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Problematische 'Wandlung' [1]

Schon bei der Quebec-Konferenz im September 44 hatten sich Roosevelt und Churchill auf die Ablehnung des 'Morgenthauplans'[2] und gegen eine weitgehende Entindustrialisierung Deutschlands (in Aussicht genommene 70% des Vorkriegsniveaus) geeinigt. Beim Gipfeltreffen von Jalta am 4. Februar 1945 waren die Reparationsforderungen auf 20 Milliarden Dollar beziffert worden[3]. Am 7. Mai im Hauptquartier Eisenhowers in Reims und dann noch einmal, am 8. Mai in Karlshorst vor Schukow und Tedder wurden die Kapitulationserklärungen unterzeichnet. 14 Tage später war die Regierung Dönitz abgesetzt und das "Supreme Headquater of the Allied Expedition Forces" (SHAEF) übernahm das alleinige Kommando. Am 5. Juni gaben die Oberbefehlshaber in Potsdam eine gemeinsame Erklärung zur zukünftigen Viermächteverwaltung Deutschlands ab. In Art. 13,II behielten die Alliierten sich die

"Auferlegung sich aus der völligen Niederlage Deutschlands ergebender politischer, verwaltungsmäßiger, wirtschaftlicher, finanzieller, militärischer und sonstiger Forderungen" vor ("Germany must comply" hieß es in der Präambel).

Zum 1. Juli wurden die in Jalta im Februar vereinbarten Besatzungsverhältnisse hergestellt. Die Westmächte räumten Gebiete östlich der Elbe und besetzten westliche `Sektoren' Berlins. Die sowjetische Militärmission richtete sich in Karlshorst ein, die Amerikaner in Frankfurt, die Engländer in Bünde, die Franzosen in Baden-Baden. Militärregierungen wurden aufgebaut. Bald hatten die Briten (in deren Machtbereich sich im Ruhrgebiet, in Salzgitter und in Hamburg die Industrie konzentrierte) mit 22 000 Beamten die größte Behörde[4]. Noch während der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) trat die Allied Control Commission (ACC), der Kontrollrat, am 30. Juli im Berliner Kammergericht zum erstenmal zusammen. Das Reparationsinteresse richtete sich auf finanzielle und materielle Leistungen und auf Know-how-Transfer. Letzterer ließ sich sowohl über die Verpflichtung von Fachleuten als auch, weniger auffällig, über vielerlei Dokumente aus Forschung und Produktion bewerkstelligen. Die Alliierten jonglierten in diesem Zusammenhang mit Zwang und mit Anreiz zu freiwilliger Kooperation.

Die erste Kontrollratsdirektive (ACC1) datiert vom 20. September und betraf die förmliche Aufhebung bestimmter Gesetze, allen voran die 'Reichstagsbrandverordnung', die fortdauernd die Grunrechte außer Kraft gesetzt hatte; ACC2 vom 10. Oktober bestimmte die Auflösung der Naziorganisationen, ACC3 die Erhöhung von Lohn- und Einkommenssteuer, ACC4 die Neuordnung des Gerichtswesens, ACC5 die Erfassung deutschen Vermögens im Ausland. Gleichzeitig wurde ein Plan für die 'Umsiedlungen' von Deutschen, vor allem aus der Tschechoslowakei, aber auch aus Polen, Ungarn und Oesterreich verkündet. Weitere Direktiven betrafen die Rationierung von Elektrizität und Gas, ein Verbot militärischer Ausbildung und die Beschlagnahme des Vermögens der IG-Farben. ACC10 regelte die Verfahren zur Verfolgung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit auf der Grundlage des Londoner Abkommens vom 8. August 1945. ACC24 vom 24.1.1946 und ACC38 vom September 1946 regelten die Verfahren zur 'Entnazifizierung'.
ACC25 (April 1946) betraf die Forschung in Hochschule, Staatsinstituten und Industrie. Diese Direktive wurde mit Institutionen schaffenden Ausführungsbestimmungen zu einem Angelpunkt des Wiederaufbaus in den entsprechenden Arbeitsgebieten. In ihrer Abfassung trafen Absichten der Kontrolle und Einschränkung (Berichtzwang im Vierteljahresrythmus, Verbot u.a. der angewandten Atomforschung) auf Interessen an Know-how-Transfer und neuen wirtschaftlichen Investitionsfeldern.

SHAEF schloß zunächst alle Hochschulen. Doch war zum Beispiel in Heidelberg schon am 5. April 1945 auf Initiative der Amerikaner eine Gruppe (später ein 'Ausschuß') zusammengetreten, die Neuordnungsfunktionen übernahm (u.a. K. H. Bauer, Karl Jaspers, Alfred Weber, Wolfgang Gentner). Die Neuwahl eines Rektors wurde Anfang Juli zwar noch untersagt, aber schon einen Monat später konnte der Chirurg Bauer gewählt werden. Am 15. August 1945 wurden erste Kurse für die Ausbildung von Ärzten wieder aufgenommen.

Karl Jaspers hielt eine Eröffnungsrede "Die Erneuerung der Universität" und las im anschließenden Wintersemester über "Die Schuldfrage".[5] Er setzte auseinander, was 'Schuld' und 'Haftung' unterscheidet, und daß zu fragen wäre, wo jedermann 'haftbar' sei, auch ohne (objektivierbar) schuldig zu sein: "Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit"[6]. Das von der Militärbehörde eingesetzte Planungskomittee, dessen Vorsitz neben dem amerikanischen Vertreter der gewählte 'erste Senator' Jaspers innehatte, entließ 1945 im medizinischen Bereich 64% des Lehrkörpers, im Bereich Sozialwissenschaften 63%, im naturwissenschaftlichen Bereich 60 %, in Jura 35%, in Theologie 29%[7]. Die theologische und die medizinische Fakultät wurden zum Wintersemester wieder geöffnet, die anderen Fakultäten zogen später nach. Ende November gab sich die Universität eine neue Satzung. Die ersten Studentenvertreter wurden noch im Wintersemester ernannt. Die Studentenzahl war - eine politische Entscheidung - zunächst auf 3000 beschränkt, Erstzulassungen bei einer Vielzahl von Bewerbern eher unwahrscheinlich (1947 3% der Bewerber für Medizin). Bauer hatte mit der Eröffnung der ersten Kurse auch die eines Wohnheims durchgesetzt, das er nach angelsächsischem Muster als College konzipierte, das 'Collegium Academicum'[8].

Die Amerikaner gingen davon aus, daß im Ganzen etwa 4 von 10 Hochschullehrern zu entlassen seien. In Marburg, ebenfalls amerikanische Zone, verloren die Hälfte der Juristen, 44% der Mediziner, und 30% der philosophischen Fakultät ihre Ämter. Dort wurde die medizinische Fakultät am 3. September wieder eröffnet, die anderen Fakultäten folgten. Zum Studium wurden insgesamt 641 Frauen und 1661 Männer zugelassen. 96.7% der Männer waren Soldaten gewesen. Die amerikanische Militärregierung (Office of Military Government OMGUS), die an die Stelle der Kontrollratsgruppe getreten war, erließ im Oktober ein rigoroses 'Entnazifizierung-'Gesetz, das gewesenen Offizieren den Zugang zum Studium verwehrte. In der britischen Zone trat im August 1946 ein 'Jugendamnestie-Erlaß ' in Kraft, ab dann konnte ungeprüft studieren, wer nach 1919 geboren war[9]. Unter britischer Herrschaft konnte auch gleich im September 1945 eine 'Arbeitsgemeinschaft der Rektoren' der Hochschulen zusammentreten, während in der amerikanischen Zone das 'Marburger Gespräch' vom 1. Juni 1946 den ersten Schritt in dieser Richtung darstellte, der dann allerdings auch über die Zonengrenze hinausführte und die spätere 'Rektorenkonferenz' vorwegnahm.

Erlangen war am 16. April von den Amerikanern besetzt worden und war wie Göttingen praktisch unzerstört geblieben. Die Amerikaner hatten 559 Häuser beschlagnahmt. Der Theologe Paul Althaus, der in einer Predigt am 22. April von der Mitschuld aller an der Katastrophe gesprochen hatte, stand an der Spitze eines Zehnerausschusses, der die politische Vergangenheit des Lehrkörpers zu untersuchen hatte. Bis zum 31. Mai waren Rektor und Dekane komissarisch im Amt geblieben, vom 15. 6. datierten die ersten Entlassungen. Dann bestimmte eine Direktive der bayrischen Militärregierung vom 7. Juli, daß diejenigen, die schon vor dem 1. Mai 1937 Mitglieder der NSDAP oder vor dem 1. April 1933 Mitglieder der SA gewesen waren, sowie Amtsträger aller Gliederungen und alle Mitglieder der SS zu entlassen seien. Alle Ordinarien der medizinischen Fakultät bis auf den Pharmakologen Konrad Schübel waren betroffen. Am 26. September setzte die Militärregierung den Juristen Theodor Süss als Rektor und den Theologen Hermann Sasse als Prorektor ein. Aufgrund einer Anweisung vom 30. Oktober waren in Bayern Anträge auf Neueröffnung zu stellen, mit der Folge, daß am 5. März 1946 in allen Fakultäten der Lehrbetrieb beginnen konnte[10]. Im Sommersemester 1946 wurden 5500 Studenten immatrikuliert (davon 25% Frauen)[11].

Überall im Hochschulbereich wurden alliierte 'Universitätsoffiziere' tätig, Edward Y. Hartshorne, Meinecke-Schüler und später Harvard-Soziologe, in Marburg[12], Bertie Blount und Ronald Fraser in Göttingen[13], Adolphe Lutz in Freiburg.. Während die angelsächsischen Regierungen - bis der 'kalte Krieg' dies Konzept über den Haufen warf - auf zügige 'Umerziehung' (Reeducation) zur Demokratie setzten, dachten die Franzosen eher pessimistisch. Noch im September 1946 erklärte der französische Militärgouverneur, der General Koenig:

"Wir werden Deutschland nicht eher verlassen, als wir die Gewißheit haben, daß der demokratische Gedanke fest im deutschen Volk verankert ist. Man muß 30 bis 40 Jahre rechnen, bis die Deutschen die Vorteile einer solchen Demokratie verstehen werden"[14].

In der weiter oben zitierten Korrespondenz von Rudolf Jaeckel und Walter Weizel Ende 1945 schrieb Weizel (ohne Datum, aber noch vor Weihnachten):

"Rompe geht es gut. Er ist der Nachfolger Mentzels im Kultusministerium und hat die Hochschulen und Forschungsintitute der russischen Zone unter sich. Er ist ziemlich optimistisch. Ob er damit Recht behält, wird die Zukunft lehren. Jedenfalls ist die Wissenschaft bei ihm in guten Händen".

Im sowjetischen Sektor Berlins wurde 1946 die Universität wieder eröffnet. Friedrich Möglich (1902-1957) wurde Ordinarius, Direktor des Instituts für theoretische Physik und übernahm auch die Leitung einer neuen Arbeitsstelle für Halbleiterfragen in Berlin-Buch[15]. Iris Runge (1888- ) wurde Dozentin und 1950 Professorin für Experimentalphysik[16]. Möglich war für Kopfermanns aus der Berliner Zeit kein Unbekannter und hatte die Jahre als freier Mitarbeiter bei Osram überdauert. Runge, Schwester und Schwägerin der Courants, war Industriephysikerin bei Osram und später bei Telefunken gewesen.

Die TH nahm am 9.April 1946 ihren Betrieb wieder auf. Walter Kucharski steuerte als Rektor zusammen mit einer kleinen Gruppe demokratischer Hochschullehrer einen Mitbestimmungs- und Reformkurs auf der Grundlage des Betriebsrätegesetzes von 1920[17]. Aber schon bei den Wahlen am 12. August 1947 setzte sich eine konservative Professorenmehrheit durch und wählte Jean d'Ans zum Rektor. In der 'Frontstadt' standen die Zeichen deutlicher als anderswo auf Polarisation und Konfrontation.

Robert Havemann war als Mitglied einer (kommunistischen) Widerstandsgruppe zum Tod verurteilt worden. Nur seine Einstufung als 'kriegswichtige wissenschaftliche Arbeitskraft' hatte ihn vor der Hinrichtung bewahrt. Er wurde vorläufig zur Leitung der Berliner KWG berufen. Gegen seine Ernennung protestierte eine Gruppe von Kollegen, zu denen u.a. der Vertreter des KWI Physikalische Chemie, Iwan N. Stranski (geb. 1897, später Rektor der TUB und stellvertretender MPI-Direktor) zählte. Die Berliner Forschungsinstitute der KWG wie auch der PTR wurden vorübergend zum 'Spielball' in den Auseinandersetzungen um die Bildungs- und Forschungspolitik zwischen den Alliierten, zwischen Deutschen und Alliierten, zwischen deutschen Interessengruppen, zwischen 'Föderalisten' und 'Zentralisten', zwischen 'Wirtschafts-' und 'Kultur-'Politikern (s.u.). Bis schließlich eine restaurative (wohl auch die pragmatische) Tendenz die Oberhand gewann, und die PTR als Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), die KWI (von den in der DDR gelegenen Instituten abgesehen, deren Gebäude von Akademie-Instituten übernommen wurden) als Max-Planck-Institute bestehen blieben.

Göttingen kam besonders schnell zur Wiederaufnahme des Lehrbetriebs[18]. Ende Juni war der Militärregierung die Einstellung aller Forschung zu melden, erlaubt waren jedoch für die Instandhaltung der Einrichtungen notwendige Tätigkeiten. Ab Juli nahm ein "College of the Rhine Army" einen Teil der Universitätsräume in Anspruch. Aber schon am 7. August konnte der Neue Hannoversche Kurier melden, daß die Göttinger Hochschule bald wieder eröffnet würde und am 17. September 1945 wurde der Lehrbetrieb in allen Fakultäten wieder aufgenommen. Auch in Göttingen gab es Vorkurse zur Angleichung des Bildungsniveaus der Kriegsgeneration. Göttingen war die erste Universität, die in allen Fakultäten wieder arbeitete. 4300 Studenten (22% Frauen) studierten (wie hoch waren die Zahlen in den letzten Kriegssemestern gewesen?[19]), 12000 Zulassungsgesuche waren eingegangen.

Eine Zulassung hing auch vom Befund über ehemalige Mitgliedschaft in NS-Organisationen ab. Die entsprechende Bescheinigung sah vier Kategorien vor: A) kein Mitglied einer NS-Organisation, B) nur HJ-Mitglied, kein HJ-Führer, C) Mitglied einer anderen NS-Organisation und D) besonders Belastete.

