, Petersen/Darmstadt, Ramsauer/ Berlin, Ruden/Hannover

Die Hausmacht des RLM, bis dahin maßgeblich in der Rüstungsforschung und -entwicklung, reagierte mit den Neu-Berufungen auf die Kritik und die Konkurrenz des RMBeMu.

Kurz vorher, am 20 Januar 1942 hatte - Stichwort `Selbstverantwortung' - der DPG-Vorsitzende Carl Ramsauer eine grundsätzlich alarmierende Eingabe an den REM gemacht, zu der ihn Ludwig Prandtl seit Monaten drängte. Ramsauer war als AEG-Forschungschef vermutlich über die Reorganisation der Rüstungswirtschaft gut informiert und konnte durch die Aufsichtsrats- und Partnerschaftsverbindungen seiner Firma zu General Electric auch als Experte für das Rüstungspotential des neuen Hauptkriegsgegners gelten:

Die amerikanische Wissenschaft habe die deutsche überflügelt... Das bewährte Leistungsprinzip dürfe bei der Besetzung von Lehrstühlen nicht - wie im Fall Wilhelm Müller geschehen (der immerhin über zwei Jahre zurücklag) - mißachtet werden... Langer Rede kurzer Sinn: Ramsauer warnte vor "nicht zu verantwortender Schädigung der deutschen Wirtschaft und der deutschen Wehrtechnik". [19] Als Anlage zur Eingabe ging dem Minister das 5-Punkte Protokoll der Münchener Dozentenbund-Debatte zu. Diese Anlage und die Erwähnung der Müller-Affaire zielten vermutlich auf die Absetzung des Referenten Wilhelm Führer, der seit 1939 an die Stelle von Wilhelm Dames getreten war und als Dozentenführer Müllers Kandidatur lanciert hatte (s.o.). Ab 15. 9. 43 war Führer Obersturmführer der Waffen-SS und Ordonanzoffizier Himmlers[20].

Bedeuteten die Forderungen der Physiker unter der Parole `Selbstverantwortung' die `Ausnutzung des Krieges für die Wissenschaft' oder die `Selbstmobilisierung' der Wissenschaftler? Der Tenor von der Gefahr des angelsächsischen Vorsprungs breitete sich aus. Ein Ramsauer-Text "Über Leistung und Organisation der angelsächsischen Physik, mit Ausblicken auf die deutsche Physik" kursierte 1943 in der DLAFF und bei den 'Führern': Goebbels nahm Notiz. Wilhelm Süß, rühriger Vorsitzender der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, sprach vor der Rektorenkonferenz in Salzburg am 26.8. 1943 sogar vom 'Potentialgewinn' des feindlichen Auslands durch die 'wissenschaftlichen Emigranten'[21]. Der sich immer eindeutiger abzeichnende Kriegsverlauf konnte das u.k.-Motiv nur verstärken und immer mehr Forscher boten in `Selbstverantwortung' den Führern ihre und der Kollegen Ideen an.

Helmut Maier hat gezeigt, wie Erwin Marx, Elektrotechniker in Braunschweig, ein 'bekennender' Nationalsozialist, mit Erfolg seit 1933 dem Regime seine Ideen antragen konnte.[21a] Ende 1942 verfaßte er eine 'Denkschrift zur Förderung der Erzeugung und Neuentwicklung von Kriegsgerät'. Herbert Mehrtens hat die Anstrengungen (und den Streit) der Mathematiker Gustav Doetsch, Helmuth-Joachim Fischer, Wilhelm Süß, Alwin Walther und Udo Wegner auf allen Ebenen des Machtkartells, im RLM, beim Vierjahresplan, in REM und RFR beschrieben: Ergebnisse waren in manchen Fällen lebensrettende Gefangenarbeit für Mathematiker (KZ's Sachsenhausen und Krakow-Plassow), ein 'Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung, Mathematische Abteilung' in Himmlers 'Ahnenerbe', oder auch ein Institut für 'reine' Forschung, Wilhelm Süß's Gründung Oberwolfach von 1944.[22]

Unter dem Vorzeichen `Selbstverantwortung' entstand nach Albert Speers Vorstellungen zum 9.6.42 ein neuer Reichsforschungsrat (RFR). Den Vorsitz erhielt Göring, Leiter des Geschäftsführenden Beirats wurde Rudolf Mentzel, jetzt 'Brigadeführer' (Generalleutnant) der SS. Im Beirat saß u.a. Albert Vögler. Die Sparte Physik (und Mathematik) lenkte der PTR Präsident Abraham Esau, für 1943 waren 50 Millionen RM 'für besondere Kriegsaufgaben' vorgesehen.

Auch eine neue Schaltstelle zur Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft wurde 1942 geschaffen: die 'Fördergemeinschaft der Deutschen Industrie', die 1943 über einen Fond von 22 Millionen RM verfügte.

Im REM wurde Wilhelm Führer 'an die Front geschickt' und durch den Mathematiker Helmuth-Joachim Fischer ersetzt. Die Stunde der Münchener NSDDB-Führung und ihrer Ideologen hatte auch hier geschlagen.

