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(rev.25/05/08)

Diplomaten und Grenzgänger

Am 1 Dezember 1937 wurde Fritz Houtermans in Moskau verhaftet. Er war mit Frau Charlotte und ihren beiden kleinen Kindern auf dem Weg ins Ausland. Im Charkower Institut, von dem Alexander Weissberg geschrieben hatte:
"es gibt vielleicht kein zweites Institut in Europa, das so viele verschiedene Laboratorien hat, und das so gut ausgestattet ist, wie unseres,"[1]

waren alle leitenden Wissenschaftler abgesetzt und viele verhaftet worden.

Alexander Weissberg war vordem verheiratet mit Eva Striker, einer Nichte Michael Polanyis. Die in Moskau lebende Künstlerin wurde Anfang 1937 von den Handlangern des Innenministers (NKWD)verhaftet. Bald darauf wurde Konrad Weisselberg in Charkow in Gefangenschaft genommen. Später fand man ihn im Gefängnis tot auf. Am 1. März war die Reihe an Alexander Weissberg, der versucht hatte, Eva frei zu bekommen. Houtermans' waren aufs äußerste beunruhigt. Charlotte fuhr im Sommer mit dem Schiff von Leningrad nach England, um eine Einladung für Fritz aufzutreiben. Ihre Lage wurde nicht ernst genommen und sie kam unverrichteter Dinge zurück. Victor Fomin, Houtermans' Assistent, nahm sich das Leben, als er verhaftet werden sollte. Houtermans bereiteten in größter Eile die Ausreise vor. Die Familie wohnte bei Landaus in Moskau, als Fritz im Zollbüro verhaftet wurde. Pjotr Leonidowitsch Kapitza half, daß wenigstens Charlotte mit den Kindern ausreisen konnte. Am Weihnachtsabend 1937 holte Christian Møller sie in Kopenhagen vom Schiff ab[2]. Alexander Weissberg machte sich im Gefängnis Gedanken über Houtermans: Als die GPU einmal drei Engländer einsperrte, hatte die britische Regierung mit dem Abbruch der Handelsbeziehungen gedroht; die Sowjets waren überrascht, daß eine Regierung sich für drei Bürger derart einsetzte, erschraken und ließen die drei frei. "Für Houtermans würde sich niemand einsetzen. Er war Deutscher, er war Kommunist... Mir tat Fisel leid. Er war ein schwacher Mensch, sehr nervös und sehr empfindlich. Wie würde er die Härten der Untersuchung und des Gefängnisses durchstehen? Er war ein leidenschaftlicher Raucher. Während der Arbeit zündete er eine Zigarette an der anderen an. Er konnte ohne Kaffee nicht leben".[3] Ganz so unbeachtet, wie Weissberg meinte, blieben Houtermans Verhaftung und die seine nicht. Charlotte reiste von Kopenhagen nach London und bemühte sich, wo sie konnte, um die Freilassung von Fritz. Im Juni 1938 schrieben und telegrafierten Irène Curie, Frédéric Joliot-Curie und Jean Perrin an Stalin und Wischinski. Sie seien überzeugt, daß es sich um einen Irrtum handle, sie betonten den Schaden, der dem Ansehen der Sowjetunion zugefügt werde, und sie nannten Einstein, Bohr und Blackett als weitere Garanten für die beiden. Charlotte hatte keine Nachricht von Fritz bis sie über Eleanor Roosevelt und den amerikanischen Botschafter erfuhr, daß er lebte. Sie war im April 1939 nach USA gekommen, wo Else Wanek, Fritz' Mutter, inzwischen lebte. Freunde besorgten ihr ein Stipendium, und sie unterrichtete an verschiedenen Colleges. Später war sie 22 Jahre lang die Nachfolgerin von Maria Goeppert-Mayer in Bronxville, N.Y., am Sarah Lawrence College. Fritz Houtermans und sein Mitgefangener Konstantin Feodossowitsch Schteppa (1896-1958) haben 1950 als `F.Beck und W. Godin' unter dem Titel 'Russian Purge and The Extraction of Confession' in vorsichtiger Form ihre leidvolle Erfahrung aufgeschrieben und publiziert[4]. Edoardo Amaldi konnte dank eines "Chronologischen Berichts meines Lebens in russischen Gefängnissen", den Houtermans' vom 19. Mai 1945 verfaßt hatte und in Anbetracht veränderter Umstände und der inzwischen vergangenen langen Zeit[5], genauere Angaben machen. Schteppa war Historiker, Byzantinist und Mediävist, Professor in Kiev und Mitglied der ukrainischen Akademie. Als er im Februar 1938 zu Houtermans in die Zelle kam, erschrak er über den Zustand des anderen und rettete ihm in der Folgezeit das Leben, indem er mit ihm die Gedanken ebenso teilte, wie die kargen zusätzlichen Lebensmittel, die ihm seine Familie zukommen lassen konnte.[6]

Nach dem Stalin-Hitler-Pakt vom 23. August 1939 wurden deutsche Gefangene an die Bugbrücke bei Brest gebracht und von GPU-Leuten der Gestapo übergeben, so auch Alexander Weissberg:

"Ich überschritt am 5. Januar 1940 den Bug. Drei Monate lang hielten mich die Gestapo-Leute in ihren Gefängnissen in Bjala-Podlaska, Warschau und Lublin. Dann entließen sie mich ins Krakauer Ghetto. Als im Frühjahr 1942 die Exterminierung der Juden begann, flüchtete ich in die polnische Illegalität. Im März 1943 fiel ich wieder in die Hand der Gestapo. Sie brachten mich in das Konzentratonslager von Kawencin. Mit Hilfe von Freunden aus der polnischen Widerstandsbewegung gelang es mir, zu flüchten. In tiefer Konspiration blieb ich in Warschau. Zwei Aufstände gegen die Deutschen erlebte ich dort. Fast alle meine Freunde, mein Vater, meine beiden Brüder, die Frau, die ich liebte, fielen der SS zum Opfer. Mich selbst befreiten am 17. Januar 1945 in einer Vorstadt von Warschau die einrückenden Truppen der Roten Armee. 18 Monate später verließ ich Polen und betrat in der schwedischen Hafenstadt Malmö zum ersten Mal nach einem Jahrzehnt den Boden eines freien Landes"[7]

Fritz Houtermans schrieb in seiner Aufzeichnung:

