Etudes-home

INH

E:


I:








II:









10 
11 
12

III:









A:

A1 

 

Karrieren

Hermann Schüler brauchte bei seinen fachlichen Erfolgen sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. 1934 konnte er sich berechtigte Hoffnungen machen, die Leitung des Potsdamer Sonneninstituts zu übernehmen, Sternwartendirektor Ludendorff hatte ihn als Nachfolger von Erwin Freundlich vorgeschlagen, der wie sein Bruder Herbert im KWI aufgrund der rassistischen Gesetze die Stelle verloren hatte[1]. Aber es gab Schwierigkeiten und Paul ten Bruggencate (1901-1961) erhielt den Posten. Vorher hatte Schüler schlechterdings nichts unversucht gelassen. Es mag auf der Hand gelegen haben, sich an den Dozentenführer zu wenden. Unter dem 22. Juli 1934 schrieb Schüler an Fritz Möglich:

"Ihrem Wunsch entsprechend lege ich Ihnen nach unserer gestrigen Unterredung noch einmal schriftlich die Situation dar, in der ich mich augenblicklich befinde und die mich veranlaßt, mich an die Dozentenschaft zu wenden. Nach Kriegsfrontdienst und Kriegsgefangenschaft bin ich 1920-24 4 Jahre Assistent bei Professor Paschen am physikalischen Institut in Tübingen gewesen. 1924 kam ich an das damals im Aufbau befindliche Turmteleskop in Potsdam, das heutige Institut für Sonnenphysik, dort habe ich in den letzten 10 Jahren unter dem Namen dieses Instituts meine wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht. Bezahlt wurde ich durch einen Forschungszuschuß, der mir von der IG-Farbenindustrie durch Herrn Geheimrat Bosch, der gleichzeitig Kuratoriumsmitglied war, gewährt wurde. Das geschah in der Erwartung, daß im Laufe der Zeit eine neue Beamtenstelle für mich geschaffen oder daß ich bei der Besetzung einer freiwerdenden Stelle einrücken würde. Die Auflösung des Kuratoriums, der Weggang von Herrn Professor Freundlich und die Tatsache, daß ich von Herrn Professor Ludendorff als Nachfolger für Herrn Professor Freundlich beim Kultusministerium vorgeschlagen wurde, veranlaßte Herrn Geheimrat Bosch, die Zahlungen einzustellen. Auf meine Bitte und die Mitteilung zu der ich von dem Herrn Referenten im Kultusministerium ermächtigt war, daß das Ministerium meiner Berufung auf diese Stelle wohlwollend gegenüberstünde, erklärte sich Herr Geheimrat Bosch bereit, noch für die Übergangszeit den Forschungszuschuß zu zahlen. Nach dem Weggang von Herrn Professor Freundlich vor etwa 3/4 Jahren habe ich mich im Auftrage von Herrn Professor Ludendorff um den wissenschaftlichen Betrieb des Instituts gekümmert..."[2]

Das Ministerium hatte offenbar geltend gemacht, daß die Stelle nicht an jemanden gehen könne, der bis dahin nicht Beamter gewesen, so daß Schüler in seinem Brief an Möglich fortfuhr:

"Seit 1926 bin ich an der Berliner Universität habilitiert und seit 1932 nicht beamteter außerordentlicher Professor. Außer meiner Vorlesung am physikalischen Institut in Berlin, halte ich in Potsdam ein spektrographisches Praktikum für Fortgeschrittene ab und habe mehrere Doktoranden. Weiter ist ein junger theoretischer Physiker mit einem Notgemeinschaftsstipendium bei mir tätig. Für Oktober und November hat sich Prof. Muikerjee aus Indien bei mir zu Gast angesagt. In den vergangenen Jahren sind die Herren Keystone und Jones, zwei junge Engländer nach Abschluß ihres Studiums je ein Jahr mit einem Staatsstipendium zwecks weiterer wissenschaftlicher Ausbildung Ausbildung bei mir gewesen. Diese Tatsachen setzen doch eine selbständige wissenschaftliche Leistung und eine Anerkennung der Fachgenosssen im Auslande voraus.
Da Sie, sehr geehrter Herr Möglich, als engerer Fachkollege über meine wissenschaftlichen Arbeiten gut orientiert sind, so können Sie vielleicht am besten über die Angelegenheit urteilen. Sie wissen auch, daß ich Sie in ihren Bestrebungen Mängel im wissenschaftlichen Betrieb zu beseitigen, jederzeit praktisch unterstützt habe. Ich denke hierbei an Ihr neues Kolloquium. Ich glaube, Sie werden sich nicht der Auffassung verschließen können, daß die augenblickliche Entscheidung des Ministeriums in wissenschaftlicher Beziehung eine Härte darstellt, weil uns in der Dozentenschaft ja gerade der Ruf in eine verantwortliche Stellung nach Ausweis wissenschaftlicher und persönlicher Eignung als etwas selbstverständliches erscheint. Sie werden es wohl auch nicht in der heutigen Situation für zweckmäßig halten, wenn ein forschender Physiker mit mehr als 15jähriger praktischer Erfahrung und der ihm von der Universität zuerkannten Fähigkeit, junge Wissenschaftler auszubilden, gezwungen ist, sich eine Stellung in der Technik zu suchen. Daß ich für eine Familie mit zwei Kindern zu sorgen habe, ist Ihnen wohl bekannt. Heil Hitler!"

Gleichzeitig versuchte Schüler, persönliche Beziehungen zu seinen Gunsten einzusetzen. Er schrieb am 26 Juli 1934 an einen Jugendfreund, Erich Daluege, neuerdings stellvertretender Landrat in Goldberg in Schlesien, mit der Bitte, den ihm ebenfalls befreundeten Bruder Kurt einzuschalten, was der auch tat. Schüler, der mit der Tochter seines Lehrers Paschen verheiratet war, unterrichtete den Freund auch über seine Scheidung:

"Am 8, Oktober ist der letzte Termin vor dem Kammergericht. Meine Frau ist vom Landgericht schuldig gesprochen. Diese Belastung nur nebenbei"

Erich Daluege schickte Schülers Brief an Kurt Daluege mit dem Begleitschreiben:

"Lieber Kurt! Ich komme schon wieder mal mit einer Bitte... Er (Hermann Schüler K.S.) ist nun einmal der Gespiele unserer Jugend und war mal unser bester Freund. Du hast ja Weigel auch geholfen und der war ja auch nicht alter Pg. Zudem glaube ich, daß Hermann immer noch ein Kerl ist, der dem Staat von Nutzen sein kann. Also sieh doch mal, was Du machen kannst."

Schüler hatte nicht abgewartet und sich am 22. Juli 1934 auch selbst an den Polizeichef "von Görings Gnaden", wie Eugen Kogon schrieb[3], an den Himmler-Stellvertreter und SS-Oberguppenführer, Generalleutnant der preußischen Polizei gewandt[4]:

"Ich habe Erich seinerzeit gesagt, daß ich nur in der höchsten Not an Dich herantreten würde...
Für diejenigen, die die ganze Lage wirklich überblicken, ist meine Berufung dorthin als Leiter eine absolut sachliche, faire Angelegenheit. Es gibt leider unter den Wissenschaftlern üble Kreaturen, die weit davon entfernt sind, den Geist der ganzen Bewegung in sich aufzunehmen, sondern lediglich durch Erfüllung eines äußeren Formalismus sich ein schnelles Fortkommen sichern wollen. Es gibt aber auch eine andere Gruppe von Wissenschaftlern, zu denen ich mich rechnen möchte, die den gesunden Kern der ganzen Bewegung erfaßt haben, und die sich nun in ernster sachlicher Arbeit bemühen, die neue Problematik in ihrem Kreise praktisch zu lösen. Sie sind euch politischen Führern noch nicht so in Erscheinung getreten, weil sie im Hintergrund still ihre Pflicht für die Gemeinschaft tun. Ich halte diese Gruppe für den echten Garanten des gesunden Fortschritts der Bewegung in wissenschaftlicher Beziehung. Wenn Du Dich diesem Standpunkt nicht verschließest, so kannst Du mir getrost Deine Unterstützung zusagen. Du hast sicher die Möglichkeit, den Minister Rust befürwortend besonders in politischer Beziehung auf den Fall Professor Schüler, Institut für Sonnenphysik Potsdam, aufmerksam zu machen. Ich glaube, daß Deine sachliche politische Persönlichkeit, die ja gerade in den letzten Wochen enorm an Gewicht zugenommen hat, von ausschlaggebender Bedeutung sein wird. Ich eigne mich besonders für die oben erwähnte Stellung, weil ich hier im Kreise begabter junger Menschen an dem Kernproblem arbeiten kann, daß in den kommenden Jahren auch in der Technik eine fundamentale Rolle spielen wird. Jetzt werden gerade die wissenschaftlichen Fundamente gelegt. Sportlich gesprochen, halte ich gegen starke ausländische Konkurrenz die Spitze meiner Wagenklasse. Für eine Professur ist meinem Gefühl nach der Moment noch etwas verfrüht, weil durch Vorlesungen meine Kräfte zu stark gebunden werden; es sei denn, daß das Institut so aufgezogen ist, wie der Minister Rust es gerne sehen möchte, daß nämlich der Ordinarius nur für die Forschung da ist und daß jüngere Herren die große Vorlesung halten, was sie sicher ebenso gut können".

Handschriftliche Randbemerkung von Daluege für seinen Sachbearbeiter: "ein alter Jugendfreund, den ich aber nicht in seiner Arbeit beurteilen kann. Sicher ein ordentlicher, fleißiger Wissenschaftler". Daluege schrieb am 2. August an Rust:

"Lieber Pg. Rust! Als Anlage übersende ich Ihnen zwei Schreiben des nichtbeamteten außerordentlichen Professors Hermann Schüler, der bei dem Observatorium in Potsdam - Institut für Sonnenphysik - tätig ist. Schüler ist mir als ordentlicher Mann und fleißiger Wissenschaftler bekannt. Ich bitte ihn nach Möglichkeit zu unterstützen und gegebenenfalls seine Berufung zum Leiter des Instituts für Sonnenphysik zu befürworten. Mit Heil Hitler..."

