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Der Niederschlag der zwölf Jahre. Kernmomente

(vorläufig)

Die Geschichte der zwölf Jahre gewinnt in der wählerischen Tätigkeit des Wiedergebens und Niederschreibens, die eben Geschichte genannt wird, ihr Gesicht als die Geschichte des Genozids. Mit jedem Teilstück aus der Vergangenheit, aus der Politik, aus 'friedlichem Alltag' oder mörderischem Krieg. Die Problematik kollektiven und individuellen Verhaltens in diktatorischen Verhältnissen, in der Praxis 'friedlichen' Zusammenlebens wie auch im Krieg, schließt die Wissenschaft ein, die Wissenschaftspolitiker, die Frauen und Männer in Physik und Technik, die hier den 'Gegenstand' bilden. Der Autor möchte sich und dem Leser darlegen, wie sich Handlungen und Akteure zur Wahrnehmung von Machtverhältnissen, Wirtschaft und Krieg in Beziehung setzen lassen, und damit auch zu den Verbrechen im Regime. Konnte ein Physiker nicht entschiedener, aktiver, 'stiller' oder partieller Regime- und Kriegsgegner sein und sich über Handlungen und persönliche Beziehungen vollkommen täuschen, die faktisch den mehr oder weniger heimlichen, verbrecherischen Absichten und Interessen entgegenkamen? Hat nicht schließlich die Aussicht auf ein Ende der Diktatur und das Kalkül mit Nachkriegsplänen den Abbruch des Genozids verzögert und - im Nachhinein gesehen - den Einblick in das 'Staatsgeheimnis' erst recht verstellt? Es verbietet sich vielleicht, darüber einfach mit 'Ja' zu befinden, aber ein einfaches 'Nein' kann auch nicht die Anwort sein. Zumal der Völkermord nur 'Programm' werden konnte, weil uneingestandene und unbewußte Zielsetzungen in der Gesellschaft mitspielten. In der Wissenschaft wie in der Gesellschaft.

Hertha und Hans Kopfermann erlebten die Vertreibungswelle, die die nationalsozialistische Machtübernahme auslöste, in Kopenhagen, und sie erlebten dort die 'Reaktion des Auslands', die eine doppelte war: Hilfe für die Exilierten und weitere Zusammenarbeit mit Kollegen in Deutschland in der Hoffnung auf eine baldige Umkehr der politischen Lage oder zumindest auf eine Abkehr des Regimes vom antisemitischen Fanatismus. Hans Kopfermann machte sich Anfang Mai 1933 auf einer zweiwöchigen Reise nach Göttingen, Berlin und Rostock ein Bild von der Lage, das in einem ausführlichen Brief an Niels Bohr zum Ausdruck kam. Das Schreiben, sowie der beigelegte Zeitungsartikel Wolfgang Köhlers zeugten von Ablehnung der antisemitischen Maßnahmen, doch mehr noch von Unklarheit über den ganzen Umfang ihrer Bedeutung und der des Machtwechsels. Kopfermanns 'Realismus' wirkt auf den heutigen Leser vielleicht allzu nüchtern, und Köhlers Zuflucht zur 'Sklavensprache' lassen kaum die Schärfe vermuten, die sein Protest in der Wahrnehmung der Leser von damals gewinnen konnte. Übrigens schien die größte Gruppe der Ausgeschlossenen im akademischen Umfeld, die der Studentinnen und Studenten, hier wie auch sonst, nicht im Blickfeld.

Das engere Arbeitsgebiet der Atom- und Kernphysik zeichnete sich dadurch aus, daß die Exilierten, verglichen mit Kollegen anderer Wissenschaften, leichter Arbeitsmöglichkeiten im Ausland fanden, und ihre Rolle in der Fachgemeinschaft nicht geringer, sondern eher größer wurde, als sie in Deutschland hätte werden können. Der ohnehin vorhandene Trend zum Bedeutungsverlust der deutschen in der internationalen, vor allem in Amerika sich stürmisch entwickelnden Kernforschung wurde dadurch noch verstärkt.

Einem relativ jungen Kollegen wie Hans Kopfermann wäre es schwer gefallen, das fachliche Gewicht der Exilierten zu übersehen. Identifikation mit der Diktatur und berufliches Erfolgsstreben ließen sich vielleicht weniger leicht miteinander verbinden als in anderen Berufen. Politische Argumente und persönliches Gerechtigkeitsempfinden bleiben davon unbenommen. Für Hans und Hertha Kopfermann wog besonders schwer, daß sowohl die akademischem Lehrer (Richard Courant, James Franck, Max Wertheimer) wie auch nächste Freunde und Bekannte vertrieben wurden (Carl Gustav Hempel, George Placzek, Victor Weisskopf) oder emigrierten (Wolfgang Köhler, Erwin Schrödinger, Hertha Sponer).

Als sich an die anfängliche 'Putschphase' ab 1934 eine bis etwa 1937 anhaltende 'Formierungsphase' des Machtkartells anschloss, hatte Kopfermann zwar insofern einen Vorteil gehabt, als seine neue Arbeitsstelle nur frei geworden war, weil Fritz Houtermans aus politischen Gründen ins Exil gehen mußte, aber der Wechsel von der Assistentenstelle im KWI zur Oberassistentenstelle im physikalischen Institut der TH bedeutete für ihn keinen großen 'Karriereschritt'. Allerdings hatte die Technische Hochschule Charlottenburg die besondere Aufmerksamkeit der Rüstungsplaner und Technikpropagandisten, was hinsichtlich der Arbeitsmittel positiv zählen konnte und sich hinsichtlich des politischen Durchgriffs nicht unbedingt negativ auswirkte: 'Techniker' hatten vor dem Hintergrund von Wirtschafts- und Rüstungsinteressen 'politisch' einen Bonus gegenüber anderen 'Akademikern'.