"...nach einigen Tagen wurden wir alle in die Festung Lublin gebracht. / Die Isolation war nicht so streng wie in russischen Gefängnissen, das Regime war militärischer und die Unterbringungs- und Ernährungsbedingungen waren sehr viel schlechter als in der letzten Zeit in Moskau. Jeden Tag hörten wir das Gejohle und Gegröle betrunkener Gestapobeamter unter unseren Fenstern und wir erfuhren, das jeden Tag etwa hundert Polen und Juden im Gefängnishof hingerichtet wurden. / Wir hatten die Grenze am 2. Mai 1940 überschritten und wurden am 25. Mai nach Berlin gebracht. Einige von uns kamen in ein Nazi-Rückwandererheim und wurden nach wenigen Tagen entlassen. Aber andere, darunter ich, kamen in das Polizeigefängnis Alexanderplatz. Übrigens das einzige Gefängnis in dem mir Läuse begegnet sind. Ich traf dort Menschen aus Konzentrationslagern, die mir von deutschen Lagern berichteten und einen erfahrenen Kommunisten, der mich beriet, wie ich mich der Gestapo gegenüber am besten verhalten würde. / Eine Woche später wurde ich in ein kleines Gefängnis im Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht, wo ich über meine russischen Erlebnisse befragt wurde, warum ich Deutschland verlassen hätte und nach Russland gegangen sei, auch über kommunistische Freunde, die ich in Deutschland vor 1933 gehabt hätte. Ich sagte, daß ich solche Leute gekannt hätte, mir aber nichts über illegale Aktivitäten bekannt gewesen sei. Zur Sicherheit nannte ich nur Namen von Leuten, von denen ich wußte, daß sie nicht mehr in Deutschland waren. Mir wurde ein Bericht über meine russischen Erlebnisse abverlangt, den ich auch schrieb. Aus Vorsicht erwähnte ich auch die Erklärung, die ich hatte unterschreiben müssen (nichts von dem Erlebten weiterzugeben K.S.), nur nicht, daß ich gebeten hatte, nicht nach Deutschland geschickt zu werden. / Am 16. Juli wurde ich entlassen. Ein paar Tage später traf ich Professor von Laue und erfuhr Näheres über meine Familie. Gleich als er gehört hatte, daß ich in Deutschland in einem Gestapogefängnis saß, ist er selbst gekommen, hat mir etwas Geld gebracht und alles getan um meine Entlassung zu beschleunigen".[8]

Laue wurde von Robert Rompe alarmiert, der eine kryptische Nachricht seines alten Freundes sofort richtig verstanden hatte. Freigekommen, ließ Houtermans seine Freunde in der Welt wissen, wo er war: die Naturwissenschaften brachten schon im August eine kurze Notiz von ihm über Messungen aus dem Jahr 1937 der Halbwertszeit von radiokativem Tantal, mit Dank an Herrn Kurtschatow und an Fräulein Poluschkina, `aus äusseren Gründen verzögert'. Adresse des Autors: Uhlandstraße 189, Charlottenburg. Laue fand für Houtermans fürs erste eine 'kriegswichtige Verwendung' im Forschungslabor Manfred Ardennes

Manfred Ardenne (1907-1997), selbstbewußter junger `Erfinder', und offenbar geschickt in der Aquisition von Aufträgen, hatte 1927 ein Laboratorium aufgemacht, daß sich mit Entwicklungen für die hochfrequenztechnische Industrie beschäftigte. Ab 1934 wurden das Postministerium Ohnesorges und die Forschungsanstalt der Post die Hauptauftraggeber. Die Entwicklung des Elektronenmikroskops brachte Ardenne auch mit dem Siemenslabor und den Kollegen dort in Verbindung, mit Ernst Ruska und B. Borries. Nach eigener Aussage machte Ardenne Ende 1939 "den Reichspostminister Ohnesorge in einem Schreiben und durch persönlichen Vortrag auf die ungeheure Bedeutung der Hahnschen und Straßmannschen Entdeckung aufmerksam. Dieser Vorstoß blieb ebenfalls (wie ein erster bei Otto Hahns Mitarbeiter Philipp im KWI K.S.) erfolglos"

1940 folgte der Postminister insoweit Ardennes Anregung, als er ein kernphysikalisches Labor finanzierte, im Bereich der Postverwaltung in Miersdorf/Zeuthen ein Institut gründete, so daß ein 60 t Zyklotron zur Isotopentrennung geplant werden konnte. Fritz Houtermans kam wie gerufen. Sehr bald auch kamen ihm Ideen, die im August 1941 als Laborbericht vorlagen: "Zur Frage der Auslösung von Kernkettenreaktionen". Es waren Überlegungen aufgrund publizierter Daten und der theoretischen Ansätze zur Kernspaltung von 1939, ein Resultat, das Samuel Goudsmit später so kommentierte:

"For instance, there was one german physicist, Fritz Houtermans, who came closest to the idea of plutonium. In a secret report, written as far back as 1941, he pointed out, that a pile might produce new materials, heavier than uranium, which could probably have the same explosive properties. Moreover he stated, that such new elements could probably be separated by reasonably simple chemical methods. But although this report was reprinted twice, no one seemed to take any notice of it. Houtermans was not in the good graces of the Heisenberg clique; since he did not belong to the inner circle, he did not have to be taken seriously..."[9] Es war vermutlich komplizierter. Es ist kaum vorstellbar, daß Houtermans mit seinen Abschätzungen loszog, um andere für den Bau der Plutoniumbombe zu gewinnen. Eher schon, daß er den Freunden im ,Uranverein` sagen wollte, "mit Geheimniskrämerei könnt ihr mir nichts vormachen, wie geht ihr mit der Sache um?" Die alten und die neuen Freunde in Berlin mußten annehmen, daß die Gestapo Houtermans nicht aus den Augen ließ. Mit Otto Haxel kam es zu einem Vertrauensverhältnis, während Heisenberg und Weizsäcker mit Einzelheiten wohl relativ zurückhaltend waren. Houtermans hat später berichtet, Heisenberg habe geäußert, daß man versuchen wolle, nicht die Wissenschaft für den Krieg, sondern den Krieg für die Wissenschaft zu nutzen. Houtermans empfahl Weizsäcker (der sichere diplomatische Kontakte hatte), Niels Bohr auf dem laufenden zu halten. Das ist nicht geschehen und Heisenberg hat sich öffentlich wohl nie zu der Unterhaltung mit Houtermans geäußert[10].

Ich kann nur vermuten, daß Werner Heisenberg und Carl Friedrich Weizsäcker den Kontakt (nach eigenem Ermessen oder aufgrund besonderer 'Informationen'?) als ein Risiko sahen, während Houtermans mit Recht annehmen konnte, daß ihm von den beiden keine Gefahr drohe. Der Gedanke, zu versuchen, den Krieg für die Wissenschaft zu nutzen, zeugte von geradezu tollkühn anmutender Ungebrochenheit des Selbstbewußtseins in der Diktatur und könnte praktisch ein Ausweichen vor der Entscheidung zur Sabotage bedeuten.