Am 26. Februar 1942 hatten die Vertreter des Uranvereins im Haus des RFR ein Treffen mit einigen Führern, darunter auch mit Rust, der da noch Vorsitzender des RFR war[23]. Der alsbaldige Übergang ins Regime der `Selbstverantwortung' stellte sich für Werner Heisenberg später so dar:

"Das Uranunternehmen wurde aus dem Heereswaffenamt herausgenommen und dem Reichsforschungsrat unterstellt; mit seiner Leitung wurde der damalige Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Esau betraut. Am 6. Juni 1942 fand eine Sitzung im Harnack-Haus in Berlin statt, in der die bisherigen Ergebnisse des Uranvorhabens dem damaligen Reichsminister Speer und dem Rüstungsstab vorgetragen wurden... Nach dieser Sitzung, die für den ganzen weiteren Verlauf bestimmend war, wurde von Speer entschieden, daß das Vorhaben im bisherigen kleinen Stil weiter betrieben werden sollte. Damit konnte das einzig erreichbare Ziel nur noch sein, einen Energie-erzeugenden Uranbrenner zum Betrieb von Maschinen zu bauen..."[24]

Heisenberg übersah die Änderung der politischen Situation. So passiv und unbeteiligt, wie es ihm vorkam, waren die Wissenschaftler hinsichtlich der organisatorischen Vorgänge vermutlich nicht. Es wurde nicht mehr einfach 'von oben' entschieden; das 'Selbstverantwortungsprinzip' verpflichtete zu Vorschlägen und zur Planung, wenngleich über die Förderung dann 'zentral' befunden wurde. Bei der Zusammenkunft im Juni entschied der Minister nicht mehr und nicht weniger, als daß, aufgrund der Darstellung der Wissenschaftler und des Standes der Forschung, Investitionen in dem Ausmaß, wie zum Beispiel in Peenemünde und Auschwitz, vorläufig nicht in Frage kämen. Peenemünde hatte immerhin 'Prototypen' vorzuweisen und Auschwitz war im wesentlichen als Erweiterung (allerdings 'mit anderen Mitteln') bestehender Produktionen geplant. Ein 'Crash-Programm' zur Bombe wie in Amerika wurde - zum Glück - nicht vorgelegt. Vielleicht war man weniger 'mutig' oder zuversichtlich als in USA.

Bald begann die Phase, wo es manchem darauf ankommen konnte (wie 1918?), wenn nicht `im Feld', dann doch in der Wissenschaft 'ungeschlagen' dazustehen (oder als Vertreter eines anderen, besseren Deutschland?). Offenbar wähnten sich die Kernenergieforscher an der Spitze und für den ein oder anderen kam es erst zur 'deutschen Niederlage', als ihm klar wurde, wieweit die Kollegen ihnen immer voraus gewesen waren. Das geht aus den 'Farmhall-Gesprächen' (s.u.) hervor. Fast hatte es dann den Anschein, als schmollten die Kernforscher den 'Manhattan-'Kollegen, daß sie drei Jahre lang nicht hatten verlauten lassen, wie weit sie waren. Was wäre gewesen, wenn sie tatsächlich gewußt hätten, was die anderen fertigbrachten? Hätte das ihren wissenschaftlichen Eifer, der der 'Durchhalte-Mentalität' eher zuvorkam als nachstand, etwa gebremst? Gleiche Priorität wie das Uranprojekt hatte ab Juli 1942 auch das 'Zentralinstitut für Sonnenforschung' in der neugegründeten Reichsstelle für Hochfrequenzforschung (RHF) Berlin-Gatow mit systematischen Beobachtungen der Observatorien Göttingen, Wendelstein, Schauinsland, Zugspitze, Kanzelhöhe/Kärnten und Syrakus. `Kriegswichtige' Kurzwellen-Funkverbindungen waren nur möglich mit genauer Kenntnis und Vorhersage des ionosphärischen Bedingungen. Die genannten Observatorien widmeten sich daher täglichen genauen Messungen mit Hilfe entsprechender Sender und interpretierten die Daten für die Funker. Die RHF unterstand Hans Plendl/Telefunken und die Sonnenforschung leitete Karl-Otto Kiepenheuer. Kiepenheuer hatte das Projekt mit einem Dienstauftrag der 'Erprobungstelle der Luftwaffe' in Rechlin vom 23.5.1941 aufgenommen.[25] Ein ausschließliches Kriegsprojekt war es nicht. Es wurden schließlich Vorhaben als kriegswichtig gefördert, die dem Krieg höchstens dadurch dienten, daß sie Wissenschaftler `bei Laune' hielten. Etwa so wie man der Wirtschaft im Interesse der Kriegsmaschinerie auch vorausplanende Geschäftsinteressen konzedieren mußte. Der Propaganda-Spruch 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' wurde relativiert. Den Vogel schossen vermutlich Mathematiker ab: im September 1942 begann der RFR ein 'Literaturprogramm' zu fördern, eine Produktion von mathematischen Lehr- und Handbüchern, die Johannes Rasch/Siemens beim REM angeregt hatte und Wilhelm Süß schließlich bei RLM und RFR (DFG) hatte durchsetzen können.

