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Die Wiege der Nachkriegsphysik

Die Zeiss-Werke Jena waren ein Rüstungsbetrieb allerersten Ranges, waren als nationalsozialistischer Musterbetrieb mit der goldenen Fahne der DAF ausgezeichnet und wiesen 1943 einen Rekordumsatz von 236 Millionen Mark auf. Davon entfielen 82% auf den militärischen Sektor[1]. 1941 verunglückte einer der drei Geschäftsführer, August Kothaus, tödlich und ein weiteres Miglied im Vorstand, der Präsident des Reichspatentamtes Hans Harting (der noch mit Abbe zusammengearbeitet hatte) schied aus Altersgründen aus. Georg Joos in Göttingen hatte schon am 31. 12. 1940 an den Dekan Friedrich Karl Drescher-Kaden geschrieben, daß ihm die Firma Carl Zeiß die Stelle des Chefphysikers angeboten habe und er um einen einjährigen Urlaub ersuche. Drescher-Kaden hatte unter dem 10.1.41 das Gesuch weitergegeben und dazu geschrieben, daß er den Weggang von Joos sehr bedauere, "angesichts der großen kriegstechnischen Aufgaben".

Am 31. Juli 1940 hatte der Ortsgruppenleiter auf Anfrage der Gauleitung eine formalisierte 'Politische Beurteilung' über Joos abgegeben, aus der hervorging, daß Georg Joos, geboren 1894 in Urach vom 1.9. 1914 bis 7.12. 1918 beim Straßburger Fußartillerieregiment 10 den Krieg mitgemacht hatte, Hauptmann der Reserve war und die Auszeichnungen EK I und II besaß. Er war Mitglied geworden im Kyffhäuserbund und im Soldatenbund. Ebenso im Deutschen Offiziersbund seit 1922. Vom 1.4. 1933 bis zur Auflösung im Herbst 1933 war er Mitglied im 'Stahlhelm'. Frau Joos war seit 1.11. 36 Mitglied der NS-Frauenschaft und die vier Kinder im Alter von 17, 14, 13, 11 waren alle in BDM und HJ organisiert. Die Familie bezog den 'Völkischen Beobachter' und las das Göttinger Tageblatt. "Die politische Zuverlässigkeit wird unter Berücksichtigung der oben gemachten Angaben vom Zellenleiter zwar bejaht, aber die mir ausdrücklich vom Zellenleiter bestätigte Tatsache, daß der vg. ausgerechnet am 1.4. 33 dem Noch-Stahlhelm beitrat, ist bei einem Mann von dem Bildungsstand doch recht beachtlich!"[2] Joos war seit dem 17.6.34 auch Mitglied der Reichsschaft Hochschullehrer.

Georg Joos ging nach Jena und wurde Mitglied der Geschäftsleitung von Zeiss. Das I. Physikalische Institut leitete nach wie vor Robert Wichard Pohl. Den theoretischen Lehrstuhl hatte seit 1937 Richard Becker inne, den Hans Kopfermann aus gemeinsamen Jahren im Physikalischen Institut der Technischen Hochschule Berlin gut kannte.

Richard Becker (1887-1955) war in Hamburg geboren, hatte zunächst Zoologie bei Spemann studiert, Arnold Sommerfelds Physik ließ ihn jedoch das Fach wechseln. Nach der Promotion empfahl ihn Fritz Haber einer Sprengstoffirma, die eine Forschungsabteilung gründen wollte. Von dieser Firma wechselte er 1917, erst zu einer kleineren Glühlampenfabrik, dann zu Osram. Er konnte Max Planck mit einer Arbeit zu Stoßwellen und Detonationen beeindrucken und sich 1922 habilitieren. 1926 wurde er an die TH Berlin berufen. Becker war u.a. ein Spezialist für Magnetismus. In dieser Eigenschaft arbeitete er in der Kriegsforschung mit dem Waffenamt der Marine zusammen. Bei seiner Versetzung nach Göttingen hatte vermutlich die Mißgunst des einflußreichen `Wehrwissenschaftlers' und TH Kollegen Karl Becker vom HWA mitgespielt.

Die Göttinger Physik war - die Luftfahrtforschung um Ludwig Prandtl eingerechnet - in Zeiten der Kriegsforschung nicht unbedeutend. Mit Berlin, Hamburg, Leipzig war sie aber, besonders nach dem Weggang von Georg Joos, kaum zu vergleichen. Wohl niemand ahnte, welche Bedeutung Göttingen wenige Jahre später haben würde, daß es die `Wiege der Nachkriegsphysik' werden sollte, nicht zuletzt durch Hans Kopfermann. Am 10 April 1942 schrieb ihm Helmut Joachim Fischer aus dem REM:

"Ich beabsichtige, meinem Herrn Minister Ihre Berufung auf den freigewordenen Lehrstuhl für Experimentalphysik an der Universität Göttingen, Nachfolge Prof. Joos, in Vorschlag zu bringen. Falls Sie grundsätzlich damit einverstanden sind, ersuche ich Sie, sich am Donnerstag, den 23. April d. J. vormittags 10 Uhr zur Berufungsvereinbarung bei dem unterzeichneten Sachbearbeiter im REM Berlin W9, Unter den Linden 69, einzufinden".[3]

* * *

Eine Reihe von privaten Briefen, in denen gewiß vieles ungesagt bleiben mußte und blieb, geben dennoch genauere Einblicke in Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der letzten Phase des Regimes - und später noch einmal über mehrere Jahre hin. Sie werden im Folgenden ausführlich zitiert[4]. Was zur Sprache kam und was nicht, war vielleicht nicht nur eine Frage der `politischen' Umsicht und der persönlichen Horizonte, sondern auch eine der Briefkultur, in der nicht für alles, was gedacht und gesagt wurde, eine entsprechende Form bereit stand. Hertha Kopfermann, Michael und Renate wohnten seit einem Jahr in Chieming auf dem Land. Gerade war Lotte Gmelin, die Kieler Freundin, die familiär 'das Mummlein' genannt wurde, mit ihren vier Kindern Hans-Georg, Uta, Berni und Brigitte von Chieming nach Württemberg, in die Heimat ihres Mannes, übergesiedelt. Hertha hatte sie nach Traunstein an den Zug begleitet und konnte sich einer Stimmung des unglückich-sein-wollens nur mit Mühe erwehren[5]. Die Frauen hatten von der Aussicht auf 'Göttingen' gesprochen und Hertha hatte das aufkommende Glücksgefühl unterdrückt, solange sie noch keine Gewißheit hatte. Die hatte sie ein paar Tage später noch immer nicht, aber sie hatte begonnen, sich energisch um die praktischen Dinge, die Suche nach Wohnung und Hausgehilfin, zu kümmern[6]. Am 19 April 1942 schrieb sie an Charlotte Gmelin:

"Ich kann nicht sagen, daß ich mich unendlich freue; ich bin doch so, daß ich erst die Gewißheit haben muß. Aber ich denke doch, daß wir sie nun bald haben; ich schreibe es Ihnen gleich. Nach Aussagen von Frau Glatzel u. Bremer soll die Mädchenfrage übrigens ganz hoffnungslos in G. sein; die Wohnungsfrage weniger. Heute Nachmittag war ich bei Frau Dorn u. Irmi; ich mußte die Göttinger Briefe schreiben. Da ich außerdem noch an meine Mutter, an das Eden-Hotel, u. die Kurverwaltung in Bad Lauterberg (?) (auch zwecks Sommerwohnung) geschrieben habe, ist dies mein 6. Brief. Ich hoffe, Sie würdigen das!"

Scheinbar lag die Welt im tiefsten Frieden. Einen begrenzten Eindruck von den tatsächlichen Zeitläuften, nämlich von einem Kleinkrieg um Lebensmittel in der Zuteilungswirtschaft, gab ein kurzer Brief an die Freundin, 5 Tage später, am 24. April 1942[7].

Die Berufungsverhandlung in Berlin nahm den erwarteten Ausgang und am 30. April konnte Hertha Kopfermann aus Göttingen berichten:

"Liebes Mummlein, nach unendlichen Hin- und Herlaufen habe ich nun mit Hilfe der "allerhöchsten" Stellen eine Wohnung gefunden, die schon leer ist u. in die wir bald einziehen können. 6 Zimmer, Kleiner Wintergarten, kleiner Garten, weißes Badezimmer u. viel altmodischer Kram. Gewesene Pracht, aber sehr verwohnte. Unendliche Schiebetüren (Renate kriegt zu tun). 2 Zimmerchen auf dem Speiche für Helga; Küche im Keller, die ich aber in Gedanken an Sie nach oben legen lasse. Sehr gute Gegend. Ohne Mädchen zum Zusammenbrechen geeignet. Eigentlich wollte ich etwas anderes, aber es gibt nichts. Nun hab ich heute eine "Sitzung" mit den allerhöchsten Herrn zwecks Beschaffung der Handwerker etc. Eigentlich wollte ich längst wieder in Chieming sein; aber ich fürchte, ich muß noch hier bleiben u. dirigieren; evtl. schicke ich meine Mutter zu den Kindern. In Kiel ist das Institut abgebrannt; Sie können sich denken, wie traurig mein Mann ist. In der 7. Nacht. Ich bin nur froh, daß Sie nicht dort waren. Wie sind Ihre Pläne? Schreiben sie doch nach Chieming, damit schon ein Brief auf mich wartet. Göttingen ist schön, auch im Vergleich mit Chieming. Es läßt sich hier wohl leben; Ich wohne in der Krone; Becker hat mir - weil es nach einem Jahr wohl sein muß - ein Zimmer mit Bad besorgt; das(das) Bad in Göttingen. Sündhaft teuer, aber schön. Ich muß täglich 2x in die Wanne, damit es lohnt. Herzlichst Ihre H.K."

Das Kieler Institut war ausgebrannt, als Kopfermanns Übersiedlung nach Göttingen schon so gut wie sicher war. Apparaturen konnten gerettet werden, und der Umzug beschränkte sich nicht allein auf den privaten (s.u.). In Göttingen hatte Richard Becker nicht nur für Hertha das Logis besorgt, sondern sich vermutlich von Anfang an für die Berufung von Hans Kopfermann eingesetzt. Die mit Hilfe der `allerhöchsten Stellen' (Kreisleitung?) gefundene Wohnung lag im Hochparterre der Baurat-Gerberstraße 12, in einem äußerlich nicht besonders stilvollen, dreistöckigen, bürgerlichen Wohnhaus in einer aufgelockerten Wohngegend mit ähnlichen Gebäuden, unweit des Theaters, zwanzig Minuten zu Fuß von der Bunsenstraße, vom Institut.

Auf der Rückreise von der geglückten Wohnungssuche wurden schnell ein paar Zeilen an die Freundin zu Papier gebracht, in Göttingen war es 'hübsch' gewesen, die Menschen nett und herzlich, eine Stippvisite bei der jüngeren Schwägerin in Erlangen war leider sehr unbefriedigend' verlaufen. Aus dem Brief geht hervor, daß Lotte Gmelin in Göttingen keine Unbekannte war[8].

Am 6. Mai 1942 ging ein amtliches Einschreiben des REM an Hans Kopfermann nach Kiel:

"Im Verfolg der in meinem Auftrag mit Ihnen geführten Verhandlungen berufe ich Sie zum 1.5. 1942 in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Göttingen. Mit diesem Zeitpunkt ist ihr bisheriges Dienstverhältnis beendet. Ich verleihe Ihnen in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät dieser Universität die durch das Auscheiden des Professors Dr. Joos freigewordene Professur für Experimentalphysik." Das Besoldungsdienstalter vom 1.11.1937 blieb unverändert. Ab 1.5.wurde "unter Vorwegnahme sämtlicher Alterszulagen" ein Grundgehalt von jährlich 11600 RM gezahlt; hinzu kam eine Unterrichtsgeldgarantie von RM 2500 im Jahr. Hans Kopfermann arbeitete ab Sommersemester 1942 in ehemals vertrauter Umgebung.

In bewährter Aufgabenteilung gestalteten Hans und Hertha den Neuanfang. Unter dem 22. Mai schrieb Hertha an Charlotte Gmelin: "er strebt ins Institut, ich zu den Handwerkern". Die Wohnung wird renoviert, "bis auf zwei Blümchentapeten auch geschmackvoll". Der Möbelwagen ist unterwegs und Hans und Charlotte, die vorübergehend in ihr Kieler Haus zurückkehrte, hatten sich leider verfehlt[9].

Anfang Juli (9.7.42) machte Hertha eine größere Anstrengung, um der - noch immer oder schon wieder? - in Kiel weilenden Freundin einen Eindruck von ihrem neuen Leben zu vermitteln:

"Liebes Mummlein, nun ist die Zeit gekommen, wo Sie denken, daß Kopfermanns dank ihrer Schreibfaulheit in der Versenkung verschwunden sind, u. wahrscheinlich schimpfen Sie sogar ein bißchen. Aber ich glaube, es wird nicht so schlimm werden; ich fühle mich sogar oft zum Schreiben an Sie aufgelegt, aber leider wars bei dem wirklich turbulenten Haushalt bisher nicht leicht, eine ruhige Stunde u. ein ruhiges Plätzchen zu finden. Helga ist - Gott sei Dank - am 2. Juli abgefahren; niemand hat ihr ein Tränchen nachgeweint und nun haben wir Dank Herrn Hährls (?) eine neue "Perle" von der NSV besorgt, allerdings nur für 2 Monate. Ein volles Glück ist es zwar nicht; es ist ein recht geschicktes 15jähriges Mädchen, hat aber wohl keinen netten Charakter; sie war vorher bei dem hiesigen Astronomen, dessen Frau mir erzählte, die Zeit mit ihr sei die größte Leidenszeit ihres Lebens gewesen. Aber sie macht allerhand, kocht sogar u. serviert auf Wunsch pünktlich Kaffee mit selbstgebackener Torte, so daß wir über ihre sonstigen Fehler hinwegsehen würden, wenn wir nicht so mißtrauisch gemacht worden wären. Meine Mutter ist auf Besuch hier, kam am selben Tag, als Helga abreiste, hilfsbereit an, und so rollt also das äußerliche Leben ganz gut und ordentlich ab. Ich bin innerlich noch nicht ganz zu Hause hier, kann die richtige Natur, die Freiheit und Sie noch nicht entbehren u. finde, daß viel zu viel los ist. Eigentlich kaum etwas, das erzählenswert wäre; aber immerzu taucht jemand auf, entweder hilfsbereit mit Gemüsekörbchen oder zum Vergnügen, um spazieren zu gehen oder wegen musikalischer Veranstaltungen etc. Sehr nett sind alle Menschen u. die ganze Atmosphäre; aber ich sehe meinen Mann selten u. abends bin ich so elend müde. Und niemand fragt nach meinem armen Buckel u. meinen wackligen Beinen. Wenn Sie jetzt da wären, Mummlein! Im Keller hängen einige Püllchen, von Schorsch Bremer gesandt; wir brauchten keine vergeblichen Besuche im Marienbad zu unternehmen u. hätten den Trost nahe zur Hand. Aber Sie sollen ja nach Württemberg fahren; wie sehr ich an Sie denke! Ob Sie wohl rechtzeitig anfangen zu packen u. ob Sie das Haus in Kiel schon vermietet haben und - ob es hübsch u. erfreulich für Sie dort wird? Ob Sie uns wohl einmal von dort aus besuchen können? Wenn die Kinder in Sicherheit sind, geht es vielleicht einmal. Tun Sie auch alles dafür, um es zu ermöglichen?? Wir würden uns ganz schrecklich freuen, Mummlein; u. Sie kriegen ein schönes Bett mit rotem Lämpchen , u. viele Bücher (ich lese mal wieder ein richtiges Buch aus der Systemzeit: Barbara von Werfel; ganz schön, weil so anders als die jetzigen Bücher; aber wohl nicht gut) u. Sie müssen nur immerzu schöne Kuchen backen u. sonst nichts u. sollen es gut haben. Renate hat Sie nicht vergessen, sagt oft: Mummel kommt wieder! u. sie soll doch recht behalten. Sie ist sehr vergnügt u. noch etwas rundlicher geworden, ist ganz wie Berni: das Essen ist ihr Hauptvergnügen, besonders jetzt, da es etwas besser mit allem geworden ist. Wir sind nicht mehr so hungrig wie am Anfang; sei es, weil Helga fort ist, sei es, weil Frau Glatzel Gemüsequellen aufgetan hat. Auch mein Mann ist besser dran; er war ziemlich elend durch die Anstrengungen des Umzugs. Wir haben jetzt aufgehört mit Räumen u. gedenken uns an die noch vorhandenen Scheußlichkeiten zu gewöhnen. Aber im ganzen ist es hübsch geworden, u. gemütlich; andere Leute finden das auch. Der Hauptfehler an unserem Leben ist, daß die gnädige Frau um 7 Uhr aufstehen muß, wenn nicht früher, und daß mit Sicherheit feststeht, daß dies kein gutes Ende nehmen kann. Das neue Mädchen, Karla genannt, schläft nämlich nicht bei uns, sondern erscheint wechselnd, mal um 8, mal um 1/2 11, wegen irgend welcher Schulen, u. so muß selbst gehandelt werden. Michael kommt nun übrigens in die Schule, am 24. August geht's los. Uta wohl auch. Der arme Junge! Er mag gar nicht; u. hier gibt's 50-60 Kinder in einer Klasse. Michael ist viel braver als in Chieming, wenn er nicht mein Herzensjunge wäre u. ich also subjektiv nicht voreingenommen, würde ich sagen, er ist richtig ideal augenblicklich; restlos glücklich in der neuen Umgebung mit dem Institut im Hintergrund u. der Straße, die er ja noch gar nicht kannte mit ihren Freuden u. Abenteuern. Er spielt immer u. macht keine Schwierigkeiten..[10]. Mummlein, ich muß jetzt kochen. Hoffentlich können Sie den Brief ohne zuviel Gestöhn lesen; aber ich muß erst Tinte kaufen, da Helga die große Flasche mitgenommen hat. Leben Sie wohl u. schreiben Sie bald! Grüßen Sie Ihren Mann herzlich und alle seine Kinder! herzlichst Ihre H.K

Hans fügte lakonisch hinzu:.

Meine Tinte geht. Da ich aber gleich zum Quartett mit Erdbeerbowle (alles Schorre Bremer, der zu diesem Zweck als zweite Geige geduldet ist) laufen muss, so langt sie nur zu einem herzlichen Gruß an Sie und die Kinder. Ihr Hans Kopfermann.

Ein Mosaik des Alltagslebens: die Kinder, das `Dienstmädchen', Schuhe und Käsemarken, die Anteilnahme am Familienleben der Institutsangehörigen, Besuche und Aufmerksamkeiten der Mutter, der Freunde und Bekannten. Die Ernährungslage war nicht allzu ernst (dank Frau Glatzels `Gemüse-Quellen') und als kleine Freuden erschienen der servierte Kaffee mit Kuchen, die `Püllchen' des alten Freundes und Weinhändlers Georg Bremer oder ein interessantes Buch `aus der Systemzeit', `so anders, aber wohl nicht gut' (ein Urteil oder eine Schutzbehauptung?). Hans lief eilig zum Quartettspiel - und zur Erdbeerbowle.

Wilhelm Walcher hatte sich in Kiel habilitiert. Die Lehrbefugnis und Lehrstuhlvertretung erhielt er - trotz Kriegsforschung und Uranverein - erst nach Intervention Kopfermanns beim Ministerium (mit Unterstützung der Kollegen Unsöld und Lochte? Als Walcher bald darauf Kiel verließ, übernahm Lochte die Lehrstuhlvertretung).

Im Herbst 1942 fuhren Hertha und Hans für eine Woche in Ferien nach Tirol. Bei Hertha war die Erholung leider schnell vorbei, in einem Brief Anfang Dezember (7.12.42) brachte sie recht trübe Aussichten zum Ausdruck und urteilte über sich selbst und darüber, daß sie krank geworden war: "wahrscheinlich hatte ich den ganzen Kram satt" [11]. Lotte Gmelin war ins Schwäbische zurückgekehrt und hatte eine Gelbsucht überstanden. Die kränkelnde Hertha zeigte bald darauf ähnliche Symptome. Im übrigen berichtete der Brief wie immer die Neuigkeiten aus der Göttinger Umgebung und endete mit Herthas Gedanken an die Freundin, an deren Mann und Kind, und Hans schloß sich mit fürsorglichen Ratschlägen zur Gesundung und mit Genesungswünschen an:

Bei meinem Mann hat das Semester angefangen; er ist ganz groß in Fahrt u. die übrigen auch. Walchers haben inzwischen eine Wohnung bekommen, die sie wohl bald nach Weihnachten beziehen können; Pauls haben leider noch nichts. Er verbringt seine Tage hier als hungriger Junggeselle; sie ist bei den Eltern in Hamburg, wo sie zu Weihnachten ihr Baby erwartet. Es tut uns entsetzlich leid, da die Situation für ihn auf die Dauer recht schwer ist; aber es ist eben nichts an Wohnungen da. Becker war 3 Wochen in Dänemark, fuhr auf einem Kriegsschiff u. machte Versuche, nahm 9 M zu und seine Schilderungen von einem Land, wo es noch alles gibt, kann man nur mit Neid anhören. Angeblich hat hier in Göttingen die Wintersaison begonnen; "man" geht ins Theater, es gibt gute Konzerte u. sogar Einladungen. Aber wir haben nichts gehört und gesehen, da wir ja abends die Kinder nicht gerne allein lassen. Wie geht es ihnen in Ihrer Einsamkeit? Ist Uta wieder gesund? Was machen Sie abends? Wird Ihr Mann Weihnachten auf Urlaub kommen? Und was hören Sie überhaupt von ihm? Haben Sie schönen Dank für Ihren Geburtstagsbrief u. das Buch, das ich sehr schön finde. Und daß Sie sich die Zigaretten abgespart haben! Ich war ganz gerührt. Liebe Frau Gmelin, nun ist es mit der Ruhe der Frau zu Ende. Damit der Brief wegkommt muss ich das Schlusswort schreiben. Das soll eine Mahnung an Sie sein: Schonen Sie Ihre Galle! Es soll oft böse Nachwirkungen der Gelbsucht geben, wenn man diesen Körperteil nicht ruhig und warm hält. Hoffentlich haben Sie sich einigermaßen erholt. Herzliche Grüsse Ihr Hans Kopfermann

Zum Beginn des Wintersemesters war Hans also `ganz groß in Fahrt'. Wolfgang Paul lebte als `Strohwitwer' in Göttingen und Walchers konnten an den Umzug von Kiel nach Göttingen denken. Für Richard Becker war die Kriegsforschung mit Annehmlichkeiten verbunden (er war mit der Demagnetisierung von Kriegsschiffen beschäftigt). Dänemark konnte als Schlaraffenland gelten.

