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III. PERSPEKTIVEN 1945-1963.

In einem Neujahrsbrief 1946 schrieb Rudolf Jaeckel aus Clausthal-Zellerfeld an Walter Weizel in Bonn:

"Ich finde, bei allem schwerem , was das Jahr 1945 gebracht hat, soll man es doch nicht ganz verdammen. Es hat uns immerhin die Befreiung vom Hitlerjoch gebracht und ist damit des Dankes würdig. Daß noch nicht gleich wieder friedensmäßige Zustände herrschen, kann man schließlich nicht dem neuen Anfang, sondern nur der Vergangenheit zur Last legen."[1]

Im Folgenden wird zu zeigen sein, wie der neue Anfang gestaltet wurde und wie die Vergangenheit offen oder verdeckt die Gegenwart einholen konnte. Nachrichten und Bilder vom Lager Auschwitz gingen seit Januar 1945 um die Welt. Berichte von Überlebenden, von anderen Lagern erschienen in den Medien. Das Außmaß der Verbrechen trat öffentlich zu Tage.

Als im August die Uran- und Plutoniumbomben in Japan explodierten, wurde klar, zu welchen Katastrophen das 'Hitlerjoch' mit Genozid und Krieg, auch über sein Ende hinaus noch führte[2], und die 'Kernphysiker' gerieten neben den Militärs und den Politikern ins Rampenlicht.

Nur wenige Jahre standen der Schrecken und die Folgen der Diktatur bei allen Fragen zur Neugestaltung des Zusammenlebens in Deutschland im Vordergrund. Es waren gleichzeitig die Jahre der größten wirtschaftlichen Not. Das Jahr 1947 brachte den bizonalen Wirtschaftsrat, das Jahr 1948 den Marshallplan, die Währungsreform, den Parlamentarischen Rat und gleichzeitig im Zentrum des rechtsstaatlich-demokratischen Rahmens die massive Wiederaufnahme eines ideologischen Versatzstücks der Vergangenheit, des Antikommunismus. Viel zu sehr im Zeichen dieser (Gegen-)Ideologie stand fortan der "Wiederaufbau", stand die "Wiederbewaffnung", deren Problematik der Innenminister Gustav Heinemann 1950 mit seinem Rücktritt unterstrich. Sie wurde 1952 mit dem Plan für eine europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) von der Mehrheit des ersten Bundestages gebilligt und, mit Verfassungsänderungen von 1954, mit der Ratifizierung der Pariser Verträge 1955, ab 1956 im Bündnis, ab 1959 im Rahmen der NATO verwirklicht.

Wirtschaftlich förderte der 'Kalte Krieg' die Bundesrepublik (und in geringerem Maß auch die Deutsche Demokratische Republik). Nach ein paar Jahrzehnten zählte sie zu den reichsten Ländern der Welt. Der Autor sieht darin kein ungetrübtes Positivum. Die innen- und außenpolitischen Verhältnisse gerieten in vieler Hinsicht besser als je zuvor in einem deutschen Staat. Das Urteil über die Entwicklung der politischen Kultur und über ihre Krisenfestigkeit wird sich nach der jeweiligen politischen Grundüberzeugung richten. Aus meiner Sicht lagen Schwächen der Entwicklung etwa in einer "Rechristianisierung", die sogar in der Präambel zum Grundgesetz ihren Niederschlag fand, im wenig glücklichen Umgang mit der - sicher schwierigen - "Entnazifizierung", in einem folkloristischen Konservatismus in allen Bereichen der Kultur, in einer Amnestiepolitik, die eine undurchsichtige Gegenwart kompromittierter Personen (ganz abgesehen von zahlreichen 'Mitläufern') in Wirtschaft, Justiz und Verwaltung, in Schulen und Hochschulen und nicht zuletzt in der Armee nach sich zog. Hinzu kamen eine "Entpolitisierung" der Gewerkschaften, eine Verwässerung von Mitbestimmungskonzepten und anderes mehr. Waren das ausnahmslos Kröten, die es zu schlucken galt? Oder waren Gesellschaft und Politik durchaus nicht auf dem besten Weg ?

