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Durchbruchsphase

Nach den Parteitagsinszenierungen "des Sieges", "Triumph des Willens" und "der Freiheit" in den vorangegangenen Jahren brachte das Jahr 1936 nach den olympischen Spielen den 'Parteitag der Ehre'. Die Aufrüstung wurde als Hauptinhalt eines 'Großen Plans' offen verkündet und wirtschaftlich forciert. Hegemonieansprüche und der Ruf nach 'Lebensraum' signalisierten die expansionistische Phase des Regimes, seine eigentliche Herrschaftsphase, das va banque Spiel der Führer, die Raubwirtschaft. Die Partner im Machtkartell stützten sich auf einen strukturierten Interessenausgleich, auf ein 'System', das angelegt war, durch wirtschaftliche und territoriale Expansion die Staatsfinanzen, den Staats- und Parteiapparat und nicht zuletzt die sozialpsychologische Schiefllage der Gesellschaft, der 'Volksgemeinschaft', zu stabilisieren. Bisher hatte die Idee einer 'Wiederaufnahme des Krieges' vor den militärischen Realitäten kapitulieren müssen. Jetzt zeichnete sich ab, wie das Regime sich militärisch in die Lage zu bringen suchte, tatsächlich Krieg zu führen. Die Durchbruchsphase der Diktatur war die der Kriegsdrohungen und der 'Blitzkriege', die Expansions- und Eroberungsphase, und sie war innenpolitisch die Phase der auf verschiedenen Ebenen wirkenden repressiven 'Integrationskonzepte' nach dem Muster der 'Arisierung'.

"By the End of 1936, the National Socialist regime had not only consolidated its hold on Germany, but had laid the foundations for the expansion toward which it was working. The initiation of rearmement, the launching of the four-year-plan, the remilitarization of the Rhineland, the creation of the axis, the signing of the Anti-Comintern Pact; all these and other steps were in the past... Germany's determination for war had become the central theme of world diplomacy."[1] 1936 bedeutete außenpolitisch eine Cäsur. Mussolini tendierte infolge seines äthiopischen Abenteuers[2] zu einer Verständigung über die deutsche Haltung zum italienischen Konflikt mit Öesterreich . Hans Frank verhandelte im April in Rom. Im Sommer wurde Ribbentrop entgegen Neuraths Wünschen Botschafter in London und die Verhandlungen mit England von Mai bis Oktober führten zu einer Abkehr von den bis dahin genährten Verständigungshoffnungen. Aber vor allem beeinflußte der spanische Bürgerkrieg die Entwicklung: "Overshadowing all other events in the summer of 1936 and dominating world attention for long thereafter were the outbreak of civil war in Spain and the intervention of various european powers in that conflict".[3]

Zum erstenmal erörterte der Diktator am 5. November 1937 vor Neurath, Blomberg, Göring, Fritsch und Erich Raeder (1876-1960, Oberbefehlshaber der Marine), konkret seine Agressionspläne und sein expansionistisches 'Lebensraum-'Konzept ('politisches Testament', überliefert durch den Adjutanten der Wehrmacht, Friedrich Hoßbach[4])

1935 war die Wehrpflicht wieder eingeführt und im Vertrag mit England ein Ausbau der Flotte abgesichert worden (Hitler: "Der glücklichste Tag meines Lebens"). Die Reichswehr wurde bis 1939 von vertraglich festgelegten 100 000 Soldaten auf 1,4 Millionen erweitert. War die Aktion 'Heim ins Reich' im Saarland im Januar 1935 noch ohne Militär abgelaufen, so war die Besetzung des Rheinlandes im März 1936 nicht zuletzt eine Wiederaufnahme militaristischer Demonstrationen. Im Frühjahr 1938 gingen der 'Anschluß' Oesterreichs und die begleitenden Pogrome in Wien und anderswo erstaunlich glatt über die internationale Bühne und im September des gleichen Jahres verständigten sich die westlichen Nachbarn mit den Deutschen im berüchtigten 'Münchener Abkommen': das der Tschechoslowakei die Abtretung der 'Sudeten' an das Reich diktierte. Die Deutschen machten aus ihrer weitergehenden Forderung nach 'Lebensraum im Osten' keinen Hehl, ihr Einlenken auf die Appeasement-Politik war immer nur von kurzer Dauer. Im Westen wurde - mit 400 000 Arbeitskräften unter der Regie von Autobahnbauer Fritz Todt - der 'Westwall' errichtet. Als im nächsten aggressiven Akt im Frühjahr 1939 'Böhmen und Mähren' anektiert wurde, ging auch der letzte Rest der Hoffnung auf eine 'Normalisierung' Deutschlands durch Anerkennung von 'Revisionsforderungen' und Vertragspolitik verloren. Im Nachhinein reichlich spät, zumal die UdSSR die Appeasementpolitik vorallem Englands schon länger im Licht der deutschen 'Bollwerk gegen den Bolschewismus' Propaganda sahen und spätestens seit München den Westmächten nicht mehr trauten. So kam es im August zum Stillhalteabkommen der beiden ideologischen Erzfeinde und zu einer geheimen Absprache über sowjetische Gebietserweiterungen im Fall eines deutschen Sieges über Polen. Als Göring und seine Planer im Interesse relativer Autarkie und weiterer Aufrüstung mit dem Aubau der Hüttenwerke 'Hermann Göring' in Salzgitter die Ausbeutung minderwertiger deutscher Erze fördern wollten und sich seitens der Industriellen kein hinreichender Widerstand formieren ließ, dankte Hjalmar Schacht im November 1937 ab. Sein Nachfolger wurde, nachdem Göring vorübergehend die Geschäfte selbst geführt hatte, im Februar 1938 jener ehemalige Journalist Walther Funk, der vor 1933 die Verbindung von Industriellen zur NSDAP hergestellt hatte, dann Staatssekretär im Propagandaministerium geworden war und als ein Mann Görings und der Wirtschaft gelten konnte. Die ersten 'Mefo-Wechsel' der Kreditaufnahme, die Schacht 1933 lanciert hatte, drohten ab 1938 den Staatshaushalt zu belasten. Die 'Rechnung' für den 'Aufbau' wurde fällig; umso mehr standen die Zeichen auf Territorialgewinn und Krieg. Im Frühjahr 1939 übernahm Funk auch das Amt des Bankdirektors; Schacht blieb Minister ohne Geschäftsbereich. In der Reichswehrführung kam es in der Vorbereitung der Einmarsch- und Annexionspläne für Oesterreich und die Tschechoslowakei zu mehrfachen Krisen, in erster Linie zwischen Blomberg und Werner Fritsch (1880-1939), dem Oberbefehlshaber des Heeres und Ludwig Beck (1880-1944), dem Generalstabschef. Blombergs Heirat mit einer jungen Frau, die angeblich oder tatsächlich Prostitutierte gewesen war, diente zum Vorwand, ihn abzusetzen und die Führung zu revidieren. Es hieß, diese Verbindung mache ihn für die Reichswehr untragbar[5]. Der Staatschef übernahm auch noch dieses Ministeramt, Fritsch wurde durch Walther Brauchitsch (1881-1948) ersetzt und auch Beck mußte seinen Abschied nehmen. Neuer Außenminister wurde im Februar 1938 Joachim Ribbentrop (1893-1946), der gegen den Willen Neuraths im Sommer 1936 Botschafter in London geworden war und des Diktators frühere Hoffnungen auf ein Bündnis mit England in Frage gestellt und zerstört hatte. "zum neuen Staatssekretär ernannte Ribbentrop nicht einen zuverlässigen Parteigenossen, was man von ihm eigentlich hätte erwarten können, sondern den Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Ernst von Weizsäcker"[6] Weizsäcker war bis 1918 Marineoffizier gewesen. Im April 1938 erhielt er einen SS-Rang. Ribbentrop war schon länger SS-Gruppenführer (General) und einer der wenigen Duzfreunde Himmlers.

Im Verein mit intensiver Rüstungsproduktion und Militarisierung praktizierte das Regime ab 1936 einen Zweckrationalismus, indem in einem pragmatischen 'Konsolidierungs-' und Konzentrations-Prozeß abgebaut und abstoßen wurde, was man diversen Gruppen und Tendenzen der Bewegung in 'idealistischem' Aufbruch oder anfänglichen Verteilungskämpfen an Freiräumen, Konzessionen und Machtpositionen zugestanden hatte und jetzt entbehrlich oder gar hinderlich schien.

1937 war in vieler Hinsicht ein Jahr des Übergangs. In Sachen 'Kulturpolitik' gewann Goebbels gegenüber Rosenberg, das Propagandaministerium gegenüber der 'Dienststelle des Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP': Robert Ley an der Spitze der DAF kündigte Rosenberg das bisherige, für sein Amt vor allem finanziell vorteilhafte, Bündnis. Die Eröffnung des 'Haus der Kunst' und die Ausstellung 'Entartete Kunst' standen am Ende einer Ära der Auseinandersetzung um einen besonderen, völkisch-elitären[7] NS-Stil und -Geschmack. Goebbels Strategie galt den Massenmedien, vor allem dem Film, und der 'Kulturindustrie' für KdF im Rahmen der DAF. Der Akzent lag auf 'Unterhaltung', nicht auf der Produktion spezifisch nationalsozialistischer Formen und Inhalte, sondern auf der Indienstnahme und Kontrolle der traditionellen, leichter verfügbaren. Eine Strategie, die 'völkisch'-utopische Experimente zur Nebensächlichkeit verurteilte. Übrigens auch in der Wissenschaft. 1937 hatte die 'Naturheilkunde' als Ideologie ausgedient. Rückkehr zu einer wissenschaftlichen 'Schulmedizin' stand an, und in staatlichen Maßnahmen auf diesem Sektor eine mehr oder minder offen kriminelle Gangart. Die 'Rassenhygiene', die bekanntlich keine Erfindung der Nationalsozialisten war[8], und spätestens mit den 'Nürnberger Gesetzen' von 1935 zum Staatsterror beitrug, diente 1937 zur Scheinlegitimation der Sterilisierung (durch den Kölner Arzt und Professor Nieden) von 500 Kindern aus Ehen mit afrikanischen Soldaten der französischen Rheinlandbesatzung. Dem eugenischen Sterilisationsprogramm, das 1939 anlief, fielen 400 000 Menschen zum Opfer. Sterilisiert wurde u.a. mit Röntgenstrahlen in hohen Dosen. Medizinisch-physikalische Apparatetechnik konnte seither nicht mehr von vornherein als 'neutral' gelten.