Zu Weihnachten war Hertha so krank, daß Hans Kopfermann zum ersten Mal als ausführlicher Briefschreiber einsprang (23.12.1942):

"Liebe Frau Gmelin! / Nun ist es so spät geworden mit unserem Weihnachtsbrief, dass er mit aller Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr zurecht kommt. Und mit leeren Händen stehen wir auch da. Göttingen ist restlos ausverkauft. So können wir ihnen nur von Herzen frohe Weihnachten wünschen und hoffen, dass Sie wieder ganz gesund sind, eine weihnachtliche Schar von Kindern in Ihrem Häuschen um sich haben, die Ihnen die Einsamkeit lebendig machen und dass Ihr Mann trotz aller Don-Abwehrschlachten doch noch und rechtzeitig hat in Urlaub fahren können, was wir ihm ganz besonders gönnen würden. / Wir danken Ihnen sehr für Ihr liebes Päckchen, das uns sehr gefreut hat, wenn wir auch noch nicht wissen, was in den einzelnen Teilen drinnen ist. Bei uns ist es allmählich recht weihnachtlich geworden, trotz der schwierigen äußeren Umstände, die durch das Befinden meiner Frau bedingt sind. Sie hat nun wirklich auch die Gelbsucht, die sie allerdings erst so spät hat identifizieren lassen, dass der Arzt meinte, man müsse sie nun wohl weiterhin ambulant behandeln. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis wir wieder eine frische und fröhliche Mutti im Hause haben. / Die Weihnachtsvorbereitungen sind aber trotz allem eifrig weitergelaufen. Das Institut ist für Spielsachen ja Goldes wert. Für Renate wurde aus fingerdickem Sperrholz eine Wiege gebaut, in die sie beinah selbst hineinsteigen kann (ein Geschenk der Werkstatt). Nun muss meine Frau Matratzen, Kissen und Zudecken aus alten Beständen herstellen und Frau Kiepenheuer und ich haben die Bemalung übernommen, die allerdings aus Mangel an genügenden Mengen Farbe etwas dürftig ausgefallen ist. Für Michael habe ich zum Teil eigenhändig einen Supermatador-Baukasten angefertigt, natürlich auch unter starker Beanspruchung unserer Schreinerwerkstatt, der so schön geworden ist, dass ich wohl auch damit spielen werde. Da meine Schwiegermutter aus ihren alten Beständen an Spielsachen auch noch einiges herausgerückt hat, so wird es trotz aller Kaufnot doch für die Kinder ein ordentliches Weihnachtsfest werden. Am Sonntag habe ich in der schönen Johanniskirche das Bachsche Weihnachtsoratorium mitgebratscht, das mich wiederum sehr tief beeindruckt hat. Es ist doch traurig zu denken, dass man Sie nicht einfach zu so etwas mitnehmen kann. Das physikalische Göttingen läßt sich in diesem Semester sehr gut an. Viele Studenten - in allem etwa der Faktor 6 gegen Kiel - viele wissenschaftliche Diskussionen, vor allem mit Becker, der ungeheuer bohrend und dadurch anregend ist, aber auch mit den Assistenten, den Kielern und den Göttingern, die gleich begierig sind und aufgeschlossen, die Göttinger Atmosphäre in sich dringen zu lassen. Die Kieler Apparaturen stehen alle wieder und gehen auch zum Teil schon. Nur die Wohnungsfrage ist noch zum Teil ungelöst, vor allem die Paulsche. Das zweite Kind, ein Sohn Lorenz, ist inzwischen in Hamburg zur Welt gekommen. Jutta wird nach München zu Mutter Paul verfrachtet und er sitzt ziemlich trübselig hier im möblierten Zimmer. Denn die geringen Chancen einer einigermaßen komfortablen Wohnung haben die doch wesentlich massiveren Walchers für sich in Anspruch genommen. Sonst ist es recht still. Selbst Becker ist durch die Semesterbelastung nicht mehr so häufig da, und wir sprechen oft davon, wie sehr wir es vermissen, dass wir des Abends Ihren vertrauten Schritt im Gang nicht mehr hören. Man könnte ja viele Menschen hier haben. Es wird aber mit den Jahren immer schwerer, neue Anläufe zu machen. Sie wissen es ja. Grüssen Sie Ihren Mann recht schön und sagen Sie ihm, daß ich ihm für seinen letzten Brief schön danke. Ihnen allen ein schönes und frohes Fest und alles gute für ein schweres neues Jahr. Ihre Kopfermanns. / Ein Bild von Renate legen wir bei! Leider ist('s) ziemlich verkrampft. aber man hat ja heute kein Recht, ein schlechtes Bild zurückzuweisen. Die Gnade des Photographen ist groß, wenn man überhaupt eins bekommt.

Das physikalische Göttingen ließ sich gut an, aber das neue Jahr stand als ein schweres bevor. 'Stalingrad' - die 'Don-Abwehrschlacht' - stellte den Urlaub von Hermann Gmelin in Frage. Hans Kopfermann `bratschte' das Weihnachtoratorium mit - "daß mich wiederum tief beeindruckt hat" und die Göttinger Atmosphäre schien fast ungebrochen - wie vor 1933 oder gar wie damals, in den Anfangsjahren der Republik, der großen Zeit der Göttinger Physiker, der Zeit der ersten 'Händelfestspiele'?

Schrieb Hertha Kopfermann sehr lebendig und gleichzeitig 'von innen heraus', sich selbst betrachtend, mit ironischem Abstand, ihr 'Selbstmitleid' nicht verhehlend, so war Hans in seinem Brief - und in der späteren Korrespondenz - zurückhaltender, etwas steifer, darum nicht weniger herzlich - "es ist doch traurig zu denken, daß man Sie nicht einfach zu so etwas mitnehmen kann" -, sehr viel selbstsicherer und sich an die Beschreibung der Dinge und Vorfälle haltend, die unzweifelhaft im 'Institut' ihren Schwerpunkt hatten, selbst wenn es um die Weihnachtsbastelleien für die Kinder ging. Sehr zu denken gibt seine Äusserung "Man könnte ja viele Menschen hier haben. Es wird aber mit den Jahren immer schwerer, neue Anläufe zu machen. Sie wissen es ja.". Was war gemeint mit Menschen oder Freunde 'haben'? Hatte er den tatsächlich nicht viele Menschen? Wieso wußte er, daß Charlotte Gmelin die resignative 'Einsicht' mit ihm teilte? Lag in seiner Haltung 'zum Leben' nicht ein Rückzugsmoment des auf-sich-gestellt-seins - zugleich eine Quelle seines 'Tatendrangs' -, mit dem sich Hertha vorerst schwerlich hätte abfinden können?

Auf die Zeitumstände und die Ahnung oder Kenntnis von ihnen bei den Schreibern schließt der Leser noch am ehesten indirekt. In Herthas angegriffener Gesundheit und ihrem Hadern mit der alltäglichen Umgebung mögen die Schrecken der Zeit vielleicht eher zum Ausdruck kommen als die Briefe unmittelbar wiedergeben oder ohne Risiko hätten wiedergeben können. Die Korrespondenz zeichnete zweifellos ein unvollständiges, trügerisches Bild, und um sich keiner Täuschung hinzugeben, ist der Leser auf andere Quellen angewiesen. Ein Kollege von Hermann Gmelin, der Romanist Victor Klemperer in Dresden, der 1933 'abgebaut' worden war, schrieb Tag für Tag, heimlich und unter ständiger Bedrohung den Bericht der Zeitumstände, die in den Briefen gänzlich fehlen. Fast ein Jahr zuvor, im Januar 1942 hatte er notiert,

wie ein junger Mann, `gut geschnittenes Gesicht, kalte, graue Augen', in der Dresdener Straßenbahn leise zu ihm sagte: "Nächste Haltestelle aussteigen". Wie der `Hundefänger' ihn zum Gestapogebäude führte, `der latscht in der Verkehrszeit in der Elektrischen rum; ich will ihn flöhen' und verhörte..Was tun Sie? - Ich schreibe ein Buch -Das können Sie ja doch nie veröffentlichen. - Sie kommen morgen zur Arbeit. Goehle-Werk (Zeiss-Ikon). - Sind sie herzkrank?'. Ein `Duzer' übernahm: Nimm deinen Mist (Mappe und Hut) vom Tisch. Setz den Hut auf. Das ist doch bei euch so. Da wo du stehst, ist geheiligter Boden. - Ich bin Protestant. - Was bist du? Getäuft? Das ist doch bloß getarnt .. Wer wird nun den Krieg gewinnen? Wir oder ihr? - Wie meinen Sie das? - Nu, ihr betet doch täglich um unsere Niederlage - zu Jahwe, so heißt es ja wohl. Das ist doch der jüdische Krieg. Adolf Hitler hat's gesagt - (pathetisch schreiend:) Und was Adolf Hitler sagt, das ist auch so'. Weil er `so alt und klapprig' wirkte, kam Klemperer frei, nachdem er noch angeranzt wurde, weil er seine J-Marken nicht beim Kaufmann um die Ecke angemeldet hatte:
"Ich denke, man will einschüchtern und von der Straße vertreiben, vielleicht auch Judenfreunde unter den Kaufleuten aufspüren. - Einziger Trost: der Rückschlag in Rußland läßt sich nicht mehr bemänteln ... Wer aber kann abschätzen, wie weit die innere Spannung, die äußere Niederlage fortgeschritten sind. Sehr lange kann ich nicht mehr warten. Und das ist wohl die Grundstimmung aller Sternträger. "[12]
Im Februar hatte Klemperer dann 20 Tage Arbeitseinsatz hinter sich gebracht. In der Umgebung (er und seine Frau lebten beengt in einem größeren Haus, zusammen mit anderen in gleicher Lage ) mehrten sich die Selbstmorde und die Nachrichten über Bekannte, die ermordet wurden. Bei einer der Haussuchungen fiel den Beamten der `Mythos des 20sten Jahrhunderts' auf: "Das Buch wurde mir auf den Schädel gehauen, ich wurde geohrfeigt, man drückte mir einen lächerlichen Strohhut Kätchens auf: `Du siehst schön aus!' Als ich auf Befragen angab, bis 1935 im Amt gewesen zu sein, wurde ich von zwei mir schon bekannten Kerlen zwischen die Augen gespuckt." Den Hausgenosse Paul Kreidl, der zu den 400 jüdischen, ständig von Deportation bedrohten, Arbeitern bei Zeiss-Ikon gehört hatte, hatte die Gestapo ins KZ gebracht und er war im Mai angeblich `bei einem Fluchtversuch erschossen worden, um 14.55 Uhr, also am helligten Tag... `Einäscherung im Krematorium Weimar-Buchenwald', die Urne steht zur Verfügung. Schamloser kann man nicht lügen. Der Mann hat an die absolut unmögliche Flucht bestimmt mit keinem Hauch gedacht. 63 Jahre, geschwächt, Anstaltskleidung, ohne Geld... Und am hellen Tag.. Unverhüllter Mord. Einer von Abertausenden.'[13]

Klemperer zog am Sylvesterabend 1942, einem Donnerstag, ein Fazit des zurückliegenden Jahres und der Situation in Deutschland:

"Dies Jahr 42 war von den zehn NS-Jahren bisher das schlimmste: Wir haben immer neue Demütigung, Verfolgung, Mißhandlung, Schändung erlitten, Mord hat uns ständig umspritzt, und jeden Tag fühlten wir uns in Todesgefahr. Und dabei kann ich nur sagen: Bisher das schlimmste Jahr, denn es besteht alle Aussicht, daß der Terror noch weiter steigt, und das Ende des Krieges und dieses Regimes ist nicht abzusehen... Am 3. September zogen wir hierher, ins zweite Judenhaus"

Zu Anfang des Neuen Jahres daß allen, obwohl mit Unterschieden, die krasser nicht hätten sein können, als ein schweres bevorstand, war Hertha Kopfermann als Korrespondentin wieder auf dem Damm und schrieb unter dem 5. Januar 1943:

"Liebes Mummlein. Das Weihnachtsfest ist vorbei, die Schule fängt heute, das Institut morgen wieder an. Es waren schöne Tage, durch die Freude der Kinder u. mancherlei netten Besuch. Haben Sie vielen Dank für Ihre hübschen u. so liebevoll gepackten Geschenke. Wir haben uns alle gefreut. Ich wollte Ihnen oft schreiben, war aber infolge meiner "gelben" Stimmung zu wenig aufgelegt; nun ist's auch noch nicht besser. Ich habe mich zum Pechvogel entwickelt; zu allem Überfluß hab ich mir am letzten Tag des Jahres den linken Arm gebrochen. Wir fuhren mit den Kindern Schlitten, kamen im dunklen heim, u. zu sehr auf Renate achtend fiel ich selbst und unter scheußlichen Schmerzen ging, wie mein Renatchen sagte, Muttis Arm ganz "ab". Wir haben den Sylvesterabend in der Chirurgischen Klinik zugebracht, wo während Goebbels Weihnachtsrede der Arm geröntgt und gegipst wurde. Nun bin ich ein Bild des Jammers, brauche immerzu Hilfe und mein Mann tut mir leid. Wir trinken zum Trost jeden Abend eine Flasche Sekt, die Schorsch Bremer für diesen Zweck gestiftet hat; aber die Tage bis zur Besserung, u. vor allem die Nächte müssen doch halt durchgestanden werden. Alle Menschen sind sehr nett; besonders Becker zeigt sich von seiner aller reizendsten Seite. Und Henni muß sehr gelobt werden; der Haushalt läuft, wir bekommen alle zu essen u. Renate sieht es auch langsam ein, daß Muttis Gipsarm sie nicht waschen und füttern kann. Ein netter Doktor gibt Cebion-Spritzen, die gut tun, u. jeden Tag bekomme ich 1/2 Ltr. Vollmilch u. in der Woche 1/4 M Butter u. Nährmittel, mit Hilfe derer die Gelbsucht verschwinden soll. Waren Sie auch so elend? Oder jammern nur die "zarten Blumen" so? Meine Mutter äußerte diesen Verdacht in nicht mißzuverstehender Weise. / Wir haben viel an Sie gedacht u. wüßten so gern, wie Sie die Weihnachtszeit verbracht haben. Ob Ihr Mann wohl da war oder noch ist? Schreiben Sie bald einmal! Was machen die Kinder? Unsere sind vergnügt u. munter, aber sehr blaß und winterlich. Sicher kommen Ihre Spatzen dort mehr an die Luft als unsere hier in der Stadt. Wir haben Michael im Schwarzwald-Kinderheim angemeldet, wo aber erst am 10. April Platz ist. Er soll aber trotz des ungünstigen Termins hin. Seien Sie, Ihr Mann und die lieben Kinder herzlichst gegrüßt! Ihre Hertha Kopfermann.

Postwendend kam ein Eier- und Äpfelpaket. Die Äpfel wurden für die genesungbedürftige Mutter vor den Kindern versteckt. Sie ließ sich mit Kurzwellen behandeln und meinte, daß sie "voraussichtlich in einiger Zeit in ungeahnter Kraft und Schönheit dastehen werde" (15.1. 1943). Im selben Brief schrieb sie:

"Der viele Besuch vom Sommer hat nachgelassen; ich komme mir jetzt, wo ich eben kaum etwas tun kann, manchmal einsam vor u. darf nicht an die Zeiten denken, wo Sie in unserem Leben waren. Mein Mann hat sehr viel zu tun; u. ich bin traurig, daß ich nichts mehr von den Sachen verstehe und nun auch nicht einmal mehr für ihn auf der Maschine schreiben kann, was so dringend nötig wäre"

Hinter der `Einsamkeit' und der Sehnsucht nach der Freundin, die hier noch auf vorübergehende Umstände und einen gebrochenen Arm geschoben werden können, scheint sich ein Lebensanspruch zu verbergen, der wuchs und nur unter dem Druck der äußeren Inanspruchnahme noch eine Weile latent bleiben konnte. Oder galt das depressive Aufbegehren der Unverhältnismäßigkeit des eigenen Lebens in Bezug auf bewußte und schlimmer noch geahnte gesellschaftliche Zustände? Der nächste erhaltene Brief datiert vom 2. Juni 1943. Hertha hatte Michael für 6 Wochen in ein Kinderheim im Schwarzwald gebracht und Charlotte in ihrem schwäbischen Quartier in Müncklingen besucht, hatte aus Feuerbach Kirschen mitgebracht, und Hans hatte `alles ausführlichst wissen' wollen, `und wir kommen aus dem Erzählen gar nicht heraus'. Eine schlechte Nachricht hat Hans mitgebracht:

"daß im Laufe der nächsten 10-14 Tage alle Kinder aus Kiel heraus müssen - vielleicht trifft das auch Ihren neuen Mieter"

In Müncklingen war das Hölderlin-Jahr angekommen (am 7. Juni war der Dichter hundert Jahre tot) und der Impuls wurde an Hertha und Hans weitergegeben (21.6.1943):

"Ihrer Anregung folgend haben wir die hiesige Feier mitgemacht u. waren ganz verzweifelt, da wir fast kein Wort verstanden. Der Literaturhistoriker von hier, Pagel(?) hielt eine unendliche Rede, die uns ganz dunkel blieb, u. wir wären froh, jemanden zu haben, der uns Hölderlin etwas näher brächte. Wir fanden die umrahmende Musik schön; aber die können wir ja an anderer Stelle auch haben, wo wir nicht so zu leiden brauchen".

Sonst nur Kinderkrankheiten (Renate 10 Tage Grippe) und Aufatmen der Mutter: `man soll es kaum glauben, welche Unruhe durch den Widerstreit der beiden Kinder entstehen kann'. Vom siebenjährigen Sohn meldeten die Pädagogen, er sei ein `Einzelgänger'. Taufe bei Pauls mit Essen im Kaiser-Wilhelm-Park, Geburtstagsfeier mit Quartettmusik und Erdbeerbowle `im schönen alten Bremerschen Garten'.

"Die allgemeine Stimmung ist beklommen, wir warten, wann der Krieg wieder los gehen wird. Es scheint die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Was hören Sie von Ihrem Mann?"