Die weltweite `Entkolonialisierung', die in der 1947 erstrittenen Unabhängigkeit Indiens, im Ende der französischen Herrschaft in `Indochina' (Dien Bien Phu 1954) und in der Konferenz von Bandung 1955 ihre Symbole hat und die noch über Jahre die Kolonialnationen bewegte, konnte in der deutschen Öffentlichkeit kaum die emanzipativen Auseinandersetzungen wecken, die zur gesellschaftlichen Dynamik in England, Frankreich, Holland und Belgien beitrugen. Auch nicht die Gründung Israels 1948, das `Suezabenteuer' 1956, die Spaltung Frankreichs im Algerienkrieg (1958) oder die Civil Rights-Bewegung in den USA. Im Zeichen des Antikommunismus fanden Koreakrieg 1950, Ungarnaufstand 1956, 'Kuba' 1958 und Mauerbau 1961 höchst einseitig Beachtung. Israel und die BRD traten ab 1952 in Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen ein, die nicht darüber hinwegtäuschen konnten, daß die juristische und sozialpsychologische Auseinandersetzung mit dem Genozid eher stagnierte. Für die individuelle 'Wiedergutmachung' galt das gleiche. Die deutsche Gesellschaft hatte, wie Jean Améry Anfang der 60er Jahre bemerkte, ihre 'Psychoanalyse' hintangestellt[3]. Die internationale Integration verlief innergesellschaftlich konfliktarm, in der einen Gesellschaft zunächst so einseitig nach Westen, wie in der anderen nach Osten und ganz im Zeichen des Ost-West-Gegensatzes. Die Präsenz der `Gastarbeiter' (1 Million in der BRD 1964) schien für die Deutschen ebenso wenig dazu angetan, sich Weltprobleme zu eigen zu machen, wie der wachsende Tourismus ins Ausland.

Hans Kopfermann hat erlebt, wie Konrad Adenauer mit einer Stimme Mehrheit 1949 die Bundesregierung bilden konnte, wie die CDU 1953 (zusammen mit der CSU) die absolute Mehrheit im Parlament und 1957 sogar diejenige der Wählerstimmen gewann, bevor 1961 ein Stimmenanteil der FDP von fast 13% eine Tendenzwende andeutete. Als Landesbeamter hat Kopfermann in Niedersachen beobachten können, wie die ersten Nachkriegs-Landesregierungen in einer `Politik der Sachlichkeit' rechts und links vereinten und wie ehemals preußische Beamte eine Tendenz zur Restauration früherer Institutionen, zu 'business as usual', unterhielten[4]. Er hat erleben können, wie Kontrollgesetze der Militärregierung zur Bildung von Interessengruppen in der Forschungspolitik und fast zwangsläufig zur Stärkung von Beziehungsnetzen der so eben noch im Krieg mobilisierten Wissenschaft führten. Als Kopfermann im Frühjahr 1953 nach Heidelberg übersiedelte, war der administrative Umbau zum 'Südweststaat' unter der vorläufigen Stuttgarter Landesregierung (Reinhold Maier)[5] in vollem Gang, die Berufungsverhandlungen waren noch in Karlsruhe geführt worden. Als er aus Göttingen (das in jenem Jahr sein tausendjähriges Bestehen feierte) wegging, erfuhr die institutionelle und berufliche Landschaft für Physiker gerade eine für Wiederaufbau und Westintegration symptomatische Änderung. 'Großforschungseinrichtungen' zeichneten sich ab, und eine beträchtliche Ausweitung industrieller physikalischer Forschung mit entsprechender Nachfrage im Ausbildungssektor. Die Physik war vor dem Hintergrund der militärischen Sensationen eine 'Modewissenschaft' wie nie zuvor geworden. Kopfermann wirkte in bundesrepublikanischen hochschul- und wissenschaftspolitischen Gremien mit, und als er im Januar 1963 in Heidelberg starb, gehörte er über die Physik hinaus zu den einflußreichen Persönlichkeiten und war einer breiteren Öffentlichkeit wenn anders nicht, dann als Mitunterzeichner des "Göttinger Manifests der 18 Atomphysiker" vom April 1957 gegen eine atomare Rüstung der Bundeswehr bekannt geworden.