Es charakterisiert die Durchbruchsphase, daß die Spitze eines Parteiapparates, des Sicherheitsdienstes (SD) der SS, sich im Machtkartell immer mehr durchsetzte.

Als die SA und die SS im April 1932 verboten wurden, leitete Reinhard Heydrich (1904-1942), der 1931 seine Karriere in der Marine hatte beenden müssen[9] und zu Hitlers Truppe stieß, in der SS einen "Nachrichtendienst" mit 40 Mitarbeitern. Nach dem 30. Januar 1933 und aufgrund der Notverordnungen gegen die 'kommunistische Gefahr' wurden in Preußen, unter dem kommissarischen Innenminister Hermann Göring, der SA Polizeifunktionen übertragen (22. Februar, im Anschluß an den 'Schießbefehl' für die Polizei vom 17.Februar). Gleichzeitig ging aus der Abteilung Ia des Berliner Polizeipräsidiums das 'Geheime Staatspolizeiamt' (Gestapa) hervor. Während die Hilfspolizeien bald aufgelöst wurden (im August in Preußen und im Dezember auch in Bayern), wurde die Gestapo, die sich aus dem Reihen der SS rekrutierte, ausgebaut. Es gab unterschiedliche Auffassungen: Erich Röhm stellte die Hilfspolizisten vor die Alternative SA oder Polizei, während Heinrich Himmler, der seit dem 1. April 1933 die politische Polizei Bayerns leitete, möglichst alle Gestapo-Leute in der SS sehen wollte. Mit dem zweiten Gestapogesetz vom November 1933 wurde die Geheimpolizei auch in Preußen, was sie in Bayern war. Sie entzog sich jeglicher Kontrolle der Landesregierung und 1936 gab Göring (drittes Gestapo-Gesetz) die Aufsicht über diese Behörde an Himmler ab, der, nur noch formal dem Innenmnister unterstellt, zentraler Polizeichef wurde. Heydrich hatte im neuen Regime sein Büro zum "Sicherheitsdienst" (SD) der SS ausbauen können. Zu seinen Gunsten hatte die Parteiführung (Rudolf Heß) kurz vor der Mordaktion 1934 Anordnung gegeben, ähnliche Dienste anderer Parteigruppierungen aufzulösen oder, im Fall des Inlandsnachrichtendienst des Außenpolitischen Amtes (Alfred Rosenberg), zu integrieren. Ende 1934 standen dem SD in typischer "Mischfinanzierung" von Staat und Reichsleitung der NSDAP monatlich etwa 800 000 Reichsmark zur Verfügung. 1936 wurde Heydrich unter dem Polizeichef Himmler Chef des Gestapa. Beide vereinten so höchste Partei- mit höchsten Staatsfunktionen in einer Person. Dem Innenminister wurde vom obersten Verwaltungsgericht jede Eingriffsmöglichkeit in die Geheimpolizei abgesprochen. Der SD wurde schließlich im September 1939 mit der Gestapo und der Kriminalpolizei im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vereint. Oberster Chef des SD blieb zwangsläufig Heinrich Himmler, der "Reichsführer SS", seit 1936 auch oberster Gestapochef. 'Ordnungspolizeiliche' Funktionen waren beim Innenminister Werner Frick geblieben, die Himmler schließlich auch noch übernahm, als er im August 1943 Frick ablöste. Da waren hunderttausende und bald Millionen von Menschen den Einsatzkommandos im Osten und den T4- ('Euthanasie') Aktionen zum Opfer gefallen und der Genozid war in vollem Gang. Heydrich wurde 1942 als Statthalter in Prag von Widerstandskämpfern getötet. Nachfolger wurde Ernst Kaltenbrunner. Heydrich hatte 1935 den Berliner Politologen Reinhard Höhn in den SD geholt, der weitere Experten in leitende Stellungen berief. Das RSHA, schließlich, teilte sich in 6 Dienststellen, 'Ämter': Die Sicherheit in Recht und Verwaltung waren Sache des Amtes I unter Werner Best; "Gegnerforschung" die des Amtes II unter Franz Six; Amt III widmete sich unter Otto Ohlendorf den "deutschen Lebensgebieten", in Amt IV hatte Wilhelm Müller die Leitung der Gestapo, in Amt V Arthur Nebe die der Kriminalpolizei; in Amt VI stand Werner Schellenberg dem SD Ausland vor, der Parallelorganisation zur militärischen Abwehr, die seit 1935 in den Händen von Wilhelm Canaris lag.

Die Literatur hat im Anschluß an Friedrich Zipfel[10] die Jugend und die berufliche, fast immer akademische Qualifikation der SD-Führung betont. Man hat journalistisch vom "Sammelbecken der intelligentesten Männer, die der Nationalsozialismus jemals zu engagieren verstand" gesprochen[11].

Werner Best (geb. 1903), der im November 42 Statthalter in Dänemark werden sollte, nachdem er vorher bei der Militärverwaltung in Frankreich eine führende Rolle gespielt hatte, war hessischer Amtsrichter gewesen und wurde von Heydrich 1935 ins Gestapa geholt. Er handelte damals ein Zehn-Punkte-Programm für die Geheimpolizei zur Abgrenzung mit der militärischen Abwehr unter ihrem neuen Leiter Canaris aus und hat die 'Staatsschutzfunktion' seiner Behörde theoretisch-juristisch fixiert. Der Philologe Wilhelm Spengler hatte 1931 summa cum laude promoviert, 1932 das Staatsexamen für das höhere Lehramt mit der Note sehr gut abgelegt, trat, ohne Parteimitglied zu sein, im November 1933 in den SD ein und baute zunächst in Leipzig eine "Schrifttumsstelle" für die "Gegnerforschung" auf. Spengler siedelte im Zug des Ausbaus nach Berlin um. Reinhard Höhn war Staatsrechtsprofessor in Berlin und erst 31 Jahre alt, als er 1935 den Ausbau des SD übernahm. Der Vater war Amtsanwalt, der Sohn hatte 1926 in Jena sein Referendarexamen abgelegt, war ein Führer des 'Jungdeutschen Orden', von dem er sich trennte, als der 'Großmeister' Arthur Maraun zum Mitbegründer der 'Staatspartei' wurde. 1932 trat er in die SS ein. Der Jurist und Volkswirt Otto Ohlendorf (1907-1951), Bauernsohn aus der Hildesheimer Gegend, war mit 18 in die SA und mit 19 in die SS eingetreten, hatte in Göttingen Jura studiert, sich als Redner und auch als Kreisleiter in Nordheim (1933/34) in der Parteiarbeit bewährt, hatte nach dem Referendarexamen 1933 Studien in Italien (in Brescia, Pavia, Mailand und Rom) gemacht und kannte daher wie nur wenige Nationalsozialisten Wirtschaft und Politik des italienischen Faschismus aus eigener Anschauung. Ab Oktober 1933 hatte er mit Jens Peter Jessen (1895-1944) im Kieler Weltwirtschaftsinstitut und zuletzt in Jessens Institut an der Berliner Handelshochschule gearbeitet, als er 1936 zu Höhns Truppe stieß. Ohlendorf wie Jessen waren den Parteigenossen durch "Eigenwilligkeit" aufgefallen und hatten vorübergehende Zurücksetzungen erfahren[12]. Franz Six (hatte nach Studien in Staatswissenschaften, Geschichte, Volkswirtschaft und Zeitungswissenschaft magna cum laude promoviert und war Professor für "Auslandswissenschaften" in Berlin geworden. Ohlendorf beschrieb ihn in Nürnberg als einen ausgesprochenen Karrieristen. Er hatte maßgeblichen Anteil an der SD-Einsatzplanung für den "Anschluß". Man bereitete Namenslisten von 'Gegnern' vor, Beschlagnahmen und zum ersten Mal auch Terror-'Einsatzgruppen". Der zum 'Spezialisten für Zionismus' werdende Adolf Eichmann bereitete im Amt Six die Tätigkeit der Auswanderungsstelle in Wien vor, deren Leitung ihm dann oblag. Der Jurist und Staatswissenschaftler Walter Schellenberg, über den ominöse Kontaktversuche mit den westlichen Alliierten in der Endphase des Regimes liefen, kam 24 jährig zum SD[13]. Als einziger leitender Mitarbeiter aus der älteren Generation kam 1936 Siegfried Taubert (geb. 1880) für ein paar Jahre als Stabschef in 'Heydrichs Kindergarten'. Der klavierspielende Pfarrerssohn, Major a.D. und Stahlhelm-Führer war Gutsbesitzer, Firmenvertreter der Klavierfabrik Schwechten und Versicherungsvertreter gewesen, war 1932 in die NSDAP und SS eingetreten und seit 1935 'Oberführer' (übrigens heiratete seine Tocher den späteren Reichsarzt der SS, Grawitz). Taubert, so wird vermutet, bot manchem Mitarbeiter den militärischen Umgangston, den die intellektuellen Chefs vermissen ließen. Er war später Leiter einer SS-Schule.

Prominent im SD (wie Spengler seit November 1933) waren auch der Oldenburger Jurist Hermann Behrends, der den Komplott lancierte, mit dem Stalin veranlaßte wurde, seine militärischen Führer der Verschwörung zu bezichtigen, und der "Bevollmächtigte für den Generalplan Ost" Konrad Meyer, Landwirtschaftler aus der Göttinger Schule. Zum SD kam 1935 auch der im Jahr zuvor aus Bethel nach Kiel berufene SA-Arzt und Oberführer Hanns Löhr (1891-1941), der als Kieler Rektor Hans Kopfermann zum Dekan machen sollte (s.u.).

Was für den SD bemerkt wurde, galt auch für die etwa 60 regionalen Gestapochefs, meist Juristen: mehr als drei Viertel waren nach 1900 geboren und fast die Hälfte sogar nach 1905. Ausschlaggebend für ihre Rekrutierung war nicht zuletzt, daß sie als Regierungs- oder Kriminalräte mit Jahresgehältern von 4800 - 8400 RM in unsicheren Zeiten ein sicheres Einkommen hatten[14].

