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'Formierungsphase' des Machtkartells

Nachdem die Mordaktion von 1934 die 'braunen Horden' entmachtet hatte und gleichzeitig den 'SS-Staat' auf den Weg gebracht hatte, nachdem der 'Führer und Reichskanzler' auch noch die Kompetenzen und Rechte des Reichspräsidenten auf sich vereinigt hatte, und die Tendenz zur Aufrüstung am Ende des ersten Jahres für jeden sichtbar geworden war, erlebten viele die nächsten Jahre als relativ ruhige. Man 'gewöhnte' sich an das Regime[1]. Die Diktatur formierte sich darum nicht weniger deutlich. Insgesamt lassen sich ab 1934 drei größere Phasen des Regimes im Hinblick auf Propaganda, tatsächliche Politik, wirtschaftliche und soziale Lage unterscheiden. Die 'Formierungsphase' ging mit Revirement und Kurswechsel 1937/38 in eine 'Durchbruchsphase' innen- und außenpolitischer Ziele und Methoden der Diktatur über, und 1941/42 bedeuteten 'Generalplan Ost', Massenmorde der 'Einsatzgruppen', Beginn der Deportationen, Umorientierung der Rüstungspolitik und -wirtschaft mit innen- und außenpolitisch weitreichenden Konsequenzen den Eintritt in eine letzte Phase, die des Genozids. Vorgänge und Handlungen - auch die personellen, strukturellen und institutionellen Entwicklungen in Naturwissenschaft und Technik - gewinnen ihre Bedeutung oft erst, wenn man sich vor Augen hält, wie sie sich in den politischen Hintergrund einfügen oder nicht, je nach dem, in welche 'Phase' sie fielen.[2].

Die Formierungsphase der Einstimmung in dauerhafte Regression der Zivilgesellschaft nach der anfänglichen, spektakulären Repression und der Bildung des Machtkartells lief bis zum Jahr der Olympischen Spiele 1936 - um einen letzten Höhepunkt zu nennen - und war noch bis zum Revirement auf der Regierunsebene und zum außenpolitischen Kurswechsel 1937/38 ein Auslaufmodell, während das Regime in seine Durchbruchsphase eintrat.

In allen Phasen bildeten 'sachdienlich' strukturierte Organisation und desorientierend terroristischer Durchgriff den Widerspruch und zugleich die Dynamik des Regimes. Von Anfang an auch war die propagandistische und machtpolitische Konstruktion der 'Volksgemeinschaft' mit der komplexen Realmacht des Kapitals und moderner Industrie nicht widerspruchsfrei zu vereinbaren. Zwar ließen sich 'Technik im Dienst der Volksgemeinschaft' ideologisch überhöhen, und 'Erfinder' und Kontrukteure zum nationalsozialistischen Idealtypus stilisieren, aber gleichzeitig mußten Profitinteressen und Investitionskonzepte bedient, gewachsene Strukturen gepflegt werden, die allenfalls scheinbar in die vom Staats- und Parteiapparat kontrollierte Volksgemeinschaft zu integrieren waren, in Wirklichkeit aber unterschiedliche und einander widersprechende Machtfaktoren darstellten. Es liegt daher auf der Hand, daß mit dem Gewicht, das wirtschaftliche Interessen hatten, diese auch im staatlichen technischen und techniknahen wissenschaftlichen Geschäftsbereich bei aller 'Gleichschaltung' nicht zu harmonisieren waren.

Immerhin war es symptomatisch, daß Thyssen sich lange vor der Machtübernahme angesichts des 'Radikalismus' von Feder und Strasser auf Göring konzentrierte, daß das gleiche mit der IG-Farben passierte, nachdem schon 1931 der technische Direktor, Heinrich Bütefisch, Hitler getroffen hatte und Carl Bosch, von Bütefisch unterrichtet, daraufhin äußerte: "dann ist der Mann ja vernünftiger, als ich dachte"[3]. Henry Ashby Turner entnahm den Nachkriegs-Untersuchungsakten, daß Albert Vögler, seinerzeit Generaldirektor der Vereinigten Stahlwerke, des nach der IG-Farben kapitalstärksten deutschen Konzerns, den Journalisten Walther Funk der Berliner Börsenzeitung und militanten Gegner der Demokratie, bewogen hatte, sein Mann in der NSDAP zu sein. Funk und der Wirtschaftsexperte der Münchener Reichsleitung, Otto Wagner, machten bei einem Treffen mit Industriellen im Februar 1931 immerhin schon 25 Millionen Mark als Wahlhilfe für die NSDAP locker. Funk wurde 1933 Staatssekretär im Propagandaministerium und 1938 Wirtschaftsminister.

In Anbetracht konfliktueller Machtfaktoren war es politisch opportun, den freiberuflichen Mittelstand, etwa die Ärzte, durch Propaganda und geeignete Maßnahmen im Gesundheitssektor für die 'Volksgemeinschaft' zu mobilisieren und zu instrumentalisieren, und weniger die Techniker und Naturwissenschaftler. Diese befanden sich nach wie vor - daran änderte die NS-Diktatur sehr wenig - in einem Bereich des Interessenausgleichs zwischen Staatsführung und Zentren der Wirtschaftsmacht. Das mag der Grund sein für den Mangel an Konzepten zu ihrer organisatorischen 'Gleichschaltung' und dafür, daß die Parteiführung Gottfried Feders Pläne einer 'Front der Technik' ebenso durchkreuzte wie Robert Leys Versuche einer Integration in die DAF.[4]

Fritz Todt `führte' den NS-Bund deutscher Techniker (NSBDT). Im Früjahr 1933 war Georg Feder (MDR), Führer des relativ schwachen NS-Kampfbundes deutscher Architekten und Ingenieure (KDAI) bei der Münchener Reichsleitung der Partei. Sein Ziel, bei der turnusmäßig am 26. April anstehenden Vorstandssitzung den Vorsitz des VDI zu übernehmen, erreichte er nicht, das verhinderten Innenminister Frick und Parteiführer Rudolf Heß. Vorsitzender wurde Henrich Schult, ein hochdekorierter Fliegeroffizier. Im Juni wurden die Verbände zur Reichsgemeinschaft der technisch-wissenschaftlichen Arbeit (RTA) zusammengeschlossen, in der der KDAI seine anfängliche Vormacht schnell verlor, hatte er doch bis zum September mit 10 000 Mitgliedern nur 3% des Gesamtpotentials erreichen können. Im Dezember übernahm Fritz Todt die Präsidentschaft in Personalunion mit der Führung des NSBDT, der erst Ende 1934 zur RTA stieß. Der NSBDT zählte 1937 40 000 Diplom-Ingenieure und Chemiker, 30 000 Ingenieure und 11 000 Techniker ohne höheren Studienabschluß.
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In der Formierungsphase des Regimes setzten die ästhetisierende, auf das 'Ornament der Masse' zielende und die Volksgemeinschaft 'rahmende' 'Aufmarscharchitektur', und die 'ewigkeitsorientierten', monumentalen Staatsgebäude[5] Signale für die ideologische Profilierung und Fixierung der neuen Herrschaft.

Propaganda und Programm in Sachen Ästhetik und Kunstpolitik waren - typisch für den Nationalsozialismus und die Formierungsphase des Regimes - vor allem widersprüchlich. Alfred Rosenberg und seinen schon seit 1927 gegen 'Entartung' agitierenden antimodernen 'Kampfbund für Deutsche Kultur' standen einerseits die Vertreter einer pragmatischen 'Verwertungspolitik' gegenüber, in erster Linie Goebbels, andererseits fand sich eine kunstpolitisch 'nationalrevolutionäre' Tendenz auf dem entsprechenden politischen (Gregor-Strasser-) Flügel der NSDAP, die modernistische, vor allem expressionistische Kunst als besonders deutsch propagierte. Paul Schultze-Naumburg hatte, als er 1930 unter der ersten Nationalsozialistischen Koalitionsregierung Bauhausleiter in Weimar wurde, Oskar Schlemmers Wandfresken weiß übermalen lassen; Marcel Struwe hat bemerkt, daß damit nicht der beabsichtigte 'Bildersturm' eingeleitet wurde, sondern eine systematische Verwertung[6] expressionistischer Kunstproduktion. Tatsächlich kam es nach der Machtübernahme zu einer Opposition gegen die 'Säuberungen' der Rosenberggruppe und für 'Qualität und Wahrheit'; und das Gesetz zur Einrichtung einer Reichskulturkammer (des Propagandaministeriums) vom 22.9.1933 schien nicht nur Goebbels, sondern, insoweit als große Namen wie Richard Strauß, Otto Laubinger, Wilhelm Furtwängler 'Führer-'Posten übernahmen, der 'Qualitäts-'Opposition Recht zu geben. Gottfried Benn sprach für sie, eine neue Zeitschrift 'Kunst der Nation' brachte sie öffentlich zu Ausdruck. Auch war als Stärkung dieser Opposition zu werten, daß sich im März 1934 der italienische Futurismus unter dem Patronat von Goebbels, Göring und Rust in Berlin mit der Ausstellung 'Aeropittura' präsentieren konnte, selbst wenn sich der propagierte Internationalismus der italienischen 'Technikfetischisten' und die völkisch-expressionistischen 'Revolutions-Ideale' kaum miteinander vertrugen. Bald obsiegte jedoch Rosenberg insofern, als ihm ein 'Überwachungsamt' übertragen wurde und Hitler auf dem Parteitag 1934 ('Triumph des Willens') der Opposition eine polemische Absage zugunsten des 'unverdorbenen und gesunden Instinkt', zugunsten einer absolut gesetzten Natur und Natürlichkeit erteilte. 'Kunst der Nation' wurde Anfang 1935 verboten, die 'Führer' in diesem Sektor wurden augetauscht, Ende 1936 wurde die Kunstkritik offiziell abgeschafft und als der neuernannte Kunstkammerpräsident und Maler Adolf Ziegler 1937 'ermächtigt' wurde, die 'Zerfallskunst seit 1910' zu einer Ausstellung zu bringen, ging es ideologisch darum "eine autonom waltende Künstlerindividualität durch einen weisungsgemäß vorgegebene Inhalte reproduzierenden 'Urheber' zu ersetzen"[7] Praktisch ging es auch darum, die devisenbringend verwertbare Ware Kunst planmäßig zu erfassen und - mit dem 'Gesetz über die Einziehungen von Erzeugnissen Entarteter Kunst' vom 31.5.1938 - zu enteignen.
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Typische Herrschaftssignale setzte auch die `Naturpropaganda' im Gesundheitssektor. Dem Kalkül der Partei entsprechend, waren Ärzte in den neuen Führerrollen der NS-Organisationen und auch der Universitäten verhältnismäßig stark vertreten. Frank Golczewski urteilte für Köln:

"Es darf als gesichert gelten, daß in einigen Bereichen, insbesondere bei den Medizinern und den Naturwissenschaftlern - möglicherweise durch deren größere Politikferne und dadurch bedingte Naivität - die NS-Treue größer war als in anderen Disziplinen. Immerhin gab es unter den fünf Rektoren der NS-Zeit drei Mediziner und einen Zoologen".[8] Die NS-Partei hatte schon vor 1933 Ärzte in besonders hoher Zahl für sich gewonnen (2800 entsprechend etwa 6% der Profession), während die Ingenieure nur zu 2,3% Mitglieder geworden waren. Im neuen Regime war der Andrang zur Parteimitgliedschaft unter den Ärzten besonders groß, im Oktober waren schon 10000 Ärzte in der NSDAP organisiert und die 'braunen Männer des Äskulap' im NS Ärztebund dominierten das Bild. Robert Proctor[9] hat beschrieben, wie die 'Naturheilkunde' blühte, und Ärzte wie Rudolf Stamm (zuständig für Ausbildung: "Biologie und Genetik sind die Wurzeln, aus denen die national-sozialistische Weltanschauung wuchs" 1943) oder Karl Kötschau (1892- ) oder auch der 'Führer' des Ärztebundes von 1931 bis 1939, Gerhard Wagner, keineswegs als professionell weniger Qualifizierte von der Parteimacht profitierten, sondern durchaus und ohne besondere Mitwirkung des Regimes von der Korporation getragen wurden. Die Medizin lieferte das Beispiel einer Wissenschaft, die hoffiert wurde und gleichzeitig sich selbst mobilisierte[10]. Wissenschaft und Regime kamen sich zu beiderseitigem Nutzen entgegen. Karl Kötschau gilt dem `Brockhaus' (17te) von 1970 mit Publikationsangaben ausschließlich ab 1954 als Pionier der Gesundheitsvorsorge auf der Grundlage der Ganzheitsmedizin. 'Mehr Goethe, weniger Newton' hatte Kötschau in Ziel und Weg, dem Organ des Ärztebundes geschrieben: die Gesellschaft müsse sich der Natur wieder nähern, die Wissenschaft habe sich zu weit vom Volk entfernt usw.. Ganz in diesem Sinn hatte Alfred Rosenberg gegen 'unbiologisches' Denken wie gegen `hohlen Internationalismus' polemisiert. NS-Medizin war autoritäre Medizin, Ferdinand Sauerbruch wollte "zurück zur Persönlichkeit des Arztes". Robert Proctor verschweigt dabei nicht, daß auch in anderen Ländern zwischen 1930 und 1950 die 'Halbgötter in Weiß' das Sagen hatten. 'Naturheilkunde' schlug auch ökonomisch zu Buch: Kötschau betrieb eine sehr erfolgreiche 'Vollkornbrotkampagne'. Konzentrationsprozesse im naturideologisch geleiteten Wirtschaftssektor führten im übrigen dazu, daß bei Kriegsende 75% der Mineralwasserproduktion von der SS kontrolliert wurden. Über Gesundheitsideologien und mit einer kalkulierten 'Sorge um das Wohl der Bürger' fand das Regime Eingang bei vielen.
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Auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich hat es, wie in den hier exemplarisch hervorgehobenen Bereichen von Kunst und Architektur oder Medizin und Gesundheitsversorgung, Versuche gegeben, nationalsozialistische Ideologie `fachlich' und mit Signalwirkung zur Geltung zu bringen, aber in der Hauptsache gelang dem Regime ein wenig Aufsehen erregender Eingang im Hochschul- und Forschungssektor durch Strukturveränderungen der Verwaltung und mit ministerialen Neubesetzungen. Im Zug der Zentralisierung und nachdem die Länder mit der Ernennung von Staatskommissaren 'gleichgeschaltet' waren[11], wurde im Mai 1934 das preußische Kultusministerium, das Bernhard Rust (1883-1946), Studienrat, Gauleiter der NSDAP in Süd-Hannover-Braunschweig, übernommen hatte, zum Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) erweitert. Hochschullehrer in der NSDAP übernahmen die Ämter. Das Amt für Wissenschaft und Hochschulen ging an den ehemals Greifswalder[12] Mathematiker Theodor Vahlen (1869-1945), Parteifunktionär seit 1924 mit hohem SS-Rang (Brigadeführer (Generalmajor)). Es bestanden dort drei Abteilungen: für Hochschule, für Forschung und für Grenzpolitik und Ausland; die Leitung hatten die Professoren Franz Bachèr, Erich Schumann, Rudolf Mentzel[13].