Welcher Krieg hatte denn aufgehört? Bedrückte die Angst vor eventuellen Luftangriffen auf Göttingen? Victor Klemperer notierte bald darauf:

"Auch hier in Dresden herrscht Angst vor englischen Fliegerangriffen, Hamburg, dessen Flüchtlinge zahlreich hierherkommen - Frauen im Nachthemd, nur ein Mantel darüber - , wirkt auf alle verstörend. Ich sehe es an unserm Portier. Die Juden sagten: "Jetzt wissen es auch die Arier, wie uns zumute ist, wenn man uns so nackt heraustreibt!"[14]
Klemperer, inzwischen zu dauernder, immerhin erträglicher Fabrikarbeit `herangezogen', bemerkte im Betrieb: "Wo bleibt die instinktive Rassenfeindschaft? Nirgends unter den männlichen und weiblichen Bureau- und Fabrikleuten des Betriebes ist Antisemitismus zu spüren". Einzelstimmen wurden aufmerksam registiert. Ein Mann, der im Abenddunkel radelnd in väterlichem Ton sagte: `Es kommt auch schon mal wieder anders, nicht wahr, Kamerad?... Hoffentlich recht bald.' Der Vater einer `bürgerlich' spazierenden Familie', der dem Kind Erklärungen abgab: `Damit Du lernst, wie ein Jude aussieht'. Eine Horde vierzehnjähriger: `Der kriegt einen Genickschuß... ich drück ab ... Er wird an den Galgen gehängt - Börsenschieber ...[15]' Die Familien Hirschel und Kahlenberg wurden `evakuiert' und Klemperer schrieb:
"Gleich nach Pfingsten werden diese letzten, nicht in Mischehe lebenden Juden nach Theresienstadt abgeschoben. Theresienstadt gilt als Vergünstigung und ist es wohl auch Polen gegenüber, trotzdem auch diese Deportation völligen Vermögensverlust und Sklaverei bedeutet. Was es in Wahrheit mit Theresienstadt auf sich hat, ob dort gehungert und gestorben oder halbwegs menschlich gelebt wird, weiß niemand genau... Dier Reichsvereinigung der Juden in Deutschland ist aufgelöst worden... Lewin meint: man wolle dokumentieren, daß es in Deutschland keine Juden mehr gebe. Aber es gibt doch noch welche, und darunter noch eine Anzahl durch den Judenstern auffallende! In Dresden laufen jetzt unter 600 000 Einwohnern 60 Besternte herum. Was wird mit den Privilegierten, was wird vor allem mit uns Besternten? Immer wieder die beiden konträren Gerüchte: Wir werden vom Stern befreit - unsere Ehen werden gewaltsam getrennt. Wahrscheinlich entspricht das zwei miteinander ringenden Parteiströmungen"[16]

Das Leben in Göttingen ging derweil seinen Gang. Während ihr Mann, ebenso wie sein Kollege Richard Becker, in der Arbeit aufzugehen schien, fühlte Hertha Kopfermann sich nach dem ersten Jahr 'im Grunde einsam'. Unter dem 6. Juli berichtete sie nach Müncklingen:

"Hier in Göttingen ereignet sich sonst wenig, alle Leute sind mit Einmachen beschäftigt u. stehen stundenlang, um Erdbeeren oder sonstige Raritäten zu bekommen. Mich selbst hat's noch nicht gepackt; aber ich muß wohl auch bald meine Dosen füllen. Die abendlichen Unternehmungen ruhen ganz; gelegentlich fahren wir noch mit dem Rad ein bißchen ins Grüne. Frau Glatzel seh ich hin und wieder in der Stadt; sie hatte 2 Kinder krank u. hatte viel zu tun; Becker ist gerade in einer glücklichen Phase, da er einen jungen Studenten hat, 1. Semester, der ganz unerhört begabt ist u. ihm viel Hoffnung macht in Bezug auf spätere Arbeit. Aber er kommt wenig, und oft ist mirs, als ob wir doch im Grunde einsam sind trotz der vielen Menschen, die wir hier kennen. Meinem Mann geht es gut, gesundheitlich und sonst. Er arbeitet nur zu viel u. will keine Ferien machen.

Hertha hatte den Sohn in Freiburg abgeholt und noch einmal möchte man annehmen, die Welt befände sich in tiefstem Frieden:

"Wir freuten uns beide unendlich, das können Sie sich denken. Er kam in einem großen Postauto an u. war scheußlich seekrank; sein Haar war 6 Wochen lang nicht geschnitten, obwohl es schon nötig war, als er hinkam, und ich sah nur einen Urwald von Haaren und ein Paar strahlende Augen durch die Scheibe des Omnibus. Wir sind dann gleich anschließend von Wehr(?) aus nach Freiburg gefahren, wo wir gegen Abend ankamen u. noch auf den Münsterturm stiegen u. sind dann beide tief glücklich um 1/2 8 Uhr in ein herrliches Ehebett mit leuchtend gelben Steppdecken gestiegen, eine Tatsache, die in meinem Leben immerhin der Beachtung wert ist, da ich ja weder diese Sorte von Betten liebe noch imstande bin, vor 12 Uhr einzuschlafen.[17]

Nur einen Monat später, im August 1943, war Göttingen vom Eindruck der Hamburger Flüchtlinge beherrscht. Zum ersten Mal kam in den Briefen zum Ausdruck, wie 'trüb und schwer'. die Zeit war. "Aber wir müssen ja wohl durchhalten" - vermutlich bewegte man sich mit einem solchen Satz an der Grenze zum 'Defaitismus'. In Müncklingen kam Hermann Gmelin auf Urlaub. Kopfermanns schrieben (7. August):

"Ich wollte längst schreiben und Ihnen Dank sagen, aber die Zeit war so trüb u. schwer, und es gab auch viel zu tun. Wir stehen sehr unter dem Zeichen der Hamburger Angriffe und der ganzen schweren Situation überhaupt; es ist so schwer, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, daß alles einmal gut enden wird. Aber wir müssen ja wohl durchhalten. Wir selbst haben meine Mutter zu uns nach Göttingen übersiedeln lassen; in Hannover war ja auch ein schwerer Angriff u. vielleicht stehen weitere bevor. Es fällt meiner Mutter sehr schwer, hier zu sein; sie hängt so sehr an Hannover, und ihrer Wohnung und an ihrer Unabhängigkeit, daß ich befürchten muß, es wird nicht lange gut gehen. Aber sicherer ist es wohl zunächst, und ich hoffe, daß sie sich einlebt. In unser oberes Zimmer haben wir jemanden von Walchers einquartiert, die Hamburger Freunde bei sich haben und nicht genügend Platz haben. Überall sind Menschen aus Hamburg und den Städten, die fürchten, jetzt dranzukommen. Wir sind in G. hier Auffanggebiet für Hannover; aber es versuchen auch aus anderen Städten Menschen, hier unterzukommen. So soll z.B. ein Berliner Physiker mit Frau und vielen Kindern hierher kommen, und es besteht die Chance, daß er sogar 5 Zimmer einer großen Wohnung bekommt. Alle Häuser sind kontrolliert, und es muß überall Platz gemacht werden. Denken Sie daran, auch demnächst in eine Stadt zu ziehen? Mir scheint, als ob Sie vielleicht jetzt eher die Möglichkeit hätten, etwas zu finden, als bisher. Aber vielleicht bleibt es doch bei Münklingen? Ich darf es ja wohl nicht sagen; aber ich denke, daß Sie es doch noch gut haben neben all dem, was wir jetzt gehört und gesehen haben. Und unser friedliches Göttingen ist auch nicht mehr so friedlich; viel Alarm bei Tag, was so beunruhigend ist, wenn die Kinder nicht zu Hause sind. Oft packt uns die Wut; neulich sahen wir 2 Tage hintereinander Schwärme englischer Flieger über uns kreisen, und nichts kann dagegen geschehen. Hoffen wir, daß bald das große Wunder geschieht u. ein gutes Ende abzusehen ist... Mein Mann hat jetzt Ferien; aber wir merken nicht viel davon. Der Betrieb geht weiter. Eigentlich wollten wir ein paar Tage zusammen an die Weser fahren, haben aber infolge der allgemeinen Bedrückung keinen Mut, und ich kann jetzt hier auch kaum weg. Wenn Renate wieder gesund ist, wollen wir unsere kleinen Radfahrten wieder aufnehmen. Es ist mir gelungen, ein Fahrradkörbchen zu bekommen (gegen viele Zigaretten!), und die R. wird nun sicher sitzen. Wir grüßen Sie alle herzlichst! Schreiben Sie bald! Ihre Hertha Kopfermann Meine Frau hat eigentlich alles berichtet, was sich so bei uns ereignet hat. Im Vordergrund steht immer wieder der Angriff bzw. die Angriffe auf Hamburg und seine Folgen. Herr Schäfer ist neulich auf Suche nach Verwandten mit dem Rad dort gewesen und wenn er erzählt, wie er 5 Kilometer in das verwüstete Hamburg hineinfahren musste, bis er das erste heile Haus antraf, so ist das schon sehr bitter. Immerhin ist es tröstlich, daß von all den vielen Hamburger Bekannten und Bekannten unserer Bekannten bisher nicht ein einziger ums Leben kam, obwohl man z.T. 10 Tage nichts von ihnen hörte. Und noch eins hat uns sehr beeindruckt: Ein Assistent des phys. Instituts in Hamburg, geborener Göttinger, hat nach dem letzten Angriff auf Hamburg seine Braut an die Hand genommen, hat nach einigem Suchen ein noch heiles Standesamt gefunden, sich dort trauen lassen und ist anschliessend auf einem Lastauto, das er mit 40 Flüchtlingen hat teilen müssen, auf Hochzeitsreise gegangen. In Celle musste er dann auf den Zug nach Göttingen warten und hat so, wenn man es so ausdrücken darf, in dem übervollen Wartesaal auf einem noch relativ leeren Tisch mit seiner Frau die Hochzeitsnacht verbracht. 4 Tage hatte er Urlaub, dann sind sie beide wieder nach Hamburg gefahren. Da hilft aller Terror nichts! Ihnen, Ihrem Mann und den Kindern herzliche Grüße Ihr Hans Kopfermann"

Die Briefschreiber waren auf der Hut, die `politische Zuverlässigkeit' wurde beteuert, wenn Hertha von der Hoffnung auf das große Wunder sprach: das `gute Ende' war absehbar, nur wann würde es kommen? Hans ließ mit seiner Anekdote keinen Zweifel aufkommen, daß er gegen `Pessimismus' gefeit war. "Da hilft aller Terror nichts" kann als eine typische 'Rückversicherungs-'Wendung gelten. Aber unter der Maske der forcierten Unbekümmertheit blieben Sorgen und Niedergeschlagenheit den Freunden kaum verborgen. Aus Württemberg kamen Kirschen, Pfirsiche und Äpfel und der nächste Brief aus Göttingen datierte vom 25. September:

"Bei uns geht alles ziemlich friedlich seinen Weg; aber ich bin nicht so sehr fröhlich. Die allgemeine Lage drückt so sehr; und es ist unendlich einsam in Göttingen, wenn Sie es auch vielleicht nicht glauben. Ich möchte so gern einmal wieder mit Ihnen laufen, und wären es 12 km Landstraße, und ich denke mit Sehnsucht an unsere schönen Abende in Kiel und an manches in Chieming. Mein Mann hat trotz Ferien viel zu tun, Renate ist ein großer Quälgeist, und der Haushaltsbetrieb ist unendlich langweilig. Ich hab angefangen, wieder ein bißchen Klavier zu spielen; aber es ist unbefriedigend, wenn man nichts richtig kann. Meine Mutter ist praktisch für immer hier. Wir haben in einem der Nachbarhäuser ein Zimmer gemietet; und sie fühlt sich jetzt ganz wohl; aber wie es auf die Dauer gehen wird, weiß man nicht. Meine Schwägerin Else war 10 Tage auf Ferien hier; es hat ihr gut gefallen, aber für uns war es nicht ganz einfach; obwohl wesentlich netter, als wir gefürchtet hatten. Auch mein Bruder kam aus Italien, so daß wir also genug an "Familie" hatten, nächste Woche rückt Evamarie, die seit langem krank ist, aus Beverungen ein, um sich in der Universitätsklinik untersuchen und kurieren zu lassen. Die übrigen Bekannten sehen wir wenig; alle sind mit Bombenflüchtlingen aus der Verwandtschaft versehen, und niemand hat recht Zeit. Becker ist in Holland, Frau Glatzel gänzlichst verschwunden von der Bildfläche; Kiepenheuers ziehen nach Freiburg. Einen netten geselligen Abend hatten wir; kleine Abendveranstaltung bei dem Juristen Welzel, wo es sehr harmonisch und anregend war.

Am 9. Oktober schrieb Hertha den Brief, aus dem eingangs bereits zitiert wurde (s. Polyphonie...): Die Fliegeralarme häuften sich, nachts und auch bei Tag, Kassel wurde bombardiert. Die Familie suchte dann immer Schutz im Bunker von Mannkopffs, drei Häuser weiter unten in der Baurat Gerber Straße. Mannkopff war ein Kollege, der eine elektro-optische Werkstatt betrieb und eine geräumige klassizistische Villa bewohnte, alles in der Baurat Gerber Straße. In den Chefetagen wurde der Gedanke an 'Nachkriegsplanung' unabweisbar, und die Anzeichen der oben beschriebenen 'Zweigleisigkeit' müssen für Hans Kopfermann erkennbar gewesen sein: er hatte 'große Pläne' mit einer neuen Hochspannungsanlage, dem späteren Betatron. Hertha klagte über den eigenen Mangel an Leidenschaften wie Physik und Musik, die ihm - darin täuschte sie sich sicher nicht - über manches hinweghalfen. Nicht leicht zu erkennen, höchstens zu vermuten mag gewesen sein, daß die vermeintliche Friedensarbeit auch einem erneuten Rationalisierungschub der 'totalen' Kriegführung entsprach. Kopfermann schrieb fünf Tage später (12.10.1943):

"Liebe Frau Gmelin! / Als das kleine Geburtstagspäckchn an Sie abging, war ich gerade in Berlin, so dass ich keinen Geburtstagsgruss an Sie beilegen konnte. So kommt dieser Brief hinterher, aber hoffentlich nicht zu spät. Er soll Ihnen meine herzlichen Geburtstagsgrüße bringen und alles Gute für das nächste Lebensjahr. Man hat heute schon etwas Gutes nötig, bei den schwierigen Kriegsläuften. Feiern Sie im Kreise der Kinder einen fröhlichen Tag, wir sind mit unseren Gedanken bei Ihnen. / Manchmal denken wir, dass Sie es in Ihrem Münklingen doch recht gut haben. Hier "oben" ist es im Augenblick doch sehr unruhig, wesentlich ungünstiger als bei Ihnen, trotz der 11 Bomben auf Münklingen. Der letzte Angriff auf Hannover hat augenscheinlich ähnlich gewirkt wie die auf Hamburg. Wir fürchten sehr, dass von dem Stadtviertel, in dem meine Schwiegermutter wohnt, nichts mehr übrig ist. Sie selbst ist ja hier in Göttingen. Aber es wäre für sie und für uns, vor allem für meine Frau, schon eine sehr einschneidende Sache, wenn meine Schwiegermutter nun völlig an uns gekoppelt wäre. Bisher gibt es keine Verbindung mit Hannover u. keine Möglichkeit, sich selbst umzuschauen. / Auch der letzte Angriff auf Kassel muss sehr schlimm gewesen sein. Für uns Göttinger sehr viel unmittelbarer. Denn seit kurzem haben wir hier auf dem Flugplatz Nachtjäger, so dass es dann bei Alarm sehr lebhaft zugeht. Unten startende Jäger, darüber Engländer u. ganz oben nochmals deutsche Nachtjäger. Ich selbst bin zur Zeit zu viel unterwegs. Letzte Woche in Berlin, morgen wiederum für 3 Tage. Alles um unserer Kriegsaufgaben willen. Es läuft alles sehr schön und wir haben Pläne, die manche Pessimisten haarsträubend finden. Es ist aber so gut, dass wir sie haben. Sie helfen so zum leben. Wie bedaure ich heute alle Frauen, die ohne diese aufmunternde Beschäftigung existieren müssen. Sie haben es sehr viel schwerer als wir. / Unsern Kindern geht es gut. Renate entwickelt sich zu einer kleinen raffinierten Dirn, die es mit Charme schafft. Michael ist weiterhin "pressiert" (um mit Dori zu reden) u. vielseitig beschäftigt. Meine Frau ist sehr bedrängt durch den Krieg u. ihre persönlichen Sorgen. Im Grunde sehr einsam, trotz der vielen Göttinger Menschen, sehnt sie sich sehr nach Ihnen. In diesen schönen Herbsttagen bin ich in Gedanken viel bei Ihnen und in Ihrer Landschaft. Der Mensch ist nun einmal so, dass er eine persönliche Beziehung haben muss, um mit anderen verbunden zu sein. Für mich sind es immer wieder die herbstlichen Apfelbäume, an denen entlang ich mit Ihnen vor einem Jahr gegangen bin. / Hoffentlich haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Mann. Wie schön wäre es, wenn wir Sie wieder einmal bei uns haben könnten. Viele liebe Grüsse und nochmals alle guten Wünche, Ihr Hans Kopfermann.

Es lief `alles sehr schön' in diesem Herbst 1943, auch die 'Kriegsaufgaben'; nur nicht, dessen war sich Hans Kopfermann bewußt, für Hertha. Der Gedanke an die Freundin stellte sich mit der Erinnerung an herbstliche Apfelbäume ein, vor einem Jahr, bei jenem Spaziergang zu zweit, war die persönliche Verbundenheit aufgekommen, die allein über Hertha nicht hatte entstehen können: "Der Mensch ist nun einmal so"? Die Kinder wollten "nun nur noch "Mummleins Äpfelchen" essen, die so viel besser sind, als unsere sonstigen eingekellerten". Leere Körbe reisten nach Müncklingen, volle kamen wieder. Im November hatte Renate eine `leichten Anfall von Scharlach' und eine Lungenentzündung. Sie war zehn Tage lang `ein schwieriger Patient' als der Vater gerade in Erlangen weilte. Dann war die Reihe an ihm mit seiner `etatmäßigen herbstlichen Grippe, wie die Assistenten sagen'. Paul's hatten endlich eine Wohnung, dank einer alten Schulbekannten von Hertha, die die ihre räumte. Wolfgang Paul photographierte zu Weihnachten die Kinder, Hertha schickte `Bildchen' und schrieb:

"die Kinder sind bei uns sehr in Weihnachtsstimmung, singen den ganzen Tag; aber für uns Große sollte das Fest eigentlich in diesen Zeiten ausfallen. Ich war so froh, Sie neulich abends am Telephon zu hören und wirklich gut zu hören; es klang so schön nach, fast, als wären Sie erreichbar. Hier ist es unendlich einsam; mein Mann fast immer fort; meine Mutter schwierig und schweigsam und bedrückend. Ich sehe kaum einen Menschen; hab auch viel zu laufen u. zu tun. Nur Renate ist immer fröhlich; sie hat wirklich ein rührendes Gemüt, ist zärtlich und von überschüssigem Temperament..."

Der Gegensatz wog schwer: Hans war mit der organisatorischen und wissenschaftlichen Arbeit ausgefüllt; Hertha litt unter seiner Abwesenheit, unter der bedrückenden Stimmung der Mutter und offenbar nicht zuletzt unter den 'Zeitumständen'.

In Dresden hatte die steigende Todesangst der 'Volksgenossen' für den Ausgeschlossenen, dem das Gefühl ständiger Bedrohung längst Gewohnheit geworden war, etwas Versöhnliches. Das Jahresende forderte in alter Gewohnheit zur Rückschau auf. Victor Klemperer notierte:

"In Dresden herrscht überall namenlose Angst. Es gibt sicher heute keinen Menschen hier, der sich nicht mit einem Fuß im Grabe fühlt. Dabei wird Dresdens Verschontbleiben immer rätselhafter... In Katz' Sprechzimmer hängt eine Photographie: Stabsarzt-Uniform und EK I. Die meisten Menschen zehren von einem Erlebnis, einer Phase ihres Lebens (so Hans Meyerhof von der Räterepublik, Stern von seinen zwei oder drei Jugendjahren in Südafrika, Katz Willy, feu Katz Richard vom Weltkrieg). Mein Leben ist unendlich viel reicher. Aber es geht ja nun wohl zur Neige."

Im Januar 1944 wurde Hans Kopfermann noch immer von seiner `Herbstgrippe' geplagt, fuhr nach Erlangen, wo er (von Schwester Else) nach allen Regeln ärztlicher Kunst behandelt wurde. `Er war sehr elend, hatte oft Fieber, und manchmal nicht einmal Lust zur Physik, was ein trauriges Zeichen ist.' Aber es schien langsam besser zu werden und da er `nächste Woche' (Brief vom 18. Januar) nach Straßburg fahren wollte, wurde überlegt, ob er nicht in Müncklingen `Guten Tag' sagen könnte. Michael hatte seit Weihnachten eine Blockflöte, `ein Erwerb `Tausch durch die Zeitung'' und `es scheint, daß er musikalisch ist, was meinen Mann besonders freut'. Hertha fühlte sich `unendlich reiselustig' und zugleich angebunden. Sie hatte nach Ahrenshoop/Ostsee geschrieben, `wo wir früher häufig waren; vielleicht finden wir dort Platz'. Aus diesen Reiseplänen wurde nichts, dafür gab es andere, allerdings nur für ihren Mann. Sie schrieb am 9. März 1944:

"Mein Mann ist seit dem 29 Febr. in Berchtesgaden. zusammen mit Paul. Eigentlich wollten sie hoch in die Berge, bekamen aber eine Absage und sitzen nun ohne Ski (die dürfen nicht mehr befördert werden) in einem behaglichen Haus in B., sind mehr oder weniger eingeschneit, erholen sich aber anscheinend. Unser Haus ist sehr leer ohne ihn, und ich bin froh, wenn er erst wieder zurück ist (16.3.). Wir haben immerfort Alarm, 2-3mal am Tag und oft auch in der Nacht, wo es mich immer aufregt. Ich bin entsetzlich müde und abgerackert ... Wie ich es auf die Dauer allein schaffen soll, ist mir rätselhaft; selbst beim besten Willen fiele es mir unendlich schwer. Außer dem armen Buckel tun mir auch die Knie weh; und ich nehme wieder Pulver, um schlafen zu können ... Meiner Mutter geht es nicht besonders gut, sie leidet sehr an ihren alten Herzgeschichten und ist nicht gern in Göttingen. Und für mich ist es eine schwere seelische Belastung und gleichzeitig die Aufgabe, die Bindungen an sie und die vielen alten Komplexe los zu werden."

Hertha's ausführliche Schilderungen ihrer persönlichen Nöte und Betrübnisse mögen die Freundin gestört haben. Sie waren sicherlich ein Zeichen des Vertrauens, ließen aber den Ausdruck der Zuneigung für Lotte Gmelin vermissen. Hertha bemühte sich, den Vorwurf zu entkräften und versicherte vielleicht etwas überraschend: `Ich bin leider außer Stande, mein Herz schriftlich zu äußern'.

