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'Grenzlanduniversität' Kiel

Richard Gans schrieb am 12. Juni 1937 an Walther Gerlach:

"In der Physik will es nicht recht zur Ruhe kommen: Rausch v. Traubenberg, Ewald, Meissner-Frankfurt. Was hören sie von Schütz? Hat er sich in Königsberg physikalisch einigermaßen eingelebt? Ich erfuhr, daß er gegen die Habilitation von Wittke war, weil desssen Ausbildung nicht breit genug fundiert sei. Das ist ganz meine Meinung. Man habilitiert sich nicht für magnetsiche Nachwirkung. Aber nach meiner Beurlaubung wurde das von den jüngeren, besonders von Stuart, wir mir scheint, sehr betrieben. Im übrigen halte ich von Wittke recht viel, nur der Zeitmoment war für die Habilitation viel zu früh".

Zehn Tage später, am 22. Juni, brachte der Briefschreiber seinen Galgenhumor deutlich zum Ausdruck. Gerlach reiste übrigens gerade nach Bristol:

"Sie haben ganz Recht, daß die schlechten Neubesetzungen schlimmer sind als die Absetzung tüchtiger Leute, aber es ist als mildernder Umstand zu berücksichtigen, daß man doch erst Leute absetzen muß, ehe man untüchtige Leute berufen kann...."

In Kiel lehrte und forschte seit 1931 Heinrich Rausch von Traubenberg (1880-1944), ein seltener Republikaner unter den Hochschullehrern.

Von 1898 bis 1907 hatte Philipp Lenard den Lehrstuhl innegehabt und 1901 einen Institutsneubau in der Fleckenstraße beziehen können. Ihm war bis 1925 Conrad Dieterici (1858-1929) gefolgt, den dann Hans Geiger bis 1931 ablöste. Geiger hatte zusammen mit Walter Müller 1928 ein in der Kernphysik bald überall gebräuchliches Werkzeug eingeführt, das 'Zählrohr'. Die physikalische Theorie war in Kiel seit 1919 durch Erwin Madelung, ab 1921 dann durch Walter Kossel vertreten. Der ging 1932 nach Gdansk und Albrecht Unsöld übernahm sein Lehramt. Von 1872 bis 1889 hatte Albert Ladenburg, der Vater Rudolf Ladenburgs, als Chemiker in Kiel gewirkt, die erste vollständige Synthese eines Alkaloids war ihm dort gelungen und er hatte ein Standardwerk der Chemiker, das 13 bändige Handwörterbuch, auf den Weg gebracht. Die Astronomie war in Kiel durch Hans Rosenberg (1879-1940) vertreten gewesen, der 1928 zum erstenmal ein astronomisches 'Praktikum' einrichtete und dessen Spezialität die lichtelektrische Photometrie gewesen war. Rosenberg verlor seine Professur 1933, emigrierte nach Chicago, dann nach Istanbul. Dem Observator Carl Wilhelm Wirtz (1879-1939) wurde 1937 die Lehrbefugnis entzogen, und im Herbst 1938 wurde die Sternwarte aufgelöst; die Instrumente wurden verteilt. Die Bibliothek blieb in Kiel, ging an den Lehrstuhl Albrecht Unsölds, dessen theoretisches Arbeitsgebiet die Astrophysik war.

Vertrieben wurde auch Otto Klemperer, 1932-1933 Assistent in der Physik. Das Imperial College in London sollte ihn aufnehmen. Der Mathematiker Abraham Fraenkel emigrierte nach Jerusalem[1]

Heinrich Traubenberg war manchen Herren in Partei und REM längst nicht genehm. 1936 ging es um eine Konferenz in Zürich; Ludwig Bewilogua, Robert Döpel, Hans Geiger, Gerhard Hoffmann konnten ohne Schwierigkeiten fahren, Traubenberg nicht, obwohl die Fakultät, der Rektor und der Dozentenführer - jedenfalls offiziell - hinter ihm standen. Das REM ließ den Rektor mitteilen, aufgrund des Devisenmangels werde die Reise nicht genehmigt. Nach Mark Walker war es, wie auch bei früheren Gelegenheiten, die Gauleitung, die ablehnte[2]. Merkwürdig war allerdings, daß der Dozentenführer Hanns Löhr, Klinikchef, besonders ranghoher - und dem SD angehörender - SS-Offizier, mit Gauleiter Hinrich Lohse an sich auf gutem (Duz-)Fuß stand.. Vielleicht lag der Grund der Ablehnung auch in Differenzen zwischen ihm und dem Ministerium[3].

Heinrich Traubenberg unterschied sich von den vielen 'Patrioten von 1914' insofern, als er im Juni 1916 als Göttinger Assistent einer der Gründer der "Vereinigung Gleichgesinnter" gegen den "Alldeutschen Verband" wurde[4] und in der Republik dann zum 'Weimarer Kreis' zählte. Er hatte bei Wilhelm Wien in München 1905 promoviert, hatte als Hochfrequenztechniker in der Industrie gearbeitet und war, nach einer Assistenten- und Dozentenzeit bei Riecke in Göttingen 1910-1922, Ordinarius in Prag geworden, bevor er nach Kiel kam. Er befaßte sich mit genauen Messungen des Starkeffekts in der Balmerserie und verifizierte die Rechnungen seines Freundes Erwin Schrödinger (die auch den Kieler Kollegen Albrecht Unsöld beschäftigt hatten) experimentell. Ein Berichterstatter schrieb 1933: "Der Wasserstoffeffekt ist von R. Gebauer und Heinrich Rausch von Traubenberg mit einer besonders konstruierten Entladungsröhre an Kanalstrahlen im transversalen Feld bis zu 1 Million Volt/cm verfolgt worden. Die wellenmechanische Störungsrechnung muß für diese Feldstärken bis zum Glied 3ter Ordnung durchgeführt werden." [5] In Kiel begann Traubenberg auch kernpysikalische Experimente[6], untersuchte zunächst Gamma-Lithium-Reaktionen mit sehr niederenergetischen 'Kanal-'Strahlen und ging dann zu Neutronenversuchen über.

Traubenberg kam um so mehr in Bedrängnis, als die 'Rassengesetze' 'Mischehen' unter Druck setzten. 1937 wurden Amt und Ehe unvereinbar. Den besonderen Vorwand, ihn in den Ruhestand zu versetzen, bot seine politische Vergangenheit. Aus einem 'Inhaltsblatt' der Personalakte des REM im BDC ist ersichtlich, daß das Ministerium ihn am 17. April 1936 aufforderte, sich zu seiner einstigen Mitgliedschaft in der Deutschen Friedensgesellschaft und in der Liga für Menschenrechte zu äußern, was nur bedeuten konnte, daß man ihn loswerden wollte. Am 17 November wurde ihm eine Stellungnahme 'wegen §6'[7] abverlangt. Anfang 1937 wurde er 'entpflichtet'.[8]

http://www.lrz-muenchen.d[e]

Traubenbergs zogen nach Charlottenburg in die Dahlmannstraße 8 und er arbeitete ein paar Jahre lang in Kontakt mit Otto Hahn weiter[9]. Im erwähnten Inhaltsblatt der REM-Akte steht schließlich der Eintrag 'Zusammenarbeit mit dem OKH'. Ausgebombt in Berlin, fanden seine Frau und er Aufnahme bei den gräflichen Freunden Waldstein in Hirschberg am See in den Sudeten[10].

Für Arnold Sommerfeld war Traubenberg

"ein orgineller Forscher, der die Natur mit eigenen Methoden anging und stets prinzipielle Fragen im Auge hatte."

Sommerfeld erwähnt im Nekrolog die Umstände seines Todes (1944). Er starb

"unmittelbar nachdem er seine von der Gestapo angeforderte Gattin zur Eisenbahn gebracht hatte, infolge eines Herzschlages"[11]

Frau Traubenberg überlebte die Deportation. Im von K.E. Boeters und J. Lemmerich veranstalteten Katalog der Berliner 'Gedächnisausstellung zum 100. Geburtstag von Albert Einstein, Otto Hahn, Max von Laue, Lise Meitner' 1979 heißt es:

"Selten gelang es, wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. So als es galt, die Frau des ehemaligen Kollegen Rausch von Traubenberg, die Jüdin war, vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu bewahren. Otto Hahn wurde bei der SS vorstellig und behauptete, Frau von Traubenberg müßte unbedingt die wichtigen wissenschaftlichen Arbeiten ihres Mannes zu Ende führen, da nur sie über die Einzelheiten informiert sei. Auch der wissenschaftliche Nachlaß sei unbedingt zu ordnen. Durch das Eingreifen von Otto Hahn wurde das Verfahren gegen Frau von Traubenberg so lange verzögert, daß ein Abtransport nicht mehr stattfinden konnte und sie dadurch gerettet wurde"[12].

Fünf Jahre vor der Berliner Gedächtnisaustellung hatte Hahns Biograph Ernst Berninger einen Brief Otto Hahns an "Herrn Hauptscharführer Dobberke" vom 14. November 1944 abgedruckt. Ebenso einen Bescheid der Gestapo vom 13. Dezember an Wilhelm Spengler im SD (s.o. Kapitel 'Durchbruchsphase') auf dessen Schreiben vom 15. November. Frau Traubenberg wird "die Auflage erteilt, den Nachlaß ihres Mannes binnen kürzester Zeit zu ordnen". Der Absender (Dobberke?) schrieb

"... bin ich der Auffassung, daß sie am zweckmäßigsten die von den interessierenden (sic!) Stellen benötigten Arbeiten in dem jüdischen Siedlungsgebiet Theresienstadt ausführen kann. Ich werde daher anordnen, daß sie ihren Wohnsitz nach dorthin verlegt." [13]

Spengler wird gebeten, Hahn, "der ein gleichlautendes Schreiben nach hier gerichtet hat", in Kenntnis zu setzen.

Aufzeichnungen ihres Mannes mit den Anmerkungen, die Marie Rausch von Traubenberg in Theresienstadt hinzufügte, haben sich erhalten.[14]

* * *

Die Personalkarte des REM weist aus, daß Hans Kopfermann 1937 für zwei Lehrstühle zum Vorschlag kam: in Leipzig und in Frankfurt, und daß jedenfalls für Leipzig auch Reisekosten abgerechnet wurden.

Am 9. April erreichte ihn ein Telegramm und drei Tage später, am 12. schrieb Wilhelm Dames für den Minister:

"In Bestätigung meines Telegramms vom 9. April 1937 ersuche ich Sie mit Wirkung vom 1.4.1937 ab die durch das Ausscheiden des Professors Rausch von Traubenberg in der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel freigewordene Professur für Experimentalphysik, sowie die Leitung des Instituts für Experimentalphysik dieser Universität vertretungsweise wahrzunehmen. Hierfür erhalten Sie als Entschädigung für die Zeit vom 1. April bis 31. Mai 1937 eine Vergütung in Höhe Ihrer bisherigen Oberassistentenbezüge an der THB und vom 1. Juni ab eine solche in Höhe der Anfangsbezüge dieser freien Planstelle"

Kopfermann folgte dem Ersuchen, was vielleicht weniger selbstverständlich war, als es aussehen mag, und lehrte schon im Sommersemester in Kiel. Am 23. August unterzeichnete er dann eine Vereinbarung mit Dames, in der er sich bereit erklärte, die Nachfolge Traubenbergs zu übernehmen. Vom 8. September bis zum 1. Oktober hatte er Urlaub (war vermutlich in Kopenhagen) und der Fakultätskollege und Skandinavist Leonhardt vertrat ihn. Vom 10. Dezember datiert die Ernennungsurkunde "Im Namen des Reichs":

"Ich ernenne unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit den nichtbeamteten außerordentlichen Professor Hans Kopfermann zum ordentlichen Professor. Ich vollziehe diese Urkunde in der Erwartung, daß der Ernannte getreu seinem Diensteide seine Amtspflichten gewissenhaft erfüllt und das Vertrauen rechtfertigt, das ihm durch diese Ernennung bewiesen wird. Zugleich sichere ich ihm meinen besonderen Schutz zu. Der Führer und Reichskanzler, gez. Adolf Hitler, gez. Hermann Göring."

Der Beamte erfreute sich des Vertrauens der Staatsführung und ihm wurde besonderer Schutz zugesagt. Erfreulich waren vermutlich der endlich gewonnene Ordinarienstatus, die relative Selbständigkeit, der Gewinn an Arbeitsmöglichkeiten und die (mäßige) finanzielle Besserstellung. Die damit und mit dem 'Vertrauen' der Dienstvorgesetzten verbundene 'Exponiertheit' mag weniger erfreulich gewesen sein, und die Umstände, unter denen Kopfermann Heinrich Traubenbergs 'Nachfolger' geworden war, waren bedrückend und wurden auch so empfunden.

Der REM (gez. Rust) schrieb unter dem 22.12.1937:

"Der Führer und Reichskanzler hat Sie unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit zum außerordentlichen Professor ernannt. Ich verleihe Ihnen mit Wirkung vom 1.11.1937 an in der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel die freie Planstelle eines ordentlichen Professors mit der Verpflichtung die Experimentalphysik in Vorlesungen und Übungen zu vertreten. Gleichzeitig ernenne ich Sie zum Direktor des Instituts für Experimentalphysik." Es gab zwar keine 'naturwissenschaftliche' sondern nur die philosophische Fakultät in Kiel, aber die Gehaltsgruppe war wohl richtig bezeichnet: Abschnitt C, Besoldungsgruppe 2, Grundgehalt von 8600 Mark (dabei waren 'Notverordnungsabzüge' bis zu 20% zu beachten). Dienstalter 1.11 1937. Jährliche Unterrichtsgeldgarantie 1000 RM. Im Personalblatt trug Kopfermann unter 'Orden und Ehrenzeichen' ein: EK I und II, Bayrischer Militärischer Verdienstorden IV. Klasse, Verwundetenabzeichen. Unter 'Mitgliedschaft in nationalen Verbänden' schrieb er "Bund Freikorps Epp".