Bei den erwähnten beiden Schreiben handelte es sich, wie aus einem Vermerk des Sachbearbeiters hervorgeht, um einen Auszug aus Schülers Brief an Daluege und um das Schreiben Schülers an den Dozentenführer. Am gleichen Tag erhielt Bruder Erich die Nachricht von Kurt, daß er sich bereits mit Rust in Verbindung gesetzt habe, und Schüler bekam die Mitteilung:

"Deinem Wunsche entsprechend hab ich mich mit dem Herrn Reichminister Rust in Verbindung gesetzt. Ich würde mich freuen, wenn Deine Berufung zum Leiter des Instituts für Sonnenphysik in absehbarer Zeit erfogen würde. Mit den besten Grüßen und Heil Hitler."

Hermann Schüler schrieb dann am 17. August noch einmal an Kurt Daluege, er sei deprimiert und:

"wenn der Staat die Ansicht vertritt, daß nur alte Parteigenossen solche leitenden Stellungen bekleiden sollten, so kann ich gegen diesen Standpunkt nichts einwenden. Es kommt hier aber keine solche Persönlichkeit in Frage...
Es ist selbstverständlich, daß ich jede Information privatissime behandele. Mit bestem Gruß Dein Hermann Schüler."

Auf diesem Brief vermerkte der Freund handschriftlich am 30.8.: "mehr als ich bisher getan habe, tue ich nicht". Wohl aber gab er auf ein Anschreiben von Herrn Risse, Deutsche Dozentenschaft im NS-Lehrerbund vom 7. September 1934: "wir bitten um eine Beurteilung von Professor Dr. Schüler vom astrophysikalischen Observatorium Potsdam in menschlicher und politischer Hinsicht, der sich dem Dozentenschaftsführer der Universität Berlin gegenüber auf Sie berufen hat", am 18.9. folgende Auskunft:

"Ich kenne Professor Hermann Schüler aus meiner Jugendzeit. Wir haben zusammen die gleiche Schule besucht und haben im gleichen Hause gewohnt, so daß mir auch seine Erziehung im Elternhaus gekannt ist. Er war ein klarer, offener Mensch, streng national erzogen und ein guter Kamerad. Nach dem Kriege habe ich ihn jahrelang nicht gesehen. Ich wurde mit ihm erst wieder näher bekannt durch Vermittlung meines Bruders, der gleichfalls die Jugendzeit zusammen mit ihm verbrachte. Er war damals bereits Professor am Observatorium Potsdam. Von seinen persönlichen Eigenschaften aus der Jugend ist vor allem sein offener Charakter geblieben. Er ist an sich als Mensch stiller geworden, kümmerte sich um das Leben außen wenig oder garnicht und lebte nur seinen Wissenschaften. Ob er auf diesem Gebiete etwas hervorragendes geleistet hat, kann ich nicht beurteilen. Ich kann mich, um ihn als Menschen zu beurteilen, einer Tatsache entsinnen, daß er nämlich sehr unter dem Mißverhältnis seiner Ehe litt.
Politisch hat er sich niemals in Gespräche eingelassen, weil er, wie er sagte, seiner Wissenschaft lebe und für politische Dinge gar keine Zeit hätte. Nach meiner Beurteilung hängt er an den sonstigen Annehmlichkeiten des Lebens sehr wenig. Heil Hitler".

Die Intervention des Jugendfreundes war zwar zunächst ein Mißerfolg, aber vielleicht auf längere Sicht nicht ganz. Zu Neujahr 1936 tauschten die Freunde Grüße aus und Hermann Schüler nahm Kurt Daluege noch einmal in Anspruch, weil es ihm schien, daß er nicht voran käme, und daß man im Ministerium zurückhaltend sei, während die Dozentenschaft ihm wohlgesonnen wäre:

"Ich habe eine leise Vermutung, daß vielleicht der Vater meiner geschiedenen Frau (der ehemalige Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Professor Paschen) dahintersteckt. Er hat vor einiger Zeit einmal persönlich mit Professor Vahlen über mich gesprochen. Paschen ist begreiflicherweise sehr schlecht auf mich zu sprechen, weil ja seine Tochter schuldig geschieden ist und ich die Kinder bekommen habe. Daß man mich irgendwie politisch verdächtigt hat, ist unwahrscheinlich, aber schließlich nicht ausgeschlossen, in dieser Beziehung könnte ich mich, das werdet ihr mir wohl glauben, jederzeit rechtfertigen. Wissenschaftlich stehe ich durch die internationale Anerkennung meiner Arbeiten sehr gut da, trotzdem ich als Wissenschaftler des Dritten Reiches von einer gewissen Sorte von Leuten im Ausland boykottiert werde. Schließlich habe ich noch eine stille Vermutung. Man sieht manchen Orts nicht gerne, daß die Söhne ehemaliger Militäranwärter sich in einem Kreise durchsetzen, der ihnen früher kaum zugänglich gewesen ist. Das ist die Situation..."

Der Brief richtete sich an die beiden Brüder, und Erich gab ihn an Kurt weiter und befürwortete die Bitte Schülers an diesen, doch einmal persönlich mit Vahlen zu sprechen. Das tat Daluege nicht, aber er schrieb unter dem 17.1. 1936 an den Parteigenossen Vahlen:

"Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn es Ihnen möglich wäre, mir ganz kurz mitzuteilen, ob Schüler die Qualitäten zu einem Weiterkommen Ihrer Meinung nach besitzt. Mit bestem Gruß und Heil Hitler"

Vahlen als Chef des Amtes Wissenschaft im REM antwortete am 31.1.1936 dem 'Generalleutnant der Landespolizei Pg. Daluege' mit einem kurzen Schreiben, das zeigt, daß man im REM den 'Fall Prof. Schüler' von 1934 nicht vergessen hatte:

"Lieber Parteigenosse Daluege! Auf Ihr Schreiben vom 17.Januar kann ich Ihnen folgendes mitteilen: Der n.b.a.o. Professor Dr. Schüler, Observator am Institut für Sonnenphysik wird politisch und wissenschaftlich gut beurteilt. Schüler ist Physiker (Spektroskopiker), das Fortkommen am astrophysikalischen Institut ist deswegen eingeschränkt, weil dort an leitenden Stellen Astrophysiker aus der Astronomie kommend, benötigt werden, während reine Physiker nur Mitarbeiter bezüglich besonderer Aufgaben sein können. Deswegen ist auch das Institut für Sonnenphysik mit ten Bruggencate und nicht mit Schüler besetzt worden. Schüler wird noch immer aus Privatmitteln Bosch's bezahlt. Es ist ihm aber durchaus zu wünschen, daß er in absehbarer Zeit eine planmäßige Stelle bekommt. Mit bestem Gruß und Heil Hitler Ihr Vahlen".

Der 'Führungsbereich' Kurt Dalueges wurde 1936 - gegen den Widerstand des Innenministers Frick - von Heinrich Himmler auf die Ordnungspolizei beschränkt. Hermann Schüler bekam seine Planstelle im neuen KWI im darauffolgenden Jahr. Es bleibt dahingestellt, ob die Fürsprache seines Freundes eine Rolle gespielt hat. Es mag auch nicht besonders bemerkenswert sein, daß persönliche Beziehungen für die Karriere in Anspruch genommen wurden. Was bedeuteten im 'Machtkartell' Beziehungen zu Kurt Daluege? Als Berliner SA-Chef und NSDAP-Reichstagsabgeordneter vor 1933 repräsentierte er die `braunen Horden', schwenkte nachträglich auf die Linie der Repression von 1934 ein und schloß sich widerstrebend der heraufkommenden Macht des RSHA an. Als Hermann Schüler ihn zum ersten Mal anschrieb, lagen die Morde an den Symbolträgern der `Schlägertrupps' gerade drei Wochen zurück. Am 8. August 1935 brachten 'Der Angriff' und der 'Völkische Beobachter' - einen älteren Aufsatz 'Recht und Grundsatz in der Judenfrage' des Polizeigenerals,

in dem dieser 'die Juden' zu Anführern der Kriminalitätsstatistik in allen Sparten machte. Der Aufsatz erschien - und in der Auslandspresse wurde er entsprechend kommeniert - als Vorwand für verschärfte Diskriminierung[5]. Hermann Schüler kann dies erneute antisemitische 'Engagement' seines Jugendfreundes wohl kaum entgangen sein.

Schülers Bemerkungen zu Karrieristen und echten wissenschaftlichen Arbeitern der Bewegung, die Beteuerung politischer Linientreue eines Nicht-Parteigenossen, seine Erwähnung 'gewisser Leute' im Ausland, die ihn 'boykottierten' und die Bemerkung über seine 'bescheidene' Herkunft mögen hier interessieren. Die erreichte Position im neuen KWI-Physik machte alle seine Befürchtungen und Unterstellungen (insbesondere die Friedrich Paschen betreffenden Verdächtigungen) hinfällig.

Vom 9. November 1941[6] datiert ein Aufnahmeantrag Schülers in die NSDAP und er wurde zum 1. Januar 1942 Mitglied. Kurt Daluege wurde 1942 Oberstgruppenführer der SS und organisierte den Terror im 'Protektorat' nach Heydrichs Ende. Er war verantwortlich für das Massaker von Lidice, wurde zum Tod verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet.

Kurt Daluege wohnte, wie aus Hermann Schülers Briefen hervorgeht, in Lichterfelde-West, Steglitzer Straße. Das hier zitierte Material befindet sich seit kurzem auf dem Gelände der ehemaligen Preußischen Kadettenanstalt, unweit der Steglitzer Straße. Am gut gehüteten Eingang zu dem im Stadtplan noch als 'St Andrews Barracks' bezeichneten Kasernen-Areal hängt eine Tafel mit dem Hinweis, daß in der Republik ein Gymnasium die Kadettenanstalt ablöste, und dann die SS-Leibstandarte dort einzog und in jenem Jahr 1934, kurz bevor Schüler an Daluege herantrat, viele Erschießungen im Zusammenhang mit der Repression der Parteiopposition dort stattfanden. Der prominente SA-Mann Kurt Daluege könnte übrigens die Glückwünsche, die der Jugendfreund in seinem ersten Brief entbot, zu schätzen gewußt haben, als Beweis nämlich, daß die Öffentlichkeit nicht ahnte, welche Ängste um Kopf und Kragen er gerade überstanden hatte.
* * *

Gustav Hertz und James Franck hatten 1925 für ihre Vorkriegsexperimente zur 'Quantenphysik' den Nobelpreis erhalten. Hertz war 1927 nach Charlottenburg gekommen, hatte sich um den Neubau des physikalischen Instituts, den der Oberbaurat Weißgerber plante und leitete, gekümmert und war zusammen mit Wilhelm Westphal und Richard Becker 1931 in das Haus an der Kurfürstenstraße eingezogen, das einen Hörsaal für 1000 Hörer und großzügige Praktikums- und Laborräume zur Verfügung stellte.