Ein vom Winterurlaub erholter Hans Kopfermann schrieb gleich zwei Briefe in einmonatigem Abstand (31.3.und 1.5.1944):

"Liebe Frau Gmelin! / Heute Nachmittag kam Ihr Apfelpaket wohlbehalten hier an. Wir waren gerührt über Ihre Fürsorge und danken Ihnen herzlich. Unsere Kinder haben schon seit geraumer Zeit nichts obstähnliches mehr und sie werden sich schrecklich freuen, zumal wenn sie hören, dass sie von Mummlein kommen. Das gibt mir den Anstoß, endlich den Brief an Sie zu schreiben, den Sie schon längere Zeit bekommen sollten und den Sie vielleicht auch schon erwartet haben. Ich bin schon 14 Tage aus Berchtesgaden zurück, wo ich mit Herrn Paul 14 schöne Tage in tiefem Schnee sehr genossen habe. Wir hatten es mit dem Quartier gut getroffen, eine erstaunliche Verpflegung, ein behagliches Unterkommen, eine unwahrscheinlich freundliche Bedienung, nur leider fast keine Sonne, aber immerhin 1 1/2 m Schnee. Wir haben viele Spaziergänge gemacht, bis hoch hinauf, da in Berchtesgaden alle Wege und selbst relativ einsame Pfade schneefrei gehalten werden. Mit Skilaufen war es allerdings nichts, da man Skier nicht mitnehmen darf auf die Bahn und die wenigen ausleihbaren Bretteln nur an Fronturlauber gegeben werden, deren es viel mehr gibt, als Skier. Trotzdem, vielleicht auch deswegen haben wir uns prächtig erholt. Hier in Göttingen haben mich dann die Pflichten in erheblich gesteigertem Masse wieder erwartet. Leider haben sich meine Erfahrungen, die ich in Kiel als Dekan gemacht habe, soweit herumgesprochen, dass ich dieses Amt zum 1.4., also morgen, wieder antreten muss. Das kommt nun zu allem anderen nun noch hinzu. Immerhin sind zur Zeit ruhige Wochen. Im Semester wird es aber sehr viel werden. Dafür halten uns die Flieger erheblich in Atem. Wir haben am Tage mindestens einmal Alarm, desgleichen in den Nächten. Für die Hausfrauen bedeutet das eine nicht unerhebliche Belastung, da die Läden zwischen den Alarmen fast gestürmt werden. Da die Kinder bei Tagalarmen stets nach Hause geschickt werden, so kommt Michael meist mit einem Schwarm von Schulkindern zu uns, die wir sehr nahe bei der Schule liegen. Auf diese Weise können wir Ihnen wenigstens in diesen Stunden mit der Kinderzahl einigermassen Konkurrenz machen. Renate findet das herrlich, die Omi weniger. Im übrigen haben wir mit Michaels Blockflöte das grosse Los gezogen. Er lernt es reizend und (ist) so eifrig dahinter her, dass man manchmal bremsen muss. Wir spielen schon jetzt kleine zweistimmige Stückchen für Flöte und Geige. Manchmal erhält er auch Guitarren- oder Klavierbegleitung. Renate ist weiterhin klein, rund, rosig und gesund. Sie könnte ihrer Mutter einiges abgeben. Es tut uns sehr leid, dass Ihr Mann nicht gekommen ist. Nun steht ja zu befürchten, dass bei der Lage an der Südfront ein Urlaub in die Ferne rückt. Sie werden schrecklich einsam sein, da auch Stuttgart weitgehend ausfällt. Hoffentlich ist die Feuerbacher Verwandtschaft noch unversehrt. In der letzten Zeit waren wir manchmal recht knapp mit Brot und so kam es, dass wir öfters von Ihren 90 "guten" Broten geträumt haben. Wenn es noch immer soviel sein sollten, so machen Sie bitte das Mass ihrer Treue voll, und lassen uns einige davon in Form von Marken zukommen. Aber nur, wenn es wirklich über ist. Ihnen und den Kindern herzliche Grüsse und nochmals vielen Dank. Ihr Hans Kopfermann / Meine Frau, die Vielbeschäftigte, lässt herzlich grüssen. Liebe Frau Gmelin !...Wir haben eifrig für Renates Geburtstag gearbeitet. Das "gute" Institut hat eine Puppensportkarre gebaut, die selbst den Teddybären zu tragen im Stande ist. Mutti u, Omi haben die Innenarchitektur übernommen. So wird es wohl morgen grosse Freude geben. Sie, Renate, ist eine tolle kleine Person, die neuerdings auf Abenteuer ausgeht. Wir müssen sie jetzt oft suchen und finden sie dann weitab von der Wohnung, bei Walchers oder sonst wo. Michaels Abenteuer spielen sich ganz im Geistigen ab. Zur Zeit versucht er Peter Moors Fahrt nach Südwest von Frenssen? zu lesen und neulich nachts als ich zu ihm ins Zimmer kam, sagte er im Schlaf: cis dur hat jeden Ton erhöht. Es gibt kaum zwei grössere Gegensätze als die beiden. Aber Sie haben das bei Ihren Kindern ja auch: Hans Georg - Brigitte. Es ist sehr schön für Sie, dass Ihr Mann nun gekommen ist. Hoffentlich geht es ihm gut u. hoffentlich lassen Ihnen die Engländer u. Amerikaner schöne Urlaubstage. Grüssen Sie Ihren Mann herzlich von uns. Wir werden hier täglich und nächtlich sehr mit Alarm belästigt und wenn man so sieht, wie immer kleinere Städte an die Reihe kommen, so kann man sich eigentlich nur wundern, dass Göttingen noch immer die friedliche Oase ist, die alle Menschen begeistert, wenn sie einmal ein paar Tage hierher kommen. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die Zahl der Studenten u. -innen von Semester zu Semester lawinenartig anwächst. Hätten wir keinen numerus clausus eingeführt, die 6000 wäre wohl sicher schon überschritten, In meiner Spezialvorlesung, die sonst von etwa 50 besucht wurde, sind weit über 150 und die Praktika sind so voll, dass jedes Plätzchen ausgenutzt werden muss. Glücklicherweise habe ich nach und nach für die wehrwissenschaftlichen Aufgaben alle meine Kieler Leute bekommen, zuletzt auch noch den netten Brix - ich weiss nicht, ob Sie ihn einmal gesehen haben - sodass ich auch im Unterricht genug Hilfe habe. Zu Semesteranfang hatten wir 300 Physikumsprüfungen! Dazu der Dekan, der in der grossen Fakultät mehr Arbeit macht als in Kiel. Meine Frau behauptet, sie sähe mich überhaupt nicht mehr und wenn es einmal klappte, so klingle gleich darauf das Telefon. Wahrscheinlich ist bei Ihnen der Frühling ebenso im Aufbruch wie hier in Göttingen. Ich kann es mir gut vorstellen, wie es bei Ihnen grünt und blüht. Das ist das Allerköstlichste an der Natur, dass sie, mag um sie herum geschehen was will, immer neu aufersteht, als ob sie das törichte Treiben der Menschen nichts anginge. Und neben dieser grossartigen begeisternden Gesetzmässigkeit wird doch alles andere klein, wenn es auch noch so schicksalhaft für uns erscheint. Unser kleiner Garten ist nach einigem Kampf praktisch in unseren Besitz übergegangen. Sonnabend/Sonntag wird dann gegraben und gejätet. Nun stehen eine ganz stattliche Zahl an Himbeer u. Johannisbeersträuchern schön aufgereiht da und wir hoffen schon in diesem Herbst einige Beeren zu ernten. Neulich war ein Bekannter aus Berlin bei uns, der stand vor unseren Stiefmütterchen am Hauseingang und sagte: Es ist doch erfreulich, dass es noch Orte gibt, wo man friedlich Blumen zieht." Es klang erfreut und erstaunt. / Ihnen allen herzliche Grüsse von uns und nochmals vielen Dank Ihr Hans Kopfermann.

Hans Kopfermann war also wieder Dekan geworden. Hertha war darüber vermutlich weniger erfreut. Die Zahl der Studenten in der 'friedlichen Oase' wuchs, denn der Zustrom aus den zerbombten Städten ließ nicht nach. Nicht nur das Konjunkturfach Medizin (300 Physikumsprüfungen), sondern auch die Physik waren gefragt (weit über 150 Hörer der Hyperfein-Struktur-Spezialvorlesung).

Trotz Krieg und Not kam der Frühling wie jedes Jahr. `Neben dieser grossartigen begeisternden Gesetzmäßigkeit wird doch alles andere klein, wenn es auch noch so schicksalhaft für uns erscheint'? So konnte man denken. Oder wären doch die Menschen das Maß der Dinge und die Natur im Frühling eine wehmütige, ja revoltierende Erinnerung an eine Möglichkeit des Glücks?

Das braunschweigische Landestheater bot dem Göttinger Publikum `eine herrliche Aufführung von Grillparzers Sappho' "Es war ein richtig schönes Erlebnis in dem sonst ewigen Einerlei". Im Juni diagnostizierten die Ärzte bei Hertha eine `chronische Gelenkentzündung der Wirbelsäule' - `Heilbar ist es nicht, aber die Beschwerden können gelindert werden'. Hertha wollte eine Schlammkur machen, sie hatte in Bad Blankenburg eine Schulfreundin und Ärztin. Die geplanten Ferien mit den Kindern in der `Schmiede', in Friedrichsbrunn im Harz, fielen ins Wasser. Am 3. August 1944 schrieb Hertha aus ihrem Kurort:

"Es war ein schwieriges Loskommen von zu Hause; kein Mädchen, da Henni in eine kinderreiche Familie gekommen ist u. ich nur noch eine Stundenhilfe habe, die aber auch gerade auf Urlaub mußte, Renate krank; die Kinderschwester, die ich engagiert hatte, vom Arbeitsamt nicht erlaubt u.s.w. u.s.w. Zu guter Letzt hat es aber doch geklappt, und so sitze ich nun hier, mit zu viel Zeit und Ruhe plötzlich und hoffe, wieder in Form zu kommen, da uns ja zweifellos schwere Tage bevorstehen, für die man gerüstet sein muß. Ich wohne in einem netten Zimmerchen, einzig, mit einem Stuhl und einer kleinen Waschschüssel, aber sehr gepflegt und sauber, in dem man vorwiegend im Bett liegen muß, da die Schlammkur sehr anstrengend ist und man sie nur gut übersteht, wenn man viel liegt. Das Haus ist hübsch mit einem großen Garten, und außer mir bevölkern es vier andere, harmlose, etwas kleinbürgerliche, aber nette Badegäste. Morgens bekommen wir eine richtige Kanne heißen Kaffees; alles andere bleibt uns überlassen: trostloses Mittagessen in einem der Hotels, wo man vom langen Warten noch hungriger wird, kärgliche Abendbrote für die restlichen "Grauen". Aber trotzdem ist es ganz schön; ich genieße die Ruhe, laufe in meiner freien Zeit spazieren, gehe abends 2 mal in der Woche ins Kino, lese allerhand und sehe sehr nette Menschen. Die Studienfreundin, die hier Ärztin ist, hat ein behagliches Haus und obwohl sie selten zu sehen ist, kann ich dort sein, mir Bücher holen oder im Garten liegen, und vor allem die Sonntage mit ihr verbringen. Sogar im Auto hat sie mich schon mitgenommen, so daß ich weiter drinnen den Harz zu sehen bekam (Blankenburg liegt ganz am Rande), und auf einer kleinen Wanderung, die ich während ihrer Praxisstunden machte, habe ich auch 'unser' Haus Niedersachsen angeguckt, wo wir beinahe statt in Chieming gelandet wären. Es ist ein sehr hübsches reiches Haus, direkt an der Bode gelegen; aber Sie hätten es kaum dort ausgehalten, lauter Wald ringsum, und überall die wildromantische Bode und der Ort Treseburg (?) nur Pensions- und Kaffeehäuser. Im Haus der Freundin treffe ich mehrere sehr nette Frauen, 2 Sprechstundenhilfen, beide sympathisch u. sehr eifrig, und eine Berliner Fürsorgerin, ein sehr gütiger und warmer Mensch; dann eine Schriftstellerin sehr eigener Art, die lange in Afrika lebte, 1940 von den Engländern von ihrer Kaffeeplantage vertrieben wurde und sich nun hier vom Schreiben ernährt. Wir sitzen abends manchmal zusammen, und mir gefällt dieser Frauenklub sehr gut. Er ist so gänzlich anders als unser Göttinger Bekanntenkreis; Mann und Kinder spielen nicht die geringste Rolle. Sie leben ganz ihrem Beruf, und sind, soweit ich sehen kann, restlos davon ausgefüllt. Besonders die Tätigkeit der Freundin ist sehr eindrucksvoll; eine große Praxis, in der sie vollstes Vertrauen genießt, dazu Mütterberatung, schulärztliche Untersuchungen u.s.w. So etwas hat uns wohl während unserer Studienzeit immer vorgeschwebt; und es muß schon sehr schön sein, so leben zu können. Ich persönlich könnte es wohl kaum, und letzten Endes finde ich es wohl doch schöner, wieder von meinen Kindern geplagt zu werden, wenn ich auch gelegentlich seufze."

Fern von Göttingen und Familie kam eine alte Vorstellung vom unabhängigen Leben wieder ins Bewußtsein, aber die Selbstzensur war gleich zur Stelle, und die Verzagtheit auch: `Ich persönlich könnte es wohl kaum'. Hätte sie dazu vielleicht den Mann gebraucht, so wie der sie? Der aber war beschäftigt mit seiner Arbeit, mit seinen 'großen Plänen'.

"Am Sonnabend wird vielleicht mein Mann übers Wochenende kommen, was sehr schön wäre. Wir hatten so sehr wenig Zeit in den letzten Semesterwochen; er war durch Prüfungen so mit Beschlag belegt, daß er kaum nach Hause kam und oft sehr abgespannt war. Dazu muß er am Abend mithelfen, Bunker zu bauen; und mancher Abend ging noch mit geselligen Unternehmungen rein männlicher Natur, einer häßlichen Göttinger Unsitte, drauf. So wäre es trotz der weniger günstigen äußeren Umstände schon besonders schön, ihn 2 Tage hier zu haben. Am 18. August ist meine Kur beendet; dann kommt wieder der Ernst des Lebens."

Trotz großer Zerstörungen, vielfältiger Not, wirtschaftlicher Zwangslage und Einschränkungen war es noch immer möglich, Urlaub zu machen und zur Kur zu fahren. Solche Ressourcen gesellschaftlicher 'Normalität' wurden im Interesse des 'Durchhaltens' in der 'Heimat' und an den Fronten aufrecht erhalten. Da frei und offen über die Zustände zu sprechen sich von selbst verbot, gaben die Briefe einem Nachdenken 'über das Leben' vielleicht mehr Raum als unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre. Aber welche Umstände auch, wenn nicht die obwaltenden, hätten stärker das Leben in Frage stellen können? Der Brief aus der Kur endete mit einer Kieler Episode und ausnahmsweise mit einer Anspielung auf die 'Lage'.

"Das frühere Institut meines Mannes ist nun restlos kaputt; Unsöld hat viel verloren, auch alle seine privaten Bücher, die dort waren; aber seine Haltung soll fabelhaft sein, wie er aus den Trümmern noch zu retten versuchte. Was sagen Sie zu den letzten aufregenden Ereignissen?"

Das 'aufregende Ereignis' war der 20. Juli. Listen der 'Verräter' erschienen in den Zeitungen. Eine Million Belohnung wurde ausgesetzt zu Karl Goerdelers Ergreifung. Aber die Aufnahmen von Roland Freislers Prozeßführung gingen nicht in die Wochenschau. Andere Ereignisse, auf die sich Herthas rethorische Frage hätte beziehen können waren die Landung in der Normandie und der Vormarsch der Alliierten. Das Kriegsende schien spürbar näher zu rücken. Aufregung war auch in Dresden aufgekommen. Victor Klemperer hatte gleich am Dienstag den 6. Juni notiert:

"brachte Eva[18] die Nachricht, daß die Invasion heute nacht (vom 5. zum 6. Juni) bei Cherbourg begonnen habe. Eva war sehr erregt, ihr zitterten die Knie. Ich selbst blieb ganz kalt, ich vermag nicht mehr oder noch nicht zu hoffen". Andererseits steigerte sich die Propaganda von der `Wunderwaffe' derart, daß das kein reiner Bluff sein konnte. So hieß es unter dem 10. Juni: "... der unüberwindliche Atlantikwall ist offenbar durchstoßen. Wir rätseln, und ich kann nicht hoffen. Das heißt: Der deutschen Niederlage bin ich gewiß, seit dem 1.9.39 gewiß - Aber wann? Auch die Vernichtung der `Invasoren' würde nicht zum Sieg Deutschlands führen, nur zur Verlängerung des Krieges." Ein paar Tage später wurde klar, daß das `neue Kampfmittel' tatsächlich da war, aber doch eher als Beruhigungsmittel für das deutsche Publikum anzusehen war. `Oder sehe ich das zu rosig?' Zum 20. Juli notierte Klemperer nur: "sie haben wieder ... propagandistisch ein Stimulans, eine Siegesstimmung, einen Sieg aus der schweren Niederlage herausgeholt, es werden wieder Millionen an den Endsieg glauben".

Anfang Dezember (3.12.1944) erhielt Charlotte Gmelin Post von Hans Kopfermann mit einem Gruß von Hertha. Den sehr 'realistischen' Lagebericht konnten ein paar Durchhalteparolen kaum 'entschärfen'. Die Zeiten änderten sich:

"Liebe Frau Gmelin! / Die Zeiten ändern sich. Wie Frau Dorn schrieb, hat es zwischen Chieming u. Pfeffing 18 Bomben gesetzt und vor 10 Tagen hat Göttingen zum ersten Mal etwas Richtiges abbekommen. Es waren diese hässlichen Mosquitoflugzeuge, die uns jetzt fast Abend für Abend besuchen und die zweimal etwa je 10 sehr schwere Brocken abgeworfen haben. Glücklicherweise für uns lag alles etwas mehr Stadteinwärts. Aber die Häuser-Dach- und Fensterschäden im ganzen Städtchen sind gross. Auch bei uns hat es zwei Scheiben gekostet. Das Hässliche ist ja das einzelne Anfliegen, das man deutlich hört, weil gar keine Flakabwehr da ist, das Ausklinken und das Rauschen der Bombe, das man lange und intensiv hört, bis es einschlägt. Göttingen ist erheblich wachgerüttelt worden. Tagelang lag eine Art Panikzustand über den Menschen, die mit Beginn der Dunkelheit in grossen Scharen, ganz wie an Sommertagen, auf den Hainberg pilgerten. Nun ist es wieder etwas abgeflaut. Aber das Idyll ist dahin. Die greifbare Drohung ist da. Und da wir ganz regelmässig über Mittag grossen Alarm und Abends bezw. Nachts mehrere Male durch die Sirenen aufgescheucht werden, so lebt man etwas seltsam dahin. Wir gehen meist ins Nachbarhaus, wo ein Splittergraben gut in der Erde und überdeckt uns jeden Tag mindestens 2mal aufnimmt. Da aber nette Leute dort zusammenkommen so ist alles - bis auf den ewigen Zeitverlust - erträglich. Die armen Hausfrauen müssen allerdings sehen wie sie zwischen den Alarmen das Essen hinzaubern. Denn seit der ersten Bombe, die das Gaswerk traf, kocht alles auf gewöhnlichem Feuer, soweit es existiert. Elektrisch ist auch so mässig, dass es kaum in Frage kommt. Sonst hat sich hier der Volkssturm aufgetan, ich spiele Zugführer, schiesse mit Pak u. Panzerfaust zum Neid von Michael. Meine Frau ist mehr denn je belastet. Der Herd steht im Keller, das Einholen geht noch schwieriger. Sie muss den ganzen Tag hetzen, wird dünner und dünner. Ist aber erstaunlich bei Mumm. Sie lässt sehr herzlich grüssen. Unsere verschiedenen Versuche, Sie telefonisch zu erreichen, sind alle missglückt. Stuttgart weigert sich, weiter zu leiten. Wie geht es Ihnen? Werden Sie viel belästigt? Merkt man das Näherkommen der Front? Im Ganzen ist es ja erstaunlich - fast wie ein Wunder - dass sich nach dem stürmischen Rückzug aus Frankreich die Westfront so gefangen hat und sich augenscheinlich weiter stabilisiert. Über Ihre Kieler Katastrophe waren wir sehr traurig. Es hat uns aber mächtig imponiert, als uns Frau Klingmüller, die jetzt mit dem Rest Ihrer Habe in Husum sitzt, schrieb: "An die Kieler Ruinen gewöhnt man sich. Kiel bleibt trotzdem Kiel!" Wie schön, wenn Sie diese heroische (oder naive) Haltung auch aufbringen könnten. Hoffentlich müssen Sie sich weder um Hans Georg noch um Ihren Mann sorgen. Herzliche Grüsse Ihr Hans Kopfermann Liebstes Mummlein, ich danke allerherzlichst für Ihren lieben Geburtstagsbrief, das Büchlein und das Äpfelpaket. Alles ist gut angekommen u. hat viel Freude gemacht. Wir denken of u. viel an Sie und sehnen uns nach den guten Zeiten mit Ihnen Ihre Hertha Kopfermann

Der Bombenkrieg schien nun auch die 'Oase des Friedens' erreicht zu haben, und zur Institutsarbeit trat der Volkssturm in Konkurrenz. Die Westfront hat sich gefangen, war `fast wie ein Wunder' stabil. `Kiel bleibt trotzdem Kiel', der Schlagerzeile 'Berlin bleibt doch Berlin' nachempfunden, ließ sich als Durchhalteparole lesen, und konnte auch ganz ironisch gemeint sein. Vierzehn Tage nach dem Angriff war die Panik in Göttingen abgeklungen. Die Energieversorgung blieb intakt, `allerdings mit plombierten Backöfen'. Telefonanrufe wurden in Stuttgart nicht mehr weitergeleitet. In einem Weihnachtsbrief (17.12.1944) machte Hertha noch einmal aus ihren gemischten Gefühlen zum Fest keinen Hehl:

"Hoffentlich wird Ihnen diese Zeit nicht allzu schwer; der Gegensatz zwischen dem Kriegsgeschehen und der Freude der Kinder ist so groß, daß einem alles noch einmal so schwer wird. Wir hören mit Schrecken die Nachricht von den Angriffen auf Stuttgart und "die benachbarten Orte"; hoffentlich sind Sie verschont geblieben".

