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Ein 'Außenminister'?

"Kopfermann war der Außen-, ich der Innenminister", meinte Wilhelm Walcher zur gemeinsamen Tätigkeit im Hertz-Institut. Diese 'Arbeitsteilung' mag hauptsächlich darin bestanden haben, daß der Habilitierte hochschulöffentliche Lehraufgaben in Verbindung mit dem Fortgeschrittenen-Praktikum und dem Forschungsgebiet des Instituts übernahm und von außerhalb als 'Anlaufstelle' gelten konnte, während der andere sich um die 'Infrastruktur' und die Studentenbetreuung im Praktikum kümmerte, und institutsinterner Ansprechpartner war. Darüber hinaus mag der 'Außenminister' gelegentlich Aufgaben des Kontaktes zu anderen Instituten und Behörden wie der PTR, zur DPG, zu den Förderorganisationen wie der DFG übernommen haben. Aber die Bezeichnung verweist auch auf die Problematik, die internationale Zusammenarbeit unter den Bedingungen des NS-Regimes bedeutete. Aus ihren Ämtern vertriebene Kollegen blieben präsent und Kontakte wurden auf beiden Seiten gepflegt: wissenschaftlich und 'diplomatisch', vor dem Hintergrund politischer Interessen. Der Ausdruck 'Rücksicht auf das Ausland' gehörte zum NS-Jargon[1]. Tatsächlich waren Auslandsbeziehungen machtpolitisch von Bedeutung und das gerade nicht auf der offiziellen, diplomatischen Ebene, die dem gegenseitigen Vertrauen enge Grenzen setzte.

Niels Bohr hatte mit wissenschaftlichen Erfolgen und mit dem gelungenen Zugriff auf beträchtliche persönliche und institutionelle Ressourcen Kopenhagen zu einem Zentrum der Atom- und Kernphysik machen können, Harald Bohr hatte ihn darin unterstützt. Das neue Institut und sein Leiter waren ungeheuer anziehend und anregend für die Atomphysiker und `Quantenmechaniker' der zwanziger Jahre gewesen und die Anziehungskraft Kopenhagens stieg weiter, als Bohr die Kernphysik zum zentralen Arbeitsthema machte. So entsprach die Reise von Hans und Hertha Kopfermann im Sommer 1932 nach Kopenhagen einem Wunschtraum vieler junger und alter Physiker. Weiter oben wurde beschrieben, wie der einjährige Aufenthalt sich physikalisch über Erwarten erfolg- und ertragreich gestaltete. Aber die `schöne und lehrreiche Kopenhagener Zeit' (s.o.) hatte noch einen anderen unvorhergesehenen Aspekt, der beide Kopfermanns vermutlich stärker und nachhaltiger beeinflußte als die Arbeitserfolge. Sie erlebten monatelang die erste Welle der Exilierten in Kopenhagen, sie erlebten mit, wie es Niels Bohr gelang, die Rückkehrbedingung der Rockefellerstipendien außer Kraft zu setzten und sein Institut einem ständigen Fluß von Stipendiaten zu öffnen, der Kopenhagen erst recht zum `Mittelpunkt der Welt' machte. Als Hertha und Hans Kopfermann im Herbst 1933 nach Berlin zurückkamen, galten sie den `Kopenhagenern', die sich über die Welt hin verstreuten, als Freunde und wußten das. Die neue Stelle Kopfermanns als Oberassistent bei Gustav Hertz hatte nichts an sich, was ihn in den Augen der Freunde kompromittierte und sie gab ihm die Freiheit, auch weiterhin ein `Kopenhagener' zu bleiben. In Gesellschaft der Rockefellerstipendiaten vor und nach ihm, u.a. Guido Beck, Felix Bloch, Otto Frisch, Arthur Hippel, Hilde Levi, George Placzek, Eugene Rabinovitch, Stefan Rozental, Erich Schneider, Edward Teller und Victor Weisskopf.

Kopfermanns Arbeitsverbindungen nach Kopenhagen dauerten an. 1933 hatte er mit N. Wieth-Knudsen zu den Krypton-, 1934 mit Eva Rindal zu den Xenon-Kernmomenten (s.o.) publiziert und mit Ebbe Rasmussen zu Scandium, Kobalt und Vanadium. Besonders mit Rasmussen wurden gegenseitige Unterstützung und Austausch zur Regel[2]. Die Rockefeller-Stiftung finanzierte Reisen und Aufenthalte im Frühjahr 1934, im Sommer 1935, im Juni 1936[3].