Gustav Hertz, der Institutsleiter, teilte mit James Franck und Fritz Haber die internationale Bekanntheit und das Prestige des Nobelpreisträgers. Wenn er eine andere Haltung einnahm und im Land blieb, geriet er damit bei den exilierten Kollegen nicht ins Zwielicht. Er spielte die Karte politischer Zurückhaltung und betonter 'Sachlichkeit' aus. Der Blick von Kollegen im In- und Ausland war auf ihn gerichtet. Sein Oberassistent konnte ebensowenig der Aufmerksamkeit dieser Kollegen entgehen, wie der der der politischen Organe, in erster Linie des zuständigen Ministeriums. In dieser Situation gewann Kopfermann ein 'Profil', das ihn fortan charakterisieren mochte: er stand neben dem Institutsleiter, offenbar ohne besondere Widerstände des Regimes gegen sich herauszufordern. Auch nicht seitens des ehemals Göttinger Kreisleiters der NSDAP, Abteilungsleiters im KWI nach der Vertreibung Fritz Habers und zunehmend gewichtigen Wissenschaftspolitikers Rudolf Mentzel.

Als zwei Jahre später rassistische Verordnungen auch die Lehr- und Prüfungstätigkeit von Gustav Hertz eingeschränkt hätten, erklärte der seinen Rücktritt und vertauschte das Hochschullehramt mit der halbwegs angemessenen Position eines Laborleiters bei Siemens. Der Schutz, den ihm diese Stellung bot, war allerdings hinsichtlich der Rüstungs- und Kriegsforschung kompromißträchtig. Als Nachfolger an der TU kam an erster Stelle Walther Gerlach in Frage, der aber wieder, wie schon 1928, ablehnte. Nach einem Jahr des 'Interregnums' übernahm Gerlachs Nachfolger in Tübingen, Hans Geiger, das Amt. Gleichzeitig wurde Richard Becker nach Göttingen versetzt und Hans Kopfermann kam für Berufungen nach Frankfurt und Leipzig in Frage. Anfang 1937 avancierte er zum nicht beamteten Extraordinarius.

Er machte, abgesehen vom formalen Beitritt zum NSLB, Reichsschaft Hochschullehrer, 1934, und zur NSV, 1937, keine besondere Anpassungsanstrengung. Eine solche hätte allerdings auch nicht so leicht das à tout des Weltkriegsoffiziers und Freikorpskämpfers vergrößert, auf das er sich kaum besonders zu berufen brauchte: solche Meriten sprachen sich bei den neuen Machthabern schnell herum. Im physikalisch-technisch ausgerichteten Institut, in dem, neben Gustav Hertz, Richard Becker die Theorie vertrat, und Wilhelm Westphal die Grundkurse hielt, hatte der Oberassistent genügend freie Hand, sein im KWI und in Kopenhagen begonnenes Programm spektroskopischer Kernphysik fortzusetzen. Als er im März 1936 auf der Physikertagung in Zürich eine Übersicht über das Arbeitsgebiet vortrug, hatten erste Doktorandinnen und Doktoranden zum Erfolg beigetragen (Barbara Fuchs-Jaeckel, Maria Heyden-Joerges, Karl Krebs, Hubert Krüger), und mit dem jüngeren Kollegen Ebbe Rasmussen in Kopenhagen war die Zusammenarbeit auf Dauer etabliert. Die in den Naturwissenschaften erschienene Niederschrift des Züricher Vortrags - die erste größere Übung in eigener wissenschaftlicher Prosa - erklärte dem Nichtfachmann unter den Physikern das 'Phänomen' der Hyperfeinstruktur ganz aus der Sicht des 'Experimentators':
"Wenn man das Atomspektrum eines Elementes mit mehreren Isotopen in einem Spektralapparat mittleren Auflösungsvermögens betrachtet, so wird man feststellen, daß bis auf seltene Ausnahmefälle jede Spektrallinie einfach ist. Im Sinne unserer derzeitigen Anschauungen über den Bau der Atome wird dieser Befund so gedeutet: Da Isotope eines und desselben Elementes dieselbe Kernladungszahl Z besitzen, so haben sie auch dieselbe Zahl und - in der betrachteten Näherung - dieselbe Anordnung der Elektronen in der Atomhülle; sie haben daher in der gleichen Näherung dieselben Energiezustände und senden nach der Bohrschen Frequenzbedingung somit auch dieselben Frequenzen aus. Beobachtet man aber diese Linie mit Spektralapparaten extremen Auflösungsvermögens - etwa mit einem Pérot-Fabry Etalon -, so sieht man, daß sie im allgemeinen aus einer Gruppe von eng beieinanderliegenden Komponenten bestehen, deren relative Lage und Intensität einfache Gesetzmäßigkeiten aufweisen. Diese sog. Hyperfeinstruktur wird heute auf drei verschiedene Kerneigenschaften zurückgeführt, die im folgenden näher besprochen werden sollen: 1. auf den Kernspin, 2. auf Unterschiede in den Isotopenmassen und 3. auf Unterschiede in den elektrischen Kernfeldern der Isotope".[1]

Kopfermann konnte als der 'Mitentdecker' des 2., des Masseneffektes, gelten. Den größeren Anteil an der Feststellung der angegebenen, am Anfang der Kernphysik im Zentrum des Interesses stehenden drei Kerneigenschaften, hatte allerdings bis dahin 'die Konkurrenz', Theodor Schmidt und Hermann Schüler. Diese Konkurrenz konnte ihr Labor aus der Potsdamer Astrophysik in das lange geplante und endlich - mit einer beträchtlichen Rockefeller-Investition im NS-Staat - entstandene KWI Physik (Leitung Peter Debye) verlegen.