Houtermans ging noch einen anderen Weg: er informierte Fritz Reiche, der im Früjahr 1941 endlich nach Amerika auswandern konnte. Der war kaum in Princeton angekommen, als Rudolf Ladenburg Jennö Wigner, Wolfgang Pauli, Janczi Neumann und Hans Bethe zum Dinner mit Reiches bat und am 14. April brieflich die Nachrichten aus Deutschland an Lyman Briggs weitergab, der das amerikanische Uranprojekt koordinierte. Aber die amerikanischen Pläne schlummerten da noch vor sich hin, nur Wigner war schon beteiligt, und Briggs sah keine Veranlassung, Alarm zu schlagen.
So beging Houtermans eine `größere Indiskretion'[11].
Nach Werner Heisenbergs Bericht nach dem Krieg (s.o.) muß es so ausgesehen, als sei Carl Friedrich Weizsäcker sowieso zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie Houtermans (was wohl so nicht stimmt). Auf größere Publizität seiner Arbeit legte Fritz Houtermans keinen Wert. Es kursiert die Anekdote, er habe dafür gesorgt, daß das Dokument einen Stempel 'streng vertraulich' erhielt und im Tresor des Postministers verschwand[12]. Jedoch erst nachdem Ardenne - so erinnerte der sich - es allen Mitgliedern des Uranvereins zugänglich gemacht hatte. Die Beziehungen Ardennes zu Weizsäcker waren übrigens auch persönliche: beider Brüder waren Freunde, 'standen im Feld' und verloren früh ihr Leben. Als Houtermans zusammen mit Kurt Diebner und anderen Waffenforschern im Herbst 1941 in die Ukraine reiste, gab es Irritationen; Paul Rosbaud, der Paul Scherrer (s.u.) seine Einschätzungen zukommen ließ, sah daraufhin in Houtermans einen 'Kollaborateur'. Houtermans reiste im Auftrag der Marineforschung, unter dem Kommando von Carl Witzell, Admiral. Es scheint, daß Otto Haxel, dessen Kriegsverflichtung vom Marinekommando ausging, ihn vorgeschlagen hatte.. Vermutlich war der Grund seiner `Kollaboration' Konstantin Schteppa; jedenfalls hinterließ sein Besuch bei dessen Familie großen Eindruck[13]. Schteppa hatte auf die deutschen Besatzer gesetzt, die sich als barbarischer erwiesen, als alles bisher dagewesene. Houtermans gab im Lauf der nächsten Jahre Schteppa und den Seinen, was er geben konnte. Sohn Eric rettete er vor den Deutschen (Eric machte später 10 Jahre Gulag durch). 1945 kümmerte er sich um Aufenthaltspapiere für die Familie, bis sie 1950 nach USA einreisen konnten[14]. Houtermans hat russische Kollegen `für die deutsche Rüstung' anfordern wollen. Rudolf Mentzel äußerte sich unter dem 31.3.1942 jedoch wegen Sicherheitsbedenken ablehnend[15]. Seit Oktober 1941 gab es einen Erlaß, demzufolge drei Millionen Russen in Deutschland zu beschäftigen - und zu ernähren waren, -war das der Hintergrund? Von der physikalischen Arbeit Houtermans' zeugen Messungen der Wirkungsquerschnitte für thermische Neutronen (Z.Physik118, 1941), die Veröffentlichung einer `Messanordnung für die Ergiebigkeit von Neutronenquellen nach Amaldi und Fermi' (Phys. Z. 43, 1942) und, zusammen mit Ilse Bartz, Messungen zum Neutroneneinfang in Wismut (Die Naturwiss. 30, 1942) und zum Kernphotoeffekt am Beryllium (Phys. Z. 44 1943). 1944 erschien in der Phys. Z. "Über eine halbempirische Beziehung zwischen der Ergiebigkeit einer Neutronenquelle und der maximal erreichbaren Dichte langsamer Neutronen in einem wasserstoffhaltigen Medium". Ungebrochen waren das Leben und die Sicht auf die äusseren Umstände sicher nicht als Ilse Bartz und Fritz Houtermans 1944 heirateten[16], und ihr Sohn Peter zur Welt kam.
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Im März 1941 reiste Carl Friedrich Weizsäcker ins besetzte Kopenhagen. Der Sohn des ehemaligen deutschen Botschafters im Königreich, Ernst von Weizsäcker (der amtierende Nachfolger, Cecil Renthe-Fink, war ein Freund), kam zu mehreren Vorträgen im Rahmen der deutsch-dänischen Gesellschaft, einer 'kollaborierenden' Vereinigung. Im Bohr-Institut sprach er zusätzlich über Quantenphysik und kantische Philosophie und es gab eine lebhafte Diskussion. Weizsäcker hatte dann die Idee, in Kopenhagen eine Astrophysikerkonferenz mit Ludwig Biermann, Werner Heisenberg, Hans Kienle, mit Kopfermanns Kieler Kollegen Albrecht Unsöld und ihm selbst zu veranstalten. Dazu kam es nicht, obwohl das Außenministerium sich beim REM bemühte. Stattdessen endete der Versuch damit, daß Heisenberg und Weizsäcker im September 1941 als eingeladene Redner im Deutschen Haus in Kopenhagen gastierten. Die Lage war nicht mehr dieselbe wie noch im Frühjahr, sie hatte sich durch die Invasion Rußlands verschärft. Unter denen, die die deutsche Veranstaltung boykottierten, war auch Niels Bohr. Heisenberg und Bohr trafen sich aber; Heisenberg hat längere politische Ausführungen gemacht, die Bohr aufregten[17]. Es heißt, Heisenberg hätte eine Absprache vorgeschlagen, sich auf beiden Seiten gegen den Kernwaffenbau einzusetzen. Mit anderen Worten: daß er den Bau sabotieren wolle, aber unter der Voraussetzung, daß auch niemand anders die Bombe baue.
Wenn dem so war, mußte Bohr annehmen, daß Heisenberg mit der fixen Idee, er und seine Freunde könnten letztlich klüger sein als die Nazi-Führer, blind war für die Größe des zu der Zeit bereits eingetretenen und des mit Sicherheit absehbaren, weiteren, menschen- und völkerrechtlichen Schadens. Christian Moeller hat von Werner Heisenberg zu dieser Zeit gehört, daß die Besetzung von Dänemark, Belgien, Norwegen und Holland ein Unglück sei, nicht jedoch die der Länder Osteuropas, denn die seien ja nicht in der Lage, sich selbst zu regieren. Darauf Moeller: so weit er sehen könne, sei das einzige Land, das dazu derzeit nicht in der Lage wäre, Deutschland[18]. Heisenberg hat später geschrieben, er sei mißverstanden worden, weil er in der Sorge, bespitzelt zu werden, sehr vorsichtig gewesen sei, und weil seine Sätze Bohr gleich so aufgeregt hätten, daß er nicht mehr verstanden habe, was er, Heisenberg, danach gesagt habe[19].
Mark Walker ist nicht nur dem (nicht zuletzt wohl auf Robert Jungk; Heller als tausend Sonnen, Stuttgart, 1956, zurückgehenden) 'Mythos' der 'Verschwörungsidee' (von über die Fronten hinweg verabredeter Ablehnung des Bombenbaus) nachgegangen. Er hat auch das Verdienst, die 'Vortragsdiplomatie', die Werner Heisenberg und Carl Friedrich Weizsäcker in den 'großdeutschen' Zeiten entfalteten, ausführlich dargestellt zu haben. Es waren Reisen in Länder unter deutscher Herrschaft, nach Krakow, nach Budapest, nach Holland, und noch im Herbst 1944 fuhr Heisenberg nach Zürich und Genf[20]. Die Physiker konnten durchaus als `großdeutsche' Patrioten erscheinen. Beide standen mit Menschen in Verbindung, unter denen politische Informationen kursierten und mit denen Absprachen zu treffen waren, die Bodelschwinghs in der Familie, Karl Friedrich Bonhoeffer als Kollege in Leipzig usw.. Ernst Weizsäcker hat eine große Rolle gespielt. Über ihn schrieb Ulrich Heinemann, Biograph des 'konservativen Rebellen' Fritz Dietlof Schulenburg: "Die Haltung des Staatssekretärs zur Politik des Dritten Reiches war durchaus ambivalent. Anders als Hitler, trat er im Falle der Tschechoslowakei für eine 'chemische Lösung' ein, und an der gewaltsamen Liquidierung Polens störte ihn vor allem der Zeitplan, die übergroße Gefahr eines Eingreifens Frankreichs und Großbritanniens sowie der nicht nur in seinen Augen ungenügende Rüstungsstand des Reiches. Weizsäcker sprach sich gegen den 'großen Krieg' aus, aber eben auch für ein hegemoniales Deutschland, das seine territorialen und wirtschaftsimperialistischen Ansprüche notfalls auch mit Waffengewalt verwirklichen mußte"[21] Die Ambivalenz lag darin, daß er und andere die eigenen, auch politischen Ziele mit dem Regime noch glaubte verfolgen zu können, daß sie die Greueltaten wohl sahen und ablehnten, aber von ihren Zielen ebenso wenig abließen, wie sie sich selbst als Mittäter verstehen konnten.
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Hans Kopfermann war während der Besatzungszeit nicht in Kopenhagen. Als er sich einmal anders nicht entziehen konnte, wurde er krank. Seine Haltung scheint weniger selbstverständlich, wenn man sich die relativ 'freundlichen' deutsch-dänischen Beziehungen vor Augen hält, und die Nähe Kiels zu Kopenhagen bedenkt.
"Das deutsch-dänische Verhältnis vor dem Krieg war durch eine sehr intensive Voraus-Kollaboration leicht getrübt. Der deutsche Einmarsch war unblutig, die Besatzung für die Dänen im allgemeinen erträglich. Die anschließende Säuberung hingegen trug, soweit ein Einblick eben möglich ist, immerhin machiavellistische Züge. Sie wurde mit größter Strenge gegen die Kleinen, mit größter Milde gegen die Großen durchgeführt"[22] "Voraus-Kollaboration" soll heißen, daß es vor der Besatzung, zum Ärger der meisten Dänen, kleine, aber rührige Kreise von Sympathisanten mit Nazi-Deutschland gab. Mit Bezug auf die Besatzungszeit hat Werner Brockdorff von einer 'Hyperkollaboration' gesprochen, die sich zunächst entwickelte. Das Parteiensystem wurde, im Gegensatz zu Norwegen, beibehalten, die dänischen Nazis wurden in keiner Weise gefördert, die Industrie wies eine hohe Investitionsquote auf, am 26.11.41 trat Dänemark dem Antikominternpakt bei. "Die dänische Regierung arbeitete bis etwa Mitte 1943 mit der deutschen Besatzungsmacht aufs Beste zusammen". Dann allerdings, im August 1943, trat sie klugerweise geschlossen zurück (schwenkte rechtzeitig um) und ließ Staatssekretäre, die von den Deutschen kontrolliert waren, regieren. Gefährdete Bürger wurden in einer Massenaktion nach Schweden in Sicherheit gebracht (s.o). Eine dänische Befreiungsfront formierte sich und organisierte im September 1944 einen mehrtägigen Generalstreik. Am Ende des Krieges kapitulierten die Besatzer kampflos. Es gab 20 000 Verhaftungen und am 4. Mai 1945 wurde die abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt.