Franz Bachèr (geb. 1894 in Kassel) hatte 1921 promoviert, hatte sich 1928 in Rostock habilitiert, war dort 1933 nicht beamteter a.o. Professor geworden und war seit 1934 o. Professor und Leiter des (in Berlin-Zehlendorf gelegenen) Instituts für organische Chemie der TH Charlottenburg.[14]. Erich Schumann (geb. 1898 in Potsdam) arbeitete seit 1923 im Reichswehrministerium, wurde 1926 Referendar, 1929 Leiter der wissenschaflichen Zentralstelle und 1932 Ministerialrat. Er war seit 1929 an der Berliner Universität für systematische Musikwissenschaft habilitiert und seit 1931 für Physik und Musikwissenschaft. Er war 1932 Leiter des wehrpolitischen Amtes der NSDAP und wurde 1934 Chef der Forschungsabteilung im Heereswaffenamt (HWA). Für ihn wurde 1933 an der Berliner Universität ein II. Physikalisches Institut eingerichtet, das sich mit Sprengstoffphysik beschäftigte. Ab 1938 wurde Schumann Ministerialdirektor und Abteilungsleiter im Kriegsministerium[15]. Rudolf Mentzel (1900-1987) war der Sohn von Wilhelmine Buerschaper und Ludwig Mentzel, Grundschullehrer in Bremen und war seit 1928 mit der Bremerin Anneliese Seedorf (1907-1953) verheiratet. Abitur Ostern 1918, anschließend Militärdienst, Studentenkorps Göttingen im Südharz, Freikorps Wolff in Oberschlesien. Ab 1922 in der SA, 1925 und wieder nach Aufhebung des Verbots ab 1927 NSDAP. Mentzel promovierte 1925 bei Adolf Windaus (Göttingen) und Walther Hückel (Greifswald) und arbeitete ein Jahr lang bei einer Bremer Ölfirma bevor er sich als Assistent von Gerhart Jander in Göttingen an geheimen Sprengstoffforschungen für das Heereswaffenamt beteiligte. SA-Sturmführer, Ortsgruppenleiter der NSDAP in Göttingen, ab Juni 1930 Kreisleiter. Ab Juni 1932 SS, ein Jahr später Obersturmführer, aktiver Dienst bis 1936. Habilitierte sich in Greifswald im Sommer 1933 und kam mit Jander, der nach dem Weggang von Fritz Haber dessen Stelle kommissarisch übernahm, als Abteilungsleiter für Kampfgasentwicklung ans KWI in Berlin. Er wurde ab Juli 1934 Referent für Naturwissenschaften im REM, nominell Erich Schumann unterstellt. Er war auch für die NG zuständig und, Karl-Heinz Ludwig zufolge, insofern für Auslandsbesuche, als die Information des SD über die Auslandsaufenthalte von Wissenschaftlern über ihn lief. 1934 apl. Professor, Ende 1935 Ordinarius an der Wehrwissenschaftlichen Fakultät der TU. Als 'Ehrenführer' (so lautete die Nachkriegssprachregellung) beim Personalhauptamt der SS sollte er es bis zum 'Brigadeführer' (Generalmajor). Er konnte als 'der Mann Himmlers im REM' gelten und machte fortan Karriere in der Wissenschaftsverwaltung in Schaltstellen der Macht.[16]

Inhaber von anderen 'Führungspositionen' wechselten - oder wechselten nicht. Der Präsident der NG, Friedrich Schmidt-Ott, schlug 1933 vor, einen 'Forschungsrat' mit Hitler als Vorsitzendem zu bilden und die Organe auch der Reichswehr zugänglich zu machen. Der neue Innenminister Frick (der vorher Innen- und Kultusminister in Thüringen gewesen war, und schon im Januar 1930 erster Minister der NSDAP überhaupt) untersagte im Juni die fälligen Neuwahlen der NG angesichts der Uneinigkeit in der 'Bewegung' in Sachen Forschungsverwaltung[17]. Schmidt-Ott schien zunächst ungefährdet, wurde aber, als man die Kompetenzen des (anfangs nur preußischen) Ministeriums Rust ausdehnte und es zum Reichserziehungsministerium machte, im gleichen Zug von seinem Posten entbunden. Als Aufsichtsratsmitglied der I.G. Farben blieb er ganz unbehelligt und übernahm nach Carl Duisbergs Tod 1935 den Vorsitz des Stifterverbandes der NG/DFG. Max Planck blieb Präsident der KWG.

An den Hochschulen wurde 1933 die Selbstverwaltung durch die Einführung der 'Studentenschaften' (Verordnung Fricks vom 12.4., dann Reichsgesetz vom 22.4.) und später der 'Dozentenschaft' mit ihren jeweiligen 'Führern', durch die Ernennung des Rektors und die Abschaffung des Senats (Gesetz zur Vereinfachung der Hochschulverwaltung vom 28.10., in Baden schon zum 1.10.) untergraben.

Die Studentenzahlen an den deutschen Hochschulen fielen mit den neuen Beschränkungen und Kampagnen von 1933 bis 1938 auf etwa die Hälfte. Das Wohngebot in `Kameradschaftshäusern' wurde bald wieder aufgehoben und der Anteil solcher Hausbewohner sank auf 41% 1938. Der Prozentsatz von Studenten aus `nichtgebildeten' Schichten sank von 26,7% (1933) auf 18,3% (1939); derjenige von Großstadtstudenten stieg im gleichen Zeitraum von 45,8% auf 48,5%. Mindestens 15 % der Hochschullehrer wurden bis 1935 entlassen, in den Naturwissenschaften lagen die Quoten bis 1938 wohl noch höher[18]. Die detaillierteste Untersuchung für eine Disziplin hat Ute Deichmann für die Biologen geliefert. Von 337 habilitierten (einschließlich der Assistenten und DFG-Stipendiaten an KWIn und einschließlich Österreich) Personen wurden 45 entlassen (13%, es emigrierten 34 (36))[19]. Aber nicht in allen Berufszweigen sanken die Studentenzahlen gleichermaßen und nicht alle Universitäten verloren viele Lehrer: Berlin, Breslau, Frankfurt Hamburg, Köln wohl, Erlangen, Rostock, Tübingen jedoch kaum oder garnicht[20]. Klaus Fischer hat die Zahl der bis 1938 aus politischen oder rassistischen Gründen Entlassenen auf 20-25% aller deutschen Hochschullehrer der Physik geschätzt. An 21 Hochschulen wurde aus dieser Gruppe niemand entlassen, das entsprach 58% der Gesamtheit. Dort lehrten 113 Physiker, 35% der Gesamtheit. 15 Hochschulen verloren insgesamt 50 ihrer Professoren und Lehrbeauftragten, dort lehrten 212 Physiker[21]. Mit dem Gesetz gegen die Überfüllung der Schulen und Hochschulen wurde der Zugang von 'Nichtariern' zunächst 'ihrem Anteil in der Bevölkerung entsprechend' eingeschränkt. Das war eine der ersten rassistischen Maßnahmen. Gleichzeitig wurde der Zugang von Frauen zum Hochschulstudium drastisch beschränkt. Die Abiturientinnenzahlen wurden innerhalb der Quotierung eigens festgelegt. Unter 15000 Zulassungen 1934 waren nur 105 Frauen. Jeder zweite Abiturient, aber nur jede siebte Abiturientin konnte studieren. 1935 wurde die Frauenquotierung wieder aufgehoben, aber anstelle von 17000 Frauen im Wintersemester 1932/33 studierten nur noch 5800 im Sommersemester 1939. Das Verhältnis von Studenten zu Lehrenden an den Universitäten sank von 16,9 1932/33 auf 10,9 1935/36 und stieg es an den Technischen Hochschulen von 13,2 auf 88,5[22].

Ein paar Zahlen geben Aufschluß über die akademische Zustimmung zur neuen Führung: nach der 'Machtergreifung', zu den Wahlen im März 1933, wies der Aufruf "Die deutsche Geisteswelt für Liste 1" immerhin 301 Unterschriften auf und noch im gleichen Jahr 'bekannten' sich zirka 1000 (der etwa 7000) Hochschullehrer öffentlich durch Unterschrift zu Hitler und dem NS-Staat, eine zahlenmäßige Stärke der politischen Kundgebung, die sonst nur noch mit den 3000 Unterschriften von 1914 zu vergleichen war[23]. Parallel zur Gleichschaltung lief die "Selbstgleichschaltung"[24], während in Berlin fast ein Drittel und im Reichsdurchschnitt immerhin 14% der Kollegen zwangspensioniert wurden[25]. Die Idee von der "Überparteilichkeit" und auch "Ideologiefreiheit" in Wissenschaft und Kultur erwies sich gegenüber der 'Bewegung' und dem völkischen 'Aufbruch' als unhaltbare Fiktion. Wurde nicht schlagartig klar, daß soziologische, psychologische, politische Gegebenheiten überall hineinspielten, auch in kognitive Dimensionen? Überlegungen dazu und Diskussionen über wissenschaftliche als gesellschaftliche und politische Arbeit schienen unvereinbar mit den Idealen der Sachlichkeit, der Neutralität, des Humanismus. Wäre es anders gewesen, hätte dem Anspruch der Nationalsozialisten auf 'Politisierung' der Hochschulen eine Praxis wissenschaftlicher Arbeit entgegengestanden, die man nicht als 'unpolitisch' hätte bezeichnen können. Die jetzt proklamierte Parteienfeindlichkeit und die rassistische Programmatik ließen keinen Zweifel, daß mit 'Politisierung' ihr Gegenteil gemeint war, nämlich der totale ideologische Durchgriff gemeint war. Solche Ausrichtung und Entpolitisierung griff in den Jahren des Regimes nur bei einer Minderheit. Sie hatte allerdings die negative Folge, daß das politische Desinteresse der Mehrheit sich über die bloße Schutzbehauptung hinaus gründlich festsetzen konnte.

Bei Robert Proctor[26] findet sich ein Photo vom Universitätstreffen am 11. November aus der Illustrierten Zeitung vom 23. November 1933: Vor einem Hintergrund aus Hakenkreuzfahnen und stehenden SA-Männern sitzen am langen Tisch u.a. Emmanuel Hirsch, Theologe aus Göttingen, Martin Heidegger, Philosoph aus Freiburg, Eugen Fischer, Eugeniker und Ferdinand Sauerbruch, Chirurg, beide aus Berlin.