Die Kinder, die sich vom Schrecken der Bomben erholt hatten, nur vom nassen und kalten Bunker ewig erkältet waren, sollten ihre Weihnachtsfreude haben:

"Wir haben für Renate einen richtigen Puppenwagen bekommen, von meiner Nichte in Erlangen, die ja auch Renates Patentante ist, und dazu eine italienische Puppe mit Kulleraugen und Greta Garbo-Wimpern, die sie eigentlich schon vorigen Weihnachten haben sollte; für Michael stellt das Institut eine Dampfturbine her. Wir hoffen daß beides große Schlager werden. Ich bemühe mich, falsches Marzipan u. andere Leckerbissen herzustellen, damit auch die Großen zu ihrem Recht kommen. Aber es ist alles sehr schwierig, und ich leide unter entsetzlicher Müdigkeit und Überanstrengung, da die Zeiten mich nun dazu gebracht haben, früh aufzustehen. Es ist und bleibt eine Katastrophe für mich. Vor 9 Uhr bin ich unausstehlich! Omi hilft zwar fleißig, allerdings nur bei den sitzenden Tätigkeiten; aber es ist halt viel. Wir essen nur in der Küche, haben wieder einmal umgeräumt (Zeichnung folgt demnächst), und ich habe Teppiche aufgerollt u. alles sehr vereinfacht; Renate kann bereits abtrocknen und zu meinem Stolz muß ich sagen, daß alles tadellos rollt."

Der gewohnte Gang zum Bunker machte dem Weihnachtsbrief ein Ende: `3/4 10 Uhr abends! Alarm!'. Die erste Post im neuen Jahr datierte vom 9. Februar. Ein Brief von Hans Kopfermann mit ein paar Zeilen von Hertha sollten für ein paar entscheidende Monate die letzten Nachrichten sein:

Liebe Frau Gmelin! / Soweit ich die Lage übersehe, haben Sie von uns seit Weihnachten nichts gehört, es besteht sogar der Verdacht, dass wir Ihnen für Ihre Weihnachtsgrüsse, Weihnachtskekse u. die reizenden Handschuhe, die Sie Renate gemacht haben, noch keinen Dank gesagt haben. - Es ist eine Zeit zum Nichtschreiben. Aus trüben Gedanken heraus und bei dem ewigen Heulen der Sirenen ist es schwer die Ruhe zum Mitteilen zu finden, wenn auch die Gedanken und Worte oft bei Ihnen sind. Mit dem Alarm geht es bei uns am laufenden Band. An anstrengenden Tagen kommen um 1/2 9 Uhr die Jäger, um elf Uhr - 2 Uhr die Bomber, um 2 30 Uhr der Aufklärer vom Dienst, mit Beginn der Dämmerung der erste Verband schneller Kampfflugzeuge, um 11 Uhr der zweite, manchmal gegen Morgen der dritte. Dazwischen Fernnachtjäger und wie man das Kleinzeug sonst nennt. Bei jedem wird Alarm gegeben. Da wir drei Häuser weiter in einen "Bunker" gehen, ist bei Nacht das Problem: werden die Kinder geweckt oder nicht. Lässt man sie schlafen, dann kommt fast mit Sicherheit ein Verband genau über Göttingen und ich renne mit der halb angezogenen Renate auf dem Arm bei heftigem Brummen über die Strasse. Wecken wir sie, bleibt meist jedes Flugzeug in achtbarer Entfernung von Göttingen. Geworfen haben sie nur ganz selten und dann glücklicherweise relativ weit weg von uns. Einmal war es ein Bombenteppich von etwa 200 Zeitzündern, die im Laufe der Nacht hochgingen u. zwar so, dass es einen jedesmal leicht im Bett hochlupfte. Im ganzen können wir natürlich nicht klagen. Aber es lastet doch auf einem, vor allem auf meiner Frau, wenn Geschwader über uns ziehen oder Einzelflieger in der Ferne, aber gut vernehmbar, ihre Eier legen. Wir sind oft recht unausgeschlafen und wagen es kaum mehr, abends Bekannte zu besuchen oder Musik zu machen. Den anderen geht es ähnlich und so bleibt jeder für sich, zumal man ja auch kaum mehr etwas anzubieten hat. Vor allem meine Frau leidet sehr, da sie ewig angebunden so gut wie nicht mehr nach draussen und zu sich selbst kommt. Sie magert erheblich ab, seit 3 Monaten um 14 Pfund. Ich selbst habe weiterhin erheblich zu tun trotz der vielen Alarme, die einem entsetzlich viel Zeit wegfressen. Eine friedliche Stunde zu Hause kommt beinah nicht mehr vor. Die Kinder sind zwar oft recht nervös, vor allem Michael, der die Gefahr einigermassen übersieht. Auch Renate hat oft übergenug. Aber trotz allem geht es ihnen gut. Schule ist nicht mehr, teils wegen mangelnden Kohlen, teils wegen Flüchtlingen, die in den Räumen einquartiert werden. So bekommt Michael vom Rollern, Rollschuhlaufen und Kriegspielen rote Backen. Renate geht ab und zu, wenn die Sirenen es erlauben, in den Kindergarten. Sie ist ein freches, fröhliches, aber auch launenhaftes Mädchen, beide Kinder sind sehr eifersüchtig auf einander, was zu grossen Reibungen Anlass gibt. Michaels Flöte gedeiht trotz allem, Renate fängt an richtig zu singen ... macht's weiterhin mit Charme. Vor 3 Wochen hatten wir auf 6 Tage eine Bildhauerin bei uns, die ein Köpfchen von Renate gemacht hat. Wir finden es sehr schön, wenn von vorne auch etwas zu erwachsen. Vielleicht findet sich doch einmal jemand, der die Kinder knipst, damit sie auch mal sehen, was in den 2 Jahren aus ihnen geworden ist. Übrigens wird es Sie freuen, dass Sie alle, wenn auch verschwommen, in Renates Hirn noch eingegraben sind: Mittags essen wir, da sie sehr schlecht isst - ich denke oft an Uta in Sankt Peter - zusammen einen Löffel für Mummlein, einen für Tante Mute (?), einen für Edith u. dann je einen für alle Ihre Kinder. Sie vergisst niemanden und hält streng die Reihenfolge ein. Hoffentlich haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Mann u. Hans Georg. Ob Sie auch so unter dem Fliegerdruck leiden wie wir hier? Sie haben immerhin das Glück, keine Bahnstation zu sein. Wie werden Sie jetzt die Strecke Wegs nach Weil der Stadt loben! / Zu unserer Entschuldigung sei gesagt, dass Ihre Weihnachtssachen alle sehr spät ankamen. Der Weihnachtsbrief z. B. am 19. Januar. Haben Sie vielen herzlichen Dank für das treue Gedenken, das aus allem sprach. Nicht zuletzt auch für die Brotmarken, von denen uns die letzten vor fast einer Woche Hunger gerettet hat. / Wir sprechen oft von Ihnen und denken viel an Sie. Herzliche Grüsse Ihnen und den Kindern Ihr Hans Kopfermann Liebstes Mummlein, sehr herzliche Grüsse auch von mir und Danke für alles Weihnachtliche! auch für die Cakes; wir können kaum backen und kochen. Kein Gas! Wir bemühen uns den Kopf oben zu behalten. Uns wird es schwer; ich bin so schrecklich müde und glaube oft, daß ich es nicht schaffe. Gestern fielen wieder Bomben auf unsere Stadt; heute dagegen nur 2x Voralarm. Das ist schon ein schöner Tag. Ich mühe mich sehr ums Alltägliche. Es gibt nicht einmal Kohlköpfe; die Pellkartoffel steht 2x am Tag auf dem Speisezettel. Mein Mann macht trotzdem noch schöne Musik, und die Kinder sind oft fröhlich. Michaels Schule hat aufgehört; Renates Kindergarten tagt bei uns im Kinderzimmer. Ich sehe nichts von der Welt und von Menschen, gehe oft um 8 Uhr mit einem Buch ins Bett. Das ist meine beste Stunde. Ich möchte Sie so gern sprechen; dann wäre vieles leichter. Ihre H.K.

Am Tag zuvor, am 8. Februar 1945 hatte Victor Klemperer in sein Tagebuch geschrieben:

"Vom Krieg seit 48 Stunden keine Neuigkeit. Es geht zu langsam für uns. - Angst haben alle. Die Juden vor der Gestapo, die sie ermorden könnte vor dem Eintreffen der Russen; die Arier vor den Russen; Juden und Arier vor der Evakuierung, vor dem Hunger. An ein rasches Ende glaubt keiner, und Jud und Christ fürchtet auch gemeinsam die Bombenangriffe. Heute früh briet Eva eine Extrawurst für uns: Wenn die Russen kommen, sagte sie, werden die Brücken gesprengt; dann müssen wir aus unserem Haus bestimmt heraus; entweder der Sprengung halber oder weil es zur Verteidigung hergerichtet wird. - Wir mußten beide lachen, wie wir so als Selbstverständlichkeit besprachen, was uns früher romanhaft erschienen wäre. Im Grund fürchten wir gar nichts mehr, weil wir ja immerfort, in jeder Stunde, alles zu befürchten haben, Man stumpft ab"

Wenige Tage später, am 13., kam der Großangriff auf Dresden. Eine trostlose Katastrophe, in einer Hinsicht aber tröstlich: für Klemperer und andere in seiner Lage die erste konkrete Aussicht auf Rettung. Er teilte, wie er schrieb, die Gefahr der Bomben und der heranrückenden Front mit allen anderen, doch die des Sterns war nur seine `und die weitaus größere'. Am 19. Februar 1944 notierte er:

"Am Morgen sagte mir Eisenmann: `Sie müssen ihn abnehmen, ich habe es schon getan'. Ich machte den Mantel frei. Waldmann beruhigte mich: in diesem Chaos und bei Vernichtung aller Amtsstellen und Verzeichnisse... Übrigens hatte ich gar keine Wahl; mit dem Stern würde ich sofort ausgesondert und getötet. Dem ersten Schritt folgten zwangsläufig die anderen. In Klotzsche die Aufnahmeliste mit Victor Klemperer senz'altro..."[19]

Eva und Victor Klemperer verfolgten mit großer politischer Aufmerksamkeit alle `Wendepunkte' des Krieges und die Reaktionen des Regimes. Klemperer hat sie in seinen Tagebüchern in Monologen und in Berichten von Geprächen mit anderen beurteilt. Quellen waren die englischen und russischen Sender, Radio Beromünster (jeder fünfte sei ein `Selbsthörer' gewesen, trotz Todesstrafe), die Zeitungen, der `Heeresbericht' im offiziellen Radio, die offiziellen Zeitungen und Zeitschriften, Dresdener Nachrichten, das `Reich', das Hörensagen und die `Plaudereien'. Neben vielen 'Alltäglichkeiten' fehlten niemals die `neuesten Ereignisse' im größeren politischen Maßstab, die in den Briefen an Charlotte Gmelin kaum erschienen, sicher auch, weil nur verstellte Äusserungen möglich und ungeschminkte tollkühn gewesen wären.

So ließen die Tagebücher auch die markanten Ereignisse der letzte Phase des Regimes Revue passieren:

Besetzung der freien Zone Frankreichs im November 42, Russischer Sieg in Stalingrad im Februar 1943, Siege der Alliierten in Nordafrika, die Absetzung des Duce und die Kapitulation Italiens im September. Im Januar 1944 die Befreiung Leningrads, im Mai der alliierte Sieg bei Monte Cassino, Anfang Juni die Landung in der Normandie. Am 20. Juli der Versuch des Staatsstreichs. Warschauer Aufstand im Juli, Befreiung der Balkanländer im Herbst. Im Januar 1945 die Rote Armee in Ostpreußen und in Schlesien, im März der Übergang der Westmächte über den Rhein, im April die Kapitulation in Oberitalien.

Dann kam die endgültige Befreiung für die Klemperers und für viele andere auch. Die Befreiung von einem Alptraum, den zuviele erst gegen Ende als solchen empfanden und der zu wenigen gleich zu Anfang der Diktatur bewußt geworden war.

* * *

Seit im Sommer 1944 Joseph Goebbels zum 'Sonderbeauftragten für den totalen Kriegseinsatz' ernannt worden war und nach dem 20. Juli (am 25.) noch einmal der totale Krieg verkündet wurde, trugen Speer und Goebbels die Verantwortung für die Mobilisierung zum 'Endsieg', während der `SS-Staat', auf den nun `kein Verlass' mehr war, sich auf einen `Karthagofrieden' einstellte. Drei Jahre später, 1947, erinnerten Otto Hahn und der Göttinger Rektor F.H. Rein, aus Gründen, die im Einzelnen noch zur Sprache kommen werden, an eine `Kehrtwendung' zu wissenschaftsfreundlicher Propaganda:

"... Vielen heute sehr eifrigen Inquisitoren des 'Nazismus' sei empfohlen, sich noch einmal über die Behandlung der Wissenschaft im Dritten Reich zu orientieren, bevor sie sinnlos Porzellan zerschlagen... Erst als die hohen Führer erkannten, daß sie ohne die Wissenschaft den Krieg verlieren mußten, bemühte man sich, zwischen Partei und Wissenschaft Frieden zu schließen, und zwei Wochen vor dem berühmten 'Bittgebet' des Propagandaministers in Heidelberg an die deutsche Wissenschaft erschien in dem geheimen Anweisungsblatt seines Ministeriums die Verfügung: "Die Wissenschaft ist bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu loben". Törichterweise ging diese Anordnung, die in vollem Umfang die Ablehnung des Regimes seitens der Wissenschaft rechtfertigte, auch einzelnen Herausgebern wissenschaftlicher Journale zu..."[20]

Joseph Goebbels 'Bittgebet' war eine Rede 1943 in der Heidelberger Universität zum Thema "Der geistige Arbeiter im Schicksalskampf des Reiches". Mit der Behauptung, 'die Wissenschaft' habe 'das Regime' abgelehnt, konnten sich Hahn und Rein höchstens auf eine sehr persönliche Auffassung von Ablehnung, von Wissenschaft und vom Regime berufen, die wohl eher im Wunschdenken als in der Analyse gründete. Als unter dem Stichwort 'Selbstorganisation' im Zug der Intensivierung der Kriegswirtschaft auch die Wissenschaftsverwaltung in ein neues Stadium versetzt wurde, hatten sich Wissenschaftler weniger Gedanken über ihre Stellung zum Regime gemacht als über den Profit, den sie aus der neuen Direktive ziehen konnten. Als ein höheres Maß an 'Friedensplanung' einsetzte, parallel zur Wirtschaft des 'totalen Kriegs' und auch für dieselbe unumgänglich, hatten Wissenschaftler, wie das Beispiel Hans Kopfermanns zeigt, durchaus positiv reagiert, auch und gerade diejenigen, die sonst weder dem Regime noch dem 'Schicksalskampf' zugestimmt hatten. Der Satz der Autoren: "Erst als die hohen Führer erkannten, daß sie ohne die Wissenschaft den Krieg verlieren mußten...", war mehr als schief, er ergibt keinen Sinn. Vermutlich sollte zum Ausdruck kommen: "Wer einen Krieg gewinnen will, muß sich der Wissenschaftler versichern". Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es hat Wissenschaftler gegeben, die mit 'Wunderwaffen' sowohl 'Deutschland' als auch das Regime hätten 'retten' mögen, vielleicht auch solche, die gemeint haben, sie würden ihren Einfluß als erfolgreiche Kriegsforscher und Waffenentwickler geltend machen können, um dem Regime eine andere Orientierung zu geben. Die meisten werden im Hinblick auf die Alternativen froh gewesen sein, wissenschaftlicher Arbeit nachgehen zu können, einige auch mit der Vorstellung nicht für den Krieg und auch nicht für das Regime arbeiten zu wollen. Ganz selten müssen die gewesen sein, die es verstanden haben, sich ihrer Wissenschaft zu entziehen oder gar sie gegen die Machthaber einzusetzen. Eine fehlleitende Rolle mögen ideologische Vorstellungen gespielt haben, die an konservativen Ideen nach 1918 anknüpften: wie damals der Gedanke an eine 'unbesiegt' fortbestehende 'deutsche Wissenschaft' entstand, mochte jetzt erneut der Wunsch aufkommen, ein Ideal, sei es der 'Wissenschaft', sei es ein nationales, über Diktatur und 'Katastrophe' hinaus zu 'retten', unbeschädigt zu bewahren.

Kriegsforschung und Kriegsproduktion fanden statt in einem Spannungsfeld, in dem über den Krieg hinausgehende Wirtschaftsinteressen eine erhebliche Rolle spielten. Die Partner des Machtkartells hatten von Anfang an mit diesen Interessen jonglieren müssen. Dazu gehörte der Respekt für langfristige Innovationsplanung der Firmen, aber auch die Rücksicht auf das Interesse an einer gewissen 'Arbeitgeberfürsorge': wer seine Leute im Krieg vor der Front bewahren konnte (u.k.-Quoten), konnte auf ihre 'Treue' im Frieden rechnen.

Die neue Propaganda für die Wissenschaft begleitete eine Intensivierung der Kriegsanstrengung, sie war darauf angelegt, Konzessionen hinsichtlich der 'Selbstorganisation' zu machen und schloß die 'friedliche' Forschung nicht aus, die im Einklang mit Wirtschaftsinteressen oder Eigeninteressen der Forscher ihre Kräfte sammelte. Solche Konzessionen entsprachen einer 'realistischen' Tendenz im Machtkartell, die 'Friedenspläne' ventilierte. Offiziell aber wurde erwartet, daß sie, alles in allem, das Kriegs- und Durchhaltepotential steigerten, und diese Erwartungen wurden auch erfüllt.

Die befohlene Lobhudelei, die Hahn und Rein mit Abscheu erfüllte, war Teil einer Propaganda, die verzweifelte, aber durchaus nicht erfolglose Strukturveränderungen des Regimes begleitete und insofern auch nicht so abwegig, wie die Autoren annahmen; sie mag manchen, der gleichzeitig die erweiterten Möglichkeiten zu 'friedlicher Forschung' ergriff, in seiner Verachtung der politischen Führung bestärkt haben. Es ging vielleicht nicht so sehr um Regimegegnerschaft, als um die Legitimität von Forschung in der Endphase des Regimes.

Anläßlich der Jahrestagung 1943 beschloß der Vorstand der Physikalischen Gesellschaft auf Initiative des Vorsitzenden die Eröffnung einer 'Werbestelle Deutscher Physiker' und die Herausgabe eines zusätzlichen Periodikums 'Beiblätter zu den Verhandlungen der DPG', beides delegiert an den Elektronenmikroskopiker und Mitarbeiter Ramsauers, Ernst Brüche, der sich im Rahmen der Gesellschaft auch durch ein Bildarchiv (Porträt- und Gruppenfotos, 'Vereinsbilder') einen Namen gemacht hatte.

'Forschung tut not' hieß die Parole und ein Satz des RMRK Speer stimmte ein: "Es liegt mir außerordentlich viel daran, daß die Grundlagenforschung mit aller Intensität und ohne Reibungsverluste an der Arbeit ist". Als das Blatt Anfang 1944 herauskam, vermerkte Ernst Brüche die Verzögerung des ersten Ercheinens durch Luftangriffe und beteuerte zur Einführung: "Unsere Sache ist Deutschlands Sache"; dann hieß es: "Die Erfinderbetreuung der Arbeitsfront und die Bestrebungen des Ministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion haben auch zu einer Herausstellung des deutschen Wissenschaftlers und seiner Wichtigkeit für die deutsche Kriegsführung geführt". Es wird auch darauf hingewiesen, daß es Ehrungen von Wissenschaftlern durch den Führer gegeben hat. Max Planck trug ein Vorwort bei, Johannes Zenneck schrieb über "Die Bedeutung der Forschung", Ramsauer über "Die Schlüsselstellung der Physik" und Finckelnburg über "Wesen und Bedeutung der Physik"; auch ein Spruch Lichtenbergs schien passend: "Daß in den Kirchen gepredigt wird, macht deswegen den Blitzableiter nicht unnötig". Heft 7 enthielt Speers 'Apell an die deutsche Jugend' vom 18.10.43, dazu Texte von Max Wien und Wilhelm Westphal und von 'Dr. Hahn, Oberstleutnant und Studienrat' über Schule und Nachwuchs. Die Hefte enthalten Fotos u.a. von Heisenberg, Mey, Zenneck, Westphal unter denen ein Bild von Gustav Magnus (1802-1870) eher `Arisierung' bedeutete, als Toleranz hinsichtlich jüdischer Herkunft. Hans Schimanck lieferte einen heute sehr unnötig scheinenden 'Anbiederungsversuch' mit "Deutsch-französische Beziehungen in der Naturwissenschaft", ein Text der zu allem Überfluß am 6.12. 1943 in der 'Pariser Zeitung' (einem Blatt der Besatzer) erschienen war.