Wie überall, wurden viele Hochschullehrer und Assistenten mit den ersten 'personellen Maßnahmen' entlassen. Gleichzeitig bestand, angesichts der Rückkehr der Soldaten und der starken Zuwanderung von Kollegen, kein Mangel an Stellenanwärtern[20]. Erster Göttinger Rektor wurde Rudolf Smend, dem ab April 1946 Friedrich Hermann Rein folgte. Smend konnte mit Unterstützung der Besatzungsbehörde schon am 25. September 1945 die Rektoren der 12 Hochschulen in der britischen Zone und die Rektoren aus Gießen und Karlsruhe zusammenrufen.

In späteren Darstellungen wurde die Problematik des Neubeginns gelegentlich oberflächlich abgehandelt, typisch etwa wie folgt:

"Für die Männer der ersten Stunden nach dem Zusammenbruch, zu ihnen gehörten die Professoren Smend, Rein, Weber und Martius, war selbstverständlich, daß sofortige personelle Maßnahmen und die Rückbesinnung auf die bis 1933 geltende Selbstverwaltungstradition der Universität notwendig waren. Mit ihrem Ansinnen, die Entnazifizierungsmaßnahmen von den Selbstverwaltungsorganen der Georgia Augusta durchführen zu wollen, scheiterten sie jedoch, da sich die Militärregierung die Personalpolitik verständlicherweise nicht aus der Hand nehmen ließ."[21]

War denn auf die - im übrigen gar nicht so sehr beschädigte - 'Selbstverwaltungstradition' Verlaß? Oder war vor allem eine Neubesinnung auf demokratische Formen, auch im Vergleich mit anderen Ländern, notwendig? Es wäre allerdings einer völligen Neuordnung gleichgekommen, wenn die Universität selbst über ihre Mitarbeiter entschieden hätte. Aber auf deutscher Seite erwog wohl niemand ernstlich die Abschaffung des beamteten Hochschullehrers. Folglich lag die Entscheidung wohl oder übel bei der Militärregierung. Daß sich die Universität andernfalls von selbst 'entnazifiziert' hätte, wäre übrigens eine sehr zweifelhafte Annahme.[22]

* * *

Die erhaltene Korrespondenz von Richard Gans und Walther Gerlach zeigt, daß Gerlach Gans nie im Stich gelassen hatte, und daß Gans, der ältere, nicht aufhörte zu hoffen, sie würden einmal wieder im gleichen Labor arbeiten können, wie in ihrer Jugend in Tübingen bei Paschen. Am 29.6.46 schrieb er aus Gräfelfing an Gerlach, der zu Anfang des Jahres aus der englischen Internierung in die britische Zone entlassen worden war, aber zunächst nicht nach München zurückkehren konnte und vorläufig einen Lehrstuhl in Bonn übernommen hatte:

"ich habe kürzlich Kontakt mit Prof. Barnett von der am. Militärregierung, Sektion education, bekommen, der von Beruf Mathematiker ist. Die Rede kam auch auf Sie, und er versprach mir, noch einmal einen Vorstoss zu machen, um zu versuchen, Sie zurückzubekommen., aber wir dürfen nicht zu optimistisch sein, denn er hält seinen Arm meinem Empfinden nach für länger als er ist. Im Gespräch kam er auch auf Kossel, von dem er sagte: er war in Tübingen und das wiederholte er trotz meiner Korrektur des war in ist. Vielleicht interessiert sie das".

Sollte die Bemerkung zu Kossel bedeuten, daß dessen 'Wiedereinstellung' abschlägig beschieden wurde und damit Tübingen für Gerlach in Frage gekommen wäre? [23] Ein paar Monate später, am 19.11.46, gab ein Brief Auskunft über die Situation in München und Gans' Verhältnis zur eigenen Person:

"...aber machen Sie sich bitte wegen meiner Stellung in München nicht mehr Sorge als ich. Ich werde von der Fakultät in jeder Beziehung als Ordinarius respektiert und bin von ihr und ganz besonders vom Dekan in einer Weise aufgenommen worden, die sehr vieles dessen, was ich in den letzten 12 Jahren erlebt habe, wieder gutgemacht hat. Für eine spätere Pensionierung würde es ja gut sein, wenn ich Ordinarius wäre, aber ich habe mich sowohl in La Plata als auch nach 1933 gelernt zu balancieren, so daß auch labiles Gleichgewicht erhalten blieb, daß ich mich auch vor der Zukunft nicht fürchte. Mit Sommerfeld stehe ich mich sehr gut, trotzdem er im Alter tatsächlich etwas dickköpfig geworden ist, und ich kann es gut verstehen, daß er Heisenberg oder Weizsäcker mir vorzieht, schon deshalb, weil ich durch die Behandlung der letzten 12 Jahre wirklich etwas gelitten habe, denn ich durfte ja keine Bibliothek benutzen, keine Tagung besuchen und war durch die Vorsicht mancher Kollegen reichlich isoliert, aber ich hoffe Lücken bald ausgefüllt zu haben. Daran hindert mich allerdings die unglaubliche Langsamkeit der Denazifizierungen, wegen der ich immer noch ohne Assistenten und Mechaniker bin. Ich kann viele Pläne in meiner augenblicklichen Position, als Mädchen für alles einfach nicht durchführen. Dass Sommerfeld sich für den Institutsvorstand hält, stört mich nicht. Wie gesagt, stehe ich sehr gut mit ihm und erledige alle Dinge selbständig, ohne ihn viel zu fragen..."

Wenig später, am 27.11.46 schrieb Gerlach an Gans von "unerfreulichen und schwerwiegenden Verhandlungen in Göttingen" und weiter:

"Ich habe in Göttingen Gelegenheit gehabt, mit Heisenberg und Weizsäcker offen zu sprechen. Beide halten es für ganz ausgeschlossen, daß Sie in absehbarer Zeit dorthin können und beide sind, ohne jede Überredung von meiner Seite der Ansicht, daß die von mir vorgeschlagene Lösung die einzig richtige ist. Ich glaube auch, daß dann ihre Mädchen für alles Stellung sich doch bald ändern würde, und daß Sie dann der Physiker für alle sind. Wegen der ganzen Universtätsverhältnisse in München bin ich doch ziemlich in Sorge. Es wird in Göttingen mit Sicherheit behauptet, daß Stark die Kurve genommen hat und jetzt wieder Oberwasser habe. Wenn das wirklich wahr ist so müssen nun doch die anständigen Leute etwas tun, denn es geht nicht, das jemand der solche Sünden wie Stark begangen hat, jetzt den großen Mann spielt, (er hat mir z.B. einen Brief geschrieben als "Präsident J. Stark") während andere, die wirklich keine Sünde haben, sondern in irgend einem NS-Reiterverein waren, jetzt entfernt werden. Ich weiß, daß Clusius immer wieder versucht, für Recht zu sorgen. Ich glaube, Sie entsinnen sich noch, daß Sie einmal sagten, man dürfe sich nicht noch einmal leisten, daß ein Rust sagen könne "wo waren damals die Professoren". Es scheint mir doch so, daß dieser Moment bald da ist. Es ist schwer, sich hierüber nur schriftlich auszusprechen, aber ein ganz dringender Versuch, den ich jetzt gerade wieder gemacht habe, um mit Ihnen persönlich zusammenzukommen, ist wieder fehlgeschlagen. Für heute nur so viel. Meine Frau ist z.Zt wieder in München, vielleicht rufen Sie sie doch einmal an. Sie ist wenigstens über das wesentlichste unterrichtet. Ich brauche Ihren Rat eigentlich so furchtbar dringend.

Gans schrieb zurück am 15.12.:

"ich glaube, die Göttinger sehen Gespenster bezüglich Stark. wie sollte sich das Oberwasser denn auswirken? Man würde ihm doch keine Stelle geben können, zumal man seit kurzem wesentlich strenger verfährt als früher. Haben sie schon gehört, daß Joos suspendiert ist? Ich sehe das Ernste nicht so sehr in der Rigorosität wie in der Diskontinuität. Es ist doch nicht lange her, daß man ihn bestätigt hat. Stark hat zwei oder drei optische Versuche gemacht, auf die er sehr stolz zu sein scheint. Sie sind angeregt durch seine Idee, daß die Photonen scheibenförmige Wirbel seien. Sie haben Recht, vielleicht müßte man gemeinsam einmal auf die Folgen der jetzigen Universtitätspolitik hinweisen. Auf mich kann man dabei rechnen. Ob es etwas nützen würde, bezweifle ich, aber man soll gewisse Dinge unabhängig von der Aussicht auf Erfolg tun...."

Es kam zu keinem gemeinsamen, universitätspolitischen Memorandum[24] und Walther Gerlach konnte auch keinen Rat, den er so 'furchtbar dringend gebraucht' hätte, mehr einholen. Richard Gans gab seine Münchener Stellung auf, diesmal aus freien Stücken. Am 7. November 1948 schrieb er an deutsche Freunde aus City Bell bei Buenos Aires, er sei vor zwei Jahren mit sehr gemischten Gefühlen von München weggegangen, zumal er immer gehofft habe, daß Gerlach dahin zurückkäme. Jetzt sei er da und es sei schmerzlich, daß nun doch keine Gelegenheit zur Zusammenarbeit sei.

"mein Entschluß der letzten Stunde, meine Jungens nach hier zu begleiten, basierte erstens auf dem Wunsch, mich nach allem, was wir erlebt hatten, nicht wieder von ihnen zu trennen, dann aber sah ich die Situation in wissenschaftlicher Beziehung auch ziemlich schwarz an. Bürokratie von allen Seiten, kein Mechaniker, kein Assistent. Schließlich war meine Ernennung doch nur interimistich, was ich nicht so ernst angesehen hätte, wenn - doch das vertraulich - Sommerfeld nicht es dauernd mir gegenüber wiederholt hätte. Daß Clusius gegangen, ist für Ihre Universität ungleich ernster. Er war ein Prachtmensch. Aus naheliegenden Gründen konnte ich vor meiner Abreise nicht Abschied nehmen, und auch in Paris, wo ich 4 Monate auf meine Wiedereinreiseerlaubnis nach hier warten mußte, schien es mir richtiger, nicht unnütz zu korrespondieren. Als wir im Mai 1947 hier ankamen, wurden wir am Hafen von argentinischen und deutschen Freunden erwartet, die uns in rührender Weise über die erste Zeit in jeder Beziehung hinweghalfen.".[25]

Gans' Fortgang hatte nicht nur persönliche Gründe und mag beispielhaft beleuchten, wie problematisch ein 'Wiederaufbau' war, der jemanden enttäuschte, den die Diktatur des Amtes und der Würde beraubt hatte, und der sich gleich dem Neuanfang stellte und das, wie es scheint, mit klarem Blick und ohne Illusionen: "man soll gewisse Dinge unabhängig von der Aussicht auf Erfolg tun".

* * *

In einem ersten `Lebenszeichen' schrieb Hans Kopfermann am 29. Mai 1945 an Charlotte Gmelin vom 'Weg, der nach aufwärts zu führen scheint'. Gedanken zu den zurückliegenden Zeiten und zu Nachrichten von Völkermord und Kriegsverbrechen fehlten, das Mitteilungsinteresse richtete sich auf das persönlich und unmittelbar Erlebte:

Ein uns bekannter Stuttgarter Student fährt morgen mit dem Fahrrad nach Süden. Er soll versuchen, dieses Lebenszeichen von uns zu Ihnen zu bringen. Hoffentlich kommt es in endlicher Zeit an. Darf ich zunächst von uns berichten: Wir wurden am 8. April von den Amerikanern erobert, nachdem wir recht unangenehme Fliegerwochen voraus erlebt hatten, mit sich immer steigernden Jabobelästigungen und einigen saftigen Bombardierungen vor allem des Bahnhofsgeländes. Dann am 8. kurzer Artilleriebeschuss u. anschliessender Einmarsch der Panzer. Unser Haus hat einiges abbekommen, Fensterscheiben, Löcher in den Wänden, aber wir haben es alle gut überstanden. Das Problem der Besatzung ist glatt und gut gelöst. Nach einigen unruhigen Tagen und Nächten, durch ausländische Arbeiter bedingt, ist es friedlich geworden. Die Institute wurden alle besetzt und gründlich durchgesehen. In ungewöhnlich grosszügiger Weise wurde uns dann erlaubt, Friedensforschung wieder aufzunehmen. Bei den Kommissionen waren eine Reihe mir bekannter amerikanischer Kollegen, die sich reizend benommen haben. Abgesehen von der ständigen Sorge um das liebe Brot geht es uns also, wie Sie sehen, ganz erträglich, und man sieht eigentlich schon einen Weg, der sicher langsam aber doch hoffnungsvoll nach aufwärts zu führen scheint. Zwischendurch kommt dann Rückschlag. Vor 3 Wochen wurde unsere Wohnung beschlagnahmt für amerikanische Soldaten. Innerhalb von 5 Stunden sind wir ins Institut gezogen. Dort hausen wir in 2 Zimmern u. einer provisorischen Küche, sehr erträglich, womit das Problem der Hausgehilfin wieder einmal unerwartet schnell und eigenartig gelöst worden ist. - Und nun zu Ihnen: Wir haben viel an Sie gedacht und oft in Sorgen von Ihnen gesprochen. Ob Sie die Einnahme Stuttgarts gut überstanden haben, ob Sie ohne Besatzung sind, ob Sie Hans Georg wieder bei sich haben, und ob Sie ahnen, wo Ihr Mann sein mag. Vielleicht finden Sie auch einen Boten, der hierher nach Norddeutschland kommt und uns ein Brieflein von Ihnen bringt. Es ist für Sie in Ihrer Einsamkeit sicher doppelt schwer, das Warten zu ertragen und den Mut zu finden, in irgend einer Weise neu anzufangen. Und das ist die erste Bedingung für eine lebensfähige Weiterentwicklung. Morgen früh will ich mit Herrn Paul per Rad nach Erlangen fahren. Wir hoffen in 12--14 Tagen wieder hier zu sein. Auch diese Fahrt soll ein Anfang sein für die weitere Zukunft meines wissenschaftlichen Arbeitens. Ich will versuchen, meine Zusammenarbeit mit Siemens weiter zu bauen. Hier hofft man zum Herbst auf ein neues Semester. Ihnen und den Kindern herzlich Grüsse und viel gute Wünsche von uns allen Ihr Hans Kopfermann

Hans Kopfermann wollte 'weiter bauen'. 'Mut zum Neuanfang' sei die 'erste Bedingung für eine lebensfähige Weiterentwicklung'. Der Neuanfang war für ihn vor allem eine Fortsetzung, 'die weitere Zukunft meines wissenschaftlichen Arbeitens'. Deutlicher konnte die Schwierigkeit der 'Wandlung' kaum zum Ausdruck kommen. Hier galt wie überall, daß das Abstandnehmen, die Beschäftigung mit den zurückliegenden Jahren umso schwerer fiel, je größer sich die unmittelbaren Aufgaben der Gegenwart darstellten. Aber stellten sich nicht letztere auch umso größer dar, je mehr es der Besinnung bedurft hätte?