Reinhard Höhn, und besonders Otto Ohlendorf bauten den SD-Inland zu einem umfassenden Nachrichtendienst aus, dessen Ergebnisse in einem geheimen Periodikum, 'Meldungen aus dem Reich', niedergelegt wurden[15]. Hochschule und Forschungsinstitute waren eines der "Lebensgebiete", die das Amt III - und vor Gründung des RSHA das Amt II des Gestapa - beschäftigten, das hat Otto Ohlendorf noch in Nürnberg ausdrücklich hervorgehoben:

"Da wir gleichzeitig die Kulturprobleme aufgriffen und uns gegen die Abberufung der alten Hochschullehrer durch die Partei wandten und darauf aufmerksam machten, daß die opportunen jungen Kulturritter sicherlich nicht dazu geeignet seien, das Wissen der alten Lehrer zu ersetzen, wies mich nunmehr Himmler zum ersten Mal scharf zurück"[16]

Die 'Soziologie' im Zentrum der Macht, die zentrale innenpolitische 'Spionage', zum Zweck einerseits der Planung, andererseits - im Dienst Himmlers - der Repression, stieß bei anderen Planungsbehörden, im Vierjahresplan, in Darrés 'Reichsnährstand', auf wenig Gegenliebe, was ihrer Macht jedoch keineswegs Abbruch tat. Man hat geschrieben, daß vor Reinhard Höhn selbst der Erziehungsminister Bernhard Rust Angst haben mußte[17]. In Ohlendorfs späterer Sicht liefen die Zentralisierungs- und Monopolisierungsinteressen, die sich bei den Gegnern mehr und mehr durchgesetzt hatten, seinen wirtschaftspolitischen und auch den NS-ideologischen 'Mittelstandskonzepten' zuwider und er sah sich zu negativen Feststellungen veranlaßt, die ihm bei Himmler das Stigma 'Pessimist' eintrugen. Konfliktträchtig war ebenso die Wissenschaftspolitik, die Ohlendorfs 'Meldungen' nicht aussparten. Ohlendorf im Mai 1945 über Arbeitsweise und Mitarbeiter seines Dienstes:

"Die neue Arbeitsrichtung hatte zur Folge, daß die politischen Tatbestände nicht doktrinär parteimäßig gesehen, sondern in die lebendigen Notwendigkeiten des Volkes eingeordnet wurden. Das bedingte sowohl innerhalb der allgemeinen Sicherheitsorganisation wie innerhalb der Partei eine ausgesprochene Sonderstellung dieser neuen Einrichtung. Ihr systematischer, alle Lebensgebiete erfassender Ausbau war etwa im Jahre 1938 erreicht...
Die Arbeit selbst wurde überwiegend von ehrenamtlichen Kräften ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit getragen. Die zentrale Auswertung im Amt III des Reichssicherheitshauptamtes geschah durch einen verhältnismäßig kleinen Kreis qualifizierter Sachbearbeiter der einzelnen Gebiete, die in der Regel in Fühlung mit den Fachressorts ausgewählt und zu einem erheblichen Teil durch zeitlich begrenzte Abkommandierung aus den normalen Personalbeständen dieser Ressorts übernommen wurden ( z.B. aus dem Reichsinnenministerium, deutschen Hochschulen, der Wirtschaft usw.)"[18]

Heinz Boberach, Archivar im Koblenzer Bundesarchiv, hat 1965 zum Inhalt der geheimen Mitteilungen geurteilt:

"Unter den Meldungen aus der Wissenschaft, für die nicht zuletzt die in den SD-Arbeitsgemeinschaften vereinigten Hochschullehrer das Material lieferten, waren diejenigen zahlreich, die auf Mißstände infolge von Verwaltungsmaßnahmen hinwiesen. Die Auswirkungen der Schließung der Hochschulen bei Kriegsbeginn und die möglichen Folgen einer Einschränkung der Forschung aus Gründen des "totalen Krieges" wurden ausdrücklich geschildert und auf das Zurückbleiben der deutschen naturwissenschaftlichen Forschung gegenüber den USA und Rußland aufmerksam gemacht. Den Mangel an Nachwuchs für Hochschullehrer und die Abwanderung von Professoren in die Wirtschaft führte man auf die Mißachtung der geistigen Leistung in der Propaganda zurück. Ein Absinken der Leistungen wurde mehrfach auch im Schulwesen festgestellt. Die Anforderungen der Hitlerjugend und staatlichen Stellen an Schüler und Lehrer sollten dafür verantwortlich sein"[19]. Der Autor konnte auch feststellen, daß die Meldungen aus dem Reich regelmäßig Punkt für Punkt von Hermann Göring im Ministerrat angesprochen wurden. Im Mai 1943 versuchte der Propagandaminister Joseph Goebbels dann Himmler davon zu überzeugen, daß der "Pessimismus", der aus den Berichten spreche, schädlich sei. Ohlendorf mußte zurückstecken. Ab Juni 1943 erschienen die Meldungen als "SD-Berichte zu Inlandsfragen"´, 1944 wurden sie eingestellt. Am 13.6.1944 verboten DAF- Führer Robert Ley und Parteileiter Martin Bormann allen Mitgliedern ihrer Organisationen die Mitarbeit im SD. Unter den gegebenen Umständen bedeutete das nur, daß sich im Sicherheitsdienst eine - wie auch immer utopische - Nachkriegsperspektive durchgesetzt hatte.

Shlomo Aronson urteilte:

"Ohlendorf hat den Machtapparat des Dritten Reiches, wie mancher andere außer ihm, nicht verstanden: die Verteilung der Macht auf mehrere Zentren, die an sich enge Zuständigkeit, die dem SD auf manchen Gebieten anvertraut wurde und das Primat der Ideologie. Mit dieser hat er sich aber in anderen Bereichen völlig identifiziert. Das Juden-Gebiet war z.B. für alle Organisationen und auch rein organisatorisch und administrativ gesehen, leicht lösbar, weil dort sowohl die innere Logik der Organisation als auch die herrschende Ideologie ohne große Schwierigkeiten übereinstimmten".[20]

Ohlendorf wurde im Frühjahr 1938, als das Wirtschaftsministerium neu besetzt war, dorthin beordert, ohne die Verbindung zur Abteilung 'Deutsche Lebensgebiete' im SD ganz zu verlieren. Mit Kriegsbeginn und nachdem Gestapo und SD unter Himmlers Regie im 'Reichssicherheitshauptamt' (RSHA) auch offiziell vereinigt waren, wurde Ohlendorf wieder Leiter des SD-Inland.

Im Herbst 1941 wurde er als 'Brigadeführer der SS' Oberster Chef der Einsatzgruppen Bessarabien, Südukraine, Krim, die - nach seiner eigenen Schätzung vor dem Nürnberg Gericht - 90 000 Menschen ermordeten. In den Nürnberger Protokollen gab eine Zeuge an, der 'Chef' habe die 'Moral' der Truppe mit einer ergreifenden Weihnachtsansprache gestärkt. Ein Massaker in Simferopol war unmittelbar vorausgegangen[21]. Von Ohlendorfs anschließender Rolle als Unterstaatssekretär in Wirtschaftsfragen wird noch die Rede sein.

Während der Formierungsphase hatte es eine 'schleichende Verfolgung'[22] gegeben, die sich mit der erneuten antisemitischen Boykottwelle im Sommer 1935, den 'Nürnberger Gesetzen', der 'Arisierungsdiskussion', verstärkt hatte und dann ab Ende 1937 mit einem Kurswechsel der Regierung in die allgemeine 'Arisierung' der Wirtschaft überging. Der Parteitag "der Arbeit" 1937 brachte vor dem Hintergrund des Spanienkrieges erneute antisemitische Hetze. Fortan wurde die Kampagne mit dem Medium jener unsäglichen offiziellen Wanderausstellung geschürt. Ab April 1938 war das Vermögen anzumelden, es begann die Vorbereitung der 'Zwangsarisierung'. Die Durchbruchsphase war gekennzeichnet von der völligen Enteignung der diskrimierten Bürger. In diesen 'Raubzug' fiel der Pogrom vom 9.11.1938; 25-30000 Menschen wurden in Konzentrationslager gebracht, viele kamen ums Leben[23]. Nach dieser 'Kriegserklärung', verließ das Land, wer sich dazu in der Lage sah. Der Terror wurde verschärft mit Ausgangsverboten, Zutrittsverboten, Entzug der Fahrerlaubnis (Anfang Dezember 1938), Zwangseinweisungen, Konzentration und Wohnungsbeschränkungen, ständigen Kontrollen, Hausdurchsuchungen, Willkür und Sadismen des SD, vielfältigem Mord. Nachdem Göring am 24. Januar 1939 Heydrich und die Sicherheitspolizei beauftragt hatte, eine einheitliche jüdische Organisation zur Auswanderung zu schaffen, wurde die seit September 1933 bestehende `Reichsvertretung deutscher Juden' mit ihrem gewählten Vorsteher Leo Baeck zum 4. Juli 1939 umgewandelt in einen Zwangsverein für alle, die das Reichbürgergesetz diskriminierte. Diese Menschen wurden der Kontrolle der SS unterstellt, ihre Angelegenheiten faktisch aus der staatlichen Bürokratie herausgenommen. 1938/39 gingen aus dem deutschen Machtbereich noch einmal 267 000 Menschen ins Exil; aber am 1. Oktober 1941, als die Auswanderung gestoppt wurde, meldete die `Reichsvereinigung' noch immer 164 000 Mitglieder dieses Zwangsvereins. Im September 1941 wurde die letzte Organisation neben der Reichsvereinigung, der Berliner `Jüdische Kulturbund', aufgelöst. Mit der Auflage, den Gelben Stern zu tragen, wurden die Nicht-Volksgenossen öffentlich und persönlich angeprangert.

* * *

Mit den Maßnahmen zur Vereinfachung der Hochschulverwaltung vom 28.10.1933 und den Richtlinien zur Vereinheitlichung vom 1.4. 1935 hatte das Ministerium quasi 'Befehlsgewalt' über die Hochschulen. Es ernannte die Rektoren, die im Rahmen der 'Führerverfassung' ihr Amt ausübten. Der Rektor berief Dekane als 'Fakultätsführer' und verteilte die Mittel. Seit dem 13.12.34 mußte die venia legendi im Anschluß an die universitäre Habilitation vom Ministerium erteilt werden. Trotz dieser 'Gleichschaltung' wurden die Hochschulen nicht ohne weiteres zu den - im Sinn der Partei - 'politischen' Erziehungs- und Ausbildungsinstitutionen[24]: die 'Polykratie'[25] der Machteliten, der Interessenkonflikt zwischen qualifizierter Ausbildung und ideologischer Dogmatik, zwischen Anpassung an divergierende militärische und Wirtschaftsnormen und Vereinheitlichung der Lebens- und Arbeitsformen, standen einfacher, 'fundamentalistischer' Gleichschaltung entgegen. Das heißt allerdings nicht, daß der 'Durchgriff' des Regimes - das gemeinsame Ziel aller seiner Strategen - dadurch behindert wurde (s.u.).