Stefan Rozental hat von einem dritten Besucher in Kopenhagen berichtet, von Hans Jensen[23]:

"Gut ein Jahr nach Heisenbergs Besuch (also 1942 KS) kam ein anderer deutscher Physiker nach Kopenhagen. Es war Hans Jensen aus Hamburg... Er stellte sich als überzeugter Gegner Hitlers vor und war derart offenherzig, sowohl im Hinblick auf seine Anschauungen, als auch auf seine Arbeit, daß wir lange überlegten, ob er nicht ein Gestapo-Agent sei. Aber schließlich kamen wir zu der Überzeugung, daß er es ehrlich meinte, und Niels Bohr empfing ihn zu einem persönlichen Gespräch. Nach dem Krieg erzählte Niels Bohr, daß er im Jahre 1943 in England vom britischen Nachrichtendienst Informationen über Jensen erhalten habe, die diesen positiven Eindruck bestätigten"[24] Jensen war, wie berichtet, im Uranverein mit der norwegischen Schwerwasserproduktion befaßt. Im Frühjahr 1943 wurde die Norsk Hydro von einem englischen Fallschirm-Kommando zerstört. Jensen kam noch einmal auf der Durchreise im Herbst 1943 nach Kopenhagen. Im September dieses Jahres schickte Chadwick an Niels Bohr einen Fluchtplan. Bohr zögerte, entschloß sich dann aufgrund des Eindrucks, den er vom Stand des deutschen Uranprojekts hatte, mit der Familie das Land zu verlassen. Das war am 30.9.1943, und er begann umgehend am alliierten Bombenvorhaben mitzuwirken. Die Deutschen besetzten das Institut, hatten vor, das Zyklotron zu demontieren (deutscher Statthalter war seit November 42 jener Werner Best, völkischer Jurist, der an der Mordaktion 1934 beteiligt war, zusammen mit Ohlendorf und Höhne zu den Herren vom SD gehörte und das RSHA in der Militärverwaltung Frankreichs vertreten hatte). Heisenberg kam mit einem uniformierten Kollegen und aufgrund ihrer Erklärungen wurde der Vorwurf 'Kollaboration mit dem Feind' fallengelassen, es wurde nicht demontiert und im Frühjahr 1944 wurde auch die Besatzung zurückgezogen[25]. Werner Heisenberg intervenierte nicht nur für die dänischen Kollegen. Sowohl Hans Jensen, der durch eine Denunziation in Gefahr geriet (s.u.), als auch Fritz Houtermans, der mit einer gewagten 'Beschaffungsaktion' zur Deckung seines Tabakbedarfs aufflog[26], nahmen den Leiter des `Uranprojekts' in Anspruch und Heisenberg half.