Die 'reine Grundlagenforschung' - Kopfermanns primäres Interesse - hatte einen praktischen Aspekt im Zusammenhang mit dem von Gustav Hertz angeregten Schwerpunkt des Instituts, den technischen Isotopen-Anreicherungsverfahren:

"Vom Standpunkt der Isotopenforschung aus gesehen, muß man die geschilderten Sachverhalte so bewerten: / Es ist möglich, aus optischen Untersuchungen von Spektrallinien quantitative Aussagen über Isotopenmassen und Isotopenmischungsverhältnisse zu machen... / Ein wichtiger Vorzug der optischen Methode besteht darin, daß sie weit weniger Substanzmengen benötigt als die massenspektroskopische. Man kann die Analyse von Hyperfeinstrukturen bei geeigneter Lichtquelle bequem mit wenigen Milligrammen durchführen (wobei außerdem die benutzte Substanz fast 100prozentig zurückgewonnen werden kann), während bei massenspektroskopischen Untersuchungen größenordnungsmäßig 100fache Mengen notwendig sind. Handelt es sich z.B. darum, seltene Isotope anzureichern, was augenblicklich eines der aktuellsten Probleme der Isotopenforschung ist, so muß man als Indikator für die Anreicherung gerade wegen des sparsamen Verbrauches der kostbaren Substanzmengen der optischen Methode den Vorzug geben; in vielen Fällen wird sie sogar die einzig aussichtsreiche sein."[2]

Wilhelm Walcher verfolgte das 'aktuellste Problem der Isotopenforschung' mit der Entwicklung 'lichtstarker' Massenspektrographie. Die Zusammenarbeit mit Kopfermann zu beiderseitigem Nutzen überdauerte das Regime und den Krieg. Wilhelm Walcher lieferte manche 'kostbare Substanzmenge' zum Studium der 'Kerneigenschaften' . Er, nicht Kopfermann, wurde Miglied im Uranverein, der den Zugang zu den exklusiven Material- und Statusquellen der Kriegsforschung öffnete.

Entscheidender als der Züricher Vortrag mag ein anderes, ebenfalls 1936 erschienenes, fach-literarisches 'Erstlingswerk' Kopfermanns gewesen sein: ein Bericht über die 'Molekularstrahlmethode' in den renommierten Ergebnissen der exakten Naturwissenschaften des Julius Springer Verlags, den er fast ausschließlich der Arbeit zweier Autoren widmete, die für das offizielle Deutschland zu den rassistisch diskriminierten zählten. Otto Stern in Pittsburgh war bis 1933 Hamburger Physikochemiker gewesen und der zweite Autor war Isidor I. Rabi, aufstrebender Lehrstuhlinhaber der New Yorker Columbia-Universität. Der Züricher Vortrag hatte sich auf die 'unpolitischen' Dimensionen - der 'reinen Physik' und der angewandten Technik - beschränkt; der Artikel in den Ergebnissen berührte - indem er sie negierte - die 'Parteinahme', die in der Diktatur für Arbeit und Fortkommen eine so wichtige Rolle spielte. In dier Hinsicht legte Kopfermann sich fest.

Dazu ist allerdings zu bemerken, daß eigentliche 'Parteiphysiker' wie die 'Altnationalsozialisten' Philipp Lenard und Johannes Stark, die im 'Amt Rosenberg' ihren Rückhalt hatten, den Einfluß, der ihnen anfänglich zuzufallen schien (als Stark Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und der Notgemeinschaft (später DFG) wurde), nicht erhielten. Es tut dem Respekt vor denen, die ihnen entgegentraten wie Max Laue, 1933 Vorsitzender der DPG, keinen Abbruch, daß Interessen geltend zu machen sind, die der rassistisch 'fundamentalistischen' 'Deutschen Physik' kaum eine Chance ließen. Das Interesse an technikpolitischer Rationalität (das sich im Machtkartell etwa über das Göring-Ministerium durchsetzte) und außenpolitischer Kalkül brachten die ideologische Initiative in der Formierungsphase zu Fall und als das Hegemonialstreben in anderem Zusammenhang 1940, auf dem Höhepunkt des expansionistischen Imperialismus noch einmal aufkam, war der Versuch noch weniger von Erfolg gekrönt. Maßgebliche Fachkollegen sahen dennoch in den 'Parteiphysikern' den Hauptgegner und es ist auch nicht abzustreiten, daß die Angriffe aus deren Reihen nicht aufhörten und nachhaltige politische Machtdemonstrationen, wie 1939 die Berufung Wilhelm Müllers als Nachfolger für Arnold Sommerfeld, nicht ausblieben[3]. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das Machtkartell der Diktatur nicht auf ganz andere Weise die Physiker für seine Ziele zu 'instrumentalisieren' wußte.