Hertz, Abiturient des Hamburger Johanneums, hatte 1906 zwei Semester in Göttingen Carl Runge, David Hilbert und Caratheodory gehört, dann ein Semester in München Arnold Sommerfeld und seinen Assistenten Peter Debye und hatte - in Dresden - seinen einjährigen Militärdienst abgeleistet. In Göttingen hatte er u.a. mit Hermann Weyl, Barkhausen und Paul Ehrenfest eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich 'Mathematischer Verein' nannte. Der Hamburger Landsmann Wilhelm Westphal, der bei Arthur Wehnelt promovierte, hatte ihm von Berlin vorgeschwärmt und ab 1909 setzte Hertz seine Ausbildung dort fort, promovierte 1911 bei Heinrich Rubens über Absorptionsspekten von CO2, - "nichts besonderes", wie er später sagte - und war zusammen mit Westphal zeitweilig Vorlesungsassistent. Das meiste gelernt habe er mit den Göttinger Freunden des 'Mathematischen Vereins' und dann mit Richard Pohl und James Franck, sagte Hertz 1974 in einem Defa-Dokumentarfilm. Franck lud ihn zur Zusammenarbeit ein und 1913 gelang ein berühmtes Experiment: "...der Stoß von Elektronen auf Atome. Wir hatten ihn untersucht als ein Vorgang, der in der Gasentladung eine Rolle spielt, aber die Wechselwirkung zwischen Elektron und Atom ist natürlich ein Problem der Atomphysik, und der Versuch, der jetzt als Franck-Hertz-Versuch bekannt ist, der war das Ergebnis dieser Arbeiten, für den haben wir ja später auch den Nobelpreis bekommen. Das Ergebnis dieses Versuches war, daß die Elektronen am Quecksilberatome keine Energie abgeben beim Zusammenstoß, solange ihre Energie einen gewissen Schwellenwert nicht erreicht. Das wichtigste Resultat unserer Versuche war einmal, daß dieser Schwellenwert existierte, und zum anderen, daß er genau gleich dem Planckschen Energiequantum für die Resonanzlinie des Quecksilberdampfes war. Nun, das brauche ich hier nicht im Einzelnen auseinanderzusetzen. Wir deuteten es also in diesem Sinne. In Wirklichkeit war es eine wichtige Bestätigung der Grundannahmen der neuen Bohrschen Theorie des Atoms. Wir haben das selbst damals noch nicht voll verstanden, es hat sich dann kurz hinterher herausgestellt. Wir hätten es wahrscheinlich selbst auch gemerkt, aber damals wurden unsere Untersuchungen durch den Krieg unterbrochen und mußten also zunächst ruhen." Hertz stieß im Krieg zu Fritz Habers Gaskampftruppe, wurde schwer verwundet, und arbeitete dann an der Entwicklung eines Funkgeräts. 1917 konnte er sich in Berlin habilitieren und publizierte röntgenspektroskopische Arbeiten über bestimmte Linien, die sogenannten 'Abschirmdubletts'. Die Firma Philips hatte Franck angeboten, im neuen Laboratorium in Eindhoven zu arbeiten. Franck lehnte ab, die Einladung ging an Hertz, der mit Frau Ellen und sechs Monate altem Sohn Helmuth 1920 nach Holland zog. Das Philips-Labor hatte einen erstklassigen technischen Standard, insbesondere in der wichtigen Hochvakuumtechnik. Hertz erprobte die Reindarstellung von Edelgasen mit Diffusionsverfahren und maß genaue Anregungs- und Ionisationsenergien. 1925 erhielt er einen Ruf nach Halle, dem er nur ungern, und nur weil er sich die Universitätslaufbahn in Deutschland nicht verbauen wollte, folgte. Es galt, sich der Modernisierung des Unterrichts zu widmen. Verhandlungen zu einer Zusammenarbeit mit der AEG führten zu keinem Ergebnis. An der Charlottenburger Technischen Hochschule hatte im viel zu klein gewordenen physikalischen Institut, bei einem Andrang von 700 Hörern und 550 Praktikanten, Ferdinand Kurlbaum unterrichtet. Als er 1925 in den Ruhestand ging, mußte er sich selbst vertreten, weil angesichts der Bedingungen kein Nachfolger gefunden wurde. Assistent war Wolfang Pupp. Das Ministerium plante ein neues Institut. Die Arbeit wurde geteilt: Das Praktikum übernahm schon 1926 Wilhelm Westphal und im Dezember 1927 ging ein Ruf an Gustav Hertz. Der konnte die in Halle eben erst begonnene Aufbauarbeit unter großzügigeren Umständen in Charlottenburg fortsetzen. In den Verhandlungen wurde ihm eine zusätzliche Mechanikerstelle bewilligt, aus Halle konnte Herbert Harmsen als wissenschaftliche Hilfskraft übernommen werden und Fritz Houtermans aus dem Göttinger Institut, den er noch in Halle angeworben hatte, wurde Oberassistent. Wolfgang Pupp, Diplomingenieur für Elektrotechnik wurde in das neue Auf- und Ausbauteam integriert[7]. Houtermans habilitierte sich 1932. Charlotte Riefenstahl-Houtermans hat die Atmosphäre des Hauses beschrieben:
"Wir hatten viele, viele Freunde - Fritz schien Leute anzuziehen. Er war immer voller Ideen, erzählte Geschichten, gute Witze, er interessierte sich für alles mögliche, das ging von der Physik zu Musik, Wirtschaft, Politik. Wolfgang Pauli besuchte uns zu Weihnachten, George Gamov und Lev Landau waren oft in Berlin... Dann war da Michael Polanyi mit seinen ökonomischen und politischen Interessen (oder handelte es sich um den Bruder Karl Polanyi? KS.), seine Nichte, Eva Stricker, eine Keramikerin, die später Alex Weissberg heiratete, Manes Sperber, ein Literat, der bei Adler studiert hatte. Alex Weissberg-Czybulski war Physiker und Ingenieur und einer der klügsten Menschen mit erstaunlichem Wissen in Geschichte, Politik, Marxismus, und, nicht zu vergessen, mit einm Talent stundenlang Rilke zu rezitieren. / Das kleine Haus mit dem winzigen Garten quoll von Gästen über. Nicht selten kamen 35 Leute zum Tee."[8]
An den Einladungen zu einer 'Kleinen Nachtphysik' im Freundeskreis nahmen die Diplomanden im Hertz-Institut Rudolf Jaeckel und Wilhelm Walcher ebenso teil wie Barbara Fuchs, Studentin an der Universität, die spätere Frau Jäckel, wie Freund Robert Rompe und viele andere. Mitten im Sommersemester 1933 mußte dann Houtermans über Nacht das Land verlassen. Ihm drohte die Verhaftung. Er war vorgewarnt: nationalsozialistische Studenten waren illegal in die Wohnung eingedrungen und es 'hatten zuviele Papiere herumgelegen'[9]. Houtermans' mit ihrem 1932 geborenen ersten Kind fanden in England Zuflucht, Fritz arbeitete für `His Masters Voice', bevor sich ihm 1934 in Charkov im Physikotechnischen Institut (FTI) eine bessere Arbeitsmöglichkeit zu bieten schien. Sascha Leipunski (1903-1972), der im Rutherford-Institut in Cambridge gastierte, schilderte das FTI in den rosigsten Farben. Dorthin waren aus Berlin zuerst Alex Weissberg und Eva Stricker gegangen (Arthur Koestler hat in 'Als Zeuge der Zeit' einen Besuch 1932 bei den beiden beschrieben - Eva kannte er seit seiner Kindheit). Victor Weisskopf war dann mit einem Rockefeller-Stipendium, das ihm Erwin Schrödinger besorgt hatte, auch dort gewesen. Weisskopf kannte Weissberg aus Wien, "wo Alex der einzige Kommunist in unserer sozialdemokratischen Gruppe gewesen war"[10]. Weder Houtermans noch Weissberg ahnten, daß der 'Große Terror' ihnen bevorstand und der Hitler-Stalin-Pakt ihnen die Auslieferung in das Deutschland bescheren würde, dem sie geglaubt hatten zu entkommen. Charlotte Houtermans schrieb später:
"Unser politischer Instinkt war eingeschlafen. Wach war unser Abscheu vor dem Nazi-Regime, vor den Gefahren und dem Terror des Dritten Reiches. Die möglichen Gefahren und Risiken, die uns in Rußland erwarteten, schienen im Vergleich dazu unbedeutend. Es war die Zeit des Kirov-Mordes, und allein dies Ereignis hätte uns warnen und hindern sollen, England zu verlassen".[11]

Zum 1. Dezember 1933 wurde Wilhelm Walcher, so eben diplomiert, zum Assistenten ernannt, nicht ohne vorher eine Anwartschaft im NS-Kraftfahrerkorps (NSKK) anzutreten "können Sie nicht in irgend so einen Verein eintreten?", hatte Gustav Hertz gemeint. Vielleicht fiel die Wahl nicht ganz zufällig auf den Verein des Dekans Ernst Storm[12].

Gustav Hertz hatte 1932 Isotopentrenn-Versuche mit dem Diffusionsverfahren über eine Kaskade von 24 Elementen so weit gebracht, daß die Neon-Isotope vom Anfangsmischungsverhältnis (20/22) = 9 auf (20/22) = 0.4 'entmischt' werden konnten. Bald nach der Entdeckung des Deuteriums gelang mit einer Verdopplung der Kaskadenelemente die Darstellung von einem Kubikzentimeter spektralreinem Deuterium. Gleichzeitig wurde der Vorteil, den das Institut durch die von Philips mitgebrachte Vakuumtechnik hatte, genutzt, um Trennverfahren mit dem Quecksilberstrahl zu entwickeln. Wilhelm Walcher hat die vielfältigen Arbeiten zum Trennverfahren, zur Kontrolle der Mischungsverhältnisse, aber auch zum Aufbau neuer Demonstrations- und Praktikumsversuche beschrieben[13]. Kathodenzerstäubung, Zählrohrentladung, Alkali-Ionenquelle sind Stichworte. Max Knoll arbeitete mit Ernst Ruska im Hochspannungslabor der TH und hatte die Idee, die Emissionsvorgänge an Glühkathoden zu untersuchen. Von Fritz Houtermans vermittelt, machte Werner Schulze eine Doktorarbeit zu diesem Thema. Als Houtermans fliehen mußte und Schulze mit dem Abschluß der Dissertation das Institut verließ, 'erbte' Wilhelm Walcher Ansätze zum Bau eines stark vergrößernden Elektronenmikroskops und machte daraus das Beste: eine Publikation zusammen mit Knoll und G. Kemnitz. Hertz schätzte die Zukunft des Elektronenmikroskops damals gering. Als Wilhelm Walcher ein neues Arbeitsthema suchte, schlug ihm Hertz vor, 'etwas mit Ionen' zu versuchen[14]. So kam Walcher in Zusammenarbeit mit Jorgen Koch zur Ionenoptik und über diese zur Massenspektroskopie und - in Konkurrenz zum Diffusionsverfahren - zur elektromagnetischen Isotopentrennung. 1938 etablierte er seine Reputation auf diesem Gebiet mit einer zusammenfassenden Arbeit[15].