Als Hubert Krüger hörte, der Lehrstuhl sei mit der 'Großen Vorlesung' zur Experimentalphysik verbunden, hatte er gemeint: "ich sehe schwarz"[15]. Das übliche 'Demonstrationstheater' wird Kopfermann in der Tat nicht leicht gefallen sein. Kopfermann hatte nicht allzuviel Spielraum für ein größeres Forschungsprogramm. Die Assistentenstelle des Instituts hatte seit 1934 Walter Lochte-Holtgreven (geb.1903) inne, der sich 1937 habilitierte. Der 'Spielraum' mußte ausgebaut werden. Hubert Krüger blieb in Berlin[16], aber Wilhelm Walcher konnte samt Isotopentrennapparaturen nach Kiel kommen.

Eine Arbeit von Walcher zusammen mit H. Haberland zur `Untersuchung der Glühelektronenemission an einzelnen Elektronen mit einem geheizten Zählrohr' ging unter dem 10. Februar 1937 aus dem Berliner Institut an die Zeitschrift für Physik. Unter dem 20. Dezember folgte dann, jetzt aus Kiel, die Publikation zu seiner Doktorarbeit `Über einen Massenspektrographen hoher Intensität und die Trennung der Rubidiumisotope'. Es wurde erläutert, daß das Hertzsche Trennverfahren auf Gase beschränkt sei, daß die massenspektroskopische Trennung die wohl besten Möglichkeiten biete. Als Quelle kam die von Joergen Koch beschriebene Anode zur Verwendung. "Die Arbeit wurde von Januar 1936 bis September 1937 gemacht. Herr Professor Kopfermann hat sie stets mit großem Interesse verfolgt und mir viele Anregungen gegeben" Der Autor dankte auch Joergen Koch und Dipl. Ing. Wolfgang Paul "für ihre selbstlose Mitarbeit bei den Dauerversuchen". Siemens hatte die Magnete zur Verfügung gestellt, der Stifterverband und die Helmholtzstiftung hatten unterstützt. In einer kurzen Notiz in der Zeitschrift für technische Physik war zuvor die beachtliche Ausbeute von 6 mg/h bekannt gegeben worden mit dem Vermerk, daß die Menge sich bei Verwendung einer 40 kV-Linse um das 10-100-fache steigern ließe.

Für Maria Heyden war ein DFG-Stipendium für Kiel beantragt[17], sie entschied sich jedoch nach ihrer Heirat, Berlin nicht zu verlassen, arbeitete erst mit Wefelmeier im KWI, später mit Nikoradse. Wolfgang Paul wurde Kopfermanns Vorlesungsassistent.

Wolfgang Paul, Sohn der Pfarrerskinder Elisabeth Berta geborene Ruppel (geb.1884) und Theodor Paul (1862-1928), Universitätsprofessor München, hatte nach dem Abitur am Wilhelm- und Ludwigs- Gymnasium das nötige Industriepraktikum bei den Bayrischen Motorenwerken absolviert und dann sein Studium an der TH der Heimatstadt 1932/33 begonnen. Im Oktober 1933 war er dem NSKK beigetreten. Er kam nach dem Vordiplom nach Berlin und verdingte sich zwischendurch für vier Monate als Werkstudent bei der Deutschen Afrikalinie. Parteibeitritt und Dipl-ing.-Abschluß 1937. Diplomarbeit bei Wilhelm Walcher mit Messungen an einem Thomsonschen Parabelspektrographen zur Ausbeute von Glühanoden. Paul promovierte 1939 mit einer in Kiel durchgeführten Arbeit (während eines kurzen Urlaubs vom Militär s.u.) in Berlin (und pflegte später eine kleine Eitelkeit ob des Dr. ing., der damals mehr galt als der Dr. phil.).

* * *

Kiel war eine kleine Universität mit den vier Fakultäten Medizin, Jura, Philosophie/Philologie und (protestantische) Theologie: die Studentenzahl war von 3298 im Jahr 1933 auf 918 1937 gesunken[18]. 'Klein aber fein': Kiel war neben Königsberg und Breslau eine 'Grenzlanduniversität', in der eine juristische 'Stoßtruppfakultät' an die Stelle demokratischer und von Carl Heinrich Becker bewußt geförderter Rechtslehrer (Gustav Radbruch, Walther Schücking, Hermann Kantorowicz) getreten war und seit 1935 die 'Kieler Schule' bildete. An der 'Christian Albrechts Universität' hatte sich, wenn auch nur vorübergehend, von 1935 bis 1937, der Kreis um die oben erwähnte Zeitschrift für die gesamte Naturwissenchaft konzentriert. Schon vor 1933 hatten Kieler Studenten gegen profilierte Demokraten unter den Hochschullehrern, gegen den Theologen Otto Baumgarten, gegen den Juristen Walther Schücking Front gemacht. War diese Universität nicht eine besondere 'Kaderschmiede'? Ein sehr erfolgreicher junger Rechtshistoriker der Weimarer Zeit, Karl August Eckardt, half, die 'Kieler Schule' aufzubauen.

"Anders als bei seinen Lehrern Walther Merk und Herbert Meyer finden sich in Eckardts Arbeiten vor 1933 keinerlei germanentümelnde Töne. Auch eine antijüdische Haltung läßt sich nicht ausmachen". Eckardt (geb. 1902) beteiligte sich 1928 an der Festschrift für seinen Kieler Vorgänger Max Pappenheim, widmete ihm 1931 eine Arbeit zum 50. Doktorjubiläum und verfaßte 1934 einen freundlichen Nachruf. Seit dem 18.2.1932, also noch vor der Aufhebung des preußischen Verbots für Beamte, gehörte er der NSDAP an. 1933 war er Dekan in Bonn und Mitgründer des Godesberger NSKK-Ortsvereins. Er wurde nach Kiel zurückberufen, wo sein zukünftiger Schwiegervater Karl Rauch, der sein Amt übernommen hatte, beurlaubt wurde. Im Oktober 1933 trat er in die SS ein. Zum Tod des vertriebenen Kollegen Werner Wedemeyer hielt Eckardt eine 'mutige Ansprache', verurteilte das 'Kesseltreiben', das man gegen ihn veranstaltet habe. Im Oktober 1934 wurde er auf seinen Wunsch Hauptreferent der SS für Recht, Staat, Politik, Wirtschaft, Geschichte und erhielt einen Lehrstuhl an der Berliner Universität. Zum 1.1. 1935 wurde er Untersturmführer (Leutnant) im persönlichen Stab Heinrich Himmlers, bevor er im Reichssicherheitshauptamt seinen Platz fand. 1937 protegierte ihn Himmler vor Parteiangriffen mit der Bemerkung: "Er hat, als die Juden noch geschützt waren, in sehr geschickter Weise, ohne daß das Ausland Einspruch erheben konnte, sämtliche Juden auf deutschen Lehrstühlen dazu gebracht, selbst ihre Entpflichtungsanträge zu stellen". 1938 hatte er den Rang Sturmbannführer (Major). Sein Beitrag zum Ausbau der 'Kieler Schule': 1935 die Berufung von Friedrich Schaffstein auf den Lehrstuhl von Hentig, die von Paul Ritterbusch auf den von Walther Schücking für öffentliches Recht. Neben dem Kitzeberger Dozentenlager für Juristen hatte die Kieler Universität dann als erste ein Schulungslager für Studenten und die erste 'Dozentenakademie'. "Die Kieler Schule zeichnete sich in der Folgezeit durch eine vollständige Ideologisierung und Politisierung des Rechts bei gleichzeitiger Entrechtung des Individuums und seiner Würde gegenüber dem Staat aus... Was die Kieler Schule in jedem Fall leistete, war die öffentliche Bemäntellung nationalsozialistischer Willkür und Verbrechen, die ohne rechtliche Verkleidung offen als Gesetzwidrigkeiten erkennbar gewesen wären. Die Kieler Professoren gaben der NS-Diktatur die von dieser benötigte Legitimität. Sie lieferten Rechtfertigungsgründe zur permanenten Verfügung über den Ausnahmezustand, zur Verachtung des Gesetzgebungswesens, für das Vergeltungsprinzip im Strafrecht und den Rassismus der Staatsordnung".[19] Eckardt, Ritterbusch, Dahm und Siebert erarbeiteten 1935 juristische Leitsätze im Auftrag von Hans Franck. 1941 fertigte Eckardt zusammen mit den Brigadeführern Stuckart und Werner Best eine Festschrift zum 40. Geburtstag Himmlers, die ihm zum Jahrestag der Übernahme der Polizei überreicht wurde[20].

Eine besondere Rolle spielte in der Universität und auch für die Karriere von Hans Kopfermann der bereits erwähnte, langjährige Dozentenführer Hanns Löhr.

Hanns Löhr (1891-1941) war in Hohensolms bei Wetzlar aufgewachsen, hatte seine militärische 'Einjährigen-Ausbildung' 1911 in Gießen beim Infanterieregiment 116 erhalten und dann begonnen, Medizin zu studieren. Während sein älterer Bruder Wilhelm (1889-1941) sein Medizinstudium in Kiel abschließen konnte, bevor er in den Krieg zog, ging Hanns Löhr am 2. August 1914, vermutlich freiwillig, als Feldhilfsarzt zur Armee. Als er im März 1918 verwundet wurde, war er Bataillonsarzt und mehrfach dekoriert. Er legte 1919 sein Staatsexamen in Kiel ab und promovierte 1920 daselbst mit einem 'Versuch zur therapeutischen Anwendung von Kupfersalzlösungen bei der Behandlung von Typhus abdominalis'. Die Dissertaton war eine Auseinandersetzung mit medizinischer Scharlatanerie im Zusammenhang mit der 'unspezifischen Reiztherapie' von Schittenhelm, in dessen Klinik Löhr arbeitete. 1922/23 sammelte er pharmakologische Erfahrungen in Frankfurt, Berlin und Utrecht und publizierte eine Arbeit zur Wirkung von Adrenalin zusammen mit dem Bruder Wilhelm, der sich 1923 als Chirurg bei Anschütz in Kiel habilitierte. Während Wilhelm Löhr 1927 in Kiel Extraordinarius wurde und 1931 eine Klinik in Magdeburg-Altstadt übernahm, habilitierte sich Hanns Löhr 1925 mit einer Arbeit über das Thyroxin und wurde Klinikchef in Bethel (Krankenhaus Sarepta, Wohnung Burgsteig 8). Der Arzt übernahm politische Funktionen. Schon vor 1933 war er Kreisleiter der NSDAP in Bielefeld[21]. Als Schittenhelm 1934 nach München gegangen war, wurde Löhr im August in Konkurrenz zu Victor Weizsäcker zum Ordinarius für innere Medizin ernannt. Er hatte 1931 Aberglaube und Medizin publiziert[22]. Löhrs Parteikarte im BA/BDC zeigt die Nummer 478474, das Eintrittsdatum 1.März 1931, den gestrichenen Vermerk Sanitätsgruppenführer der SA, den zugefügten Vermerk 'o. Prof'; die Personalkarte des RME am gleichen Ort enthält die Einträge 'Ernennung zum Dekan am 18.4.35' (Mitteilung des Kurators) und 'verstorben' (Telegramm des Kurators vom 5.10.41). Im Ordner 483 'Führerbefehle' des BA/BDC unter SA-Sanitätsführerkorps wurde unter dem 1.8.1936 eingetragen: "Aus der SA scheiden auf eigenen Antrag aus: Sanitätsgruppenführer Hans (sic!) Löhr unter Enthebung von seiner bisherigen Dienststellung als Sanitätsgruppenführer z.V. bei der Gruppe Nordmark und seinem Dienstgrad". In Ordner Sl (Sammellisten) 32 des BA/BDC S.32 wird Löhr als SD-Mitglied geführt (und Rudolf Mentzel als beim Stab des Reichsführers SS); Sein hoher SS-Rang als 'Oberführer' (Generalmajor) und später 'Brigadeführer' mochte dem vorherigen in der SA entsprechen und ebenso seinen jetzigen Zuständigkeiten. Aus einem Nachruf geht hervor, daß er das rassenpolitische Amt für Schleswig Holstein leitete[23]. Außer ihm hatte höchstens der ein oder andere Spitzenfunktionär im Ministerium (Vahlen, später Mentzel) seinen SS-Grad. Löhr war mit Marianne Dieterici (geb.1898) verheiratet und hatte 'eine große Familie'. Die Nachrufe seiner Freunde hoben seine Musikliebe hervor und sein Nachfolger als Dozentenführer unterstrich das besondere Interesse des jedenfalls eigenwilligen `Psychosomatikers' an den 'Denkmethoden der Romantiker'. In seinem Nachruf hieß es auch:
"Im Gespräch zog Löhr gern einen Vergleich zur Technik. Hier wäre die Zuziehung eines Zauberers etwa beim Bau einer Brücke oder eines Flugzeuges wirklich Wahnsinn". Im übrigen sei es immer das Anliegen Löhrs gewesen, "klarzumachen, daß jeder Fortschritt und jede neue Erkenntnis nur dann möglich ist, wenn dem Geist keine von außen kommenden, nichtwissenschaftlichen Schranken gesetzt werden"[24].