Hans Kopfermann, sein späterer Kollege und Mit-Hausbewohner, soll über Hans Jensen gesagt haben:

"von dem war ich sicher, der hätte ihnen, wenn es so weit gewesen wäre (der geplante Schwer-Wasser-Reaktor K.S.), Leitungswasser in die Maschine gekippt"[27]
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Paul Scherrer in Zürich lud die deutschen Kollegen immer wieder ein, u.a. 1942 Werner Heisenberg, und er gab nach Gutdünken seine Eindrücke weiter, auch an Alan Dulles vom Berner 'Office for Strategic Services' (OSS). Scherrer tat, was den Schweizer Staatsbürger persönlich kaum gefährden konnte, jedoch wenigstens bedeutete, dem Schrecken und den Greueln nicht tatenlos zuzusehen.
Paul Scherrer (1890-1969) hatte im Krieg 1914-1918 zusammen mit Richard Courant deutsche Kriegsforschung betrieben, war mit Peter Debye nach Zürich gegangen und dort 1927 sein Nachfolger geworden. Ina Sondereggers Ehe mit ihm wurde in ihrer schweizerisch-großbürgerlichen Familie als Mesalliance angesehen. 1938 hat Scherrer den Kollegen Wolfgang Pauli, angesichts der Pogromnachrichten nach dem 'Anschluß', nach Wien begleitet. Pauli, der sich in Europa nicht mehr sicher fühlte, wollte nach Amerika übersiedeln, mußte seine Angelegenheiten und Reisepapiere in Wien regeln. Ein Beistand konnte nützlich sein. Scherrer war Mitglied im Vorstand der DPG, hatte vielfältige Kontakte mit den Kollegen in Deutschland. Peter Debye und er waren Freunde geblieben, gemeinsam bewogen sie Dirk Coster in Groningen im Sommer 1938 'Fluchthilfe' für Lise Meinter zu leisten.

Am 16.12.1943 ging aus einer Depesche des OSS in Bern hervor, daß man Werner Heisenberg als 'zu den Nazis tendierend' und Carl Friedrich Weizsäcker als Nazi verstand[28]. Das hat Thomas Powers berichtet. Auch daß Paul Scherrer über Manfred Ardenne urteilte, er sei ein 'Supernazi' und ein wissenschaftlicher Scharlatan. Und er hielt aufgrund von Paul Rosbauds Eindruck auch Fritz Houtermans für einen Nazi. Powers meinte, Scherrer sei nie ein Spion im klassischen Sinn gewesen und genau genommen auch nie ein Agent von Dulles oder dem OSS.

Wolfgang Gentner (geb. 1906) hat selbst seine "Gespräche mit Frédéric Joliot-Curie im besetzten Paris 1940-1942" aufgeschrieben[29].
Er hatte von Mitte Januar 1933 bis Ende 1935 auf Empfehlung seines Lehrers, Friedrich Dessauer, bei Joliot gearbeitet. 1940 erschienen Walter Bothe und er mit Herren des HWA im Pariser Institut, Joliot war abwesend und sie stellten fest, daß das Zyklotron wegen Mängeln in der Hochfrequenzanlage noch nicht lief. Beim zweiten Besuch war Gentner der Dolmetscher in einem Verhör, das Erich Schumann mit Joliot veranstalte. Es ging um in Norwegen gekauftes schweres Wasser, daß Hans Halban und Lew Kowarski da schon vor dem Zugriff der Deutschen in Sicherheit gebracht hatten, um die französischen Uranvorräte und um die Inbetriebnahme des Zyklotrons. Joliot erklärte sich bedingt bereit, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten, sie erklärten schriftlich, daß am Zyklotron keine Kriegsforschung betrieben würde. Am Abend des selben Tages trafen sich Gentner und Joliot heimlich und unter den obwaltenden Umständen war es Joliot lieber, Gentner als 'Überwacher' und Mitarbeiter im Institut zu haben als einen Unbekannten. Gentner blieb bis zum Frühjahr 1942 und half mit seinen Erfahrungen aus Berkeley das Zyklotron in Betrieb zu setzen, was ihm auch im 'Uranverein' und bei dessen 'Führern' Prestige eintrug. Als am 30. Oktober 1940 Paul Langevin, damals 68 Jahre alt, verhaftet wurde, streikten sofort die Laboratorien. Gentner fand über William Boveri in Canaris' Abwehrdienst heraus, daß gegen Langevin, außer vagen Sympathieäußerungen für die Résistance, nichts vorlag. Er konnte dann über das HWA die Pariser Kommandantur von der Inopportunität ihres Vorgehens überzeugen. Am Ende eines Gefängnismonats wurde Langevin in Troyes unter Polizeiaufsicht gestellt. Als Ende Juni 1941 Joliot verhaftet wurde, konnte Gentner sofort (am Telefon) gegenüber einem SS-Sturmbannführer mit dem Hinweis auf das HWA und die 'geheime Kommandosache' im Institut so energisch auftreten, daß dieser noch am gleichen Tag die Verhaftung aufhob[30]. Wenig später konnte er, eilig herbeigerufen, die SS und Gestapo mit dem Hinweis auf seine Befugnisse sogar an einer Durchsuchung des Gebäudes hindern. Gentner wußte, daß Mitarbeiter des Instituts und Joliot selbst an Aktionen gegen die Besatzer beteiligt waren, und die Résistance wußte, daß Gentner nicht weitergab, was er wußte. Wofgang Genter war mit Alice Phaeler verheiratet. Die Familie lebte - Frau Gentner war Schweizerin - in Basel, und Gentner konnte sie, auch nachdem er 1942 wieder in Heidelberg arbeitete, besuchen. Nachrichten aus dem Uranverein kamen über ihn in die Schweiz. Thomas Powers hat ein Beispiel zitiert, wo Gentner am 24. April 1944 einen Kollegen aus Paul Scherrers Institut traf. Das Problem war wohl eher, daß es wenig zu berichten gab - ein Faktum, mit dem sich Geheimdienste nicht leicht zufrieden geben.
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Hendrik Casimir (geb.1909) hatte mit Paul Zeeman zusammengearbeitet und war sehr jung schon ein anerkannter Spezialist und Theoretiker der Hfs-Spektroskopie. 1942 ging er zur Firma Philips in Eindhoven, wo ihm ein junger deutscher Ingenieur übergeordnet war, die Besatzer die Produktion lenkten, und Deutsche tagtäglich ein und aus gingen. Casimir schrieb in seinen Erinnerungen:
"meine wirklichen Kollegen in Deutschland traf ich nicht, mit drei Ausnahmen". Die erste war Richard Becker im Herbst 1942, der in einer Art Programm zum Know-How-Austausch nach Eindhoven kam. Seine erste Frage war nach dem Schicksal von G. Heller, einem ehemaligen Studenten von ihm, der unter dem Druck der NS Gesetze nach Holland geflohen war. Dann habe Becker gesagt, daß die Abrechnung für das Unrecht ohne Zweifel kommen würde "und ich will nicht leugnen, daß das nur gerecht ist. Doch, Sie müssen verstehen, daß ich Deutscher bin, ich möchte nicht, daß unsere Truppen in Stalingrad vernichtet werden, und wenn man mich auffordert, die Kriegsanstrengung meines Landes zu unterstützen, fühle ich mich verpflichtet, das zu tun. Vielleicht ist das unlogisch, aber das ist mein Standpunkt" 1943 kam Werner Heisenberg: "wir freuten uns, Heisenberg zu sehen... Kramers organisierte ein Programm für seinen Besuch" Sie machten einen Spaziergang und Heisenberg "erklärte, daß es immer Deutschlands Sendung gewesen sei, den Westen und seine Kultur gegen den Ansturm der Horden aus dem Osten zu verteidigen und daß der gegenwärtige Konflikt ein weiteres Beispiel dafür sei" Casimir war enttäuscht, daß Heisenberg nur sagen konnte, da sei doch "ein Europa unter deutscher Führung das kleinere Übel". "Der dritte Besucher war Hans Kopfermann. Wir kannten uns ziemlich gut. Er war ein Experimentalphysiker, aber er gehörte zum Kopenhagen-Clan: er arbeitete in Bohrs Institut über Spektren und er war ein Spezialist für Hyperfeinstruktur, ein Gebiet, auf dem ich einmal theoretisch gearbeitet hatte. Er kam zu Philips in Geschäften, die mit dem Kauf von wissenschaftlichen Geräten zusammenhingen, und sehr diskret und ohne zu zeigen, daß wir uns kannten, fragte er mich, ob er mich privat treffen könnte. Ich ging am Abend in sein Hotel und schlug ihm vor, zu mir nach Hause zu gehen, um in aller Ruhe miteinander zu sprechen. Während wir durch die verdunkelten Straßen von Eindhoven gingen, sagte er: "Kommen Sie nicht bei ihren Kollegen in Schwierigkeiten, wenn herauskommt, daß Sie einen Deutschen zu sich nach Hause einladen?" Die Antwort fiel mir nicht schwer: "Jetzt, wo Sie danach gefragt haben, kann es mir gleichgültig bleiben"[31] Casimir meinte, drei kurze Sätze seien bezeichnend gewesen für drei Männer, die alle drei integre Menschen, Anti-Nazis, aber doch auch deutsche Patrioten gewesen wären und deshalb auf die eine oder ander Weise hätten Kompromisse machen müssen: "Die Abrechnung wird kommen"; "Wäre nicht ein Europa unter deutscher Führung das kleinere Übel" und: "Kommen Sie nicht in Schwierigkeiten mit Ihren Kollegen?" "Von diesen (drei Männern K.S.) hatte Kopfermann die größte Sensibilität, Becker vielleicht den größten Sinn für Gerechtigkeit und Heisenberg, der bei weitem der bedeutenste Physiker war, die geringste Einsicht in die Lage"[32]
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Dem merkwürdigsten der Grenzgänger aus dem Umkreis der Physiker ist Arnold Kramish in 'The Griffin'[33] nachgegangen. Kramish schrieb aus der Sicht des langjährigen Geheimdienstmitarbeiters[34].