1934 arbeitete James Franck in Kopenhagen mit Hilde Levi, die gerade promoviert aus Deutschland gekommen war (und von Otto Frisch lernte, wie man Verstärker baut). Ihr Thema war das Chlorophyll. George Hevesy, der bis 1943 in Kopenhagen blieb, entwickelte mit Levi die Verwendung von Tracer-Isotopen in der biologischen Forschung[4]. Die Idee stammte von August Krogh, Physiologe, Nobelpreis 1920 und Bohrs Freund. Im Mai reiste Niels Bohr in der UdSSR: Moskau, Leningrad, Charkov, dann wurde 1934 ein Unglücksjahr für die Bohrs und ihre Freunde: Sohn Christian (geb. 1916) ertrank am 2. Juli bei schwerer See vor den Augen seines Vaters bei einem Segeltörn[5]. 1935 konnte Hilde Levis Freundin Sophie Hellmann nach Kopenhagen kommen und als Bohrs Sekretärin angestellt werden. Zum 50. Geburtstag erhielt der Institutsleiter 600 mg Radium, die aus Stiftungsmitteln und öffentlichen Geldern erworben wurden. Bohr übernahm die Präsidentschaft der Dänischen Gesellschaft für Krebsbekämpfung. Carlsberg finanzierte mit 150 000 Kronen (30 000$) ein neues Hochspannungslabor, Rockefeller und die Thomas-Thrige-Stiftung waren beteiligt, als man daran ging, ein Zyklotron u.a. für die Tracer-Herstellung zu planen[6]. Abraham Pais hat berichtet, daß er 1989 Hilde Levi nach Bohrs Reaktion auf die biologischen Tracer-Arbeiten gefragt habe und erfuhr, Bohr sei geradezu fasziniert, elektrisiert, gewesen, 'an honest reaction - not one for money'. "There is some confusion regarding the time when Bohr first thought of the Compound Nucleus, the central feature of his new theory. It is certain, however, that he first unveiled these ideas at a videnskabernes selskab's meeting in January 1936"[7]. Gerade hatten Hermann Schüler und Theodor Schmidt die Deformation der Kerne experimentell festgestellt (s.o.) und nicht nur Hans Kopfermann mit dieser Endeckung elektrisiert. Bohr nahm das Stichwort deformierte Kerne auf. 1937 machte Niels Bohr eine Weltreise durch die USA, China, Japan und die UdSSR. Ergebnisse intensiver Zusammenarbeit mit dem jungen Fritz Kalckar wurden im Oktober publiziert. 1938 im Januar starb Fritz Kalckar, 28 jährig an einem Gehirnschlag. Im gleichen Jahr wurden der neue Cockroft-Walton Generator und dann das Zyklotron betriebsbereit. Das Kopenhagener Institut hatte dadurch noch um einiges an Anziehung gewonnen. Aber der vom Pogrom begleitete 'Anschluß' und die neue Exilierungswelle in Deutschland stellten den Austausch mit den unter den `Achsenmächten' arbeitenden Kollegen endgültig in Frage. Im Herbst 38 teilte Bohr Enrico Fermi mit, daß eine Verleihung des Nobelpreises an ihn bevorstünde. Fermi konnte die Emigration vorbereiten, kam mit Frau und Kindern nach Stockholm und kehrte nicht mehr nach Rom zurück.

Von 1929 bis 1937 fanden in Kopenhagen jährlich Treffen statt. Gruppenphotos dieser Konferenzen wurden später immer wieder publiziert. 1929 posierten in der ersten Hörsaalbank Bohr, Cramèr, Klein, Rosseland, Kramers, Darwin, Kronig, Ehrenfest und Gamow; in der zweiten Nordheim, Heitler, Hückel, Rosenfeld, Møller, Casimir, Goudsmit; in der dritten Bank Pauli, Fues, Højendahl, Chou, Trumpy, Pihl[8]. 1930 saßen in vorderster Reihe Klein, Bohr, Heisenberg, Pauli, Gamov, Landau, Kramers; in der zweiten Reihe, hinter Bohr und Heisenberg, u.a. Rudolf Peierls[9]. Später einmal in der ersten Reihe Bohr, Dirac, Heisenberg, Ehrenfest, in der zweiten Reihe u.a. Weizsäcker und Frisch, in der dritten Schrödinger, Kopfermann[10]. 1936 sind Pauli, Jordan, Heisenberg, Born, Meitner, Stern, Franck versammelt. Bohr steht am Bildrand, neben ihm, sitzend an der Seite Hans Eulers, Kopfermann, lächelnd, in einem nervösen Zwinkern mit geschlossenen Augen fixiert[11]. 1937 noch einmal in der ersten Reihe Bohr, Heisenberg, Pauli, Stern, Meitner, Ladenburg, Jacobsen; in der zweiten Reihe u.a. Weisskopf, Møller, Euler, Peierls, Hund, Goldhaber, Heitler, Segrè und in der dritten u.a. Placzek, Weizsäcker, Kopfermann, stehend Jensen, Rosenfeld, Wick[12].