Zwar waren es vor allem Studenten, die 1933 den Parteigeist in die Hochschulen brachten, aber die 'Macht' oder auch nur größere Mitspracherechte kamen ihnen auf Dauer kaum zu:

"Es dauerte nicht lange, bis die 'braune Revolution' auf ihre jugendlichen Mitstreiter verzichten zu können glaubte und an die Stelle der ungeordneten revolutionären Umgestaltung die Ordnung des Apparats trat. Gekennzeichnet wurde dies dadurch, daß sich eine Allmacht von Gesetzen und Erlassen etablierte; der studentische Einfluß reduzierte sich im Laufe der Zeit immer mehr auf Denunziationen bei den mächtigeren Partei- und Gestapo-Dienststellen. Die Studenten spielten nur eine Nebenrolle".[27] Im Zug der Mordaktion von 1934 wurden die SA-Hochschulämter aufgelöst. Der NS Deutsche Studentenbund (NSDStB) - dessen Berliner Gruppe in der 'kunstpolitischen' Auseinandersetzung die 'nationalrevolutionäre Opposition' repräsentierte - blieb die Organisation der Parteimitglieder unter den Studenten. Im November 1936 wurde Gustav Adolf Scheel, ein Obersturmbannführer (Oberstleutnant) der SS, 'Reichsstudentenführer'. Er war der Wunschkandidat des Heidelberger Rektors Wilhelm Groh, der im Januar 1937 zusammen mit Badens Kultusminister Otto Wacker ins REM einziehen sollte[28].

Am 31. 12. 1934 schrieb der 'Leiter des Hauptamtes Wissenschaft' (Briefkopf des 'Hauptamtes für politische Erziehung') der Berliner Studentenschaft an den 'Reichsfachabteilungsleiter Mathematik der Deutschen Studentenschaft' in Heidelberg:

"Lieber Kamerad! Die Anwort auf Dein Schreiben vom 14. 11. 1934 kann ich Dir infolge Wechsels der naturwissenschaftlichen Fachschaftsleitung erst heute zugehen lassen. Anliegend die gewünschte Aufstellung aller Mathematik-Dozenten einschließlich Privatdozenten und Assistenten an der Berliner Universität.
Der Leiter der mathematisch-physikalischen Fachabteilung ist Kam Kurt Lemcke, der im Mai 1934 von damaligen Hauptamtsleiter in sein Amt eingesetzt worden ist... Im laufenden Semester finden folgende Arbeitsgemeinschaften statt: 1. physikalische Fragen, 2. Astronomie, 3. mathemaitsche Fragen, 4. Rohstoff-Fragen. Die Teilnehmerzahl ist wie überall in der Fachschaftsarbeit zurückgegangen. Es mag hier seinen Grund zum Teil darin haben, daß Kam. Lemcke nicht aktivistisch genug ist. Allgemein ist die Autorität der Studentenschaft durch die Vorfälle der vergangenen Zeit vermindert worden, und schließlich muß ich darauf hinweisen, daß die Situation im mathematischen Institut dadurch besonders schwierig ist, daß es noch sehr stark verjudet ist. Es macht sich ein unheilvoller Einfluß auch auf die Studenten geltend, die zum Teil die Fachschaftsarbeit sabotieren. Obgleich der eine nationalsozialistische Professor, Prof. Bieberbach, stellvertretender Rektor der Universität ist und Kam. Lemcke weitgehend unterstützt (ebenso wie Dozent Dr. Foradori), gelingt es nicht ohne weiteres, die Schwierigkeiten zu beheben. Aus den angeführten Gründen ist es auch nicht leicht, die Fachschaftsarbeit politisch auszurichten oder irgendwelche anderen Gesichtspunkte an sie heran zu tragen. Dadurch ist die Fachschaftsarbeit augenblicklich zu sehr reine Wissenschaftsarbeit, abgesehen von der einen Arbeitsgemeinschaft, die Rohstoffragen behandelt. Dr. Foradori hat mir freundlicherweise zugesagt, sich besonders um die Fachschaftsarbeit zu kümmern und Kam. Lemcke und seine Mitarbeiter so lange zu unterstützen, bis ein geeigneter Nachfolger gefunden sein wird. Berlin den 31. Dezember 1934, Heil Hitler!

Hier die 'anliegende Aufstellung', als Beispiel für denunziatorischer Dienstwilligkeit und Beflissenheit; Auch auf die Gefahr hin, daß Nuancen, auf die es unter Umständen ankam, dem heutigen Leser entgehen:

"Berlin den 21. Dezember 1934. Streng vertraulich! Verzeichnis der Dozenten der Mathematik an der Universität Berlin und deren Beurteilung in politischer und wissenschaftlicher Hinsicht.
Mathematik: Prof Bieberbach ist in politischer Hinsicht unbedingt zuverlässig. Er ist der Studentenschaft in jeder Hinsicht entgegengekommen. Wissenschaftlich genießt er über die Grenzen des Deutschen Reiches auch durch die Verfassung seiner zahlreichen Bücher ein großes Ansehen. Prof Erhard Schmidt ist politisch indifferent, als Wissenschaftler ist er sehr bekannt, pädagogisch ist er ohne Geschick. Prof Feigel: seine politische Einstellung ist unbekannt. Auf pädagogischem Gebiet ist er hervorragend. Prof Vahlen ist Pg. Er ist in politischer und wissenschaftlicher Hinsicht hervorragend. Prof Hammerstein ist Angehöriger der Richthofenstaffel. Er ist in politischer, wissenschaftlicher und pädagogischer Hinsicht durchaus positiv zu beurteilen. Desgleichen Prof Klose. Prof Schur ist Jude. Dr. Rose: seine Beurteilung ist vorläufig nicht möglich. Dr Brauer ist Jude. Dr. Foradori mußte als Nationalsozialist seine österreichische Heimat verlassen. Er ist ein ausgezeichneter Kamerad. Physik: Prof Wehnelt ist Pg. und verdient Anerkennung seiner wissenschaftlichen und pädagogischen Leistungen. Über die politische Einstellung Prof.Hettners ist nichts bekannt. In wissenschaftlicher und pädagogischer Hinsicht findet er in Studentenkreisen sehr viel Anklang. Prof. von Laue ist in wissenschaftlicher Hinsicht hervorragend, pädagogisch weniger befähigt. Über seine politische Haltung ist nichts bekannt. Prof Schumann ist Nationalsozialist. Als Pädagoge beliebt. Prof Becker ist vorläufig unbekannt. Prof Hennig ist Nationalsozialist. Wissenschaftlich ist er positiv zu bewerten. Als Pädagoge ist er sehr beliebt. Prof Gehrcke ist Nationalsozialist. Als Wissenschaftler ist er sehr geschätzt. Prof. Grotrian ist mehr als Pädagoge, als als Wissenschaftler geschätzt. Politisch indifferent. Prof Schüler ist in wissenschaftlicher und pädagogischer Hinsicht positiv zu beurteilen. Seine politische Haltung ist unbekannt. Prof Czerny ist als Pädagoge und Wissenschaftler sehr geschätzt. Seine politische Haltung ist unbekannt. Prof Kohlhörster ist wissenschaftlich und pädagogisch einwandfrei. Seine politische Haltung ist ungekannt. Prof. Reichenheim ist Jude. Prof Kiebitz ist vorläufig unbekannt. Dr Möglich ist Pg. Dr. Orthmann, Dozent, ist Nationalsozialist, sehr kameradschaftlich gegenüber den Studenten. Er ist sehr bemüht um die methodische Vermittlung der Physik. Dr Sommer ist politisch einwandfrei. Dr Beutler ist Jude. Über Dr. Philipp, Dr. Skaupy und Prof Blasius ist bis jetzt noch nichts bekannt. Prof Ladenburg ist Jude. Dr F. Trendelenburg: über seine politische Haltung ist vorläufig nichts bekannt. Assistenten Mathematik: es ist vorläufig nicht möglich, Dr. Raubach, Dr. Schultz und Dr. Knothe zu beurteilen. Herr Collatz ist hauptsächlich wissenschaftlich eingestellt. Dr. Schröder hat sich im Lager als Kamerad erwiesen und ist in wissenschaftlicher Hinsicht hervorragend. Physik: über Dr. Köpenick ist vorläufig nichts bekannt. Dr. Holz ist seit 1933 SA-Mann. Dr. Deaubner ist sowohl wissenschaftlich als auch pädagogisch gut. Bezüglich seiner arischen Abstammug herrschen noch Zweifel. Über die politische Einstellung Dr. Kohlers ist vorläufig nicht Näheres bekannt. Seine wissenschaftlichen Fähigkeiten überragen seine pädagogischen."[29]

Merkwürdig berührt u.a., daß über Max Laues `politische Haltung' `nichts bekannt' sei. Hermann Schüler galt als `positiv zu beurteilen'. Hans Kopfermann kam gar nicht vor (vielleicht weil eine entsprechende Liste für die TU wo anders bereitlag?), Rudolf Ladenburg kam vor, war aber schon längst nicht mehr da. Von den 41 werden immerhin 10 als Nationalsozialisten angeführt. 5 galten den Kontrolleuren als 'Juden', von ihnen arbeiteten nicht mehr als zwei, Schur und Brauer, im, wie es im Brief hieß, 'noch stark verjudeten' mathematischen Institut.

Nicht nur berichtend, sondern auf Veränderung im Lehrkörper drängend, schrieb nach dem Sommersemester 1934 Fachschaftsleiter Lothar Borchert in Kaliningrad/Königsberg an den Rektor seiner Universität:

"Die Führung der math.-phys. Fachschaft erlaubt sich im Folgenden Eure Magnifizenz auf gewisse Mißstände am hiesigen mathematischen Seminar aufmerksam zu machen, die mit wachsender Deutlichkeit in den letzten drei Semestern zu Tage getreten sind und zu ideellen und praktischen Unhaltbarkeiten geführt haben.
In den letzten Semestern hat unsere Fachschaft versucht, gemäß den im ersten Wissenschafts- und Arbeitslager in Rippen vom 5. bis 15 Oktober 1933 vorgezeichneten Richtlinien am Um- und Aufbau der Universität mitzuarbeiten und durfte sich dabei der stetigen Unterstützung Eurer Magnifizenz erfreuen. Ziel dieser Arbeit ist uns die Verwirklichung der Idee der Wissenschaft im Sinne der neuen Universität, aus dem Erkennen der existentiellen Grundlagen unserer gegebenen Situation heraus. Unser ganzer Einsatz geht dahin, unser Schicksal, das uns Brücke zu Kommendem sein läßt, zu meistern und zu erfüllen. Im Gegensatz zu dieser mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften aufgenommenen Arbeit, an der im Laufe der Zeit durch organischen Aufbau immer weitere Kreise der Mathematikstudenten Anteil nehmen und so in Wahrheit zu 'Komilitonen' für die Existenz der neuen Universität werden, steht die Entwicklung innerhalb unserer Fachdozentenschaft. Dieser Gegensatz birgt in sich die Unmöglichkeit des Wirksam- und Fruchtbarwerdens jeder von uns geleisteten Arbeit... Entsprechende Schwierigkeiten liegen in Hinsicht auf das physikalische Seminar vor. Hier ist bisher keine Veränderung im Lehrkörper eingetreten. Die beiden Ordinarien, Prof. Kaufmann und Prof. Gans, sind jüdischer Abstammung. Dadurch, daß hier alles unverändert geblieben ist, erscheint die Lage äußerlich (und d.h. in bezug auf Examens-Semester und Doktoranden) einfacher, umso mehr, als einige der Herren Assistenten des zweiten physikalischen Instituts unserer Fachschaftsarbeit durchaus positive Haltung entgegenbringen. Im wesentlichen bestehen natürlich die gleichen, den Neubau der Universität hemmenden Spannungen zwischen Studentenschaft und Ordinarien auch hier. Der Hinweis auf die Ordinarien des physikalischen Seminars vervollständigt das Bild und zeigt deutlich, daß den Studenten der mathematischen und physikalischen Seminare eine geschlossene Gruppe ihnen naturgemäß fremder Dozenten gegenübersteht, und sie so niemanden unter den Inhabern der betreffenden Lehrstühle haben, denen sie sich menschlich und wissenschaftlich anvertrauen könnten. Auch von Seiten eines neuen Dozenten bestünden große Schwierigkeiten, sich dieser Gruppe gegenüber zu behaupten"[30]

* * *

Den Studenten standen `ihnen naturgemäß fremde Dozenten' gegenüber? Einer von diesen, Richard Gans, schrieb unter dem 4. Oktober 1934 aus der Cäcilien Allee 13 in Königsberg an Walther Gerlach in München:

Lieber Gerlach! / Entschuldigen Sie mein langes Schweigen. Es kamen unangenehme Dinge dazwischen. Zuerst trat hier eine Typhusepidemie auf, die auch meinen Ältesten packte, aber es sieht so aus, dass er durchkommt, wenn keine Komplikation hinzukommt. Dann teilte mir Stuart[31] mit, dass ich nicht mehr prüfen dürfe. Der Rektor habe ihn aufgefordert, andere Examinatoren vorzuschlagen und er wolle sich, Steinke und Kreschmann nennen. Es gibt doch Charaktere, die den Verlockungen der heutigen Zeit nicht recht gewachsen sind. Schließlich war hier Tagung des Gustav Adolf Vereins, gelegentlich dessen ich Hausbesuch von einem Vetter meiner Frau und dessen Frau hatte. Er ist Pfarrer in Eisenach....[32]

Drei Wochen später hatte Gerlach zurückgeschrieben und offenbar von Rücktrittsabsichten gesprochen, Gans antwortete unter dem 25. Oktober:

"Lieber Gerlach! / Nehmen sie innigsten Dank für ihre Anteilnahme und ihre Herzlichkeit. Eberhard hat es geschafft. Die Krisis ist überwunden, und seit zwei Tagen ist er völlig fieberfrei. Kommt kein neuer Rückfall, kann ich hoffen, den Jungen spätestens in einer Woche wieder bei mir zu haben. Es waren sehr harte Tage, die ich durchgemacht habe. Ich beneide Sie: Sie können die Dinge noch so entzückend ernst nehmen. Ich bringe das nicht mehr fertig; das liegt daran, daß ich in der letzten Zeit weitsichtig geworden bin - eine bekannte Alterserscheinung. Wenn ich einmal eine Depression habe, so suche ich nach Heilmitteln. Eins wirkt immer glänzend: irgend ein wissesnchaftliches Problem. Dabei ist man so außer Raum und Zeit. Augenblicklich ist es eine neue Methode der Störungsrechnung in der Wellenmechanik, von der ich glaube, daß sie ganz gut ist, und dann magnetische Nachwirkung. Da finden wir sicher etwas Neues. Und außerhalb der Physik muß es noch irgend etwas anderes sein, was einen bewegt. Ich interessiere mich gerade sehr für den Kirchenstreit in Mexiko, und man kann das so gut verfolgen, weil die deutsche Presse einen darüber gut auf dem Laufenden erhält. Lieber Gerlach, machen Sie um Gotttes Willen keine Dummheit, die sie später nicht weniger bereuen werden als der Staat. Wir können einen Mann wie Sie nicht missen - jetzt weniger als je - und es ist wahrhaftig nicht nötig, dem Schreien der Strasse nachzugeben. Sehen Sie, ich bin in mancher Beziehung in viel schwierigerer Lage als Sie, einerseits geächtet, andererseits entbehrlich, und trotzdem sage ich zu meinem Jungen, wenn es einmal mit Axthieben kommt, und das ist häufiger der Fall, "Ich stehe wie ein Fels, wie die Angel der Welt" Für heute nichts Weiteres. Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin innigste Grüsse. Immer ihr alter R. Gans / Viel Glück im neuen Heim."

Ein paar Monate früher hatte Gans berichtet:

"Heisenberg und Hund hatten gemeinsam für meinen Assistenten Mrowka[33] ein NG-Stipendium beantragt, damit M. sich bei ihnen - meinem Wunsche gemäß - vervollkommen sollte. Die "Notgemeinschaft" hat es abgelehnt".
Richard Gans (1880-1954)[34] war von 1903-1908 Privatdozent in Tübingen, lehrte anschließend in Strasbourg; von 1912 bis 1925 arbeitete er in Rio de la Plata und war seither Lehrstuhlinhaber in Kaliningrad. Auf der Karteikarte zur Personalakte Richard Gans im REM wurde im November 1935 registriert, daß ihm der Zutritt zum Institut verwehrt wurde, daß seine 'Zurruhesetzung' vom 27. 12. datierte, daß am 6.2. 1936 ein Gutachten über Gans von Generalmajor Faupel vorlag[35]. Richard Gans mußte im Alter von 55 Jahren sein Lehramt aufgeben. Das Reichsbürgergesetz vom 5.9. 1935 (`Nürnberger Gesetze') und anschließende Durchführungsverordnungen verschärften die bisherige Gesetzeslage: "Jüdische Beamte treten mit Ablauf des 31.12.1935 in den Ruhestand."[36]

Am 27.11.35 schrieb Gans an Gerlach einen Brief, der mit Formeln zur Magnetisierung gespannter Drähte begann und zum Schluß mitteilte:

"Die ersten fünf Wochen nach meiner Beurlaubung waren schauerlich, weil ich das Institut nicht betreten, also auch die Institutsbibliothek nicht benutzen durfte. Aus diesem Grunde konnte ich an meine Separata-Sammlung auch nicht heran. Jetzt hat mir der Rektor provisorisch, d.h. bis Berlin sich darüber ausgesprochen hat, erlaubt, die Bibliothek zu benutzen. Im nächsten Monat wird die endgültige Entscheidung fallen. Da ich nicht Frontkämpfer war, sondern mich als Deserteur zum Vergnügen in Südamerika herumgetrieben habe, bin ich auf eine schlechte Lösung gefaßt. Ob sie gerecht sein wird, entscheide ich nicht. Mitte Oktober fragte der Abwechselung halber die Akademische Verlagsgesellschaft an, wann sie auf das M.S. rechnen könnte. Ich schrieb daraufhin, dass ich zunächst überhaupt nicht weiterarbeiten könnte, und gab die Gründe an. Darauf schlug der Verlag mir vor: " Wäre es Ihnen vielleicht möglich, sich nach München zu begeben und eventuell unter Benutzung des Materials und der Bibliothek von Herrn Prof. Gerlach die Arbeit fortzusetzen. Es wäre unter diesen Umständen vielleicht auch möglich, dass Sie Herrn Prof. Gerlach bei der Vollendung des Bandes Para- und Diamagnetismus unterstützten." In der Form, wie der Verlag sich ausgedrückt hat, ist natürlich die Sache sinnlos. Es fragt sich, ob es einen Zweck hat, dass ich Sie Anfang Januar einmal in München aufsuche, um in ein paar Tagen Einzelheiten über den `Ferromagnetismus-'Band zu besprechen. Dann würde ich Anfang Januar vielleicht kommen können, ein Termin, der mir lieb wäre, weil ich dann weiss, was man über mich beschlossen hat. Sollten Sie aber unter den heutigen Umständen nicht mit mir zusammen arbeiten wollen, nehme ich Ihnen das nicht übel. Der Druck ist zu gross. Aber sagen Sie es mir offen; dann trete ich vom Vertrag zurück. Dafür wird sich ja wohl irgend eine Möglichkeit finden lassen. Für heute nur noch herzlichste Grüsse an Ihre Frau Gemahlin und Sie selbst. Ihr R. Gans.

Offenbar hat Gerlach nicht gleich von sich hören lassen, so daß Gans sich schließlich unter dem 6.12. an Frau Gerlach wandte:

"Hochverehrte gnädige Frau! / Der Jurist hat den Begriff des Versuchs am untauglichen Objekt. Als Beispiel dafür könnte man den Versuch anführen, von Ihrem Mann eine Antwort zu erhalten. Deshalb wende ich mich an Sie oder vielleicht besser gesagt auf dem Umwege über Sie an Ihren Mann. Ich würde gern auf etwa zwei Tage - es können auch drei sein - nach München kommen, um Verschiedenes mit Ihrem Mann zu besprechen. Vor allen Dingen möchte ich sehen, ob wir uns über irgend eine Form der Fertigstellung des Handbuchbandes Klarheit verschaffen können, nachdem wir festgestellt haben, in welchem Zustand das Manuskript augenblicklich ist. Dann aber würde ich gern mich mit Ihrem Manne einmal über meine Lage aussprechen. Berlin hat mir verboten, das hiesige Physikalische Institut, und damit auch die Institutsbibliothek zu betreten. Ich weiss nicht, ob dieses Verbot aufrechterhalten werden soll, wenn die endgültige Entscheidung über mich bekannt gegeben worden ist, was vermutlich im Laufe dieses Monats noch erfolgen muss. Es hat natürlich nur einen Sinn, dass ich nach München komme, wenn Ihr Mann Zeit hat, sich in den Tagen meiner Anwesenheit mir täglich 1-2 Stunden zu widmen. Ich bin hier immer abkömmlich, sei es noch vor Weihnachten, in den Weihnachtsferien oder unmittelbar nachher. Bitte grüssen Sie Ihren Mann herzlichst von mir. Mit den besten Empfehlungen an Sie selbst bin ich stets Ihr sehr ergebener R. Gans.

Die beiden trafen sich nicht in München sondern in Berlin[37]. Unter dem 23. Februar 1936 schrieb Gans:

Lieber Gerlach! / Nach unserem Zusammentreffen in Berlin habe ich Ihnen immer schon schreiben wollen. Sie werden mir nicht böse sein, dass ich es bisher nicht tat, denn wer im Glashaus wohnt, wirft nicht mit Steinen. Unsere Berliner Tage waren ein wunderschönes Intermezzo in meinem unerträglichen Exil. Dies wird nun bald zu Ende gehen, denn zum 1. 4. habe ich eine Stelle als theoretisch-physikalischer Berater des Forschungsinstituts der AEG angenommen. Ich werde mich an einiges noch natürlich gewöhnen müssen, z.B. an einen Chef, und dass einem die Physik nach festem Menü anstatt à la carte serviert wird, aber ich hoffe, mir meine Position schon zu schaffen. Jedenfalls ist die Fortsetzung des jetzigen Zustandes unmöglich, wenn zur natürlichen Vertrottelung nicht noch die durch amtliche Nachhilfe geschaffene hinzukommen soll. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie es noch etwa 14 Tage vertraulich behandeln wollten, dass ich die Stelle angenommen habe. Ich habe viel daran gedacht, wie Ihre `Verhandlungen' im Ministerium wohl ausgefallen sind. Hoffentlich hat man eingesehen, dass zur wissenschaftlichen Arbeit eine Menge Imponderabilien gehören - und ausserdem Apparate und Mitarbeiter. Das Urteil über Heinrich Hertz, von dem wir sprachen, stammt nicht von Lenard, wie ich meinte, sondern von Joh. Stark "Nationalsozialismus und Wissenschaft", Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher Nachf. , München 2 N.O. Seite 12. Preis 0,30 RM (für Leute von Humor nicht überzahlt). Er sagt : "Die Juden führen in neuerer Zeit häufig Heinrich Hertz gegen diese Feststellung als Gegenbeweis ins Feld. Gewiss hat Heinrich Hertz die grosse Entdeckung der elektromagnetischen Wellen gemacht; indes war er kein reinblütiger Jude, sondern hatte eine germanische Mutter, von deren Seite seine geistige Veranlagung bestimmt sein mochte." Sicher würde er die Hertz'sche Mechanik als geistiges Erbe des nichtarischen Vaters ausgeben, wenn Hertz' früherer Assistent Lenard nicht das Buch nach H's Tode herausgegeben hätte. Ich warte bei provisorisch 340 RM ausbezahlter Pension immer noch auf die endgültige Regelung. Diese wird, glaube ich, nicht mehr lange auf sich warten lassen. denn das Ministerium hat sich vor der Entscheidung, ob die ausserpreussischen Dienstjahre (d.h. Heidelberg, Tübingen, Strassburg, La Plata) pensionsberechtigt sind, bereits erkundigt, ob ich noch weitere Einkünfte habe, in welcher Höhe und aus welcher Quelle. Der Kurator sagte mir, dass Einkommen aus Kapitalvermögen auch mit dazu gehören. In Berlin fragte ich Sie, ob Sie mein grosses Etalon der magnetischen Feldstärke sowie den magnetischen Blechprüfungsapparat der AEG nach Pfaffenberger übernehmen wollen. Den Preis können Sie festsetzen. Bitte nicht zu hoch, denn ich möchte nicht in schiefes Licht kommen, und Sie sollen das auch nicht. (u.A.w.g.) Ramsauer sagte mir neulich, dass K.W. Wagner abgesetzt sei, und zwar wegen irgend welcher Unregelmäßigkeiten. In Berlin werden wir uns hoffentlich eher einmal treffen als in Königsberg. Grüssen Sie bitte Ihre sehr veehrte Frau Gemahlin bestens von mir. Auch Ihnen herzlichste Grüsse. Ihr R.Gans
Bis 1939 blieb ihm die Berater-Stellung bei der AEG erhalten, auf sein weiteres Schicksal wird noch einzugehen sein. Seine Briefe an Walther Gerlach sind bis in die Nachkriegszeit hinein beredte Zeugnisse. Im Mai 1949 schrieb Gans für Harald Volkmann, der in Königsberg sein Assistent gewesen war und keine Stelle fand:
"er war immer restlos anständig, trotzdem er irgend so ein unglückliches SS-Amt hatte. Sie wissen ja wie das häufig ging. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer. Sollten Sie durch ihre Beziehungen zur Industrie ihm irgendwie helfen können, wäre ich ihnen sehr dankbar"
Walther Gerlach (1889-1979) kannte Gans aus seiner Tübinger Studienzeit. Der Arztsohn aus Bieberich bei Wiesbaden war 1908 zum Studium nach Tübingen gekommen. 1910 hatte Friedrich Paschen ihm eine Assistentenstelle angeboten (Gehalt bekomme ich etwa 1500-2000 Mark pro Jahr[38]) und Gans (und Rittershausen) hatten ihm dringend zur Annahme geraten. 1912 hatte er promoviert. Gerlach wurde im August 1915 zum Ulmer Infanterieregiment 247 eingezogen, kam im weiteren Verlauf des Krieges erst zu einem Pionierbataillon, dann als Pioniergefreiter zur verkehrstechnischen Prüfungskomission in Berlin und stieß ab Herbst 1916 zur Funkerinspektion, deren technische Leitung Max Wien / Jena oblag[39]. Gerlach wurde Oberingenieur und Inspekteur der Funkertruppen bei der 6. Armee in Flandern und Artois, im Herbst 1917 im Großen Hauptquartier und bei Divisionsfunkern in der Champagne (Chemin des Dames), im Sommer 1918 kam er schließlich zu einer Feldfliegerabteilung und ins Lazarett (mit spanischer Grippe). Nach Kriegsende war er vom Kriegsministerium mit Abwicklungsaufgaben betraut und schied Ende Januar 1919 aus dem Militärdienst aus. Dem Oberingenieur der Inspektion mag der Krieg einen ebenso nachhaltigen wie einflußreichen Bekanntenkreis bescheert haben. Nach zwei Jahren als Laborleiter bei Bayer in Elberfeld wurde er Assistent bei Wachsmuth in Frankfurt. Otto Stern, den Max Born in sein Institut geholt hatte, begann zusammen mit Gerlach jenes berühmte Experiment, das seither beider Namen trägt. Der Stern-Gerlach-Versuch von 1921 demonstrierte die `Richtungsquantellung' von Silberatomen, die Aufspaltung eines Atomstrahls im inhomogenen magnetischen Feld infolge verschiedener Einstellungsmöglichkeiten der magnetischen Momente zu diesem Feld[40]. Im Dezember 1924 wurde Gerlach der Nachfolger seines Lehrers Paschen in Tübingen. Seit 1929 war er Professor in München[41].
* * *