Die 'Werbestelle' wurde bald umbenannt in 'Informationsstelle' und die Publikation in 'Physikalische Blätter'. Das Unternehmen paßte in jeder Hinsicht in die politische Landschaft, und wenn sich Joseph Goebbels wegen des angeblich 'defaitistischen' Realismus gegen Otto Ohlendorfs 'Meldungen aus dem Reich' wandte und im Verein mit Bormann das SD-Blatt verbot: gegen die 'Physikalischen Blätter' hatte er nichts, im Gegenteil: diese Art korporatistischer Propaganda widersprach grundsätzlich nicht den nationalsozialistischen Vorstellungen ('Ständestaat' etc.) und ihr 'zeitloses' Anliegen der Betonung wissenschaftlich-technischer Kompetenz entsprach seinen Propagandawünschen und denen anderen 'Endsieg-'Propagandisten. Es ist schwer zu verstehen, wie die Verhältnisse der Physiker ab 1943 zur einer Interpretation führen konnten, die Armin Hermann noch neuerdings wieder zum Ausdruck gebracht hat:

"Es ist ein wahrhaft erstaunliches Faktum, daß in der Endphase des Dritten Reiches die Physiker auf nichts geringeres hinarbeiteten, als die Freunde zu mobilisieren und die Schwankenden zu überzeugen mit dem Ziel, eine Entideologisierung, d.h. eine grundlegende Reform des Regimes, zu erreichen" Fast noch schiefer wirkt der unmittelbar anschließende Satz: "Reformwillige Kräfte fanden sich sogar in der Reichsleitung der NSDAP und in den beteiligten Ministerien bis hinauf zum Staatssekretär und Minister"[21]

Von Einsicht oder Umsicht würde nicht zeugen, wenn die Physiker in der 'Endphase' auf eine 'Reform des Regimes' hingearbeitet hätten. Sie steigerten ihre Aktivität allerdings im Einklang mit (oder angeregt von) 'Kräften' im Machtkartell, mit 'realistischen' Führern und mit um ihre Haut besorgten, aber die hatten mit den Mord- und 'Opfertod-'Protagonisten auf gleicher Ebene zu paktieren. Die 'Entideologisierung' stand im Zeichen einer Durchhaltepolitik, wo sie nicht unmittelbar der Intensivierung der Kriegsproduktion diente. Aber die unterschiedlichen Ziele, die Physiker ('Freunde'?) verfolgten, als sie sich 'mobilisieren' ließen, lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Es gab Ziele, die gerechtfertigt schienen, solche, die nicht zu rechtfertigen waren, und manche, die, wie das Bewahren von Menschenleben, an sich keiner Rechtfertigung bedurften.

Ähnliches wie die zitierte Ansicht brachte schon ein Bericht Wolfgang Finkelnburgs bald nach Kriegsende zum Ausdruck. Die verständliche Äusserung eines Beteiligten, die jedoch, wie auch die Erklärung von Otto Hahn und Hermann Rein, ein schiefes oder unvollständiges Bild vermittelte:

"Ich glaube, daß die Physikerschaft ein Anrecht darauf hat, zu wissen, wie der Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in den Jahren seit der letzten Physikertagung 1940 alles in seiner Macht Stehende trotz aller Schwierigkeiten und mit viel Mut getan hat, um gegen Partei und Ministerium die Sache einer sauberen und anständigen wissenschaftlichen Physik zu vertreten und Schlimmeres, als schon geschehen ist, zu verhüten. Ich glaube, daß dieser Kampf gegen die Parteiphysik ruhig als ein Ruhmesblatt der wirklichen deutschen Physik bezeichnet werden darf, weil er - zwar von wenigen aktiv geführt - von der überwältigenden Mehrheit der Physiker effektiv und moralisch unterstützt worden ist".[22]

Finkelnburg hatte sich in einer Phase, in der vielleicht nicht so klar war, was ihm daraufhin passieren würde, persönlich exponiert und den Widerstand gegen die Hegemonie-Ansprüche der Vertreter des Hugo-Dingler-Kreises organisiert. Aber der 'Kampf gegen die Parteiphysik' kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Physiker, einschließlich der wenigen, die 'aktiv geführt' hatten, fast ausnahmslos in der Genozidphase mobilisiert waren, nicht alle (wie Werner Braun und die Raketenbauer) in stromlinienförmiger Anpassung, aber viele motiviert durch über Krieg und Regime hinausweisende Forschungsmöglichkeiten, die kaum jemand in Frage stellen wollte oder konnte. Das Ergebnis der von Finkelnburg angeregten Gesprächsrunde (s.o) war als Absage an eine rassistische 'Dogmatisierung' der Wissenschaft ein 'Ruhmesblatt', andererseits entstanden aber Vorstellungen von Neutralität, Eigenständigkeit und Wert physikalischer Arbeit, die über eine faktische Allianz mit Kräften des Regimes hinwegtäuschen konnten.

Die 'saubere und anständige Physik' von der Wolfgang Finkelnburg schrieb, wäre unter den gegebenen Umständen vielleicht gar keine Physik mehr gewesen. Die Frage mag sich manchem auch gestellt haben und andere mögen sie mit Unbehagen verdrängt haben. Im Nachhinein muß sie gestellt werden und sei es, um sich noch einmal die individuellen Zwänge vor Augen zu führen, die solche Gedanken kaum aufkommen ließen. Aber fortan wurde die Komplexität von direkter und indirekter, von ideologischer und praktischer Unterstützung zum jeweils gegebenen Zeitpunkt im Regime und besonders in seiner letzten, forschungsintensiven Phase nicht weiter problematisiert. So konnte der französische Wissenschaftsbeauftragte beim Hochkommissariat, Lutz, 1950 aus Berlin an seinen Freund Alfred Kastler, der in Deutschland unter anderem Hans Kopfermann besuchten wollte, schreiben, daß nur wenige Physiker sich mit den Nationalsozialisten kompromittiert hätten[23].

Im Juli 1943 hatte Carl Krauch an Heinrich Himmler, der systematisch begonnen hatte, die Wirtschaftsmacht der SS auszubauen, geschrieben, er habe mit Freude gehört, daß er bereit sei, den Bau einer weiteren Chemiefabrik, die Krauch zur Versorgung mit Buna für notwendig halte, in ähnlicher Weise wie bisher in Auschwitz zu unterstützen. Es wird geschätzt, daß mit der Zeit 300 000 Häftlinge in der I.G. Auschwitz gearbeitet haben. Mindestens 25 000 starben während ihrer dortigen Arbeit. Nach der Fertigstellung verbrauchten die Anlagen, nach Joseph Borkin, mehr Elektrizität als Berlin und waren ein totaler Mißerfolg: trotz einer Investition von 900 Millionen RM und des Todes von tausenden, wurde wenig Benzin und überhaupt kein Buna produziert. Als Auschwitz am 12.5.1944 mit rund 1000 Bombern angegriffen wurde, begann das Ende der I.G.. Borkin berichtet auch, daß Heinrich Bütefisch (gegenüber Paul Harteck) geäußert habe, die Zerstörung der Anlagen sei auf die Schwerwasserproduktion für den Uranverein zurückzuführen, denn die Kriegsgegner hätten konventionelle Ressourcen in der Regel auf beiden Seiten geschont[24]. Eine sonderbare Geschichte?

* * *

Mit dem Herbst 1943 wurde Walther Gerlach Nachfolger von Abraham Esau als 'Fachspartenleiter' für Physik im stark aufgewerteten Reichsforschungsrat. Der 'Magnetphysiker' Gerlach, Senator der KWG seit 1937, hatte seit November 1939 für das Oberkommando der Marine an Magnetisierungsproblemen gearbeitet. Die Marine hatte den Maschinenbauer an der TH Charlottenburg, August Cornelius, aufgefordert, die Spezialiisten, unter ihnen auch Richard Becker in Göttingen (s.o.), in eine Arbeitsgemeinschaft zu berufen, die die verschiedensten Projekte, zum Teil riesige Demagnetisierungsanlagen für Schiffe u.a. in Zusammenarbeit mit den Berliner Askania-Werken, auf den Weg brachte und leitete. Im Rahmen der 'Arbeitsgemeinschaft Cornelius' reiste Gerlach ins 'befreundete' (Italien) und ins besetzte (Holland) Ausland. Gerlach war kein Mitglied der NSDAP, am 1.6.36 war er dem NSDTB, Fachgruppe Metall, beigetreten[25]. Er hatte aus seiner Abneigung gegen den Kollegen Wilhelm Müller keinen Hehl gemacht[26]. Paul Rosbaud berichtete im August 1945 den Alliierten:

"Ich würde Gerlach niemals zu den Wissenschaftlern zählen, die um eigener Vorteile, für Lebensstandard und Arbeit willen, dafür waren, daß Deutschland den Krieg gewänne. Sein Anliegen war absolut ehrlich, er liebte sein Land, wollte das Beste für es und wollte nicht, daß es unterging. Er litt unter einem Dilemma und oft dachte ich, ich hätte ihn überzeugt, daß Hitler und der Krieg nicht von einander zu trennen seien und er die Kriegsarbeit, so weit es ging, reduzieren müßte. In der letzten Zeit war er nur noch daran interessiert, rein wissenschaftliche Aufgaben voran zu treiben und das Leben von Wissenschaftlern zu retten. Oft hat er seine Kompetenzen überschritten, um Menschen zu retten.... / Auch war er sehr unglücklich über seines Bruders Verhalten..."[27]

Gerlach hing, wie kaum ein anderer, an der Vorstellung vom 'Rang' deutscher Wissenschaft und von ihrem überpolitischen, im 'friedlichen Wettstreit der Nationen' aber durchaus auch patriotischen, 'Wert'. So hat er in der Wissenschaft und für dieselbe die 'Zweigleisigkeit' organisiert, die sich gleichzeitig in der Wirtschaft durchsetzte, indem einerseits die Kriegsproduktion aufrechterhalten und gesteigert wurde, und andererseits Investitionen getätigt und Vorbereitung für spätere Verhältnisse getroffen wurden. Wie Firmen einerseits den Krieg und die kriegführenden Machthaber 'bedienten' und andererseits die eigenen und die korporativen Ziele im Auge behielten, hat der 'Bevollmächtigte für Kernphysik' versucht, den Krieg für die Wissenschaft zu nutzen und sich 1959 in einem Brief an Adolf Baeumker mehr oder weniger präzis erinnert:

"Ich kann mich an zwei Unterhaltungen entsinnen, die eine im Luftfahrtministerium, die andere bei Speer persönlich. Auf die Frage nach einer Waffenentwicklung habe ich mit klarem Nein geantwortet und auf die Frage, was wir dann eigentlich mit der ganzen Sache noch wollten, wörtlich gesagt: 'Sie wollen doch nicht nur den Krieg, sondern auch den Frieden gewinnen. Was nützt es Ihnen, wenn nachher die anderen Staaten die Atomkernenergie für wirtschaftliche Zwecke entwickelt haben, wir aber nicht'. Man hat diesen Standpunkt angenommen - ob gern oder nicht gern, weiß ich nicht - und die für damalige Verhältnisse ungeheuer großen Summen von vielleicht 2 oder 3 Millionen bewilligt...."[28]

Die bewilligten Summen waren etwas höher: Abraham Esau hatte im November 1943 1 Million Reichsmark beantragt, die im Februar 1944 zur Verfügung standen[29] und Ende Mai beantragte Gerlach 3,225 Millionen, die ohne Abstriche im August bewilligt wurden:

Geheime Reichssache Hauptquartier RF 5281/44 Ger 8/32/9; / Antrag vom 26 Mai 1944 / An den Bevollmächtigten für Kernphysikalische Forschung, Herrn Prof. Dr. Gerlach, Berlin-Dahlem, Boltzmannstr.20 / ...stelle ich Ihnen auf Ihren Antrag vom 26. Mai 1944... für das Geschäftsjahr 1944/45 einen Forschungsetat in Höhe von RM 3.225.000,-- .... zur Verfügung.... Heil Hitler gez. Göring[30]

Das Geld wurde in Raten von Helmut Joachim Fischer auf Konten der Deutschen Bank und der Bayrischen Hypotheken- und Wechselbank überwiesen[31]. Die Forschung wurde also vom RFR koordiniert, als dessen 'Schirmherr' nach wie vor Göring fungierte - dem entsprach der Briefkopf 'Der Reichsmarschall' für die offizielle Korrespondenz -, an dessen Verwaltungsspitze aber Rudolf Mentzel, Professor, Ministerialdirektor und SS-Brigadeführer stand. Verwaltet wurde tatsächlich im Reichssicherheitshauptamt IIIC von Wilhelm Spengler, SS-Standartenführer und Helmut Fischer, Dr. habil., SS-Hauptsturmführer (Leutnant). Gerlach hat 1947 in einer eidesstattlichen Erklärung für Fischer geschrieben, die Namen seien ihm schon durch Heisenberg, der ihm die beiden als Mitstreiter für wissenschaftliche Selbstbestimmung vorgestellt habe, bekannt gewesen, nicht aber der Verwaltungszusammenhang mit dem RSHA[32]. In einer zweiten solchen Erklärung, 1950 für Spengler, schrieb er über die Protektion durch den Amtschef im RSHA:

"Ich betone ausdrücklich, wie schon in meiner ersten eidesstattlichen Erklärung, daß diese Sicherung in klar ausgesprochener Weise dem Zwecke dienen sollte, die deutsche Wissenchaft durch die Zeit des NS-Regimes hindurch für die Zeit nach dem Kriege aktionsfähig zu erhalten, damit Deutschland den Anschluß an die internationale Wissenschaft wieder finden könne"[33]

Eine Fußnote zu den Plänen für die 'Aktionsfähigkeit' der Wissenschaft mag eine Vermutung Paul Rosbauds zum 'Uranverein' (UV) abgeben, die auch anderswo sicher nicht von der Hand zu weisen war:

"Ich frage mich, ob nicht mancheiner im UV tatsächlich hoffte und daraufhinarbeitete, seinem Land Adieu sagen zu können um irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks weiter an der Maschine zu arbeiten."[34]

Die Rettung von Menschenleben als ein unbestreitbares Gut, das insbesondere Wilhelm Spengler zu seiner Rechtfertigung anführen konnte, stand im Zeichen der Pläne für das Kriegsende, in denen wirtschaftliche Perspektiven, patriotisches Elitedenken, Egoismus und Opportunismus in vielen Schattierungen sich mit patriotischer Regimegegnerschaft mischten. Schlimmer jedoch: konzertiert wurde die vieldeutige 'Zukunftssicherung', insbesondere auch der Physiker, in einem Hauptquartier des SS-Staats, in unmittelbarer Nähe zu dem Planungszentrum des Genozids. War den Wissenschaftlern nicht klar, mit wessen Hilfe und um welchen Preis sie die Hegemonie der 'Parteiphysiker' abgewehrt hatten, und mit welchen Kräften sie in der Genozidphase im Hinblick auf das Kriegsende paktierten? Wilhelm Spengler schrieb 1948 an Walther Gerlach, er sei bemüht gewesen,

"in der Höhle des Löwen den Kampf für die Freiheit der Wissenschaft und die Würde des geistigen Menschen ... auszutragen"[35]

In diesem Satz war nicht vom Kampf gegen die rassistische Politik und den Massenmord die Rede und es besteht Grund zu der Annahme, daß Spengler die Stoßrichtung auf die genannte beschränkte. Aber waren 'Freiheit der Wissenschaft' und 'Würde', gar der 'geistigen' Menschen, unter Umständen, von denen Spengler volle Kenntnis hatte, noch zu verteidigen?

Zu Walther Gerlach und seinem Kampf um die 'Aktionsfähigkeit' der Wissenschaft machte Paul Rosbaud die Anmerkung:

"Gerlach fühlte sich zunehmend unwohl (bei Rosbauds Vorhaltungen K.S.), aber er war so begeistert von der Tatsache (daß die 'Maschine voraussichtlich bald laufen würde K.S.), und so zornig wie ein Kind, dem man sein Spielzeug wegnehmen will, daß sein Denken auszusetzen schien; er wollte keinen Krieg mehr, wollte, daß die Alliierten blieben, wo sie waren, und er wünschte die Nazis zur Hölle. Ich habe diese komische psychologische Reaktion bei Wissenschaftlern und auch bei Künstlern gelegentlich beobachtet: sie vergessen die Wirklichkeit, wenn sie von einer Vorstellung besessen sind".

In seiner Eigenschaft als Fachspartenleiter gab Gerlach ab Mitte 1944 Reichsberichte für Physik 'nur für den Dienstgebrauch' heraus, ein Fachorgan für eine eingeschränkte Öffentlichkeit.

* * *

In den Briefen an Charlotte Gmelin war von 'großen Plänen' die Rede, die Hans Kopfermann im Spätherbst 1943 ventilierte. Göttingen hatte angesichts der zerbombten Großstädte jetzt einen `Standortvorteil'. Im Zug der geschilderten politischen Entwicklung verfügte eine `Elite' von Fachvertretern der Physiker über größeren Einfluß und Unterstützung in RFR, Ministerien, KWG, Wirtschaft und - nunmehr an erster Stelle - im Reichssicherheitshauptamt. Die Forschungsförderung erlebte eine relative Blühte und bald wurden 'Rückholaktionen' von Wissenschaftlern aus dem Frontdienst erleichtert. Das Risiko, jetzt noch zu unmittelbar kriegsverwendbaren Ergebnissen zu kommen, war angesichts der Kriegslage kalkulierbar, und die Mißachtung des offiziellen Verbots von Forschung für andere, als die Kriegszwecke, wurde erkennbar geduldet, ja gefördert. Diese Umstände mögen Kopfermann bewogen haben, Pläne zu machen, die mit der Entwicklung einer Maschine beginnen sollten und in materieller und 'forschungsstrategischer' Hinsicht größere Tragweite hatten und damit die Tendenz zur 'Zukunftssicherung' aufnahmen.

Für Wilhelm Walcher und Wolfgang Paul war weiterhin der 'Uranverein' der Auftraggeber und bot die Möglichkeit trotz strenger Einschränkung der Lagerhaltung, einen Materialvorrat anzulegen (von 10 geplanten Massenspektrographen wurde bis Kriegsende einer fertiggestellt, das aus Mitteln der Forschungsförderung für Kriegszwecke bereitgestellte Material für die übrigen stand bei Kriegsende zur Verfügung).

Rolf Wideroe hatte 1927 in einer Aachener Dissertation Überlegungen zu einem Elektronenbeschleuniger nach dem 'Transformatorprinzip', zu einem 'Strahlentransformator', angestellt und publiziert[36]. Wie auch Josef Slepian (Patent schon 1922) in den USA. Der Siemensphysiker und Kopfermann-Kollege im Vorstand der DPG, Max Steenbeck, hatte 1933 bei Siemens-Schucker, zusammen mit Reinhold Rüdenberg ein Patent auf ein solches Gerät formuliert und 1935 auch erhalten[37].

Ein Transformatormagnet erhält statt der 'Sekundärwicklung' einen evakuierten Torus, in den ein Elektronenstrahl injiziert wird. Es findet mit der Periode des Primärstroms eine Beschleunigung statt. Allerdings nur wenn bestimmte 'Stabilitätskriterien' eingehalten werden. Diese zu berechnen lag nicht auf der Hand. Erste 'Gleichgewichtsbedingungen' hatte Wideroe angegeben.

Maria Osietzki hat beschrieben, wie bei Siemens der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Buol, der bei Siemens & Halske die elektromedizinische und Röntgenentwicklung aufgebaut hatte und auch Aufsichtsratsvorsitzender der Fusion Siemens-Reiniger wurde, zusammen mit Disiderius Flir in der Direktion des Werner-Werks, das Interesse an der Beschleunigerentwicklung vertraten. Max Steenbeck entwickelte im neugegründeten Siemensröhrenwerk ab 1935 eine Elektronenschleuder, aber als der Erfolg ausblieb und bei Kriegsbeginn Rüstungsarbeiten Vorrang hatten, kam das Projekt zum Erliegen[38]. 1941 beschrieben Donald W. Kerst und R. Serber in der Physical Review eine funktonierende Maschine: ein 'Rheotron' mit der damals berückend großen 'Endenergie' von 20 MeV, gebaut bei General Electric. Über ein mögliches Anwendungsgebiet bestand Klarheit: die einschlägige Literatur (s.o., Kapitel 'Fehlanzeige...') hatte den Vorteil von hochenergetischen Elektronenstrahlen gegenüber Röntgenstrahlen in der Krebstherapie hervorgehoben: Tiefenwirkung bei abgeschwächter Oberflächenbelastung. Bisher hatten Instrumente mit ausreichender Energie gefehlt.

