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Im Zeichen des 'Atomzeitalters'

Am 9. März 1945 wurde Tokyo von 279 B29 Bombern angegriffen. 130 000 Tote waren zu beklagen und ein Viertel der Stadt lag in Trümmern. Noch einmal wurden im Juli 30 000 t. Bomben auf die japanische Großstadt abgeworfen. War es bei diesem Zerstörungspotential noch nötig, A-Bomben auf Japan zu werfen? Auf jeden Fall machten sich die Konstrukteure in Los Alamos nicht nur Gedanken. Leo Szilard riet ab und redigierte ein Memorandum für den Präsidenten: Rußland werde 1950 die Bombe haben und Interkontinentalraketen würden sie tragen können. Man müsse Verträge machen und das Wettrüsten vermeiden. Szilard hatte für den 8. Mai einen Termin mit der First Lady, der durch Roosevelts Tod hinfällig wurde.

In Los Alamos hatte es von Anfang an mit Unterstützung durch Robert Oppenheimer Bestrebungen der Militärs (Leslie Groves) gegeben, die Kollegen militärisch zu organisieren. Angesichts des begründeten Widerstands auf Seiten der Wissenschaftler kam es zu einem Kompromiß, der schwerwiegende Folgen haben sollte: man hatte sich darauf geeinigt, in der Endphase von kollegialen Entscheidungen Abstand zu nehmen. Am 12. April starb Roosevelt und am 25. April wurde Harry Truman in das Bombengeheimnis eingeweiht. Der berief am 2. Mai ein Beraterkomitee aus Wissenschaftlern und Militärs. In Chicago formierte sich mit Leo Szilard und anderen unter dem Vorsitz von James Franck ein Komittee zu den sozialen und politischen Folgen der Bomben, das im sogenannten Franck-Report, der dem Kriegsminister (Stimson) unter dem 11. Juni zuging, vom Abwurf der Bombe abriet. Auf Weisung von George Harrison wurden daraufhin am 15. Juni Oppenheimer, Fermi, Lawrence und Compton beauftragt, ein Gutachten über eine öffentliche Demonstration der Bombe herzustellen, das negativ ausfiel: "We see no acceptable alternative to direct military use". Arthur Compton hatte am 12. Juli eine (zufällige) Auswahl von 140 Wissenschaftlern (etwa die Hälfte) des 'Metallurgical Laboratory' in Chicago" auf freiwilliger Basis informell, einzeln, geheim und ohne Vorbereitung über 5 Modalitäten abstimmen lassen: 1. voller militärischer Einsatz, 2. militärische 'Demonstration' in Japan plus Ultimatum, 3. Demonstration in USA mit japanischen Beobachtern plus Ultimatum, 4. Keine militärische Verwendung, auch kein Ultimatum, nur Demonstration, 5. Bestmögliche Geheimhaltung und keine Verwendung in diesem Krieg. Die Prozentzahlen (15, 46, 26, 11, 2 (3 Stimmen)) favorisierten die Entscheidungen, die dann auch getroffen wurden. Am 16. Juli, rechtzeitig zur Potsdamer Konferenz, explodierte die erste Bombe im geheimen Test in Alamogordo. Leo Szilard versuchte sofort und gegen den Widerstand Oppenheimers eine Petition zu Stande zu bringen und sammelte die Unterschriften von 69 Kollegen aus der Bombenentwicklung. Die Eingabe wurde verzögert und kam zu spät; am 24. Juli unterrichtete Truman Stalin über den gelungenen Test und befahl dem Luftkommando im Pazifik, sich bereit zu halten. Der Sprengstoff der Hiroshima-Bombe war Uran, der der Nagasaki-Bombe Plutonium.