Im Herbst 1935 war der Nationalsozialistische Deutsche Dozentenbund (NSDDB) mit einer ersten Tagung in Anwesenheit von Himmler, Ley, Rosenberg und Rust sowie des Ärzteführers Gerhard Wagner, des Münchener Gauleiters Wagner, des Arztes Willi Börger und anderer Prominenz in Erscheinung getreten[25]. Heß hatte den Arzt Gerhard Schultze zum NSDDB-Führer ernannt, "einen der ältesten Kämpfer der Bewegung, der am 9. November 1923 unmittelbar hinter Adolf Hitler marschierte"[26]. Der NSDDB spielte in der Folge nicht die große Rolle, die ihm zugedacht war, geriet eher zum Spielball unterschiedlicher hochschulpolitischer Interessen der Partner im Machtkartell. In Kiel profilierte er sich mit der 'NS Wissenschaftlichen Akademie des NSDDB' der Christian Albrechts Universität. Als diese Gründung sich ab 1938 mit den 'Kieler Blättern' ein Gesicht zu geben versuchte, schrieb Hanns Löhr im ersten Heft, daß die Akademie "keineswegs die Form der kosmopolitisch-humanistischen Gelehrteninstitute" haben solle, die außer in Frankreich keine nationale Tradition hätten. Der neuhumanistische Wissenschaftsbegriff verzichte auf deutschnationale oder völkische Lebensgestaltung, allerdings in schroffem Gegensatz zu Fichte, dem man logischerweise den Eingang in die königliche Akademie gesperrt hätte. Aus den gleichen Gründen wäre früher Kant und später Solger und Hegel die Aufnahme versagt geblieben. Als germanische Kieler Besonderheiten konnten die Haithabu-Forschung und die Kieler Isländische Bibliothek gelten. Zum Schluß bekräftigte Löhr die 'Totalität der NS-Weltanschauung':

"Unsere Aufgabe als NS-Hochschullehrer ist es, sie zu gestalten: eine neue Erkenntnislehre, eine neue Ethik, die Wissenschaft der artgemäßen, totalen Lebensordnung unseres Volkes."

Die Abordnung Kopfermanns nach Kiel fiel mit dem Amtsantritt eines neuen Rektors zusammen, dessen Wirken Hanns Löhr vier Jahre später historische Bedeutung beimaß:

"In unseren Tagen hatte die Universität Kiel wiederum das große Glück, eine durch und durch politische und wissenschaftliche Persönlichkeit zu besitzen: Paul Ritterbusch lehrte uns in seinem historischen vierjährigen Rektorat - und hier ist sein unablässiges, man muß sagen, fanatisches Streben nur mit dem bedeutsamen Wirken eines Welcker und eines Droysen für unsere Universität selbst bis in einzelne Züge hinein vergleichbar - hier lehrte er uns über das Wesen des Politischen, der politischen Wissenschaft und über die Bedeutung des wirklich politischen, nationalsozialistischen deutschen Professors..."[27]

Paul Ritterbusch hatte sich vor 1933 als Staatsrechtler und Spezialist für England ausgewiesen[28] und stand u.a. dem neuerdings von Königsberg nach Kiel verlegten 'Institut für Politik' vor. Das erste Jahr des Rektorats zeichnete sich durch eine Universitätswoche aus, die von Ritterbusch, aber auch von dem Skandinavisten Johannes Leonhardt und dem Vorgeschichtler Herbert Jankuhn angeregt war, vom 14.-19. Juni stattfand und als Kieler Spezialität, neben Recht und Vorgeschichte, die Verbindung mit Skandinavien hervorhob[29]. 1937 wechselte, wie berichtet, die Redaktion der 'Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft' von Kiel nach München. Die 'Kieler Blätter' der NSDDB-Akademie, die 1938 von Ritterbusch und Löhr herausgebracht wurden, verfolgten ein anderes Prinzip der 'Politisierung', das die Inhalte der Naturwissenschaften - aller Wissenschaften - nicht zu berühren schien. Friedrich Schillers Diktum "Wo das Gelehrte beginnt, hört das Politische auf" solle das neue Deutschland, daß der Klassiker vergebens suchte, kennzeichnen. Die Publikation knüpfte an eine gleichnamige, von Dahlmann 1815 gegründete, an, und Ritterbusch erläuterte sein Programm:

"Gibt es eine echte Verbindung und Übereinstimmung zwischen dem Wollen der Männer von 1815 und 1938 und gibt es über den bloßen Nutzen hinaus eine wirkliche Kontinuität in den Zielen und Aufgaben der Kieler Blätter von 1815 und 1938? Darauf wollen wir antworten... Es ist völlig einseitig, in unzulässiger Weise vereinfachend und die Wirklichkeit und Wahrheit verfälschend, wenn man das 19. Jahrhundert, vor allem das vormärzliche^, in Bausch und Bogen als westlerisch liberalistisch, wesensfremd oder gar als undeutsch bezeichnet, verurteilt und ablehnt. Eine solche einseitige, die Dinge allzu primitiv sehende Auffassung übersieht, daß auch das 19. Jahrhundert geschichtliche Lebensäußerung unseres Volkes gewesen ist, daß es neben allerdings wesensfremden und mit der Emanzipation des Judentums artfremden, letzten Endes zu einer Überfremdung führenden Einbrüchen von tiefsten Äußerungen unseres völkischen Wesens und seines Geistes durchdrungen ist, ja, daß erst mit ihm im Gegensatz zum 18. Jahrhundert, das ja mit wenigen Ausnahmen eine kaum überbietbare Überfremdung deutschen Wesens und Geistes gewesen ist, wiederum ein kräftiger, gesunder und starker Gemeingeist, ein echtes Selbstgefühl und eine wahrhafte Selbstachtung des deutschen Volkes und des deutschen Menschen zu einer sein Leben durchdringenden und erfüllenden Wirklichkeit geworden ist".[30]

Der Spezialist für die Geschichte der Verfassungsfrage zeichnete seine Sicht in großen Zügen: In Preußen habe sich unter Metternichs und Rußlands Einfluß anstelle eines Kompromißsystems der Dualismus von Staat und Gesellschaft entwickelt, der in einem Pluralismus gipfele. Der Bolschewismus habe das Gesetz des Pluralismus entwickelt und Klassenkampf, Parteien und Ideologien seien die Folge, wenn statt des Kompromißsystems der Ausnahmezustand zur begrifflichen Basis werde. Auf dieser falschen Basis hätten ebenso der Weimarer Vielparteienstaat, wie ein formaler, abstrakter Wissenschaftsbegriff gestanden.

* * *

Wieso wurde ausgerechnet Hans Kopfermann, der 'Parteilose', an diese, wie es aussieht, ideologische Hochburg geschickt? Den Berliner Funktionären in der Hochschule mochte er zu Beginn der neuen Ordnung Eindruck gemacht haben als Front- und Freikorps-Epp-Kämpfer. Manches spricht dafür, daß der 'Außenpolitiker' mit den Verbindungen nach Dänemark in die Grenzlanduniversität beordert wurde. Oder war es, daß jetzt - und besonders in Kiel - betont auf 'fachliche' Qualität und Orientierung Wert gelegt wurde? Oder hatte die Wahl überhaupt nichts mit Kiel zu tun und war nur die erstbeste Gelegenheit, in Berlin um Hans Geiger 'Platz zu schaffen'? Gerade war auch Richard Becker, der sich der Mißgunst des Kollegen Karl Becker vom HWA erfreute - Richard Becker war u.a. ein Sprenstoffexperte - ob er wollte oder nicht, nach Göttingen 'wegbefördert' worden. Seine Stelle wurde `anderweitig' verwendet.

Die dreiköpfige Familie Kopfermann fand eine Wohnung am Niemannsweg, Nr. 98, nicht weit vom Institut, nicht weit vom Wasser (auf dem Personalblatt ist die Adresse Roonstr.12 angegeben?). Die quasi 'Gartenstadt-Atmosphäre' gleich an der Förde, wo viele Kollegen wohnten (Hanns Löhr z.B. im 'Düsternbrook' 31) war etwas anderes als die Tempelhofer Stadtumgebung, und auch nicht ganz dasselbe wie das Umfeld der wilhelminischen Bauten in der Dahlemer Koserstraße. Aber das Institut in der Fleckenstraße 16 war leicht zu Fuß zu erreichen, wie einst in Berlin das KWI. Die Einkaufswege waren ähnlich wie in Dahlem, die Stadt natürlich kleiner, das Zentrum näher. Vor allem lagen Hafen und See vor der Haustür und drüben, gar nicht weit, erstreckten sich Arrø, Langeland und Laaland, und København lag nur wenig weiter in der Ferne. Kopfermanns richteten sich, ihren Vermögensverhältnissen entsprechend, mit betonter Anspruchslosigkeit ein. Maria Heyden kam im Sommer 1938 zu Besuch und erinnert sich noch heute[31], daß Hertha Kopfermann ihr beim Frühstück das Fehlen des Buttermessers erläuterte: sie käme sich damit zu bürgerlich vor.

Im Herbst 1937 war gerade noch Zeit , auch mit den Freunden in der dänischen Metropole über die Kieler Verhältnisse und die eigene Karriere zu sprechen. Das Frühjahr 1938 brachte die rapide Einschränkung der bis dahin relativ unbeschwerten Beziehungen zu den ausländischen und emigrierten Kollegen. Auch zum Einleben in der neuen Umgebung blieb nicht viel Zeit und angesichts der politischen Entwicklung auch keine Ruhe. Peter Brückner hat den Frühling 1938 den `schwarzen' genannt[32]. Dem Jugendlichen kamen die `machtleeren Räume' zwischen Schule und Hitlerjugend abhanden, die HJ wurde verschult, und die Angleichung der Schule an den Dienst ging mit dem Verbot der Reformpädagogik einher. Nelsonianer im Untergrund sahen sich am Ende, nur einzelne Organisationskerne im Rheinland überdauerten[33]. Ein eigens eingerichtetes Gestapo-Kommando nahm über 100 Verhaftungen vor. Andere retteten sich ins Exil[34]. Einigen wurde am 9. Dezember 1938 der Prozeß gemacht. Der Antisemitismus wurde nicht zuletzt durch die ökonomischen Schwierigkeiten angefacht, denen sich der Mittelstand infolge der Aufrüstung in wachsendem Maß ausgesetzt sah. Nach dem Münchner Abkommen dachte niemand mehr daran, die Haßkampagnen mit Rücksicht auf das Ausland einzuschränken[35].

Maria Heyden hat erzählt, wie sie im März '38 aus den Dolomiten nach Reit im Winkl fuhr, wo Kopfermann, Paul, Walcher Skiferien machten. Sie wanderten über die Grenze und der Posten erklärte, die Paßkontrolle sei abgeschafft, Oesterreich gehöre ab heute zum Reich.

Am 19.5. 1938 teilte Rektor Ritterbusch 'dem Herrn Kurator' mit, daß Kopfermann am Mittwoch, dem 25.5. um 12 Uhr im großen Hörsaal des physikalischen Instituts seine Antrittsvorlesung über das Thema "Experimentalvortrag über Elementarvorgänge bei der Lichtanregung" halten würde. "Ich gebe anheim, der Antrittsvorlesung beizuwohnen."

Die Sachmittelkarte Kopfermann der DFG/RFR im BA weist aus, daß er noch in Charlottenburg unter dem 19.8.1937 einen Antrag über 2000 RM für Pumpen gestellt hatte, der von Abraham Esau befürwortet und dann bewilligt wurde, ebenso im Oktober RM 2000.- für den Ankauf von Isotopen. Im Februar 1938 wurde ein Antrag auf 'Leihgaben von Prof. Westphal' gestellt und bewilligt, darunter eine Diffusionsapparatur. Bewilligt wurde auch ein Antrag auf Überlassung von 'Apparaturen, die Prof. Rausch von Traubenberg bewilligt worden waren', eine Stabilivoltanlage, ein Hochspannungsvoltmeter. Im Juni wurde die Übertragung von Apparaten der Sternwarte Kiel genehmigt. An der alljährlichen Physikertagung, diesmal in Bad Kreuznach, nahm Kopfermann nicht teil.[36]

Eine Geschichte ist selten die ganze Geschichte. Wilhelm Walcher beschrieb 1974 zum 60. Geburtstag von Wolfang Paul die fachlichen Zusammenhänge des Kieler Instituts. Seine Darstellung war schlüssig, auch ohne viel Bezug zu äußeren Umständen. Doch sie war eben nur eine Geschichte.