* * *

Ab Januar 1943 hatte ein 'Dreierausschusses' den Bormann, Keitel und Lammers bildeten, die Oberaufsicht über eine ständige 'Siebung ' der u.k. gestellten. Gleichzeitig wurde die Dienstverpflichtung ausgedehnt auf Männer vom 16. bis zum 65., auf Frauen vom 17. bis zum 45. Lebenjahr. Vom 13.1. datierte Hitlers Geheimerlaß zur Vorbereitung des 'totalen Kriegs'. Am 18 Februar folgte die Inszenierung im Sportpalast: Goebbelsrede, begeisterte Ja-Sager vor Mikrofonen und laufender Kamera, Trommelwirbel im Hintergrund.

Gegen Ende 1942 begannen die Engländer mit einem 9cm-Radar zu arbeiten, das den deutschen 50cm-Wellen-Geräten sehr überlegen war. Die Folge waren hohe U-Boot-Verluste und intensivere Bomben-Nachtangriffe. Im Februar wurde - bei Rotterdam - ein englisches Flugzeug mit einem solchen Gerät abgeschossen und Leo Brandt (geb.1908), Prokurist, Entwicklungsleiter bei Telefunken und alsbald Leiter einer Arbeitsgemeinschaft einschlägiger Firmen, rekonstruierte mit den Spezialisten Funktion und Leistung des Geräts:

"man kann sich denken, daß diese Tatsachen, die eine katastrophale Niederlage bedeuteten, bei der deutschen Staatsführung eine völlige Verwirrung hervorriefen".

Brandt und seine Leute entwickelten mit Unterstützung des RFR und des RMRK eine fieberhafte Tätigkeit und:

"Gegen Ende des Krieges waren vielleicht sogar schon wieder gewisse Vorteile auf deutscher Seite vorhanden"[26]

Leo Brandt und seine Gruppe 'Rotterdam' (Fundort des englischen Geräts - und die Stadt, deren Zerstörung als eins der ersten Kriegsverbrechen der Deutschen gelten konnte), koordinierten eine rüstungsorientierte Funkmeßindustrie, die Anfang 1944 75 000 Menschen beschäftigte, davon die Hälfte in Berlin.[27]

Am 3.10.1942 war die A4-Rakete in Peenemünde zum erstenmal geflogen. Der RMRK stellte die Weichen für den Aufbau der industriellen Fertigung. Als in der Nacht vom 17/18 August 1943 Peenemünde bombardiert wurde, verlegte man die Montage unter Tage in den Gipsstock Kohnstein bei Niedersachswerfen/Nordhausen, den die I.G. Farben, beziehungsweise eine der von Hjalmar Schacht zur Rüstungsfinanzierung initiierten Kapitalgesellschaften, als Spreng-, Treib- und Giftstofflager nutzten. In wenigen Monaten entstand dort das 'Mittelwerk', berüchtigt wegen des Einsatzes von Gefangenen unter der Leitung von Hans Kammler, Brigadeführer SS. Berüchtigt wegen des zugehörigen Lagers 'Dora'. Berüchtigt wegen des Schattens, der immer von dort auf alle Raumflug-Euphorie fallen wird. Speer besichtigte das Werk und bekundete Kammler seine Anerkennung:

"... daß Sie es fertiggebracht haben, die unterirdischen Anlagen in Nie. aus dem Rohzustand in einer fast unmöglich kurzen Zeit von 2 Monaten in eine Fabrik zu verwandeln, die ihresgleichen in Europa kein annäherndes Beispiel hat und darüberhinaus selbst für amerikanische Verhältnisse unübertroffen dasteht"

Später erschien ihm der Besuch vor allem als eine Horrorerfahrung - überzeugend; denn die schlimmsten Erfahrungen macht man wohl mit Taten, die man selbst veranlaßt und ermutigt hat.

Die 'Selbstverantwortung' für den neuen Betrieb (Kapital 1 Mio RM) übernahmen Kurt Kettler/Borsig, Otto Foerschner, SS-Sturmbannführer Buchenwald, Wehrwirtschaftsführer Otto Bersch/ Wien, Georg Rickhey/DEMAG, und im Beirat u.a. Hans Kammler, Walther Dornberger/Peenemünde, Gerhard Degenkolb/Maschinenfabrik Duisburg, sowie Karl Maria Hettlage, der Generalreferent Speers für Wirtschaft und Finanzen.[28]