Otto Robert Frisch und Rudolf Peierls betrachteten Hertha und Hans Kopfermann seit den dreißiger Jahren als Freunde[13]. Die beiden waren enger verbunden mit einem weiteren `Kopenhagener', George Placzek, den wiederum Hertha und Hans näher kannten, ebenso wie Victor Weisskopf und Ellen Tvede, die 1934 in Kopenhagen heirateten. Erich Schneider, damals Rockefeller-Stipendiat wie Kopfermann, übersetzte später dessen Buch, die Neuauflage der `Kernmomente'.

Otto Robert Frisch (1904-1979) hatte 1926 bei Karl Przibram im Wiener Institut für Radiumforschung promoviert und kam 1927 nach Berlin, zunächst zur PTR, dann ins Labor von Peter Pringsheim. 1930 ging er nach Hamburg, arbeitete mit Otto Stern, Immanuel Estermann, mit Emilio Segré, der aus Rom zu Gast war. Nach einem Kopenhagener Jahr (s.o) wechselte Frisch 1934 zu Patrick Blackett, der seit Herbst 1933 am Birkbek Colledge in London forschte und lehrte[14]. Später arbeitete er in Birmingham mit Oliphant zusammen und in Liverpool mit Rotblat, Pickavance und Holt, bevor er Ende 1943 zusammen mit Rudolf Peierls nach Los Alamos aufbrach. 1946 kam er zurück nach England, nach Harwell und schließlich nach Cambridge. Otto Robert Frisch war der Neffe von Lise Meitner und war mit der Wiener Künstlerin Ulla Blau verheiratet. Rudolf Peierls (1907-1990) studierte bei Arnold Sommerfeld in München ab 1926. Als sein Lehrer 1928 für ein Jahr nach Amerika verschwand, ging er nach Leipzig zu Werner Heisenberg, arbeitete mit Felix Bloch, war zeitweise in England und kam 1929 als Assistent zu Pauli nach Zürich[15]. 1930 fuhr Peierls zu einer Physikertagung nach Odessa, traf dort die angehende Physikerin Evgenia Nikolaevna Kanegiser, besorgte sich für das nächste Jahr eine Einladung nach Leningrad und die beiden heirateten. Kanegiser war mit Lev Landau und Matvej Bronstein[16] gut befreundet. 1933 fanden er und Hans Bethe mit Unterstützung durch Helen Simpson ein Unterkommen in Manchester, das Blackett gerade verlassen hatte. Nach dem Krieg lehrte und forschte Rudolf Peierls in Oxford. Victor Weisskopf (geb. 1908) hatte in seiner Heimatstadt Wien u.a. bei Hans Thirring (1888-1976) studiert, hatte in Göttingen bei Born und Franck über Resonanzfluorenzenz promoviert und kam im Herbst 1931 nach Berlin, als Fritz London, Erwin Schrödingers Assistent, für ein paar Monate nach USA ging. Den Freund und Arbeitskollegen Jennö Wigner kannte er schon von dessen Besuchen in Göttingen. Weisskopf lernte Kopfermann an exponierter Stelle kennen:
"Überdies reizte mich die Idee in Berlin zu sein, ungeheuer, wegen der vielen berühmten Physiker, die dort lebten - Albert Einstein, Max Planck, Walther Nernst, Leo Szilard. Ich erinnere mich lebhaft an die wöchentlichen Kolloquien mit all den großen Männern in der ersten Reihe. Einmal referierte Hans Kopfermann, mit dem mich später eine enge Freundschaft verband, über verschiedene Experimente, um den Wert der Planckschen Konstante zu bestimmen, das sogenannte Wirkungsquantum. Sämtliche Expeimente hatten für die Konstante den gleichen Wert erbracht. In der Diskussion stellte Nernst ein paar Fragen an Kopfermann. Es war bekannt, daß er selbst 1932 noch der Quantentheorie skeptisch gegenüberstand, als sie längst allgemein akzeptiert wurde. Nachdem Kopfermann seine Fragen hinreichend beantwortet hatte, sagte Nernst laut zu dem neben ihm sitzenden Max Planck: `Na Herr Kollege, dann haben sie ja noch eine Chance[17].