Zum 1. November 1933 erhielt Hans Kopfermann die Stelle, die Fritz Houtermans hatte verlassen müssen[16]. Seine Kriegs- und Freikorpsvergangenheit ließ vermutlich Fragen nach `Organisationszugehörigkeit' und `positiver Einstellung zum nationalen Staat' gar nicht erst aufkommen. Die Weiterfinanzierung Kopfermanns durch die NG, die im Jahr zuvor Bedingung für das Rockefeller-Stipendium gewesen war, erübrigte sich.

Otto Hahn, nach Fritz Habers Rücktritt vorläufig der komissarische Institutsdirektor, schrieb zum Abschied aus dem KWI unter dem 25.10. 1933: "...vom 1.5.1924 bis dato wissenschaftlicher Assistent an unserem Institut... 1.9.32 bis 31.10.33 war er nach Kopenhagen beurlaubt". Im Schreiben Hahns wird vermerkt, daß die Gehaltsbezüge sich zur Zeit gemäß A2b Stufe 2 nach Abzug der Notverordnungskürzungen auf RM 415.16 belaufen würden. Ab 1.12 würde der Assistent nach A2b, Stufe 3 bezahlt werden[17]. Das neue Arbeitsverhältnis wurde in einem von Rektor Eggert unterzeichneten Schreiben präzisiert: sechswöchige Kündigungsfrist zum Quartalsende. Vergütungsdienstalter vom 1.12.1924: "Die Kriegszeit kann auf das Vergütungsdienstalter nicht angerechnet werden, da die Anstellung durch den Kriegsdienst nicht verzögert worden ist... Ich bitte Sie, mir noch zu bestätigen, daß Sie Ihre Tätigkeit an der THB nicht zum Zwecke des Broterwerbs, sondern zum Zwecke Ihrer Ausbildung für den zukünftigen Beruf des Hochschullehrers aufgenommen haben".

Es liest sich nicht gerade wie ein Erfolg, wenn einer mit 38 Jahren eine Anstellung zur Ausbildung für den zukünftigen Beruf annimmt, und das Dienstalter von seinem 29. Lebensjahr datiert (Viele Jahre später wurde das Dienstalter auf den 1.4. 1916 zurückgesetzt).

Die Hauptsache war wohl, 'daß es zum Leben reichte'. Kopfermanns hatten in Dahlem gewohnt, in der Koserstraße, im Schatten des Preußischen Staatsachivs, einem der massiven wilhelminischen Bauten, in einer kleinen Straße, in einer Umgebung mit einfachen, wie mit vornehmen Häusern - die Großloge der Freimaurer lag um die Ecke - im grünen, luftigen, dank der Domäne Dahlem teilweise ländlichen Südteil der Stadt, ganz in der Nähe auch der KWIe, aber weitab von Charlottenburg und der TH. Die nächsten Einkaufsläden vermutlich 10 Minuten zu Fuß am Breitenbachplatz oder im Zentrum Dahlem-Dorf. Dort auch die U-Bahn. Im Oktober 1936 kam Sohn Michael zur Welt. Irgendwann zog die Familie um nach Tempelhof, in die Wiesenerstraße 25.

In den Jahren 1933 bis 1936 arbeiteten im Institut 3 Assistenten und etwa 25 Diplomanden und Doktoranden, darunter 6 Frauen[18]. Vom Lehr- und Praktikumsbetrieb für Studienanfänger war die Gruppe frei, aber auch das Fortgeschrittenenprogramm bedeutete in den Semestern viel Arbeit. Forschung war jedoch das Hauptziel und das 'Trio' Richard Becker, Gustav Hertz und Max Vollmer[19]bot im wöchentlichen Kolloquium ein Niveau, das mit dem des älteren Berliner (Laue-) Kolloquiums an der Universität konkurrieren konnte. Der Oberassistent an der TH war zugleich Privatdozent an der Universität und las in diesem Rahmen ein- bis zweistündig über Themen wie 'Elektronentheorie der Metalle' (WS 33/34), 'Dispersion und Absorption' (SS 34), 'Physik der Röntgenstrahlen' (WS 34/35). Ab WS 35/36 las er an der TH: 'Physik der Röntgenstrahlen' (WS 35/36), 'Elektronentheorie der Metalle' (SS 36), 'Spektroskopie' (WS 36/37), 'Emission, Absorption, Dispersion' (SS 37). Hermann Schüler las im gleichen Semester an der Universität über 'Spektroskopische Untersuchungsmethoden'. Noch im WS 33/34 war eine 'Einführung in die Kernphysik' von Fritz Houtermans angekündigt.

Die Vorlesungsverzeichnisse zeugen von der Remilitarisierung. Erich Schumann las als Direktor des neueingerichteten II. Physikalischen Instituts der Universität im SS 1935 'Wehrpolitik mit seminaristischen Übungen', im darauffolgenden Wintersemester an der TH 'Wehrphysik', während Karl Becker dort 'Wehrtechnik' ankündigte. Im Winter 37/38 hieß Schumanns Titel 'Sprengstoffphysikalische Übungen'.

Ende 1934 beantragte Kopfermann die Dozentur an der TH. Kurz vor dem Erlaß der neuen Reichshabilitationsordnung vom Dezember 1934, die Habilitation und Lehrerlaubnis trennte. Voraussetzung für letztere wurde die Teilnahme an einem Dozentenlager. Auf eine Anfrage Franz Bachèrs vom 8.12.34, ob Kopfermann auch bereit sei, auf die Lehrbefugnis an der Universität zu verzichten, gab er eine entsprechende Erklärung ab. Ernst Storm als Dekan der Fakultät für Allgemeine Wissenschaften bestätigte mit Schreiben vom 20. Februar 1935, daß dem Antrag der Fakultät vom 24.11.1934 stattgegeben sei, und Kopfermann ab sofort als Dozent für das Lehrgebiet Physik habilitiert sei[20]. Auf der Personalkarte des REM ist schon für das WS 1934 eine nicht näher bezeichnete Lehrstuhlvertretung eingetragen[21]. Vermutlich im Hinblick auf oder im Zusammenhang mit diesen Karriereschritten, war Hans Kopfermann 1934 der NSLB- 'Reichsschaft Hochschullehrer' beigetreten[22]. Aus dieser Zeit stammt auch der eingangs zitierte 'Lebenslauf'' Kopfermanns, in dem er seine Kriegs- und Freikorps-Meriten zu erwähnen nicht vergaß und die Namen Bohr und Ladenburg aber nicht Franck und Haber anführte.

Am 8. Juni 1935 schrieb Gustav Hertz aus dem Physikalischen Institut an der Kurfürstenallee an den Rektor:

"Der ständige Oberassistent am hiesigen Institut, Dr. phil. habil. Kopfermann vollendet am 31 Oktober dieses Jahres sein zweites Dienstjahr. Da er sich in seiner Stellung außerordentlich bewährt hat, bitte ich im Einverständnis mit dem Herrn Leiter der Dozentenschaft um die Genehmigung zur Verlängerung des Vertragsverhältnisses um weitere zwei Jahre"

Auf gleichem Blatt hinzugefügt: "Dem Leiter der Dozentenschaft mit der Bitte um gefl. Stellungnahme ergebenst der Rektor" gezeichnet i.V. Storm und: "Seitens der Dozentenschaft keine Bedenken" gezeichnet Willing. Vom 9. August 1935 datierte Kopfermanns Unterschrift unter die übliche Anfrage wegen Logenzugehörigkeit, Ort der Unterschrift: Binz auf Rügen[23]. Hertha und Hans machten zwei Monate vor der Geburt ihres ersten Kindes Ferien an der Ostsee.

Anders als der 'Produktionswissenschaftler' Georg Schlesinger, der am 1.4.33 für neun Monate in 'Schutzhaft' genommen wurde, dann sein Institut nicht mehr betreten durfte, 1934 über Zürich nach Brüssel und 1939 nach England ins Exil ging[24], war Gustav Hertz, nach dem Gesetz aufgrund der 'Frontkämpferklausel', unbehelligt geblieben. Gegen Ende 1934 wurde ihm vom Rust-Ministerium die Prüfungserlaubnis entzogen. Am 4. November, einem Sonntag, hatten Hertz' persönlicher Mitarbeiter und Diplomand Werner Schütze, Wilhelm Walcher und der Fachschaftsführer der Physik, W. Menzel[25] eine Unterredung mit Johannes Stark. Hertz drohe mit der Niederlegung seines Amtes. Stark bekundete großes Interesse an Hertz und versprach, sich sofort für eine Zurücknahme der Verfügung einzusetzen:

"in seinem persönlichen Wesen ist doch ganz und gar nichts jüdisches und seine ganze Arbeit ist so rein deutsch"[26].

In den Akten des Rust-Ministeriums im Bundesarchiv, die Hans Ebert eingesehen und teilweise kopiert hat, liegt eine Notiz, datiert vom 15. Dezember 1934 und mit dem Vermerk versehen: "Dem Herrn Minister (,? K.S.) Vahlen 17.12.". David Cassidy hat aus dieser Notiz Bachèrs an Vahlen zitiert[27].