Man hat zugespitzt geschrieben, daß der Wechsel von Roosevelt zu Truman der Übergang war "von einem Mann, der mit Stalin ein Bündnis schloß, zu dem, der ihm den (kalten) Krieg erklärte"[1]. Der Abwurf der Atombomben wurde offiziell damit begründet, daß eine Invasion Japans unzählige Menschenleben gekostet hätte. Patrick Blackett hat schon 1949 festgestellt, daß es wohl eher darum ging, sowjetische Pläne zu durchkreuzen und deshalb die japanische Kapitulation möglichst zu beschleunigen[2]. Eine Invasion war zu dem Zeitpunkt, als die Entscheidung für die Bombe fiel, schon nicht mehr in Aussicht genommen. Die Verhandlungen der Potsdamer Konferenz wurden 1960 veröffentlicht[3]. Sie lassen erkennen, daß Stalin am 17. Juli das (in Yalta versprochene) Eingreifen der Sowjetunion in den Krieg ankündigte und am 25 Juli bestätigte. Stalin versuchte fortan, die japanische Kapitulation hinauszuzögern, Truman aber wollte um jeden Preis eine sowjetische Beteiligung an der Besatzung Japans verhindern. Was ihm auch gelang, aber zu weltweiter Verständigung nicht beitragen konnte. Gegenseitiges Mißtrauen der Bündnispartner hatte es immer gegeben, jetzt begann der kalte Krieg und gewann bald nach dem Waffenstillstand Schritt für Schritt an Intensität. Vor allem in der Deutschlandpolitik.

Nicht wenige der ins Rampenlicht gerückten Wissenschaftler und Techniker sahen in den politischen Fragen, die mit der Kernenergie aufkamen, eine Herausforderung. Viele gaben, dem technischen Fortschritt huldigend, Plänen zur weltweiten, friedlichen Energiegewinnung eine große Zukunft, und verbanden damit die Hoffnung auf Ächtung oder wenigstens auf eine Non-Proliferation-Übereinkunft für Kernwaffen. Maßgeblich vertrat Niels Bohr eine solche Haltung. Unter Politikern wie Nichtpolitikern war die Erwartung verbreitet, daß eine Kontrolle der Nuklearwaffen zu dauerhaften Formen internationaler Zusammenarbeit führen würde. Im Januar 1946 wurde dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Atomkommission zugeordnet. Die Gründung des nationalen Atomic Energy Comittees (AEC) ging nicht ohne Widerspruch über die Bühne. Aber es zeigte sich, daß diplomatische Pläne zur internationalen Aufsicht (vertreten durch Bernard M. Baruch, US-Vertreter in der UN-Atomkommission, auch durch David E. Lilienthal, Vorsitzender der US-Atomkomission, Dean G. Acheson, Staatsekretär und später Außenminister) zum Scheitern verurteilt waren.

Schon am 16/17. November 1945 hatte sich in Chicago die 'Federation of Atomic Scientists' (FAS) gegründet, der mehr als 90% aller Bombenforscher beitraten. Das Bulletin of the Atomic Scientists, Herausgeber Eugen Rabinovitch, wurde das Organ der Förderation, die Mitte 1946 2000 Mitglieder zählte. Wenig später wurde eine 'Association of Scientists for Atomic Education' (ASAE) gebildet. Am 10. Dezember schlossen sich anläßlich eines Gala-Dinners in New York zu Ehren von Albert Einstein eine Reihe von Wissenschaftlern, unter ihnnen Urey, Bethe, Hecht, Hogness, Morse, Pauling, Szilard und Weisskopf zu einem 'Emergency Council of Atomic Scientists' (ECAS) zusammen. Einstein verlaß einen Apell gegen Nuklearwaffen und für eine Weltregierung. Noch im September 47 schlug er in einem offenen Brief vor, die UN-Vollversammlung in ein Welt-Parlament umzugestalten, dessen Delegierte direkt gewählt wären, das über dem Sicherheitsrat stünde und nicht wie dieser den 'Weltmächten' Sonderrechte einräume. Vier russische Kollegen, Sergei Wawilow, A.N. Frumkin, Abraham Joffe, N.N. Semjonow schrieben an die New York Times, 'Weltregierung' sei ein Schlagwort, das den Imperialisten gelegen käme, sei im Gedankenkreis des Monopolkapitalismus auch gar nicht neu und die Behauptung Spaaks, des belgischen UN-Delegierten, staatliche Souveränität sei eine veraltete Idee, sei grundfalsch. Direkte Wahlen wären eine Farce, in den USA seien nur 39 % der Stimmberechtigten zur Wahl gegangen und Millionen Schwarze in den Südstaaten seien praktisch ihrer Rechte beraubt. Einstein schrieb zurück, er sei dankbar für die deutliche Aussprache, er teile auch die Ansicht, daß eine sozialistische Wirtschaftsordnung Vorteile habe, und der Kapitalimus, die freie Marktwirtschaft, würden mit der Arbeitslosenproblematik zwangsläufig an Grenzen stoßen. Aber wenn man alle sozialen und politischen Übel auf den Kapitalismus schiebe, führe daß zu unerträglicher Intoleranz. Jede Form von Regierung sei gefährlich und offensichtlich sei die Gefahr der Tyrannei dort größer, wo der Staat über das gesamte Bildungswesen ebenso unmittelbar wie über die Wirtschaft verfüge. Hinter der Agressivität gegen die nicht sozialistischen Länder verberge sich eine defensive Geisteshaltung, die leicht in gefährliche Isolation führe.