"Als H. Kopfermann am 1. Mai 1937 den Lehrstuhl für Experimentalphysik an der Universität Kiel übernahm, war er berufen worden mit dem Ziel, die spektroskopische Tradition von Rausch von Traubenberg und dessen Mitarbeitern fortzusetzen und auszubauen. Die Motivation dazu resultierte aus A. Unsölds astrophysikalischen Interessen: Will man aus der Analyse von Sternspektren Aussagen über den Zustand der Sternmaterie (Temperatur, Dichte der konstituierenden Stoffe in den verschiedenen angeregten und ionisierten Zuständen) gewinnen, so ist einerseits eine genaue Kenntnis der Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen den Zuständen, andererseits die Kenntnis der Linienverbreiterungen und -verschiebungen, insbesondere durch die Starkeffekte in der ionisierten Materie, Voraussetzung jeder Auswertung. So wird verständlich, daß der ganz der Kernmomentenforschung zugewandte Hyperfeinspektroskopiker Kopfermann die Untersuchung des Starkeffekts und damit in Zusammenhang der Übergangswahrscheinlichkeiten - in der Sprache des klassischen Modells "der f-Werte" - in sein Programm aufnahm, zumal vom Vorgänger Rausch von Traubenberg gute Voraussetzungen experimenteller und theoretischer Art für solche Untersuchungen geschaffen worden waren."[37]

* * *

Im Anschluß an seine ersten größeren, 1936 in den 'Naturwissenschaften' und in den 'Ergebnissen' publizierten fachliterarischen Arbeiten schrieb Hans Kopfermann in Kiel die Monographie zum Thema 'Kernmomente'. Dies Buch blieb sein einziges, das er in zweiter Auflage, 15 Jahre später, allerdings fast neu zu schreiben hatte, ohne jedoch den Titel zu ändern. Es erschien 1939/40 als Band IV in der Reihe 'Physik und Chemie und ihre Anwendungen in Einzeldarstellungen' bei der Akademischen Verlagsgesellschaft mbH, Leipzig: 'XVI und 270 Seiten, 117 Abbildungen, geheftet RM 19.40, gebunden RM 21.60'. Mit den Fortschritten in der Theorie des Atomkerns (in der Hauptsache wohl seit der Entdeckung des Neutrons), meinte der Autor, habe das Forschungsgebiet neuerdings an Interesse gewonnen.

"Es scheint daher an der Zeit zu sein, einmal das ganze Gebiet, das mit den mechanischen, magnetischen und elektrischen Momenten der Kerne in Beziehung steht, zu ordnen und in den größeren Rahmen der kernphysikalischen Betrachtung hineinzustellen"[38]
Im Vorwort vom August 1939 finden sich auch die in doppelter Hinsicht bemerkenswerten Sätze:
"Es hat sich gezeigt, daß das an sich heikle Problem der Kopplung des Atomkerns mit den Hüllenelektronen mit halbempirischen 'klassischen' Methoden besser gelöst werden kann als mit den üblichen quantenmechanischen Berechnungen. In der Darstellung wurde deshalb, S. Goudsmit folgend, überwiegend von einfachen Modellen und ihrer korrespondenzmäßigen Behandlung Gebrauch gemacht."
Kopfermann brachte seine Vorliebe für die 'korrespondenzmäßige' Betrachtung zum Ausdruck, die er nie aufgegeben hat. Und er bezog sich auf Samuel Goudsmit, nicht ahnend, daß ihm dieser Kollege sechs Jahre später als amerikanischer Offizier gegenübertreten würde, dem die Erkundung und Beurteilung deutscher Kernphysiker oblag. Es fielen im Vorwort weiter nur die Namen der Mitarbeiter Walcher und Paul, bei denen er sich 'herzlich für Rat und Hilfe' bedankte und der des Assistenten im Leipziger Institut, Hans Euler, den er auch in Kopenhagen getroffen hatte und dem er 'für einige aufschlußreiche Diskussionen' dankte. Die Einleitung begann mit einem historischen Überblick:
"... W. Pauli trat als erster (1924) für die Vorstellung ein, daß die Hfs ihr Dasein im wesentlichen einer magnetischen Kopplung zwischen Atomkern und Hüllenelektronen verdankt (magnetische Hyperfeinstruktur) und sagte in konsequenter Weiterführung dieses Gedankens die Grundzüge des Zeeman- und Paschen-Back-Effektes der Hfs voraus. In einer klassischen Untersuchung gelang es drei Jahre später E. Back und S. Goudsmit, einen größeren Teil der Hfs des BiI-Spektrums in ein einheitliches Termschema zu ordnen und durch Beobachtung des Paschen-Back-Effektes die Drehimpulsquantenzahl des Wismutkerns eindeutig festzulegen. In dieser Arbeit werden bereits alle typischen Gesetzmäßigkeiten der magnetischen Hfs vorgewiesen, insbesondere eine weitgehende Gültigkeit der Landéschen Intervalregel, welche ja als eine notwendige Folge magnetischer Kopplung anzusehen ist. Die Hfs-Forschung trat in ein neues Stadium, als H. Schüler (1928) mit der in flüssiger Luft gekühlten Hohlkathode den Doppler-Effekt der Hfs-Komponenten soweit herabdrücken konnte, daß die Möglichkeit bestand, auch sehr enge Strukturen zu untersuchen. Die Kombination von Schüler-Hohlkathode und Fabry-Pérot-Etalon mit besonders leistungsstarken Verspiegelungen erlaubte dann die Bestimmung einer großen Zahl von Kerndrehimpulsen ..."[39]
Als weitere Stationen der Forschung erschienen Friedrich Hunds Arbeit zu zweiatomigen Molekülen von 1927, die Atomstrahluntersuchungen von Rabi und Mitarbeitern 1934 (s.o), Fermis quantenmechanische Rechnungen zum elektronischen Magnetfeld im Kern 1930 und Goudsmits halbempirische Formel von 1933 samt Korrekturen durch Fermi und Segrè. Auch Sterns Messung des Protonenmoments 1933, die Schüler und Landé zu Erörterungen des Kernaufbaus veranlaßten:
"Einen deutlichen Hinweis auf ein Kernaufbauprinzip brachten diese Bemühungen - hauptsächlich wohl mangels der Kenntnis der Kernkräfte - nicht. Sie ließen aber mehr oder weniger klar erkennen, daß man dem Neutron ein magnetisches Moment zuordnen muß, welches die Größenordnung des Protonenmomentes hat und dessen Richtung der des Neutronendrehimpulses entgegensteht, so als ob es durch eine negative umlaufende Ladung hervorgerufen sei ..."[40]
Stern bzw. Rabi hatten dann aus Messungen am schweren Wasserstoff auf das Neutronenmoment geschlossen. Die als-ob-Vorstellung von der negativen Ladung im Kern war zunächst ja eine ganz konkrete gewesen[41]. Kopfermann erinnerte daran:
"In diesem Stadium der Kernphysik, in dem die Kerne aus Protonen und Elektronen aufgebaut gedacht wurden, brachte die Kerndrehimpulsforschung die wichtige Einsicht, daß Elektronen im Kern keinen Beitrag zum Kerndrehimpuls liefern. Diese Erkenntnis hat zusammen mit der Tatsache, daß die Kernelektronen auch nichts zur Kernstatistik beitragen, dazu geführt, dem Kernelektron erst mit dem Verlassen des Kerns (beim radioaktiven ß-Zerfall) eine selbständige Existenz zuzubilligen und an seiner Stelle dem neu entdeckten Neutron den ihm gebührenden Platz als Kernbaustein zuzuweisen."[42]
Das neueste auf dem Gebiet war die Atomstrahlresonanzmethode[43], und Kopfermann hatte schon im Vorwort beklagt, daß die "z.T. nur in Auszügen" veröffentlichten Messungen "kürzer gebracht werden, als sie es ihrer Bedeutung nach verdienen". In der Einleitung hieß es dazu:
"Eine direkte Methode zur Bestimmung der magnetischen Momente wird zur Zeit von Rabi und Mitarbeitern ausgebildet. Sie erlaubt, aus der Bestimmung der Lamorfrequenz eines Atoms oder Moleküls ohne elektronisches Impulsmoment im äußeren Magnetfeld das magnetische Kernmoment unmittelbar zu messen. Der Vergleich solcher experimentell bestimmter magnetischer Kernmomente mit den nach der Goudsmitschen Formel berechneten dürfte - an genügend vielen Einzelfällen durchgeführt - die Frage nach der Gültigkeit dieses Rechenverfahrens klären und darüber hinaus vielleicht sogar Anhaltspunkte für spezifische Kernkräfte liefern."[44]
Zum Schluß der Einleitung betonte der Autor noch einmal seine in das Arbeitsfeld gesetzte Hoffnung für die Kernphysik:
"Schließlich muß man gewärtig sein, daß bei Verfeinerung der Arbeitsmethoden bisher unbekannte Kerneigenschaften in Erscheinung treten. Ein schönes Beispiel hierfür liefern die elektrischen Kernquadrupolmomente, welche sich in systematischen Abweichungen von der Intervallregel innerhalb bestimmter Hfs-Multiplette bemerkbar machen und die Auskunft darüber geben, in welchem Sinne und in welchen Ausmaßen die elektrische Ladungsverteilung der Kerne von der Kugelsymmetrie abweicht (H. Schüler und Th. Schmidt, H. Casimir)"[45]

Wie in seinen früheren Arbeiten war auch in seiner Monographie keinerlei Rücksichtnahme auf nationalsozialistische Ideologie zu erkennen. Im Gegenteil, die vielen Namen von exilierten und diskrimierten Forschern lasen sich fast wie eine Hommage. Hans Bethe, Walter Elsasser, Immanuel Estermann, L. Farkas, Enrico Fermi, Robert Frisch, H. Fröhlich, Walter Heitler, N. Kemmer, Heinrich Kuhn, Alfred Landé, Gulio Racah, Emilio Segrè, Otto Stern, Eugen Wigner, sie alle waren exiliert und waren mit alten und neuen, zum Teil ausführlich vorgestellten Arbeiten in Kopfermanns Buch vertreten.

Es verstand sich von selbst, daß er des Kollegen Hermann Schülers Verdienste angemessen würdigte. Von den 10 Untersuchungen zur Hfs, experimentelle und theoretische, die er als grundlegende anführte, gingen vier auf das Konto von Schüler und Mitarbeitern (und eine, zur Isotopieverschiebung beim Blei, auch auf das eigene).

Peter Brix schrieb 1963 im Nekrolog:

"Die mit viel Liebe geschriebenen 'Kernmomente' bewahren auch den Geist, in dem Kopfermann seine Physik betrieb und in dem er sie lehrte: Durchdringung von Experiment und Theorie, Freude an der sauberen Messung und Suche nach dem handfesten theoretischen Verständnis, Auswahl des Wesentlichen. Sie sind die Frucht seiner Sicherheit im Umgang mit der Natur, aber auch zahlreicher Diskussionen, gründlich vorbereiteter Seminare, kurz vieler Arbeit"

Zeitgenössische Rezensionen waren nüchterner, doch durchweg lobend. So schrieb Michael Schön in den Physikalischen Berichten:

"Die Untersuchung der Kernmomente, die auf dem Gebiet der Spektroskopie als Hyperfeinstrukturforschung und Intensitätsproblem in den Bandenspektren schon eine breite und gesicherte Grundlage hat, hat durch die Entwicklung der Kernphysik an Bedeutung stark gewonnen. Die begrüßenswerte Darstellung dieses Gebietes in der vorliegenden Monographie durch einen seiner führenden Vertreter zeichnet sich nicht nur durch die übersichtliche Zusammenfassung der experimentellen Ergebnisse, sondern auch durch die einem Nichttheoretiker verständliche Darlegung der Atom- und kerntheoretischen Zusammenhänge aus. Im ersten Kapitel werden die Wechselwirkungen zwischen Elektronenhülle und Atomkern (magnetische Hyperfeinstruktur der Elektronenterme des Atoms, Hyperfeinstruktur und elektrisches Quadrupolmoment, Isotopieverschiebungseffekte) im zweiten die optischen Hyperfeinstrukturuntersuchungen, im dritten die Atomstrahlablenkungsversuche, im vierten die zweiatomigen Moleküle mit gleichen Kernen und Kerneigenschaften und im fünften die Fragen der Zusammenhänge zwischen Kernbau und Kernmomenten behandelt. Schrifttumsverzeichnis, Autoren und Sachregister..." [46]

Dem Charakter der 'Berichte' entsprechend, wird vor allem der Inhalt skizziert. Die Bemerkung, daß die Darlegung auch einem Nichttheoretiker verständlich sei, paßte ins ideologische Spannungsfeld der Auseinandersetzung um den inkriminierten 'Dogmatismus' und 'Formalismus' moderner Theorie, und sie traf die methodische Eigenheit Kopfermann, der zeitlebens an einer 'Anschaulichkeit' mit Hilfe bewährter Analogien zur 'klassischen' (Vor-Quanten-)Physik festhielt, an einer Abneigung gegen 'abstrakte', rein mathematische Modellierung. Das Denken in 'anschaulichen' Modellen, in das seine Generation hineingewachsen war, schien später und für die an axiomatisch systematisierter Quantenmechanik Geschulten unbefriedigend, wurden ein Problem für sich.

Schöns kurzer Besprechung gingen übrigens auf gleicher Seite Rezensionen von zwei weiteren Neuerscheinungen voraus: Theodor Vahlen, Abstrakte Geometrie, erschienen als (umfangreiches) Beiheft der Zeitschrift "Deutsche Mathematik" und Heinz Richter, Elektrische Kippschwingungen, Wesen und Technik.

In der Zeitschrift für technische Physik schrieb H. Korsching zu den 'Kernmomenten':

"In dem vorliegenden Buche wird die zusammenhängende Darstellung eines seit über zehn Jahren bestehenden Gebietes gegeben, das sich mit mechanischen und magnetischen Kernmomenten, sowie dem elektrischen Quadrupolmoment des Atomkerns beschäftigt. Obwohl das Gebiet keineswegs zum Abschluß gelangt ist, so ist doch die erste Phase schneller Entwicklung vorüber und bereits eine Menge von experimentellem Material zusammengetragen worden... Unter anderem wird auf die verschiedenen Kernmodelle eingegangen... Das Buch wird jedem von bestem Nutzen sein, der sich eingehend über das Gebiet orientieren will..."[47]

Korschings Rezension der 'Kernmomente' erschien in Gesellschaft einer anderen, von Rudolf Frerichs, zum "Atlas typischer Nebelkammerbilder", den Wolfgang Gentner, Heinz Maier-Leibnitz und Walter Bothe im KWI für medizinische Forschung Heidelberg gerade herausgebracht hatten und der die Kernphysik von einer ganz anderen Seite beleuchtete[48].