Kopfermanns waren ins Institutsgebäude gezogen. Aber schon am 25 August konnte Hertha Kopfermann der Freundin berichten, daß die Familie in die eigenen vier Wände zurückgekehrt sei:

Wir haben unsere Wohnung wieder (sie sah lieblich aus!) und vorläufig nur vorübergehende Einquartierung im Mansardenzimmer. In der Wohnung ist Platz für uns alle; und es wäre ja einerseits so schön, zu denken, wie es wäre, wenn Sie kämen. Ich weiß natürlich die inneren Gründe, die dagegen sprechen; aber sagen möchte ich es doch auf alle Fälle, daß wenn es die Not fordert, Sie wissen, Sie können immer auf uns rechnen und mit allen kommen. Nun will ich noch kurz von uns berichten: wir sind seit geraumer Zeit wieder zu Hause, nachdem wir nun endgültig engl. Besatzung bekommen haben. Die Zeit im Institut war reizend; wir wohnten im 5.Stock in 2 Zimmern von Pohl, haben im Badezimmer gekocht und das Leben auf einem schönen Dachgarten genossen. Ich war seit einem Jahr einmal wieder frei; ohne viel Arbeit und ohne die oft sehr drückende Gegenwart meiner Mutter (die ich allerdings weiter bekochte und versorgte, aber doch aus der Ferne). Ich war nach dem furchtbaren Winter wieder ganz vergnügt geworden und habe mich auch erholt. Jetzt ist allerdings die Hauptsache schon wieder vorbei; ich bin recht elend und abgekämpft. Der Haushalt ist zu groß für mich und das äußere Leben mit dem unendlich mühsamen Einkäufen etc. ohne jegliche Hilfe ist schwer. Mein Mann ist zur Zeit auch krank, und sonst ewig hungrig; die Mutter hat ein schlimmes Herz und bösen Husten, ist sehr schonungsbedürftig, will aber immer helfen und kann es eigentlich nicht. Die Kinder sind vergnügt und sehr gesund, obwohl auch sehr dünn... In unserem Hause ist oft ein unendlicher Trubel; da es kein Telefon mehr gibt, erscheinen alle persönlich. In diesen Tagen der Krankheit meines Mannes hat sich das ganze Institutsleben hier abgespielt. Musik wird auch noch gemacht, oft bei Bremers, dem Weinhändler, der auch bewegte Tage sah, wie Sie sich denken können; oft bei den Theater-Orchester-Leuten, was meinem Mann viel Freude macht. Die waren bisher arbeitslos und hatten Zeit für die Dilettanten; jetzt hat das Theater wieder begonnen. Sonst regt sich überall das bürgerl. Leben wieder; Läden schießen wie Pilze aus dem Boden, die die sonderbarsten Artikel verkaufen (immer einen): Gummi-Schrubber, Kleiderhaken, Puppen! etc. etc. und vor allem Bilder im Stil von Frau Dorn für 300, 400, 800 M. Frau Dorn könnte ein Krösus werden. Jetzt soll ich gewaltsam Schluß machen. Viele herzliche Grüsse und alles, alles Gute, Ihre Hertha Kopfermann

Die Versuchung, in den Briefen von Hertha Kopfermann den Ausdruck von Umständen und Gedanken zu vermuten, die Hans weniger zu Bewußtsein kamen, liegt nahe. Sie kann irreführen, aber ganz von der Hand zu weisen scheint sie mir nicht. 'Ich war seit einem Jahr einmal wieder frei'. Seit nur einem Jahr? War das Unglück nur auf die neue `Unfreiheit' zurückzuführen ? Oder wirkte im Hintergrund (uneingestanden) eine andere Unzufriedenheit? In den Wochen im Institut war Hertha aufgelebt. Schien sich da nicht ein glücklicher Wandel abzuzeichnen? Vielleicht, weil die Teilung zwischen Institutsarbeit und gemeinsamem Leben nicht einfach fortgesetzt wurde?

Die Reise mit Wolfgang Paul am 30. Mai `per Rad' nach Erlangen[26] hatte den gewünschten Erfolg und war verbunden mit dem ersten Nachkriegs-Familienbesuch. Schon im September fuhr Hans Kopfermann wieder hin, diesmal per Zug und dann gleich auch nach München. Die Besuche in Erlangen dauerten an, bis die 6 MeV 'Elektronenschleuder' im Frühjahr 1947 mit der Hilfe von Ronald Fraser nach Göttingen gebracht und dort als `medizinisches Gerät' und nachdem die alliierten Forschungsbeschränkungen erste Lockerungen erfahren hatten, wieder in Betrieb genommen werden konnte.

Aus Erlangen ging anläßlich seines zweiten Aufenthalts am 9. September 1945 ein Brief nach Münklingen:

"Eine Stuttgarterin, die morgen wieder nach Hause fährt, hat sich erboten, diesen Brief mitzunehmen, und da ich wieder einmal im amerikanischen Gebiet bin, so will ich sehen, ob dieser Gruss Sie erreicht. Vor zehn Tagen haben wir von Göttingen aus bereits an Sie geschrieben. Da aber nur etwa die Hälfte aller der vielen Briefe, die heute durch Deutschland getragen werden, ihr Ziel erreicht, so wollen wir ganz sicher gehen. Ich bin seit 8 Tagen in Erlangen - wieder einmal - um meine nun schon fast über 2 Jahre laufenden Versuche bei Siemens zu machen. Herr Paul ist wie üblich dabei. Diesmal war die Fahrt schon teilweise friedensähnlich: Von Göttingen bis Frankfurt im D-Zug Wesermünde-Frankfurt. Das gibt es nämlich! (Durch Göttingen laufen zur Zeit 2 D-Züge, 2 Eilzüge u. 4 Personenzüge) Dann im offenen Kohlenwagen über Hanau - Würzburg. Einen Tag u eine Nacht bei erheblichem Regen. Wir sahen aus wie die Schornsteinfeger. Am Montag fahren wir zurück vermutlich unter gleichen Bedingungen. Die Situation im englischen Gebiet scheint nach allem, was ich hier sehe, erheblich besser, bzw. weiter zu sein. Bahnen, Theater, Kinos, Konzerte laufen, wenn auch noch etwas gedrosselt. Die Universität Göttingen hat am 1. September für alle Fakultäten eröffnet mit einem Riesenandrang. Neuberufungen sind z.T. schon durchgeführt. Die sogenannte "Reinigungsaktion" ist erledigt und soweit ich durch Vergleich mit Erlangen feststellen kann, klüger u. weniger wild durchgeführt. Hier in Erlangen müssen fast alle jüngeren Dozenten u. Prof. verschwinden, weil sie seit 33 in der SA sind, was in Göttingen nicht gegolten hat. Dass Kiel zum Oktober oder November in der Elac wieder aufmacht, habe ich Ihnen schon mitgeteilt. Was haben Sie für Pläne? Alles wird sicher davon abhängen, ob Ihr Mann bald kommt oder nicht. Wollen Sie nach Kiel zurück? Das persönliche Leben dort ist sicher sehr schwierig, weil alles so scheußlich zerstört ist. Herr Geerk, der uns neulich besuchte, berichtete darüber. Es muss schon recht grauslich sein. Wenn man allerdings Frau Klingmüller hört, so bleibt Kiel doch Kiel trotz der Ruinen. Bei uns in Göttingen ist das Leben auch recht schwierig geworden. Wir haben nun doch Zwangseinquartierung bekommen und für meine arme Frau, die noch immer alles allein machen muss, ist nun kaum mehr ein stilles Plätzchen für sie allein. Hoffentlich hält sie nur den Winter durch. Ich bin oft in grosser Sorge um sie. Den Kindern geht es gut. An Michael ist der Umbruch völlig spurlos vorübergegangen. An Renate natürlich erst recht. Ich könnte mir vorstellen, dass Hans Georg erhebliche Erschütterungen durchzustehen hat. Er war doch schon wirklich mit dem Herzen dabei."[27]

Die 'Reinigungsaktion' war allerdings auch in Göttingen noch lange nicht erledigt. Wie gegenwärtig die Vergangenheit noch war, mag die unwillkürlich gebrauchte Präsenz-Formulierung: 'sind seit 33 in der SA', bezeugen. Der Gedanke an den Teenager, der 'schon wirklich mit dem Herzen dabei' war, deutet an, welche Sorgen Eltern (und Hochschullehrer ?) sich machen konnten, um so mehr vielleicht dort, wo Väter weit ab von den Kindern 'Führer und Vaterland dienten'. So mancher Jugendliche war im Krieg `dabei' gewesen. In der Formulierung verbirgt sich die Problematik. Dies `dabei', das unter Erwachsenen alles mögliche bedeuten mochte, galt es aufzulösen und im Einzelnen zu benennen. Auch die Rede vom `Umbruch' war eine eher tabuisierende und der Anschein unmittelbarer `Spurlosigkeit' bedeutete unter Umständen nicht viel. Kollektive Ausdrucks- und Verhaltensweisen beeinflußten den Individualisierungsprozess der Heranwachsenden fortwährend.

Hans Kopfermann nahm, obwohl ehemaliger 'Parteigenosse', sein Amt gleich wieder auf. Die offizielle Genehmigung der Militärregierung datierte vom 13. Februar 1946[28].

Ungleiche Perspektiven für Mann und Frau in diesen Zeiten waren nichts besonderes. Aber für Hertha und Hans Kopfermann mag mehr auf dem Spiel gestanden haben, weil sich eine Rollenverteilung abzuzeichnen begann, die beide nicht wollten. Wenn man versucht, sich rückschauend ein Bild zu machen und nicht einfach alle Krisen, vor allem auch die gesundheitlichen, als 'natürliche' abtut, kann man zu dem Schluß kommen, daß beide in den folgenden Jahren, ja bis ans Lebensende, gegen eine zunehmende Aussichtslosigkeit anzukämpfen versuchten und dabei bis an die Grenzen ihrer Kräfte gingen. Die beruflichen Erfolge Kopfermanns hätten dann auch unter dem Einfluß dieser persönlichen Komponente gestanden. Der konnte sich sehr wohl einschränkend auswirken, aber ebenso gut auch in einem Kompensationsstreben. Der Neuanfang in punkto Teilung zwischen gemeinsamem Leben und Institutsarbeit fand nicht statt, aber die Frage blieb gestellt. Institut und, allgemeiner, der `Wiederaufbau' brachten Anforderungen, die Arbeit brachte Befriedigung, und Hertha mag um so mehr Anlaß zu nagenden Zweifeln an Lebensumständen und Zukunft gehabt haben. Gleichzeitig war der Alltag zermürbend genug und bot nicht so leicht die Gelegenheit, Abstand zu gewinnen um das gemeinsame Leben zu überdenken. Die allgemeine Stimmung war von vornherein ungünstig, vor dem Hintergrund schier unüberwindlicher Vergangenheit und weitverbreiteter Zukunftsängste bestand eine kollektive Tendenz zur `Besinnungslosigkeit'. Zukunftsfragen, die fast immer auch Vergangenheitsfragen waren, wurden aufgeschoben. Um so schwerer nachzuvollziehen und um so mehr Ausdruck eines `Zeitgeistes' im Kampf mit der Aussichtslosigkeit scheint daher der 'Optimismus', mit dem sich Kopfermann zum Schuß in seinem Brief empfahl :

"Es wäre so schön, Sie einmal zu sehen und mit Ihnen zu sprechen. Wir denken so oft an Sie und machen uns klar, wie schwer es sein muß, ohne eine Aussprache mit guten Freunden und deren Zuspruch die Gegenwart zu ertragen und einen ermunternden Start in die Zukunft zu finden. Meine Frau ist fast am verzweifeln, obwohl unsere Chancen im Augenblick äusserlich und innerlich doch recht gut sind und es kostet viel Optimismus meinerseits, um sie aus einer völligen äusseren u. inneren Erschöpfung herauszuholen. Ich selbst bin ja nicht tot zu kriegen und glaube fest an die Zukunft. Glücklich, wenn man es kann. Es macht einen geradezu arbeitswütig."[29]

`Arbeitswut', `Optimismus' und die `völlige äussere und innere Erschöpfung' wohnten so eng beieinander wie Mann und Frau. Der Winter 1945/46 brachte Herthas Sorgen um die Mutter. Anfang März (8.3. 1946) konnte sie der Freundin von allgemeiner Besserung berichten. Hermann Gmelin war inzwischen aus der Gefangenschaft entlassen und versuchte in Kiel die Arbeit wieder aufzunehmen, Lotte plante die Rückkehr der Familie an die Förde.