Paul Rosbaud (1896-1963) war der dritte Sohn von Anna Rosbaud und Franz Heinisser, später kam noch eine Schwester. Die beiden Brüder wurden bekannt, der eine als jugoslawischer Partisan, der andere, Hans, als Dirigent. Paul machte den Krieg in einem k.u.k. steyrischen Regiment mit, bis er 1918 von Engländern in Italien gefangen genommen wurde und ein erster Einblick in britisches Leben ihn beeindruckte. Er studierte dann in Darmstadt Chemie und verheiratete sich mit Hilde Frank. Ein Stipendium brachte ihn vorübergehend nach Berlin ans KWI, dann als Assistent nach Königsberg und wieder nach Berlin, wo er mit Hermann Mark an der TH promovierte. Er arbeitete zunächst in Frankfurt bei der 'Metallgesellschaft'. 1927 holte ihn Georg Lüttke, der sich die Organisation der Metallindustriellen in einem Zentralverband zur Aufgabe gemacht hatte, als Schriftleiter seiner Zeitschrift 'Metall-Wirtschaft, -Wissenschaft und -Technik' nach Berlin[34a]. Die Tätigkeit für die Zeitschrift lag Rosbaud. Er reiste viel und kannte alle Welt, und er sah sich unter den Wissenschaftlern in Labors und Produktion als 'Hecht im Karpfenteich'. Victor Goldschmidt kannte er schon bevor der nach Göttingen ging, und er befreundete sich auch mit dessen Schüler, Friedrich Karl Drescher-Kaden, Professor in Clausthal, 1932 Reichsreferent der NSDAP für Technologie und Mitarbeiter in Canaris' Abwehr (s.o). Unter Rosbauds Bekannten waren politisch engagierte und nicht engagierte Naturwissenschaftler und Nichtnaturwissenschafter. Die Cambridge-Leute John Desmond Bernal, Geoffrey Pike, Pjotr Kapitza (die Ludwig Mond Nickelindustrie finanzierte dessen Labor) ebenso wie Walter Brecht, der Bruder von Bert Brecht. Zu Lise Meitner fühlte er sich hingezogen, "intellektuell, wenn nicht gar physisch" schrieb Arnold Kramish. Rosbauds hatten eine Tochter, Angela, geboren 1927. Hilde war als Gymnastiklehrerin unabhängig. Paul lebte mehr und mehr mit Ruth Lange, die im Verlag arbeitete, viel jünger war als er. Sie war eine Diskus- und Kugelstoßmeisterin, deren Schwester, Hilde Benjamin, seit 1927 der KPD angehörte. Hildes Mann Georg war der Bruder von Walter Benjamin. Nach dem 'Anschluß' war Hilde Rosbaud nicht mehr sicher und Paul besorgte über einen alten Bekannten, Francis Edward Foley, der in der Berliner Botschaft arbeitete, englische Visa. Hilde ging nach London. Ruth zog in das Zehlendorfer Haus, das Rosbauds von Michel Polanyi übernommen hatten. Angela siedelte zur Mutter über und Paul fuhr fortan alle vier Wochen nach London. Ende August 1939 zog sich Geheimdienstoffizier Foley[35] nach Norwegen zurück. Dort traf ihn Paul noch einmal und arrangierte mit ihm, daß er in England fortan persona non grata wurde. Das war Teil seiner Tarnung. Paul Rosbaud wurde Agent, sein Kontaktmann war Eric Welsh.