In der Physikalischen Zeitschrift schrieb H. Gollnow, Hermann Schülers Mitarbeiter, die ausführlichste Besprechung. Die stand wiederum zwischen zwei Anzeigen vom Zeitgeist geprägter Produkte, zwischen Carl Friedrich Weizsäckers längeren Ausführungen zu Max Caspars Übersetzung und Edition (bei Oldenbourg, München) von Johannes Kepler, Weltharmonie und L. Schillers kurzer Rezension von A. Mittasch, Julius Robert Mayers Stellung zur Chemie aus dem Chemie-Verlag Berlin. Gollnow schrieb:

"Den seit Jahren für den Kernphysiker immer fühlbarer gewordenen Mangel an einer Zusammenfassung der Methoden, Ergebnisse und theoretischen Grundlagen der Kernmomentenforschung ist mit dem hier besprochenen Buch glücklich abgeholfen worden. Kopfermann, selbst Fachmann auf diesem Gebiete, gibt in klarer und sachlicher Darstellung, die durch gute und reichhaltige Abbbildungen unterstützt wird, einen ausführlichen Überblick über den heutigen Stand dieses Zweiges der Kernphysik..."

Er schloß nicht ohne eine kleine kritische Bemerkung:

"In einer Tabelle sind die aus den Hyperfeinstrukturen erhaltenen Kernmomente noch einmal zusammengestellt. Der Wert dieser Tabelle dürfte ein noch höherer sein, wenn der Verfasser ein eigenes Literaturverzeichnis hierfür gegeben und nicht auf das veraltete, von Bethe und Bacher verwiesen hätte, da bei der Hälfte der angeführten Kerne die Werte verbessert oder neu hinzugekommen sind..."

Kopfermanns Darstellung der bisherigen 'Versuche zur Ermittlung des magnetischen Momentes freier Neutronen' wurde ausdrücklich hervorgehoben.

Im fünften, dem Schlußkapitel, "Kernbau und Kernmomente" behandelte Kopfermann die Proton-Neutron-Kräfte in Analogie zur Bindungsenergie zweiatomiger Moleküle als 'Austauschkräfte', vermittelt durch "virtuelle" ß-Zerfälle der Nukleonen, um schließlich in für ihn charakteristischer Prosa festzustellen:

"Gegen die hier skizzierte Theorie der Proton-Neutron-Kraft sind schwerwiegende Bedenken erhoben worden, die somit auch die Erklärung der magnetischen Zusatzmomente der schweren Kernteilchen treffen. Man kann sich dies in einfacher Weise so klarmachen: die Lebensdauern der ß-Strahler sind gemessen an den Zeiten, die im Kerngeschehen üblicherweise vorkommen, ungeheuer groß, die Wahrscheinlichkeit für die Emission oder Absorption der ß-Teilchen wird also äußerst gering. Das bedeutet aber, daß die Wechselwirkung zwischen "ß-Teilchenfeld" und schweren Kernteilchen sehr klein ist ... Einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten versprechen die neuerdings in der durchdringenden Komponente der Höhenstrahlung beobachteten schweren Elektronen (Mesotronen) zu zeigen ... Wenn man solche Teilchen, so wie dies YUKAWA zuerst getan hat, an Stelle von ß-Teilchen und Neutrinos als Vermittler der Kernkräfte setzt, so ergibt sich das folgende Bild des Ladungsaustauschs zwischen Proton und Neutron: ein Neutron emittiert ein negatives schweres Elektron und verwandelt sich dabei in ein Proton, ein anderes benachbartes Proton absorbiert das schwere Elektron und wird zu einem Neutron. Wiederum braucht der Zwischenzustand nur virtuell zu sein ... Ob diesem Versuch, die magnetischen Zusatzmomente der Kernbausteine im Rahmen einer Theorie der Kernkräfte zu deuten, Vertrauen geschenkt werden darf, wird in erster Linie davon abhängen, ob das hier geforderte Teilchen mit dem experimentell sichergestellten schweren Elektron vor allem bezüglich Masse und Spineigenschaften identisch ist."[49]

Den Abschluß seiner 'literarisch' produktiven Kieler Phase kennzeichnete ein zweiteiliger Beitrag zum Thema "Magnetische Dipolstrahlung und Kernmomente" im 29. Jahrgang der Naturwissenschaften, 1941. Während in den optischen Hfs-Messungen elektrische Dipolstrahlung beobachtet wurde, handelte es sich bei den erzwungenen Übergängen (zwischen Zuständen ein und desselben Hfs-Multiplets) der Atomstrahlresonanzmethode um magnetische Dipolstrahlung. Der Autor hatte im Vorwort zu den 'Kernmomenten' bedauert, daß die neuen Experimente "kürzer gebracht werden, als sie es ihrer Bedeutung nach verdienen". Jetzt versuchte er, dieser Bedeutung gerecht zu werden. Ganz offensichtlich sah er in der neuen Methode die Zukunft seines Arbeitsgebietes. Es ist zu vermuten, daß angesichts des technischen (und finanziellen) Aufwand unter den gegebenen Umständen an eigene Experimente nicht zu denken war. Als 1943 dann ein ,Grossprojekt`, der Betatronbau, ins Auge gefaßt werden konnte, war eine Atomstrahlresonanzapparatur vermutlich nicht durchsetzbar, wohingegen der Beschleuniger eher zu aufkommenden Konzepten und Spekulationen paßte, womöglich auch zu finsteren (s.u.).

* * *

Mit allgemeiner Mobilisierung und Kriegsbeginn wurde die Kieler Universität, wie die meisten anderen, geschlossen. Hans Kopfermann und Wilhelm Walcher wurden auf Anforderung von Wilhelm Westphal nach Berlin beordert, als Ersatz für eingezogene Lehrkräfte an der TH, die als 'kriegswichtig' weiterarbeiten sollte.

Schon am 26. November 1939 konnte Hanns Löhr in Kiel eine Reihe von 'Kriegsvorlesungen für das deutsche Volk' eröffnen und die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs für den 1. Januar ankündigen. Löhr nannte einen Krieg total, wenn er ebenso ein militärischer wie ein geistiger sei: Während des Weltkrieges habe niemand die Bedeutung des totalen Krieges so klar erkannt wie Ludendorff, der 1917, als er den Oberbefehl übernahm, gefragt habe: wo bleiben denn die geistigen Kräfte neben dem rein Militärischen? In Kiel habe damals Ferdinand Tönnies dem Volk die größten Dienste geleistet mit profunder Kritik englischer Ideologien:
"Es ist das Wesen der Wissenschaft, daß sie letzten Endes durch die Selbsttätigkeit des forschenden Geistes lebt und darin ihre tiefste sittliche Norm hat. Wir haben zwar keinen unmittelbaren Auftrag, wir nehmen ihn aber aus uns selbst, aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der Führung geistiger Waffen im Kriege, aus der Erkenntnis, daß die deutsche Wissenschaft das wirkliche deutsche Wesen verkörpert. Ihre Verteidigung wird auch im Kriege mit am besten und tiefsten deutsches Wesen und deutsche Art zum Bewußtsein des deutschen Volkes bringen. Letzten Endes beruht aber auf diesen die geistige Haltung aller Deutschen. Hier liegen die Quellen der Kraft zum sicheren Siege"[50].

In dieser 'Kieler' Ansicht von der 'geistigen Kraft' der Wissenschaft traf sich der traditionelle Elite-Gedanke mit einer in der Durchbruchsphase zunehmend bestimmenden Tendenz der Wissenschaftsplaner in der Diktatur. Paul Ritterbusch sprach bei gleicher Gelegenheit zu 'Hochschule und Wissenschaft im Krieg', weniger über den Kraft-Zauber und mehr über die konkrete Rolle der Naturwissenschaften:

"Ja, von ihnen wird der konzentrierteste Einsatz gerade im Kriege verlangt, der ja, um es mit Hegel zu sagen, die entscheidende Bewährungsprobe der Völker bildet."
Der Kampf von heute sei der der Techniker. Forschung und Lehre in bewährter Einheit müßten in Trimestern intensiviert werden, neben dem Soldaten stünde - jeder sei sich darüber wohl klar - gleichberechtigt und gleich notwendig der wissenschaftliche Forscher, der Chemiker, der Physiker, der Techniker und der Ingenieur
"So sehr für den Soldaten die Höhe und die Güte seiner Ausbildung entscheidend ist, so entscheidend ist für jene ihre Ausbildung durch die wissenschaftliche Lehre, die damit, wie bereits gesagt, wesensnotwendig neben die Forschung tritt und von ihr nicht losgelöst werden kann... Es ist ein großer Irrtum, zu meinen, daß in der Gegenwart des totalen Krieges das geistige Leben der Völker sich von den militärischen Aktionen abstrahieren ließe, zuletzt mit ihnen überhaupt nichts zu tun habe"
Der Krieg sei die Fortsetzung der weltanschaulichen Kämpfe, die das Europa der Gegenwart erfüllten, sei der Kampf um die europäische Völkerordnung[51].

Nachdem der Lehrbetrieb wieder aufgenommen war und das 'Kriegsglück' nichts zu wünschen übrig ließ, feierte die Universität im Herbst 1940 ihr 275-jähriges Bestehen mit Lehrveranstaltungen, einem Festakt am 26. Oktober und einer Aufführung von 'Fidelio' im Stadttheater am 1. November. Es sprach u. a. Carl Schmitt über 'Europäische Neuordnung und europäischer Friede'. Zum Festakt waren Rust und Mentzel gekommen. Es spielte das Collegium Musicum. Gauleiter Hinrich Lohse stellte den Kieler Studenten Uwe Jens "der das Banner der Freiheit in unserem Lande ergriff" neben Horst Wessel, "der das deutsch-germanische Banner trotzig durch die Lande trug". Beider Kampf sei

"für uns letzte Verpflichtung, geschlossen dafür einzustehen, daß der Arbeiter der Faust und der Arbeiter der Stirn und des Geistes gemeinsam die Garanten des Großdeutschen Reiches bleiben, solange ein deutsches Volk auf dieser Erde existiert".[52]
Im Rahmen der Jubiläumsfeiern führten die Mitarbeiter im Physikalischen Institut, allen voran Wolfgang Paul, einen 'automatischen Professor' vor, eine Ja-Sager-Puppe, die einen Schalthebel aufwies, mit dem 'sie sich auf jedes Regime einstellen ließ': eine Parodie auf Hochschullehrer, die 'die Wahrheit mit der jeweils von oben kommenden Parole verwechselten' (ein jedem verständlicher Bezug auf Rusts abfällige Feststellungen zu Voraussetzungslosigkeit und Wertfreiheit der Wissenschaft, aber auch auf die (noch immer schwelende) Kontroverse um die 'Deutsche Physik'. Die Reaktion auf diese 'Provokation' kennzeichnet den Moment und die Umgebung: eisiges Schweigen und zornrot anlaufende Gesichter (Lohse?), dann Gelächter und Bravo einer Hauptfigur (Löhr?) und allgemeiner Beifall[53].

Zum Jubiläum gaben Paul Ritterbusch, Hanns Löhr, Otto Scheel und Gottfried Ernst Hoffmann 'im Auftrag der Wissenschaftlichen Akademie des NSD-Dozentenbundes der Christian Albrechts Universität' eine Festschrift heraus. Sie erschien 1940 bei Hirzel in Leipzig, Hans Kopfermann beteiligte sich mit einem kurzen Aufsatz (viereinhalb Seiten) zur Geschichte der Physik in Kiel. Er schrieb u.a.:

"Geigers Nachfolger wurde bei seinem Weggang nach Tübingen Heinrich Rausch von Traubenberg, in dessen Händen die Leitung des Instituts für Experimentalphysik von 1931 bis 1937 lag. In dieser Zeit entstanden neben kernphysikalischen Arbeiten vor allem die schönen Starkeffektuntersuchungen am Wasserstoffspektrum, die Traubenberg schon in Prag begonnen hatte und die er hier zusammen mit seinen Schülern zu höchster Experimentierkunst hat entwickeln können."[54]

Der 'Starkeffekt' hatte über die engere Fachwelt und den Nobelpreis hinaus eine Note vom Prestige des 'alten Kämpfers' und der jetzigen (für Eingeweihte allerdings mehr oder weniger hinfälligen) 'Führer-Stellung' des Entdeckers. Kopfermann ehrte den entrechteten Vorgänger Traubenberg, stärkte dessen Verdienst und konnte die eigene Angriffsfläche dank des Arbeitsfeldes minimisieren. In diesem Fall war rhetorische Anpassung an die Diktatur ohne 'Selbstaufgabe' nicht allzu schwer.

Die Festschrift wollte - in den Worten der Herausgeber - :

"mit ihren dreiundzwanzig Beiträgen einer künftigen umfassenden Geschichte der Christian-Albrechts-Universität vorarbeiten und gleichzeitig der Erforschung der Wissenschaftsgeschichte dienen."