Meine Hauptsorge seit Weihnachten ist nun etwas kleiner geworden. Meine Mutter, die zwei schwere Operationen durchgemacht hat, ist nun langsam auf dem Wege der Besserung. Ihr Arm ist wieder beweglich, und obwohl sie noch nicht wieder gehen kann (nicht einen Schritt!), ist ihr Allgemeinbefinden wesentlich gebessert und es besteht keine Gefahr mehr. Sie lebt jetzt ganz bei uns, hat das große Zimmer nach dem Garten (das mit dem "Waschbecken", wo Sie das erste Mal schliefen); die Untermieter unten sind heraus, und wir sind sozusagen wieder "unter uns". Die Kinder haben das große Vorderzimmer, das Esszimmer mit dem Ofen ist das "Sonntagswohnzimmer", mein ehemaliges Schlafzimmer Arbeitszimmer und Schlafraum mit Couch; alles natürlich kalt. Geheizt wird nur bei meiner Mutter; wir haben viel gefroren, trösten uns aber jetzt mit Frühlingsgedanken. Mir geht es gesundheitlich jetzt endlich besser; mit viel Spritzen, Massage und zärtlicher Behandlung von seiten meines Mannes bin ich wieder auf die Beine gebracht worden. "Suse" ist noch immer da und unser Haushalt rollt ziemlich geräuschlos, mit viel Kartoffeln und Phantasiegerichten....[30] Mein Mann und ich lernen zusammen Englisch an Hand von Stunden bei einer reizenden älteren Dame. Wir können nicht viel, aber es macht Spass. Sonst sah ich den "Lebenden Leichnam" im Theater; sehr schön; aber die Unternehmungen dieser Art fallen zur Zeit wegen abendlicher Krankenpflege aus. Nach Kiel ist der Schwiegersohn von R. Becker als Physiologe berufen. Er ist schon dort; seine Frau mit 2 Kindern kommt nach. Sie ist sehr nett und Sie müssen sie kennenlernen. Sonst ist Frau Klingmüller dort und ihr jüngster Sohn, der sich mit Angela v. Zanthier verheiratet hat. Die haben wir hier näher kennengelernt und sie ist sehr hilfsbereit. Ich glaube, für einen etwaigen Anfang dort würde sie Ihnen gern zur Hand gehen. Auch Dr. Geerk, einer der Assistenten meines Mannes, der ehemalige U-Bootsmann, ist dort." Frau Klingmüller ('Kiel bleibt doch Kiel') und Herr Geerk (der bald nach St. Louis zur franzöischen Rüstungsforschung übersiedeln sollte) waren ein halbes Jahr früher im Brief ihres Mannes schon erwähnt worden. Eva Becker war mit Erich Opitz verheiratet, dem Schüler und späteren Nachfolger von Hermann Rein, der 1953 in den Bergen verunglücken sollte. Angela Zanthier war die Tochter von Walther Nernst, reiste zwischen Kiel und Göttingen hin und her und bot sich gelegentlich als Botin an. Der 'Lebende Leichnam' ist ein lebensphilosophisches Drama, das der 72 jährige Lev Tolstoi 1900 verfaßt hat. Der Held täuscht in auswegloser, von unglücklicher Ehe und Unterschlagungen geprägter Lage seinen Tod vor und öffnet damit für sich selbst und seine Frau den Weg zu glücklicherer Partnerschaft. Ein Denunziant macht dem Glück ein Ende und der Held verwandelt die Täuschung in Realität[31].

Hertha hätte die Freundin mit Kindern und Mann gern zu Besuch gehabt, schrieb über Zugverbindungen (12 Stunden von Göttingen nach Hamburg) und daß man Nachts wegen der Ausgangssperre den Bahnhof nicht verlassen konnte, über Unterbringungsmöglichkeiten, fehlende Decken ('aber wenn ich weiß, daß Sie kommen, kann ich mir bei der Physik zusammenpumpen, was nötig ist'). Doch ihre erste Begegnung nach dem Krieg sollte erst zum Sommerende gelingen. Hermann Gmelins Wiederaufnahme der Professur war nicht ganz selbstverständlich, seine Mitgliedschaft in der NSDAP datierte vom Mai 1933 ('Hoffentlich hat ihr Mann keine Schwierigkeiten , man spricht oft von einer Verschärfung der Lage'[32]), auch stand es nicht besonders gut um das Fach Romanistik. Hans Kopfermann schrieb im Mai:

"Über die Kieler Universität erfahren wir ab und zu durch vorbeifahrende Kollegen. Vor allem Herr Lochte-Holtgreven, dessen Eltern in Göttingen wohnen, berichtet manchmal. Hoffentlich sind von Ihren ehemaligen Fachkollegen noch einige da, die Ihnen das Einleben leichter machen. Mit Freude hörte ich vor einigen Tagen bei einer Sitzung für die neue Prüfungsordnung der Oberlehrer, daß Französisch wieder Hauptfach werden wird. Ich denke immer daran, wie sorgenvoll Ihr Mann die Entwicklung der Romanistik beurteilt hat. Ob er wohl genügend Studenten für sein Fach hat u. einigermaßen erträgliche Arbeitsbedingungen?"

Eigentlich war es doch eine große Neuigkeit, daß Hans und Hertha Kopfermann gemeinsam Englisch lernten. Allerdings hatte Hans in einem Brief, der schon Ende Februar an Lotte Gmelin abgegangen war, gar nicht davon gesprochen. Doch hatte er geschrieben, daß er seinen 'Optimismus' dem Verhalten englischer Kollegen verdanke, mit denen allmählich engere Verbindungen entstanden waren. Wenn sie gewußt hätten, wie wichtig die Sprachkenntnisse vier Jahre später in Amerika sein würden, hätte das Lernen vielleicht beiden noch mehr Freude gemacht.

"Ende Januar bin ich mal wieder in Erlangen gewesen, u. von dort aus sogar in München, habe wiederum schlechte Reiseerfahrungen gemacht mit Zügen ohne Fensterscheiben u. Übernachten auf der Treppe des Frankfurter Luftschutzbunkers mit dem Erfolg, dass ich bis heute eine häßliche Erkältung nicht los bin. Und als Résumé steht eigentlich das Bild der noch völlig unaufgeräumten Güterbahnhöfe, der nicht zugeschaufelten Bombentrichter und des unveränderten Flüchtlingsjammers eindringlich vor mir. Von Würzburg, Frankfurt, München ganz zu schweigen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir Gründe haben, den Kopf nicht hängen zu lassen und Hoffnung auf ein neues Aufwärtsgehen. Sie haben schon einmal gefragt, woher ich meinen Optimismus nehme: Natürlich aus mir selbst in erster Linie. Dann aber doch in erheblichem Masse aus dem Verhalten unserer englischen Kollegen, mit denen wir allmählich stärkere Fühlung bekommen und die besten Willens sind uns zu helfen. Dass auch unsere unzerstörte Stadt und das gerade beendete Semester das ein voller Erfolg gewesen ist, unser Vertrauen mächtig stärkt, können Sie sich wohl denken. Seit heute sind meine gesamten Institutsarbeiten fast 100 prozentig gebilligt, ja wir haben Versprechungen bekommen, dass Dinge, die uns fehlen oder solche, die wir nicht machen dürfen, uns aus England geliehen werden. Wie Sie sehen, bezieht sich das alles auf die berufliche Seite. Immerhin für den Mann einer der entscheidenden Punkte. Für die armen Hausfrauen ist die Situation ja nach wie vor schwieriger. Für sie gibt es keine sie gleichartig aufmunternden Gesichtspunkte. Ihre Hoffnungen müssen sie noch sehr lange hinten an stellen. Einige schwache Momente gibt es ja: der Winter ist zum grössten Teil vorüber, man hätte noch wesentlich mehr frieren können, das Essen hätte noch knapper sein können. Sie werden mir vorwerfen, das sei eine Froschperspektive, aus der man doch das gesamte Dasein nicht betrachten könne, wogegen ich nichts Erhebliches sagen kann. Meine Frau speziell hat es in letzter Zeit weiterhin sehr schwer gehabt. Sie ist noch immer recht klapprig. Dazu kam am Tag vor Weihnachten, dass meine Schwiegermutter bei einem unglücklichen Sturz rechtes Bein u. rechten Arm gebrochen hat. 6 Wochen Klinik u. nun noch völlig unbeweglich hier bei uns, bedarf intensivster Wartung, da sie keine kleinste Handhabe allein tun kann. Sie wird nun wohl auf immer bei uns sein müssen u. wenn sie bis zum Herbst wieder ein wenig humpeln kann, so müssen wir froh sein. Man weiss nicht, wen man mehr bedauern soll, die Omi oder die Frau.

Hans Kopfermann unterschied hier noch einmal die optimistische Perspektive im Beruf: 'Immerhin für den Mann einer der entscheidenden Punkte', von der wesentlich weniger aufmunternden für die 'armen Hausfrauen', die 'ihre Hoffnungen noch lange hinten an stellen' müssen. Aber liessen sich die beruflichen und die 'hausfraulichen' Schwierigkeiten tatsächlich in dieser Weise vergleichen? Herthas Wünsche richteten sich natürlich auf die Erleichterung der täglichen Arbeit, bei der übrigens Hans durchaus mithalf. Aber den Stellenwert, den er für sich selbst dem Beruf zuschrieb, hatte für Hertha das 'Hausfrauendasein' keineswegs, das wußte er. Und er hat vermutlich auch gespürt, daß die 'Hoffnungen', von denen er mit Bezug auf 'die Frau' sprach, in Konkurrenz traten zu dem Interesse, das für ihn der Beruf gewann, auch wenn es keine konkreten Vorstellungen dazu gab. Neben 'Reproduktions-' und Berufstätigkeit war da noch ein anderer Angelpunkt.

Im März 1946 war der Tiefstand der Ernährungslage erreicht. Die Zuteilung von Lebensmitteln fiel weit unter die 2000 Kalorien/Tag, die als 'Existenzminimum' gelten konnten: in der amerikanischen Zone standen 1275 Kalorien pro Person zur Verfügung, in der britischen 1015, in der französischen 940. Auch in England mußte das Brot rationiert werden, was selbst im Krieg nicht der Fall gewesen war. Nach einem weiteren 'Hungerjahr' und einem außergewöhnlich strengen Winter 1946/47 wurden zum Wintersemester 1947/48 in Erlangen Reihenuntersuchungen der Studenten durchgeführt, die zeigten, daß 67% entschieden untergewichtig waren und nur 9,5% völliges Normalgewicht zeigten. Kopfermanns bedeuteten, wie anderen[33] auch, die seit 1946 gelegentlich eintreffenden Packete von Ladenburgs und Margarethe Bohr sehr viel.

Hans Kopfermann teilte den Zustand, in den er 1945 geriet, mit vielen. Wer die Hände in den Schoß legte, konnte allerdings kaum hoffen, zu überleben. Die Not motivierte zum allgemeinen "packen wir's an". Mehr noch, die günstigen Umstände in Göttingen und die Möglichkeiten in seiner Position dürften eine besondere Herausforderung gewesen sein. Es zeichnete sich ab, welche beruflichen Chancen sich ihm fortan boten. Wenn Hertha Kopfermann andererseits das Anliegen gemeinsamen Lebens und geteilter Interessen verfolgt hatte, mußte sie immer deutlicher empfinden, wie sehr es in Frage gestellt war. Der `Umbruch' nach dem Krieg bedeutete vielfach eine Gefahr für individuelle und von daher `unkonventionelle' Lebensverhältnisse. Sie, die - manchmal gerade unter den politischen Umständen der Diktatur - bewußt aufgebaut worden waren, wurden, in Verkennung der persönlichen Leistung, die in ihnen lag und der Nowendigkeit ihres Fortbestandes, einem starken Trend zur `Normalität' und zur Identifikation mit konventionellen Rollen geopfert. Die Rolle der `Professorengattin' lag Hertha Kopfermann genau so wenig, wie ihr Mann dem Typus des Institutsleiters, der sich, nach einer ironischen Bemerkung Max Webers, in Verkennung ganz unterschiedlicher Risikolagen als Unternehmer vorgekommen wäre. Während der `Wiederaufbau' Hans mehr und mehr in eine führende Position brachte, die zum überwältigenden Interesse zu werden drohte und weitgehend wurde, gingen Lebenschancen für beide verloren. Wie konnte ein 'Glaube an die Zukunft', der sich schon mit dem nächsten Menschen, den er hatte, nicht so recht teilen ließ, und der, wie er meinte, ihn 'geradezu arbeitswütig' machte, ein Glück sein? Nichts deutet darauf hin, daß Hertha sich einen Plan hätte zurechtlegen können, um die 'Arbeitswut' ihres Mannes einzugrenzen und ihr entgegenzutreten, um beider 'Glücksansprüche' gegen die 'Leidenschaften' ihres Mannes (um die sie gar meinte, ihn beneiden zu können, s.o.) durchzusetzen. Um so wahrscheinlicher scheint mir die Annahme, daß ein Zwiespalt eintrat, der für das weitere Leben beider schließlich bestimmend wurde, und der Hertha Kopfermann - mehr als Hans - in Momenten - und nicht nur Momenten - persönlichen Leids überwältigte, ohne bei solchen Anlässen, und noch weniger im Alltag, ins Bewußtsein aufzusteigen.

Im Herbst 1946 starb Elisabeth Schwertfeger. Sie hatte sich von ihrem Beinbruch nie erholt und zum Schluß sehr gelitten. Sie war 78 Jahre alt geworden. Hertha schrieb an Lotte Gmelin, sie wisse ja um ihre Bindung an die Mutter. "Nun habe ich sie verloren und mein Leben ist verwandelt"[34]. Im Alltag meldete sich der Winter:

"Unser Ofen ist in Tätigkeit, wir sind sehr leichtsinnig und heizen jeden Tag. Mein Mann war 3 Tage im Walde und hat Holz geholt und unsere Braunkohle bewährt sich. In das Zimmer meiner Mutter wurde bereits am Tag ihrer Beerdigung ein holländischer Theologiestudent einquartiert; ein ganz netter Jüngling, der wegen Mangel an Brennmaterial die Runde um unseren Ofen mitmacht."[35]

Am 28. Februar 1947 schien kein Ende der Kälte abzusehen:

"Alles ist eingefroren; 8 Rohrbrüche haben uns erfreut und wir heizen mit sogenannten Waschbergen, einem Abfallprodukt der Kohle, das zu 75% aus Wackersteinen besteht, die wir unentwegt in den Ofen herein und wieder heraus tun. Höchsttemperaturen am Sonntag: 15 Grad, gewöhnlich 8 Grad. Trotzdem sind wir dank meines Mannes stabiler Seelenlage bei gutem Humor ... Das gesellige Leben in unserem Hause ist fast ganz eingeschlafen aus Gründen der Temperatur; die einzig netten Abende verbringen wir bei unserem Nachbarn, dem schon mehrfach erwähnten flämischen Lektor und seiner Frau, den Sie wohl auf der Straße gezeigt bekamen, aber leider nicht selbst kennen lernten. Dort ist es immer sehr angeregt; auch andere nette Menschen finden sich ein, die ausnahmsweise nicht der math-physikalischen Fakultät angehörten, von der wir sonst etwas zu viel hören ..."