Einer der 1942 viel beachteten, von Carl Ramsauer vorgebrachten Vorschläge zur Rüstungsintensivierung betraf die u.k.- Stellung einer größeren Zahl von Wissenschaftlern und Nachwuchskräften. Im Januar 1943 legte Werner Osenberg, Direktor des Instituts für Werkzeugmaschinen der TH Hannover, dessen Institut an der Torpedoentwicklung arbeitete, einen Plan vor zur Freistellung von 645 Forschern und 1300 Hilfskräften. Eine weitere Denkschrift folgte im Februar (mir ist bisher nicht klar, wie Osenberg dazu kam und was im SD vorging). Unter dem 17.5.43 beauftragte Rudolf Mentzel den Bibliothekar Predik/TU Berlin mit der Aufstellung einer Liste, die dann bei einem Bombenangriff verloren ging[29]. Osenberg wurde im Juli 1943 Bevollmächtigter der Sparte Planung im RFR. Geschäftsführer Mentzel hatte abweichende Vorschläge. Die Kommission zur u.k.-Stellung war nicht leicht zu überzeugen, auch Speer nicht. Erst im Dezember verfügte das OKW, daß unter dem Stichwort 'Forschung' rund 5000 Wissenschaftler und Auszubildende der Wehrmacht entzogen werden konnten. Kriegstechnisch konnte sich die Verfügung kaum lohnen. Der Schluß liegt nahe, daß verbotene 'Friedensplanungen' im Spiel waren. In der Tat setzten sich diese mehr und mehr durch.

* * *

Im Sommer 1943 kam eine sich verschärfende Stabilitäts-, und 'Vertrauenskrise', mehrfach zum Ausdruck, etwa im Rücktritt der dänischen Regierung oder in der Tatsache, daß Heinrich Himmler das Amt des Innenministers übernahm. Aber auch darin, daß die Repressionsorgane 'Erfolge' verzeichnen konnten.

Im Sommer 1942 hatten Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell (1917-1943), Hans Scholl (1918-1943) und Sophie Scholl (1921-1943) in Flugblättern in der Münchener Universität zum Widerstand aufgerufen. Willi Graf hatte im Frühjahr das Morden der Einsatzgruppen in Rußland erlebt. Im Herbst wurden die 'Mediziner' Graf, Schmorell und Scholl zu einem dreimonatigen Einsatz an die russische Front kommandiert. Schmorell sprach fließend russisch. Ein weiteres Flugblatt wurde vorbereitet; der Musikwissenschaftler Kurt Huber (1893-1943), ein konservativer süddeutscher Föderalist, stieß als geistiger Mentor zu der Gruppe jugendbewegter, im humanistischen Denken aufgewachsener Studenten und gab ihr den fortan zum Ausdruck kommenden politischen Horizont. Studentenproteste beim Auftritt des Gauleiters im Deutschen Museum anläßlich der 470 Jahrfeier der Universität im Januar 43 und die Presseberichte von der Niederlage in Stalingrad gaben den Anstoß zum letzten Flugblatt der 'Weißen Rose', das in 2-3000 Exemplaren im Februar 1943 verteilt wurde. "Heraus aus den Parteigliederungen, in denen man uns weiter politisch mundtot halten will! Heraus aus den Hörsälen der SS-Unter- und Oberführer und Parteikriecher! Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit! Kein Drohmittel kann uns schrecken, auch nicht die Schließung unserer Hochschulen. Es ist der Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewußten Staatswesen..." Im Urteil der Richter hieß es: "Wenn solches Handeln anders als mit dem Tode bestraft würde, wäre der Anfang einer Entwicklungskette gebildet, deren Ende einst: 1918 war. Deshalb gab es für den Volksgerichtshof zum Schutz des kämpfenden Volkes und Reiches nur eine gerechte Strafe, die Todesstrafe. Der Volksgerichtshof weiß sich darin mit unseren Soldaten einig!" Kurt Huber hatte sein Schlußwort im Gerichtssaal mit einem Fichte-Zitat beendet: "Und handeln sollst du so, als hinge/ Von dir und deinem Tun allein/ Das Schicksal ab der deutschen Dinge,/ Und die Verantwortung wär dein".[30]

Die Flugblätter der 'Weißen Rose' waren darauf abgestellt, daß der Eindruck von Stalingrad stark und nachhaltig war, daß die Diktatur erheblich an Sympathie verlor. Sie appellierten an 'wahren Patriotismus'. Der antisemitische Terror, die Deportationen blieben unerwähnt.

1943 flog auch das Widerstandsnetz auf, das die Gestapo die `Rote Kapelle' genannt hatte, an dessen Spitze Ludwig Trepper stand und das in Berlin Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack[31], Adam Kuckhoff, Hans Coppi, John Sieg, Hansheinrich Kummerow und andere in bedeutenden und unbedeutenden Positionen miteinander und mit dem 'feindlichen Ausland', insbesondere mit der Sowjetunion, verband. Wer gefaßt wurde, wurde im Sommer 1943 hingerichtet.

* * *

In der letzten Phase des Regimes lag - von den militärischen Operationen abgesehen - der Schwerpunkt organisatorischer Entscheidungen weitgehend in der Axe Speer-Himmler. Die Kompetenzen des Rüstungsministeriums waren erheblich erweitert worden. Ludolf Herbst urteilte 1982:

"Daß das Speer-Ministerium sich seit Februar 1942 in der Kriegswirtschaft auf Kosten etablierter Institutionen eine Kompetenz nach der anderen sichern konnte, war vor allem auf die Notwendigkeiten des Krieges zurückzuführen."