"Vor einigen Tagen sprach in meinem Institut in der Technischen Hochschule der Fachschaftsleiter für Physik der TH Berlin vor und zwar in der Angelegenheit des Professors Hertz. H. ist geschützter Nicht-Arier, Nobelpreisträger für Physik, Schwerverwundeter Frontkämpfer und bei den Studenten außerordentlich beliebt und angesehen. Der Fachschaftsleiter teilte mit, daß Professor Hertz die Entziehung der Prüfungsberechtigung für die Staatsexamina zum Anlaß nehmen würde, einem schon lange an ihn ergangenen Ruf nach Holland nunmehr Folge zu leisten. Hertz empfindet es als eine Diffamierung, wenn ihm als Frontkämpfer wesentliche Befugnisse eines Ordinarius entzogen werden, auf die er zwar, wie er weiß, rechtlich keinen Anspruch hat, die aber doch, nach dem Gebrauchsrecht gleichsam zu den Obliegenheiten eines Ordinarius gehörten. Der Fachschaftsleiter Physik setzte sich nachhaltigst für Herrn Prof. H. ein und bat dringend in Ansehung der Person und der wissenschaftlichen Verdienste von Prof. H. eine Ausnahme zulassen zu wollen. Die Studentenschaft würde es nicht verstehen, wenn ein so beliebter und bedeutender Lehrer auf Grund eines Prinzips ins Ausland gelassen würde". Im Typoskript ist 'ins Ausland gelassen' gestrichen und handschriftlich durch 'abwandern' ersetzt. Ebenso handschriftlich 'Hertz ist 25% Nichtarier'. Die Notiz wurde maschinenschriftlich - vermutlich von Bachèr oder Vahlen - ergänzt durch: "Am 12. d. Mts. nahm Herr Geheimrat K.A. Hofmann, Ordinarius für anorganische Chemie der TH Berlin Anlaß, mit mir über den Fall Hertz zu sprechen. Auch er äußerte sich in dem oben angeführten Sinne und bemerkte dabei, daß der Präsident Stark von der PTR gebeten habe, alle Schritte zu ergreifen, die geeignet erscheinen, um Professor Hertz in Deutschland und damit als Ordinarius an der Techn. Hochschule zu belassen. Nach Ansicht des Prof. H. als auch des Präsidenten Stark sei es völlig unmöglich, das Institut mit einem Mann neu zu besetzen, der auch nur annähernd in der Lage wäre, die vorhandenen sehr kostspieligen Einrichtungen des neuen Instituts weiter wissenschaftlich voll auszuwerten. Ich schlage vor, den Herrn Minister persönlich um Entscheidung dieses Falles zu bitten".[28]

Noch bevor das Reichbürgergesetz verkündet wurde und die Behörde wie bei Richard Gans `durchgreifen' konnte, legte Gustav Hertz das Amt nieder. Zum ersten Juli 1935 ging er zu Siemens, wo ihm ein 'Forschungslabor II' eingerichtet wurde. Werner Schütze war vorausgegangen, Werner Hartmann, E.W. Müller und Erwin Schmidt gingen mit. Heinz Barwich (1911-1966), der zum Trennpumpenspezialisten geworden war und 1934 promoviert hatte, folgte 1936 nach. Die Hochschule und der Minister ernannten Hertz zum Honorarprofessor[29], er blieb fortan unbehelligt[30]. Als seine Frau Ellen im Dezember 1941 starb, schrieb Lise Meitner an Max Laue:

"Was Sie mir über G. Hertz geschrieben haben, geht mir in mehrfacher Hinsicht sehr nahe. Wir haben uns immer besonders gut verstanden und ich glaube ihn gut zu kennen. Wenn er so unberührt nach außen sich gibt, so zeigt mir das, wie schrecklich ihn der Verlust seiner Frau getroffen hat. Er weiß, daß wenn er sich nur ein bißl los läßt, es keinen Halt für ihn geben würde. Und wenn er Ihnen erzählt hat, daß Hans nicht weinen konnte, so erzählt er es, weil es ihn beunruhigt. Er weiß, daß jedenfalls für einen Jungen das Weinen die natürliche Form des Abreagierens ist und daß der Junge viel schwerer mit diesem traurigen Erlebnis fertig werden wird, weil er es ganz tief in sich versteckt hält. Ich habe so oft Gespräche über dieses Thema zwischen ihm und seiner Frau in vergangenen Zeiten mitangehört. Sie irren übrigens, wenn Sie meinen, daß die Kinder kein Elternhaus hatten. Ich habe viel Ferienzeiten der Kinder miterlebt und vor 10 Jahren einen gemeinsamen Sommer im Ötztal. Es war ein ungewöhnliches beiderseitiges Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. Aber beide Kinder waren etwas eigenbrödlerisch und die Eltern dachten, daß die Kinder in einer Gemeinschaftsschule sich leichter in einen natürlichen Umgang mit anderen Kindern finden werden als im Elternhaus und der Erfolg schien ihnen recht zu geben. Hertz sagte einmal in seiner geraden und etwas naiven Art, die er manchmal gegenüber menschlichen Problemen haben konnte: "Die Tatsache, daß zwei Menschen sich gern haben, sich heiraten und Kinder haben, ist kein Beweis dafür, daß sie auch die besten Erzieher für die Kinder sind"[31]

Nach dem Weggang von Hertz übernahm Wilhelm Westphal vorläufig die Leitung des Instituts. Vom 2. November 1935 datiert ein Schreiben 'an den Herrn Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung betreffs Ernennung des Dozenten Dr. Kopfermann zum Prüfer für Physik':

"Durch das Ausscheiden des Professors Hertz ist der Lehrstuhl für Experimentalphysik frei geworden. Die Verwaltung des Lehrstuhls wurde Herrn Professor Dr. Westphal übertragen. Dieser ist zur Zeit der einzige Prüfer für Physik und ist durch seine Amtspflichten dermaßen überlastet, daß es ihm nicht möglich ist, die Prüfungen in Physik allein abzuhalten. Die Fakultät bittet daher, bis zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls den Oberassistenten am Physikalischen Institut, Doz. Dr. Kopfermann, zum Prüfer für die Fachrichtung Physik für die Diplom-Vorprüfungen in der Fakultät für Maschinenwesen ernennen zu wollen. Der Dekan."[32]

Kopfermann nutzte die Zeit neben dem Lehr- und Prüfungsbetrieb nach Kräften zum Ausbau seines Arbeitsfeldes in der Forschung. Das konnte nur gelingen dank der Zusammenarbeit mit ersten Doktoranden, Frauen und Männern: Barbara Fuchs (geb. 1909) kam von der Universität zu Kopfermann und promovierte 1936 mit einer Arbeit zur Hfs der Platinisotope[33]. Maria Heyden (geb.1912) hatte 1933 bei Gustav Hertz ihre Diplom-Vorprüfung absolviert und machte unter Hans Kopfermanns Regie spektroskopische Messungen an Kohlenstoffbanden im Rahmen ihrer Diplomarbeit.

Beide Frauen kamen aus Berliner Elternhäusern und von Berliner Gymnasien zur Hochschule. Richard Fuchs (1873-19??), Barbaras Vater, war Gymnasial- und Hochschulmathematiker und ein Spezialist für Aerodynamik. Mathematiker in der zweiten Generation: Immanuel Lazarus Fuchs (1833-1902), der Großvater, hatte nach Greifswald, Göttingen und Heidelberg seit 1884 einen Lehrstuhl in Berlin und gab seit 1891 das Journal für die reine und angewandte Mathematik heraus. Richard Fuchs, auch Herausgeber der Werke seines Vaters, verlor nach 1933 - nicht ohne das Dazutun des notorisch rassistischen Kollegen Ludwig Bieberbach - sein Lehramt; seine aerodynamische Forschung blieb weiterhin gefragt. Barbara Fuchs heiratete im Juli 1935 Rudolf Jaeckel (1907-1962), damals Assistent bei Lise Meitner. Die Heirat zweier Menschen, deren Diskriminierung sich abzeichnete, war zugleich ein deutliches, gerade noch (vor dem 'Reichsbürgergesetz') mögliches Zeichen gegen die Anpassung an das Regime, eine Berufung auf persönliches und Menschenrecht. Maria Heydens Vater war Elektrotechniker und Fachmann für Eisenbahn-Elektrifizierung, war Ministerialbeamter gewesen, bis er als Mitgründer der Preußen-Elektra 1927 zum Unternehmer wurde. Die Familie war wohlhabend. Maria heiratete 1939 einen Juristen, den sie aus der Schulzeit kannte, und der am Anfang einer Karriere im Wirtschaftsministerium (später in der Bundesbank) stand. Die physikalische Forschungsarbeit gab sie ungern und erst 1955 ganz auf[34].

Rudolf Ritschl in der 'Präsidialabteilung' der PTR half mit Verspiegellungen von Fabry-Pérot-Platten, wie aus regelmäßigen Dankadressen am Schluß der Publikationen hervorgeht, auch 'Herrn Dr. Hochheim' als einem Industrie-Spezialisten für UV-Verspiegellungen wird gelegentlich gedankt. Rudolf Ritschl gab in einer Arbeit zur Hfs im Kupferspektrum 1932 auch eine typische Beschreibung des üblichen Apparats:

"Die Montierung der Etalonplatten geschah in der von Hansen in diesem Laboratorium entwickelten Form: Die Platten werden in einem Stahlzylinder gehalten und durch Ringe aus französischem Invarstahl, die an drei Punkten auf gleiche Dicke geschliffen sind, parallel gehalten... Die exakte Paralleljustierung geschieht durch feinregulierbaren Federdruck in Richtung der drei Punkte". Die Verspiegellung beschrieb Ritschl an anderer Stelle, erwähnt hier nur, daß bis etwa 4000 A Silber verwendet wurde und bis herunter zu 2400 A die 'Hochheim-Verspiegellungen', mit einer ultraviolettreflektierenden Legierung[35].

Ritschl fühlte sich Johannes Stark, seinem 'Chef', gegenüber nicht frei. Es heißt, der habe von 'Kernmomenten' nicht viel gehalten[36]. In einer gemeinsamen Publikation von Heyden und Ritschl 1937 wurde geflissentlich getrennt:

"die Aufnahmen an der Linie 2669 wurden in der PTR, die an den roten Linien im Physikalischen Institut der Technischen Hochschule durchgeführt. (es heißt dann weiter: Wir möchten an dieser Stelle Herrn Prof. Dr. Kopfermann für die wertvollen anregenden Diskussionen herzlich danken)"[37]

1936 promovierte Karl Krebs (geb. 1910); Im gleichen Jahr publizierte Kopfermann mit Hubert Krüger (geb. 1914) zur Hfs des Rubidium und mit Maria Heyden 1937 über die Kernspinänderung beim Zerfall des Rb 87 in Sr; im gleichen Jahr mit Heinz Wittke über die magnetischen Momente des Scandium Kerns, mit Hubert Krüger über die Argon-Isotopieverschiebung.