Da dieser Brief am Abend nicht mehr fertig wurde, auch weil Strom und Gas wegblieben, konnte Hans am folgenden Tag die guten Nachrichten ergänzen und auch dem Winterwetter einen optimistischen Aspekt abgewinnen:

"Heute haben wir zum ersten Mal im schneebedeckten Garten im Liegestuhl in der Sonne gelegen, in Mantel und Decken eingehüllt und fanden die Märzsonne wärmer als unseren Küchenofen. So scheint uns der oben geschilderte Zustand nicht mehr so trostlos und wir denken an den Schlager, den man in meiner Jugend sang: Junges Herz lass die Liebe ein, auch im März kann schon Frühling sein. Das Semester, das wegen Kohlenmangel zeitweise eingestellt war, geht bei weniger kalten Hörsälen und Laboratorien langsam seinem Ende entgegen. Eine ganz große Freude hat es für mich gebracht: die berühmte Elektronenschleuder, um deretwillen ich so oft und so umständlich nach Erlangen gefahren bin, ist mit englischem Kraftwagen nun endlich nach Göttingen geholt worden und wird zur Zeit hier aufgestellt. Ich hätte mir soviel Energie und Stehvermögen eigentlich nicht zugetraut und bin daher auch entsprechend stolz."[36]

Wenig später wurde mittgeteilt, daß Hans zu einem Vortrag nach Bremen fuhr, Wilhelm Walcher gleich mehrere Rufe auf einmal hatte ('er verläßt meinen Mann noch in diesem Semester und geht nach Marburg als Ordinarius ... Paul wird Oberassistent') und die Züge wieder so gut verkehrten, daß die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, zur guten Laune beitragen konnte. Aber 1947 wurde doch eher zum Unglücksjahr. Nicht nur, daß im Juli auf Anordnung der Militärregierung wieder Fragebogen auszufüllen waren, erneut Verfahren zur 'Entnazifizierung' in Gang gebracht wurden, und auch Hans Kopfermann Zeugen beibringen mußte (s.u.). Hertha erkrankte im Juni an Hepatitis und kurierte sich anschließend in Bad Pyrmont. Dann mußte sie erfahren, daß ihr Bruder, von dem sie Monate lang nicht einmal wußte, ob er die Nachricht vom Tod der Mutter erhalten hatte, schwer erkrankt war. Unter dem 19. Juli schrieb Hans Kopfermann an Lotte Gmelin:

"Meine Frau ist seit 14 Tagen in Pyrmont und ist innerlich bedrängt von der dortigen Atmosphäre, äußerlich von Schlammbädern, die sie sehr anstrengen, hoffentlich aber ihre wohltuende Wirkung tun. Morgen kommt Renate aus ihrem Kinderheim zurück, worauf wir sehr gespannt sind. Michael und ich konnten unsere Ferien im Harz nicht antreten, weil wir keine Unterkunft bekamen. So müssen wir bis zum September warten. Ich selbst hätte es auch blutnotwendig gehabt. Des letzten Semesters Qual war gross! Nun ist es mit Anstand überstanden. Hoffentlich finde ich zu Hause etwas Ruhe, was allerdings noch etwas problematisch ist, weil ich die letzten 8 Tage der Kur meiner Frau wieder allein Haushalt führen muss. Unsere liebe, stellvertretende Hausfrau, Frau Prof. Brunstäd aus Rostock, eine alte Freundin von mir, geht nämlich bald in ihr Kinderheim im Taunus zurück. Um meine Frau mache ich mir große Sorgen. Sie wissen wohl, dass wir seit dem Tode meiner Schwiegermutter keine Nachricht von ihrem Bruder aus Italien haben. Nun kam ein Brief aus Amerika, in dem stand, dass Eddo sehr krank sei. Den Andeutungen nach muß ich Halskrebs vermuten, und zwar in erheblich fortgeschrittenem Stadium. Meine Frau weiss es noch nicht. Ich habe direkt Angst davor, es ihr mitzuteilen. Sie wissen ja, wie entsetzlich verkettet sie mit ihm ist. Es wird ein schwerer Schlag für sie sein."

Wie schwer der Schlag für seine Frau werden sollte, ahnte der Schreiber trotz allem nicht. Zunächst war das auch nicht zu erkennen. Das Leben nahm seinen Gang, die Not war noch immer groß. Lotte Gmelin war im August zu einem kurzen Besuch nach Göttingen gekommen (Hertha gab ihr Friedrich Huchs 'Pit und Fox' zu lesen). Im November des gleichen Jahres hatte Hans einen Kreislaufkollaps und sollte sich erst wieder ganz wohl fühlen, als er die erste Nachkriegsreise nach Kopenhagen im nächsten Jahr, im Spätsommer 1948 hinter sich gebracht hatte (s.u.). Hertha reiste nicht mit, für sie gab es kein Visum, sie fühlte sich ohne Hans 'unendlich einsam'. Doch nach seiner Rückkehr war sie guten Mutes und seit der Währungsreform waren die Alltagssorgen zusehens geringer geworden. Dann kam der kranke Bruder und alles wurde ganz anders. Die Korrespondenz mit der Freundin kam fast zum Erliegen und Lotte Gmelin war gekränkt. Im November 1949 schrieb Hans Kopfermann:

"Es ist zur Zeit bei uns so schwierig wie nie zuvor. Die Krankheit des Schwagers nimmt uns alle, incl. Michael und Renate sehr mit. Der unglückliche Mensch leidet unwahrscheinlich ... Er trägt das mit einer Haltung, die ich restlos bewundere. Uns nimmt es - diesmal auch mir - das Gleichgewicht. Dazu kommt, daß alle Arzt- und Klinikrechnungen in der Schweiz und hier in Deutschland nicht bezahlt sind, da er kein Geld und keine Einnahmen mehr hat. Wir sind trotz der Hamelner Häuser in wenigen Wochen arme Leute geworden, die jeden Groschen umdrehen müssen. So sieht das also aus und noch schwieriger ... Langsam ist es trotz allem mit meiner Frau besser geworden, vielleicht gewöhnt man sich sogar an solche Dinge. Es geht ihr körperlich besser, sie sieht nicht ganz so schlecht aus und fängt an, wieder etwas zu schlafen."[37]

Es kam hinzu, daß Betrug im Spiel war, der strafrechtlich verfolgt und Eduard Schwertfeger angelastet wurde. Bis sich herausstellte, daß alles 'Mache eines üblen Kerls' war. Der Schwager starb nach Weihnachten und sein Tod bedeutete die Katastrophe schlechthin. Hans Kopfermann schrieb über den Zusammenbruch in den ersten Januartagen in einem Versuch, die Freundschaft der beiden Frauen, die gerade jetzt völlig zu scheitern drohte, zu retten.

"Soll ich Ihnen noch einmal zeigen, wie das im vorigen Jahr war? Es war das grausigste unseres gemeinsamen Lebens. Sie und ich, wir haben keine Ahnung davon, wie fest Blut binden kann. Ich habe es nun gesehen und es ist, ich muss schon gestehen, grossartig und schrecklich. Bei meiner Frau wurde nichts begraben und es war keine Befreiung. Es war nur Schmerz und Auflehnung gegen das Schicksal. Es ist so, als ob ein Stück von ihr fehlte ... Liebe Frau Gmelin, schütteln Sie nicht den Kopf. Es war das grausigste Erlebnis, aber auch das Erschütternste. Ich stehe in tiefer Erfurcht vor solcher Hingabe und solcher Intensität, die jenseits von allen Normen nur liebt."

Nur dieses eine Mal in der ganzen Korrespondenz hat Kopfermann sich so pathetisch geäußert - und so wenig analytisch. Hertha hatte sich in Braunlage in Behandlung begeben. Er hatte sie an einem Sonntag besucht und fand: 'da war sie seit langem zum ersten Mal wieder etwas von dem, was sie früher war, nicht der Automat'. Äußerlich schien die Katastrophe bald überwunden. Die Lösung erinnert an die des gordischen Knotens. Ein längerer Besuch beim MIT war geplant. Ende November hatte Rudolf Ladenburg an Max Laue geschrieben, er freue sich auf ein Wiedersehen mit Kopfermann ("die USA wird ihm sicher gut tun, mindestens gesundheitlich" s.u.). Hans ließ sich beurlauben (sein Gesuch datierte vom 2. Januar) und fuhr so bald als möglich nach Boston. Hertha blieb diesmal nicht ganz zu Hause, wie bei der Kopenhagen-Reise, sondern konnte wenigstens die zweite Hälfte des Amerikaaufenthaltes mit ihrem Mann teilen.

* * *

Die Allierten hatten im 'Vormarsch' 1945 sofort die Presse in die Hand genommen. Es galt die Devise, die Deutschen möglichst keinen Tag ohne Zeitung zu lassen. So hatten die Briten die Aachener Nachrichten ins Leben gerufen, die Truppe für psychologische Kriegführung der Amerikaner organisierte den Kölnischen Kurier, sobald Köln besetzt war, und von Nauheim aus wurde im April die Frankfurter Presse, Vorläuferin der Rundschau, ins Leben gerufen[38]. Ähnlich verfuhr man mit den Rundfunkstationen. Im Herbst 1945 entstand in München als erstes überregionales Blatt die Neue Zeitung, die eine Auflagenhöhe von 2,5 Millionen erreichte. Hans Habe, ein Hauptakteur im amerikanischen Dienst kommentierte 1966:

"Heute, da sich das Tempo der Geschichtsfälschung dem schnellen Gang des Geschehens angepaßt hat, heißt es allgemein, es hätte unter den maßgeblichen Männern, welche die Besatzungspolitik formten, 'Pro-Deutsche' und 'Anti-Deutsche' gegeben. Als 'antideutsch' gilt heute, wer damals für die Umerziehung eintrat. In Wirklichkeit war niemand 'pro-deutsch', am allerwenigsten die Generalität. Zwei Gruppen gab es wohl - nämlich jene, die an die 'Umerziehbarkeit' des deutschen Volkes glaubten, und jene, die von der 'Unerziehbarkeit' der Deutschen überzeugt waren. Will man daher das Wort 'prodeutsch' überhaupt gebrauchen, dann kann es nur auf die 'Umerzieher' angewandt werden"[39]. "...in den Methoden waren sich Engländer und Amerikaner vollkommen uneinig. Lange bevor sie überhaupt europäischen Boden betreten hatten, hatten die Amerikaner eine 'amerikanische Presse für die deutsche Bevölkerung' geplant; die Zeitungen sollten so lange in amerikanischen Händen bleiben, bis es den 'Lizensierungsteams' gelingen würde, politisch saubere und publizistisch tüchtige deutsche Herausgeber zu finden... Die Briten waren sicher, schon am ersten Tag verläßliche deutsche Zeitungsleute finden zu können: ihre Presseoffiziere sollten diese nur aussuchen, lenken, beraten, deren Eignung in der Praxis prüfen - die Engländer selbst wollten keine Zeitung 'machen'[40].

Im September 1945 wurden von der britischen Verwaltung auf kommunaler Ebene Parteien zugelassen, nachdem die Sowjetische Militär-Administration in Deutschland (SMAD) entsprechende Initiativen ohne Vorbehalt gefördert hatte, und die Amerikaner zögernd gefolgt waren. Ein Jahr danach fanden in Süddeutschland und in Hamburg (13.10.1946) Landtagswahlen statt, in den anderen Ländern der Britischen Zone jedoch erst Ende April 1947.

Während die vielbeschworene 'Kollektivschuldthese' auf Seiten der Besatzer praktisch kaum eine Rolle spielte[41], diente sie auf deutscher Seite in den Notzeiten und darüber hinaus dazu, schiefe Feindbilder zu rechtfertigen. Das tatsächlich entstandene 'Realitätsproblem' hatte Karl Jaspers am 4. November 1945 in der Neuen Zeitung angesprochen:

"Wir hören den beschwörenden Satz: Es sind vier Millionen Deutsche gefallen, das kann nicht für nichts gewesen sein, das muß doch einen Sinn haben! Die Anwort: Der Sinn dieses Sterbens ist aus Zielen in der Welt schlechthin nicht positiv zu begreifen. Die furchtbare Tatsache, die wir uns kaum einzugestehen wagen, ist vielmehr: Schätzungsweise vier Millionen Deutsche sind gefallen für einen Staat, der schätzungsweise vier Millionen wehrlose Juden (darunter knapp eine halbe Million deutscher Juden) methodisch tötete - der seit 1933 Volksgenossen zu Zehntausenden in Konzentrationslagern quälte und zum Teil vernichtete - der das eigene Volk zu einer Sklavenmasse machte - der den Terror entwickelte, in dem schließlich jeder den anderen durch Furcht zu Handlungen oder Unterlassungen trieb - der alles, was wahr und gut war in Deutschen ausrottete - dessen Sieg, soweit wir zu sehen vermögen, das Ende des Deutschtums geworden wäre. Diesen Tatbestand müssen wir uns so anschaulich vor Augen stellen und, mit allen Einwänden gegen solche Behauptungen, so klar erörtern, daß daraus eine wirkliche Überzeugung erwächst. Es kommt darauf an, unser deutsches Leben unter den Bedingungen der Wahrheit zu gewinnen."

'Wahrheit' war demnach die Einsicht in das Ausmaß von Sinnlosigkeit und Verbrechen, in die 'Ausrottung' von dem was einmal wahr und gut gewesen. Jaspers verstand unter 'Wahrheit' eine individuelle wie gesellschaftliche Aufgabe. Ein Bewußtsein für die Last der Vergangenheit als eine existentielle Voraussetzung. Es blieb bei individuellen Lösungen, gesellschaftlich stellte sich die Aufgabe als `unrealistisch' dar und blieb ungelöst. Politiker wie Konrad Adenauer bauten auf die integrative Kraft des 'Vergessens'. Auf einem anderen Blatt standen die vorausgegangenen Bemühungen zur 'Entnazifizierung'.

"Den Deutschen haben die Alliierten als rechtsstaatliche Mittel deklarierte prozeßähnliche Verfahren vorgeschrieben. Doch entbehrten diese präziser Kriterien und verwendeten auch nicht die beim deutschen Strafprozeß herkömmlichen Begriffe... Zwischen 'Betroffenen' und 'Nichtbetroffenen' gab es ein kaum noch zu entwirrendes Beziehungsgeflecht. Hatte nicht mancher Parteigenosse seine schützende Hand über Kollegen gehalten, die das ganze Regime abgelehnt und es trotzdem einigermaßen ungeschoren überdauert hatten? Und konnte nicht jetzt - ebenfalls in einer Stunde der Not - der Betroffene vom Nichtbetroffenen einen 'Persilschein' erwarten? So wurde das Papier bezeichnet, mit welchem bestätigt wurde, daß der Angeklagte durch Scheinaktivitäten, durch Warnungen und Hilfeleistungen an Gefährdete und verfolgte Systemgegner bemüht gewesen war, schlimmeres zu verhindern oder daß es sich um einen sehr naiven oder einen besonders schlampigen Führeranhänger handle. Aber es gab auch Denunziationen und Vorwürfe"[42].