Am 26.Juni 1943 übernahm das RMRK auch die Marinerüstung. Damit lenkte es außer der Luftwaffe die gesamte Rüstungsproduktion. Aber auch die Übernahme der zivilen Produktion, die bisher dem Wirtschaftsministerium zugeordnet war, bahnte sich an. Durch die Flächenbombardements der Städte trat der Wiederaufbaubedarf zunehmend in Konkurrenz zum militärischen. Im August 1943 gab es rund 9000 reine Rüstungsbetriebe, aber 95 000 weitere, die zu 60-80% für die Rüstung lieferten.

Herbst hat beschrieben, wie man im RMW das Bestreben des RMRK, weitere Zuständigkeiten an sich zu ziehen, schon 1942 erkannte und sich dagegen zu behaupten versuchte. Hans Kehrl, der Organisator der Zellstoffindustrie[32] wurde 'Speers Mann' im Wirtschaftsministerium; er imitierte dessen Methoden, sah dessen Einbeziehung der Industriellen in die Organisation und Verwaltung als vorbildlich an - er war ja selbst Industrieller. Dagegen verbündete sich der Staatssekretär Landfried mit Otto Ohlendorf (s.o.), dem Geschäftsführer der Reichgruppe Handel, der zugleich den SD-Inland leitete und die 'Meldungen' des SD herausgab, die zunehmend auf den Widerstand derer stießen, die der tatsächlichen Stimmung im Land kein Organ geben wollten, auch kein geheimes. Zu ihnen gehörten Joseph Goebbels und Martin Bormann, den der Diktator nach Heß' Flucht und Aufhebung der Dienststelle zum 'Leiter der Parteikanzlei' ernannt hatte, sowie Ohlendorfs Chef, Heinrich Himmler. Himmler unterstützte aber Ohlendorfs wirtschaftspolitische Vorstellungen und jener konstantierte bei seinem Gegenüber ein 'erstaunliches Interesse an der Wirtschaftspolitik'. Kein Wunder: die SS begann die Gefangenen und Zwangsarbeiter als 'lebendiges Kapital' anzusehen und zu verwerten. Auch galt es die Machtfülle Speers zu begrenzen. Nach Ohlendorfs Überzeugung sollten staatliche Hoheitsaufgaben nicht von Wirtschaftsführern wahrgenommen werden, wie es derzeit geschah und den Vorstellungen von Speer und Kehrl (und u.a. Krauch und Vögler) entsprach. Zunächst stieß eine stärkere Einbindung Ohlendorfs in das Funk-Ministerium noch auf Widerstände. Grünes Licht wurde erst mit einem Erlaß vom 2.9.1943 gegeben, durch den die Abteilung Kehrl und die ganzen, die zivile Produktion betreffenden, Zuständigkeiten an das Speer-Ministerium abgegeben wurden. Im RWM blieben u.a die Ressorts Handel, Banken, Versicherungen. Neu hinzu kam jetzt eine theoretische und konzeptuelle Gruppe unter Ohlendorf, die eine direkte Verbindung zur Einflußsphäre Himmlers herstellte, und die die Aufgabe hatte, die Rolle der Unternehmer in Krieg und Frieden in einer nationalsozialistischen Wirtschaftordnung zu erörtern. Während die Propaganda behauptete, der Nationalsozialismus realisiere eine ideale Synthese von staatlichem Ordnungsinteresse und privatem Unternehmerinteresse ("Gegen Liberalismus und Bolschewismus"), waren sich die Sachverständigen dessen überhaupt nicht sicher. Der neuerliche Kurswechsel zur 'Selbstverantwortung' konnte die Bedenken nur verstärken. Offensichtlich begünstigte die Kriegswirtschaft die Großindustrie auf Kosten mittelständischer Unternehmen. Hohe Staatsinvestitionen sabotierten auf Dauer die privatkapitalistischen Grundlagen. Führende Marktwirtschaftler im neutralen Ausland sagten dem nationalsozialistischen Regime auch aus diesem Grund den Untergang voraus und setzten obendrein das Propagandaziel der Vollbeschäftigung gleich mit dem Verlust wirtschaftlicher (und politischer) Freiheit[33]. Mittelständische Unternehmerinitiative lebe vom freien Arbeitsmarkt. Nationalsozialistische Arbeitsverwaltung liefe auf nichts anderes als den Bolschewismus hinaus. Es war Ohlendorfs Aufgabe, solcher Kritik entgegenzutreten und tragende Wirtschaftskonzepte zu entwerfen. Damit wurde die Direktive "im Krieg nichts für den Frieden" unterlaufen. Mochte die Abwehr der Kritik zur 'geistigen Kriegführung' (Joseph Goebbels) zählen, die Entwicklung dauerhafter Perspektiven wies über den Krieg hinaus.[34] Ausgesuchter Rassismus und die 'Auszeichnung' des Autors als Einsatzgruppenführer gaben seinen ökonomischen Ansichten vermutlich den Nachdruck, der ihnen Bestand verlieh.