Weisskopf ging im Frühjahr 1932 nach Leipzig und von dort für acht Monate nach Charkov, wo sein Freund Alexander Weissberg gerade begonnen hatte das neue Physiko-technische Institut auszubauen. Schrödinger besorgte ihm ein Rockefeller-Stipendium für Kopenhagen, anschließend wurde er der Nachfolger von Rudolf Peierls als Assistent bei Wolfgang Pauli. 1936 kamen Weisskopfs noch einmal kurz nach Charkov, ihm war ein Lehrstuhl in Kiev angeboten worden, aber angesichts der Vorzeichen der `großen Säuberung' verließen sie, wie auch Georg Placzek, möglichst bald wieder das Land. Die Reise ging über Kopenhagen nach USA. Georg Placzek (1905-1955) kam aus Brnò in Moravien, hatte in Prag und Wien studiert und 1928 promoviert. Bis 1931 arbeitete er in Utrecht. Er sprach viele Sprachen fließend und sein Freund Eduardo Amaldi berichtete, Placzek habe italienisch aus dem `Decamerone' gelernt, habe Dante, Ariost und Petrarca zitieren können und über Politik in der Sprache Boccaccios diskutiert[18]. Amaldi und Placzek arbeiteten 1931/32 in Rom über das Ramanspektrum von Ammoniak. Im Sommer 1932 lud die Gruppe um Amaldi, Fermi, Rosetti und Segré nach Rom zur nachmals berühmten ersten kernphysikalischen Konferenz ein und Hans Bethe, der auch teilnahm, meinte später, Placzek sei die beherrschende Figur unter den jungen Teilnehmern aus Deutschland gewesen und schrieb über Placzek: "Er war ein Mann von Welt, viel kultivierter als Teller oder ich, hatte viele Frauen-Freundschaften, sprach acht oder zehn Sprachen, alle sehr gut, und wußte über Literatur und viele andere Dinge Bescheid."[19] Auch Rudolf Peierls stellte dem Freund ein Zeugnis aus: "Durch Beck traf ich Placzek, der in Leipzig ein häufiger Besucher war. Er war ein ungewöhnlich bezaubernder junger Mann. Trotz großer Fähigkeiten, Gelehrsamkeit und Wissen, brachte er es fertig, in kleinen Dingen sehr unordentlich zu sein. Er war in der heutigen Tschechoslowakei geboren, also war er im doppelten Sinn des Wortes ein Bohémien. Er reiste viel, aber wurde nie mit dem Packen fertig. Wenn wir mit ihm zusammen reisten, war er fast bis zum Bahnhof damit beschäftigt, eilig noch Sachen in einen übervollen Koffer zu verstauen. Er kam immer auf die letzte Sekunde, hatte alles mögliche vergessen und hatte alle Mühe, die Sachen, die er noch schnell hineingestopft hatte, nicht aus seiner Tasche zu verlieren."[20] Otto Frisch hat an Placzek erinnert als an "den vielseitigen Bohémien, der zur Theorie der Moleküle ebenso beigetragen hat, wie zu der der Atomkerne" Placzek ging aus Rom 1933 nach Charkov und von dort 1934/35 nach Jerusalem. Er sprach Hebräisch (und Arabisch), weigerte sich aber, auf Hebräisch zu lehren. An Frisch schrieb er, er habe den Eindruck "Hebräisch würde mit der Physik einfach nicht fertig". Obendrein hielt die Fakultät (noch) nichts von Forschung in Kernphysik. Placzek schrieb an Frisch: "Mit den Juden bin ich ein für allemal fertig"[21] und versuchte es noch einmal `mit den Russen' für ein weiteres Jahr der Zusammenarbeit mit Lev Landau[22]. Als in Charkov des Bleibens nicht länger war, ging er nochmal nach Rom, nur um festzustellen, daß Mussolinis Italien sich an Hitlers Deutschland zu orientieren begann. Nach zwei Jahren der `Atempause' in Kopenhagen reiste er über Paris (Collège de France) nach USA, wo Hans Bethe an der Cornell Universität untergekommen war und ihm eine Bleibe bot. Nach Los Alamos hatte er zunächst nur eine Stelle bei der General Electric, bis ihn Robert Oppenheimer 1946 nach Princeton holte. Rudolf Peierls berichtete, daß ihm jemand von der Atomic Energy Commission 1954, zur schlimmsten McCarthy-Zeit, einen Forschungsauftrag vorschlug und Placzek nur sagte: "Who do you think, I am?", "Wer, denken Sie, bin ich?"[23]-