Die Firma Siemens nahm nicht nur Notiz von Kersts Beschleunigerbau sondern kaufte kurz vor der Kriegserklärung an Amerika eine Lizenz von General Electric. In einer frühen Übersicht über die Betatronentwicklung zitierte Kayser 1947 einen Patententwurf der Siemens-Mitarbeiter vom Juli 1942 (Siemens Akt. 151, 465, VIII c/122g) und schrieb von einer entscheidenden Konferenz mit Max Steenbeck im Dezember 1942[39]. Eine 'Aktennotiz PAE, Betr. Vorschlag für einen Elektronenbeschleuniger' mit dem Kennzeichen R-Lab.Bi./GB. trägt das Datum vom 18. November 1942[40]. Auf den Bau solcher Geräte fiel unter damaligen Umständen in Deutschland allerdings ein Schatten. Himmler und seine Umgebung hatten den Einsatz von (Röntgen-)Strahlen zur (Massen-)Sterilisation ins Auge gefaßt. Wenn die Fachsparte Medizin und Rassenpflege im RFR (unter Leitung von Ferdinand Sauerbruch) dem KWI für Biophysik (1937 in Frankfurt gegründet, Direktor Boris Rajewski), die große Summe von 375000 RM für eine 3 MeV Hochspannungsanlage zur Produktion von Röntgen-, Neutronen und Elektronenstrahlen bewilligte, mögen auch Eugeniker ihre Pläne mit dem Gerät gehabt haben. Der Auftrag ging an Siemens-Reiniger, zur Auslieferung kam es nicht[41] aber, wie es scheint, zur Umwandlung der Pläne zugunsten eines hochenergetischen Betatrons und damit zur Konkurrenz mit Kopfermann. Kennern der technischen Problematik mag der mögliche kriminelle Einsatz der Maschine insofern kein Problem gewesen sein, als das Regime vermutlich die Entwicklungs- und Bauzeit der Maschine nicht überdauern würde.

In seiner Biographie von Richard Gans ist Edgar Swinne den Umständen einer anderen 'Rheotron - Betatron' - Planung nachgegangen.

Heinz Schmellenmeier (geb. 1909) hatte als Student bei Robert Rompe im Osram-Laboratorium gearbeitet und war wie Rompe und Fritz Houtermans seinerzeit KP-Mitglied. Er hatte 1935 promoviert und war mehrere Monate unter dem Verdacht illegaler Tätigkeit inhaftiert. Seit April 1941 unterhielt er mit Kriegsaufträgen ein eigenes 'Entwicklungslaboratorium Dr. Schmellenmeier' in Berlin-Lankwitz, Leonorenstr. 47. Nach seinem Bericht hatte Fritz Houtermans am 25. März 1943 mit ihm eine dringende Hilfsaktion für Richard Gans entworfen, der seine Beraterposition bei der AEG verloren hatte und zu Aufräumungsarbeiten (Firma Waelisch, Plötzensee) kommandiert war, was in seinem Fall unmittelbare Lebensgefahr bedeutete. Schmellenmeier versuchte in den folgenden Wochen Heeres- und Luftwaffendienststellen für einen Auftrag zu gewinnen. Der Plan für ein Rheotron wurde mit Hans Jensen in Hamburg und mit Fritz Houtermans erstellt, Max Laue, Walter Friedrich (Institut für Strahlenforschung Universität Berlin), Richard Becker, Werner Heisenberg, Walter Gerlach wurden um Unterstützung gebeten. Für die Konzeption des Magneten käme, da Becker überlastet sei, einzig Richard Gans in Frage. Sobald das Luftfahrtministerium dem Antrag Schmellenmeiers eine Aktennummer gegeben hatte, schrieb er unter dem 10. Mai an Himmler, er brauche Gans für den neuen Forschungsauftrag, bitte ihn freizugeben und ihm als Hilfskraft zuzuweisen. "Die Arbeiten können so durchgeführt werden, daß Prof. Gans über die endgültigen Ziele nicht orientiert wird." Gutachten von Jensen, Becker und Laue lagen bei. Ein wiederholt hilfsbereiter Bekannter von Houtermans, Major a.D. Camman, beförderte den Brief über seine Beziehungen zu RSHA-Chef Kaltenbrunner. Im Juli schrieben Laue und Friedrich an Sauerbruch. Unter dem 5. August bewilligte der Reichsforschungsrat das Forschungsvorhaben (weniger als RM 10000) und Gans war fürs erste geholfen.[42]

Walther Gerlach hat sich 1956 nur noch ungenau erinnert, daß 1943/44 bei Siemens unter der Leitung von Gustav Hertz ein Zyklotron geplant wurde und bei der AEG Heinz Schmellenmeier ein Betatron bauen wollte, wobei Richard Gans den Magneten konzipierte.[43]

Die Elektron- und Gamma-Wechselwirkung mit Kernen war (mehr oder weniger bedingt) mit der Vorstellung von `Radien' in Einklang zu bringen, und die Messung von `Kernradien' lag im Arbeitshorizont Kopfermanns. Es heißt, die Publikation Kersts habe Kopfermann den Anstoß zum Plan einer `Elektronenschleuder' gegeben. Richard Becker mag von Schmellenmeiers Antrag beim RFR gesprochen haben und Kopfermann mag auch Kontakt mit Steenbeck gehabt haben. Es bleibt zu klären, wie die Partnerschaft mit der Firma Siemens-Reiniger in Erlangen entstand. Vermutlich über Walter Gerlach, nachdem das Gerät in Betracht gekommen war. Während Kopfermann in erster Linie an die physikalische Grundlagenforschung dachte, wurde die `Elektronenschleuder' mit ihrem medizinischen Anwendungspotential propagiert. Hatten sich nicht auch beim Zyklotron die Tracer-Produktion für medizinische Zwecke und die physikalische Grundlagenforschung in ähnlicher Weise gut ergänzt? In Berlin gaben Ministerium und Walther Gerlach als 'Spartenführer' des RFR grünes Licht. Der RFR orderte gleich mehrere Geräte[44]. Aus dem Wiener Siemenswerk wurde der Ingenieur Konrad Gund als Entwicklungsleiter nach Erlangen geholt und in Göttingen wurde in Zusammenarbeit mit ihm gerechnet und experimentiert[45].

Konrad Gund stellte 1944 einen 6 MeV-Prototyp mit besonders konstanter Röntgenintensität fertig. Am 10.5.44 ging ein Telegramm nach Göttingen: Schleuderstrahl! Einen Tag später reiste Wolfgang Paul für einen Monat nach Erlangen und machte sich mit der `Zwille', wie das kleine Betatron auch genannt wurde, vertraut. Unter dem 13. Juni 1944 schrieb der Direktor des Physikalischen Instituts Jena, U. Kulenkampff an den zuständigen Direktor Anderlohr bei Siemens-Reiniger, daß der RFR ihm einen Forschungsauftrag für Untersuchungen mit harter Strahlung erteilen werde und Fachspartenleiter Gerlach umgehend einen Auftrag für eine 5 MeV Elektronenschleuder an die Firma vergeben würde (DE-Dringlichkeit bis zu RM 10 000). Ein weiterer Auftrag für ein Modell höherer Energie werde in Aussicht gestellt. Unter dem 8 September ging dann ein Schreiben von Siemens an Gerlach, dass man mit der Dienstverpflichtung der drei Mitarbeiter, Dipl. Ing. Konrad Gund. Techniker Ludwig Scheininger und Mechaniker Georg Schwarz für den Bevollmächtigten für Kernphysik einverstanden sei, und dass die drei bei maximaler Arbeitszeit ausschließlich mit dem Bau der Elektronenschleuder gemäß den Aufträgen II.018.44, II.019.44 und II.020.44 befaßt seien. Nach der Besprechung mit Kulenkampff werde die 5 MeV Maschine so schnell wie möglich gebaut. "Nach vorsichtiger Schätzung dürfte hierdurch die Fertigstellung der 20 MeV Elektronenschleuder um etwa 4 Monate verzögert werden..."[46]. Es sollte über ein Jahrzehnt vergehen bis die erste 'große' Schleuder die Firma verlassen konnte.

Rolf Wideroe, der - mit einem Luftwaffenauftrag - bei der Hamburger Firma C.H. F. Müller (einer Philips-Tochter) arbeitete, war der Konkurrenz in Erlangen, Göttingen und Berlin überlegen und hatte bei Kriegsende eine 15 MeV Maschine betriebsbereit.

Den Norweger, der in Aachen studiert und dort 1928 die Idee eines 'Strahlentransformators' entwickelt hatte, konnten die deutschen Besatzer erpressen, weil sie seinen Bruder Viggo (Direktor der Wideröes Flyveselskap) wegen Fluchthilfe zu Zuchthaus verurteilt hatten. Rolf Wideröe wurde im Frühjahr 1943 neben seiner Tätigkeit bei einer Brown-Boveri-Tochterfirma dienstverpflichtet, entwickelte in Oslo bis zum Sommer Pläne für einen 15MeV Prototypen und begann dann in Hamburg, zusammen mit dem Fabrikanten Richard Seifert und den Physikern Rudolf Kollath und Bruno Touschek bei der Firma 'Röntgenmüller' die Maschine zu bauen.[47]

Maria Ossietzki schrieb zusammenfassen zu den 'Elektronenschleudern':

"Auch deren Entwicklung wurde gegenüber staatlichen Stellen zum Teil als kriegswichtig eingestuft; für die Kernphysik und Industrie hatte sie gewiß nicht diesen Stellenwert. Sie sollte vielmehr ein innovatives Instrument für die Kernphysik und Medizin in der bevorstehenden Aufbauzeit sein. Steenbeck kommentierte später: "Das Betatron war sicherlich nicht kriegswichtig; ich weiß auch nicht, ob seine Weiterentwicklung staatlichen Stellen gegenüber jemals ernsthaft so hingestellt wurde. Der tatsächliche Grund für die eigentlich erstaunliche Wiederaufnahme dieser seinerzeit im Frieden sistierten Arbeit während des Krieges war ausschließlich vom Geschäft diktiert: Wenn jetzt auch die Amerikaner daran arbeiten, müssen wir uns sputen, um nach dem Krieg, wie er auch ausgehen mag, unser Gerät baldmöglichst gut auf den Markt zu bringen, notfalls zusammen mit dem amerikanischen Konzern.""[49]

Daran, dass die 'Kriegswichtigkeit' des Betatrons gegenüber staatlichen (oder militärischen) Stellen hervorgehoben wurde besteht kein Zweifel[50]. Ebenso gewiss ist, dass die Betatronentwicklung mit den Plänen in Verbindung zu bringen war, die seit 1943 für den 'Karthagofrieden' geschmiedet wurden.

* * *

Am 25. Mai 1944 befahl Heinrich Himmler[51]:

"Unter den Juden, die wir jetzt aus Ungarn hereinbekommen, sowie auch sonst unter unseren Konzentrationslager-Häftlingen gibt es ohne Zweifel eine ganze Menge von Physikern, Chemikern und sonstigen Wissenschaftlern. Ich beauftrage den SS-Obergruppenführer Pohl, in einem KL eine wissenschaftliche Forschungsstätte einzurichten, in der das Fachwissen dieser Leute für das menschenbeanspruchende und zeitraubende Ausrechnen von Formeln, Ausarbeitung von Einzelkonstruktionen, sowie aber auch zu Grundlagen-Forschungen angesetzt wird. Das Ahnenerbe wird beauftragt, in Zusammenarbeit mit dem RSHA, das unter den russischen Gefangenen eine ähnliche Auswertungsstätte eingerichtet hat, die von der Wissenschaft und Rüstungsindustrie als vordringlich erachteten Aufträge einzuholen und sie zu stellen. Gesamtverantwortung: SS-Obergruppenführer Pohl, wissenschaftliche Leitung: Ahnenerbe, SS-Oberführer (Generalleutnant) Wüst, in Vertretung SS-Standartenführer (Generalmajor) Sievers.Die wertvolle Anregung zu diesem Gesamtkomplex stammt von SS-Obergruppenführer Koppe. Als Sonderauftrag für das Ahnenerbe gebe ich die sofortige Inangriffnahme der vor dem Krieg von Dr. Scultetus angefangenen Rechnungen der Grundlagen für eine langfristige Wettervorhersage, die im Jahre 1939 aus Kriegsgründen abgebrochen werden mußte. Ich wünsche monatlichen Bericht, zum erstenmal am 1.8.1944."

Auf Sievers' Exemplar von diesem Befehl ist handschriftlich vermerkt, daß er am 9.6. 'SS-Standartenführer Spengler' unterrichtete. Das Protokoll einer Besprechung am 15. Juni zwischen Pohl, Sievers und Maurer (SS-Standartenführer) erklärte den Referenten für Naturwissenschaften im RSHA III C Dr. habil. Fischer zum Oberaufseher und hielt unter Punkt 3 fest:

"Es sollen nur die besten Kräfte für die Arbeiten herangezogen werden, etwa 30-40. Die Unterbringung soll in Sachsenhausen erfolgen, da dort die Beaufsichtigung am besten möglich, weil Dr. Fischer in Berlin sitzt"

und unter Punkt 5:

"Nach Regellung der Unterkunftsfrage und Meldung der verfügbaren Fachkräfte werden unter Einschaltung des Reichsforschungsrates durch das Ahnenerbe die Arbeitsaufträge erteilt. Dabei sollen besonders berücksichtigt werden die Arbeitsbereiche der Bevollmächtigten für Hochfrequenztechnik, für Kernphysik und für Strahlvortrieb, sowie Prof. Süss, Freiburg."

Walther Gerlach schrieb am 19.8. an Sievers:

"Mit Interesse nahm ich die Ausführungen ihres Briefes vom 21.8. (7.?) 44 zur Kenntnis. Ich begrüße das Bestreben, das Fachwissen der in Konzentrationslagern sitzenden Wissenschaftler für die Grundlagenforschung einzusetzen und habe in diesem Sinne mit Dr. Graue gesprochen. Auch mit Herrn Prof. Süss, Vorsitzer des Fachkreises Mathematik, werde ich mich in dieser Richtung in Verbindung setzen."

Sievers gab unter dem 1.12.44 zu Protokoll

"in Buchenwald wurden von den dort vorgestellten 37 Häftlingen 14 als brauchbar ausgewählt... vom SS-Rohstoffamt sind 32 Rechenmaschinen übergeben worden."

Die Dokumente bedeuten leider, daß von einer größeren 'Rettungsaktion' in den Lagern im Namen der Wissenschaft nicht gesprochen werden kann, während gleichzeitig Tausende 'Jungwissenschaftler' und Auszubildende im Zug der `Effizienzsteigerung' und Forschungsförderung für Krieg und Nachkrieg ab Frühjahr 1944 im Zug der 'Aktion Osenberg' von der Front zurückbeordert wurden. Es war, als seien Deportierte und Nicht-'Volksgenossen' aus dem Bewußtsein verdrängt.

Ausnahmen hatten ihre besondere Geschichte. Etwa wenn Gerlach seinen Lehrer, Kollegen und Freund, Richard Gans, schützen konnte. Drei Jahrzehnte nach den Ereignissen erinnerte er sich in einem Brief an das Entgegenkommen Wilhelm Spenglers und des RSHA:

"mit dessen Leiter aus mir immer rätselhaften Gründen ein ganz merkwürdiges 'Vertrauensverhältnis' bestand: er kannte meine Einstellung und hat einige heikle Sachen auf meine Hinweise 'erledigt', z.B. die völlige Freistellung von Richard Gans. Mit diesem Herrn Dr. S. wurde auch ihr Fall 'zerredet'[52].

Gans schrieb über eine Begegnung mit Spengler und Fischer an Heinz Schmellenmeier unter dem 19. Oktober 1944:

"Spengler war überaus freundlich und höflich, versicherte mich seines größten Interesses für unsere Arbeit, über deren Stand er mich berichten ließ sowie über die Anwendungsmöglichkeiten des Geräts. Er sagte, daß Kaltenbrunner den Befehl gegeben habe, uns möglichst zu fördern ..."

Walther Gerlach schrieb über seinen Freund Gans in der 'Neuen Deutschen Biographie' 1963:

"Nach Ausbruch des Krieges aber mußte er eine schwere Zeit körperlichen Arbeitens durchmachen - ohne daß er je seine wissenschaftlichen Interessen und seinen überlegenen Humor verlor. Dann gelang es ihn mit Aufträgen des damaligen Reichsforschungsrates zu beschäftigen, mit der Bearbeitung magnetischer und elektrotechnischer Probleme, welche die ersten Versuche zum Bau der Elektronenschleuder (Betatron) als vordringlich hatten erkennen lassen."

Auf der Karteikarte der Personalakte Gans im REM wurde am 30.6.41 eingetragen: 'Gema- Heranziehung'[53]. Weiter oben war von Houtermans, Jensens und Schmellenmeiers Hilfsaktion für Gans im Frühjahr 1943 die Rede. In der weiteren Förderung des Betatronprojektes, das Gans schützte, hatte Walter Gerlach als Spartenleiter im RFR eine Schlüsselposition. Hans Kopfermanns Rolle bleibt im Einzelnen ungeklärt. Victor Weisskopf schrieb nach dem Tod seines Freundes:

"Ihm und einer kleinen Gruppe von Kollegen, Jensen, Becker, Rosbaud, Rompe, Houtermans und Haxel, gelang es, Richard Gans im letzten Moment aus den Händen seiner Henker zu retten, indem sie ihn als einen für die Kriegsanstrengung unabkömmlichen Physiker in ihrer Umgebung hielten."[54]

Weisskopf, der 'Statesman of Science', wird sich überlegt haben, was er schrieb: Kopfermann und eine Gruppe von Kollegen, von denen Richard Becker in Göttingen, Jensen in Hannover und die übrigen in den Berliner Instituten (oder deren Auslagerungsorten) arbeiteten. Unproblematisch ist die Zusammenstellung der Namen nicht. Haxel, Jensen, Rompe waren neue und alte verlässliche Freunde von Houtermans. Richard Becker und Hans Kopfermann oblag die institutionelle Absicherung, die wohl ganz unverzichtbar war. Auf die beiden, besonders vielleicht auf Kopfermann, konnte sich wiederum Gerlach stützen und berufen. Den erwähnte Weisskopf nicht. Vermutlich, weil er als zu sehr kompromittiert galt. Schmellenmeier (wie Rompe jetzt in der DDR) war weniger bekannt als die Kollegen und wurde, obwohl Gans' unmittelbarer 'Retter', vielleicht schlicht vergessen. Edgar Swinne hat über Gans berichtet:

"In den letzten Kriegsmonaten entkam er durch rechtzeitige Warnungen und die Bemühungen einiger jüngerer Kollegen den Nachstellungen der Gestapo, zuletzt nur noch durch Flucht".

Die jüngeren Kollegen waren Houtermans, Jensen, Schmellenmeier, aber auch Camman, der militärische Bekannte Houtermans, der Ende März 1945 Gans warnte und Schmellenmeier veranlaßte, sich mit seinen Mitarbeitern aus Oberoderwitz, wohin das Labor ausgelagert war, nach Oberfranken auf die Flucht zu begeben. Nach der Befreiung versuchte Richard Gans in München einen Neuanfang (s.u.). Im Mai 1946 schrieb er an Gerlach:

"Ich schreibe ein M.S. über die Stabilität der Elektronenbewegung im Rheotron auf Sommerfelds Veranlassung zusammen. Ich bin ein gutes Stück weiter gekommen als Steenbeck und Kerst und Serber und kann die Feldverteilung derart angeben, dass die Bewegung nicht nur in der Nähe des Sollkreises stabil ist, sondern in endlich angesiedelten Gebieten um den Sollkreis herum..."[55]

Es erscheint symptomatisch, daß er 1947 (noch bevor Gerlach aus Bonn nach München zurückkehren konnte) den Neuanfang aufgab und Deutschland verließ. Als Helmut Jahn und Hans Kopfermann drei Jahre später "Zur Theorie der Radialschwingungen der Elektronen in einer Elektronenschleuder" publizieren, wurde Richard Gans nicht einmal erwähnt. Er schien vergessen.

* * *

Kopfermann reiste, wie erwähnt, 1943 nach Holland und im Frühjahr 1944 nach Straßburg, Genauerer Anlaß und Zweck dieser Reisen sind nicht bekannt. Außerdem geht aus den Akten des Göttinger Universitätsarchivs noch hervor, daß er am 3. Januar 1944 einen Antrag für eine Vortragsreise nach Basel stellte, und Rektor Correns und der Dozentenführer keine Einwände hatten. Der Vorsitzende W. Kuhn der Basler Naturforschenden Versammlung hatte Kopfermann eingeladen. In den Mitteilungen der Versammlung, die regelmäßig über die stattgefundenen Vorträge unterrichteten, fand sich keine Notiz über einen Vortrag Kopfermanns[56].