 

Letzte Züge der Diktatur und erste Maßnahmen der Vier Mächte

Am 2. Februar 1945 berichtete Wilhelm Westphal dem Ministerium über den desolaten Zustand des Physikunterrichts an der Charlottenburger Hochschule, angesichts eines zerstörten Instituts und angesichts der Tatsache, daß mit Hans Geiger wegen schwerer Krankheit nicht mehr zu rechnen sei. Der zuständige Referent befand, man müsse einen Nachfolger berufen. In Frage kämen (in dieser Reihenfolge) Kopfermann (Göttingen), Justi (Posen), Steincke (Freiburg), eventuell auch Kossel (Danzig). Auch solle sich Herr Fischer mit Westphal und mit Magnifizenz Niemczyk in Verbindung setzen, Westphal brauche 2-3 Assistenten für den Lehrbetrieb und die schrittweise Wiederherstellung des Instituts. Ausserdem habe er noch einmal gebeten, die Ernennung von Dr. Haxel zum außerplanmäßigen Professor zu beschleunigen[6]. Otto Haxel wurde nicht mehr ernannt, für Geiger wurde im Dritten Reich kein Nachfolger mehr berufen.

In Göttingen gingen der Lehr- und Forschungsbetrieb so ungestört weiter, wie kaum irgendwo sonst. In der Verfolgungswelle, die in den Monaten nach dem 20. Juli 1944 einsetzte, gerieten in Göttingen 15 Hochschulangehörige, unter ihnen Robert Pohl, vorübergehend in Bedrohung als Personen 'die dem Nationalsozialismus fern standen'. Hans Joachim Dahms zufolge waren längst nicht alle 15 Nazigegner, und auch Pohls Gegnerschaft war eher 'harmlos'. Jedenfalls hatte er eine Aufforderung seines Freundes Hermann Kaiser, sich aktiv am Widerstand zu beteiligen, entsetzt abgelehnt[7].

Als 1936 die Nelsonianer[8] verhaftet worden waren, hatte man Heinrich Düker wegen 'Unwürdigkeit' die Lehrbefugnis (in Psychologie) entzogen. Düker war nach drei Jahren Gefängnis wieder frei gekommen und hatte in Berlin, finanziert von Schering, ein pharmako-psychologisches Labor aufgebaut, das seiner und seiner Freunde Untergrundarbeit als Deckung diente. Als er 1944 Göttingen besuchte, warnte der Kreisleiter Thomas Gengler (apl. Assistent in der Astronomie) den Rektor brieflich und erklärte Dükers Aufenthalt für unerwünscht. Heinrich und Erna Düker wurden im Dezember `44 in Berlin verhaftet und überlebten am Ende nur mit knapper Not.[9]

Die Göttinger Hochschule lag manchen Herren der NS-Eliten besonders am Herzen. Aus dem Tagebuch von Wolfram Sievers, dem Leiter des 'Ahnenerbe' der SS, geht hervor, daß Ende 1944 ein Vorschlag aufkam, Göttingen zur 'germanischen Universität' zu erklären und gleichzeitig das 'Ahnenerbe' einzustellen. Autor des Plans war Peter Paulsen, Dozent der SS-Schule Bad Tölz, dann Hildesheim. Zum Erstaunen von Sievers sollte einem ganzen Lehrkörper auf einmal die SS-Eignung zugebilligt werden. Sievers erkundigte sich umgehend bei dem Kameraden Rudolf Mentzel, der ihm versicherte, daß dieser 'Hildesheimer Plan' undurchführbar wäre. Aber erst nach weiteren Aussprachen mit den zuständigen SS-Referenten war Sievers beruhigt[10].