Hubert Krüger promovierte - da war Kopfermann schon in Kiel - mit einer 1938 publizierten Arbeit 'Über die Anreicherung des N15 Isotops und einige spektroskopische Untersuchungen am N15':

"Mit einer 42-gliedrigen Hertzschen Isotopentrennungsapparatur konnten die Anreicherungen des N15-Isotops von N14/N15 =4/1 erreicht werden... Nachdem die Methode der Isotopentrennung nach Hertz (Z. Physik 91, 1934) durch Diffusion in einem Hg-Dampfstrahl an günstigen Objekten, wie die Trennung der Neon-Isotope (H.Barwich, Z.Physik 100, 1936) und der Argonisotope (H. Kopfermann und H. Krüger, Z.Physik 105. 1937) ausprobiert worden war, wurde nunmehr versucht, die Methode auf einen Fall anzuwenden, bei dem die Verhältnisse wesentlich ungünstiger liegen, nämlich auf die Anreicherung des N15-Isotops."[38]

Messungen, die Maria Heyden an der D-alpha-Linie gemacht hatte, zeigten bei bloßem Hinsehen eine deutlich anomale Linie. Allerdings ergab die photometrische Auswertung (in Potsdam, wie stets, am Apparat von Grotrian) nur eine kleine Erhöhung, die man als 'Untergrund' zu ignorieren beschloß. Als sich 1947 herausstellte, daß sich hier ein spezifisches, 'quantenelektrodynamisches' oder 'feldtheoretisches', Phänomen, die 'Lambshift', bemerkbar gemacht hatte, schrieb Kopfermann an Frau Heyden-Joerges: "Da ist uns ein schöner Blumenpott entgangen"[39].

Eine andere Entdeckung in seinem Arbeitsgebiet war Kopfermann schon früher entgangen und würde ihn umsomehr beschäftigen: in einer Mitteilung an die Zeitschrift für Physik hatten Hermann Schüler und Theodor Schmidt am 2. März 1935 "Über Abweichungen des Atomkerns von der Kugelsymmetrie" berichtet und hatten dieser ersten Messung von 'Kernquadrupolmomenten' an Europiumisotopen gleich eine weitere am Lutetium folgen lassen. Hendrik Casimir in Leyden publizierte daraufhin quantenmechanische Formeln für die Kernwechselwirkung im Feld der Hülle. Peter Brix würde später schreiben:

"Der Nobelpreis 1975 für Bohr, Mottelson und Rainwater unterstreicht die große kernphysikalische Bedeutung der Kerndeformationen. Andererseits sind die vielen inzwischen bekannten Quadrupolmomente überaus nützliche Sonden geworden, um mannigfaltige chemische Veränderungen der Elektronenhülle, besonders in festen Körpern zu studieren."[40] Theodor Schmidt (geb. 1908) hat berichtet, wie er im Februar 1933 bei Rudolf Seeliger in Greifswald promovierte hatte und anschließend bei James Franck arbeiten wollte. Er erlebte Francks Rücktritt und nahm im Sommersemester 1933 an einem Seminar in Francks Wohnung teil, woraus sich eine Zusammenarbeit mit Edward Teller zur Theorie der Molekülspektren ergab. Schmidt ging im Herbst nach Leipzig. Bis dahin hatte sein Vater ihn unterhalten. Heisenberg konnte ihn an Schüler empfehlen. Dem hatte der Astrophysiker Eberhardt eine Sammlung von Präparaten seltener Erden zur Verfügung gestellt: "Schüler, sein Doktorand Gollnow und ich wetteiferten nun, die Lichtquellen zu verbessern und die Fabry-Perot-Interferometer auf höchstes Auflösungsvermögen zu bringen... Ab Herbst 1934 bestimmten wir alle paar Wochen einen Kernspin". Schmidt und Schüler (der Schmidt zufolge "eine etwas unglückliche Liebe zur Theorie" hatte) dachten zunächst, daß analog zun 'Volumeneffekt' der Isotopieverschiebung auch die Deformation sich als Störung bemerkbar mache und Schmidt hat erklärt, wieso sie nicht so schnell wie Casimir die erklärenden Formeln parat hatten: "Ich hatte in meinem Studium nie eine Vorlesung über Elektrodynamik gehört, und erst Herr Delbrück in Berlin erklärte uns, was ein Quadrupolmoment sei". Er habe dann begonnen, die Resultate anderer Verfasser von der Rechnung her zu verstehen, um so, mehr und mehr, auch die Quantenmechanik zu begreifen: "Delbrück nannte dieses Verfahren spöttisch meine experimentelle theoretische Physik."[41]

* * *

Im 15. Jahrbuch der 'Ergebnisse der exakten Naturwissenschaften' erschien 1936 Kopfermanns erster, nicht nur von eigenen Messungen handelnder Aufsatz, "Die Bestimmung von Kernmomenten mit Hilfe der Molekularstrahlmethode". Gleichzeitig mit einer ersten Übersicht über das eigene Arbeitsgebiet "Kernmomente und Isotopie", die im gleichen Jahr in den Naturwissenschaften erschien,[42] war das der Beginn seiner 'schriftstellerischen' Arbeit, ein Auftakt zur späteren Monographie der 'Kernmomente'. Es war nicht zu übersehen, daß hier eine Meßmethode und ein Arbeitsgebiet dargestellt und in ihrem Wert hervorgehoben wurden, die untrennbar mit zwei Namen verknüft waren, die in das 'Feindbild' offizieller deutscher Wissenschaftspolitik paßten: Otto Stern, Hamburger Physikochemiker bis 1933 (s.o.), jetzt im Exil in Pitsburgh, und Isidor Isaac Rabi, der einmal Gast in der Hamburger Gruppe gewesen war, und nun als Physikprofessor der Columbia Universität über ein denkbar gut ausgestattetes Labor verfügte.

Hartmut Kallmann und Hermann Schüler hatten an gleicher Stelle in Band 11 1932 unter der Überschrift "Hyperfeinstruktur und Atomkern" eine erste ausführliche Darstellung des neuen Arbeitsgebietes gegeben und 1933 hatte Georg Joos in einem Aufsatz 'Linienspektren der Atome' im ersten Band von Carl Ramsauers 'Die Physik in regelmäßigen Berichten' sowohl der Technik als auch den Ergebnissen der Hyperfeinstrukturmessungen breiten Raum gewährt[43]. Hermann Schüler hatte 1934 in einem Beitrag zur Zeitschrift für Physik , 'Über die Darstellung der Kernmomente der Atome durch Kernvektoren' versucht, zu den experimentellen Befunden der 'Kernmomente' eine Modellvorstellung zu entwickeln und u.a. eine Angabe Sterns vom Jahr zuvor zum magnetischen Moment des Neutrons aus Messungen am Deuteron-Atomstrahl erwähnt. Stern korrigierte im darauffolgenden Band der Zeitschrift: Er könne diese Angabe nicht gemacht haben, die Hamburger Messungen seien viel zu ungenau gewesen, und er teilte ein inzwischen in Pitsburgh erhaltenes Ergebnis mit. Schüler beklagte in seiner Antwort das auf einem Telefongespräch beruhende Mißverständnis, zumal der neue Wert sich gut in sein Modell einfüge. Otto Stern hätte vielleicht weniger gereizt auf die Leichtfertigkeit, die er Schüler vorwarf, reagiert, wenn es weniger darum gegangen wäre, sich gegen die allgemeine Diskriminierung zu wehren.

Im Juli 1934 hatten Gregory Breit und Isaac Rabi der Physical Review einen kurzen Aufsatz übermittelt 'On the interpretation of present values of nuclear moments'. Sie hatten auf das Versagen der von Kallmann und Schüler in ihrem ersten Aufsatz entwickelten Ansätze hingewiesen, die 'high accuracy of Kopfermann's measurements on Rubidium' hervorgehoben, und die Übereinstimmung der neuen Atomstrahl-Versuchsergebnisse von Stern und Estermann mit denen von Rabi, Kellog und Zacharias betont. Auf diese Versuchsergebnisse nahm Hans Kopfermann 1936 Bezug:

"In Band XI dieser Sammlung wurde über Ergebnisse der Kernmomentenforschung berichtet, die durch Beobachtung der Hyperfeinstruktur von Atomlinien mit höchstauflösenden Spektralapparaten gewonnen waren (Schüler, Kallmann). Neben dieser optischen Methode ist in aller jüngster Zeit eine andere Arbeitsweise ausgebildet worden, welche die Kernmomente durch Ablenkung von Molekül- und Atomstrahlen in einem inhomogenen Magnetfeld zu bestimmen erlaubt und die den Hyperfeinstrukturuntersuchungen teils prüfend, teils ergänzend zur Seite steht. Ihre Anwendungsmöglichkeiten sind allerdings durch die Eigenschaften der Methode auf eine relativ geringe Zahl von Objekten beschränkt. Erfreulicherweise erstreckt sich aber ihr Anwendungsgebiet in der Hauptsache auf diejenigen Elemente, bei denen die Hyperfeinstrukturmethode bisher nur bedingte Aussagen machen konnte oder sogar völlig versagte. Die Molekularstrahlmethode wird heute in zwei verschiedenen Weisen angewandt, und zwar als 1) Ablenkung von Molekülstrahlen (Stern und Mitarbeiter) und 2) Ablenkung von Atomstrahlen (Rabi und Mitarbeiter)

Der Referent ging dann näher auf die Messungen der Stern-Gruppe am Parawasserstoff, am gewöhnlichen Wasserstoff-Gemisch und am reinen Deuterium ein. Der Unterschied der beiden Methoden war der folgende:

"Die Atomstrahl-Methode benutzt das Vorhandensein eines unabgesättigten Elektronenmomentes, um Aussagen über das Kernmoment zu machen".

Als Besondere Variante dieser Methode hatte die Columbia-Gruppe die 'Nullmomenten-Methode' entwickelt, die darauf beruhte, daß das aus Elektronenmoment und Kernmoment resultierende feldabhängige Moment bei bestimmten Feldstärken verschwinden kann.