Die vier befreundeten `Kopenhagener' waren wesentlich jünger als Hans Kopfermann und auch jünger als Hertha. Sie waren `Mitteleuropäer', deren Adoleszenz von der Nachkriegs- und Revolutionszeit geprägt war. Was sie untereinander und mit Kopfermann verband, war nicht zuletzt die fulminante Entwicklung des gemeinsamen Arbeitsgebietes, der Kernphysik, in dem nur Otto Frisch auch experimentell tätig war. Im Unterschied zu Hertha und Hans Kopfermann waren die Freunde unter dem Druck der Verhältnisse für geraume Zeit `Zugvögel' (`birds of passage' schrieb Rudolf Peierls) zwischen Amerika und Rußland, Palästina und Europa geworden. Als sie 1943 in Los Alamos zusammenkamen, gab es keine direkten Verbindungen mehr mit den Kollegen in Deutschland. Aber der Gedanke, daß nicht jeder dort gleichermaßen ein Gegner sein konnte oder wollte, blieb wach. Wenn Kopfermann ein `Außenminister' war, geriet er nicht in Versuchung, `großdeutscher' Außenminister zu werden, und ein `Schattenkabinett' gab es auch nicht. Die letzte internationale Zusammenkunft, die einen Teil der Kollegen vereinte, war das Symposion zur kosmischen Strahlung 1939 in Chicago. Es stand im Schatten der Kriegsdrohung. Dort trafen sich u.a. Hans Bethe, Walther Bothe, Werner Heisenberg. Kopfermann blieb zu Hause.

* * *

Als Dieter Hoffmann 1988 über die Kopenhagener Treffen schrieb, konnte er feststellen:

"Die '36er Tagung kann man wohl als den Höhepunkt unter den Kopenhagener Physikerkonferenzen kennzeichnen. An ihr nahmen fast 100 Wissenschaftler aus aller Welt teil -"im wesentlichen aus Amerika, Deutschland, England, Frankreich, Holland und Italien", wie im Reisebericht W. Heisenbergs vermerkt wird... Zur überaus großen Resonanz trug sicherlich bei, daß im Anschluß noch der "Zweite Kongreß für Einheit der Wissenschaft" vom 21 bis 26 Juni 1936 in Kopenhagen stattfand und sein Thema "Das Kausalproblem mit besonderer Berücksichtigung in Physik und Biologie" nicht zuletzt die Physiker des Bohrschen Kreises interessiert haben mag - selbst wenn Philip Frank ironisch anmerkte, daß "die zur Zeit des Kongreßbeginns so zahlreich in Kopenhagen anwesenden Physiker uns mit dem halb mißtrauischen, halb herablassenden Blick angesehen (haben), mit dem Physiker eben 'Philosophen' anzusehen pflegen"[24]

Der Autor hat einen Bericht Pascual Jordans an das Ministerium über den Philosophiekongress, (`persönlich', vermutlich an Theodor Vahlen, Franz Bachèr oder Rudolf Mentzel) abgedruckt, in dem es heißt:

"Um Mißverständnisse oder Gerüchtebildung im Ausland zu vermeiden, scheint es mir dringend wünschenswert, daß Tatsache und Inhalt dieser Berichterstattung im Ausland in keiner Weise bekannt werden. Ich habe es deshalb der größeren Sicherheit halber streng vermieden, mit Kameraden oder Kollegen über diesen Bericht zu sprechen, und erlaube mir ... auch Sie um vertrauliche Behandlung der Angelegenheit zu bitten."