Aus der Akte Kopfermann im Bundesarchiv/BDC ist ersichtlich, daß offenbar noch im Oktober 1944 der Plan bestand, ihn nach Hamburg zu berufen. Jedenfalls schrieb damals der "Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD-Abschnitt Braunschweig, Leitaußenstelle Göttingen[11]", an die "Kreisleitung der NSDAP Göttingen, betreffs Prof. Dr. Hans Kopfermann, Göttingen, Baurat Gerber Straße 12":

"Der obengenannte ist für die Besetzung eines Ordinariats für Kernphysik in Hamburg vorgesehen. Es wird daher gebeten, eine Beurteilung in charakterlicher und politischer Hinsicht nach hier zu reichen"

Es unterzeichnete der SS-Untersturmführer (Stabsfeldwebel) Großmann. Die Kreisleitung, in Person des Abschnittsleiters der NSDAP Mang (?), schrieb daraufhin an den Ortsgruppenleiter, PG Gerber:

"Professor Dr. K. ist für die Besetzung eines Ordinariats in Hamburg vorgesehen. Ich habe daher über ihn eine politische Beurteilung abzugeben. Aus den hier vorliegenden Unterlagen vom Juli 1943 geht hervor, daß Dr. K. zu dieser Zeit von Ihnen als einwandfrei beurteilt wurde. Ich bitte daher um Mitteilung, ob diese Beurteilung heute noch aufrecht erhalten wird, oder ob inzwischen Tatsachen bekannt geworden sind, die eine Abänderung erforderlich machen."

Worauf der Obergemeinschaftsleiter Gerber als Ortsgruppenleiter Göttingen, "Auf dem Bühl", unter dem 28. Oktober 1944 antwortete:

"Die politische Beurteilung vom 3. Juli 1943 wird aufrecht erhalten. Heil Hitler!" [12] Kollegen der Hamburger Fakultät (Harteck, Heckmann, Lenz, Blaschke, Remy, Schlubach) hatten dem Rektor im Februar vorgeschlagen, den Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik, Peter Paul Koch (1879-1945) zu emeritieren. Koch kehrte mehr und mehr den Politischen Leiter heraus und verhielt sich alles andere als kollegial. Die Kollegen gaben vor, man benötige die Stelle für kriegswichtige Arbeiten im 'Uranverein'. Der Rektor forderte beim RFR eine Stellungnahme an, und prompt wurde auch die Berufung eines Kernphysikers empfohlen. Koch schrieb daraufhin in einem Bericht an die Schulbehörde, daß die Antragsteller "Anstoß an seiner nationalsozialistischen Gesinnung nähmen", daß sie "- wie auch Professor Gerlach vom RFR - politisch unzuverlässig" seien und er drohte, sie den militärischen Auftraggebern seiner Kriegsforschung oder der Gestapo namhaft zu machen. In einer erregten Debatte fand die Fakultät am 2.8.44 den Kompromiß, Koch nicht zu emeritieren und auf das freigewordene Ordinariat für Meeresbiologie einen Kernphysiker zu berufen. Am 20. September ging eine Berufungsliste der Fakultät an das REM ab. Das dürfte der Hintergrund für die Göttinger 'Sicherheitskorrespondenz' gewesen sein.[13]

Kopfermann blieb in Göttingen. Der dekorierte Reserveoffizier und Professor, auch neuerdings (seit September 1944) Inhaber des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse, war, wie berichtet, zum Volkssturm eingezogen und mit Befehlsgewalt ausgestattet worden[14]. In der Stadt blieb es bei relativ geringen Zerstörungen, die Universitätsinstitute waren arbeitsfähig. Nur an der Bibliothek und in Bahnhofsnähe gab es Trümmer: das Psychologische Institut in der Paulinerstraße war am 24. November 1944 völlig ausgebrannt. Am 2 Februar 1945 hieß es in einem Brief an Frau Gmelin:

Ich selbst habe weiterhin erheblich zu tun trotz der vielen Alarme, die einem entsetzlich viel Zeit wegfressen. Eine friedliche Stunde zu Hause kommt beinah nicht mehr vor.

Am 8.4. wurde die Stadt von Oberbürgermeister Gnade den Amerikanern übergeben, ohne daß es zu Kampfhandlungen gekommen wäre..