Göttingen blieb relativ unzerstört, das Institut ganz ohne Schaden. Peter Brix, für den die 'Osenberg-Aktion' nach vier Jahren, im Februar 1944, das Ende des Frontkriegs brachte, wohnte im Institutsgebäude als 'Luftschutzwart'. Am 8. April 1945 lag Göttingen hinter der Front. Als am 17. Samuel Goudsmit und Robert Furman im Rahmen der 'Alsos-'Mission, die vor allem deutsche 'Bombenbauer' im Visier hatte, bei Hans Kopfermann auftauchten, konnten alle Vorwände und, soweit noch vorhanden, die Tarnung als `Kriegsforschung' fallen. Hinfällig wurde allerdings auch die finanzielle Förderung.[57]

Die zurückliegenden kollektiven Untaten der zwölf Jahre und besonders die der Genozidphase, gewannen jetzt erst recht ihre, offen oder insgeheim das weitere gesellschaftliche Leben prägende, Bedeutung. Einerseits zwang die Not zum Handeln, und die Befreiung gab dazu auch die Möglichkeit, andererseits floß ein ungeheurer Tatendrang zum schnellen 'Wiederaufbau' aus Quellen bewußter Schuld, ungeklärter Schuldgefühle und aus denen des Verdrängen- und Vergessenwollens. Mancher, der seine Umgebung vom kollektiven Denk- und Handlungszwang befreit geglaubt, erschrak vor einem zwanghaften Wiederaufbauwillen, der ohne viel zu fragen, was in den gesellschaftlichen und politischen Grundstrukturen des Zusammenlebens zerstört war (oder sich nie hatte bilden können), und wie das neu aufzubauen sei, den materiellen 'Wiederaufbau' vorantrieb, und sei es mit den 'bewährten' Methoden und Akteuren der Kriegswirtschaft. Der deutliche Erfolg schien solche Kopflosigkeit zu rechtfertigen. Der nötige Abstand zu dieser Nachkriegsentwicklung war den meisten Physikern aus mancherlei Gründen kaum gegeben, schon gar nicht, solange sie glaubten, sich nicht kompromittiert zu haben und der Ansicht waren, ihr 'Wiederaufbauprogamm' schon vor Kriegsende energisch befördert zu haben.


[1]Armin Hermann, "Das Zeiss-Werk im Dritten Reich" in Meinel, Voswinckel Hg., a.a.O., S.97

[2]BA/BDC Ingenieure, Akte Joos

[3]Göttingen, Universitätsarchiv, PA Kopfermann

[4]Sämtliche Briefe Privatarchiv Charlotte Gmelin. Mein Dank geht an Frau Gmelin für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen und die sehr großzügig gewährte Einsichtnahme

[5]Im nachfolgend zitierten Brief schrieb sie enleitend: "Ich bin traurig von Traunstein zu Fuß heimgelaufen; an der kl. Kapelle hinter Erlstädt traf ich Herrn Recht mit seinen Pferden u. einem vollen Getreidewagen; der lud mich auf u. da er zur Gori-Liesel wollte, nahm er mich bis Laimgreb (?) auf einem vollen Sacke sitzend mit, bei herrlicher Abendsonne u. plötzlicher Windstille. Als ich nach Haus kam, weinte Michael, weil ihm nun klar war, daß Sie wirklich alle fort sind, u. wir haben uns beide nur schwer beruhigt. Ich habe dann noch am selben Abend eine fieberhafte Tätigkeit entfaltet, die bis heute anhielt: ich habe geräumt u. gerummelt u. tatsächlich am Freitag Nachmittag zwei große Koffer fortgeschickt mit viel überflüssigen Sachen. So kam ich bisher über alles fort. Dazu hab ich mir am Freitag und Sonnabend große Wäsche aufgebrannt: ich wollte unglücklich sein".

[6]"Auf die Nachricht von meinem Mann hab ich bis Freitag Mittag warten müssen. Er schickte nur ein kurzes Telegramm, daß am Donnerstag (23.) Verhandlung im Ministerium sei, u. abends kam dann der aufklärende Brief. Er hat so spät geschrieben, da er in Göttingen den Rektor u. Dekan nicht antraf u. am Montag dann von Hannover aus, wo er über Sonntag meine Mutter besuchte, noch einmal hinfuhr. Nun haben wir unsere Hoffnung, also auf den "Donnerstag" gesetzt, u. da er so optimistisch schrieb, habe ich mich entschlossen, nächsten Sonntag nach Göttingen zu fahren. Ich habe an Frau Glatzel geschrieben, daß sie mir ein Zimmer bestellt, habe zwei Wohnungsanzeigen aufgegeben, eine für eine "komfortabe 5-6 Zimmerwohnung", eine für eine möblierte Sommerwohnung in der unmittelbaren Umgebung von Göttingen, u. ich hoffe nun, daß irgend etwas zustande kommen wird."

[7]"Liebe Frau Gmelin. Ich war heute auf der Molkerei wegen Ihrer Karten. Die Bestellscheine für die Eier sind leider schon abgeschickt u. ich muß die Eier nachschicken. Vielleicht kann ich es erst nach meiner Rückkehr machen (Mitte, Ende nächster Woche?), da ich fürchte, morgen im Gedränge der Reisevorbereitungen keinen passenden Karton aufzutreiben (es sind 30 Stück!) Falls ich Frau Dorn noch sehe, bitte ich sie es zu tun, damit es schneller geht. Die Dicke weiß von keinen Nährmittelkarten für die Kondensmilch; natürlich!! Aber Sie bekommen die Dosen; ich muß warten, bis alle Leute ihre Milch haben; der Rest ist dann die Ihrige. Mit Frl. Pfeilstetter spreche ich morgen früh. Das Öl gibt es erst in der 37. Periode u. ich fürchte, Frau Dorn muß es uns allen nachschicken... Herzl. Grüße Ihre H.K."

[8]"Wenn ich Glück hab, bekomme ich den D-Zug in München, kann noch einmal in unser Park-Café gehen u. sehe abends meine beiden kleinen Trabanten wieder. In Erlangen war es sehr unbefriedigend? Große Schwägerin in Berlin, kleine da; aber ach! Wäre ich nur nicht gefahren, hab ich gedacht. In Göttingen war es sehr hübsch u. die Menschen wirklich nett, vor allem "Sabine" und Frau Glatzel, letztere mit ganz gutem Gewissen und in dem Glauben, gerade Ihnen oft geschrieben zu haben. Sie hat sehr herzlich nach unserem Leben gefragt. War sehr glücklich u. froh; äußerlich sehr hübsch und stilvoll. Becker läßt Sie grüßen. - Wollen Sie nach Kiel? Ich bin sehr gespannt auf einen Brief".

[9]"Mein Mann ist vorigen Sonnabend um 10 Uhr aus Kiel abgefahren, im selben Augenblick als Sie ankamen. Es hat ihm so leid getan! Nun sitzen wir in der "Sonne", einem netten kleinen Hotel; er strebt ins Institut, ich zu den Handwerkern. Die Wohnung ist nicht so weit gediehen, wie ich hoffte, wird aber hübsch; alles neugemacht, was im Krieg ein reines Wunder ist. Bis auf 2 Blümchentapeten auch geschmackvoll. Heute nachmittag wird der Möbelwagen ausgeladen u. wir wollen dann schon darin schlafen u. werkeln. Die Reise von Chieming ist mühevoll; nachts um 2 Uhr hier an. Die armen kleinen Mäuse! Vielleicht holt mein Mann sie, vielleicht ich, je nachdem, wie es hier läuft.

[10]Weiter hieß es: "Haben Sie Walcher gesehen und gehört, daß er einen zweiten Jungen hat (Gott sei Dank ist's ein Junge geworden; sonst müßten wir hier eine Corinna erwarten)? Ich wollte Sie schon vor ein paar Tagen bitten, ihr, Frau Walcher einen Blumenstrauß zu besorgen, bin dann aber eben nicht dazugekommen. Können Sie es wohl noch tun? Und ihr sagen, daß er eigentlich schon zum Einzug da sein sollte, nur eben aufgrund der Kopfermannschen Bummelei zu spät kommt. Und schicken Sie mir die Rechnung, gleichzeitig mit meinen alten Schulden aus Chieming u. Traunstein. Ich lege die Gegenrechnung bei. -

Ich hab Schuhe von Michael in Chieming reparieren lassen für Berni; ich hätte sie geschickt, denke aber, es ist besser, ich schicke sie gleich an Ihre neue Adresse. Kleines Bettlaken und großen Bezug, den sie mir für Renate gaben, schicke ich noch nach Kiel. - Haben Sie Dank für die Käsemarken! Unser hungriges Herz schlug höher bei ihrem Anblick; aber Sie dürfen es nicht tun!

Von Frau Dorn höre ich gelegentlich aus Chieming; sie hat mein Öl geschickt und berichtet von Kirschmeiers, daß sie Einquartierung ins Haus bekommen, den Flakkommandeur. Ob der wohl den Fußboden gut bürstet u. Daggerle trägt?"

[11]"Liebes Mummlein; wir haben so lange nicht geschrieben, nur die kurzen Grüße aus Tirol, die Sie hoffentlich bekommen haben. Unser achttägiger Urlaub war schön; nur war das Heimkommen schwierig. Henny war krank geworden, u. wir fanden meine Mutter ziemlich verzweifelt mit den beiden Kindern allein vor; sie fuhr dann gleich nach Hannover, u. da Henny noch die Woche im Krankenhaus blieb, können Sie sich denken, wie geplagt ich mir vorkam. Die letzte Woche war ich dann selbst noch ein paar Tage krank; unbekannte Diagnose. Wahrscheinlich hatte ich den ganzen Kram satt u. flüchtete ins Bett. Nun geht es aber alles wieder gut; Henny ist zurückgekehrt u. ich hoffe, wieder zu Verstand u. zu Kräften zu kommen. Die Kinder sind sehr munter u. Gott sei Dank gesund; wir singen Weihnachtslieder mit ihnen, wobei Sie sehr vermißt werden, u. denken nach, wie man den Weihnachtsmann bewegen kann, sich zu betätigen. Hier gibt es absolut nichts, u. wir sehen trüb. (Auch Wollsachen für Ihre Kinder gibt es nicht; ich habe verschiedentlich gefragt)".

[12]Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis um letzten. Tagebücher 1942-1945, Berlin, Aufbau, 1995, S.9

[13]Ebenda, S.97 (24. Mai)

[14]Ebenda, S.420 (14. August 1943)

[15]Ebenda, S.398

[16]Ebenda, S.393

[17]Die aufmerksame Beobachterin jugendlicher Entwicklung teilte weiter mit: "Es war aber eine hübsche Nacht; er war friedlich u. zufrieden; und ich habe gemerkt, wie sehr ich ihn in den 6 Wochen vermißt habe. Es war sehr interessant, seine Berichte über das Kinderheim anzuhören. Es hat ihm im ganzen gut gefallen, u. er hat in menschlicher Beziehung viel gelernt. Er zieht sich nun wirklich ohne jede Hilfe an, wäscht sich selbst u. verlangt kleine Ämter, die er auch getreulich ausübt. Sie scheinen wirklich viel Anregung gehabt zu haben; sein Repertoire an Liedern, Gedichten, Spielen u.s.w. ist sehr erweitert. Er betet nun auch jeden Abend u. findet es traurig, daß wir es nicht auch bei den Mahlzeiten tun, und seine Tischsitten sind so, daß selbst Sie zufrieden wären. An Gewicht hat er 3 Pfund zugenommen, wovon allerdings mindestens 1/2 Pfund auf den Haarwuchs anzurechnen war. Als Nachteil ist zu vermelden, daß er recht nervös ist, ich weiß nicht ganz, warum und daß er gelernt hat, prüde zu sein (ohne zu wissen, um was es sich eigentlich handelt): er wäscht sich nur noch mit Unterhöschen; erst oben, dann unten; dann wird's Höschen blitzschnell ausgezogen, ein Bademantel angetan und das Mittelstück wird nun unter dem Bademantel behandelt. Renate imponiert diese Methode ganz ungeheuer u. sie will es auch so haben; beide sind nur unter großem Widerstand unbekleidet in die Wanne zu kriegen. Im ganzen, glaube ich, war der Aufenthalt gut, und trotz meines kläglichen Anfangs bin ich wohl geneigt, die Kinder einmal wieder dorthin zu geben."

[18]Eva Schlemmer, (1882-1951) Pianistin und Musikwissenschaftlerin, seit 1906 mit Victor Klemperer verheiratet.

[19]Ebenda, S.

[20]Physikalische Blätter 3, 1947, S.34

[21]Armin Hermann, Phys. Blätter 51, Nr.3, 1994, (Geschichte der DPG)

[22]Ebenda, S.101

[23]Brief Lutz 28.4.1950 aus Berlin. Nachlaß Alfred Kastler, ENS Paris, Kasten 17

[24]Joseph Borkin, a.a.O., S.118-121

[25]Mitgliederliste im BDC/BA, Nr. 2974, Adresse Franz-Josef Str. 15. Die Personalkarte Gerlach des REM (BDC/BA) führt eine Anfrage an, die das Bayr. Staatsministeriums für Wirtschaft, Bezirkswirtschaftsamt für den Wehrwirtschaftsbezirk VII München 23, Leopoldstr.28 unter dem 11.11.1940 an die Gauleitung München Oberbayern, Praunerstraße, richtete, ob über Gerlach nachteiliges bekannt sei, man wolle ihn in einer Vertrauensstellung vewenden. Um welche 'Verwendung' handelte es sich?

[26]Rudolf Heinrich und Hans-Reinhard Bachmann a.a.O., S.71 zitieren den Mathematiker Oskar Perron (Brief vom 29.9.46) mit der Erinnerung an eine Fakultätssitzung in der Müller äußerte, er käme gerade aus der Reichskanzlei und Gerlach erwiderte "Es ist mir scheißegal, aus welcher Kanzlei sie kommen".

[27]Ebenda, S.86; Original englisch, meine Übersetzung. Werner Gerlach war, wie weiter oben bereits angeführt, Pathologe mit hohem SS-Rang.

[28]Ebenda, S.90. Adolf Baeumker (1891-1976), ehemaliger Sekretär der Luftfahrtakademie, arbeitete nach Kriegsende in USA.

[29]BDC/BA wi a 485: Schreiben 'geheim' vom 22.2.1944 Dr Fischer an Gerlach 32Ib Dr.Fi/Gdt Ger 8/32/6 Rf3842/44; Kennwort Ger 8/32/6 'Kernphysik', Heil Hitler, gez, Mentzel, Ministerialdirektor...

[30]BDC/BA, wi a 485 Schreiben vom 26.8.44

[31]Ebenda, DB Dep.-ka Y 2 Berlin-Schmargendorf, Hundekehlestrasse; Konto 8632 c bei der Bayrscen Hypo und Wechsel, Filiale Schwabing

[32]Vgl. Rudolf Heinrich und Hans-Reinhard Bachmann a.a.O., S. 88

[33]Ebenda, Zitat aus einer eidesstattlichen Erklärung für Spengler vom 19.1.1950

[34]Zitiert nach Heinrich und Bachmann a.a.O., S.89. Meine Übersetzung

[35]Ebenda, S.88

[36]Rolf Wideroe, Archiv für Elektrotechnik, 21, 1928, S.387

[37]Hans Kopfermann und Helmut Jahn, Annalen der Physik 6. Folge, Bd.6 1949, S.20 zitierten eine Arbeit von M. Steenbeck und A. Spenke, Unveröffentlicht, 1935

[38]Maria Osietzki, Physik, Industrie und Politik in der Frühgeschichte der deutschen Beschleunigerentwicklung, Manuskript, S.12, S.28. S.auch dieselbe, "Zur Entwicklung der ersten deutschen Teilchenbeschleuniger bei Siemens 1935-1945", Technikgeschichte 55, 1988, S.25-46

[39]Herman F. Kayser, "European Electron Induction Accelerators", J. of Applied Physics 18, 1947, S.1. Übrigens wurden auch unter Walter Bothes Regie Anstrengungen zum Bau eines Betatrons unternommen.

[40]Archiv Siemens-Reiniger, freundliche Mitteilung Jost Lemmerich

[41]Ute Deichmann, a.a.O. zitiert eine Aktennotiz vom 26.10.44. Walther Gerlach, Rudolf Mentzel und Erich Schumann (Bevollmächtigter für Sprengstoffphysik) hatten beschlossen, daß die 3 (30?) MeV Anlage nicht an Rajewski gehen sollte.

[42]Alle Angaben nach Heinz Schmellenmeier und Edgar Swinne: Vgl. Heinz Schmellenmeier "Die Affäre Prof. Dr. Richard Gans" in Edgar Swinne, Richard Gans, Hochschullehrer in Deutschland und Argentinien, Berlin, ERS, 1992

[43]Heinrich und Bachmann, a.a.O., S.90 zitieren einen Brief Gerlachs an Hans Thirring vom 15.4.56: "und dann haben etwa 43/44 Siemens und die AEG je eine Entwicklung gemacht, und zwar hat Siemens unter der Leitung von Hertz ein Zyklotron auf dem Gelände in der Nähe des Wernerwerkes errichten wollen; das andere war eigentlich kein Zyklotron, sondern ein Betatron und wurde von einem Dr. Schmellenmeier in Berlin angefangen, wobei Richard Gans den Magneten entwickelte...".

[44]Zum Teil mit gewagten, weil gänzlich fiktiven Angaben zur 'Kriegswichtigkeit' (Wunderwaffe zur Flugabwehr) Vgl. Heinz Schmellenmeier, loc. cit. S.122. Dort auch ein Brief Max von Laues an Ferdinand Sauerbruch, das Rheotron dürfte sich "sowohl den ohne technische Hilfskräfte arbeitenden Arzt wie für bewegliche Lazarette besser eignen als die jetzt üblichen Hochspannungsapparate. Zudem hofft die Firma, diese im Preis unterbieten zu können..."; Peter Brix zitierte anläßlich der Taufe der Garchinger 'Kopfermannstraße' 1994 die Formulierung eines Auftrags: "Ein Tron nach besonderen Angaben von Herrn Kopfermann"

[45]Ich beziehe mich wiederum die Ansprache von Peter Brix bei der Garchinger Straßentaufe, Videoband Ilse Brix.

[46]Archiv Siemens Reiniger. Freundliche Mitteilung Jost Lemmerich.

[47]Maria Osietzki, Physik, Industrie und Politik in der Frühgeschichte der deutschen Beschleunigerentwicklung, Manuskript,S.30. S.auch dieselbe, "Zur Entwicklung der ersten deutschen48Diese Angaben und weitere Einzelheiten s. Als die Teilchen laufen lernten. Leben und Werk des Großvaters der modernen Teilchenbeschleuniger bei Siemens 1935-1945", Technikgeschichte 55, 1988, S.25-46- Rolf Wideröe. Zusammengestellt und redigiert von Pedro Waloschek, Braunschweig, Vieweg, 1993

[49]Maria Osietzki, Physik, Industrie und Politik in der Frühgeschichte der deutschen Beschleunigerentwicklung, Manuskript, S.30

[50]Vgl den Brief Laues an Sauerbruch, vor allem aber Heinz Schmellenmeier, a.a.O., S. 129 zu der 'Wunderwaffe', die mit ionisierender Strahlung die Zündung in Flugzeugmotoren stören sollte: "Gans sagte mir: "Ja, sie haben den Comptoneffekt vergessen!" Dazu ich: "Herr Gans, wollen Sie jetzt, wo das glorreiche Dritte Reich am Zusammenbrechen ist, anständige Physik machen, oder wollen Sie überleben?""

[51]Im folgenden zitiere ich die Akten des BA/BDC A474

[52]Brief an Werner Heisenberg vom 1.2.1975, angeregt von einem Artikel in der Abendzeitung vom 27.1., in dem über Heisenbergs Besuch in Zürich 'gegen Ende des Krieges' berichtet worden war sowie über Verdächtigungen des Verrats, denen sich Heisenberg anschließend ausgesetzt sah. Gerlach fuhr fort: "Da dabei der Name Scherrer eine Rolle spielte, habe ich beim ersten Nachkriegsbesuch in Zürich (vielleicht 1950) Scherrer, mit dem ich seit 1916 recht freundschaftlich verbunden war, gefragt: 'Was war damals eigentlich mit Heisenberg los?' Seine Antwort war: 'Ich möchte über diese Sachen nicht mehr reden'" . Rudolf Heinrich und Hans-Reinhard Bachmann, a.a.O. S.92

[53]Karteikarte Gans des REM im BDC/BA; Gema = Gemeinnützige Arbeiten? (vgl. den weiter oben zitierten Bericht Victor Klemperers)

[54]"His small group of colleagues, Jensen, Becker, Rosbaud, Rompe, Houtermans, Haxel and he succeeded in rescuing Richard Gans at the last moment from the hands of his executioners by keeping him as a physicist necessary to the war effort." s. Victor Weisskopf, Hans Kopfermann, Nuclear Physics 52, 1964, (S.177-188), S.181

[55]Zitiert nach Edgar Swinne, loc.cit, S.138

[56]Ich danke Herrn Dr.Raffael Winkler, Redaktor der Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft beider Basel für seine Nachforschungen und die freundliche Mitteilung

[57]Samuel Goudsmit hatte erfahren müssen, daß beide Eltern in Holland deportiert und ermordet waren. Während die beiden Besucher bei Kopfermann saßen, tauchte Fritz Houtermans auf. Houtermans hatte einen Brief an Patrick Blackett in der Tasche, den Thomas Powers nach David Irvings Papieren (Mikrofilm) zitiert hat. Vgl. Thomas Powers, loc.cit.,. Daraus und aus dem Bericht Goudsmits geht hervor, daß Houtermans (und auch Kopfermann?) äußerten, die meisten Physiker und auch Heisenberg hätten mit den Worten des letzteren "den Krieg für die Wissenschaft" nutzen wollen und nicht umgekehrt.

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