Die Apparaturen der Columbia Gruppe waren technisch aufwendig[44] und ihre Entwicklung sollte sich so recht erst lohnen, nachdem die Methode 1939 zu einer hochfrequenzspektroskopischen 'Atomstrahlresonanz-Methode' ausgebaut wurde. Dann allerdings waren die Ergebnisse von einer faszinierenden Präzision. Wenn Kopfermann damals mit dem Gedanken spielte, selbst solche Experimente durchzuführen, mußte der materielle Aufwand ihn abschrecken. Mehr als zehn Jahre später rückten die Pläne in den Bereich des Möglichen und zwanzig Jahre später lieferte eine 'Rabi-Apparatur' mit 'Stern-Gerlach-Feldern' unter seiner Regie erste Ergebnisse.

Doch die Bedeutung des Berichts von 1936 liegt vielleicht weniger in ihrem physikalischen Inhalt, als in der 'politischen' Aussage, die herauszulesen oder hineinzuinterpretieren war[45]. Für die exilierten Kollegen und andere, ihre deutschen Fachgenossen aufmerksam beobachtende, brachte Kopfermann klar zum Ausdruck, daß er nicht zu denen zählte, die antisemitische Diskrimierung in der Fachliteratur akzeptierten oder praktizierten. Er war nicht allein und das 'Risiko' war vermutlich auch abgesprochen, in erster Linie mit Herausgeber und Verleger (es bleibt dahingestellt, wie weit die Initiative bei der Schriftleitung liegen konnte). Kopfermanns Karriere blieb unberührt. Das läßt erkennen, was unter gegebenen Umständen und je nach Konjunktur möglich war. Zweifellos hat dieser erste Aufsatz zu dem freundlichen Bild beigetragen, das die Exilierten von Kopfermann behielten. In der scheinbaren Selbstverständlichkeit seines Berichts lag eine nicht selbstverständliche Distanzierung von den Methoden der Nationalsozialisten.

Aus der Inhaltsangabe der Personalakte des REM und der Personalakte im Göttinger Archiv geht hervor, daß die Fakultät im Frühjahr 1936 beantragte, Kopfermann zum `nicht beamteten außerordentlichen' Professor zu machen. Kopfermann füllte unter dem 25.2. 36 die geforderte "Anzeige über Verheiratung" aus, die Angaben über Eltern und Großeltern für Hertha und ihn zu enthalten hatte und vermutlich um dieselbe Zeit ein doppelseitiges Personalblatt, das die Wohnungsangabe 'Wiesenerstraße 26, Tempelhof' aufwies[46].

Im Oktober 1936 übernahm mit Hans Geiger (1882-1945) ein 'Pionier' der Radioaktivitäts- und Kernphysik die Institutsleitung. Walter Gerlach hatte den Ruf abgelehnt - ablehnen können. Offenbar stand dem Fortkommen und der größeren 'Selbständigkeit' von Hans Kopfermann nichts im Weg. Sein Arbeitsgebiet fand auch im neuen KWI Physik einen Platz. Vielleicht hätte ihn die Rückkehr in die KWG interessiert, vielleicht entsprach sie unter den gegebenen politischen Umständen nicht dem eingeschlagenen Weg. Auf jeden Fall hatte Hermann Schüler die besseren Karten, er wechselte 1937 aus Potsdam in das neue Institut[47]. Hans Kopfermann wurde Anfang 1937 `nicht beamteter außerordentlicher' Professor im Institut der TH. Die Ernennungsurkunde datierte vom 30.1. und in Vertretung des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zeichnete Werner Zschintzsch[48].


[1]Zu den Verhältnissen in Potsdam vgl. auch Klaus Hentschel, Der Einstein-Turm, Heidelberg (Spektrum) 1992

[2]Dieses und alle folgenden Zitate und Angaben des Abschnitts nach Materialien im BA/BDC Berlin

[3]Eugen Kogon, Der SS-Staat, Gütersloh (Mohn) Neuauflage 1974, S.45: "stand im SS-Rang (nicht in seiner Bedeutung) unmittelbar nach Himmler und war doch bis 1935/36 nicht dessen bedingungsloses Werkzeug. Er wurde freilich vom SD entmachtet, aber erst verhältnismäßig spät".

[4]Kurt Daluege (1897-1946) sagte von sich selber, er sei ein Führer in der Frankfurter Jugendbewegung gewesen. Mit Notabitur 1916 war er in den Krieg gezogen, und hatte sich nach der Revolution, wie Martin Bormann und Rudolf Höß dem Freikorps Roßbach angeschlossen. Studierte dann an der TU Charlottenburg und war seit 1924 als Dipl. ing. für Hoch- und Tiefbau Bediensteter der Stadt Berlin (Müllabfuhr). 1926 organisierte er die Berliner SA und als Goebbels Gauleiter wurde, integrierte er Daluege in die Gauleitung. Seit 1932 war er MdR, und 1933 wurde er als Ministerialrat zur besonderen Verwendung mit der Säuberung und Reorganisation der Polizei beauftragt. Ab Oktober 33 war er Führer der SS-Gruppe Ost. Er war für die SS-Mitgliedschaft von Polizisten, aber gegen die Abtrennung der Gestapo. Nach einem Balanceakt im Winter 1933/34 schlug er sich im März 34 auf die Seite des Stärkeren, nämlich des Kollegen Himmler und ließ den bisherigen Amtsinhaber Diels fallen. Als im Sommer die Parteigenossen ermordet wurden, hatte man Daluege nicht unterrichtet, aber zu seiner Erleichterung stand er nicht auf der Liste der angeblichen Putschisten. Kurz nach dieser 'Erleichterung' erreichte ihn Schülers Brief.

[5]Vgl Saul Friedländer, L'Allemagne nazi et les juifs 1933-1939, Paris 1998, ca S.130

[6]Man muß nicht unterstellen, daß Schüler mit dem Datum etwa seine besondere Sympathie mit den alten Kämpfern habe zum Ausdruck bringen wollen, organisierte Beitritte zum Feiertag des `Marschs auf die Feldherrnhalle' waren üblich.

[7]Vgl. Wilhelm Walcher, Gustav Hertz an der Technischen Hochschule zur Berlin 1928-1935, Wiss. Z. Karl-Marx-Univ. Leipzig, Math.-Naturwiss. R. 36, 1987, S.612

[8]Edoardo Amaldi, The adventurous life of Friedrich Georg Houtermans, physicist (1903-1966), Typoskript, S.20

[9]Wilhelm Walcher im Gespräch, Juni 1995; Houtermans war verschwunden; Hertz kam ins Praktikum und sagte "Jetzt müssen Sie's alleine machen" erzählte Walcher. Walcher sah seiner Diplomprüfung entgegen, und Richard Becker hatte ihm eine Stelle bei Osram in Aussicht gestellt. Es kam anders.

[10]Victor F. Weisskopf, loc. cit., S.64

[11]Edoardo Amaldi, a.a.O., S.27

[12]Im Sommersemester 33 hatte Walcher einen ersten Kontakt mit den NS-Strukturen: er hatte mit der Studentenführung verhandeln müssen, um wie gewohnt Hörgelderlaß zu erhalten. Der war ihm schließlich gewährt worden, wenn auch in deutlich geringerem Maß. Die Ferien verbrachte er zu Hause im Allgäu mit der Vorbereitung auf die Prüfung. Nach bestandenem Examen konnte er die Assistentenstelle im Institut antreten. Einzige Schwierigkeit: die mangelnde Parteizugehörigkeit. Hertz: "Können Sie nicht irgend so einem Verein beitreten?" Walcher hatte gehört, daß andere in ähnlicher Lage Mitglieder im NSKK geworden waren. Er ging also zum NSKK-Sturm und wurde Anwärter. Damit war die Assistentenstelle gewonnen. Als er bald darauf ins Ausland reiste, meldete er sich ab und bei seiner Rückkehr nicht wieder an. Erst als er Jahre später mit einer neuen Stelle in Kiel das gleiche Problem hatte, ging er wieder zum Kraftfahrer-Korps und holte sich zunächst eine verbale Abfuhr. Als er sich aber bereit erklärte, die Beiträge nachzuzahlen, wurde die Anwartschaft erneuert. "Dabei bliebs, weiter als zum Anwärter habe ich es nie gebracht" sagte Wilhelm Walcher im Gespräch (Marburg, 30. Juni 1995)

[13]Wilhelm Walcher, Gustav Hertz, loc. cit.

[14]Als Walcher nach einem Thema fragte, hatte Hertz gemeint, "lesen Sie denn keine Zeitschriften?" Umso mehr las Walcher dann alles, was zur Elektronenoptik publiziert war. Ernst Brüche hatte gerade eine Arbeit geschrieben und .... (Wilhelm Walcher im Gespräch 30.6.1995)

[15]Wilhelm Walcher, Isotopentrennung, Erg. Ex. Nat.wiss. 18, 1939, S.155. Hertz war vermutlich erst einmal nicht ganz frei von Neid angesichts der Arbeit seines Schülers zu einer Fragestellung, die seit 1919 auch die seine war. Als Kopfermann und Walcher 1938 Hertz in seinem Büro aufsuchten, lag die Arbeit auf dem Tisch, ohne daß Hertz auch nur ein Wort dazu verloren hätte. Die Episode tat der lebenslangen Freundschaft keinen Abbruch (Gespräch mit Wilhelm Walcher 30.6.95)

[16]Offenbar wurde keinerlei Organisationszugehörigkeit zur Bedingung gemacht. Wer schrieb das vermutlich notwendige Gutachten?