8 Millionen 'Volksgenossen' waren der NSDAP beigetreten. Viele auch anderen Nazi-Organisationen (800 000 Mitglieder zählte 1944 die SS[43]). Im Sommer 1945, im SHAEF-Regime, war für die 'Entnazifizierung' maßgeblich, was in Kapitel 2 Teil III des 'Handbook for Military Government in Germany Prior to Defeat or Surrender' vom Dezember 1944 bestimmt war: "Dismissal of all active nazis" hieß es da. Die Amerikaner hatten nach der Kapitulation für ihre Offiziere die am 26. April vom Kongress verabschiedete detaillierte Anweisung JCS 1067[44]. Die Franzosen ordneten mit einer Baden-Badener Direktive unter dem 19. September eine 'épuration systématique' an[45]. In Süd-Württemberg arbeitete ab Dezember 1945 ein deutsches Komittee, dessen zügiges Verfahren später als vorbildlich erscheinen sollte, aber nicht zu Ende kam[46]. Seit September war die Kontrollratsdirektive 24 'Zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus' in Vorbereitung, die im Januar 1946 verkündet wurde und die Aufgabe weitgehend in deutsche Hände legte. Demnach waren 'Spruchkammern' zu berufen, die zu beurteilen hatten, ob ein 'Betroffener' als 'Enlasteter' (Amnestierter), Mitläufer, Minderbelasteter, Belasteter oder Hauptschuldiger zu gelten hatte. Die Spruchkammern waren mit ausgewiesenen Nazigegnern oder 'Nichtbetroffenen' zu besetzen und die meisten waren keine Juristen. Offenbar hat das dazu geführt, daß man denen, die sich in der Diktatur lange genug mit List und unter Verzicht entzogen, oder gar widersetzt, gekämpft und in Gefahr begeben hatten, jetzt zumutete, sich noch einmal mit den 'anderen' herumzuschlagen, sich noch einmal, wenn auch auf andere Weise in eine - nur sehr kurzsichtig und äußerlich gesehen geringe - Gefahr zu begeben. Waren dazu genügend Menschen in der Lage? Eine solche 'Entnazifizierung' tendierte zur 'Mitläuferfabrik' (Lutz Niethammer). Es nimmt auch nicht Wunder, daß die Spruchkammern eher 'am falschen Ende begannen' und sich zunächst den zahllosen Fällen derer zuwandten, die man 'entlasten' oder als 'Mitläufer' einstufen konnte. In der britischen Zone wurden Verfahren gegen 'Hauptschuldige' und 'Belastete' von vornherein der deutschen Gerichtsbarkeit entzogen.

Es kam zu dem Paradoxon, daß die interessierten Gegner der Überprüfungen, also die 'Betroffenen', Unterstützung bei denen fanden, die die Richterfunktion oder auch nur die Bittstellerei nach 'Persilscheinen' (wie das 'Mittel zur Reinwaschung' bald genannt wurde[47]) als zu große Zumutung empfanden. Denen aber, die sich der mühsamen und riskanten Aufgabe stellten, war letzlich noch beschieden, daß die Mühe 'für die Katz' gewesen, weil mit dem Gang der politischen Entwicklung summarisch amnestiert und reintegriert wurde. Ab 1949 öffnete der unrühmlich-unentschiedene Artikel 131 des Grundgesetzes die Tür[48]:

"Die Rechtsverhältnisse von Personen einschließlich der Flüchtlinge und Vertriebenen, die am 8. Mai 1945 im öffentlichen Dienst standen, aus anderen als beamten- oder tarifrechtlichen Gründen ausgeschieden sind und bisher nicht oder nicht ihrer früheren Stellung entsprechend verwendet werden, sind durch Bundesgesetz zu regeln".(Wo spricht das GG von den Rechtsverhältnissen der unter der Diktatur vertriebenen, zurückgesetzten und ermordeten?).

Es konnte sehr viel Mühe bedeuten, eine Entscheidung zwischen 'Mitläufer' und 'Entlastet' zu treffen. Aber man mußte erleben, daß das niedersächsische Landesgesetz die Unterscheidung aufhob und die Mitläufer als 'entlastet' einstufte. Die 'nichtamtierenden' (amtsverdrängten) Hochschullehrer formierten sich 1951 zu einer Lobby und das Ausführungsgesetz zu Artikel 131 GG im selben Jahr kam dieser Lobby entgegen[49]. Die Endergebnisse politischer Klärung der Verhältnisse wurden nivelliert und waren meist bald vergessen. Das galt auch für Göttingen. Die Verteter solcher Politik, von Konrad Adenauer bis Adolf Arndt und Theodor Heuß, hielten sie im Interesse von Stabilität und innerer Sicherheit für angezeigt[50].

Als im Frühjahr 1951 Herbert Stuart, über den Richard Gans in den 30er Jahren geäussert hatte, mancher sei den Verlockungen der neuen Zeit nicht gewachsen und der 1940 auf Seiten des NSDDB und des Dinglerkreises gestanden hatte, Kopfermann mit dem Bestreben aufsuchte, seine Hochschulkarriere wieder aufzunehmen, bat Kopfermann Goudsmit um ein Dokument, das der ihm im Jahr zuvor gezeigt hatte, und mit dem Stuart sich seinerzeit selbst deutlich als nationalsozialistischer Interessenvertreter zu erkennen gegeben hatte. Goudsmit schickte das Schreiben und kommentierte:

"My personal opinion is that people like Stuart should not be denied a position. However, one should make certain that they are not placed where they may exert important influence ond matters of policy and politics. I do not believe, for example, that he and others of his type, should get postions where they are in close contact with young students. But, since he is quite capable, one should not vaste his talent and should perhaps employ him on a semi-industrial or applied research project. / I was disturbed to read that the recent elections have shown a comeback of the Nazis... I hope that Heisenberg and many others will speak up loudly and effectively against any return of Nazism, or other totalitarian systems."[51]

Bemerkenswert an dieser Äusserung Goudsmits scheint mir die Vorstellung, der Physiker als Hochschullehrer sei politisch 'gefährlicher' als der Industriephysiker - eine eben so verbreitete, wie doch wohl fragwürdige Ansicht. Ganz dem Zeitgeist huldigte der Schreiber in meinen Augen, wenn er seine Aufforderung zur wirkungsvollen Stellungnahme gegen die Nazis faktisch dadurch schwächte, dass er den damals unmißverständlichen Nachsatz mit den 'anderen totalitäre Systemen' anfügte.

In Erlangen hatte ein Vorprüfungsausschuss an der Universität, der auch 'Verein zur Rettung Schiffbrüchiger' genannt wurde, angesichts falscher oder als falsch empfundener Härte der Militärbehörden regelmäßig falsche Milde walten lassen.

Unglückliche und falsche Regelungen konnten und können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Verhältnis von Hochschulen und Studenten zur Besatzungspolitik auch aus eben den Gründen der Uneinsichtigkeit, der Vorurteile und des Chauvinismus, gegen die jene anempfohlene Politik sich richtete, gespannt war. Als Martin Niemöller im Januar 1946 vor Erlanger Studenten im Sinn des 'Stuttgarter Schuldbekenntnisses' seiner Kirche vom Oktober 1945 sprach[52], kam es zu unüberhörbaren Mißfallenskundgebungen. Der Theologe Wolfgang Trillhaas[53] hat diesen Ausgang später auf 'Ungeschicklichkeiten' und die Selbstgerechtigkeit Niemöllers geschoben, und eine entgangene Chance bedauert:
"Er sprach in kleinem Kreise, vor allem aber für die Öffentlichkeit in der dichtgefüllten Neustädter Kirche. Die Erwartung der studentischen Höhrer war fühlbar. Dann kam der gefeierte Mann in einem Dienstwagen der Besatzungsarmee - mußte das sein? Er zog an der Seite seiner Frau unter Orgelklängen in die Kirche ein - das mochte ein peinlicher Regiefehler sein. Und dann sprach er zu dem, was hinter uns lag, als einer, der immer auf der richtigen Seite gestanden hatte, er sprach lauter Richtigkeiten aus, aber es war keine Hilfe für die Studenten, die unruhig wurden und in der Kirche schließlich laut rebellierten. Es war eine der Kirche entglittene Chance"[54].
Aber paßte es zueinander, daß Studenten rebellierten, nur weil ihnen keine Hilfe zuteil wurde? Ging es um die Hilfe oder um die Chance für die Kirche?

Vorkommnisse wie der Protest gegen Niemöller bestärkten das Mißtrauen des OMGUS. Anfang Februar 1947 reagierten die Behörden scharf, und unter Hinweis auf Artikel 58 des Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus waren 76 Hochschulangehörige wegen 'Mangel an positiven, liberalen und moralischen Qualitäten, die zur Entwicklung der Demokratie beitragen' zu entlassen. Manche hatten ehemals im politischen Spektrum nach rechts, aber nie zur NSDAP tendiert. Entlassen wurden u.a. der Theologe Paul Althaus und der Physiker Helmut Volz[55]. Beide wurden, wie die meisten anderen, sehr bald von der Spruchkammer rehabilitiert[56].

Zu den Entnazifizierungsverfahren schrieb Richard Gans aus München an Walther Gerlach in Bonn schon im Dezember 1946, daß er die ernste Problematik nicht so sehr in der neuen Rigorosität sähe, als in der Tatsache, daß abgeschlossene Verfahren noch einmal von vorn beginnen sollten.[57] Gans mahnte hier an, daß nichts wichtiger hätte sein sollen, als die von der Diktatur untergrabenen Rechtsgrundsätze nun unter allen Umständen zu respektieren.
Die Kontrollratsdirektive, die auch die Franzosen mittrugen, sah eine Überprüfung aller Personen in Staat und Wirtschaft vor. 'Hauptschuldige' und 'Belastete' waren zu internieren, sie wurden mit Berufsverbot, hohen Geldbußen und Einziehung von mindestens 40 Prozent ihres Vermögens bedroht. 'Minderbelasteten' drohte die Zurückstufung um mindestens zwei Gehaltsgrade, Geldbußen unter RM 15 000, Einziehung von bis zu 40 % des Vermögens. 'Mitläufer' büßten ein bis zwei Gehaltsstufen ein und zahlten kleinere Geldstrafen. Auf dem Territorium der späteren BRD wurden 3,6 Millionen Fälle verhandelt, in Niedersachsen eine halbe Million, in Rheinland-Pfalz 300 000. Von den 300 000 wurden 1667 als Hauptschuldige und Belastete befunden, 23 000 als Minderbelastete, 150 000 als Mitläufer. In der britischen Zone wurde niemand als belastet erkannt, es gab mehr 'Minderbelastete' und weniger Mitläufer[58]. In der sowjetischen Zone bildete die Direktive 201 der SMAD (Sowjetische Militäradministration) vom August 1947 die Grundlage der endgültigen 'Entnazifizierung', und -mißbräuchlich - der Repression von Regimegegnern. Zwischen 1945 und 1950 wurden 122671 Personen in Lager gebracht, 45262 wieder freigelassen, 42889 sind gestorben, 12770 wurden in die SU deportiert und 6680 in Kriegsgefangenenlager. 1950 wurden 14202 Personen den DDR-Behörden übergeben. Bis dahin waren 756 durch Militärtribunale zum Tod verurteilt worden.[59]

Verständliche Abneigung gegen die 'Entnazifizierung' bei Betroffenen verbanden sich in der Regel nicht mit Nachdenklichkeit und dem Versuch eigene Ansichten in Frage zu stellen. Eher immer wieder mit Aktionismus und dem Drang, unübersehbar 'positive' Tatsachen für den 'Neuanfang' zu schaffen. Von einem Druck, unter dem der 'Wiederaufbau' so gesehen stand, zeugt ein ausführliches Schreiben, das Werner Köster[60] in Stuttgart unter dem 20. 2. 1947 an den befreundeten Walther Gerlach nach Bonn schickte. Mit altem Briefkopf des Leiters der Zeitschrift für Metallkunde (,,NSBDT und VDI im NSBDT" etc.). In Anbetracht der Papierknappheit und des freundschaftlichen Briefverkehr nichts bemerkenswertes, würden nicht Formulierungen im Brief einen heutigen Leser befremden und fragen lassen, wie weit der Schreiber sich über die Notwendigkeit einer ,Einkehr' im klaren war und nicht auch in der Wahl des Papiers zu viel Selbstgerechtigkeit zum Ausdruck kommt..