Das Werk enstand "an der heimatlichen Front, unter englischen Luftangriffen und dem dröhnenden Abwehrfeuer unserer Flak". Wie um eventuellen 'Mißverständnissen' vorzubeugen, wurde eingangs bemerkt:

"Wie an anderen Hochschulen, so sind auch hier im Laufe des 19. Jahrhunderts, anfangs vereinzelt, später in größerer Anzahl, Juden in den Lehrkörper eingedrungen. Sie haben hier lange Jahre Lehre und Forschung des deutschen und germanischen Rechtes vertreten, aber auch im Bereich der Naturwissenschaften Einfluß ausgeübt. Ihre Namen sind in den wissenschaftsgeschichtlichen Beiträgen erwähnt. Künftiger Untersuchung bleibt es vorbehalten, die Bedeutung des Judentums für die Kieler Universität und ihre einzelnen Fakultäten zusammenfassend zu behandeln".

* * *

Kiel mit seinem Kriegshafen war exponiertes Ziel englischer Luftangriffe. Die ersten Bomben fielen in der Nacht von 1. auf den 2. Juli 1940, weiterere Nachtangriffe folgten im Oktober (16./17.) und im März 1941 (11./12.). Hertha Kopfermann hatte im Mai 1940 Renate zur Welt gebracht. 'Patin' wurde Lotte Gmelin.

Mit den Gmelins, deren Kinder etwas älter waren, als die eigenen, hatten Hertha und Hans sich angefreundet, die Männer waren Fakultätskollegen. Der württembergische Pfarrerssohn Hermann Gmelin (1900-1958) hatte ursprünglich Elektrotechnik studieren wollen, war über einer Italienreise zur Romanistik gekommen und hatte 1925 bei Leonardo Olschki (1885-1961, 1933 exiliert) in Heidelberg über 'Personendarstellung bei den florentinischen Geschichtsschreibern der Renaissance' promoviert. Er hatte auch über Saint Beuve, Renan und Taine gearbeitet und sich 1930 in Leipzig habilitiert. Als seinen besonderen Lehrer betrachtete er Philip August Becker. Gmelin war dann Lektor in Bologna und war seit 1931 verheiratet mit Charlotte Patzki (geb. 1904), Tochter von Elisabeth Samson Himmelstjerne und dem Leipziger Arzt Felix Patzki. Vier Kinder wurden geboren. Gmelin war zum 1.5. 1933 in die Partei eingetreten, hatte in Gdanks eine Lehrstelle, 1935/36 vertretungsweise in Kiel und war 1936 dort Ordinarius geworden. Er übersetzte italienische Dichtung, und 1940 erschien von ihm 'Dantes Weltbild'. 1943 publizierten die Kieler Blätter seine Übersetzung des 15. und 16. Gesangs der Comedia Divina. Seit 1940 war Hermann Gmelin Soldat auf dem Balkan. In Kiel vertrat ihn Wilhelm Giese[55].

Angesichts der drohenden Bombengefahr hatten die Familien Gmelin und Kopfermann Quartier in Bayern, auf dem Land am Chiemsee, bezogen[56]; die Männer versahen ihren Dienst, der eine im 'Feld', der andere an der 'Heimatfront'. Nach kleineren Bombardements in den Nächten vom 1./2. Juli 1940, 16./17. Oktober 1940 und 11./12. März 1941 kam es in der Nacht vom 8. auf den 9. April 1941 zum ersten größeren Angriff. Am 30. Juni wurde die Stadt zum erstenmal bei Tag bombardiert und in einer Oktobernacht (23./24.) warfen 64 englische Bomber je 1 t Bomben über Kiel ab. Als die Casablanca-Beschlüsse der Alliierten umgesetzt wurden und ab Ende 1943 tausende von Flugzeugen Schiphol, Bremen, Hamburg, Kiel und andere Städte in der `Combined Bomber Offensive' bombardierten, waren Kopfermanns längst nach Göttingen umgezogen. Das Physikalische Institut wurde schon im Frühjahr 1942, kurz vor dem Weggang Kopfermanns, zerstört. Später wurden Gmelins (Caprivistraße 12a) während ihrer Abwesenheit `ausgebombt'.

Anfang 1941 ging Paul Ritterbusch als Ministerialbeamter nach Berlin; er wurde - mit den Worten Löhrs - "vom Reichserziehungsminister mit dem Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften betraut. Man kann nur sagen, zum Wohl der Geisteswissenschaften selbst". Am 6. Mai 1941 übernahm Hanns Löhr die Rektoratsgeschäfte. Seine Rektoratsrede bekräftigte noch einmal die 'Kieler Auffassung', daß Wissenschaft und Volksgemeinschaft eins seien, und eine Auseinandersetzung über dies Verhältnis längst überholt wäre.

"Wir wollen zwar offen zugeben, daß die Wissenschaft des 1933 abgeschlossenen Zeitalters, ohne sich hierüber selbst im Klaren zu sein, im Dienste der teils freimaurerisch, wenn nicht jüdisch gefärbten Humanitätsidee und deren Bildungsideal stand. Man nannte das 'reine, zweckfreie Wahrheit, nichts als absolute Wahrheit' und meinte, daß die Gesetze, denen der Geist gehorcht, nicht das geringste zu tun hätten mit Politik, Konfession oder sonstigen Abstufungen des Menschentums. Dieser Begriff einer voraussetzungslosen, 'objektiven' Wissenschaft ist heute, im neunten Jahr nach der Machtergreifung längst überwunden. Wir brauchen das also gar nicht mehr besonders zu unterstreichen. Jede Wirklichkeitswissenschaft ist stets an eine persönliche, zeitgeschichtliche Voraussetzung gebunden. Nur aus dem Strome der jeweiligen Gegenwart heraus kann die Wissenschaft in die Wirklichkeit eingreifen. Volksgemeinschaft und Wissenschaft stehen nicht mehr im Gegensatz zueinander..."
Die patriotische Vergangenheit, auch die eigene, schien dem neuen Rektor eine Garantie für den Fortbestand der Universität.
"Von Kiel aus zogen Dozenten und Studenten in den Freiheitskampf und ließen ihr Blut bei Bau für ihr Vaterland. Von hier aus zogen wir als Kieler Studenten 1914 in den Weltkrieg nach Langemarck und verspritzten unser Blut auf zahlreichen anderen Schlachtfeldern. Hier säuberten wir als studentisches Freikorps nach der Novemberrevolte Kiel von spartakistischen Horden. In Reih und Glied standen wir nebeneinander, Offiziere, Dozenten, Studenten und Arbeiter, alles Frontsoldaten. Das läßt sich nicht mehr wegwischen und so muß und wird auch die Landesuniversität in Kiel bleiben und damit erledigt sich das immer wieder aufkommende Gerede von einer Verlegung der Universität..."[57]

Tatsächlich gab es im Laufe des Sommers seitens des preußischen Finanzministers Popitz Bestrebungen, die Kieler Universität 'einzusparen'. Löhr setzte alle Hebel in Bewegung und konnte die Kieler Kollegen bald beruhigen. Die Linie, die er als Rektor verfolgte, war, wie schon in einer Auseinandersetzung mit Bachèr 1936, offenbar nicht die eines 'engstirnigen', auf dogmatische Ausrichtung bedachten Parteigenossen, sondern setzte eher den von Eckardt seinerzeit eingeschlagenen (SS-) elitären Kurs fort.

Der Rektor begann seine Amtszeit mit einem allgemeinen Revirement. Den Dekan der philosophischen Fakultät, den Germanisten Clemens Lugowski, ersetzte er durch Hans Kopfermann. Diese Ernennung war vermutlich in Kriegszeiten ein ganz passendes Zeichen für die 'Mobilisierung' der philosophischen Fakultät. Kopfermann war seit 1934 Mitglied in der Reichsschaft Hochschullehrer im NSLB und damit wohl später auch im NSDDB und sonst in keiner Parteiorganisation[58]. Also tat Löhr ein übriges und bestimmte ihn, der Partei beizutreten. Hertha Kopfermann hat gemeint: "das wäre nicht passiert, wenn ich da gewesen wäre"[59]. Hatte Kopfermann sich `überrumpeln' lassen?

Zu Kopfermanns Aufnahmeantrag in die Partei gab der neue Dozentenführer, Enno Freerksen unter dem 17. Juni 1941 die in der Einleitung (s.o., Polyphonie...) ganz wiedergegebene Stellungnahme ab, in der es hieß:

"Der Dozentenbund Kiel hat Gelegenheit gehabt, Kopfermann in seiner ganzen Haltung jahrelang zu beobachten". Es muß festgestellt werden, daß K. alle Bedingungen bestens erfüllt, die an einen einsatzbereiten Parteigenossen gestellt werden müssen. In dieser Erkenntnis ist auch Prof. Kopfermann zum Dekan der philosophischen Fakultät ernannt worden, obwohl er nicht Parteigenosse war. Es kommt das nur in einigen wenigen Ausnahmefällen vor, in denen alle Beteiligten Stellen der Überzeugung sind, daß der Betreffende als ebenso zuverlässig wie ein Parteigenosse zu beurteilen ist..."

Auch der Kreisleiter (Jensen(?)) stimmte unter dem 1.7.1941 zu, und Kopfermann wurde in die Ortsgruppe Kiel-Düppel aufgenommen. Ein Parteibuch hat er, wie er später im Entnazifizierungsfragebogen eigens vermerkte, nie besessen.

Löhr starb überraschend am 4. Oktober 1941, nachdem er seinen Bruder Wilhelm wenige Wochen zuvor verloren hatte. Wie stand der Arzt und Brigadeführer der SS im Reichssicherheitshauptamt zum Euthanasieprogramm, was wußte er über die Einsatzgruppen und die Genozidpläne der SD-Kollegen? Sein Tod fällt mit dem Beginn der Genozidphase des Regimes zusammen[60].

Hanns Löhr litt seit Jahren an sehr schmerzhaften Gichtanfällen. Gauleiter Lohse bescheinigte ihm im Nachruf "großartigen Einsatz für die Bewegung trotz großer Familie und Chefarztstellung". Paul Ritterbusch stellte Zarathustras Rede vom freien Tode an den Anfang seines Nachrufs. Darum hatte Löhr den Freund gebeten ("verprich mir, daß Du, wenn Du nicht mehr in Kiel bist, kommst"), und er habe alles geordnet, als er das Ende nahen fühlte. Noch einmal ging Ritterbusch auf Löhrs Auffassung von Wissenschaft - und auf Differenzen unter Parteigenossen - ein:
"Nichts hat ihm mehr weh getan, als wenn er in Kreisen der alten Kämpfer Unverstand und herabwürdigende Auffassung vom Wesen der Wissenschaft und des Gelehrten fand. Nichts konnte das Explosive seines Charakters mehr entfesseln als Verachtung der deutschen Wissenschaft und des deutschen Professors. Er fühlte sich selbst tief getroffen und war gewillt, seine Ehre mit der Waffe in der Hand jederzeit zu vertreten. Aber aller Kampf um die Ehre und Würde des deutschen Professors und der deutschen Wissenschaft wuchs ihm aus der, aus seinen Forschungen über die Geschichte der deutschen Wissenschaft immer tiefer werdenden Überzeugung, daß jede Herabwürdigung und jedes Herabsinken der deutschen Wissenschaft auf die Dauer eine tödliche Gefahr für die Zukunft unseres Volkes bedeutete. Manches offene Wort und manche Warnung hat er von diesem Katheder her ausgesprochen..." "Als ich am Sonntagmorgen unseren Amtschef, Prof. Mentzel vom Tode Löhrs unterrichtete, da sagte er: mit ihm ist eine unserer stärksten Säulen gefallen."

Die Meinungen über Löhr gehen auseinander. Helmut Heiber kam bei aller Skepsis gegenüber Aussagen des Kieler Hochschullehrers und ehemaligen Schriftleiters der 'Kieler Blätter', Herbert Jankuhn, Löhr habe die 'scharfe Note' nach Kiel gebracht und der Gauleiter Lohse, ein Duzfreund Löhrs, sei eher ein gemäßigter Parteigenosse gewesen, auch zu dem Schluß:

"über die unheilvolle Rolle des Gaudozentenführers und nun also auch Rektors jedoch gibt es keinen Zweifel."

Aber er referierte auch, daß Christian Kinder, der Stellvertreter und Nachfolger Max Sitzlers als Kanzler, Löhr eher für einen 'etwas tappsigen und unbeholfenen Bären' gehalten habe[61].