Wozu derart 'konspirativ'? Es scheint ziemlich klar, welche Feststellungen Jordan vermutlich nicht bekannt werden lassen mochte, aber warum machte er sie? Galt es eigene wissenschaftliche Überzeugungen durch Sätze im Parteijargon abzusichern? Hatte er das nötig? Nahm er, ohne es auszusprechen, auf offene oder schwelende 'weltanschaulich'-wissenschaftspolitische Kontroversen (u.a. um Heisenberg im 'Völkischen Beobachter' zu Anfang des Jahres s.u.) Bezug und nutzte die Gelegenheit, die 'Kopenhagener'(Quanten-) und theoretische Physik 'ins rechte Licht zu rücken', in dem er sie gegen den 'Materialismus' abgrenzte und (angesichts der Volksfrontereignisse) ihren Nutzen bei der 'Niederwerfung des Bolschewismus' propagierte? Er lieferte einen nazistisch-'weltanschaulichen' Wortschwall, er benannte nach bewährtem Schema einen 'Feind' (Otto Neurath, der sich außer Reichweite befand) und einen 'Freund' (Werner Heisenberg, der umstritten war). Als 'willfähriges Instrument der Nazis' (Dieter Hoffmann) würde ich Jordan auch solange nicht bezeichnen, wie die wichtige Frage 'welcher Nazis?' offen bleibt, wobei zu unterstellen wäre, daß die besonders 'lauten' Nationalsozialisten nicht die einzigen waren, auf die es ankam, und nicht die gefährlichsten. Jordan wörtlich:

"... ist, wie ich schon früher darlegte, innerhalb dieses Kreises auch die materialistische Weltanschauung zum Teil deutlich vertreten. Bestimmt gilt dies von O. Neurath (Haag, früher Wien, wahrscheinlich Jude), der durch seine Rührigkeit eine gewisse Rolle in diesem Kreis spielt, obwohl er fachlich (als Soziologe, von marxistischer oder quasimarxistischer Richtung) ein Außenseiter des vorwiegend mathematisch-naturwissenschaftlich interessierten Kreises ist. Wie früher bemerkt, hat Neurath schon seit Jahren eine gehässig-kritische Stellung gegenüber von mir vertretenen wissenschaftlichen Thesen eingenommen... " "Die modernen physikalischen Erkenntnisse stehen im diametralen Gegensatz zu der beliebtesten, Jahrhunderte alten naturwissenschaftlichen These der materialistischen Weltanschauung (Auf diese Liquidierung der Grundthese der materialistischen Philosophie durch die moderne Atomphysik ist übrigens von W. Heisenberg im Völkischen Beobachter kurz hingewiesen worden). Diese moderne wissenschaftliche Entwicklung und die dadurch ausgelöste Beunruhigung und Besorgnis im materialistischen Lager dürfte auch vom politischen Standpunkt aus aufmerksame Beobachtung verdienen. Allerdings ist ja selbstverständlich die Niederringung des Bolschewismus - der gerade jetzt wieder bei verschiedenen Nachbarvölkern so drohend sein Haupt erhebt - in erster Linie eine Sache politischer Willensbildung und weltanschaulich-blutsmäßiger Kampfkraft, welche nicht durch wissenschaftliche Beweisführungen ersetzt werden können. Trotzdem aber scheint es ein bedeutendes Zeichen der Zeit zu sein, daß die materialistische Weltanschauung - als wissenschaftliche Theorie betrachtet - gerade in demjenigen Wissenschaftsgebiete als unhaltbar und der wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechend entlarvt wird, welches seit der Renaissance als ihre sicherste Domäne gegolten hat."[25]

Ein Photo vom Kopenhagener Treffen 1937 zeigt Werner und Elisabeth Heisenberg im Gespräch mit Niels Bohr. Im Freien, in Mänteln. Im Hintergrund Hans Kopfermann im Profil, im Gespräch mit anderen, mit einem Hut in der Hand[26].


[1]Werner Haberditzel hat, allerdings ohne Quellenangabe, eine Antwort aus dem Amt Rosenbergs auf den von antisemitischen Invektiven strotzenden Brief eines Parteimitglieds, eines Studienrats zitiert:"Der Reichsleiter der NSDAP läßt Ihnen erwidern, daß er grundsätzlich Ihre Auffassung teilt... Bedauerlicherweise ist es mit Rücksicht auf das Ausland nicht möglich, dem Professor Heisenberg eine schärfere Zurechtweisung zu erteilen, oder ihn, wie das wohl wünschenswert wäre, zu maßregeln."