"Lieber Gerlach! / Ihre klaren Worte haben mich erfreut. Es war so, als wenn Sie vor mir gestanden wären und mit blitzenden Augen in alter Weise befreiend geschimpft hätten. Ich spürte den frischen Wind, die Unbekümmertheit, die ich hier in meinem näheren Umkreise vermisse. Die Leute sind alle so ängstlich, vielleicht zu Recht, denn so frei wie im dritten Reich kann man seine Meinung heute nicht mehr sagen. Ich hatte 1945 bereits eine Denunziation zu überstehen in an sich belangloser Angelegenheit. Damals sagte mir der sozialdemokratische Bürgermeister von Urach, Herr Professor, heute müssen sie noch vorsichtiger mit Reden und Bemerkungen sein als unter Adolf Hitler. Das merkt man überall. Und hier liegt ein wesentlicher Grund, weshalb ich mich doch entschlossen habe, Sie um etwas zu bitten. Heute fehlt jede Beziehung zu den tonangebenden Menschen. Keiner kann die Leistung, die Menschen, den Wert einer Institution einschätzen. Putzfrauen, fragwürdige Leute aus einem K.Z. entscheiden über Wohl und Wehe ihnen unbekannter Menschen. So hatten wir hier neulich einen Angriff abzuschlagen von einem Mann letzter Art, der für die Spruchkammer ein Urteil abgegeben hat von jemand, den er überhaupt nicht gesehen hatte. Diese Begutachtung wurde glatt aus den Fingern gesogen. Deshalb wäre es vielleicht gut, wenn Sie an den Kultusminister, Herrn Simpfendörfer, Stgt. N, Dillmannstraße 3, einen Brief schreiben, in dem Sie etwa folgendes anführen. Prof. Hahn hat ihn kürzlich besucht, das Ministerium hat wohl auch die Verbindung mit dem Befreiungsministerium Kummer aufgenommen, aber geschehen ist noch nichts. In der Zwischenzeit läuft die amerikanische Sache weiter. Jetzt hat auch Herr Grube ein Angebot erhalten. Grube ist im Amt, Glocker und ich sind seit 5 Monaten der Dienstpflichten enthoben. Voraussetzung für die Wiedereinsetzung, die letztlich von den Amerikanern abhängt, ist die Entnazifizierung. Ehe das nicht erledigt ist, kommt man nicht vom Fleck. Es müssen also die deutschen Stellen die Grundlage geben für unsere Entscheidung. Sie sollten den eigenen Leuten helfen, sich für Deutschland zu entscheiden. Ich stelle mir Ihren Schrieb so vor, daß Sie von Hahn oder von uns gehört hätten, daß... Ebenso, daß viele zugesagt haben, weil Sie nach den Bestimmungen nicht hoffen könnten, weiter zu amtieren, bzw., weil ihre Entnazifizierung keine Fortschritte mache und schließlich ein jeder für den Unterhalt seiner Familie aufkommen müsse. Wer für die deutsche Wissenschaft, die Sache ernsthaft besorgt sei, müsse eingreifen. Hier stehe sogar ein KWI auf dem Spiel, dessen Leistung Sie ja etwas auseinandersetzen können. Ich bitte da ja nicht ungebührlich, Sie haben über unsere Arbeitstagungen ja freiwillig früher erfreuliche Auskunft gegeben. Aber was weiß heute schon ein Kultusminister von diesen Dingen. S. war Lehrer für Mathematik in Korntal bei Stgt. Sie können dann auf die Bedeutung für die Zukunft hinweisen, Wissenschaft und Technik, schließlich werden wir doch wohl sehr auf eine Unterstützung der Werke durch die Forschung angewiesen sein. Wir wollen dabei in einer Abteilung der Industrie, zumindest einmal der württembergischen, ihre fehlenden Laboratorien ersetzen. In diesem Zusammnhang Ihnen privat die Nachricht, daß Schwäbisch-Gmünd uns angegliedert werden soll. Es ist alles klar besprochen, nur müssen Raub und ich erst wieder im Amt sein. Raub wird Abteilungsleiter in meinem Institut. Vorteil für ihn Anlehnung an TH, KWG, die Zuteilung zu der Fachschule war auf die Dauer nicht gut. Vorteil für uns, Ausnutzung seiner Geräte, vorallem Werkstatt und Schmelzöfen. Im ganzen dann Konzentration der Metallforschung, also in einem Sektor das, was man mit der Zusammenlegung Eisen, Metall plante. Für Württemberg wäre das doch eine gute Lösung. Das muß der Minister wissen. Sie müssen ihm dann sagen, - ich habe das zwar schriftlich getan, aber es wirkt ja ganz anders, wenn ein dritter urteilend schreibt, - daß ich mich 1945 für Deutschland entschieden habe gegenüber den Franzosen. Ich hätte mir 8 Monate Haft erspart, säße heute bei gutem Essen und Trinken südlich Paris. Dann habe ich mich zumindest mal vorläufig regional für Württemberg entschieden, als die Möglichkeit bestand, nach Düsseldorf zu gehen. Dann säße ich heute weder in Entnazifizierungsnöten, noch vor der lästigen Wahl, auszuwandern. Und damit kommen wir zu den persönlichen Dingen, die so betrübend sind aber unausweichlich. Mir sagte neulich ein mit den Dingen befaßter Herr, die ganze Sache sei ein Geschäft, das ausgehandelt werden müsse. Alle anständigen Regungen hätten einem unmoralischen Gesetz gegenüber zu schweigen. Also werden Sie ein paar Worte über meine Person sagen müssen, ob ich reif bin für das neue Deutschland oder nicht, wie meine Stabführung im Institut war, ob wir tolle Nazis waren and so on. Ich will von Ihnen keine der üblichen Erklärungen zur Entlastung, die ich grundsätzlich so hasse, sondern eine Aufklärung an die Männer, die regieren. Woher sollen Sie es auch wissen. Früher haben wir uns um Dehlinger und solche Leute bemüht, haben mit unerem Urteil über Schmidt und Konsorten nicht zurückgehalten. Heute müssen wir für uns sprechen. Heute sind wir suspekt. Es ist doch alles so (?-)haft. Herr Simpfendörfer muß sich verteidigen, weil er dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hat. Das Zeitalter Maier contra Maier hat seine Schönheiten. Eigentlich sollte ja nun ein Minister, der um seinen Stuhl kämpft, Verständnis für kleine Leute, wie wir es sind, haben. Ich habe 1932/33 sogar Zentrum gewählt, um Hitler nicht ans Ruder kommen zu lassen. Aus Unwissenheit und patriotischer Pflichtauffassung habe ich dann 1940 eine Dummheit begangen, die nun als kriminelles Verbrechen geahndet werden soll, für die die ganze Familie büßen muß. Also überlegen Sie sich den Fall. Ich habe den begreiflichen Wunsch, im nächsten Semester wieder zu lesen und mit den Studenten zu arbeiten. Übrigens ist das KWI von der Militärregierung als solches genehmigt und vom Staat Württemberg ein Etat bewilligt, der die Eröffnung sichert. Wir sind baulich soweit, daß der linke Teil des Instituts Ostern betriebsfertig sein kann. Es fehlt nur noch der Maler und der Fußbelag. Wir haben alle tüchtig geschafft. Und von all dem möchte man nicht Abschied nehmen. Aber vielleicht will man alle ausschalten, die ernsthaft am Wiederaufbau arbeiten. Andererseits, warum können Butenandt und auch andere, Grube, Feldtkeller, pp. unangefochten arbeiten? Im übrigen sagt man, es stünden Erleichterungen bevor. Aber das Auftreten des K.F. Maier ist sehr schädlich, er (hemmt?) die Bestrebungen des Ministers Kummer, er liefert das Material (?) für den bedeutsamen Vansittart-Ausschuß. Ihr Vorschlag Göttingen - Magnetkolloquium ist gut. Ich weiß allerdings von diesen Dingen nicht mehr viel. Es wird Zeit, wieder Ruhe zu konzentrierter Arbeit zu haben. Wenn möglich, komme ich gern, allein schon, um so recht herzhaft zusammen zu schimpfen und zu lachen. Wie geht es sonst: Bonn - München? Auch keine Aussichten? Seien Sie herzlich gegrüßt. Ihr Werner Köster. / Mitte März gründen wir die Deutsche Gesellschaft für Metallkunde hier in Stuttgart neu".[61]

Köster unterstrich seine Aufbauleistung, ließ seinen Wert und das Interesse an seiner Person in Amerika erkennen, und betonte die wirtschaftliche Bedeutung seines Instituts und seiner Forschung. Wenn gleichzeitig ein Eindruck von übergroßer Selbstsicherheit und von einem nicht-wahr-haben-wollen ('Putzfrauen und 'fragwürdige Leute aus einem KZ') entstehen kann, ist er dem privaten Charakter des Briefs zuzurechnen, der nicht mit einer, 'offiziellen' Äußerung zu verwechseln ist[62]. Gerade deshalb bringt er Gedanken und Atmosphärisches zum Ausdruck, die nicht nur diesem Wissenschaftler und Institutsleiter in der Wiederaufbauphase durch den Kopf gingen und Horizonte seines Handelns erkennen lassen. Gedanken, in denen ein Mangel an der gewohnten, in Diktatur und Kriegswirtschaft gefestigten Vorstellung von 'Effizienz' und 'Rationalität' mit Inkompetenz und Unordnung verwechselt wurde.

Eugen Kogon hatte im Juli 1946, in der noch in Stockholm erscheinenden `Neuen Rundschau', geschrieben :

"Die Entwicklung ist heute, in einer dumpfen Atmosphäre der Ressentiments und Verdrängungen, schwer blockiert ... Ein Volk, das in luftkriegsgeschlagenen Städten allüberall die verkohlten Reste seiner Frauen und Kinder gesehen hatte, konnte durch die massierten Haufen nackter Leichen, die ihm aus den letzten Zeiten der Konzentrationslager vor Augen geführt wurden, nicht erschüttert werden, und es war nur allzu leicht geneigt, hartgeworden die toten Fremden und Verfemten mitleidloser anzusehen als das eigene im Phosphorregen und Granatsplitterhagel getötete Fleich und Blut ... Und dann kamen die befreiten KZ-Leute selbst! Es war nicht der Zug der Millionen stummer Toter ... Was das deutsche Volk zu sehen und zu spüren bekam, waren jüdische und östliche, vor allem polnische 'displaced persons', heimatlose Verstreute, wie die offizielle alliierte Propaganda sie nannte, und jeweils in einer Gegend einzelne, Dutzende oder ein paar hundert Deutsche (im Ganzen waren es höchstens 30 000). Die aus dem Osten nach Deutschland verschleppten Juden, Russen und Polen sahen nicht ein, warum sie noch weitere Monate in öden Lagern weiterhausen sollten. Daß sie dem deutschen Volke gegenüber nicht von den erhabensten Gefühlen beseelt waren, kann man hoffentlich begreifen; unter ihnen befanden sich Menschen, denen Deutsche buchstäblich die gesamte Verwandtschaft - ich kenne Fälle, wo es bis zu 70 und mehr Angehörige waren - ausgerottet hatten. Geboten wurde ihnen außer Wochen zermürbenden Wartens und Dosen amerikanischer Konserven meistens nichts. Merkwürdig, daß es da Leute gibt, die nicht verstehen können, wie es zu der nachfolgenden Entwicklung kam ... Die meisten befreiten KZ-Deutschen taten noch ein übriges, um die letzten Flämmchen vorhandener Sympathie zum Erlöschen zu bringen. Eine tüchtige Minderheit ging still den neuen Weg - enttäuscht von dieser Art 'besserer Welt', die im Entstehen begriffen sein sollte, und für die sie gekämpft und gelitten hatten. Sie schweigen, arbeiten und warten. Die Mehrheit hingegen hatte für das deutsche Volk nichts übrig als Klagen, Beschimpfungen und Ansprüche ... So ist es also gekommen, daß ich Leuten begegnen konnte, die kaltblütig meinten, es wäre wohl besser gewesen, wenn alle 'Kazettler' zugrundegegangen wären! Und daß kein vernünftiger Mensch mehr in Deutschland ohne spontane Abwehrreaktion - gegen uns bleibt, wenn er den berüchtigten Klang 'KZ' hört! Und daß zum seelischen Hindernis der inneren Erneuerung geworden ist, was der Anfang der Besinnung hätte sein können!"[63]

* * *

Am 31 Juli 1947 unterzeichnete Hans Kopfermann den 12-seitigen deutsch-englischen Fragebogen der Militärregierung (in der revidierten Version vom 1. Januar 1946)[64]. Fragen Nr.132. "Haben Sie jemals einen Fragebogen der Militärregierung ausgefüllt und eingereicht?" "Falls "Ja", Ort und Zeitpunkt angeben", beantwortete er mit "ja"; "Herbst 1945". Frage 133, "Sind Sie jemals auf Anordnung einer der Alliierten Regierungen oder der Militärbehörde irgendeines Postens enthoben oder an einer Berufsausübung oder Beschäftigung verhindert oder davon ausgeschlossen worden?" mit "nein".

Unter "Reisen oder Wohnsitz im Ausland" führte er auf: "Rockefellerstipendium bei Prof. Bohr in Kopenhagen 1932-1933, mehrere kürzere Aufenthalte (in Dänemark) zwecks wissenschaftlicher Forschung 1934-1937, Besprechung mit Prof. Casimir in Eindhofen (sic!) 1943". Unter der Rubrik "Einkommen Vermögen und Besitz" wurde nach Herkunft und Höhe des jährlichen Einkommens vom 1. Januar 1931 bis zur Gegenwart gefragt und Kopfermann schrieb für die jeweiligen Jahreszeilen "Bezahlt nach A 26 Stufe 2 cca 6600 RM", "o. Professur Kiel cca 10 000 RM", "o.Professur Göttingen cca. 13 000 RM". Die weiteren Fragen in dieser Rubrik betrafen eigenen oder naher Angehöriger Immobilienerwerb und -Besitz ("zwei Mietshäuser, erworben 1937 von meiner Schwiegermutter"), "Besitz, welcher anderen Personen aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen enteignet wurde" ("nein"), Verwaltung oder Treuhänderschaft für jüdischen Besitz ("nein").

Die lange Liste eventueller Mitgliedschaften (Fragen 41 bis 98) enhält lauter Antworten mit "nein" bis auf Nr. 41, NSDAP: "ja, 1941, Nr. 8869553" mit der Fußnote "kein Parteibuch"; Nr. 48, NSDoB: "ja, 1941, Nr. unbekannt"; Nr. 55, NSV: "ja, 1937, Nr. unbekannt". "Nein" im Besonderen auch für Nr. 58, Reichsbund Deutscher Technik, Nr. 60 NS-Lehrerbund, Nr. 69, Reichsdozentenschaft, Nr. 92, Reichsluftschutzbund. Auch die Fragen Nr. 99, "Sind sie jemals zu einem Schweigegebot für irgendeine Organisation verpflichtet worden?", Nr. 101, "Sind Sie mit Personen verwandt oder verschwägert, die jemals Amt, Rang oder maßgebliche Stellungen in einer der unter Nr. 41-95 angeführten Organisationen innehatten?" Nr.106, "Waren Sie Mitglied einer politischen Partei vor 1933?" wurden mit "nein" beantwortet.

Die Rubrik Beschäftigungsverhältnisse und Militärdienst seit dem 1. Januar 1934 enthält unter "Namen und Titel des unmittelbaren Dienstvorgesetzen oder höheren Offiziers: "Prof. Haber, Prof. Hertz". Die Frage Nr 30, "Waren Sie vom Militärdienst zurückgestellt?" wurde mit "ja" beantwortet, die nach den genaueren Umständen mit "UK-Stellung". Zur Frage 38, "Zum Tragen welcher militärischer Orden waren Sie berechtigt" schrieb Kopfermann: "Kriegsorden des ersten Weltkriegs".

In der Rubrik "Persönliche Angaben" wurde die Frage nach der Kirchenzugehörigkeit mit "evang." beantwortet, die darauffolgende (Nr.21), "Haben Sie je offiziell Ihre Verbindung mit einer Kirche aufgelöst?" mit "nein", und die weitere "Welche Religionszugehörigkeit haben Sie bei der Volkszählung 1939 angegeben?" mit "evang.". Zum Bildungsgang wurde auch gefragt (Nr.25) "Welchen Universitäts-Studentenburschenschaften haben Sie je angehört?". Kopfermann schrieb "keiner". Übrigens war der ("im Zweifelsfall maßgebliche") englische Titel der Rubrik "B. Secondary and Higher Education, der deutsche dagegen: "B. (Volks-) Grundschul- und höhere Bildung".

Kopfermanns Angaben wurden am Ende des Fragebogens bescheinigt durch "D. Otto Weber, o. Prof.". Otto Weber war bei der Wiedereröffnung der Universität einer der "Männer der ersten Stunde" gewesen und war Kopfermanns Nachbar in der Baurat Gerber Straße (Nr. 7).