Andernorts wurden in den letzten Monaten Institute wegen der Luftangriffe oder mit dem Näherkommen der Front ganz oder teilweise ausgelagert. Die PTR, deren Mitarbeiterstab auf über 500 angewachsen war, hatte seit 1943 Zweigstellen in Weida, Ilmenau, Zeulenroda und Ronneburg[15]. Vielerorts wurden Akten und Apparaturen auf den Weg gebracht. Heinz Maier-Leibnitz hat beschrieben, wie er ein halbes Gramm Radium (Radioaktivität 1/2 Curie = 18,5 Milliarden Becquerel) in einem Bleibehälter per Fahrrad von Heidelberg nach Tauberbischofsheim brachte, wo Walther Bothes Institut in einer Schule Quartier bezogen hatte[16]. Bothes neidvoll-unglückliche Widersacherin im KWI, Isolde Hausser, arbeitete für das Radarprogramm, das Leo Brandt koordinierte. Ihr Labor wurde nach Mudau und Erlangen verlagert[17].

Peter Wellmann, der auf dem Schauinsland bei Freiburg Sonnenaktivität im Rahmen des Ionosphärenprogramms der Gatower "Reichsstelle für Hochfrequenzforschung" beobachtete[18], erhielt die Order, Unterlagen und Apparate als 'Geheime Kommandosache' ins Alpenvorland 'in Sicherheit' zu bringen.

Aus Berlin waren Ende Januar 1945 die Reaktorbauer des KWI Physik über Stadtilm in Thüringen, wo Diebners Gruppe stationiert war, nach Haigerloch und Hechingen gezogen, wo seit 1943 Institute der KWI in verlassenen Textilfabriken untergebracht wurden und wo sich Heisenberg und Hahn bereits aufhielten. Die letzte Versuchsanordnung der `Uranmaschine' wurde dort auf- und (bevor die Alliierten kamen) wieder ab- gebaut.

Gustav Hertz hat berichtet, daß er es vorzog, in Berlin zu bleiben:

"Es wurde mir einmal nahegelegt, meine Arbeitsstelle irgendwo anders hin zu verlegen während des Krieges, und ich war dagegen. Ich bin in Berlin geblieben und das hatte mehr oder weniger zur Konsequenz, daß ich später nach der SU eingeladen wurde und ich bin da auch gern hingegangen, nicht, wie manche westliche Zeitungen schreiben, ich wäre dahin mit Gewalt gebracht worden, davon ist keine Rede. Ich bin sehr gern hingegangen, und wir haben da sehr interessante und auch in vieler Beziehung schöne Jahre verlebt".[19]

Marianne Reinhold, Mitarbeiterin in der Generalverwaltung der KWG, erinnerte sich später in ein paar Sätzen in deutlich zeitgebundener Sprechweise an die letzten Kriegstage im Keller des Harnackhauses unter dem Parkplatz.

"General Heidenreich versuchte eine Schachpartie und Prof Süffert von den `Naturwissenschaften' las im Schein einer Notlampe 'David Copperfield'. Er fiel kurze Zeit später auf dem Fehrbelliner Platz als Volkssturmmann, da er es als unehrenhaft empfand, dem Kampf, auch für eine verlorene Sache fernzubleiben... Aber es kam der 25. April 1945, nachts ein tiefes Brausen (Stalin-Orgeln), anders als sonst - die Entscheidung war da...."[20]

Die Physiker in Strasbourg waren abgereist, aber als die 6. Armee am 23 November 1944 die Stadt eroberte, fand man zwei Tage später in den Arbeitsräumen von Rudolf Fleischmann Dokumente, die den embryonalen Zustand der deutschen Bombenforschung bezeugten und erkennen ließen, daß die Reaktorgruppe nach Haigerloch/Hechingen ausgelagert war.

Die Amerikaner und Engländer hatten eine besondere Einheit gebildet, um deutschen Wissenschaftlern und Technikern samt ihren Kenntnissen möglichst schnell auf die Spur zu kommen. Sie wurde vom militärischen Leiter des Manhattan District Project in Zusammenarbeit mit Armee und Geheimdiensten geführt und trug den Namen ALSOS. In dieser Einheit war Samuel Goudsmit einer der Experten, unter Physikern und besonders Spektroskopikern ein bekannter und anerkannter Kollege. Goudsmit hat schon 1947 seine Tätigkeit geschildert[21].