[2]Ebbe Kjeld Rasmussen war seit 1925 mit Julie Ingeborg Mortensen (geb. 1896) verheiratet, wurde 1939 Sekretär der Naturlaerens Udbredelse Selskabet, arbeitete auch nach 1942 noch im Bohr-Institut, war dann Professor an der Veterinär- und Landwirtschaftsschule und ab 1956 Universitätsprofessor, baute das Oersted-Institut auf. "Pa grundlag of sine resultater beregnede ha sammen med Berlineren Hans Kopfermann, som var gaest pa Niels Bohr Institutet, det mekaniske moment af Coboldt-, Vanadium- og Scandiumkernerne, samt foretage en noje analyse af Vanadiummultipletter" schrieb K.G. Hansen, (Dansk Biografisk Lexikon)

[3]Vgl. Dieter Hoffmann, "Zur Teilnahme deutscher Physiker an den Kopenhagener Physikerkonferenzen nach 1933 sowie am 2. Kongreß für Einheit der Wissenschaft, Kopenhagen 1936", NTM 25 1988, S. 49; als Quelle wird angegeben: Zentrales Staatsarchiv Potsdam, REM (Reichs-Erziehungs-Ministerium) 2744

[4]Vgl.auch Hilde Levi, Georges de Hevesy, Copenhagen (Rhodos) 1985

[5]Vgl. Niels Blaedel, Harmony and Unity. The Life of Niels Bohr, Madison (Science Techn. Inc.) 1988 (Harmoni og Enhed, Kopenhagen (Rhodos) 1985). Vater Bohr gab vor den Trauergästen seinem Glauben an das Gute im Leben Ausdruck und "he rejected the idea of death as intrinsically tragic..."

[6]Niels Blaedel, a.a.O., S.205 zeigt ein Foto: 'Hilde Levi mit Dänemarks erstem Geigerzähler 1935'

[7]Abraham Pais, Niels Bohrs Time, a.a.O., S.337; Vgl. auch die Publikation von Bohrs Vorträgen in USA, Science 86, 1937, S. 161

[8]Armin Hermann, Werner Heisenberg, a.a.O., S.109

[9]A.P French und P.J. Kennedy, Niels Bohr, A Centenary Volume, Harvard 1985 S.23; auch Michelangelo De Maria, Miro Grilli, Fabio Sebastiani Hg., The restructuring of physical sciences in Europe and the United States 1945-1960, Rom 1989

[10]Armin Hermann, Werner Heisenberg, a.a.O., S.137

[11]David Cassidy, The Life and Science of Werner Heisenberg, N.Y. (Freeman) 1992

[12]Bruno Rossi, Moments in the Life of a Scientist, Cambridge, Univ. Press, 1990

[13]Sie überraschten den Autor, der eine 1967 in Edinburgh und in Genf, der andere 1985 in Oxford, durch die Wärme, mit der sie sich von Kopfermann sprachen

[14]Vgl. Rudolf Peierls, "Otto Robert Frisch 1904-1979", Proc. Roy. Soc., Biographical Memoirs 27, 1981, S.283

[15]Vgl. R.E. Peierls, "Recollections of early solid state physics", Proc. Roy. Soc. A 371, 1980, p.28-38

[16]Zu Matvej Bronsteins kurzem Leben (1905-1938) vgl. Gennady Gorelik, `Meine antisowjetische Tätigkeit' Russische Physiker unter Stalin, Braunschweig, Vieweg, 1995

[17]Victor Weisskopf, Mein Leben, (The Joy of Insight), München, Scherz 1991 (N.Y.,Basic Books) S.64

[18]Edoardo Amaldi, The adventures of Friedrich Georg Houtermans, physicist (1903-1966), Manuskript zur Herausgabe vorgesehen von Ugo Amaldi, S.30

[19]Zitiert bei Stanley A. Blumberg, Louis G. Panos, Edward Teller, Giant of the Golden Age of Physics, New York, Scribners, 1990,s.33

[20]Rudolf Peierls, Bird of Passage 1985, S.39

[21]Otto Robert Frisch, The little I remember, Cambridge, Univ. Press, 1979, S.90

[22]Vgl. Lev Landau, Georg Placzek, "Struktur der unverschobenen Streulinie", Phys. Z. der SU 5, 1934, 172-173

[23]Rudolf Peierls, Bird of Passage, a.a.O., S.323

[24]Dieter Hoffmann, a.a.O., S.51

[25]Ebenda, S.53/54

[26]Niels Blaedel, a.a.O, S.119

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

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