Auch in den Hochschulen setzten sich 'Pragmatiker' gegenüber 'Dogmatikern' durch. Helmut Heiber hat die Rolle des Kurators hervorgehoben. Der Ämter-erfahrene Göttinger Kurator Valentiner blieb ein Legalist (Heiber schrieb, er habe sich von Jens Peter Jessen 1933 für dessen hochschulpolitische Ziele einspannen lassen). In Kiel war Max Sitzler seit 1929 als Kurator tätig, ein konservativer Taktiker, der sich von den Rektoren nicht überfahren ließ. 'Pragmatisch' ubiquitär waren von Fall zu Fall auch die 'sicherheitspolitischen' Durchgriffe, der Terror. Es war symptomatisch für die Durchbruchsphase des Regimes, daß Alfred Rosenberg 1940, in Hochzeiten der Expansion, eine längst geplante alternative 'Hohe Schule' innerhalb der Universitäten zu gründen begann. Aber das Scheitern dieser Anstrengungen war nicht weniger ein Symptom für zynische Pragmatik einer Wissenschafts- und Bildungspolitik, in der sich heterogene Interessen trafen, die auf nichts anderes als auf mörderische Kriegsführung hinausliefen und die weitgehend durch und mit SS- und SD- Chargen und Zugehörigkeiten koordiniert und kontrolliert wurden. Die Referenten im Ministerium Rust hatten während der Durchbruchsphase alle Hände voll zu tun. Allein in den Jahren 1937 und 1938 wurden über 400 Berufungen ausgesprochen, an den Universitäten Heidelberg und Freiburg hatten von den 1939 lehrenden Ordinarien 61,5% bzw. 45,6% ihre Lehrstühle erst nach der 'Machtübernahme' erhalten[26] Otto Heckmann, dem die Göttinger Kreisleitung im September 1933 ein negatives Zeugnis ausgestellt hatte, das 1935 zurückgenommen worden war - er war inzwischen Mitglied im NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) und im NSFK (Nationalsozialistisches Fliegerkorps) geworden -, wurde 1937 dem Ministerium zur Berufung in Hamburg vorgeschlagen. Er trat in die NSDAP ein - was nach Jahren des 'Aufnahmestops' wieder möglich war - , aber die Münchener 'Führung' des NSDDB (aus dem NSLB 1935 herausgelöster 'Deutscher Dozentenbund') widersetzte sich, und Heckmann konnte erst im April 1941 die Leitung der Bergedorfer Sternwarte übernehmen. Er schrieb später, daß: "dauernd die Besetzung von Lehrstühlen durch die Vertreter der 'Deutschen Physik' drohte. Um solche Katastrophe für den wichtigen Hamburger Lehrstuhl zu vermeiden, bat man mich von sehr maßgeblicher Seite (z.B. Heisenberg) alles zu tun, um politische Einwände gegen meine Person zu vermeiden. Deshalb meldete ich mich zur Partei an und tat praktische Arbeit in der NSV..."[27] Diese Einschätzung läßt zumindest das Prekäre einer Interessenallianz gegen die Parteidogmatiker der 'Deutschen Physik' und die Tatsache, daß man die größere Katastrophe nicht hat vermeiden können, ganz außer Acht. Ernst Hückel, der in Stuttgart Blockwart der NSV geworden war, wurde 1937 auf ein Extraordinariat für theoretische Physik nach Marburg 'kommandiert': "Nach meiner Berufung nach Marburg ließ ich meine Funktionärstätigkeit einfach fallen, mußte aber, ehe ich nach Marburg kam, 1937 in die Partei eintreten. Ohne dies hätte ich meine Stellung in Marburg nicht bekommen und die in Stuttgart verloren"[28]

Es hing immer auch von spezifischen Umständen ab, von beteiligten Personen und Institutionen, wie Parteimitgliedschaft und Karriere oder berufliche Existenz schlechthin sich gegenseitig bedingten. 1937 traten, nachdem die NSDAP neuen Mitgliedschaften wieder offen stand, viele ein. Aus der Arbeitsumgebung Kopfermanns zum 1.5. 1937 Wolfgang Paul (1913-1993), der im August 37 das Examen zum Diplomingenieur in der Fachrichtung Physik machte. Im Berliner Institut Hans Geigers der Assistent Otto Haxel, im Göttinger Institut von Georg Joos der Assistent Karl Heinz Hellwege.

* * *
In den Jahren 1936 bis 1939 wurden insgesamt 15,3 Milliarden Reichsmark in kriegswichtige Industrie investiert und es entstand, Karl Heinz Ludwig zufolge 'ein relativ moderner Produktionsapparat'. 1940 und 1941 wurde die Investitionstätigkeit mit 10,7 Milliarden in Werkzeugmaschinen noch verstärkt. Bestimmte Wirtschaftszweige florierten. Allen voran die I.G. Farben, deren Anlagevermögen 1938 und 1941 stark expandierte, und die in den Jahren 1933-1938 eine Wertschöpfung von 20 Milliarden erzielte und 1939-1943 noch einmal 9,8 Milliarden.[29]

Im Frühjahr 1936 wurde ein 'Rohstoff- und Devisenstab' unter Führung des Ministerpräsidenten und Chefs der Luftwaffe, Hermann Göring, gebildet, zunächst geheim, mit dem Ziel, den Export und die Ersatzstoffproduktion gleichzeitig zu intensivieren. Görings Pläne stießen bei Finanzminister Schacht auf Widerstand, der vergeblich bei Blomberg und Georg Thomas, dem Chef des Wehrwirtschaftsamtes (der Ludwig Becks und anderer Vorbehalte gegen die aggressive Politik teilte) Unterstützung suchte: Göring wählte eine Vorwärtsstrategie, machte seine Absichten öffentlich zum Teil des Vierjahresplans (VJP) und damit entstand unter dem 'Bevollmächtigten' für den VJP eine Art 'Superministerium'.

"Göring war es gelungen, sich des wirtschaftspolitischen Sektors des Dritten Reiches zu bemächtigen".[30]

Göring, das bedeutete eben jene Wirtschafts- (und nebenbei auch Wissenschafts-)Kreise, die auf ihn setzten.

Ende 1936 stimmte der Generaloberst mit einer Rede im Sportpalast die 'Erfinder', die 'Männer der Wissenschaft' in die neue, auf der ganzen Linie militärische, Tonart ein.

Göring berief einen alten Bekannten[31], Carl Krauch (1887-1968), Manager der I.G. Farben, zum Leiter der Abteilung 'Forschung und Entwicklung'. Krauch war nach dem großen Unglück in Oppau 1921[32] und dem Wiederaufbau des Werkes, der unter seiner Leitung in Rekordzeit (wenn auch mit Rekordkosten) bewerkstelligt wurde, in die Firmenleitung geholt worden. Das 'Triumvirat' Krauch, Carl Bosch und Hermann Schmitz, der im wilhelminischen Kriegsministerium der Verbindungsmann zur Chemie gewesen war, und den Bosch nach der Revolution zum Finanzdirektor machte, lenkten seitdem die Geschicke des Unternehmens. Nur schweren Herzens, heißt es, stimmte Bosch dem neuem Engagement des jüngeren Sozius zu. Krauch hatte gleich konkrete Vorschläge zu machen, wie "eine besondere Zusammenfassung aller staatlicher Forschungs und Untersuchungsinstitute, sowie der entsprechenden Forschungsstellen privater Natur wie die KWG, um so einen steten Überblick über die führenden Wissenschaftler auf allen Gebieten zu erhalten und die vorhandenen Möglichkeiten für die Bearbeitung bestimmter Probleme in der normalen Zeit und im Mobilmachungs-Fall heranzuziehen und einzusetzen"[33]

Solche 'Zentralisierung' ließ sich allerdings nicht gleich ganz verwirklichen, aber im 'Notfall', das heißt im Kriegsfall, würde sich die Sache schon machen lassen.

Aus heutiger Sicht stehen Krauchs Aussagen und Tätigkeit unter dem Eindruck seiner Nürnberger Verurteilung 1948 (er kam 1951 frei, übernahm neue Aufsichtsratsfunktionen), in der das Gericht feststellte,

"daß Krauch an der Planung von Angriffskriegen nicht beteiligt war. Die Pläne sind von einem abgeschlossenen Kreis ausgearbeitet worden... Krauch stand tief unter der Gruppe der Mitglieder dieses Kreises"[34] Carl Bosch stand mit dem Chemiewerk, daß er leitete, im Zentrum kaiserlicher Rüstungspolitik, war maßgeblich an den Versailler Verhandlungen beteiligt; Carl Krauch war sein 'Kronprinz' und wurde sein Nachfolger in dem ganzen Industriekomplex, den die I.G. inzwischen umfaßte. Hatten die Nürnberger Richter die richtige Vorstellung vom 'Machtkartell' der Diktatur, wenn ihnen Krauch 'tief unter' der kriegsplanenden Gruppe zu stehen schien?

Als Carl Krauch sich mit einem 'Wehrwirtschaftlichen neuen Erzeugungsplan' im August 1938 gegen Görings Stabschef Löb durchsetzte, hielt, nach Alfred Kube

"eine Riege von Wirtschaftstechnokraten in Görings wirtschaftlichen Führungsstab Einzug, die den Vierjahresplan noch stärker gegen Parteieinflüsse abschottete"[35].

Es enstand das 'Amt für Wirtschaftsausbau', spöttisch auch 'Reichsamt für I.G.-Ausbau' genannt. Göring war ab 1938 'Reichsmarschall', Krauch der 'Generalbevollmächtigte für Sonderfragen der chemischen Erzeugung des Vierjahresplans' und 'Wehrwirtschaftsführer'[36].