Die Wirtschaft reagierte angesichts neuer 'Zweigleisigkeit' nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik umso entschiedener `zweigleisig': sie blieb in der Pflicht der Rüstungsproduktion, aber sie sorgte sich um ihre Zukunft und plante für kommende Tage. Man hatte Gründe, das Wirtschaftsministerium als Anlaufstelle für die `weiterführende', über den Krieg hinausgehende, offiziell verbotene Planung zu betrachten; der Apparat dieses Ministeriums würde wahrscheinlich 'überleben' und man konnte dort Partner finden, u.a. in Otto Ohlendorf, die für Nachkriegsplanung trotz der Verbote zugänglich waren. Ein 'Arbeitskreis für Außenwirtschaftsfragen' (AAW) trat Ende März 1944 zum ersten Mal zusammen (und zum letzten Mal im Februar 1945), machte sich die Welthandelslage nach dem Krieg zum Thema und gab Rohstoff-Ressourcen-Analysen in Auftrag. Teilnehmer waren u.a. der Süd-Ost-Handels-Experte Max Ilgner/I.G.-Farben, Anton Reithinger, die Bankiers Hermann Josef Abs und Karl Blessing.

Beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wilhelm Vershofens in Nürnberg arbeitete Ludwig Ehrhard (der 1924 bei Franz Oppenheimer promoviert hatte). 1942 hätte er der DAF beitreten müssen und weil er sich weigerte, trennte sich das Institut von ihm. Die Leitung der Reichsgruppe Industrie, Rudolf Stahl und andere, gaben Erhard den Auftrag, eine Denkschrift zu Wirtschaftsgrundsätzen und Wirtschaftsstruktur auszuarbeiten.

Auch der Stahl-Kreis trat mit dem RMW in Verbindung, im Oktober/November 1943 trafen sich Ohlendorf und Stahl mehrfach. Ehrhards Exposé ging an Ohlendorf.

Nach Ludolf Herbst versiegen die Quellen zu Plänen der Reichsgruppe Industrie mit dem 20. Juli 1944. Aber diejenigen zum AAW geben auch weiterhin Aufschluß. Trotz des erneuerten Verbots von Friedensplanungen gingen diese weiter. Herbst faßte zusammen:

"Verbindet man die staatliche und private Planungsebene miteinander, so sprechen alle Indizien für folgenden Ablauf: im Sommer 1943, als Deutschland im Osten die strategische Initiative verliert, Italien zusammenbricht, der Luftkrieg ersten Höhepunkten zustrebt und die USA und Großbritannien täglich beweisen, daß sie auf dem europäischen Kontinent Krieg führen können, wird klar, daß Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen kann. Man beginnt daher in den Vorständen der Großunternehmen sich mit den Nachkriegsproblemen zu befassen. Durch Vertraute wie Ludwig Ehrhard werden einzelne Aspekte der Nachkriegszeit vorgeklärt und sodann in kleinen Kreisen besprochen. Dabei wird deutlich, daß man ohne Kooperation mit den Behörden Nachkriegsvorsorge nur unzureichend treffen kann. So fühlt Rohland bei Speer vor, wendet sich Stahl an das RMW und an Ohlendorf. Die Reichsgruppe Industrie und andere Selbstverwaltungsorgane, deren führende Repräsentanten wie Zangen oder Stahl zugleich Konzernchefs sind, spielen die vermittelnde Rolle, die einerseits den totalen Krieg propagieren, aber andererseits meinen, der kommende Friede könne ohne sie nicht gestaltet werden. Die Kooperation gleitet allmählich, je aussichtsloser der Krieg wird, desto mehr, in eine stillschweigende Sabotage der sinnlosen Kriegsanstrengungen über. Versteckt seit November 1944 und offen seit Januar/Februar 1945 durchkreuzen nennenswerte Teile der Industrie in Zusammenarbeit mit Reichsministern wie Speer, Funk, Backe, Dorpmüller, Schwerin von Krossigk und mit der Mehrzahl der Gauleiter die Zerstörungswut Hitlers und der ihn umgebenden Führungsclique.[35] Die Motivation für ein solches Handeln der Industrie muß nicht weit hergeholt werden: in Zukunft, d.h. wenn der jetzige Staat zusammengebrochen sei, `gebe nur die Wirtschaft Gewähr dafür... daß Deutschland im Kreise der Völker noch eine Rolle spielen könne'.[36] Ohlendorf fand Unterstützung auch durch das Auswärtige Amt, das Argumentationshilfe für die diplomatischen Vertreter im neutralen Ausland suchte. Kopfzerbrechen bereiteten offenbar zwei 1944 erschienene Streitschriften gegen den Nationalsozialismus, Friedrich Hayeks The road to serfdom' und Wilhelm Röpkes, 'Civitas humana'. Ohlendorf war sich über die katastrophale Zerstörung von Grundlagen des Wirtschaftlebens, die die Rüstungs- und Kriegswirtschaft bedeutete, im klaren. Je aussichtsloser der Krieg wurde, desto dringender stellte sich die Frage nach über den Krieg hinaus gehenden Konzepten. Selbst Albert Speer mußte sich überzeugen lassen. Ludolf Herbst kommentierte: "auf dem Höhepunkt des totalen Krieges sah sich der allmächtige Rüstungsminister Hitlers gezwungen, seine angefochtene Stellung durch die Sicherung von Kompetenzen für die Nachkriegszeit zu sichern - deutlicher konnte die Zweigleisigkeit der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik nicht hervortreten". In der Propaganda, die alle Anstrengungen dem 'Existenzkampf des Deutschen Volkes' widmete (8 Millionen RM investierte der Propagandaminister Ende 1944 in den Durchhaltefilm 'Kolberg'), waren abenteuerliche Perspektiven an der Tagesordnung. Unter anderem die (auf eine Führerrede zurückgehende) Behauptung, der Krieg werde um Europas Rang in der Technik geführt, und allein schon um diesen Rang zu behaupten, sei eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft notwendig. Sie sei die 'Waffe im Daseinskampf':
"die Technik, so wurde daher im Völkischen Beobachter verlangt, müsse in das nationalsozialistische Lebensgefühl einbezogen werden und durch das ihr zugrunde liegende Schöpfertum der Rasse den Weg zum Aufbau einer neuen Kultur freimachen. Mit ihren Möglichkeiten öffne sie den Weg zu einem 'Sozialismus der Leistung'; denn Leistung führe zu einer 'Vermehrung der konsumfähigen Produkte und eröffne dem Leistungsstärksten auch den größten Konsum"[37]