1941 lieferte er einen längeren Bericht über Peenemünde. Er war dorthin gefahren, er kannte Alwin Walther, den Leiter des Darmstädter Instituts für praktische Mathematik, der seit 1939 mit Erich Steinhoff beim Raketenbau arbeitete. In Greifswald wohnte er bei Gerhard Jander.

Rosbauds Freunde waren auch Karl Friedrich Bonhoeffer, und Frau Greta geborene Dohnanyi. Bonhoeffers Schwester war mit Hans von Donanyi verheiratet, der in der Abwehr tätig war. Der Bruder Klaus Bonhoeffer war Syndikus der Lufthansa und der Bruder Dietrich Bonhoeffer war Pfarrer. Kreise der geheimen Opposition in Deutschland.

Unter dem 7.11.1941 'avancierte' Paul Rosbaud zum Vollmitglied in der NS-Techniker-Or ganisation bei den Eisen-Hütten-Leuten. Er hatte vor Jahren am Zustandekommen des KWI für Metallforschung in Stuttgart großen Anteil gehabt und 1939 zusammen mit Walther Gerlach ein neue Zeitschrift des Springer-Verlags ins Leben gerufen, die Spectrochimica Acta. Im April 1943 hatte die Gestapo keine Einwände gegen eine Hollandreise. 1942 sah Paul Ruths Schwager Georg Benjamin gefangen im KZ Wuhlheide, er sah Hungerödeme der Mitgefangenen. Ruth war bis zum äußersten bemüht um die Freilassung von Georg und anderen Gefangenen. Georg Benjamin wurde am 26. August 1942 in Mauthausen ermordet.

Anfang 1943 konnte Rosbaud als ,Fluchthelfer` mit Mut, List und Bestechung eine Familie aus Theresienstadt herausbringen.
Arnold Flammersfeld erlebte, wie Rosbaud im Februar 1944 bei Aufräumungsarbeiten in den Ruinen des KWI Chemie beschäftigten KZ-Gefangenen Essen zusteckte und kommentierte später: "wir jüngeren hätten das nicht gewagt".

Zwei französischen 'Kriegsgefangenen', jungen Wissenschaftlern, Charles Peyrou und seinem Kollegen Piatier, besorgte Rosbaud Arbeitsmöglichkeiten und Piatier wohnte bei ihm und zog mit um nach Teltow, als Bomben im Frühjahr 1943 die Zehlendorfer Wohnung zerstörten. Beide hatten Geheimdienstaufträge.

Als man Rosbaud zur Arbeit in der Organisation Todt verpflichtete, konnte Drescher-Kaden über Walter Gerlach erreichen, daß er 'für wissenschaftliche Arbeit' u.k. gestellt wurde. Am 21. Juli 1944 setzte er sich ab. Den Bruder Hans, der Dirigent in Strasbourg geworden war (wohin auch Drescher-Kaden ging), hatte er immer über die Vertrauenswürdigkeit bestimmter Menschen der Umgebung informiert, empfahl ihm Vorsicht im Umgang mit Ida und Walter Noddack (was bei dem ziemlich fanatischen nationalsozialistischen Chemikerpaar aus dem KWI vielleicht nicht überrascht), und sah 1944 auch Carl Friedrich Weizsäcker als Gefahr an. Dies Urteil mag mit Weiszäckers Abstand und Nähe zu den Kreisen der geheimen Opposition zusammengehangen haben.
Paul Rosbaud war mit Max Laue und wenigen anderen (Hans Kopfermann?) zugegen, als Arnold Berliner zu Grabe getragen wurde. Er betreute ja im Verlag die Zeitschrift 'Die Naturwissenschaften'. Berliner hatte damals, 1935, als er gehen mußte, an Paul Epstein geschrieben: "Dr. Arnold Berliner mußte am 13.8. die Nw, sein Lebenswerk, verlassen, weil er für den Verleger untragbar geworden war"[36]. Arnold Berliner erschoss sich am 23. März 1943: sichtbares Zeichen des Protestes eines prominenten alten Mannes gegen den Zustand der Gesellschaft. Rosbaud, so scheint es, nutzte alle Möglichkeiten, die sich ihm gegen diesen Zustand boten[37].

[1]Alexander Weissberg-Cybulski, Im Schmelztiegel. Bilder aus dem Leben eines deutschen Wissenschaftlers, Dresden, Sachsenverlag, o.J. (Auszug aus des Autors 'Hexensabbat' erchienen im Verlag der Frankfurter Hefte) S.99