Ob tappsiger Bär oder Zugpferd der SS - Tatsache bleibt, daß Hans Kopfermann aus Gründen, die mit Löhr zusammenhängen, in die Partei ging. Wilhelm Walcher erinnerte sich, daß Kopfermann ins Institut kam und im Kreis seiner engsten Mitarbeitern ziemlich bestürzt erklärte: "jetzt haben sie mich"; worauf einer treuherzig gemeint habe: "aber Herr Professor, wir wissen doch, wie sie denken"[62]. Offenbar stand einiges auf dem Spiel und die Parteimitgliedschaft konnte nicht ohne Folgen bleiben. Vor vielen Jahren hatte Friedrich Brunstäd - im Nachhinein vielleicht selbst nicht gerade weitsichtig - den jungen Studenten für zu 'naiv' gehalten. Hier war Kopfermanns Gegenüber nicht der ältere Mentor, sondern ein kaum älterer Arzt und Kollege. Menschliche Sympathien, selbst wenn sie bestanden haben sollten, hätten sich in Zeiten, wo man auf die Freunde der Freunde zu achten gewohnt war, mit dem SS-Arzt und Freund der Chefs von SD und Gestapo[63] wohl kaum entwickelt. War es der Dienstvorgesetzte, der Kopfermann bestimmte, war es ein 'Rat' unter Kollegen, eine Kooptation, war es auf Kopfermanns Seite ein wie auch immer 'diplomatisches' Eingehen oder gab es, menschlich, hochschulpolitisch, politisch etwas, das den Preis wert war, oder wäre der Preis für die Ablehnung zu hoch gewesen? Parteibeitritt als Tarnung für Pläne und Tätigkeiten war zu rechtfertigen und konnte umgekehrt die Aufforderung zu solchen Tätigkeiten bedeuten, konnte jedenfalls gelegentlich den Handlungsspielraum ausdehnen. Aber kann davon die Rede sein? Rudolf Mentzel, der Kopfermann immer wieder im Auge gehabt haben muß, hätte ihn längst unter Druck setzen können. Gab es eine Absprache zwischen ihm und 'einer unserer stärksten Säulen'? Eine Vereinbarung, die auf eine festere Einbindung in eine der hochschulpolitischen (und zum Zeitpunkt des Unternehmen Barbarossa und des Generalplans Ost generell politischen) Machtfraktionen? War ihm gar die Aufnahme in die SS angeboten worden und der Parteibeitritt das kleinere Übel? Spielte die 'geheime Kriegstätigkeit' Wilhelm Walchers im 'Uranverein' (s.u.), auf die im Gutachten Freercksens angespielt wurde, ein Rolle?

Über die Rektoren der Kieler Universität schrieb Erich Hoffmann 1969 in "Die Christian Albrecht Universität im Dritten Reich"[64]:

"Die drei am meisten politisch engagierten Rektoren leben nicht mehr. Hanns Löhr, energiegeladen, obwohl von Gicht geplagt, starb nach halbjährigem Rektorat am 4.10.1941. Paul Ritterbusch, 1937-1941 Rektor, dann in Berlin, war eine Mischung von Bohémien und Landsknecht, ideenreich, aber in der Arbeit nicht ausdauernd, vor allem in den letzten Jahren, wohl weil er das Desaster kommen sah. Am Muldeübergang nahm er sich am 26. April 1945 das Leben. Georg Dahm, 1935-1937 Rektor, ging 1939 nach Leipzig, 1941 nach Straßburg. Nachdem er das Rechtsstudium in Dacca/Pakistan aufgebaut hatte, wurde er zum 1. Mai 1955 wieder in die Kieler Fakultät berufen, zu deren angesehensten und bedeutensten Mitgliedern er zählte..."

* * *

Die Zeitschrift für Physik weist nach der letzten Berliner Publikation zur Kernspinänderung beim Betazerfall von Rubidium 87 in Strontium 87, in Band 108, 1938, bis 1941 keine Arbeit Kopfermanns auf. Der Neuanfang in Kiel, die Lehraufgaben, vor allem aber die Arbeit an den `Kernmomenten' nahmen alle Kraft und Zeit in Anspruch.

In Band 117 der Zeitschrift für Physik erschien 1941 'Über eine Methode zur Beobachtung sehr kleiner Starkeffekte' von Ludolf Jenckel, z.Z. im Felde und Hans Kopfermann, eingegangen am 30. 10. 1940 aus Kiel. W. Lochte-Holtgreven hatte bei den Rechnungen Unterstützung geleistet, Albrecht Unsölds Starkeffektformel wurde verwendet. Die am Ca I Spektrum ausprobierte 'Jenckel-Kopfermann-Methode' fand dann gleich noch einmal Verwendung in einer Arbeit die am gleichen Tag bei der Zeitschrift einging: 'Über den Stark-Effekt der Strontium-I-Resonanzlinie Lambda = 4607 Å' von Hans Kopfermann und Christian Otzen. In Band 120, eingegangen am 15.6.1942, publizierten Hans Kopfermann in Göttingen und Wolfgang Paul in Kiel 'Über den inversen Starkeffekt der D-Linien des Natriums' und widmeten diese Arbeit dem Herausgeber der Zeitschrift, 'Herrn Prof. Geiger zum 60. Geburtstag': "Nachdem im Kieler Physikalischen Institut eine neue Methode zur Beobachtung sehr kleiner Stark-Effekte ausgearbeitet worden war..." Die neue Methode, die Wolfgang Paul entwickelt hatte, ergab geringere Linienbreiten duch die Verwendung eines gerichteten 'Atomstrahls' anstatt von Dampf. Sie wurde an gleicher Stelle, in Band 117, 1941 publiziert. In einer Fußnote war angemerkt: "Wegen Ausbruch des Krieges mußte diese Untersuchung abgebrochen werden. Inzwischen bestimmten Rabi und Mitarbeiter mit der Atomstrahlresonanzmethode den g-Faktor des Be-Kernes zu gI = -0,783. Dieser Wert liegt zwischen den oben angegebenen Grenzen (-0,8 und -0,4)" Auch schrieb der Autor: "Die Spannungsmessung geschah mit einem statischen Hochspannungsinstrument nach Rausch von Traubenberg, das an ein Hartmann & Braun Instrument angeschlossen war... Hern Prof. Kopfermann danke ich herzlich für die Anregung und Förderung dieser Arbeit. Die Helmholtzgesellschaft ermöglichte die Arbeit durch Übernahme der Betriebskosten, während die DFG die Spektrographen zur Verfügung stellte." Wolfgang Paul wurde bei Kriegsbeginn eingezogen. Er hatte im August und September 1938 beim Flakregiment 61 in Wismar freiwillig 'gedient' und wurde vom 22. 8 1939 bis zum 20.2. 1940 bei der Flakabteilung 263 eingesetzt. Peter Brix (geb. 1918) wurde an seiner Stelle Kopfermanns Vorlesungsassistent. Im Frühjahr 1940 hatte ein Antrag auf u.k.-Stellung Pauls für den Forschungsauftrag des OKH (Oberkommandos des Heeres) an Wilhelm Walcher Erfolg. 1940 verheiratete sich Wolfgang Paul mit Liselotte Hirsche, Tochter von Anna Dorothea Selma und Carl Ferdinand Hirsche, Senatspräsident in Hamburg. Eine Tochter kam 1941 zur Welt, ein Sohn 1942 und 1944 in Göttingen noch einmal eine Tochter. Im Mai 1940 wurde Peter Brix eingezogen, wurde 'Sturmartillerist' bis zur 'Rückrufaktion Osenberg' (s.u.), bis Februar 1944. Während Kopfermann sich anschickte, in Kiel sein altes Arbeitsgebiet, die Hfs-Untersuchungen fortzusetzen, Apparaturen und Methoden auszubauen und zu verfeinern und Wilhelm Walcher die 'Massenspektroskopie' weiter entwickelte, waren anderswo in der Kernphysik 'schwergewichtige' Maschinen im Gespräch, die in USA und in Kopenhagen bereits liefen, 'Isotope' für vielseitige Tracer-Untersuchungen lieferten, und intensive Neutronenstrahlen zur Verfügung stellten. Gerhard Hoffmann, Institutsleiter in Halle, war etwa gleichzeitig mit Kopfermanns Amtsantritt in Kiel nach Leipzig berufen worden, als Nachfolger Debyes. War Kopfermann bei seiner 'Erstberufung' billig zu haben gewesen, stellte man Hoffmann in Sachsen erhebliche Mittel in Aussicht, so daß er an den Bau eines Zyklotrons denken konnte. Dazu kam, daß Albert Vögler versprach, sowohl über die Helmholtzgesellschaft, wie auch in den Vereinigten Stahlwerken das Vorhaben finanziell und materiell zu unterstützen, und daß Hoffmann auch Abraham Esau gewann, den Kollegen aus Jena und Fachleiter Physik im RFR. Maria Ossietzki[65] hat den Archivalien der Firma Siemens entnommen, daß Anfragen der Vereinigten Stahlwerke vorlagen, daß man über den Auftrag der Pariser Joliotgruppe an Oerlikon informiert war, daß man erst nachdem Hoffmann eine Teilfinanzierung einbrachte, das Risiko der Entwicklung einging. Die Planung begann im Forschungslabor II, das von Gustav Hertz geleitet wurde. Neben Siemens-Halske war auch Siemens-Schuckert finanziell engagiert. Man hoffte vor allem auf kommerzielle Perspektiven im medizinischen Bereich. Auch Hans Geiger hatte mit dem Gedanken an ein Zyklotrons gespielt, ließ ihn jedoch in Anbetracht schlechter Finanzierungschancen fallen. Anders Walter Bothe, der in das Siemensprojekt miteinstieg, wohl oder übel an zweiter Stelle[66]. Seinem Mitarbeiter Wolfgang Gentner wurde Ende 1938 von der Helmholtzgesellschaft eine fünfmonatige Reise nach USA finanziert. Er kam mit Konstruktionsplänen und -erfahrungen zurück. Es resultierten bei Siemens zwei unterschiedliche Konstruktionsvorhaben und wegen beschränkter Kapazitäten kam es zu Interessen- und Terminkonflikten. Maria Ossietzki hat einen Brief von Albert Vögler an den Siemensvorstand Heinrich Buol vom 14. Juni 1939 zitiert: es sei
"für das physikalische Deutschland nicht länger zu ertragen, ohne jede Zyklotron-Apparatur zu sein, während das ganze Ausland schon seit Jahr und Tag damit arbeitet"

Der Krieg schien allen Plänen ein Ende zu setzen, doch dann wurden Zyklotrons 'kriegswichtig', weitere Pläne tauchten auf und wurden wieder verworfen. Einzig Bothes Heidelberger Gruppe konnte ihre Maschine im Herbst 1943 in Betrieb setzen. Da war auch Hans Kopfermann in den Beschleunigerbau eingestiegen, allerdings auf einer anderen Linie und nicht im ´Uranverein'.


[1]Zu den Angaben vgl. Charlotte Schönbeck, Physik und Astronomie in Karl Jordan Hg., Geschichte der Mathematik, der Naturwissenschaften und der Landwirtschaftswissenschaft an der Christian Albrechts-Universität Kiel, Neumünster, Wachholtz, 1968

[2]Mark Walker, Nazi Science, Myth, Truth and the German Atomic Bomb, New York (Plenum) 1995, S.129

[3]Helmut Heiber a.a.O., Band 2 S.401 hat berichtet, daß zwischen Franz Bachèr im REM und Hanns Löhr im Frühjahr 1936 erhebliche Spannungen bestanden, Bachèr habe in Löhr 'die Säule des Widerstandes' gegen das REM in Kiel gesehen; weiteres zu Löhr s.u.

[4]Neben Rausch waren aus Naturwissenschaft und Technik dabei: Friedrich Wilhelm Foerster, Georg Arco (Gesellschaft für drahtlose Telegraphie), Wilhelm Muehlon (ehemals Krupp), Friedrich Dessauer, Hans Driesch. Ein Jahr später waren beigetreten: Albert Einstein, der Neurobiologe Vogt, Meyerhof/Kiel, die Schriftsteller Arthur Hollitscher und Bernhard Kellermann. Große politisch-praktische Bedeutung hat die Vereinigung nicht erreichen können, sie war ein Netzwerk von Wissenschaftlern und Publizisten in dem auch der protestantische Theologe Martin Rade und der SPD-Abgeordnete Albert Südekum eine Rolle spielten. Rausch lenkte dort die Diskussion auf die Erziehungs- und Jugendarbeit für den Frieden.

[5]Georg Joos, "Linienspektren der Atome", Die Physik in regelmäßigen Berichten 1, 1933, S.97

[6]H. Rausch von Traubenberg, A. Eckardt und R. Gebauer, "Über den Nachweis von Alpha-Strahlen bei der Zertrümmerung von Lithium". Z. Physik 80, 1933

[7]Handelte es sich um §6 des 'Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums' der die vorzeitige Versetzung in den Ruhestand aus 'technischen' Gründen legitimierte?

[8]Albrecht Unsöld hielt 'kadavermäßigen Benimm' des Kurators Max Sitzler für ausschlaggebend in der Sache Traubenbergs. Brief Albrecht Unsöld an Arnold Sommerfeld vom 16.2.1937. DM Archiv HS 1977-28/A, 345. S. [ /Sommerfeld

9]
Heinrich Traubenberg gab der jungen Chemielaborantin Ilse Bartz zur Vervollständigung ihrer Ausbildung Physikunterricht, als sie mit Fritz Houtermans zusammenarbeitete. Dessen Mutter, Else Wanek, und Marie Traubenberg waren aus gemeinsamer Studienzeit befreundet. Private Mitteilung.Gespräch mit Ilse Haxel, August 2000.