Johannes Stark (1874-1957), Gutsbesitzerssohn aus der Oberpfalz, Nobelpreisträger von 1919, 'Atomphysiker', Assistent in München und Göttingen, Professor in Hannover und Aachen, 1921 als Ordinarius in Würzburg aus der Hochschule ausgeschieden, dann auch als vielseitiger Unternehmer noch physikalisch tätig, ein unbedingter Anhänger und Weggenosse Hitlers, war mit der 'Machtübernahme' Präsident der PTR geworden. Als Kandidat zum Vorsitz in der DPG fiel er durch. Ein anderer Nobellaureat, Max Laue, damals Präsident der Gesellschaft, trat bei der Würzburger Jahrestagung im September 1933 öffentlich und im Vorstand gegen ihn auf[42]. Karl Mey, Physiker bei Osram und schon Vorsitzender der um viele Mitglieder stärkeren Gesellschaft für Technische Physik (DGTP), wurde gewählt (Eine derartige Vereinigung der beiden Gesellschaften stellte allerdings auch einen Kompromiss mit den Forderungen des Regimes dar). Bald darauf, am 14. Dezember 1933, verhinderte Laue auch noch die Aufnahme Starks in die Berliner Akademie:

"in der Reichsanstalt hat er eine Reihe wichtiger, ihm aber verhaßter Untersuchungen kurzerhand abbrechen lassen, und es steht mit der Reichsanstalt heute so, daß eines ihrer ältesten und treuesten Mitglieder mir vor wenigen Tagen keineswegs unter vier Augen sagte: 'wenn Stark es noch einige Monate so weiter treibt, kann die Reichsanstalt ihren Konkurs anmelden'".[43]

Am schlimmsten, meinte Laue in seinem Einspruch, seien jedoch die Pläne Starks für das 'physikalische Schrifttum'[44]. Stark 'rächte' sich zwei Tage später, indem er Laue von seinem Amt als Berater der PTR entband[45].

Mit seiner Ernennung vom preußischen zum Reichserziehungsminister (REM) am 1.6. 1934 übernahm Bernhard Rust die Zuständigkeit für die NG und übertrug den Vorsitz an Johannes Stark. An die Stelle des preußischen Kultusministers a.D. trat der neue Präsident der Reichsanstalt. Im Juli stimmten bis auf die Münchener alle Hochschulen der Ernennung zu, vier Akademien stimmten mit Nein und Max Planck als Präsident der KWG enthielt sich der Stimme. Stark berief Anfang 1935 einen neuen Hauptausschuss, dem u.a. der Präsident des Reichsgesundheitsamtes, Hans Reiter und der Zoologe Alfred Kühn angehörten[46]. Die NG sollte bald Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heißen, hatte doch die NS-Herrschaft das Ende aller 'Not' zu bedeuten. Ein Bericht der DFG von 1935 gibt Auskunft über die Aufwandsvergütung des neuen Präsidenten (und Max Plancks):

"Nach einem Aktenvermerk von Dr. Wildhagen vom 4.8.1934 hat Ministerialdirektor Professor Dr. Vahlen gelegentlich einer Besprechung angeordnet, daß die Bezüge des Präsidenten Stark denen des Präsidenten der KWG entsprechen sollen, dieser erhält eine Aufwandsentschädigung von jährlich 12 800 Reichsmark. Nach diesem Satz ist die Entschädigung ab 20. Juni 1934 gezahlt worden".[47]

Es kann kaum Wunder nehmen, daß der Versuch gemacht wurde, mit der völkischen Erneuerung eine 'Deutsche Physik' durchzusetzen, die, aus besonderen Quellen schöpfend, etwas anderes sein sollte als die pragmatische, positive, an der internationalen Entwicklung orientierte Wissenschaft. Auch nicht, daß dazu auf Vorstellungen von biologistischer Begründbarkeit nationaler Denkstile, 'Weltanschauungen', Lebensgefühle zurückgegriffen wurde[48]. Die waren auch schon gegen die Republik und ihre Repräsentanten ins Feld geführt worden, ebenso wie die rassistischen Manichäismen, mit denen die 'Bewegung' daherkam. Philipp Lenards antisemitische Ausfälle gegen Kollegen seit 1922 waren von seiner 'eisernen' Haltung und Polemik gegen die Republik nicht zu trennen[49]. 1924, anläßlich des Gerichtsverfahrens gegen Hitler und 'Kampfgenossen', hatten die beiden renommierten Physiker und Bundesgenossen 'für die Rettung Germaniens', Philipp Lenard und Johannes Stark, öffentlich erklärt:

"Hier geht es nun seit Jahren schon immer verstärkt gerade gegen das, was uns von Jugend auf immer das Höchste und Heiligste am Menschen war und was uns auch bei unserer Lebensarbeit geleitet hat, um den germanischen Geist der Ehrlichkeit, mit dessen Ausrottung man auch den Ast absägt, auf welchem die Wissenschaft sitzt. Und weil wir dies fühlten und immer noch stärker zu fühlen bekamen, sind wir 'völkisch' geworden, das heißt wir legen jetzt höchsten Nachdruck darauf, das in unserem Blut Geerbte zu verteidigen, weil wir es als den Segen der Menschheit überhaupt erkennen gelernt haben ... Er und seine Kampfgenossen, sie scheinen uns wie Gottesgeschenke aus einer längst versunkenen Vorzeit, da Rassen noch reiner, Menschen noch größer, Geister noch weniger betrogen waren".[50]

Aus diesem germanischen Geist der Ehrlichkeit, der schon Galilei, Kepler, Newton und Faraday beseelt haben sollte, leitete sich für seine Missionare eine völkische Dichotomie in 'Pragmatiker' und 'Dogmatiker' in den Wissenschaften und unter den Völkern ab: gut für die Volksgemeinschaft sei das anschauliche, praktische Denken der einen und schädlich das konzeptuelle, theoretische der anderen.

Gegen eine völkische 'Machtübernahme' in der Wissenschaft sprachen vor allem zwei Umstände: Erstens war an einer (relativ) ungebrochenen nationalen 'Größe' in Wissenschaft und Forschung faktisch nicht zu zweifeln, und selbst in den Augen von solchen, die es hätten besser wissen müssen, stellte sich die Sache so dar, als sei dieser Erfolg unabhängig von der Republik oder eher gegen sie als mit ihr, und ganz in der Nachfolge wilhelminischer 'Größe', errungen worden. Zweitens ließ sich zwar mit dem rationalen Rest einer Kapitalismuskritik in der völkischen Ideologie auch ganz gut eine Kritik an der zeitgenössischen Entwicklung in den Naturwissenschaften verbinden, nur kam man damit genau so hart mit Industrie- und Wirtschaftsinteressen in Konflikt, wie in der ersten Frage mit dem erklärten Prestigestreben des Regimes gegenüber anderen Ländern.

Kurzum, Vertreter einer völkischen Ideologie in den Naturwissenschaften spiegelten das Dilemma, in dem sich alle Sucher nach 'reiner' NS-Ideologie sahen, allen voran Alfred Rosenberg, der Parteiführer und 'Chef-Ideologe' mit eigenem Amt und Herausgeber des 'Völkischen Beobachters', des Parteiblatts in Millionenauflage. Die ideologisch-'fundamentalistische' Fraktion mußte sich einer 'Wirtschafts-' und einer außenpolitischen 'Prestige-'Fraktion oder besser Interessenvertretung stellen, und bildete so nur eine der Kräfte im Machtkartell des Regimes.

Der nationalsozialistische 'Fundamentalismus' mag anfänglich 'Oberwasser' gehabt haben, mußte sich aber sehr bald auf Grabenkämpfe einstellen. Zwar lieferte er auch weiterhin ideologische Versatzstücke, die aber kamen nach machtpolitischen Erfordernissen von Fall zu Fall zur Geltung - oder nicht. Es kam nicht auf ideologische Inhalte an, sondern auf den 'Durchgriff' des Systems. Im Bereich der Physik konnten die Wirtschafts- und Industrieinteressen sowie die außenpolitischen bis zu einem gewissen Grad 'erfolgreich' gegen die NS-'Fundamentalisten' vertreten werden. Aber entzog man sich tatsächlich dem abgekarteten Spiel, oder wurde am Ende nur der Teufel mit Belzebub ausgetrieben?

Der Nationalsozialismus war angelegt in einer autoritären Praxis, die sich ständig, auch in den 'sachlichsten', leistungs- und zielbewußten, 'logischen', pragmatisch-effizienten Abläufen und Vorgängen in Erinnerung brachte. Die NS-Diktatur suchte ihre Bestätigung und damit Machterhaltung wie jedes andere Regime in den 'Leistungen' und Erfolgen mit Bezug auf ihre Ziele und Absichten, aber sie baute psycho- und soziodynamisch ebenso auf dezisionistische Machterfahrung, Machtdurchsetzung, Machtvermittlung, und das autoritär-rassistische Vorurteil diente der Scheinlegitimation solchen Terrors. Das Vorurteil 'bewährte' sich den Führern als Garant und Beweis ihrer Macht, indem sie es in unvermittelte Gewalttaten gegen Menschen umsetzten, und die Gewalttaten nahmen zu, je mehr die Herrschaft der Garantien bedurfte. Jeder erfuhr die autoritäre Struktur, die schiere Durchsetzung eines erklärten Grundsatzes. Eine Mentalität, die zwischen Selbstaufgabe des 'Befehlsempfängers' und dem Versuch zur 'Selbstbestätigung' in Gewalttaten schwankte, stellte sich als sozial dominant dar. Worauf kam es an, wenn nicht darauf, sich dieser Mentalität zu entziehen?

Als 1933 Schrödinger mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, äußerte Stark seine Mißbilligung und sein Mißfallen am 'Einsteinklüngel'. 1934 unterstützte er Ernst Gehrke, Mitarbeiter in der PTR, in einem 'Feldzug' gegen Planck und den Lehrbuchautor, Gründer und Herausgeber der `Naturwissenschaften', Arnold Berliner. Im Frühjahr 1936 stellte er sich öffentlich hinter eine vom Berliner Studentenführer Willy Menzel verfaßte Polemik im 'Völkischen Beobachter' gegen die 'Dogmatiker' Planck und Heisenberg (im Zweifelsfall hatte er die Intrige selbst angeregt). Anlaß war, daß Arnold Sommerfeld Werner Heisenberg als Nachfolger haben wollte (s.u.). Berufungsangelegenheiten waren zwar Sache des Ministeriums, aber es hatte immer Mitspracheforderungen aus der Partei gegeben. Seit Rudolf Heß und sein 'Stabsleiter' Martin Bormann 1935 die Gründung des NS Deutschen Dozentenbundes (NSDDB) veranlaßt hatten, wurden für diesen ständig Mitspracherechte reklamiert, und der NSDDB bot eine 'Plattform' von ideologischen und Machtkämpfen, an denen das Amt Rosenberg, die SS und das REM beteiligt waren[51]. Stark stand nicht außerhalb[52]. In einem Schreiben (Starks? unter Aktenzeichen Z/Sch(umann? K.S.): 'dem Herrn Minister weitergeleitet') vom 2. Oktober 1936 hieß es:

"Vom Standpunkt des Ministeriums aus gesehen stellt sich die Sache mir wie folgt dar: in einem in politischen Zeitungen zur Austragung kommenden Professorenstreit hat die eine Seite beim Reichswissenschaftsminister Hilfestellung gesucht, ist in Gestalt des Herrn Heisenberg beim Referenten gewesen und hat die Empfehlung bekommen, eine einheitliche Stellung der gesamten deutschen Physikerschaft zu dem angeblich zur Erörterung stehenden wissenschaftlichen Problem 'theoretische Physik/Experimentalphysik' herbeizuführen. In Ausführung dieser Empfehlung wird in einem Rundschreiben erklärt, daß der Herr Reichswissenschaftsminister, vertreten durch Herrn Professor Mentzel, den Wunsch habe, den Streit beizulegen. Damit kann der Anschein erweckt werden, als ob in dem Streit der Wissenschaftsminister auf der Seite Heisenbergs stünde und sich dessen bediene.
Handelt es sich um einen rein wissenschaftlichen Streit, müßte m.E. der Minister sich heraushalten. Handelt es sich um einen politischen Streit, dann bestände erst recht keine Veranlassung, sich in die Dinge einzumengen. Jedenfalls ist der Anschein erweckt worden, als ob bei den Angriffen gegen den jüdischen Geist in der Physik der Minister sich an die Seite der Angegriffenen gestellt hätte. Es wäre bestimmt richtiger gewesen, wenn der Referent seinen Namen und den des Wissenschaftsministers nicht für derartige Interventionen zur Verfügung gestellt hätte".[53]
Bei dem erwähnten Rundschreiben handelt es sich um ein 'Krisen-Memorandum' von Hans Geiger, Werner Heisenberg und Max Wien, das 75 Hochschullehrer der Physik - eine überzeugende Mehrheit der in Frage kommenden - unterschrieben hatten: "Die Physik in Deutschland befindet sich zur Zeit in einer schweren Krise". David Cassidy hat die 'besorgten' Äusserungen des Memorandums zusammengefaßt: "Der Bedarf an Physikern in Technik und Heer könne durch die schrumpfenden Studentenzahlen nicht gedeckt werden, verwaiste Lehrstühle seien nur schwer mit qualifizierten Personen zu besetzen, und nun schreckten öffentliche Angriffe auf den Gehalt der Physik die Studenten ab, vor allem von der theoretischen Physik"[54] Überrascht es, daß das Memorandum keine andere Besorgnis, als die um den Bedarf in Technik und Heer, in den Vordergrund rückte?