Wie, das hat oder hätte Hans Kopfermann vielleicht in Kiel erkennen können, wo er 1937 Ordinarius wurde. An der kleinen (weniger als 1000 Studenten) 'Grenzlanduniversität', die sich in erster Linie zur Stütze diktatorialer Rechtsauffassung entwickelt hatte, hatte sich 1935 in der Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft (ZfdgN) der einzige größere Versuch konzentriert, den Naturwissenschaften einen ideologischen Rahmen zu geben. Der Versuch stand in Verbindung mit der Gründung des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund (NSDDB), der Interessen der Parteiführung (Rudolf Heß) zum Ausdruck brachte (Schulungslager für Hochschullehrer, Kontrolle über Stellenbesetzungen). Er scheiterte, wie es scheint, zugleich an einer im NSDDB sich durchsetzenden Tendenz der Himmler-Umgebung und der Führung des Sicherheitsdienstes der SS. In den Himmler-Kreisen wurde zwar die sektiererische Initiative des 'Ahnenerbe' gefördert, gleichzeitig aber ein Ideal von Hochschule und Forschung, das - unter Berufung auf Wilhelm Humboldt - ganz der traditionellen Akademia zu entsprechen schien. Kaum einer vertrat diese Tendenz so plakativ wie der Kieler Internist, Dozentenführer, SS-General (Oberführer, Brigadeführer) und Leiter des Rassenpolitischen Amtes für Schleswig-Holstein, Hanns Löhr, der nicht einmal zögerte, sich den Erziehungsminister Bernhard Rust zum Feind zu machen (der allerdings auch im eigenen Haus - nicht zuletzt wohl durch Rudolf Mentzel - den wachsenden Einfluß der Himmler-Kreise erfuhr).

Rust hatte 1936 zum Jubiläum der Heidelberger Universität noch einmal den ideologischen Primat in der Wissenschaft unterstrichen. Die Kieler Auffassung von 'Selbstbestimmung' in Wissenschaft und Hochschule erscheint in adäquater Beleuchtung durch eine Bemerkung des 'Reichsführers SS', mit der er 1937 einen 'Alt-Kieler', den Rechtshistoriker Karl August Eckardt lobend hervorhob:
"Er hat, als die Juden noch geschützt waren, in sehr geschickter Weise, ohne daß das Ausland Einspruch erheben konnte, sämtliche Juden auf deutschen Lehrstühlen dazu gebracht, selbst ihre Entpflichtungsanträge zu stellen"[4].
"Wo das Gelehrte beginnt, hört das Politische auf." - In diesem Zitat Friedrich Schillers durch den Kieler Rektor, Verfassungsrechtler und Löhr-Freund, Paul Ritterbusch, sollte die Vorstellung vom 'wirklich politischen, nationalsozialistischen deutschen Professor' (Löhr 1941) gipfeln. Ab 1938 fand sie in den 'Kieler Blättern', dem neuen Organ der 'Wissenschaftlichen Akademie des NSDDB der Christian Albrechts Universität', ihren Ausdruck. Die Redaktion der ZfdgN war 1937 nach München verlegt worden. Die Zeitschrift wurde (unter verlegerischer Kontrolle des Ahnenerbe) das Periodikum eines Kreises um Hugo Dingler, der wissenschaftsphilosophisch explizit dem Antisemitismus und antisemitisch begründeten Rassismus huldigte.

Kopfermanns Versetzung (zunächst als Lehrstuhlvertreter) nach Kiel und seine erste ordentliche Professur fielen in den Beginn einer 'Durchbruchsphase' des Regimes mit der Intensivierung der Rüstungsanstrengungen, die auch in der Wissenschafts- und Hochschulorganisation einen Rationalisierungsschub mit sich brachten[5]. Wie wenig das Wortspiel mit der Freiheit von Politik den Tatsachen entsprach, zeigte die Amtsenthebung des bisherigen Lehrstuhlinhabers, Heinrich Traubenberg, eines seltenen 'Alt-Demokraten' (Mitglied des 'Weimarer Kreises') unter den Physikern. Zum zweiten Mal überschattete den Karriereschritt Kopfermanns die Vertreibung des Vorgängers.

Die ersten Kieler Jahre standen, abgesehen von den Lehraufgaben, im Zeichen der Abfassung seiner Monographie 'Kernmomente', die 1940 erschien. Hatte nicht das spektroskopische Arbeitsgebiet den Höhepunkt des Interesses für die Kernphysik überschritten, waren nicht die Experimente mit Beschleunigern gewichtiger, und um so mehr die Zeit reif für eine Zusammenfassung der optischen wie der Molekularstrahlmethoden und ihrer bisherigen Ergebnisse?

Kopfermann meinte dazu in seinem Vorwort, das er im August 1939, im letzten Friedensmonat schrieb, die "im Entstehen begriffene Theorie des Atomkerns" habe neuerdings eine Brücke geschlagen von der modernen kernphysikalischen Forschungsrichtung zu seinem Forschungsgebiet, "das längere Zeit das bescheidene, scheinbar abseitige Dasein eines Spezialzweiges der Spektroskopie geführt habe". Sein Überblick über die 'Kernmodelle' offenbarte deren Unzulänglichkeit in der Beschreibung der experimentellen Daten. Im Vorwort bedankte sich der Autor bei seinen Mitarbeitern Walcher und Paul und bei H. Euler, Assistent in Heisenbergs Leipziger Institut, der bald darauf als Soldat sein Leben verlor. Nur ein einziger weiterer Namen fiel: in der Verwendung halbempirischer, 'klassischer' Berechnungsmethoden bezog er sich auf Samuel Goudsmit. Hätte er sich träumen lassen, daß ihm der Kollege sechs Jahre später als amerikanischer Offizier der 'Alsos-Mission' gegenübertreten würde?

Im Sommer 1937 hatte Kopfermann noch aus der Nähe seines neuen Standorts zu Kopenhagen Nutzen ziehen können. Der 'schwarze Frühling' (Peter Brückner) 1938, der Wiener und dann der November-Pogrom und die Kriegsdrohung belasteten bald darauf die Verbindung zum Ausland und brachten das Ende der Kopenhagener Treffen. Als die Kieler Universität bei Kriegsbeginn für das Wintersemester geschlossen war, betrieb und erreichte Wilhelm Westphal die Abordnung von Kopfermann und Walcher als Ersatzkräfte für 'kriegsbedingten Ausfall' im Lehrbetrieb der TH.