Mit dem Beginn der Zweigleisigkeit, der offenkundigen Friedensplanung unter dem Deckmantel der Kriegsarbeit begann auch Hans Kopfermann 'große Pläne' zu entwickeln. War das ein Zufall?


[1]Christian Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945. Studien des Institut s für Zeitgeschichte, Stuttgart (DVA) 1978, S. 298

[2]Hans Mommsen, "Die Realisierung des Utopischen: die 'Endlösung der Judenfrage' im 'Dritten Reich'", Geschichte und Gesellschaft 3, 1983, S.400; zur bis dato erschienenen Literatur urteilte Mommsen: "Helmut Krausnicks zunächst als Sachverständigengutachten für den Frankfurter Auschwitz-Prozeß entstandener Beitrag "Judenverfolgung" (in Broszat et al., Anatomie des SS-Staates Bd.2, Freiburg 1965) enthält nach wie vor die beste Gesamtanalyse, was die westdeutschen Autoren betrifft".

[3]Besaß jemand mehr als 50 000 RM Vermögenswerte oder überstieg das Jahreseinkommen 20 000 RM, und wurde der Wohnsitz ins Ausland verlegt, so waren ein Viertel des Vermögens an den Staat abzuführen.

[4]Ebenda, S.399

[5]Philippe Burrin, (Hitler et les Juifs. Genèse d'un génocide, Paris (Seuil) 1989) hat im Hinblick auf die Auseinandersetzung unter Historikern um eine 'intentionalistische' oder 'funktionalistische' Auffassung des Völkermords die (lückenhafte) Dokumentation noch einmal gesichtet und kam zu dem Schluß, daß die Unsicherheit der Kriegslage im Moment der entscheidenden Offensive Mitte September 1941 Hitler zum Genocid bestimmte. Burrin mußte dazu einmal mehr des Diktators Gedanken erahnen: 'Rache' und eine Art Rückversicherung, angesichts der Gegner, die vielleicht nicht zu 'vernichten' sein würden, die zu morden, die man in der Gewalt hatte. Eine 'funktionalistische' Auffassung (Hans Mommsen, s.o.) wird demgegenüber Hitler auch nicht 'wegdenken' wollen.

[6]Vgl. Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, München (Kindler) S.149: "... wie hätte Roosevelt sein von Japan schwer herausgefordertes Land statt gegen Japan gegen Deutschland in Marsch setzen sollen - ein Deutschland, das ihm nichts getan hatte? Wie hätte er das dem amerikanischen Volk erklären sollen? Durch seine Kriegserklärung nahm Hitler ihm diese Arbeit ab".

[7]Vgl. Monty Noam Penkower, The Jews were Expendable. Free Diplomacy and the Holocaust, Urbana (University of Illinois Press) 1983

[8]Ebenda

[9]Vgl. Ingo Müller "Nürnberg und die deutschen Juristen" in: Rainer Eisfeld und Ingo Müller Hg., loc.cit., S.259

[10]Karl-Heinz Ludwig, a.a.O., S.515

[11]Vgl. Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945, Bd II (1941-1943), Berlin (Akademie) 1985, S.55

[12]Vgl. Dietrich Eichholtz, loc.cit

[13]R.J. Overy, War and Economy in the 3rd Reich, Oxford (Clarendon) 1994, S.367

[14]Vgl. Herbert Mehrtens, "Mathematik..." a.a.O., S.337: "Die Wanderungsbewegung von Mathematikern in Richtung Industrie und Forschungsinstitute wurde durch die steigende Nachfrage, aber mindestens ebensosehr durch die Bemühung intensiviert, einer Einberufung zu entgehen".