Mitte März kamen die ALSOS-Nachforscher nach Heidelberg. Goudsmit fand Richard Kuhn zur Zusammenarbeit bereit, Walther Bothe auch, aber zurückhaltender mit Informationen. Man verabschiedete sich mit Handschlag, entgegen der militärischen Regelung[22].

ALSOS fand Werner Osenberg und Unterlagen der Arbeit des RFR in Nordheim. Wilhelm Groth in Celle, Paul Harteck in Hamburg. Ein amerikanisches Kommando mit Samuel Goudsmit und den ALSOS-Leuten im Gefolge besetzte am 23./24. April vor den heranrückenden Franzosen Haigerloch, südlich von Tübingen und nahm die dorthin ausgelagerten Reaktorkonstrukteure gefangen: Bagge, Hahn, Korsching, Laue, Weizsäcker und Wirtz. Werner Heisenberg wurde in Urfeld am Walchensee im Haus der Familie `eingesammelt'. Walther Gerlach war mit Wirtz und dem Transport der `Uranmaschine' bis Stadtilm in Thüringen mitgefahren, war dann nach München weitergereist und wurde dort gefangen genommen. Diebner hatte sich aus Stadtilm in Richtung 'Alpenfestung' `evakuieren' lassen, ebenso wie die Raketenbauer aus Peenemünde und aus den Stollen von 'Mittelbau', die sich dann in Bayern den Amerikanern ergaben.

Die Raketenspezialisten, aber auch andere Wissenschaftler (z.B. Rudolf Fleischmann und später Heinz Maier-Leibnitz) und Konstrukteure wurden bekanntlich in besonderen Regierungsprogrammen ('Overcast', 'Paperclip'[23]) über den Atlantik gebracht und standen vorübergehend oder auf Dauer im Dienst der Amerikaner. Auch nach England und Frankreich wurden Spezialisten 'exportiert'[24]. So geht aus einem Brief an Walther Gerlach vom 11.7.47 aus Paris, (85 avenue d'Orléans) hervor, das Walter Georgii, ehemals Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug und `Forschungsführung der Luftwaffe', auf ein Angebot der Franzosen eingegangen war. Georgii schrieb:

"Einige von meinen früheren Mitarbeitern sind auch hier... von Baeumker habe ich nichts mehr gehört, seitdem er nach USA gegangen ist. Womöglich will er dort wieder seine Akademie fortführen"[25].

In die Sowjetunion kamen, abgesehen von massenhafter Zwangsrekrutierung von Arbeitskraft, zum Beispiel auch die Wissenschaftler der Suchumi-Gruppe, unter ihnen Gustav Hertz, Max Steenbeck, Heinz Barwich, Max Vollmer, Manfred Ardenne, Adolf Thiessen.

Eine Anzahl prominenter Kernphysiker und Erbauer der `Uranmaschine' (10 Personen) wurden bekanntlich nach einem Transport über Reims, Paris und Brüssel Anfang Juli in Farmhall, im englischen Godmanchester, in Huntingtonshire, nicht weit von Cambridge, unter relativ feudalen Bedingungen interniert, interviewt und ausgehorcht. Sie wurden am 3. Januar 1946 per Flugzeug zurücktransportiert, und bevor man sie endgültig entließ, in Alswede, nördlich von Bünde, noch einmal kurzzeitig gefangen gesetzt[26].


[1]Brief Rudolf Jaeckel, Clausthal-Zellerfeld, an Walter Weizel, Bonn, 02.1.1946; persönliches Archiv Klaus Jaeckel, private Mitteilung 1994.

[2]Eine besonders prägnante Äusserung dazu sei hier angeführt: der Journalist Frank Elstner erhielt von Emilio Segré auf die Frage, warum er am Bombenbau teilgenommen habe, die überzeugte Antwort: "because of Herr Hitler" (Fernseh-Serie Stille Stars: Emilio Segré). Hans A. Bethe beklagte 1958 (Bull. Atom. Sci., S.427) die mangelnde Information der Bombenbauer über geheime Kenntnisse von den Arbeiten der tatsächlichen oder vermeintlichen deutschen Konkurrenz.