Schon zum Januar 1940 wurde in Kiel die Arbeit wieder aufgenommen. Rektor Ritterbusch rief alle Wissenschaften zu 'konzentriertestem Einsatz' auf:

"Es ist ein großer Irrtum, zu meinen, daß in der Gegenwart des totalen Krieges das geistige Leben der Völker sich von den militärischen Aktionen abstrahieren ließe, zuletzt mit ihnen überhaupt nichts zu tun habe."[6]

Dozentenführer Löhr stimmte ein:

"Wir haben zwar keinen unmittelbaren Auftrag , wir nehmen ihn aber aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der Führung geistiger Waffen im Kriege, aus der Erkenntnis, daß die deutsche Wissenschaft das wirkliche deutsche Wesen verkörpert... Hier liegen die Quellen der Kraft zum sicheren Siege."[7]

Im Physikalischen Institut hatte Wilhelm Walcher einen 'kriegswichtigen' Auftrag im Rahmen des 'Uranvereins', für den auch Wolfgang Paul (Promotion 1939) 'u.k. gestellt' war. Kopfermann zählte zu denen, die 'keinen unmittelbaren Auftrag' annahmen und schien um so deutlicher mit den Kieler Propagandisten für die 'Führung geistiger Waffen' zu paktieren. Zur Festschrift für die 275-Jahr-Feier der Universität (im Herbst 1940), die - in den Worten der Herausgeber Löhr und Ritterbusch - 'an der heimatlichen Front, unter englischen Luftangriffen und dem dröhnenden Abwehrfeuer unserer Flak' enstanden war, lieferte er einen kurzen (4 Seiten) Beitrag zur Geschichte der Physik in Kiel. Den ideologischen Rahmen beschrieb der Rektor im Vorwort:

"Wie an anderen Hochschulen , so sind auch hier im Laufe des 19. Jahrhunderts, anfangs vereinzelt, später in größerer Anzahl Juden in den Lehrkörper eingedrungen... Ihre Namen sind in den wissenschaftsgeschichtlichen Beiträgen erwähnt. Künftiger Untersuchung bleibt es vorbehalten, die Bedeutung des Judentums für die Kieler Universität und ihre einzelnen Fakultäten zusammenfassend zu behandeln."

Kopfermann gehörte dem (ca 15-köpfigen) Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) unter dem Vorsitz von Peter Debye an, als diese sich 1940 eine neue Satzung gab, die die Aufsicht des Erziehungsministers anerkannte und festlegte, was de facto seit 1937 Realität war, daß nämlich

"ordentliche Mitglieder nur Reichsdeutsche werden können, welche nebst ihren Ehepartnern Reichsbürgerrechte besitzen"

Kopfermann wirkte an 'Richtlinien' der DPG für den 'Diplomphysiker'-Studienabschluß mit, der seit 1938 zur Diskussion stand, vermutlich auch von Bestrebungen zur Anbindung der Universitäten nach dem Muster der Technischen Hochschulen an die (Rüstungs-)Wirtschaft diktiert wurde und 1942 per Erlaß zur Einführung kam.

Als mit der territorialen Expansion (und den Universitätsgründungen der Besatzer in Praha, Poznan, Strasbourg) die Wünsche nach ideologischer Hegemonie vielfach neu aufkamen, klärten die Physiker ihre Fronten. Wolfgang Finkelnburg machte die ideologische Klärung zur Bedingung seiner Dozentenführertätigkeit in Darmstadt, also bot der NSDDB die Platform. Im Herbst 1940 fand die von Physikern als 'Münchener Religionsgespräch' bezeichnete Begegnung statt. Die Herren Finkelnburg, Heckmann, Joos, Kopfermann, Scherzer, Weizsäcker saßen den Vertretern des Hugo Dingler Kreises, Bühl, Müller, Thüring, Tomaschek, Volkmann und Wesch gegenüber und erreichten die Einigung auf ein Protokoll, demzufolge 'Relativitätstheorie' und 'Quantenmechanik' als fachliche 'Formalismen' anerkannt und von ideologischen Einwänden befreit wurden. Damit wurde eine Trennung zwischen 'fachlichen' und 'weltanschaulichen' Aussagen bekräftigt, auf die sich Ludwig Prandtl und Heinrich Himmler schon in einer Korrespondenz vom Sommer 1938 geeinigt hatten. Die Ausklammerung wissenschaftsphilosophischer Fragen und die Betonung 'reiner Sachlichkeit' waren taktisch geboten. Eine offene Diskussion über grundsätzliche - und in der Diktatur auf der Hand liegende - Fragen der Legimitimität wissenschaftlicher Arbeit verbot sich von selbst.

Als Paul Ritterbusch im Frühjahr 1941 mit dem 'Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften' im Ministerium (unter Rudolf Mentzel) beauftragt wurde, übernahm Hanns Löhr das Rektorat und ernannte Kopfermann zum Dekan. Wohl auch auf Löhrs Veranlassung stellte der alsbald einen Antrag zur Aufnahme in die NSDAP, und aus dem positiven Gutachten des neuen Dozentenführers Enno Freerksen scheint hervorzugehen, daß er längst als Bundesgenosse angesehen wurde, jedenfalls war er "als ebenso zuverlässig wie ein Parteigenosse zu beurteilen..." Wolfgang Paul war wie viele zum 1. Mai 1937, zum ersten Termin für neue Massenaufnahmen nach 1933, Parteimitglied geworden, während Wilhelm Walchers 'politisches Engagement' über eine Anwartschaft für das NSKK nicht hinausging.