[17]Universitätsarchiv Heidelberg, Personalakte Kopfermann

[18] Das Foto von einer Weihnachtsfeier 1934 zeigt Hilde Dahle, Werner Hartmann, Maria Heyden, Helene Pfefferkorn, den Mechaniker Fränkler, Werner Schütze, Käthe Kaschinsky; dahinter: E.G. Andresen, Richard Becker, Barbara Jaeckel, Hans Kopfermann, Gustav Hertz, Wolfgang Pupp, Karl Krebs, Rudolf Jaeckel, Wilhelm Walcher, Heinz Barwich. Hertz als Weihnachtsmann, Kaschinsky vornübergebeugt, Jaeckel macht irgendeinen Ulk. S. Werner Hartmann, "Gustav Hertz' 80. Geburtstag", Wiss. Zs. Karl-Marx-Universität Leipzig, Math-nat. Reihe 36, Heft 6, 1987

[19]Seit 1922 Physikochemiker der TH, Nernstschüler, verheiratet mit Lotte Pusch, vormals Nernsts Vorlesungsassistentin

[20]Universitätsarchiv Heidelberg, Personalakte Kopfermann

[21]Personalkarte Kopfermann des REM, BA/BDC und PA Kopfermann Universitätsarchiv Göttingen

[22]Mitgliedsnr. 311597, Beitrittsdatum 24.7.1934, Adresse Berlin-Tempelhof, Wiesenerstr.26. S. Parteikarte Kopfermann, BA/BDC

[23]Universitätsachriv Göttingen, PA Kopfermann

[24]Am 17.1.39 schrieb der 'Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei an die Abt. 1 des Reichministeriums des Inneren zu Händen von Ministerialdirektor Stoppel betreffs Aberkennung der Staatsangehörigkeit des Juden Georg Schlesinger, geb.1874, der Jüdin Caroline Elise geb. Friedländer, geb.1882, der Kinder Ernst geb.1907, Klaus Bernhard Emanuel geb.1909, Fritz geb.1911 und Marie, geb.1917, jetzt alle Brüssel': Schlesinger habe am 2.10.1933 das Reichsgebiet verlassen, lehre jetzt an der Université Libre de Bruxelles in seinem Fachgebiet Fabrikbetriebe. Er sei damals am 30.4 unter dringendem Verdacht, Gutachterwissen an die Sowjetunion weitergegeben zu haben, festgenommen worden usw.: "Aufgrund vorstehender Ausführungen sind die Voraussetzungen für die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des Schlesinger unter gleichzeitiger Erstreckung auf seine eingangs aufgeführten Familienangehörigen erfüllt. Ich bitte um weitere Veranlassung. Gleichzeitig bitte ich, die Aberkennung des Dr.-Titels zu veranlassen. Eine Vermögensbeschlagnahme und Verfallserklärung kommt nicht in Betracht, da Inlandsvermögen des Schlesinger nicht festgestellt werden konnte. Im Auftrag Dr. Zimmermann." Archiv TUB, Nachlaß Ebert, Ordner Nr.2. Vgl Hans Ebert und Karin Hausen, "Georg Schlesinger und die Rationalisierung in Deutschland", in Reinhard Rürup Hg., loc.cit., S.

[25]David C. Cassidy hat vermutet, daß es sich um den Protégé Starks und Verfasser der am 29. Januar 1936 im Völkischen Beobachter erschienen Polemik "Deutsche Physik und jüdische Physik" gegen Werner Heisenberg, Willy Menzel handelt; David Cassidy, a.a.O., S.376

[26]Wilhelm Walcher, Gedächtnisprotokoll, s.Anhang. Stark machte offenbar einen großen Unterschied zwischen James Franck und Hertz. "Stark: Hingegen ist Franck, mit dem Hertz zusammen den Nobelpreis erhielt, ganz anders, so jüdisch-spekulativ..."

[27]David C. Cassidy, "Gustav Hertz, Hans Geiger und das Physikalische Institut der Technischen Hochschule Berlin in den Jahren 1933 bis 1945" in R. Rürup und K. Hausen Hg, loc. cit. S.378; Quellenangabe dort: BA Rep 21/913

[28]Kopie im Nachlass Ebert, Ordner V, S.241, Archiv der TH Berlin

[29]Vgl. David C. Cassidy, loc. cit. S.378 und Wilhelm Walcher a.a.O.

[30]Im Juni 1945 leitete Hertz eine Woche lang erste Vorbereitungen zur Neueröffnung der Hochschule, um dann für neun Jahre mit der Familie in der Sowjetunion 'zu verschwinden'. Heinz und Elfi Barwich folgten ihm. Später von Ernst Brüche befragt wieso, sagte Barwich, es sei ihm, angesichts des den anderen zugefügten Leids richtig erschienen, für sie zu arbeiten. Ernst Brüche, "Heinz Barwichs Schicksal und Bekenntnis" Phys. Bl. 22, 1966, S.266

[31]Jost Lemmerich Hg., Lise Meitner - Max von Laue, Briefwechsel 1938 - 1948, Berlin, ESR, 1998, S.159, Brief vom 14.1.1942

[32]Bundesarchiv Rep. 76, 913, G. Hertz

[33]Vgl. Georg Joos und Karl-Heinz Hellwege, "Die Linienspektren der Atome (2)", Die Physik in regelmäßigen Berichten 5, 1937, S.37: "Das Vertrauen in diese (von G. Breit 1932 als Abweichung vom Punktdipol gegebene (KS)) Erklärung des nicht durch magnetische Aufspaltung erklärbaren Teils der Hfs wird erheblich gestärkt durch die von H. Kopfermann, B. Fuchs und B. Jäckel Z.Phys.99, 402, 1936 gemachte Entdeckung von 4 Platinisotopen, die dann auch durch Dempsters Massenspektrographische Beobachtungen bestätigt wuden..." Die Ergebnisse fanden auch Eingang in eine Tabelle zur Isotopieverschiebung in H. Kopfermann, Kernmomente 2te, S.167

[34]Vgl. auch (Frauen in der Wissenschaft...)

[35]Rudolf Ritschl, Hyperfeinstruktur der Bogenlinien und das Kernmoment von Kupfer, Z. Physik 79, 1932, S.1

[36]Maria Joerges-Heyden erinnerte sich an einen Brief, in dem Ritschl sie bat, Messungen doch lieber in der TH durchzuführen, weil Stark von 'Kernmomenten' nichts wissen wolle. Mündliche Mitteilung, Gespräch Oktober '95. Zur 'Lambshift' vgl. O.R. Frisch, `Molecular beams' a.a.O.

[37]Z.Phys. 108, 1937, S.739

[38]Hubert Krüger, Z.Phys. 111, 1938, S.467

[39]Maria Joerges-Heyden, Mündliche Mitteilung, Gespräch Oktober '95

[40]Peter Brix, "1935 haben Schüler und Schmidt die Kernquadrupolmomente entdeckt", Physik in unserer Zeit 16, 1985 S.63

[41]Theodor Schmidt, "Erinnerungen an die Entdeckung der Kernquadrupolmomente", Physik in unserer Zeit, 16, 1985, S.64; Schmidt schrieb dort auch über die "Seltenen Erden": "Von der Elektronenhülle dieser Atome wußte man wenig oder gar nichts". Ende der 50er Jahren waren wenigstens die Grundzustände der seltenen-Erd-Spektren bekannt; als vermutlich der letzte wurde der des Terbiums im von Kopfermann geleiteten Heidelberger Institut mit hochfrequenzspektrokopischen Methoden bestimmt. Unsere Interpretation der Messungen erwies sich allerdings als falsch und P.F.A. Klinkenberg erkannte die richtige Konfiguration. Vgl. Z. Physik 180, 1964, S.174

[42]Die Niederschrift eines Vortrags, den Kopfermann auf der Physikertagung in Zürich gehalten hatte

[43]Joos hob die technischen Anforderungen des neuen Arbeitsgebiets deutlich hervor (S.90): "Die Mehrzahl der spektroskopischen Arbeiten der letzten Jahre befaßt sich mit einer als Hyperfeinstruktur bezeichneten weiteren Differenzierung der Atomterme, die bei einzelnen Elementen wie Hg, schon lange bekannt ist. Diese Aufspaltung der Linien sind so klein, daß ihre Untersuchung ungewöhnlich hohe Anforderungen an das Auflösungsvermögen der Spektralapparate stellt. bei den Interferenzspektroskopen, die fast ausschließlich zur Verwendung kommen, sind bemerkenswerte technische Fortschritte zu verzeichnen: einmal die Steigerung des Reflexionsvermögens halbdurchlässiger Spiegel im Ultraviolett durch Verwendung geeigneter Legierunen (Patent der I.G. Farbenindustrie) welche das Pérot-Fabry-Interferometer auch im kurzwelligen Teil geeignet macht, dann vor allem der Gedanke des Multiplexinterferometers (gleichzeitig und unabhängig angegeben von F. Lau und von W.V. Houston). bei jedem Interferenzapparat hängt die Schärfe des Interferenzbildes bekanntlich von der Zahl der interferieenden Wellenlängen ab. Stellt man nun zwei Interferometer hintereinander, so wird durch das zweite aus jedem Wellenzug des ersten eine Gruppe von p Wellenzügen erzeugt, aus p Wwellenzügen des ersten also p2 interferierende Wellenzüge. Die mit Interferenzapparaten dieses Prinzips erreichte und bei Hfs-Untersuchungen auch tatsächlich benötigte auflösung beträgt etwa 10 e6 d.h. es läßt sich mit diesen Mitteln noch der 1000ste Teil des d-Linienabstandes trennen!

Um das hohe Auflöungsvermögen der Spektralapparate auszunützen, muß man Lichtquellen verwenden, welche wesentlich schmälere Linien geben als die gebräuchlichen. Bogen und Funke scheiden wegen de hohen elektrischen Felder von vornherein aus. Man verwendet Glimmentladungen deren zur Beobachtung verwendeten Teile zur Herabminderung der thermischen Dopplerbreite soweit als möglich gekühlt sind. Um die Druckverbreiterung, die durch gleichartige Atome in besonders hohem maß hevorgerufen wird, zu vemindern, ist es zweckmäßig, als Träger der Entladung ein Edelgas zu verwenden, dem das zu untersuchende Element (meist Metalle) in möglichst niedriger Konzentration beigemischt ist. Diese große Verdünnung des leuchtenden Dampfes hat auch noch den Vorteil, daß die Intensitätsverhältnisse, auf die es bei der Deutung der Hfs in hohem Maße ankommt, nicht durch Selbstabsorption verfälscht werden...."

[44]Vgl. Paul Forman, Molecular Beam Measurements of Nuclear Moments before Magnetic Resonance: I.I. Rabi and Deflecting Magnets to 1938, Zur Veröffentlichung in Annals of Science, Vorab-Präsentation im Seminar des CRHST, Paris, 5.3.1998

[45]Ich verdanke diese Vermutung nicht zuletzt einer mündlichen Bemerkung Paul Formans über die Bedeutung des Berichts als eine frühe Anerkennung für Rabi

[46]Personalkarte des REM, BA, Eintrag: '30.4. 36 Ernennung zum n.b.a.o. Prof.' (?)

[47]Theodor Schmidt habilitierte sich 1937 in Greifswald '1946 (nach eigenen Angaben loc.cit., S.65 K.S.) Verschleppung nach Rußland bis 1953'. 1959 wurde er (wohl nicht ganz ohne Kopfermanns Zutun) nach Freiburg berufen.

[48]Zschintsch erschien im März 1938 als beflissener 'Arisierer' der Deutschen Kunsthistorischen Gesellschaft. S. Saul Friedländer, a.a.O., S.253

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

Bemerkungen/Kritik: ks@aleph99.org