Parallel zu Krauch bewegte sich ein Mitarbeiter stetig aufwärts: Heinrich Bütefisch (1894-1969) aus Hannover, Unterhändler Boschs bei Hitler vor dessen Regierungsantritt, trat 1934 als Stellvertreter in den Vorstand der I.G. und wurde Mitglied im 'Fördererkreis Reichsführer SS', klomm in militärischen Graden an den Nachrichtenschulen Jüterbog und Halle, wurde 1938 Vollmitglied des Vorstands der I.G., Wehrwirtschaftsführer, Hauptmann der Reserve, 1939, dem Hauptmannsgrad entsprechend, SS-Hauptsturmführer, 1941 Sturmbannführer (Major) und erhielt wie Krauch noch 1945 das Ritterkreuz des KVO. Auch Bütefisch wurde 1948 verurteilt, 1951 entlassen, saß ab 1952 im Aufsichtsrat der Ruhrchemie und erhielt 1968 vom Präsidenten Heinrich Lübke das Große Verdienstkreuz, das er allerdings nach öffentlichen Protesten vierzehn Tage später zurückgeben mußte.
* * *

Auch im Bereich der Ausbildung und der Universitäten setzte die Durchbruchsphase Akzente. Im August 1937 erchien ein Erlaß des REM:

"Die Durchführung des Vierjahresplanes, verbunden mit der allgemeinen Belebung in Industrie und Wirtschaft, hat zu einem Mangel an qualifizierten Physikern und Chemikern geführt... Ich weise daher die Studentenwerke an, die mittleren Semester auf diesen starken Nachwuchsbedarf in den Fächern Physik und Chemie hinzuweisen und gegebenenfalls eine Umstellung auf diese Fachgebiete zu empfehlen".

'Himmlers Mann im REM', Rudolf Mentzel, übernahm die Spitze der DFG.

Als Stark im Herbst 1936 ging, mußte auch der Vizepräsident der DFG, Eduard Wildhagen, seinen Posten aufgeben. Hatte Stark ein mehr oder weniger gespanntes Verhältnis zum Parteiideologen, so war Wildhagen eher Rosenbergs Mann in der DFG. Mit ihm verlor das Amt eine wichtige Legitimations- und Finanzquelle für Forschung, was vielleicht umso mehr traf, als 1937 die Finanzierung Rosenbergs durch Leys 'reiche' DAF - eine der für die 'Formierungsphase' und das NS-Regime typischen, unüblichen 'Querfinanzierungen' - endete.

Die Ablösung Starks durch Rudolf Mentzel an der Spitze der DFG fügte sich auch in die allgemeine 'Militarisierung' ein, insofern als Mentzel u.a. über den Kollegen Erich Schumann im REM, der zugleich Leiter der Forschungsabteilung im HWA war (und dann Ministerialdirektor im Kriegministerium wurde), enge Verbindungen zum Heereswaffenamt unterhielt, während Stark mit Schumann `auf Kriegsfuß' gestanden hatte. Theodor Vahlen, Mentzels und Schumanns Vorgesetzter im Ministerium, ging 1937 in den Ruhestand; an seine Stelle trat Otto Wacker, bis dahin Kultusminister in Baden und besonders bemüht, die Heidelberger Universität 'arisch' zu gestalten[37]. Mit Wacker kam auch der Heidelberger Rektor und Zivilrechtler Wilhelm Groh ins Ministerium. Gleichzeitig wurde Heinrich Harmjanz, Frankfurter Ordinarius, SS-Obersturmbannführer (Oberstleutnant) und Abteilungsleiter im 'Ahnenerbe', Leiter des Amtes W6 und Referent für Geisteswissenschaften. Referent für Naturwissenschaften wurde Wilhelm Dames, ehemals Mentzels 'Informant' in den Göttinger Physikinstituten. Dames war 1937 der Autor einer hausinternen Vorlage zur Personalstruktur in der Physik. Dort hieß es:

"An allen Hochschulen ist das Fach der Physik als Grundlage für die exakten Naturwissenschaften zu pflegen. Für das Fach der Experimentalphysik ist ein ordentlicher Lehrstuhl, für das Fach der theoretischen Physik an kleinen Universitäten ein außerordentlicher Lehrstuhl und an großen Universitäten ein ordentlicher Lehrstuhl erforderlich; darüberhinaus ist an Hochschulen, an denen die Physik besonders gepflegt wird, ein 2. Lehrstuhl für Experimentalphysik und ein weiterer Lehrstuhl für speziale Gebiete der Physik erforderlich. Die Vorlesungen der Experimentalphysik sind sehr viel stärker besucht, weil sie von allen Naturwissenschaftlern und Medizinern, bzw. Ingenieuren gehört werden müssen. Die Vorlesungen der theoretischen Physik sind wesentlich geringer besucht, weil sie nur von Studenten gehört werden, die eingehend Physik oder physikalische Chemie betreiben. Auf die Lehrstühle für theoretische Physik kann meines Erachtens nicht verzichtet werden." Anschließend folgt eine Liste kurzer Bemerkungen zu einzelnen Hochschullehrern, u.a.:
"Berlin: Debye KWI; ... Kohlhörster vertritt besonderes Sachgebiet; nicht entbehrlich; ... Laue gleichzeitig 2. Direktor des KWI Physik; ... Schumann ohne Lehrstuhl, Ministerialdirektor HWA; ... Breslau: bedeutende Physikschule Clemens Schäfers; ... Frankfurt: Seddig hatte im Sommersemester nur 8 Hörer: das ist unverständlich; Lehrstuhl nicht entbehrlich; TH Berlin: der Lehrstuhl Prof. Becker ist anderweitig verwendet worden; ... TH Breslau: Fuchs hatte im SS 37 27 Hörer: das ist zufriedenstellend; ... TH Karlsruhe: Theorie nicht entbehrlich, obwohl nur 6 Hörer; ... Leipzig: Hund entbehrlich, weil Doppelbesetzung, doch erfolgreich: sollte anderswo berufen werden ...;"[38]

Welche Rolle spielten Himmlers Leute in der Wissenschaftsverwaltung? Michael Kater schrieb 1974, sich auf Helmut Heiber berufend:

"Über die Bindungen zwischen SS und Reichserziehungsministerium hat Helmut Heiber befunden, daß nicht, wie sonst üblich, Beamte des Ministeriums der SS angehörten, sondern Kameraden der SS im Ministerium arbeiteten. Trifft dies zu, so muß man daraus folgern, daß sich im Reichserziehungsministerium eine Art Ableger der Schutzstaffel befand und es sich dem Druck oder den Einflüsterungen der SS in entscheidenden Punkten beugen mußte.
Das Beispiel des 'Ahnenerbe' scheint dieser These Rückhalt zu geben. Laut Heiber war das REM praktisch schon 1936 eine Domäne Heinrich Himmlers. Rust selbst zählte nicht viel, der 'geistig anspruchslose Studienrat' ließ seine habilitierten Referenten schalten und walten; diese waren seit frühester Zeit in der SS korporiert. Mentzel selbst war bereits vor der Machtergreifung SS-Mann und seitdem von Himmler rasch befördert worden. Harmjanz war einer der ersten SS-Leute Königsbergs. Sämtliche SS-Mitglieder des Rustschen Ministeriums waren dem zuständigen Referenten im SD zur Berichterstattung verpflichtet. Das nun war Reinhard Höhn, der Mann, der die Referenten des Wissenschaftsministeriums nach Belieben zu sich zitierte und vor dem sich selbst Rust fürchtete. Seit Anfang 1938 traten Himmler, die SS und das 'Ahnenerbe' ganz offen mit den Referenten Rusts im Bund, auch ohne die Vortäuschung der Interessen Wiegands und seines Kreises gegen Rosenberg und Reinerth auf".[39]

In einem ersten Versuch, die gesamte Forschungsförderung zu koordinieren (und zu militarisieren), wurde 1937 ein Reichsforschungsrat (RFR) gegründet, dem auch die DFG angehörte. Den Vorsitz übernahm Karl Becker, Artilleriegeneral, Abteilungsleiter im HWA, der seinerzeit schon den Raketenbau Walter Dornbergers gefördert hatte, auch Professor für Wehrtechnik, Physik und Ballistik und ständiger Dekan der wehrtechnischen Fakultät der THB[40]. Stellvertreter wurde Otto Wacker, der Nachfolger Vahlens als Ministerialdirektor im REM. Die Abteilung Physik 'führte' Abraham Esau, Jena. Zur pompösen Eröffnungssitzung am 25. Mai erschien die Staatsspitze: Adolf Hitler, Hermann Göring, Wilhelm Keitel (1882-1946, Chef des Wehrmachtsamtes im Kriegsministerium), Bernhard Rust.[41] Der RFR erwies sich als wenig durchgreifend, die Mitgliedervereine, auch die DFG und die PTR, handelten weiterhin selbständig.

1937 nahm Max Planck seinen Abschied als Präsident der KWG. Noch einmal galt es eine Kandidatur von Johannes Stark zu verhindern. Besonders Blomberg, dessen Militärbehörden (Karl Becker, Erich Schumann und das HWA?) auf gute Zusammenarbeit mit der KWG Wert legten, sperrte sich gegen den PTR-Präsidenten. Bernhard Rust schrieb einen Brief an Hitler. Präsident wurde Carl Bosch, Vorstandsvorsitzender der I.G., Hauptvertreter einer 'Wirtschaftsfraktion' und ('natürlich') nicht Miglied der NSDAP. Das Ministerium Rust, dem die KWG unterstellt war, setzte auch in der KWG das 'Führerprinzip' durch, die Statuten wurden geändert, Friedrich Glum und sein Assistent Lukas Cranach mußten gehen und die Verwaltung lag nunmehr in Händen von Ernst Telschow (1889-1988).

Telschow hatte 1911 in Chemie promoviert, war zeitweise Assistent bei Otto Hahn gewesen und arbeitete seit 1931 in der Verwaltung der KWG. Er war Mitglied der NSDAP[42].

Max Planck war noch immer Sekretär der Akademie. Als auch dort per 'Führerprinzip' durchgegriffen werden sollte, kündigte er das Amt, das er 27 Jahre lang innegehabt hatte, im Dezember 1939 auf.

1936 feierte die Universität Heidelberg ihre 550 Jahre, ein weiteres internationales Fest im Jahr der Olympiade mit Prominenz und Pomp und einer Rede Bernhard Rusts, die den ideologischen Primat gegen die 'Freiheit der Wissenschaft' betonte. Helmut Seier hat zusammengefaßt:

"Im gleichen Jahr endete der Machtkampf um die beiden wichtigsten Forschungsorganisationen, KWG und DFG jeweils mit personalen Lösungen, die nicht als Sieg der Partei-Ideologen betrachtet werden konnten. Da glaubte mancher Gelehrte und mancher Student, das Schlimmste sei nun vorbei. Daß die Zweckrationalität der Kriegsvorbereitung dahinter stand, durchschauten wohl wenige"[43].