Drei Erklärungen waren dem Fragebogen beigefügt. Wilhelm Walcher schrieb unter dem 21. Juli 1947 aus Marburg mit dem Briefkopf "Dozent Dr. Ing. W. Walcher":

"Seit 1935 bin ich sein engster Mitarbeiter. Die Einstellung und ablehnende Haltung von Prof. K. gegenüber dem NS-Regime ergibt sich aus den folgenden Einzelheiten, deren Richtigkeit ich an Eidesstatt versichere ... Er erzählte mir von vielen Gesprächen in diesem Kreis (der Kreis um Bohr in Kopenhagen K.S.) über das Dritte Reich, die eindeutig negativ waren. Unterhaltungen mit mir und seinen anderen Mitarbeitern ließen keinen Zweifel über seine ablehnende Haltung , die gerade durch die genannten Aufenthalte im Ausland starke Impulse erhielt. 2.) Prof. K. hatte während der ganzen Dauer des Dritten Reiches Bilder seiner jüdischen Lehrer Franck und Bohr auf seinem Schreibtisch stehen ... 5.) Es gab an der Universität Kiel Leute, die Prof. K. zum Rektor machen wollten. Er lehnte dies stets mit aller Entschiedenheit ab und äusserte sich dazu uns gegenüber: "Ich kann nicht öffentlich das Gegenteil von dem sagen, was ich denke" (Gemeint war, in öffentlichen Reden als Rektor.)... Ich selbst bin durch Urteil der Spruchkammer Marburg/Lahn (Stadt) als Entlastet in Gruppe V eingereiht.

Walcher erwähnte, daß Kopfermann gegen seinen Willen Dekan wurde, und nur unter Druck der Partei beigetreten sei, wie die Mitarbeiter darauf reagierten (s.o.), daß im Mitarbeiterkreis stets offene Kritik geübt wurde, daß er Kopfermann verdanke, daß er sich als Nicht-Pg 1942 habe habilitieren können., daß Kopfermann im "Kampf der sogenannten "Deutschen Physik" gegen die "Jüdische Physik" " eindeutig Stellung bezogen habe, daß er stets jüdische Autoren zitiert habe, und im Vowort der Kernmomente habe er Samuel Goudsmit besonders hervorgehoben. Schließlich, daß er sich, wenn auch ohne Erfolg, im Oktober 1944 für den Studenten Kamke eingesetzt habe.

Dipl. Phys. Detlef Kamke, Göttingen, Am Goldgraben 28, schrieb unter dem 24.7. 1947:

"Ich erkläre hiermit an Eidesstatt: Herrn Prof. Dr. Hans Kopfermann kenne ich seit Winter 1942/43. Trotzdem ich schon damals Herrn Prof. Kopfermann mitteilte, daß ich sog. jüd. Mischling ersten Grades bin, hat er sich meiner stets in fördernder Weise angenommen, und mich insbesondere im Frühjahr 1944 in seinem Institut zur Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit aufgenommen. Herr Prof. Kopfermann hat sich nicht nur allgemein für mich eingesetzt, sondern auch besonders im Oktober 1944, als ich von der Gestapo in ein Lager verbracht wurde. Er ging damals selbst zur Gestapo in Göttingen um meine Freistellung zu erreichen, und bemühte sich gleichzeitig auch über andere Reichsstellen für eine Freistellung. Dass seine Bemühungen nicht von Erfolg waren, lag an Entscheidungen des Reichs-Sicherheits-Hauptamtes. / Ich selbst werde auf Grund der im Oktober 1944 erfolgten Verbringung in ein Lager der Gestapo vom Göttinger Kreis-Sonder-Hilfs-Ausschuss unterstützt."

Die dritte Erklärung war die des Bankiers Ernst Benfey, der deportiert wurde und zurückgekehrt war:

"Mit Herrn Professor Dr. Hans Kopfermann bin ich seit dem Jahre 1921, anfangs bekannt, später sehr befreundet. In diesem Jahr kam Herr Kopfermann als junger Student nach Göttingen. Während der Händelfestspiele lernten wir uns näher kennen, sodass Herr Kopfermann uns besuchte und dann sehr oft mit seinen Freunden zum Musizieren zu uns kam. Nach bestandenem Examen verliess er 1924 Göttingen. Durch seine Verbindung mit den hiesigen Physikern kam Herr Kopfermann als junger Dozent häufig nach Göttingen und fand fast immer Zeit, uns aufzusuchen. Während seiner Besuche bei uns haben wir uns häufig über den aufkommenden Nationalsozialismus unterhalten, und ich konnte beobachten, dass in Herrn Kopfermann auch nicht die geringste Zuneigung zum Nationalsozialismus bestand. In den 30er Jahren freute ich mich, in Herrn Kopfermann einen ausgesprochenen Gegner des Nationalsozialismus zu finden. Im Jahre 1942 wurde Herr Kopfermann nach hier berufen, und er besuchte uns sofort mit seiner Frau. Während es ihm bis 1941 gelungen war, der Nazipartei fernzubleiben, konnte er sich später nicht dem auf ihn ausgeübten Druck, Pg. zu werden, entziehen. Trotzdem ich Herrn und Frau Kopfermann bei ihrer Übersiedlung nach hier auf die Gefahren aufmerksam machte, die ihnen durch den Verkehr mit mir entstehen könnten, hat unsere alte Freundschaft niemals unter den Zeitverhältnissen gelitten. Da wir dicht beieinander wohnen, trafen wir uns häufig auf unseren Wegen zur und aus der Stadt, und immer sind wir zusammen gegangen. Ich habe in Herrn Kopfermann einen ausgesprochenen Antifaschisten als treuen Freund gehabt und erkläre mich bereit, meine Aussage eidlich zu bekräftigen und vor jeder Person und Behörde als Zeuge zu wiederholen."

Der "Deutsche Entnazifizierungs-Ausschuß / German Denazification Panel" des Kreises Göttingen, Unterausschuß für den Lehrkörper der Universität gab unter dem 15. Oktober 1947 seine Stellungnahme / Opinion Sheet[65] ab. Das Formular sah drei Kategorien vor: "Keine Bedenken / No objection", "Nomineller Nazi-Unterstützer - für Beschäftigung empfohlen / Nominal Nazi supporter - recommended for employment, Eifriger Nazi-Unterstützer - für Entlassung empfohlen / Ardent Nazi - supporter - recommended for removal". Kopfermann wurde als "Nomineller Nazi-Unterstützer" betrachtet, mit der Bemerkung:

"NSDAP seit 1941, als völlig unpolitisch und grundanständig den Ausschuß-Mitgliedern bekannt, daher Einstufung in Kategorie V dringend empfohlen."

Die "Entnazifizierungsentscheidung im schriftlichen Verfahren" erging dann erst unter dem 30. Mai 1949 durch den "Entnazifizierungs-Hauptausschuss der Stadt Göttingen, nachdem die Rechtsgrundsätze der Entnazifizierung im Lande Niedersachsen am 3. 7. 1948 verordnet worden waren und vorher schon, am 30. 3. 1948 die "Verordnung zur Fortführung und zum Abschluß der Entnazifizierung im Lande Niedersachsen" ergangen war.

"Der Betroffene wird entlastet. / Kategorie V (fünf). / Die Kosten des Verfahrens werden auf 20.- DM festgesetzt. / Gründe: Der Betroffene ist o. Professor der Physik: von 1937-42 in Kiel, seitdem in Göttingen. / Mitglied der ev. - lutherischen Kirche. / Er hat sich bis zum Jahre 1941 der NSDAP und ihren Gliederungen ferngehalten, ist dann aber dem Druck des Rektors SS-Obergruppenführer Köhr (sic!) in Kiel erlegen und hat sich schweren Herzens der NSDAP und dem NS-Dozentenbund angeschlossen. Bereits seit 1937 in der NSV. Keine Ämter. / Schon diese Umstände sprechen für sich. Es liegen einige Zeugnisse achtbarer Männer vor, die die völlig nazifremde Gesinnung ausser Zweifel stellen. Der Betroffene hat sich offen als Gegner des Nationalsozialismus zu erkennen gegeben, er hat auch nach dem Erlaß d. Nürnberger Gesetze seinen Verkehr mit Mischlingen aufrecht erhalten und hat sich wenn auch ohne Erfolg um die Freilassung des von der Gestapo in einem Lager verbrachten halbjüdischen Studenten Detlef Kamke eingesetzt. Im Kampf zwischen der sog. "Deutschen Physik" und "Jüdischen Physik" hat er zu der Minderheit der jüdischen Physiker gehört und hat als Vertrauensmann den unwissenschaftlichen NS-Geist bekämpft. Zu seinen Schriften hat der Betroffene ganz unbekümmert um die Folge stets auch jüd. Autoren zitiert. Hauptausschuß hatte bereits am 20.4.48 auf Grund VO Nr. 79 der Mil. Reg. für die Entlastung gestimmt, das Votum wurde von der Mil. Reg. nicht mehr bestätigt, da die Entnazifizierung in zwischen in deutsche Hände übergegangen ist. Der Betroffene ist nunmehr ohne Bedenken nach §7 Rechtsgrundsatz-VO v. 3.7.1948 zu entlasten (Kategorie V)"[66]

Nach einer zweiwöchigen Einspruchsfrist wurde die Entscheidung dann am 22. Juni 1949 für rechtskräftig erklärt.

* * *

Rudolf Jaeckel wurde vom Kreisausschuss Clausthal-Zellerfeld mit dem 23.3.46 als 'Opfer des Faschismus' anerkannt, und unter dem 2.5.46 teilte ihm der Bürgermeister von St. Andreasberg - Standort der Firma Leybold, in der Jaeckel arbeitete - mit: "Sie sind vom Kreisausschuss für Entnazifizierung für den örtlichen Entnazifizierungsausschuss vorgeschlagen". Kollegen baten Rudolf Jaeckel um Entlastungszeugnisse. Zum Beispiel schrieb er für Kurt Philipp, erläuterte die eigene Qualifikation als anerkannter Verfolgter des Naziregimes und fuhr fort:

"sowie auf Grund meiner politischen Überzeugung als Mitglied der KPD halte ich mich zur Abgabe des folgenden Zeugnisses für berechtigt. Ich war von 1932 bis 1938 Assistent am Kaiser-Wilhelm Institut für Chemie, in Berlin Dahlem, dem auch Prof. Dr. Kurt Philipp angehörte. Das Institut befand sich bei der Machtübernahme durch Hitler in einer sehr gefährlichen Lage, da der Leiter des Instituts, Prof. Dr. O. Hahn auf einer Gastreise in USA weilte und das Institut von der jüdischen Direktorin Prof. Dr. L. Meitner geführt wurde. Das Nachbarinstitut des jüdischen Prof. Dr. Haber wurde auch sehr bald ein Opfer der nationalsozialistischen Umtriebe. Wenn es demgegenüber gelang, unser Institut über diese kritische Zeit hinwegzubringen, so ist das hauptsächlich das Verdienst von Prof. Philipp. Er hat sich jederzeit in sehr geschickter Weise schützend vor unsere jüdische Direktorin und andere gefährdete Personen, wie mich selbst gestellt. und zwar unter erheblicher persönlicher Gefährdung. Dies war allerdings nur dadurch möglich, daß er selbst trotz seiner Abneigung gegen den Nazismus in die NSBO, die Vorläuferin der Arbeitsfront eintrat. Durch diesen Schritt wurde er dann später 1937 sehr zu seinem Leidwesen automatisch in die Partei aufgenommen. Aber er hat dieses Opfer gebracht, um das Institut und seine gefährdeten Angehörigen zu decken, was ihm sonst auf keinen Fall möglich gewesen wäre. Wie kritisch die Situationen damals waren, kann nur der beurteilen, der sie selbst, wie ich, miterlebt hat. So gehörten der Abteilung von Prof. Hess in unserem Insitut überzeugte Nationalsozialisten an, die die Methode von Prof. Philipp, unter Ausnutzung seiner Zugehörigkeit zu einer Gliederung der Partei gegen den Nationalsozialismus zu arbeiten, zum Teil durchschauten und dauernd auf eine Gelegenheit warteten, ihm dies nachzuweisen um ihn dann hochgehen zu lassen. So hat Prof. Philipp auch weiterhin jede Gelegenheit ausgenutzt, um politisch oder rassisch gefährdete Personen zu decken, zu verstecken und ihnen Nachrichten zukommen zu lassen, was natürlich unter dem Naziterror für ihn selbst äußerst gefährlich war. Man kann also sagen, daß, wenn jeder Deutsche so entschieden gegen den Nationalsozialismus gearbeitet hätte, wie Prof. Philipp, viele Greuel des Nationalsozialismus verhindert worden wären. Verständlich ist Prof. Philipps Handlungsweise nur aus seiner politisch ausgesprochen antinationalsozialistischen Einstellung".

Aus den Dokumenten geht hervor, daß Jaeckel auch dem Firmenchef Manfred Dunkel (geb. 1898), vermutlich schon in der ersten Entnazifizierungsphase[67] als Enlastungszeuge gedient hatte:

"Als ich mich mangels Aufstiegsmöglichkeiten im Jahr 1938 entschloß, meine Assistentenstelle im Kaiser Wilhelm Institut für Chemie in Berlin gegen eine Industriestellung zu vertauschen, hatte Herr Dr. Dunkel, obgleich ihm meine Situation bekannt war, im Gegensatz zu vielen anderen Industrieführern den Mut, mir eine verantwortliche Position in seiner Firma einzuräumen. Bei den zahlreichen Angriffen, die in der Folgezeit von Parteistellen gegen meine Position in der Firma erfolgten, hat Herr Dr. Dunkel mich stets energisch und mit gutem Erfolg verteidigt. Ja, er ging sogar soweit, mich bei den Verfolgungen, denen meine jüdische Großmutter ausgesetzt war, nicht nur zu beraten, sondern mich sogar durch Aushändigung von schriftlichen Unterlagen über die Bedeutung meiner Tätigkeit so weit zu unterstützen, daß ich nunmehr selber in der Lage war, energisch für meine Großmutter einzutreten, mit dem Erfolg, daß ich sie durch die Verfolgungen der Nazizeit retten konnte und sie heute noch in meinem Hause lebt. Als man schließlich im Herbst 1944 von Parteistellen versuchte, mich in ein Zwangsarbeitslager zu verschleppen, war es wieder dem entschiedenen Eingreifen von Dr. Dunkel zu verdanken, daß dies verhindert wurde. Ich selbst bin, abgesehen von meiner Abstammung, aus politischer Überzeugung ein entschiedener Antifaschist. Ich habe aus zahlreichen Gesprächen den Eindruck gewonnen, daß auch Herr Dr. Dunkel seiner Überzeugung nach kein Nationalsozialist ist.