Im November 1936 verlor Stark die Präsidentschaft der DFG, an seine Stelle trat ab 14.11. Rudolf Mentzel.

Kritik an Stark war von verschiedenen Seiten gekommen. Erich Schumann in seiner Doppelfunktion beim HWA und im REM hatte sich gegen ihn gewandt[55]. Die Folgen der 'Kampagne' im 'Völkischen Beobachter' richteten sich gegen ihn. Eduard Wildhagen, Starks Stellvertreter in der DFG, war zunächst angegriffen worden, wobei wohl Zugriffswünsche des Amtes Rosenberg auf Forschungsinstitute der Partei eine Rolle spielten[56]. Zu Starks Fall mag beigetragen haben, daß er erfolglos versucht hatte, die Goldgewinnung aus dem Moor rentabel zu machen [57].

Mentzels Ernennung zum DFG-Präsidenten war Ausdruck einer Verschiebung im Machtkartell hin zu einer 'Achse' Göring-Himmler (Vierjahresplan, Gestapo-SD-Kontrolle) und bedeutete das Ende der 'Formierungsphase' auch in diesem Sektor.

* * *

Während der ersten Phase des Regimes konnte Max Planck als Präsident der KWG seinen langgehegten Wunschtraum verwirklichen, den Bau eines KWI für Physik. Die formale Gründung des Instituts war schon 1917 geschehen: Albert Einstein wechselte damals von der Akademie-Stelle zum Leiter des KWG-Instituts, dem zwar kein Labor, aber ein beträchtlicher Förderungsetat zur Verfügung stand. Die Ausführung der Pläne zog sich lange hin. Vor der Weltwirtschaftskrise hatte die Rockefeller-Stiftung etwa eine Million Reichsmark bewilligt und nachdem Planck Peter Debye zum Institutsleiter vorschlagen konnte, und die Regierung Hitler 1934 bereit war, sich mit einer weiteren Million an der Finanzierung zu beteiligen, gab Rockefeller das Geld frei und der Bau konnte umgehend beginnen. Noch 1936 lief Plancks 'Arche' - John Heilbron hat die Träume des KWG-Präsidenten, die Wissenschaft (und sich) über die widrigen Zeiten hinweg zu retten, ausführlicher behandelt - vom Stapel. Im Juni 1938 wurde mit Fanfarenklängen eingeweiht.[58]

Das KWI Chemie leitete Otto Hahn und Abteilungsleiterin für Physik war Lise Meitner. Hauptfinanzquelle war die Emil-Fischer-Gesellschaft für chemische Forschung in Frankfurt. Meitner hatte gezögert, in die 'Neutronenphysik' einzusteigen, die sich ab 1932 mit kostspieligen 'Großgeräten', den Beschleunigern, zu entwickeln begann. Burghard Weiss hat beschrieben, wie Otto Hahn Anfang 1935 aus der 'Privatschatulle' von Carl Bosch 20 000 Mark erhielt und bei Koch und Sterzel in Dresden einen 220 kV Kaskadengenerator kaufte. Mit einer im Institut gefertigten Beschleunigerröhre wurde über Deuteron-Deuteron-Kollisionen ein Neutronenstrahl erzeugt und Experimente damit durchgeführt.[59] Meitners Nachfolger Josef Mattauch hatte 1939 Pläne für einen größeren Beschleuniger; es entstand das 'Minerva-Projekt', das zwar im Krieg nicht über einen Hallenbau und die Lieferung der Beschleunigerelemente durch die Firma C.H.F. Müller/Hamburg hinaus kam, sich aber als umso geeigneter erwies, eine personelle und institutionelle Kontinuität bis in die spätere Bundesrepublik hinein zu gewährleisten.[60]

Bedeutender vielleicht als alle Berliner Institute der KWG war für die nationalsozialistische 'Wehrhaftmachung' das Göttinger KWI für Strömungsforschung, das einmal aus der Versuchsanstalt der 'Motorluftschiff-Studiengesellschaft für Luftfahrt' des Kaiserreichs (1908) hervorgegangen war und das von deren Gründer Ludwig Prandtl (1875-1953) geleitet wurde. In der Republik gehörte Prandtl zu den DNVP-Anhängern in der Wissenschaft. Er war bestimmt kein Freund der Republik, urteilte Helmuth Tritschler, aber er sei stets bereit gewesen, jeder Forderung, die der Staat an ihn stellte, nachzukommen[61]. Er und Theodor Kàrman schlugen 1928 vor, einen Deutschen Forschungsrat für Luftfahrt zu gründen. Bei dem Prestige- und Propagandaaufwand, den das neue Regime mit den 'Himmelstürmern' trieb, profitierten auch das KWI und die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen, die beide, wie auch die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt DVL in Berlin, unmittelbar dem neuen Reichsluftfahrtministerium unterstellt wurden. Im Göttinger KWI und in der AVA war die NSBO, die Betriebszellenorganisation besonders stark. Prandtl versuchte in Eingaben an den Innenminister Frick Ende April 1933 die erste 'Arisierungswelle' in den Instituten zu stoppen, sie war zu offensichtlich 'kontraproduktiv' (diese von ihm selbst angegebene, einzig opportune Begründung mag durchaus die Motive Prandtls nicht erschöpft haben[62]).

Prandtl hat 1933/34 auch versucht, die akademische Karriere Wilhelm Müllers, eines Aeronautikers und Nationalsozialisten, von dem noch die Rede sein wird, zu stoppen. Der Unterstaatssekretär im RML und spätere 'Generalinspekteur der Luftwaffe', Erhard Milch (1892-1971)[63], protestierte auf Veranlassung Prandtls bei Rust. Ohne Erfolg.

Ab 1936 wurden die Göttinger Institute beträchtlich erweitert. Mit der Gründung der 'Deutschen Akademie für Luftfahrtforschung', 1937, vier Wochen vor der spektakulären Inauguration des 'Reichsforschungsrates', ging in diesem Sektor die 'Formierungsphase' zu Ende. 1938 lag übrigens ein Fünftel der Stellenangebote für Ingenieure im Bereich Luftfahrt, gegenüber 6% 1933[64]. Ludwig Prandtl sollte es im Regime noch bis zum 'Forschungsführer Luftfahrt' bringen.

* * *

Wenn in der ersten Zeit nach dem 30. 1. 1933 Pläne durch die Vertreibungs- und Diskriminierungswelle zunichte gemacht wurden und die Forschung empfindlich gestört war: in vielen Bereichen erholte sie sich schnell, nicht einmal der Geldfluß aus Amerika versiegte, wie das Beispiel KWI Physik zeigt, und die internationalen Kontakte schienen sich sogar zu intensivieren. Das entsprach durchaus der Tatsache, daß Emigrantengruppen und -organisationen sich zunächst darauf konzentrierten, Kontakte zur (vor allem konservativen s.o.) Opposition in Deutschland zu halten und zu fördern. Aus der Beobachtung, daß die 'fundamentalistisch-'völkischen Ideologen sich in einem wissenschaftlichen Feld nicht durchsetzten, konnte bei Beteiligten im In- und Ausland der Eindruck entstehen, es gelänge, dem Regime Paroli zu bieten. Noch wurde die Komplexität der materiellen und der Machtinteressen von Beobachtern und Beteiligten unterschätzt. Am Ende der 'Formierungsphase' hatten Staats- und Parteiapparate, ideologische, Wirtschafts- und außenpolitische Interessen fürs erste ihre Akteure untergebracht und sich aufeinander eingestellt.

Die TH Charlottenburg galt den Nationalsozialisten schon vor dem 30. Januar 1933 als eine ihrer Hochburgen. 1929/30 hatte die NSDStB-Hochschulgruppe berichtet, die "Stimmung der Dozentenschaft (ist) für unsere Bewegung ... als sehr gut zu bezeichnen"[65]. 71 von den 400 Lehrenden wurden vertrieben. In den Planungen im neuen Staat spielte die TH eine besondere Rolle[66] und war von den allgemeinen Einschränkungen weniger betroffen als andere Hochschulen. Zwar wurde die Zahl der Nichtordinarien vermindert, aber gleichzeitig wurden 20 neue Lehrstühle geschaffen, davon 7 in der neuen, insgeheim kriegstechnischen, 'Fakultät für Allgemeine Technologie', die 1935 dann in 'Wehrtechnische Fakultät' umbenannt wurde. Der Leiter wurde Karl Becker, General der Artillerie, Leiter der Forschungsstelle beim Heereswaffenamt (HWA) und Inhaber des (neuen) Lehrstuhls für technische Physik. Die Pläne für diese Fakultät sahen letztlich 900 Planstellen vor. Ausgeführt wurden sie kaum ansatzweise.

Im Einfluß auf die Hochschulleitung spielte der 'Kampfbund für deutsche Kultur' in Gestalt von drei seiner Aktivisten eine Rolle[67]: das waren der Führer des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB), Erich Seidel, der SA-Oberführer (Oberst), Major und Pour-le-merite-Träger Achim Arnim (1881-1940) und der 1925 in Breslau promovierte Jurist und Staatswissenschaftler Ernst Storm (1894-1980). Storm schlug 1933 vor, für Arnim einen Lehrstuhl für Wehrwissenschaften einzurichten. Der Kampfbund lancierte ihn 1934 auch als Rektor, und 1938 löste ihn Ernst Storm in diesem Amt ab. Arnim war dann Leiter einer Forschungsstelle für Wehrwirtschaft. Storms Parteiorganisation war das Nationalsozialistische Kraftfahr-Korps (NSKK), `Dienstgrad' Oberführer (Oberst). Seine Karriere war ein merkwürdiger Balanceakt[68].

Der Rektor der Technischen Hochschule verstand sich, wie aus einem Schreiben vom 7.5.1934 an `Gruppenführer (Generalleutnant) Brückner, Reichskanzlei' hervorgeht, als eine Art Ordonanzoffizier des `Führers':

"Mein Gruppenführer. Da ich am 1. Mai mein Amt als Rektor der Technischen Hochschule Berlin angetreten habe, möchte ich mich beim Führer melden. Ich bitte Sie beim Herrn Reichskanzler anzufragen, wann ich mich bei ihm melden darf. Heil Hitler, v. Arnim, Oberführer der SA, Gruppe Berlin-Brandenburg". (Der persönliche Referent des Reichskanzlers Meerwald antwortete am 14.5.: der Kanzler wollte Arnim am 30.5. um 11.30 Uhr sehen.)[69]


[1]Peter Brückner, (Das Abseits als sicherer Ort. Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945, Berlin, Wagenbach, 1980, S.67 ff.) beschrieb die ersten Jahre nach der `Röhmaffaire' als eine `Zeit relativer Ruhe und Umgänglichkeit'.