1937 bot das fünfzigjährige Bestehen der PTR Anlaß zu einem Festakt. Gefeiert wurde mit Ansprachen von 'Reichsforschungsratsvorsitzendem, General der Artillerie', Karl Becker, von Lord Rayleigh vom National Physical Laboratory in Teddington, vom Präsidenten der Reichswirtschaftskammer, Pietzsch, vom Präsidenten der Chemisch-Technischen Reichsanstalt, Rimarski, von 'Staatsrat Professor' Esau für die Universitätsinstitute und von Hermann Siemens für die Familie des Mitgründers. Nachzulesen im Jahresbericht Johannes Starks vom Februar 1938. Kein Wort von der Teilnahme des noch amtierenden KWI-Präsidenten Planck. 1939 ging Johannes Stark in den Ruhestand. Nachfolger wurde Abraham Esau (1885-1955), der seit 1925 Professor in Jena war, dort ein neues technisch-physikalisches Institut aufgebaut hatte, und auch als Stiftungskommissar der Carl-Zeiß-Stiftung fungierte[44].

* * *

Der erste "Jahreslagebericht", 1938, von Otto Ohlendorfs 'Meldungen aus dem Reich', das Resultat einer empirischen 'Soziologie', die ganz ungeniert den Führern dienen wollte, ist wegen dieser Absicht mit Vorsicht zu interpretieren und nicht ohne weiteres als 'bare Münze' zu nehmen. Es hieß in dieser 'Bestandsaufnahme' der Tendenzen und Stimmungen:

"die technischen Wissenschaften sind durch die größere Konzentration auf den Vierjahresplan und wehrtechnische Aufgaben im Berichtsjahr stark in den Vordergrund getreten. Diese Entwicklung hatte gleichzeitig eine Zurückdrängung der Geisteswissenschaften zur Folge und kann in Zukunft eine scharfe Trennung zwischen technischen Wissenschaften und Geisteswissenschaften heraufführen. Die nationalsozialistischen Kräfte in der Technik sehen in dieser Trennung eine große Gefahr. Der verantwortlichen Hochschulverwaltung wird in diesem Zusammenhang vorgeworfen, daß sie kein Verständnis für technische Probleme habe, so daß es den technischen Wissenschaften an einer für planvolle Arbeit notwendigen Zentralstelle fehle. Die Folge davon sei, daß andere Stellen, die an einer erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeit interessiert sind, wie Industrie, das Reichswirtschaftsministerium, die Wehrmacht schon von sich aus in die Fragen der wissenschaftlichen Ausbildung eingreifen. In diesem Sinn ist die Wahl des Generaldirektors der IG-Farben, Carl Bosch, zum Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zu verstehen, wodurch eine starke Abhängigkeit der Forschung von der Industrie zu erwarten ist, dies umso mehr, als die IG-Farbenindustrie bereits bestrebt ist, zur Ausbildung ihrer Ingenieure eigene Institute zu gründen."

Dieser Text scheint die Handschrift Ohlendorfs zu tragen, den man soeben im Zug der Regierungsumbildungen von 1938 ins neue Wirtschaftsministerium Funk berufen hatte, wo er dem Geschäftsbereich Handel des Staatssekretärs Franz Hayler zugeordnet war, dessen Stellvertreter er schließlich wurde. Nebenamtlich blieb Ohlendorf im SD. Er war ein entschiedener Gegner der dominierenden technokratischen und großindustriellen Fraktion wie sie Erhard Milch im Luftfahrtministerium, Carl Krauch im Vierjahresplan und später Hans Kehrl im Wirtschaftsministerium repräsentierten. Ihm galten eher mittelständische Interessen als Prüfstein dauerhafter Wirtschaftspolitik[45].

Im Jahresbericht der 'Meldungen' des SD hieß es an gleicher Stelle auch:

"Obwohl die Grundlagenauseinandersetzungen der gesamten Naturwissenschaften, insbesondere jedoch auf dem Gebiete der Physik von Fachleuten mehr und mehr als geklärt angesehen werden, machten verantwortliche Stellen beispielsweise Besetzungen abhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten fachlichen Richtung. Die schwierige, problematische Wissenschaftslage für die deutsche Physik wurde durch den sachlich-politischen Streit um die Theorie, deren Ergebnisse deutschen und nicht jüdischen Ursprungs sind, auch im letzten Jahre durch diese Maßnahme verhängnisvoll kompliziert. Die Tagungen der naturwissenschaftlichen Gesellschaften zeigten neben hervorragenden deutschen Leistungen in zunehmendem Maße die Konkurrenzfähigkeit fremder Länder auf naturwissenschaftlichem Gebiete. Teilweise wurde von deutscher Seite der entscheidende Fehler begangen, für die zusammenfassenden Hauptreferate Männer zu verpflichten, die weder fachlich noch charakterlich geeignet waren, der internationalen Hörerschaft einen Eindruck von der deutschen Naturforschung zu geben. - Die veranstaltenden Gesellschaften sind noch immer stark von Juden und Emigranten durchsetzt und denken noch nicht daran, dem Beispiel der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu folgen, die nach dem 10.11. 1938 ihre bisherigen Mitglieder, die unter die Nürnberger Gesetze fielen, zum Austritt veranlaßte. Fast einheitlich zeigte sich im Berichtsjahr die instinktlose Haltung der deutschen Naturforscher in dem spontanen Beifall, der auf Tagungen den jüdischen oder dem Amte enthobenen ehemaligen Professoren entgegengebracht wurde."[46]

Die Berichterstattung zeigt den rassistisch-antisemitischen Grundzug des Regimes, das "apriori" seiner Planer. Den Physikern wurde hier etwas mehr Anpassung als anderen "Naturforschern" bescheinigt. Im übrigen war biologistisch von "Instinktlosigkeit" die Rede und nicht etwa politisch vom Mangel an nationalsozialistischer Parteinahme. Kritik am Ministerium wurde refereriert, an seiner Berufungspolitik, aber auch an seiner Haltung im "sachlich-politischen Streit um die Theorie" sprich in erster Linie um die Relativitätstheorie.

Rudolf Mentzel, der DFG-Vorsitzende, war nicht am Ende seiner Karriere: kurz vor Kriegsbeginn trat er an die Stelle von Otto Wacker im REM, gleichzeitig beförderte ihn Himmler zum Oberführer der SS (Generalmajor; zum Vergleich: der IGF-Industrielle Heinrich Bütefisch stand als 'Sturmbannführer', Major, drei Stufen niedriger, Otto Ohlendorf als 'Brigadeführer', Generalleutnant, eine Stufe höher). Zehn Jahre später schrieb ein Kollege:

"Abschließend muß ich sagen, daß die Hochschulabteilung im Kultusministerium in ihm den schlechtesten Ministerialdirektor seit je gehabt hat. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein Friedrich Althoff einmal Direktor dieser Abteilung gewesen ist, so kann man den ganzen Abstand zu Herrn Mentzel ermessen..."[47]

Im 'System Althoff' (Bernhard vom Brocke) des Kaiserreichs hatte sein Konstukteur einen gewiß ganz anders gearteten Handlungsspielraum als der späte Nachfolger in der 'Kriegswirtschaft' des NS-Regimes. Die gleiche Amtsbezeichnung kann nicht über radikal veränderte Funktionen hinwegtäuschen; in Anbetracht des Regimes hat der Vergleich wohl keinen Sinn. Die Frage bleibt: inwieweit war Rudolf Mentzel eine 'Schlüsselfigur' der Forschungs- und Hochschulpolitik des Regimes, und wo lagen die 'Angelpunkte' seiner Tätigkeit?

1940 nahm Karl Becker sich das Leben und Rust übernahm den Vorsitz im noch immer wenig effizienten RFR. Im gleichen Jahr starb Carl Bosch und an die Spitze der KWG trat nach dem Chemie-Boß ein ebenso mächtiger, womöglich noch besser 'passender' Vertreter der 'Wirtschaftspartei', der Stahlboß Albert Vögler, ehemals Stinnes-Manager, Reichstagsabgeordneter (NSDAP), jetzt Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke und auch noch immer Vorsitzender der Helmholtz-Gesellschaft. Den Vorstandsvorsitz der I.G. übernahm Carl Krauch. Mit dieser Besetzung ging die Durchbruchsphase des Regimes ihrem Ende entgegen. Um auf den Vergleich der Funktionsträger in den Regimen zurückzukommen: Hat je jemand festgestellt, daß Albert Vögler der schlechteste KWG-Präsident gewesen sei und ihn mit Adolf Harnack verglichen? Allerdings entbehrt der Vergleich durch den Suizid Vöglers der gerichtlichen Notorität den die vorliegenden Gutachten dem Fall Mentzel geben.

Nachdem die polnische Regierung die deutschen Versuche, sich das Nachbarland zum Verbündeten zu machen, konsequent abgelehnt hatte und die Deutschen sich in letzter Minute in Moskau rückversichern konnten, wurde der 'Überfall auf den Sender Gleiwitz' inszeniert. Polen wurde angegriffen und 'überrannt'. Frankreich und England traten in den Krieg ein. Im April 1940 wurden Dänemark und Norwegen besetzt, ab Mai wurden Holland, Belgien, Frankreich 'überrannt', im Herbst wurde Rumänien 'freundschaftlich' als Aufmarschgebiet gewonnen, und im Juni 1941 wurde das Abkommen mit der Sowjetunion gebrochen und der 'Weltanschauungskrieg'[48] begonnen. Im Herbst 1941 wurde klar, daß die Phase der `Blitzkriege' zu Ende war. Das Regime wechselte zur letzten, der Genozidphase.

* * *

Wer 1939, angesichts der Aufrüstung, der erfolgreichen Expansionspolitik und des Münchener Abkommens noch Hoffnung gehabt hatte, der Krieg wäre dennoch zu vermeiden, wurde am 1. September enttäuscht und wer sich nicht in 'widerwilliger Loyalität'[49] dem Schickal überließ, hoffte je nach Einstellung auf baldigen Sieg oder auf baldige Niederlage.

Werner Heisenberg war im Sommer 1939 in Ann Arbor und Chicago. Enrico Fermi bot ihm an, in Amerika zu bleiben, was Heisenberg mit dem Argument ablehnte, er könne die jungen Leute in seiner Arbeitsumgebung nicht einfach im Stich lassen.