Der Krieg hatte industrienahe Großforschung zur Folge, an der Physiker wie nie zuvor beteiligt waren (Sprengstoffphysik, 'Luftfahrtforschung', Raketenbau, Funkortung, meteorologische und Ionossphärenprogramme, Demagnetisierungsanlagen der Marine etc.). Als das Regime 1942 in seine letzte, die Genozidphase, eingetreten war (Machtzuwachs des Rüstungsministers und des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA)), hatten die Institutionen noch einmal größere Änderungen erfahren (Neuberufungen in die Akademie für Luftfahrtforschung, Aufwertung des Reichsforschungsrats (RFR, Geschäftsführung Rudolf Mentzel), Übernahme von Kompetenzen des REM durch das RSHA), die neue finanzielle und personelle Möglichkeiten (u.k. Stellung, 'Rückrufaktionen') eröffnen sollten. Ab 1943 begann sich in Wirtschaft, Wissenschaft und Staat abzuzeichnen, daß es Kräfte gab, die neben der Kriegsproduktion die Nachkriegsarbeit (wenn nicht Position oder Alibi) im Auge hatten und absichern wollten.

In Kiel war der für Hans Kopferman wohl oder übel bestimmende Dienstvorgesetzte Hanns Löhr Anfang Oktober 1941 überraschend gestorben - es liegt kein Hinweis vor, daß der Tod des SS-Generals und Arztes nicht rein zufällig mit den Einsatzgruppenbefehlen seiner 'Reichsführung' koninzidierte. In Göttingen hatte sich Georg Joos für 1941 beurlauben lassen, um die Stelle des Chef-Physikers bei Zeiss in Jena zu übernehmen. Er trat dann in die Geschäftsleitung dieses besonders florierenden Unternehmens der Kriegswirtschaft ein und die Göttinger Fakultät brauchte einen Nachfolger. Offenbar hatte Hans Kopfermann in Göttingen (mit Richard Becker) wie auch in Berlin die besten Karten und konnte im Sommersemester 1942 die 'Frontstadt' Kiel mit einer traumhaft friedlichen Umgebung vertauschen. Diesmal übernahm er nicht mehr unmittelbar die Stelle eines vertriebenen Kollegen. Dafür war die Erinnerung an den Lehrer James Franck, dessen Amtszimmer jetzt seins wurde, umso gegenwärtiger.

Die Göttinger Lebens- und Arbeitsumstände werden lebendig in Briefen, die Hertha und Hans Kopfermann an Charlotte Gmelin geschrieben haben. Hermann Gmelin, der Kieler Fakultätskollege und Romanist war Soldat (im Balkankrieg, der bekanntlich besonders kriminell geführt wurde), die Frauen hatten mit den Kindern gemeinsame Monate in Chieming/ Bayern hinter sich, wohin sie vor den Bomben aus Kiel geflohen waren, und hatten sich angefreundet. Charlotte Gmelin zog mit ihren vier Kindern nach Müncklingen/Schwaben, kurz bevor Hertha Kopfermann mit Renate (geb. 1940) und Michael (geb. 1936) Chieming mit Göttingen vertauschen konnte. In den Briefen fällt zunächst auf, wie 'normal' sich das Leben noch in der letzten Phase des Regimes darstellen konnte, und wie sehr diese 'Normalität' mit den Schrecken des Genozids, mit dem Alltag der schikanierten 'Nicht-Volksgenossen' und mit dem Krieg kontrastiert. Dieser Befund ist nur zum Teil auf das Bewußtsein möglicher Denunziation zurückzuführen. Die Ferienfreuden, die Reisen, die Theater- und Kinobesuche, die Treffen mit Freunden, vor allem die Quartettabende blieben bis zum Herbst 1943, oder gar bis zum Kriegsende friedliche Angelpunkte des Lebens und die Sorgen schienen sich eher auf den Mangel an Geschenken und Spielzeug für die Kinder zu konzentrieren, als auf die eingeschränkte Versorgung mit Lebensmitteln. Hans Kopfermann 'bratschte das Bach'sche Weihnachtsoratorium mit' (Weihnachten 1942), Michael vertauschte die 50-60 köpfige Schulklasse für sechs Wochen mit einem Kinderheim im Schwarzwald (Juni 1943), Hans machte mit Wolfgang Paul Winterferien in Berchtesgaden (Februar 1944), Hertha fuhr zur Kur in den nahen Harz (August 1944). Kaum weniger 'idyllisch' wirkt, daß Richard Becker im Auftrag der Marine ('Arbeitsgemeinschaft Cornelius') auf Kriegsschiffen in ein Land fuhr,'wo es noch alles gibt' (Dänemark im Herbst 1942).

Allmählich wich allerdings die anfängliche Freude über die wiedergefundene 'Heimat' einer zusehens gedrückten Stimmung, die zuerst diffus in Hinweisen auf die 'schweren Zeiten', später deutlicher zum Ausdruck gebracht wurde. Einen Wendepunkt bedeuteten schon im August 1943 die ersten Flüchtlingsströme aus Hamburg und Hannover. 'Aber wir müssen ja wohl durchhalten', schrieb Hertha Kopfermann.