[10]Max Laue schrieb an Lise Meitner unter dem 20. 2. 1944:"Zwei Tage waren sie, notdürftig genug, bei uns untergebracht. Nur Frau v.Tr. hatte ein ordentliches Bett, er schlief auf dem Sopha in meinem Arbeitszimmer... Gerettet haben sie sehr wenig von ihrem Besitz, er hat vor Allem mit seinem Laboratorium die Arbeitsmöglichkeit verloren; nur ein Zählwerk eigener Konstruktion, die er wohl mit Recht sehr rühmt, war im verblieben - aber der Dackel Fips ist wohl erhalten und geht mit nach Hirschberg. So wenig das Alles ist, für die Reise war noch sehr viel, und die Abreise gelang nur mit Unterstützung des Kollegen Richard G. (Gans), früher in Königsberg, eines französischen kriegsgefangenen Physikers und mit unserer Hilfe. Traubenbergs sind beide körperlich nicht sehr leistungsfähig, sehen nach ihren jetzigen Erlebnissen auch sehr schlecht aus. Hoffentlich bringt ihnen der Landaufenthalt körperliche und seelische Erholung." Jost Lemmerich Hg., Lise Meitner - Max von Laue, Briefwechsel 1938 -1948, Berlin ESR, 1998, S.352

[11]Arnold Sommerfeld, In memoriam Heinrich Freiherr Rausch von Traubenberg, Z. Naturf. 1, 1946, S.420. Frau Henriette Schlesinger (private Mitteilung März 2001) verdanke ich die Mitteilung der genaueren Umstände: "Nach Aussage der Tochter (sie erfuhr die Geschichte nach dem Krieg von ihrer Mutter) zog das Ehepaar im Herbst 1944, nachdem sie in Berlin ausgebombt waren, nach Hirschberg in Schlesien. Dort vergaß, Frau R(ausch) v(on) T(raubenberg) sich richtig anzumelden (in der Aufregung). So wurde sie am 14.9.44 von der Gestapo abgeholt, um dieses Meldevergehen aufzuklären (wohl nicht nur einbestellt). Das Ehepaar ging davon aus, dass die Frau deportiert würde (wg. des Verstosses gegen das Meldegesetz). Sie konnte sich aber rausreden und wurde am gleichen Tag nach Hause entlassen. Sie durfte dann noch an der Beerdigung ihres Mannes teilnehmen und wurde dann nach Th(eresienstadt). verschleppt."

[12] S. 126

[13] Ernst H. Berninger, Otto Hahn, Reinbek, rororo Bildmonographien, 1974, S.84,85. Die Initiative war also eine doppelte. Dobberke wurde direkt und über den für die Physiker zuständigen Beamten im SD angesprochen. Herrn Hans Kolbe (private Mitteilung März 2001) und Frau Henriette Schlesinger verdanke ich, u.a. mit dem Hinweis auf die bei Berninger abgedruckten Dokumente, dass meine Darstellung gegenüber früheren Versionen hoffentlich an Genauigkeit gewonnen hat.

[14] Ich beziehe mich einstweilen auf die freundliche Mitteilung von Herrn Hans Kolbe, März 2001

[15]Mündlich überliefert, u.a. durch Dieter von Ehrenstein, Gespräch Mai 1995

[16]Sachmittelkarte Kopfermann BA: '11.2.1937 Antrag auf ein Forschungsstipendium für H. Krüger

[17]Sachmittelkarte Kopfermann BA: '6.5.1938 Antrag auf ein Stipendium für Dr. ing. Maria Heyden'

[18]Im letzten Friedenssemester 1939 waren nur noch 784 Studenten immatrikuliert und in den letzten beiden Trimestern 1940 426, 541. S. Karl Jordan Hg., Geschichte der Christian Albrechts Universität Kiel, Neumünster (Wachholtz) 1968 Bd.1/2 "Allgemeine Entwicklung der Universität"

[19]Jörn Eckert, "Was war die Kieler Schule?" in Franz Jürgen Säcker Hg., Recht und Rechtslehre im NS, Ringvorlesung Kiel, Baden (Nomos) 1992, S.65

[20]S. Ebenda, S.32 ff.

[21]Vgl. auch Hans Walter Schmuhl, Ärzte in der Anstalt Bethel 1870-1945, Bielefeld, Bethel Verl. 1998: "Auch mischte sich der Sarepta-Arzt Dr. Hanns Löhr ... in seiner Eigenschaft als NSDAP-Kreisleiter und als Bezirksobmann der NSDAP massiv in Betheler Besetzungsfragen ein".

[22]Angaben Kürschner 1940/41 und Joseph von Kennel und Enno Freercksen, Nachruf auf Hanns Löhr, Kieler Bl. 1942, S.118

[23]Ebendort

[24]Enno Freercksen, Nachruf auf Hanns Löhr in Kieler Bl. 1942. In einem Brief vom 15.8.43 an Freerksen ist zu lesen, Löhr habe aus seinem scharfen Gegensatz zu Rust keinen Hehl gemacht: "er werde niemals seine Hand dazu bieten, aus der Universität eine Fachschule zu machen" (zitiert nach Heiber, a.a.O., Band 2, Teil 2).

[25]Auf Anordnung von Heß vom 24.7.35 wurde die Dozentenvereinigung als Untergliederung im NS-Lehrerbund aufgelöst und Gerhard Schultze zum Reichsamtsleiter des NSDDB ernannt. Rober Ley ließ am 2.8.35 feststellen, daß die Dozentenführer an den Universitäten disziplinrechtlich den Gauleitern unterstünden, fachlich aber dem Reichsamtsleiter des NSDDB. Zunächst konnten nur Parteimitglieder auch im NSDDB sein und es wurden keine Beiträge erhoben. Unter dem 26.6.36 änderte die Parteiführung ihre Anordnung ab: auch Nichtparteigenossen waren zugelassen. Bormann setzte den Beitrag auf 24 RM pro Jahr fest. Ab 1. Januar 1936 war der NSDDB eine Gliederung der Partei. Borman erklärte am 24.3.38, daß die Finanzhoheit des Bundes als einer Parteigliederung dem Reichsschatzmeister zukomme. Unter dem 2. 12. 1941 unterzeichneten Rosenberg, Schultze und Borman eine Abgrenzungsvereinbarung. Unter dem 18. 7. 1943 ordnete Bormann die Einschränkng der Arbeit des NSDDB an. Schultze wurde seines Amtes enthoben und Scheel eingesetzt, 36 Jahre alt, bereits vor der Machtübername NS-Stundentenbundsführer in Heidelberg, seit 1936 als Reichstudentenbundführer, seit dem 18.11.1941 Gauleiter in Salzburg. Vgl. BA, Ordner NSDDB

[26]Kieler Blätter 1938, S.70

[27]Hanns Löhr, Rektoratsrede 1941, Kieler Bl. 1941, S.138

[28]Paul Ritterbuschs Hauptwerk Parlamentssouveränität und Volkssouveränität in der Staats- und Verfassungsrechtslehre Englands, vornehmlich in der Staatslehre Daniel Defoes, Leipzig 1929, wurde 1970 in Leipzig (Zentralantiquariat der DDR) neuaufgelegt.

[29]Vgl. Bericht von Georg Dahm in Kieler Bl. 1938

[30]Paul Ritterbusch zur Einführung der Kieler Blätter 1938, Neumünster (Wachholtz) Heft 1.

[31]Private Mitteilung Dezember 1995

[32]Peter Brückner, Das Abseits als sicherer Ort. Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945, Berlin (Wagenbach) 1980, S. 42

[33]Vgl. Hartmut Mehringer, a.a.O., S.132

[34]Vgl. Fritz Eberhard, "Illegal in Deutschland - Erinnerungen an den Widerstand gegen das Dritte Reich", Vortrag Ev. Akad. Berlin, 23.6.1974. Der Autor war etwa so alt wie Hans Kopfermann, war nicht `an der Front' hatte 1920 bei Robert Wilbrandt über `Luxus' eine Dissertation geschrieben und war ab 1923 Lehrer der Walkenmühle-Schule. Von 1933 bis 1937 lebte er illegal in Berlin-Lichtenberg.

[35]Ludolf Herbst, Das nationalsozialistische Deutschland, 1933-1945, Frankfurt, 1996, S.199

[36]Ursprünglich hatte Kopfermann zur Physikertagung nach Bad Kreuznach fahren wollen, doch Herthas Mutter brach sich den Arm und rief die Tochter nach Hannover. Hans hütete Michael, und Maria Heyden trug die gemeinsame Arbeit in Kreuznach vor. Sie erinnerte sich nebenbei auch, daß sie Richard Becker mit Werner Heisenberg in der Hotelhalle stehen sah, stolperte und einen 'Fußfall' vor den beiden tat, der Heiterkeit bewirkte. Private Mitteilung Dezember 1995.

[37]Wilhelm Walcher, "Arbeiten zur optischen Spektroskopie" in K.H. Althoff et al., Festschrift für Wolfgang Paul, Bonn, 1974

[38]Vorwort, S.V

[39]Einleitung, S.XI

[40]Ebenda, S. XIV

[41]Heute (1999) hat sie schon seit einem Menschenalter wieder einen konkreten Platz im Quarkmodell der Nukleonen, allerdings als nicht an freien Teilchen feststellbare Drittel-Elementarladung.

[42]Ebenda, S. XII

[43]Vgl. weiter unten, Kapitel 'Endstation Heidelberg'

[44]Einleitung, S. XIV

[45]Ebenda, S. XVI

[46]Physikalische Berichte 22, 1941, S.513

[47]Zeitschrift für Technische Physik 22, 1941, S.98

[48]Zur Einführung hieß es: "Dem Lernenden und dem Nichtphysiker mag sie vielleicht mehr sein als ein unterhaltendes Bilderbuch, nämlich ein anschaulicher Abriß der heutigen Physik der energiereichen Strahlen. Es gibt ja in diesem Gebiet kaum ein Problem, das nicht seinen Niederschlag in Wilsonaufnahmen gefunden hätte. Mit Rücksicht auf solche Leser sind die Erläuterungen zu den Bildern so gehalten, daß ein Mindestmaß an radiologischen Kenntnisssen vorausgesetzt wird. Der nicht radiologisch spezialisierte Physiker wird aus der Sammlung zumindest einen Eindruck gewinnen von der Schönheit und großen Leistungsfähigkeit der Methode." Berlin (Springer) 1940

[49]Kernmomente, S. 237

[50]Kieler Blätter 1940, S.18

[51]Ebendort, S.1 ff.

[52]Vgl. Kieler Blätter 1941

[53]Dies ist meine Rekonstruktion einer um Hans Kopfermann und Wolfgang Paul (auch von ihnen selbst) oft erzählten Geschichte. Es ist wahrscheinlich, aber bisher nicht ausgemacht, daß tatsächlich Ritterbusch und Löhr die beiden gegensätzlichen Autoritäten waren. Auch war der Anlaß vielleicht nicht die Jahrfeier.

[54]Hans Kopfermann, Die Vertreter der Physik und der Astronomie an der Universität Kiel in Paul Ritterbusch et al., Festschrift, Kiel 1940, S.344

[55]Vgl. W. Th. Elwert, Hermann Gmelin, NDB 6, 1964, S.478

[56]S.u., Briefe an Charlotte Gmelin

[57]Kieler Blätter 1941, S.138

[58]Vom 20.6.1936 datierte eine Entscheidung von Rudolf Heß, die den vorher gefaßten Beschluß, in den seit dem 1.1.1936 als Parteigliederung geltenden NSDLB nur Parteimitglieder zu integrieren, aufhob. s.o.

[59]Private Mitteilung Dr. Michael Kopfermann, Gespräch April 1995

[60]Unter dem 25.10.41 erhielt sein Partei- und Duzfreund Hinrich Lohse, dann Reichskommissar für das Ostland, den berüchtigten 'Gaskammerbrief' des 'Sachbearbeiters für Judenfragen' im 'Reichsministerium für die besetzten Gebiete', E. Wetzel: die Sprachregellung lautete "mit den Brakschen Hilfsmitteln beseitigen". Hans Walter Schmuhl, a.a.O. S.242

[61]Helmut Heiber, a.a.O., Teil 2, Band2, S.401: Interview mit Jankuhn 1985; Erich Hofmann in "Die CAU im Dritten Reich", a.a.O. verweist auf Memoiren Kinders. Vgl. a. Christian Kinder, Neue Beiträge zur Geschichte der ev. Kirche in Schleswig-Holstein und im Reich 1924-1945, Flensburg, Karfeld, 1964, 3te 1968

[62]Wilhelm Walcher, Gespräch am 30. Juni 1995; vgl. a. die Erklärung Walchers zur 'Entnazifizierung' Kopfermanns, s.u.. Michael Kopfermann (Gespräch im April 1995) erinnerte sich, dass Hertha Kopfermann gesagt hat: "wenn ich dagewesen wäre, wäre das nicht passiert".

[63]Unter dem 4. Februar 1939 schrieb er an Himmlers Stabsführer, SS-Gruppenführer Wolff, Oberführer Bruno Streckenbach vom SD habe sich untersuchen lassen und brauche eine Klimakur. Gezeichnet Professor Löhr, SS-Oberführer im SD des Reichsführers der SS. Streckenbach, der Hamburger Gestapochef, stand unter Stress und war mit Schiffssabotage-Ermittlungen beschäftigt. Unter dem 3. Februar hatte er seinseits an Wolff über Löhr berichtet:" Er hat meine Untersuchung in sehr netter, kameradschaftlicher Art, aber mit peinlicher Genauigkeit durchgeführt, und ich habe ihn gebeten, das Ergebnis dieser Untersuchung Ihnen persönlich mitzuteilen". (BA/BDC, Ordner Sl, S.155 ff.)

[64]S. Karl Jordan, Erich Hofmann, Geschichte der Christian Albrecht Universität Kiel 1665-1965, Neumünster, Wachholtz, 1969, Teil 2, S.110

[65]Maria Ossietzki, "Physik, Industrie und Politik in der Frühgeschichte der deutschen Beschleunigerentwicklung",

[66]Walter Bothe (1891-1957), promoviert bei Max Planck 1914, dann Zusammenarbeit mit Hans Geiger in der PTR; 1930 Berufung in Gießen und 1932 als Nachfolger Philipp Lenards (gegen dessen Willen) in Heidelberg. 1934 KWI für medizinische Forschung in Heidelberg; Nobelpreis 1954 (zusammen mit Max Born) für seinen Beitrag zur Kernphysik: Experimente mit der Koinzidenzmethode.

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

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