Auch Kopfermann-Freund Karl Friedrich Bonhoeffer stand vor der Entscheidung, ob er einen ihm angebotenen Lehrstuhl in Chicago annehmen sollte. Auch er entschied sich, in Deutschland zu bleiben[50]. Sein Bruder Dietrich Bonhoeffer führte Tagebuch während einer Reise nach Amerika. Ende Juni 1939 hieß es in aufeinanderfolgenden Einträgen aus New York:

29. Juni. "Die Nachrichten heute so, daß ich ziemlich entschlossen bin, mit Karl Friedrich zurückzufahren. morgen werden wir es besprechen." 30. Juni. "Um elf Uhr meldet sich Karl Friedrich, der von Chicago kommt. Es gibt viel zu besprechen. Er hat dort eine ausgezeichnete Professur angeboten bekommen; es bedeutet eine Entscheidung für immer. Dann meine Fragen. Da ich sonst bei der gegenwärtigen Lage sowieso nach spätestens vier Wochen gefahren wäre, entschließe ich mich unter den gegebenen Umständen am 8. mit Karl Friedrich zu fahren. Ich will für den Kriegsfall nicht hier sein, und es ist objektiv hier nichts über die Lage zu erfahren. Das war eine große Entscheidung. Morgens noch einen Brief von Paul (Lehmann, Harvard), der so optimistisch über mein Hierbleiben war. Nachmittags und abends Weltausstellung, die technischen Dinge. Abends zum ersten Mal nicht geschrieben". 1.Juli 39. "Vormittags umgezogen. Mittags Karl Friedrich. Nachmittags etwas geschrieben. Dann mit K.F. in die Stadt, Geschenke besorgt, Music Hall, Kino, das Größte. Schauderhaft, aufdringlich, protzig, schwelgerisch in Farben, Musik und Fleisch. Solche Phantasie kann man nur in einer solchen Großstadtatmosphäre aufbringen. Karl Friedrich ist anderer Meinung. Abends rechtzeitig nach Hause. Mich hat den ganzen Tag die Lage Deutschlands und der Kirche nicht losgelassen". Diese Tagebucheintragungen sind hier zitiert, weil sie zeigen, daß ein gut informierter Mensch längst überzeugt war, daß ein Krieg bevorstand (schon im Januar stand in einem Brief an den älteren Bruder, daß er im März gern die Schwester Sabine Leibholz in London besuchen möchte, wenn es noch ginge), wie er sich Sorgen 'um Deutschland und die Kirche' machte und gleichzeitig seine Gedanken um die literarische Arbeit drehen. Interessant ist vielleicht auch der klischeehaft anmutende (auf irrationale Ängste hinweisende?) Ausdruck der Ablehnung von 'Großstadtatmosphäre', und daß der vom Weltkrieg und der beruflichen 'Sozialisation' im Haber-Institut geprägte Bruder diesen Widerwillen nicht teilte. Der Theologe (Harnack-Schüler) und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hatte 1933 (am 20.8.) aus Bethel an seine Großmutter geschrieben, -" mit vielen Grüßen an Karl Friedrich und Grete" (Bonhoeffer-Dohnanyi): "Die Frage ist wirklich, Germanismus oder Christentum und je bälder der Konflikt offen zutage tritt, desto besser". Wie abstrakt sich das anhört, Germanismus oder Christentum, und nicht einfach NS-Regime oder nicht. Als ob 'metapolitisch'-theologisch zu entscheiden wäre und nicht einfach politisch? Als Pfarrer der deutschen Gemeinde in London hatte Dietrich Bonhoeffer unter dem 15.Januar 1934 einen Brief an Hindenburg formuliert: "Wir beschwören Sie, Herr Reichspräsident, die furchtbar drohende Gefahr um der Einheit der Kirche und des Dritten Reiches willen, das wir mit unseren Gemeinden freudig begrüßt haben, und für das wir mit allen Kräften eintreten, in letzter Stunde zu bannen. Solange Reichsbischof Müller im Amt bleibt, besteht stündlich die Gefahr der Loslösung" etwa zur gleichen Zeit hatte er an Karl Friedrich geschrieben: "außer meiner Gemeindearbeit habe ich mit den englischen Kirchenleuten, auch einigen sehr interessanten Politikern, Gespräche und allerlei Pläne; außerdem eine Unzahl von Besuchen von Deutschen, meist Juden, die mich irgendwoher kennen und irgendwas wollen. Daß ein Dr. S. von Dir bei mir war, schrieb ich Dir wohl schon..." 1937 wurden der Bekennenden Kirche die Ausbildungsstätten untersagt und auch Finkenwalde, wo Bonhoeffer tätig war, sah der Schließung entgegen. Am 29. November 1937 schrieb er an den Bruder: "daß es mir durch den Erlaß von Himmler einmal ebenso gehen kann, wie es bereits hunderten ergangen ist, darf uns wirklich nicht mehr beunruhigen. Die Sache der Kirche können wir nicht durchhalten ohne Opfer. Ihr habt ja im Krieg wesentlich mehr eingesetzt. Warum sollten wir es für die Kirche nicht auch tun? Und warum will man uns davon abbringen? Es reißt sich bestimmt keiner von uns ums Gefängnis. Aber wenn es kommt, dann ist es doch - hoffentlich jedenfalls - eine Freude, weil die Sache sich lohnt". Konnte, wo die ganze Gesellschaft auf dem Spiel stand, der Einsatz für eine Kirche ausreichen? Genügte der Horizont, mit dem er schrieb 'Ihr habt ja im Krieg wesentlich mehr eingesetzt', um wenigstens zu ahnen, daß dieser Einsatz sich schon damals kaum rechtfertigen ließ? Ist nicht doch der Kompromiss mit den Ideen des Regimes zu groß gewesen?[51] Es hat eine 'Kriegskultur' gegeben, die 1914 ihren Höhepunkt erreicht hatte und 1939 noch immer eine Basis abgab, auf der Propaganda und Politik aufbauen konnten. Im kulturellen Erbe war eine 'Metaphysik des Krieges' an die Seite der pragmatischen 'Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln' getreten.


[1]Gerard L. Weinberg, loc. cit., Bd II, S.XI

[2]Die Eroberung Äthiopiens 1935/36 war ein popagandistischer Kraftakt des Regimes (zahllose Italiener stifteten ihre Eheringe für die Kriegskasse) In den folgenden Jahren belasteten beträchtliche Investitionen in der 'Kolonie' den Staatshaushalt. 50 der 54 Völkerbund-Staaten hatten die Invasion verurteilt. 18 hatten ziemlich wirkungslose Sanktionen beschlossen. Mussolini warb um Verständnis.

[3]Gerard L. Weinberg, The foreign policy of Hitler's Germany, Chicago (Univ. Press) 1970, Bd.1, "Diplomatic Revolution in Europe" 1933-1936, S.284

[4]Vgl. Walter Bußmann, "Zur Entstehung der 'Hoßbach-Niederschrift'", Viertelj.Z.f.Zeitgesch.16, S.373, 1968

[5]Während, wie Gerard L. Weinberg loc.cit., Bd.II, S.3 bemerkt hat, 1934 der Mord an Frau Schleicher Blomberg nicht untragbar machte.

[6]Walter Hofer, Die Diktatur..., loc.cit., S.72

[7]Franz Neumann, (Behemoth, Oxford, Univ. Press, 1942), hat die Dreiteilung Carl Schmitts hevorgehoben, der in seiner Staatstheorie die politische Sphäre im Gegensatz zur demokratischen Zweiteilung in Staat und Gesellschaft auf völkische Elite (Partei) und Staat einschränkte und der Volksmehrheit die politische Kompetenz absprach. In aggressiver Abwehr dieser in Wirklichkeit zutreffenden Dreiteilung suggerierte das Regime emphatisch den Glauben, es verkörpere den Willen der Nation. Entsprehend mag sich ein völkisch-elitärer Kunstwillen in krassem Widerspruch zum ideologischen Bedarf befunden haben.

[8]Robert Proctor, loc. cit., hebt die Bedeutung des Jenaer Verlegers Julius Friedrich Lehmann in diesem Zusammenhang hervor. Der war schon 1920 der Partei Hitlers beigetreten. Das KWI für Rassenkunde datiert von 1927 und wurde von dem 'konservativen Katholiken' (Proctor) Eugen Fischer geleitet, der bis 1933 auch der 1905 gegründeten Gesellschaft für Rassenhygiene vorsaß, wo ihn dann Ernst Rüdin ablöste. Fischer paßte sich ebenso an wie seine Kollegen Verschuer und Muckermann. Fritz Lenz publizierte schon vor 1933 im protofaschistischen Periodikum Deutschlands Erneuerung, das Lehmann seit 1917 unterhielt, trat jedoch erst 1937 der Partei bei.

[9]Umstände halber, mit denen er sich von einer einflußreichen Gefährtin, der er die Ehe versprochen hatte, zugunsten einer anderen lossagte

[10]Friedrich Zipfel, Kirchenkampf in Deutschland 1933-1945, 1965

[11]Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, Gütersloh 1967

[12]Rudolf Mentzel hat berichtet, daß er als Göttinger Kreisleiter 1933 Jessen das Amt des Bürgermeisters angetragen habe. Der Wirtschaftswissenschaftler habe jedoch eine wichtigere Rolle im NS-Staat spielen wollen. 1935 wurde Jessen aus Kiel abberufen, weil ihm die Verantwortung für eine Kritik Ohlendorfs an der "Lagerarbeit" der Partei im Hochschulbereich (Schulungslager Kitzeberg) zugeschoben wurde. Jessen war nach Marburg "relegiert" worden, kam dann jedoch zur Handelshochschule nach Berlin. 1933 hatte er zu denen gehört, die James Franck öffentlich der 'Sabotage' der 'nationalen Erneuerung' ziehen, 1944 lieferte er eine Wirtschaftsplanung mit staatssozialistischen Zügen für die Umsturzregierung, .

[13]Angaben nach Shlomo Aronson, Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD, Stuttgart (DVA) 1971 und Günther Deschner, Reinhard Heydrich. Statthalter der totalen Macht, Esslingen (Bechtle) 1977 S.97; s.a.Gerhard Paul Hg., Die Gestapo, Mythos und Realität, Darmstadt, Wiss. Buchges. 1995 und Ulrich Herbert, Best, 1996

[14]Gerhard Paul, "Zwischen Selbstmord, Illegalität und neuer Karriere" in ders. Hg., loc.cit.

[15]Ohlendorf war der eigentliche Organisator der "Lebensgebietsforschung". Als er 1936 ins Amt kam, fand er bei Höhn eine Gruppe von etwa 20 Leuten, ohne Apparat und Einrichtung. Ab 1938 war der Dienst soweit organisiert, daß die 'Meldungen'regelmäßig erscheinen konnten.