Gleichzeitig begann für Hans Kopfermann ein neuer Abschnitt. Im Herbst 1943 war er wiederholt in Berlin, machte 'große Pläne'. Der Anklang, den diese fanden, beflügelte. Mitten in der Genozidphase des Regimes begann der 'Wiederaufbau'. Größere Summen wurden in Aussicht gestellt (insgesamt über 4 Millionen RM für Kernphysik im letzten Kriegsjahr), Kopfermann 'stieg ein'. Zum 1. Dezember löste Walther Gerlach Abraham Esau im RFR ab. Gerlach - bisher an der Großforschung der Marine beteiligt -, wollte energisch, wie er selbst sprachregelnd formulierte, die Voraussetzungen 'für nach dem Sieg' schaffen. Das geschah weniger mit Unterstützung des Speer-Ministeriums als mit der des RSHA, entsprach ähnlichen Überlegungen in Wirtschaftskreisen, auf deren Mitarbeit die Kriegsherren angewiesen waren, und stand daher nur scheinbar dem Kriegswillen entgegen. Der 'Durchhaltewille' wurde gestärkt und die Aufmerksamkeit von den Untaten des Völkermords abgelenkt..

Kopfermann 'stand Pate' beim Betatronbau der Erlanger Firma Siemens-Reiniger, medizinischer Gerätebau. Auf sein (und anderer) Betreiben förderte der RFR die Entwicklung der 'Elektronenschleuder' unter Leitung des Ingenieurs Konrad Gund und ihre Erprobung in Zusammenarbeit mit dem Göttinger Institut. In wenigen Monaten wurde ein kleiner Prototyp (6 MeV) fertiggestellt. In den erwähnten Briefen wird deutlich, wie Hans Kopfermann in seiner Arbeit aufging, zumal die Lehraufgaben wuchsen: die Studentenzahlen stiegen mit den Flüchtlingszahlen (150 Hörer hatte Kopfermann in seiner 'Spezialvorlesung'). Ab Sommersemester 1944 war er erneut Dekan. Während Hans sich für ein fragwürdiges Zukunftsprogramm kooptieren ließ, verbarg Hertha Kopfermann ihre Zweifel hinter einem Anflug von Neid (Oktober 1943):

"Es ist schön, daß er Lust und Kraft zu diesen Dingen hat, und daß er auch die anderen dazu mitreißt. Im Institut vergißt man wirklich, daß Krieg ist. Und seine Musik hilft auch über vieles hinweg. Wie sehr wünschte man sich, auch irgend eine solche Begabung oder Leidenschaft zu haben."

Der Horizont scheint bedrückend eingeschränkt auf das 'Persönliche', wenn Hans Kopfermann zur gleichen Zeit schrieb:

"Wir haben Pläne, die manche Pessimisten haarsträubend finden. Es ist aber gut, daß wir sie haben. Sie helfen so zum Leben. Wie bedaure ich heute alle Frauen, die ohne diese aufmunternde Beschäftigung existieren müssen. Sie haben es sehr viel schwerer als wir".

Hatten die Männer es leichter oder waren sie leichtfertiger? In ihrem Kurort im Sommer 1944 brachte Hertha Kopfermann den 'Rückzug ins Private', eine von Unsicherheit im eigenen Leben vor dem Hintergrund der Katastrophe und von Sehnsucht nach 'Friedlichkeit' geprägte Stimmung in ein paar Sätzen zum Ausdruck:

"Wir sitzen abends manchmal zusammen und mir gefällt dieser Frauenklub sehr gut. Er ist so gänzlich anders als unser Göttinger Bekanntenkreis; Mann und Kinder spielen nicht die geringste Rolle. Sie leben ganz ihrem Beruf, und sind, soweit ich sehen kann, restlos davon ausgefüllt... So etwas hat uns wohl während unserer Studienzeit immer vorgeschwebt; und es muß schon sehr schön sein, so leben zu können. Ich persönlich könnte es wohl kaum."

Vielleicht auch kam hier die Ahnung zum Ausdruck, daß weder das eine noch das andere Modell, das Aufgehen im Beruf so wenig wie die 'Familie' - von der 'Frauenrolle' wie der 'Männerrolle' ganz zu schweigen -, im gegenwärtigen 'Extremfall' sich bewährten?

Wenn es eine Rechtfertigung für die gesteigerte wissenschaftliche Aktivität in der letzten Phase des Regimes gab, die im gegebenen Horizont zwingend erscheinen konnte, dann waren es die Möglichkeiten zur u.k.- Stellung und zu Rückrufaktionen. "Glücklicherweise habe ich nach und nach für die wehrwissenschaftlichen Aufgaben alle meine Kieler Leute bekommen..."(Mai 1944). Gelegentlich wurde auch politisch Verfolgten (Fritz Houtermans, Richard Gans) lebensrettender Beistand geleistet.

Die praktisch unzerstörte Stadt wurde in den unmittelbaren Nachkriegsjahren das Zentrum der Physiker in Deutschland. In Göttingen wurde in mancherlei Hinsicht die Nachkriegsphysik 'geboren'. An der Wiege für das Kind wurde, wie üblich, schon vor der Geburt gezimmert. Einiges deutet auch darauf hin, daß das Kind - was diese Methapher total fragwürdig macht - nicht erst 1945 gezeugt wurde, sondern zwei Jahre vorher, als die Vorstellung von einer Welt 'nach dem Sieg' (oder, in offenerem Sprachgebrauch, 'nach dem 'Karthagofrieden') aufkam. Wie die 'Nachkriegsphysik' aussehen würde, war trotzdem nicht abzusehen. Es war nicht abzusehen, daß gerade in Göttingen in einer Ansammlung von Persönlichkeits- und anderen fach- und wissenschaftsgeschichtsträchtigen Faktoren der Angelpunkt der Entwicklung zu restaurativen oder progressiven Zielen liegen würde. Im Nachhinein ist festzustellen, daß Hans Kopfermann bei Kriegsende 'zufällig' schon da stand - und akademisch 'zu Hause' war - , wo die Konflikte um Personen und Institutionen ausgetragen werden sollten. Wie würde er sich entscheiden? Würde er die wissenschaftspolitische Herausforderung annehmen? Wenn ja, wie würden Institut und Politik, wissenschaftliche und organisatorische Interessen sich vereinbaren lassen. Worauf würde es ihm ankommen? So wie die Dinge dann lagen, hätte das Bewußtsein, schon vor Kriegsende am 'Wiederaufbau' gearbeitet zu haben, zugunsten der Einsicht in den Hintergrund treten können, daß Lehren aus der Diktatur und dem Völkermord grundsätzlich erst noch zu ziehen seien und - auch in der Physik - nicht auf der Hand liegen würden.