[2]Je nach Autor und Gesichtspunkt werden die größeren Abschnitte des NS-Regimes zwar übereinstimmend gesehen aber unterschiedlich - oder nur durch die Jahreszahlen - gekennzeichnet. Es schien daher gerechtfertigt, dem vorliegenden Kontext möglichst entsprechende Bezeichnungen zu wählen. Vgl. etwa Hans Mommsen, "Zur Verschränkung traditioneller und faschistischer Führungsgruppen in Deutschland beim Übergang von der Bewegungs- zur Systemphase" in Wolfgang Schieder Hg., Faschismus als soziale Bewegung, Hamburg 1976; Herbert Mehrtens, "Wissenschaftspolitik im NS-Staat - Strukturen und regionalgeschichtliche Aspekte, in:Wolfram Fischer, Klaus Hierholzer, Michael Hubenstorf, Peter Th. Walther und Rolf Winau, Exodus von Wissenschaften aus Berlin, Forschungsbericht 7 der Akademie der Wissenschaften, Berlin, de Gruyter, 1994, S.252. Vgl. auch Ludolf Herbst, Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Frankfurt, Suhrkamp, 1996; Ingeborg Esenwein-Rothe (Die Wirtschaftsverbände von 1933 bis 1945, Berlin (Duncker und Humblot) 1965 hat zum Beispiel unterschieden: Machtergreifung 1933-1935; Machterprobung 1936-1938; Machtausübung 1939-1941; Übergang zur totalen Kriegswirtschaft 1942-1945. Hartmut Mehringer (Widerstand und Emigration. Das NS-Regime und seine Gegner, München, DTB, 1997) gliederte in 3 Abschnitte: 'Anfangsjahre des NS-Regimes (1933-1936), 'Entfaltung des Regimes...(1936-1941)' und 'Das letzte Aufgebot... (1941-1945).

[3]VGL. Henry Ashby Turner, German Big Buisiness and the Rise of Hitler, Oxford (Univ. Press) 1985 der zwar der These entgegentritt, daß die Industrie Hitlers Steigbügelhalter gewesen sei (und auch Max Horkheimers Diktum, das wer vom Faschismus rede, vom Kapitalismus nicht schweigen könne), aber gleichzeitig einen starken Eindruck von der Macht der 'Industriepartei' und den Arrangements zwischen NS und Kapital vermittelt: "in 1931 Farben came under especially heavy fire in the nazi press, which characteriszed the firm as the creation of jewish and international financial interests while denouncing its monopolization of markets and its payment of handsome dividends at a time when it was laying off employees" - In der IG-Farben gab es eine Kontroverse zwischen Bosch und Duisberg um die Weiterführung des Leuna-Projekts. Es handelte sich um eine 10 Millionen Investition. Bosch war dafür, Duisberg dagegen. Der Abbruch, hieß es, wäre teurer als die Weiterführung. Dann fiel die Regierung Brüning (die schon die Benzinpreise erhöht hatte). Die IG bewog Otto Wagner, den Reichsleiter der NSDAP für Wirtschaftspolitik, das Projekt gut zu finden.

[4]Karl Heinz Ludwig hat hervorgehoben, daß Fritz Todt und Gottfried Feder 1932 zwar das Bauwesen ins Auge faßten, aber für Forschung und Entwicklung keinerlei Konzepte hatten. S..Karl Heinz Ludwig, Techniker und Ingenieure im Dritten Reich, loc.cit., S.118; s. a. derselbe, "Ingenieure im Dritten Reich 1933-1945" in Peter Lundgren, André Grelon Hg., Ingenieure in Deutschland 1770-1990, Frankfurt (Campus) 1994

[5]Vgl. Silke Wenk, "Gebauter Nationalsozialismus" in: Faschismus und Ideologie 2, Berlin (Argument) 1980. Auch Eric Michaud, "La construction de 'l'éternité' par l'art sous le troisième Reich" in: Francoise Dunand, Jean-Michel Spieser et Jean Wirth Hg., L'image et la production du sacré, Paris, Klincksiek) 1991, S.251-269. Moeller van den Bruck, Der Preußische Stil, Berlin 1931, S.147 hatte geschrieben: "Monumentalität ist die männliche Kunst... In ihr ist der Schritt von Kriegern, die Sprache von Gesetzgebern, die Verachtung des Augenblicks, die Rechenschaft vor der Ewigkeit..."

[6]Marcel Struwe, "'Nationalsozialistischer Bildersturm'. Funktion eines Begriffs" in Martin Warnke Hg., Bilderstürme, Frankfurt,

[7]Ebenda, S.134

[8]Frank Golczewski, Kölner Universitätslehrer und der Nationalsozialismus, Köln (Böhlau) 1988, S.350.

[9]Robert Proctor, loc. cit.

[10]'Selbstmobilisierung' wurde m.W. zum erstenmal von Karl-Heinz Ludwig bei den Technikern konstatiert. A.a.O.

[11]Gesetz vom 7. 3. 1933, 'Reichsstatthalter' waren u.a. Hermann Göring für Preußen, Franz Epp für Bayern, Fritz Sauckel für Thüringen. 1934 wurde die Ländervertretung in Verwaltung und Gesetzgebung, der Reichsrat, abgeschafft.

[12]Vahlen war 1924, im Jahr, an dessen Beginn der Münchener Hitler-Prozeß stand, Rektor in Greifswald und wurde als NSDAP-Vertreter in den Reichstag gewählt. Der Rektor ließ am Verfassungtag die Fahne der Republik abnehmen. Ein Dienststrafverfahren führte zu seiner Entlassung. 1933 war er Professor in Wien (Vgl. Helmut Lindner, "'Deutsche' und 'gegentypische' Mathematik" in Herbert Mehrtens und Steffen Richter Hg., Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie, Frankfurt (Suhrkamp) 1980, S.100)

[13]Vgl. Peter Chroust, Gießener Universität und Faschismus, Studenten und Hochschullehrer 1918-1945, Münster (Waxmann) 1994

[14]Angaben nach Kürschner 1940/41; nach Kürschner 1992 war Bachér bereits 1932 a.o. Professor, des weiteren ist vermerkt, daß er 1959 als Leiter des genannten Instituts emeritiert wurde.

[15]Über weitere Daten unterrichtet der Kürschner 1961: 1939-1945 Reichsforschungsrat, 1942-1945 Bevollmächtigter für Sprengstoffphysik, 1951 Leiter des Helmholtz-Instituts für Tonpsychologie und medizinische Akustik in Berlin-Wilmersdorf. Publikationen u.a.: "Die Förderung der Musikwissenschaft durch die akustisch-psychologischen Forschungen Carl Stumpfs", Arch. f. Musikwiss. 1923; Die Physik der Klangfarben 1929; "Röntgenblitzuntersuchungen an Hohlsprengkörpern", zusammen mit R. Schall u. G. Hinrichs 1943; "Wirkungssteigerung bei Hohlsprengkörpern durch Zündführung", zusammen mit G. Hinrichs 1944; Patente Sprengstoffphysik, Akustik (Beispiel elektrische Hörbrille, Zahnhörer 1951,1953)

[16]Manfred Rasch, "Rudolf Mentzel", NDB 17, 1996. Auch Aussage Gerhard Jander aus Greifswald unter dem 7.1. 1949 und Mentzel selbst im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen ihn vor der Spruchkammer Bielefeld, Archiv TUB, Nachlaß Ebert; Ordner Nr.7

[17]Karl Heinz Ludwig, a.a.O. S.214

[18]Zur Zahl der Emigranten s. Klaus Fischer,"Die Emigration von Wissenschaftlern nach 1933: Möglichkeiten und Grenzen einer Bilanzierung", Vjh. f. Zeitgesch., 39 1991, S.1-85; H.F. Strauss et al. Hg., Die Emigration der Wissenschaften nach 1933, München 1991; Peter Chroust, loc.cit., S.68, nennt für die erste Repressionswelle 1933/34 die Zahl von 1615 Wissenschaftlern einschließlich Assistenten und Mitarbeiter außeruniversitärer Institute, darunter 413 Naturwissenschaftler; er zitiert Christian von Ferber mit der Angabe von insgesamt 3120 Vertriebenen bis 1938.

[19]Ute Deichmann, a.a.O., S.48

[20]S. Mitchell G. Ash, "Wissenschaftswandel in Zeiten politischer Umwälzungen: Entwicklungen, Verwicklungen, Abwicklungen", Intern. Zs.f.Gesch. u. Ethik der Naturwiss., Techn. u. Med. 3, 1995 und dort zitierte Literatur.

[21]Klaus Fischer, "Die Emigration deutschsprachiger Physiker nach 1933: Strukturen und Wirkungen", a.a.O; vgl. auch: ders., "Die Emigration von Wissenschaftlern nach 1933. Möglichkeiten und Grenzen einer Bilanzieung", a.a.O.

[22]Ch. Lorenz, "Hochschulstatistik", Handwörterbuch der Sozialwissenschaften Bd.5, Göttingen 1956, S.127; Mit dem Anstieg der Studentenzahlen an den Technischen Hochschulen korrespondierte allerdings innerhalb der Universitäten ein Anstieg in den Medizinischen Fakultäten.

[23]In Göttingen unterschrieben u.a. Hans Kienle, Heckmann und Ludwig Prandtl.

[24]Karl Dietrich Bracher, Wolfgang Sauer, Gerhard Schulz: Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland. 1933-1943, Köln 1960, S.126

[25]Vgl. Christina Peters, Arno Weckbecker, Auf dem Weg zur Macht. Zur Geschichte der NS-Bewegung in Heidelberg 1920-1934. Dokumente und Analysen, Heidelberg 1983, S.241

[26]Robert Proctor, Racial Hygiene, Cambridge Mass. (Harvard) 1988

[27]Frank Golczewski, op. cit., S.89

[28]Scheel war vor 1933 NSStB-Führer in Heidelberg gewesen, er wurde mit dem 18.11 1941 Gauleiter in Salzburg und übernahm 1943 nach Schultzes Enthebung die Leitung des NSDDB (Ordner 'NSDDB' im BA/BDC)

[29]BA/BDC, Akte Bieberbach A473

[30]BA/BDC, Akte Research, Hans Heyse. Der Brief liegt in Abschrift vor. Hans Heyse, Nationalsozialist, Rektor und Philosoph geriet später in Schwierigkeiten, u.a. weil er sein Buch Hönigswald gewidmet hatte. S. Ebendort

[31]H. Stuart hatte in Göttingen mit Max Born gearbeitet... (war später am Münchener Gespräch beteiligt, wo auch Kopfermann...) und nach dem Krieg Hannover...

[32]DM München, Nachlaß Gerlach (Korrespondenz nl 80/411 ga-gi)

[33]Bruno Mrowka, geb.1907 in Königsberg, hatte dort 1932 promoviert, wurde 1936 Assistent bei Friedrich Hund in Leipzig und arbeitet ab 1939 bei der AEG. Nach dem Krieg Assistent bei Erwin Madelung, habilitierte er sich 1948 in Frankfurt, hatte zeitweilig einen Lehrauftrag in Marburg und wurde 1954 apl. Professor in Frankfurt. War auch Schriftführer der Phys. Ges. Hessen. 1954 Autor eines Nekrologs für Richard Gans in Phys. Bl. 10 1954, S.512:

[34]Richard Gans war als Kaufmannssohn in Hamburg geboren und aufgewachsen. Seine Eltern waren Martin Philipp Gans und Johanna Juliette geborene Behrens. Er war das älteste von fünf Geschwistern, hatte vier Brüdern und eine Schwester. Der Kommerzienrat Leo Gans (1843-1935), Mitglied der Industrie und Handelskammer Frankfurt, Vorsitzender des 'Städel' und des Physikalischen Vereins, von 1926-1935 im Aufsichtsrat der IG-Farben, war ein entfernter Vetter des Vaters von Richard. (Vgl. Edgar Swinne, Richard Gans, Berlin, ERS-Verlag, 1992, S.154).

[35]Karteikarte zur PA Gans, BA/BDC

[36]Vgl. W. Stuckart, H. Globke, Hg., Kommentare zur deutschen Rassengesetzgebung, Bd.1, München, Beck, 1936

[37]Gerlach kam nach Berlin weil das REM ihm die Nachfolge von Gustav Hertz in der TU vorschlug, die Gerlach ablehnte (s.u).

[38]Brief Gerlachs an seine Eltern aus Tübingen, Grabenstraße 21, in dem es auch noch hieß: "kann ich Anfang nächster Woche Fressenchen gebrauchen; Bitte aber nur Wurst und vielleicht etwas Paste, aber keine feineren Sachen, da ich für diese wenig Sinn und Zeit habe. Sonst gehts famos!" DM, Nachlaß Gerlach, Briefe an die Eltern (Abschriften)

[39]In Jena traf Gerlach mit Gustav Hertz zusammen: "Sie als halblahmgeschossener Offizier, ich als Pioniergefreiter, bald darauf zum Oberingenieur befördert. Max Wien, damals Leiter der techn. Abteilung der Funkerinspektion in Berlin, hatte uns das herrenlose Institut von Vollmer übergeben; sonntags kam "Onkel Max" nach Jena "Programm machen" S. "Geburtstagsgruß an Gustav Hertz", abgedruckt in Rudolf Heinrich, Hans-Reinhard Bachmann, Walther Gerlach, Physiker, Lehrer, Organisator. Dokumente aus dem Nachlaß, München, Deutsches Museum, 1989, S.35. Dort auch ein Foto, daß Gerlach und Hertz in Uniform bei der Arbeit zeigt und die Aufschrift trägt: "Hertz und ich am Schreibempfänger, Jena, März 1917.