[3]Vgl. Jean Amery, "Im Schatten des Dritten Reiches: Deutsches Dichten und Denken in den fünfziger Jahren" in ders., Geburt der Gegenwart, Olten Freiburg (Walter) 1961

[4] Hinrich Wilhelm Kopf/SPD (1893-1961, bis 1933 Verwaltungsjurist der preußischen Regierung) regierte bis 1950 mit der CDU und seit 1951 sogar mit dem BHE. Kultusminister waren Adolf Grimme (1889-1963, 1930-1933 preußischer Kultusminister) bis 1948 und dann Richard Voigt (geb. 1895, bis 1931 Schulrat in Helmstedt), beide SPD. Vgl. Konrad A. Franke, SPD in Niedersachsen. Demokratie der ersten Stunde, Göttingen 1972

[5]DVP/SPD/BHE-Koalition bis September 1953, Kultusminister Gotthilf Schenkel/SPD

[6]Archiv TUB, Nachlass Ebert

[7]Ulf Rosenow, loc.cit. Zum Thema 'Widerstand in Göttingen' vgl. auch Ulrich Popplow, "Schulalltag im Dritten Reich", Aus Politik und Zeitgeschehen, (Beilage zu Das Parlament) 18/1980. Der Aufsatz beschreibt das Göttinger Felix Klein Gymnasium unter der Leitung von Walther Lietzmann, einem durch seine (Schul-)Lehrbücher bekannten Mathematiker. Die einzige Göttinger Schule, die ihren Direktor im Hitlerregime behalten hatte, obwohl Lietzmann kein Nationalsozialist war. Als 1944 Schüler zu Erdarbeiten unmittelbar an der Front bei Arnheim herangezogen werden sollten, kam es zu Protest und entsprechenden Auftritten von Gestapo und Kreisleiter Gengler in der Schule (der Autor macht keine näheren Angaben).

[8]Leonard Nelson, Philosoph und Hochschullehrer, Gründer des Internationalen Sozialistischen Kollektivs (ISK) s.o.

[9] Nach der Befreiung half Düker den Göttinger Psychologen beim Wiederaufbau, ließ sich auch zum Bürgermeister machen, bis er 1947 einen Ruf nach Marburg annahm.

[10]Michael Kater, loc.cit., S.343, Tagebucheintrag Sievers vom 20.11.44, die Referenten hießen Klumm und Spaarmann. Mir ist nicht bekannt, welche Überlegungen und welchen Absichten mit diesem `späten' Plan verbunden waren.

[11] III C1 v.E./Schr., Göttingen, Straße der SA 37

[12]Alle Zitate Bundesarchiv Berlin (vormals BDC), (Partei-)Akte Kopfermann

[13]Vgl. Monika Renneberg, "Die Physik und die physikalischen Institute an der Hamburger Universität im 'Dritten Reich'" in: Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer Hg., Hochschulalltag im 'Dritten Reich'. Die Hamburger Universität 1933-1945, Hamburg 1994. Im April 1946 schrieb Hans Jensen an seinen ehemaligen Lehrer Otto Stern:

"Als Hamburger Klatsch wird Sie vielleicht interessieren, daß Ihr geschätzter Kollege P.P. Koch sich allmählich zu einem verbissenen Nazi entwickelt hatte und u. a. Harteck und später auch mich bei der Gestapo denunziert hat. Wir hatten damals sehr großes Glück, daß nichts schlimmes aus der Sache wurde, denn unser 'Sündenregister' bei den Nazis war, wenn sie alles gewußt hätten, natürlich nicht unerheblich. Ich selbst habe Gerlach zu danken, der damals als 'Bevollmächtigter für Kriegsphysik' befragt wurde und meine Angelegenheit bagatellisierte. Auch Herrn Lenz versuchte Koch aus dem Amt zu bringen, was an der anständigen Haltung der Fakultät scheiterte...

Koch wurde wohlwollend nahegelegt, sich rechtzeitig pensionieren zu lassen; z.B. schrieb ihm v. Laue, es sei gut, sich emeritieren zu lassen, solange man den Verstand dazu besäße, aber er hat 'eisern die Stellung gehalten' bis die Engländer kamen und ihn dann alsbald aus seinem Amte entließen, ohne Pension, allein weil er 'Amtswalter' bei der Partei war, ohne daß seine bösartigen Unternehmungen dabei zur Sprache kamen; er hat dann diese selbstverschuldete Situation mit Cyankali quittiert, requiescat in pace."