Beschränkte er die Aussicht auf das Fachliche, so war für Kopfermann, seit er die 'Kernmomente' schrieb, die Radiofrequenzspektroskopie ein Thema, das auf seiner Linie lag. Dagegen mußte sich die Betatronphysik eher als eine Ausgeburt der Konjunktur darstellen. Sie war die schlechte Kontinuität, der physikalische Neuanfang würde in der Hochfrequenzspektroskopie liegen. Dabei war nicht zu übersehen, daß die technische Ausstattung für dieses Arbeitgebiet, nämlich Hochleistungsmagnet- und Hochfrequenzgerät in Deutschland wie in Amerika Schwerpunkte der Rüstungsforschung gewesen waren, mit verlockenden Resultaten.

Peter de Mendelssohn erfand das Gespräch eines alliierten Generals mit einem soeben von ihm ernannten Bürgermeister, der die Stadt als Knabe verlassen hat und sie jetzt in Trümmern wiederfand. Nur die Kathedrale stand noch. Der General erklärt, wie er das neue Regiment in der Stadt sichern will. Der Bürgermeister gibt zu bedenken, daß die Sicherung durch ausländische Panzer und Bajonette doch 'sehr häßlich' sei.

""Geht nicht anders" / "Viel Begeisterung wird es nicht erwecken" / "Begeistert habt ihr euch in den letzten Jahren genug. Jetzt wird es auch ohne gehen" / "Gewiß, Sir. Aber es bleibt eine mechanische Lösung für ein psychologisches Problem. Was geschieht, wenn sie nicht funktioniert?" / "Sie wird funktionieren. Alle Lösungen funktionieren. Wüßte von keiner, die nicht funktioniert hätte. Gewissermaßen beneide ich Sie. Glückspilz, so ganz von vorn anfangen zu können." / "Suchen Sie sich jemand anderen." / "Wo? Wie? Zeigen Sie mir jemand." / Torstenson zuckte die Achseln. Der General erhob sich. "Noch irgendwelche Fragen?" / "Darf ich die Kathedrale in die Luft sprengen?" / "Dürfen Sie nicht. Warum denn?" / "Sie mißfällt mir" / "Mir auch. Aber wenn man alles in die Luft sprengen wollte, was einem mißfällt - da haben Sie noch einiges zu lernen, junger Mann." / Stimmt, dachte Torstenson. Schade, daß er schon geht. Mit dem hätte ich gerne noch etwas weiter geredet."[8]

Peter Weiss ließ sein erzählendes Ich in Stockholm schreiben:

"Dann, im Frühjahr 1945, sah ich den Endpunkt der Entwicklung, in der ich aufgewachsen war. Auf der blendend hellen Bildfläche sah ich die Stätten, für die ich bestimmt gewesen war, die Gestalten, zu denen ich hätte gehören sollen. Wir saßen in der Geborgenheit eines dunklen Saals und sahen, was bisher unvorstellbar gewesen war, wir sahen es in seinen Ausmaßen, die so ungeheuerlich waren, daß wir sie zu Lebzeiten nie bewältigen würden... Es schien nicht mehr möglich, weiterzuleben, mit diesen unauslöschlichen Bildern vor Augen. Es schien nicht mehr möglich, je wieder hinauszugehen in die Stadt, in die Straßen, und hinauf in mein Zimmer"[9]


[1]Hans Kopfermann, Hyperfeinstruktur und Isotopie, Die Naturwissenschaften 24, 1936, S.561

[2]Ebenda, S.567

[3]Einen anderen Fall hatte Werner Heisenberg in einem Brief an Arnold Sommerfeld vom 16.1.1938 kommentiert: "Das Dr. Wesch den Weg zur Futterkrippe als Prof. der theor. Physik gefunden hat, haben sie wohl gelesen...Dass man aber im Dritten Reich keine andere Methode fand, ihm das Maul zu stopfen, ist tief bedauerlich und ganz sicher nicht im Sinne Hitlers." DM Arch. HS 1977-28/A, 136. S. htttp://www.lrz-muenchen.de/Sommerfeld. Der Zusatz 'ganz sicher nicht im Sinne Hitlers' bedarf der Erörterung hinsichtlich der Gewohnheit Aussagen in Briefen durch solche 'Schutzbehauptungen' zu 'entschärfen'.

[4]Zitiert nach Jörn Eckert, a.a.O.

[5]Symptomatisch für den Übergang zur Durchbruchsphase waren in der Wissenschaftspolitik Umbesetzungen wie der Wechsel an der Spitze der DFG von Johannes Stark zu Rudolf Mentzel, wie die Berufung Otto Wackers als Nachfolger von Wilhelm Vahlen ins Erziehungsministerium, wie die Übergabe der Präsidentschaft der KWG von Max Planck an Carl Bosch, den Vorstandsvorsitzenden der IG-Farben.

[6]Kieler Blätter 1940, S.1

[7]Ebenda, S.18

[8]Peter de Mendelssohn, Die Kathedrale, Berlin, Ullstein, 1988, S.199

[9]Peter Weiss, Fluchtpunkt, Frankfurt, Suhrkamp, 1962, S.210/11

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