[15]Vgl. Karl Heinz Weißmann, Der Weg in den Abgrund. Deutschland unter Hitler 1933-1945, Berlin (Ullstein) 1995; ich verlasse mich hier auf die Richtigkeit der Zahlen dieser ebenso repräsentativen (Propyläen-Weltgeschichte) wie an Hand vieler Ausführungen politisch der 'Neuen Rechten' zuzuordnenden Arbeit.

[16]Wolfgang Paul, Der Heimatkrieg 1939-1945, Erlangen (Bechtle) 1980

[17]Vgl. Jochen August, Matthias Hamann, Ulrich Herbert, Christoph Schminck-Gustavus, Vittorio Vialli, Herrenmensch und Arbeitsvölker. Ausländische Arbeiter und Deutsche 1939-1945, Berlin (Rotbuch) 1986. In diesem Band auch Robert M.W. Kempner: 'die Entschädigung für Zwangsarbeiter ein Trauerspiel...' Zu diesem Thema vgl. Benjamin B. Ferencz, Lohn des Grauens, Frankfurt (Campus) 1987

[18]Oswald Pohl an Heinrich Himmler, Bundesarchiv, NS 19/14, zitiert nach Karl-Heinz Ludwig, op. cit., S. 480 ff.

[19]Nachzulesen in Phys. Blätter 3, 1947, S.43

[20]Freddy Litten, Astronomie in Bayern 1914-1945, Stuttgart, Steiner, 1992 S. 237

[21]Vgl.Herbert Mehrtens, "Mathematik im ...", a.a.O., S.338

[21a]Helmut Maier, Erwin Marx (1893-1980), Ingenieurwissenschaftler in Braunschweig, und die Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der elektrischen Energieübertragung auf weite Entfernungen zwischen 1918 und 1950, Stuttgart, GNT, 1993. Im Kontext relevant auch ders., "Von Norwegen bis Afrika: Gleichstromübertragung als NS-Sonderweg beim Stromtransport?" in Christoph Meinel, Peter Vosswinckel Hg., loc.cit., S.160

[22]Herbert Mehrtens, "Mathematik ..." a.a.O., S.340ff.

[23]Am 4. Juni trafen sich Wirtz, Thiessen, Vögler, Milch, Fromm und Witzell zu welchem Zweck?

[24]Werner Heisenberg, "Über die Arbeiten...", loc.cit., S.327

[25]Vgl. Gudrun Wolfschmidt, "Sonnenphysik im Zweiten Weltkrieg: Wissenschaft oder Kriegsforschung?" in Christoph Meinel, Peter Voswinkel Hg., loc.cit., S.150

[26]Friedich Seewald in Josef Meixner und Gerhard Kegel Hg., Festschrift zum 60. Geburtstag von Leo Brandt, Düsseldorf 1968; Leo Brandt war Staatssekretär NRW und Leiter des Landesamtes für Forschung beim Ministerpräsidenten. Friedrich Seewald gehörte ab 1942 zur vom 'Forschungsführer' Ludwig Prandtl im Rahmen der neuen Zentralisierung berufenen Vier-Männer-Komission und war nach 1945 sofort (bald auch zusammen mit Brandt) maßgeblich am Wiederaufbau der Luftfahrtforschung beteiligt.

[27]Helmut Schubert, "Industrielaboratorien für Wissenschaftstransfer", Centaurus 30, 1987, S.245; der Autor hat insbesondere Material des Siemensarchivs ausgewertet.

[28]Vgl. Rainer Eisfeld, loc.cit., S.211 ff.

[29]Eine zweite Liste blieb jedoch erhalten. Christie Macrakis, a.a.O., verweist auf: BA R26 III Vol 8;

[30]Zitiert nach Walter Hofer Hg., Der Nationalsozialismus, loc.cit., S.328-333

[31]Arvid Harnack war ein Vetter von Ernst Harnack, dem Sohn des KWG-Präsidenten, der wie sein Freund Erwin Planck zur geheimen Opposition gehörte.

[32]Neben Leuna-Benzin und Buna-Gummi stand Vistra-Zellstoff im Brennpunkt der NS-Autarkie-Propaganda (Vgl. Hans Dominik, Vistra, das weiße Gold Deutschlands, Leipzig (Koehler & Amelang) 1936). Auch ein I.G.-Farben-Produkt.

[33]Dieser Abschnitt stützt sich hauptsächlich auf Ludolf Herbst, Der totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft: die Kriegswirtschaft im Spannungsfeld von Politik, Ideologie ud Propaganda 1939-1945, Stuttgart, DVA, 1982. Herbst zitiert Wilhelm Röpke (1899-) "Vollbeschäftigung" NZZ 10.,11.,12. August 1943; Gustav Cassel (1866-1945), Das Problem der Vollbeschäftigung, 1943; Friedrich Hayek (1899-), The Road to Serfdom. London, Routledge,1944

[34]Vgl. Ludolf Herbst, Der totale Krieg..., a.a. O., u.a. S.303

[35]Ebendort

[36]Ludolf Herbst, a.a.O., S.403

[37]Ebenda, S.324. Herbst resümiert Otto Nonnenbruch, "Die Revolution der Technik", V.B. 14.10.1944 nach der Pressevorlage vom gleichen Datum BA R 7/2008

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