S. Otto Stern papers Berkeley, zitiert nach Wolfgang Walter, "Otto Stern, Leistung und Schicksal" in Eckart Krause et al. Hg., loc.cit., S.1141

[14]Der Tischler Böhning leistete einem an ihn ergangenen Gestellungsbefehl nicht Folge: "Ich gehe nicht, - wenn er was will, soll der Volkssturm doch zu mir kommen". Kopfermann konnte Böhning vor Zwangsmaßnahmen auf unoriginelle, aber wirksame Weise schützen, indem er ihn für geistesgestört erklärte (Erinnerung Michael Kopfermann, Gespräch München, April 1996)

[15]Vgl. Ulrich Kern, Die PTR 1918-1945 in: J. Bortfeldt W. Hauser, H. Rechenberg, Forschen, messen, prüfen. 100 Jahre Physikalisch Technische Reichs-/Bundesanstalt 1887-1987

[16]Anne-Lydia Edingshaus, Heinz Maier-Leibnitz, München (Piper) S.72

[17]Margot Fuchs, "Isolde Hausser 1889-1951", Ber. Wissenschaftsgeschichte 3, 1994

[18]Die Leitung hatte Karl Otto Kiepenheuer, der 1942 von Göttingen zum Fraunhoferinstitut in Freiburg übergesiedelt war. Zu den Aktivitäten der deutschen Sonnenphysiker bemerkte Yves André Rocard im August 1946, daß sie zwar die gleiche Priorität wie die Uranforschung erhielten, daß aber seitens der Luftwaffe wohl festgestellt wurde, daß das Geld mehr für die Sonnen- als für die militärische Forschung Verwendung fand. Vgl. Monika Renneberg, a.a. O.

[19]Film-Interview 1974 in der Köpeniker Wohnung von Gustav Hertz zitiert nach Artur Lösche, Vorbemerkungen zu "Gustav Hertz erzählt aus seinem Leben"

[20]Eckart Henning, "Das Harnack Haus in Berlin-Dahlem", MPG Berichte und Mitteilungen Heft 2, München 1996, S.15.

[21]Samuel Goudsmith, Alsos, N.Y., Thomash und AIP, 1988 (1947)

[22]Ebenda. Offenbar entsprach es dem guten Anfang im Verhältnis zur Besatzungsmacht, das Richard Kuhn , als Isolde Hausser gefangengenommen wurde, nach kurzer Zeit ihre Freilassung erreichen konnte.

[23] Vgl. Linda Hunt, L'affaire Paperclip, Paris, Stock 1995 (Secret Agenda, NY St. Martins 1991). Sensationelle Darstellung in Michel Bar-Zohar, Die Jagd auf die deutschen Wissenschaftler 1944-1960, Frankfurt, Ullstein TB 1970 (franz. Original: La chasse aux savants allemands, Paris, Fayard, 1965)

[24]Mir liegt zum Beispiel die Erzählung von Hans George Otto vor, der bei Erich Schumann im neugegründeten Zweiten Physikalischen Institut der Universität Berlin promovierte, dann von Eduard Justi vermittelt, Abteilungsleiter der Militärtechnischen Akademie in Gatow wurde, im Sommer 1945 zunächst mit den Amerikanern einen Vertrag schloß, der ihm und dann auch seiner Familie die Möglichkeit gab, zu reisen, so daß Otto im Südwesten mit französischen Stellen Kontakt aufnehmen konnte und ab September in Weil wohnend auf der anderen Rheinseite in St. Louis für die französische Waffenentwicklung arbeitete. Private Mitteilung September 1996.

[25]Vgl. Nachlass Walther Gerlach, Deutsches Museum München, Korrepondenz. Zu Adolf Baeumker s.u.

[26]Vgl. Die Farmhallgespräche. S.a. E. Bagge und K. Diebner, Von der Uranspaltung bis Calder Hall, Reinbek, Rowohlt, 1957

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