[40]Vgl. Gerlachs Darstellung auf 2 Seiten (DM, Nachlass Gerlach, Typoskript). Das Experiment, zu dem eine Äußerung von Peter Debye den Anstoß gegeben hatte, galt als sehr schwierig. Die Probleme lagen in der Vakuumtechnik, in der Erzeugung genügend großer Magnetfeldstärken, beim Nachweis der Strahlatome. Otto Stern hatte eine neue Stelle in Rostock angetreten, und Gerlach brachte wider Erwarten der Fachleute (unter ihnen James Franck) zusammen mit dem Mechaniker Schmidt den Versuch zum Erfolg. Eine Kopie der Originalaufnahme ging umgehend an Niels Bohr. Vgl. O.R. Frisch, "Molecular beams", Sc. A.212, 1965, S.58

[41]Vgl. Rudolf Heinrich, Hans-Reinhard Bachmann, a.a.O. Gerlachs engere Umgebung findet kaum Erwähnung. Er war in zweiter Ehe - die erste war sehr bald von schwerer Krankheit seiner Frau überschattet - mit Ruth Probst (1905-1994) verheiratet. Werner Gerlach (1891-1967), Bruder von Walther, war Pathologe in Jena und 1938 Dekan; Heinrich und Bachmann bemerkten nur , daß die Brüder Gerlach politisch nicht hätten gegensätzlicher sein können. Werner war SS-Sturmbannführer als er 1939 deutscher Generalkonsul in Rejkjavik wurde bis die Engländer Island besetzten, war anschließend in Prag und Paris.Vgl. Helmut Heiber, Reichsführer! Briefe an und von Himmler, Stuttgart, DVA, 1968. Unter dem 28.12.39 schrieb Heinrich Himmler an Gerlach nach Rejkjavik: "...schreiben Sie mir doch einmal, wie dieser deutsche Kommunist und Emigrant heißt, dem die Staatsbürgerschaft aberkannt werden soll". Zum Fortgang aus Jena und zur Rolle Gerlachs von Juli 1938 bis April 1939 als Genehmigungsinstanz für Sektionen in Buchenwald und als SS-Pathologe s. Susanne Zimmermann, "Berührungspunkte zwischen dem Konzentrationslager Buchenwald und der Medizinischen Fakultät der Universität Jena", in Christoph Meinel, Peter Voswinkel Hg., Medizin, Naturwissenschaft, Technik im Nationalsozialismus. Kontinuitäten und Diskontinuitäten, Stuttgart, GNT, 1994, S.57. Ein kurzes Schreiben an Walther Gerlach zeugt im Januar 1936 vom Kontakt der Brüder (DM München, Nachlaß Gerlach, Korrepondenz): "Werner Gerlach, Pathologisch-Anatomische Anstalt der Univ. Basel, 30.1.36: Lieber Walter, willst Du so freundlich sein und mir gleich Antwort geben, ob Dr. Rohner, von dem ich Dir sprach, Anfang nächster Woche nach München kommen kann, um Februar März bei Dir im Institut zu arbeiten?".

[42]Vgl. W. Meissners Nekrolog für Max Laue am 15.10.1960 in Berlin, zitiert bei Werner Haberditzel, "Widerstand deutscher Naturwissenschaftler gegen die 'Deutsche Physik'", Beiheft NTM 1963, S.323

[43]Ulrich Kern in J. Bortfeld et al., loc.cit. S.108

[44]Als Karl Scheel 1925 'Die literarischen Hilfsmittel der Physiker' (Die Naturwissenschaften, 1925, Heft 3, S.45) besprach, konnte er verweisen auf die 'Annalen' als das älteste Blatt, auf die 'Physikalische Zeitschrift' und die 'Verhandlungen der DPG' die neben den 'Forschritten der Physik' seit 1882 existierten, auf die 'Zeitschrift für Physik', die sich den 'Verhandlungen' seit 1920 zugesellt hatte, so daß an deren Stelle das Referatenblatt der 'Physikalischen Berichte' getreten war, das DPG und DGTP seit 1920 gemeinsam herausgaben; sowie auf die allgemein naturwissenschaftlichen 'Die Naturwissenschaften', 1913 gegründet von Arnold Berliner, Lehrbuchautor und AEG-Physiker. Die 'Physikalische Zeitschrift' hatte das von Johannes Stark begründete 'Jahrbuch der Radioaktivität und Elektronik' 1924 in sich aufgenommen. Stark strebte eine Zentralisierung aller Redaktionen an, wollte eine Kontrollinstitution schaffen (s.u. Abschnitt `Fehlanzeige...').

[45]Stark hatte seine eigene Vorstellung von Wissenschaft. An politisch weniger exponierter Stelle hatte C.G. Jung ähnlich die seine von Psychoanalyse. Der Vorsitzende der Allgemeinen deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Ernst Kretschmer, trat 1933 zurück. Mathias H. Göring, Vetter des Ministerpräsidenten trat an seine Stelle und Herausgeber der Zeitschrift für Psychiatrie wurde Jung, der dann bis zum Eintritt Englands in den Krieg kollaborierte und u.a. schrieb:"Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verdienste der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine 'persönliche Gleichung'..." (zitiert nach Ludwig Marcuse, a.a.O. Fußnote S.168)

[46]Ute Deichmann, a.a.O.

[47]Vgl. Archiv TUB, Nachlaß Ebert, Ordner 14. 'Abschrift Professor Mentzel zum Handgebrauch', Bericht der Herren Breuer, Voigt, Warneck, S.27 (der Betrag entspricht etwa dem Jahresgehalt eines Ordinarius (oder Oberst) (ohne den Wohngeldzuschuß, der für Berlin bei RM 2000 lag)

[48]Theodor Vahlen hatte 1923 in einer Greifswalder Rektoratsrede Mathematik als einen 'Spiegel der Rassen' darzustellen versucht und eine 'Deutsche Mathematik' angeregt, die ihren Niederschlag von 1936 bis 1943 in der gleichnamigen, von ihm und Ludwig Bieberbach herausgegebenen Zeitschrift fand. Vgl. Helmut Lindner, a.a.O., S.100 ff.

[49]Vgl. Reinhard Neumann und Gisbert Frh. zu Putlitz, "Philipp Lenard", Jubiläumsbände Univ. Heidelberg, S.397

[50]Philipp Lenard und Johannes Stark, "Hitlergeist und Wissenschaft", Großdeutsche Zeitung vom 8. Mai 1924, zitiert nach Curt Wallach, Völkische Wissenschaft - Deutsche Physik, Der Aufbau 1945, S.130

[51]Vgl. Geoffrey J. Giles, "Die Idee der politischen Universität. Hoschulreform und Machtergreifung", in Manfred Heinemann Hg. loc.cit., S.50

[52]Folgt man Andreas Kleinert, "Das Spruchkammerverfahren gegen Johannes Stark", Sudhoffs Archiv 67, 1983, S.13, so war das erste Verfahren gegen Stark mit sehr vielen Fehleinschätzungen behaftet und im Berufungsverfahren konnten praktisch keine Tatbestände gerichtsverwendbar belegt werden. Man folgte Starks eigener Einschätzung, daß nicht justiziabler 'Professorenstreit' vorgelegen habe. Johannes Stark wurde 1947 in erster Instanz zu 4 Jahren Arbeitslager verurteilt, in der zweiten 1949 dann nur noch zu 1000 Mark Geldstrafe. Rudolf Ladenburg hatte richtig gesehen, als er nach dem ersten Urteil an Max Laue schrieb, die Strafe sei wohl etwas zu hart ausgefallen, aber es werde sowieso nicht dahin kommen (s.u.)

[53]Vgl. Archiv TUB, Nachlaß Ebert, Ordner Nr.2; (BA Rep 21?), S.245; War Johannes Stark der Absender?

[54]David Cassidy, "Gustav Hertz, Hans Geiger und das Physikalische Institut der Technischen Hochschule Berlin in den Jahren 1933 bis 1945" in R. Rürup und K. Hausen Hg, loc. cit. S.378

[55]Armin Hermann, (zum 150. Jubliäum der DPG) Physikalische Blätter 51 1995, S. F-96, zitiert einen Brief von Max Laue an Mie vom 22.11.34; bei Hermann auch der Hinweis auf des Parteihistorikers Walter Frank Kritik an Wildhagen vom 19.6.1936 "in einer nationalsozialistischen Zeitung"; Kurt Zierold (Forschungsförderung in drei Epochen. DFG, Geschichte, Arbeitsweise, Kommentar, Wiesbaden 1968, S.174) setzte den Rückgang des Etats der NG von 4,4 Mio 1932 auf 2 Mio 1936 zu den zwischen Stark und dem REM bestehenden Spannungen in Beziehung. Ist dieser Rückgang nicht viel eher Ausdruck anfänglicher Politik des Regimes?

[56]Zu Wildhagen ("Ludendorff neben Hindenburg" soll er von sich selbst (und Stark) gesagt haben) vgl. auch Thomas Nipperday, Ludwig Schmudde, 50 Jahre Forschungsförderung in Deutschland. Ein Abriß der Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1920-1970, Bad Godesberg, Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1970, S.59. Walter Frank schmähte Wildhagen ('die graue Eminenz') öffentlich als "Freund des Genossen Severing und des Juden Haber". Das Aktenmaterial für Franks Beschuldigungen habe Rudolf Mentzel geliefert. Nipperday und Schmudde befanden im übrigen, daß alle Kritiker der Forschungsorganisation im Dritten Reich hinsichtlich der Unfähigkeit von Rust, Mentzel und Schumann übereinstimmen.

[57]Vgl Ulrich Kern in J. Bortfeldt et al. Hg., loc cit.

[58]Vgl. John L. Heilbron, op. cit.

[59]Burghard Weiss, "Lise Meitners Maschine. Der erste Neutronengenerator am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie" Kultur und Technik 16/3, 1992, S.22; und ders., "The Minerva Project" in Monika Renneberg und Mark Walker Hg., loc.cit., S.273; und ders.,

[60]Ders., "Das Beschleunigerlaboratorium am KWI/MPI für Chemie: Kontinuität deutscher Großforschung", in Meinel Voswinckel Hg., a.a. O., S.111

[61]Helmuth Tritschler, "Selfmobilisation or Resistance? Aeronautical Research and National Socialism" in Monika Renneberg und Mark Walker Hg., loc. cit., S.72

[62]Herbert Mehrtens ("Mathematik im nationalsozialistischen Deutschland", Geschichte und Gesellschaft 12, 1986, S.328/29) hat den Meinungsaustausch zwischen Richard Mises, Reißner und Erich Trefftz über ihre Haltung zur 'Arisierung' der Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik beschrieben. Mises und Reißner wollten zurücktreten vom Vorstand, Prandtl als Vorsitzender wollte sich anschließen und bat Trefftz den Vorsitz zu übernehmen. Trefftz schlug vor , daß sich die Gesellschaft gegebenenfalls auflösen sollte. Da hielt Prandtl die 'Notwendigkeit für das Fach' entgegen.

[63] Erhard Milch war 1923 Leiter der Junkers-Werke, ab 1926 im Vorstand der Lufthansa, wurde 1933 Staatssekretär und 1940 Generalfeldmarschall. In Nürnberg zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt, kam 1954 frei.

[64]Bettina Gundler, "Das 'Luftfahrtlehrzentrum'. Luftfahrtlehre und -forschung an der TH Braunschweig im 'Dritten Reich'" in Walter Kertz Hg., loc.cit. S.241

[65]Anselm Faust, "Professoren für die NSDAP. Zum politischen Verhalten der Hochschullehrer 1932/33" in Manfred Heinemann Hg., op. cit. S.32

[66]Vgl. Reinhard Rürup, "Die Technische Universität Berlin 1879-1979" in ders., Hg., Wissenschaft und Gesellschaft, Berlin 1979, S.26-27

[67]Helmut Heiber, Universität unterm Hakenkreuz, München (Saur) 1994, Band II: "Die Kapitulation der Hohen Schulen, das Jahr 1933 und seine Themen" S.24

[68]Storm war, wie dem SD (nach Heiber a.a.O., Nachforschungen von Helmut Fischer) 1942 bekannt wurde, als Arbeiterkind in Tarnowitz mit dem Namen Kudelko geboren, meldete sich 1914 freiwillig zu einem bayrischen Schneeschuhbataillon, wurde dienstunfähig. 1919 hatte er seinen Namen geändert. Er war dann mit Hertha Bielschowski verheiratet, von der er sich 1925 trennte, um eine Herrenhuterin, die Dichterin Ruth Storm zu heiraten. Seine erste Frau war jüdischer Abstammung. Storm hatte diese Daten verschwiegen und wäre beinahe Direktor des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts in Sofia geworden. Den glimpflichen Ausgang des Skandals verdankte er dem NSKK-Chef Hühnlein und dem bulgarischen König Boris. Im Spruchkammerverfahren 1948 zeugte Richard Becker für ihn: er habe einen 'Nicht-Volksgenossen' zur Prüfung zugelassen (Heiber a.a.O. S.562 ist skeptisch). Storm arbeitete in der Niedersächsischen Landesregieung, in Staatskanzlei und Kultusministerium und erhielt eine Professur in Braunschweig.

[69]Vgl. Archiv TUB, Nachlaß Ebert, Ordner 4

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