[2]Edoardo Amaldi, a.a.O., S.34
[3]Alexander Weissberg, a-a-O., S.98
[4]London, Hurst and Blackett, 1951, ein deutsch-amerikanische Journalist, Höxter, half bei der Abfassung.
[5]Houtermans fügte dem 6-seitigen Typoskript eine Nachschrift an: "...I do not want any propagandistic conclusions to be drawn from my experiences. I also do not want this information to be used for publication. I want to emphasize again that apart from the treatment by which false confessions were forced from people in Russian prisons by the questioning officials under special order from the government nearly no facts have been brought to my knowledge indicating sadistic or even uncorrect treatment in prison by prison officials in the execution of their duties..." Edoardo Amaldi, a.a.O. S. 47
[6]Edoardo Amaldi a.a.O., S.53 zitiert aus einem 7-Seiten-Typoskript von Aglaya Schteppa-Corman, der Tochter Konstantin Feodossowitschs, "In Memory of Professor Dr. F. Hourtermans"
[7]Ebenda, S.19
[8]Ebenda, S.47. Meine (Rück-)Übersetzung
[9]Samuel Goudsmit, Alsos, NY (AIP/Thomash) 1988 (1947), S.181; Auch hiezu näheres bei Edoardo Amaldi, a.a.O., S.65
[10]Thomas Powers, loc.cit.
[11]Thomas Powers schrieb in seinem Heisenberg-Buch (loc.cit.), er berichte von insgesamt "19 größeren 'Indiskretionen' von deutscher Seite zwischen 1939 und 1945". Während von der Gegenseite nichts vergleichbares bekannt geworden sei. Einerseits: Kunststück - wer hätte nach 1945 darüber gerne gesprochen. Andererseits: `Vergleichbares' ist schlechterdings kaum möglich, es sei denn, bei schlechter Gleichsetzung der `Totalitarismen', für die UdSSR.
[12]Haro von Buttlar et. al., Leonium und andere Anekdoten, Typoskript, Bochum 1982
[13]Edoardo Amaldi a.a.O., S.67 zitiert Aglaya Schteppa
[14]Die Publikation von `Beck und Goldin' (s.o.) mag (unter den Umständen des kalten Krieges) im Zusammenhang eher mit Schteppas Amerika-Plänen als mit Houtermans zusammenhängen. Konstantin Schteppa arbeitete in USA mit der Unterstützung des `East European Fund'. Sein Werk, Russian Historians and the Soviet State, New Brunswick (Rutgers Univ. Press) erschien 1962 posthum.
[15]Arnold Kramish, The Griffin, Boston (Houghton Mifflin) 1985, S.123
[16]Max Laue schrieb an Lise Meitner unter dem 27. Februar 1944: "Mit recht gemischten Gefühlen hörte ich, daß sich Fritz Houtermans vor 8 Tagen hier verheiratet hat. Traubenbergs, die mir davon erzählten, berichteten auch, daß er sich vorher mit Charlottes Mutter und sonstigen Verwandten auseinandergesetzt und dabei volles Verständnis für seinen Schritt gefunden habe. Und man muß in der Tat verstehen, daß die nun vor 6 ½ Jahren gewaltsam erfolgte Trennung von Charlotte ein großes Opfer für ihn bedeutete. Und doch hätte er dies Opfer m.E. weiter bringen sollen. Mir steht eben die Heiligkeit der Ehe so hoch, daß ich mich über das Geschehene nicht freuen kann..." Jost Lemmerich Hg., Lise Meitner - Max von Laue, Briefwechsel 1938-1948, Berlin, ESR, 1998, S.354
[17]Abraham Pais, a.a.O., S.483, hat Stefan Rozentals Erinnerung aus einem Brief an Margaret Gowing vom 6.9. 1984 zitiert: "I can only remember how excited Bohr was after that conversation and that he quoted Heisenberg for having said something like, You must understand that if I am taking part in the project then it is in the firm belief that it can be done." Und Aage Bohr habe ihm bestätigt, daß Niels Bohr den klaren Eindruck hatte, Werner Heisenberg sei mit atomarer Rüstungsforschung befaßt.
[18]Ebenda, S. 483
[19]Werner Heisenberg, Der Teil und das Ganze, München (Piper) 1969, S.247
[20]Mark Walker, Nazi Science..., loc.cit.
[21]Ulrich Heinemann, Ein konservativer Rebell. Fritz Dietlof Graf von der Schulenburg und der 20. Juli. Berlin (Siedler) 1990. Heinemann bezieht sich auf Rainer H. Blasius, Für Großdeutschland - gegen den großen Krieg. Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker in den Krisen um die Tschechoslowakei und Polen 1938/39, Köln Wien, 1981
[22]Werner Brockdorff, Kollaboration oder Widerstand. Die Zusammenarbeit mit den Deutschen in den besetzten Ländern während des zweiten Weltkrieges und deren schreckliche Folgen. München-Wels (Welsermühl) 1968, S.336
[23]Johannes Hans Daniel Jensen (1907-1973) hatte 1932 in Hamburg promoviert, arbeitete dort zusammem mit W. Lenz (u.a. über "Druckverbreiterung" von Spektrallinien, Z.Phys.80, 1933) war seit 1936 Privatdozent und wurde 1941 Professor an der TH Hannover. 1942 erschien von ihm und Rudolf Fleischmann, damals Strasbourg, ein ausführlicher Beitrag zu Clusius' Trennrohr in den Ergebnissen.
[24]Stefan Rozenthal, Schicksalsjahre mit Niels Bohr, Stuttgart (DVA) 1991
[25]Niels Blaedel, Harmony and Unity (Harmoni og enhed), The Life of Niels Bohr, Madison Berlin (Springer) 1988 (Carlsberg fondet, rhodos Kopenhagen 1985)
[26]Zu dieser Geschichte existieren verschiedene Varianten, ich halte mich hier an den Bericht von Ilse Haxel-Houtermans (Gespräch August 2000): Fritz Houtermans arbeitete im Frühjahr 1945 schon längst nicht mehr im Labor Ardennes, sondern in einer Abteilung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt. Die Abteilung wurde nach Rönneburg ausgelagert, in irgendwelche Fabriks- und Lagerräume. Ein Firmenangehöriger machte Houtermans darauf aufmerksam, daß zollverplombte Säcke, die dort abgestellt waren, ein Gemisch aus Tabak und Sand bzw. Staub enthielten (vielleicht aus dem zerstörten Dresden? - bei Eduardo Amaldi ist von der 'Dresdener Land-Zigarettenfabrik' die Rede). Houtermans, der im Umgang mit Bürokratie nicht zuletzt aus Rußland (dem Land der ,Bumashki`) entsprechende Übung hatte, schrieb mit dem Briefkopf des RFR (oder der PTR) an die zuständige Zollbehörde mit der Bitte um Freigabe eines der Säcke "zu strahlenanalytischen Untersuchungen am Tabakvirus". Mit Erfolg. Mit dem Küchensieb wurden die kostbaren Tabakkrümel vom Dreck getrennt, und Houtermans und der Initiator der Aktion teilten sich die Beute. Bei einem zweiten Versuch landete das Genehmigungsschreiben der Behörde jedoch im Sekretariat und auf dem Tisch des Abteilungsleiters. Houtermans wurde sofort entlassen und sah sich einmal mehr in großer Gefahr. Frau Ilse riet ihm, die Kollegen vom KWI in Stadtilm aufzusuchen. So kam Houtermans (nicht ohne selbstausgestellten Reisebefehl) zu Heisenberg, der dann die Weiterreise zu Kopfermann 'legalisieren' konnte. Weizsäcker formulierte den Schüttelreim: "Heisenberg mußte die Reise bescheinigen, Kopfermann die Sch... bereinigen".(Vgl. auch Edoardo Amaldi, a.a.O, S.81).
[27]Michael Kopfermann im Gespräch, München, April 1995
[28]Zitiert bei Thomas Powers, loc.cit.
[29]Veröffentlichung Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg, September 1980
[30]Vgl. auch Hélène Langevin-Joliot, "Gentner à Paris" in Wolfgang Gentner 1906-1980, CERN/Doc 82-3, 1982, S.3
[31]Hendrik Casimir, Haphazard Reality, New York (Harper) 1983, S.209
[32]Ebendort
[33]Arnold Kramish, op. cit.
[34]Vgl. a. ders. Atomic Energy in the Soviet Union, Stanford Univ. Press 1960
[34a]
[35]Foley organisierte bald auch die 'Entführung' der in Norwegen gekauften Schwerwasservor- räte der Pariser Physiker durch Hans Halban und Lew Kowarski.
[36]Zitiert bei Alan Beyerchen, Wissenschaft... loc.cit., Kap.4, Fußnote 84
[37]Arnold Kramish's spannende Geschichte erlaubt leider nur beschränkt, sich ein Bild von der Tragweite von Rosbauds Wirken zu machen. Weitere Recherchen wären wünschenswert. Nach 1945 brachte Rosbaud mit dem Verleger Maxwell das Unternehmen der 'Pergamon Press' auf den Weg.

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