[16]Shlomo Aronson, Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD, Stuttgart (DVA) 1971

[17]Michael H. Kater, Das Ahnenerbe der SS 1935-1945, Stuttgart (DVA) 1974, S.136

[18]Otto Ohlendorf, Eingabe im Mai 1945 an den derzeitigen Regierungschef Schwerin-Krossigk, auch zur Weiterleitung an die Besatzungsmacht, abgedruckt als Anhang in Heinz Boberach Hg., Meldungen aus dem Reich. Auswahl aus den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS 1939-1944, Neuwied (Luchterhand) 1965

[19]Heinz Boberach Hg., a.a.O., Enleitung des Herausgebers

[20]Shlomo Aronson, loc.cit. Zur Person Ohlendorfs vgl. auch Jörg Friedrich, Das Gesetz des Krieges, das deutsche Heer in Rußland 1941 bis 1945. Der Prozeß gegen das OKW. München (Piper) 1993, S.632: "Ohlendorf ist eine der sonderbarsten Naturen der Nürnberger Prozesse gewesen. Als er am 4. und 6. August 1948 in den Zeugenstand trat, war er in dem soeben abgeschlossenen Einsatzgruppenprozeß zum Tode am Strang verurteilt worden. Ein zartgliedriger NS-Intellektueller, skeptisch, widerspenstig, trübsinnig und für die schmissigen Nazis in nervtötender Weise prinzipiell. Als junger Volkswirtschaftler hatte sich Ohlendorf seine Gesellschaftsutopie geformt, eine lebensreformerische Wabe autonom produzierender Kleingemeinden. Theoretiker sind fähige Massenmörder, weil sie den Gang der Welt aus dem Kopf ersinnen. Dadurch ist ihr Zustand immer ein verkehrter und stellt seine Bereinigung keine Moralprobleme. Das Blutbad ist die moralische Veranstaltung schlechthin. Die Sozialidylle muß von Fremdkörpern entschlackt werden. Mit seinem doktrinären Nationalsozialismus hatte Ohlendorf die pragmatische Wurstellei der Funktionäre beleidigt". Friedrich meint der Einsatz in Rußland sei als 'Denkzettel' gedacht gewesen, aber Himmler habe den Bewährungsdrang Ohlendorfs unterschätzt. Friedrichs Vorstellungen von Theoretikern scheinen mir so einseitig, daß mir auch seine Einschätzung Ohlendorfs nicht ganz geheuer ist.

[21]Shlomo Aronson, loc.cit.

[22]Vgl.Helmut Genschel, Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich; Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft, Göttingen (Musterschmidt) 1966

[23]Den Vorwand lieferte die Pariser 'Grynszpan-Affaire': Herschel Grynszpan, polnisch-jüdischer Immigrant, erschoß den deutschen Botschaftsrat Ernst vom Rath; Goebbels forderte zum Pogrom auf; Göring kommentierte 2 Tage später, es wäre im "lieber gewesen", man hätte "200 Juden erschlagen" und "nicht solche Werte vernichtet". Ein Versicherungsexperte bezifferte die Schäden auf 25 Mio RM (Ludolf Herbst, a.a.O., S.209).Victor Klemperer notierte Sylvester 1939:"Die Pogrome im November 1938 haben, glaube ich, weniger Eindruck auf das Volk gemacht als der Abstrich der Tafel Schokolade zu Weihnachten". A.a.O., I. S.508. Eine überspitzte Formulierung voller Bitterkeit? Es ist immerhin bezeichnend, daß der Pogrom in der Geschichte des Widerstands kaum auffällt. Hartmut Mehringer a.a.O., S.145 urteilte, daß insbesondere die Kirchen vor der großen Herausforderung versagten, "lediglich einzelne Pfarrer wiesen von der Kanzel auf das Verbrechen des Synagogenbrandes hin".

[24]Vgl. H. Seier, Der Rektor als Führer. Zur Hochschulpolitik des Reichserziehungsministeriums 1934-1945, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 12, 1964, S.146; Aharon F. Kleinberger, Gab es eine nationalsozialistische Hochschulpolitik in Manfred Heinemann Hg.,Erziehung und Schulung im Dritten Reich, Bd. II, Hochschule und Erwachsenenbildung, Stuttgart (Klett-Cotta) 1980

[25]Vgl. in Anlehnung an Franz Neumann, Behemoth, Ulfried Geuter, Die Professionalisierung der Psychologie im Nationalsozialismus, Dissertation Berlin, 1982

[26]Angaben bei Chroust, a.a.O.

[27]Zitiert nach Klaus Hentschel und Monika Renneberg, "Ausschaltung oder 'Verteidigung' der allgemeinen Relativitätstheorie - Interpretationen einer Kosmologenkarriere im NS" in Christoph Meinel, P. Vosswinckel Hg., Medizin, Naturwissenschaft, Technik und Nationalsozialismus - Kontinuitäten und Diskontinuitäten, Stuttgart 1994

[28]Erich Hückel, a.a.O., S.140

[29]Gottfried Plumpe, Die I.G.Farbenindustrie AG. Wirtschaft, Technik und Politik 1904-1945, Berlin (Duncker & Humblot) 1990

[30]Alfred Kube, Pour le mérite und Hakenkreuz. Hermann Göring im Dritten Reich, München (Oldenbourg) 1986, S. 163

[31]Ende 1933 hatte die Zusammenarbeit von Göring und dem IG-Farbenkonzern konkrete Formen angenommen: am 14.12.1933 hatten der Konzern und das Reichsluftfahrtministerium den sogenannten 'Benzinvertrag' abgeschlossen über den die IG-Farben ihr Leuna-Hydrierprogramm sanieren konnte. Zugleich konsolidierte damit der Oberbefehlshaber der Luftwaffe seinen Einfluß auf einem der wehrwirtschaftlich wichtigsten Gebiete. Verhandlungsführer für den Konzern war: Carl Krauch. Vgl. Michael Salewski, Die bewaffnete Macht im Dritten Reich 1933:1939, Wehrmacht Bd.4, S.149

[32]Am 21.9.1921 waren bei einer Explosion 600 Menschen ums Leben gekommen und 2000 schwer verletzt worden.

[33]Karl Heinz Ludwig a.a.O. zitiert Eichholtz/Schumann Hg., Auszüge aus den Papieren der Abt. Forschung und Entwicklung vom Juli/August 1936, S.141

[34]Gottfried Plumpe, S.755

[35]Alfred Kube, a.a.O., S.259

[36]Die Dekorationen hielten sich in Grenzen: 1939 EK II aus Hitlers Hand, Honorarprofessor der Berliner Universität, 1941 Dr.rer.nat. h.c. der Heidelberger Universität und Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse; 1942 Leibnizmedaille der Akademie und 1943 das Ritterkreuz des Kriegsverdienstordens mit Schwertern, das Luftschutzkreuz 1.Klasse (Jens Ulrich Heine, Verstand und Schicksal. Die Männer der I.G. Farbenindustrie AG. 1925-1945, Weinheim (Chemie) 1990).

[37]Vgl. Arno Weckbecker, "'Gleichschaltung' der Universität? Nationalsozialistische Verfolgung Heidelberger Hochschullehrer aus rassischen und politischen Gründen" in: Karin Buselmeier et al., Die Heidelberger Universität, 1985

[38]Nachlaß Ebert, Archiv TUB, Ordner 4, s.132; WA REM 2500/37

[39]Michael H. Kater, Das Ahnenerbe der SS 1935-1945, Stuttgart (DVA) 1974, S.136

[40]Karl-Heinz Ludwig notierte: "Eine neuere kritische Biographie fehlt, sie könnte Aufschluß geben über Formen einer Synthese des Soldaten- und Ingenieurberufs"; op.cit.

[41]Vgl.Wolfgang Schlicker, "Physiker im faschistischen Deutschland" Jb. für Geschichte 27, 1983, S.133

[42]Vgl. Kristie Macrakis, a.a.O., S 101

[43]Helmut Seier, "Universität und Hochschulpolitik im nationalsozialistische Staat", inThomas Klein , Klaus Malenke Hg., Der Nationalsozialismus an der Macht, Göttingen (Vandenhoek) 1984, S.148

[44]Nach 1945 wurde er in Holland als Kriegsverbrecher verurteilt, war ab 1949 Honorarprofessor der TH Aachen und wurde Leiter des Instituts für Hochfrequenztechnik der DLV in Mühlheim. Nachruf von Hans Rindfleisch, Phys. Bl. 11, 1955, S.318; dort wird mittgeteilt, daß Esau: 'aus mennonitischem Bauerngeschlecht der Danziger Niederung' stammte und ihn eine 'unter rauer Schale tief im Grund seines Wesens liegende Religiosität" auszeichnete'.

[45]In den Nürnberger Verhandlungen warf Ohlendorf Albert Speer vor, seine "Selbstverantwortung der Wirtschaft" (eine noch vom Rüstungsminister Fritz Todt eingebrachte neue Direktive zur Intensivierung der Kriegsproduktion, die verschiedentlich als "Entideologisierung" positiv aufgenommen wurde) habe "einzelnen Unternehmern Staatsautorität gegenüber ihren Konkurrenten verliehen" (Protokoll der Zeugenvernehmung Ohlendorfs am 8.10.1947, zitiert nach Heinz Boberach Hg, Einleitung, a.a.O).

[46]Heinz Boberach Hg., Meldungen aus dem Reich, die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945, Herrsching (Pawlak) 1984, Band 2, S.89

[47]Paul Klingelhöfer, Ministerialrat, Schreiben vom 7.1.1949 im Zusammenhang mit dem Spruchkammerverfahren gegen Mentzel. Archiv TUB, Nachlaß Ebert, Ordner Nr.7

[48]Vgl., Helmut K. Krausnick, Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppen des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1981

[49]Vgl. Wilhelm Deist, "Überlegungen zur 'widerwilligen Loyalität' der Deutschen bei Kriegsbeginn" in W. Michalka Hg., Der zweite Weltkrieg, München 1989, S.224

[50] In seinem Institut konnten 'nichtarische' Wissenschaftler unterkommen. Walther Jaenicke (s. Fußnote weiter oben) hat davon berichtet, hat im Einzelnen aber nicht ausgeführt, in welcher Lage Bonhoeffer war, nur eben, daß er sich in Gefahr begeben habe.

[51]Übrigens bemerkt Saul Friedländer, a.a.O., S.54, im Anschluß an kurze Ausführungen zu horrenden antisemitischen Äußerungen von Otto Dibelius, Dietrich Bonhoeffer sei nicht frei von Ambivalenz gewesen.

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