Wissenschaftler und nicht zuletzt Robert Oppenheimer[4] brachten immer wieder Verständigungswillen zum Ausdruck. Die Widersprüchlichkeiten, die mit diesen Äußerungen einhergingen, waren nicht zu übersehen. Sie wurden 1946 besonders deutlich, als eine Demonstrationsexplosion über dem Bikiniatoll veranstaltet wurde. Die hatte für einige Menschen (ursprünglich 167 umgesiedelte Einwohner) schlimme Folgen[5], schuf im übrigen Bademode und signalisierte den Beginn eines 'Expertentourismus' zur Testregion im Pazifik, welcher der (relativen) Einigkeit von Wissenschaftlern in Sachen Kernwaffen auch öffentlich ein Ende machte. Es kam zur Bildung zweier Lager: die einen lehnten die Kollaboration in militärischen Fragen (zum Teil nur bis auf weiteres) ab, die anderen meinten, kollaborieren zu müssen.

Die öffentliche Diskussion pflanzte sich in den Wahlkampf 1948 fort. Harry Truman wurden geringe Chancen eingeräumt. In der eigenen Partei hatten sich Südstaatler in Sachen Bürgerrechte gegen ihn gestellt und Henry Wallace, sein Vorgänger als Vizepräsident unter Roosevelt, konkurrierte als Kandidat der Linken in der neuen Progressive Party. Aber Truman (23,6 Millionen Stimmen) gewann die Wahl vor dem Republikaner Thomas Dewey. Wallace erhielt nur 1 Million Wählerstimmen. Nach der Wiederwahl tendierte die Administration Truman noch stärker dazu, die SU militärisch in Schach zu halten und setzte die innere Opposition nach Kräften unter Druck[6]. Immerhin erreichte die Union of World Federalists (UWF) 1948/49 bis zu 50 000 Mitglieder. Das Emergency Council hatte sich 1949 überlebt, mit dem Koreakrieg 1950 löste es sich auf. Die Restgelder, die Einstein und Szilard zunächst den Quäkern zugedacht hatten, gingen schließlich an das Bulletin of Atomic Scientists. Dort konstatierte Eugene Rabinovitch im Januar 1951 die Spaltung in zwei unversöhnliche Lager. Seit 1950 pestete Senator Joseph McCarthy gegen die UWF.[7]

Am 30. Juli 1947 hatte Rudolf Ladenburg aus Estes Park/Colorado an Max Laue geschrieben:

"Lieber Laue, sehr vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 27. Juni, der mich, wie Sie richtig vermuteten, nicht in Princeton, sondern hier oben in den hohen Rockies erreichte, wo wir unsere Sommerferien wieder verbringen, um der fast unerträglichen Gluthitze in Princeton zu entgehen. Wir leben hier in über 2400 m Höhe zusammen mit dem Mathematiker Reinhold Baer und dessen Familie (früher in Halle, jetzt an der University of Illinois in Urbana tätig) in einem wunderbar gelegenen Häuschen mit weitem Blick über bewaldete Täler und blühende Wiesen auf die 14000 Fuß hohen Berge, der Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik. Den beigelegten Brief von W. Meissner vom 22.6. habe ich mit großem Interesse gelesen und werde ihn an Goudsmit zu dessen Orientierung weitersenden (Übrigens erwähnt Meissner einen Brief vom 8.6. an Sie, den ich auch lesen dürfte: haben Sie ihn zur Hand?). Ich verstehe allerdings immer noch nicht, wie und unter welcher Autorität die sogenannten Entnazifizierungsgerichte arbeiten. Hier wird behauptet, daß es deutsche Gerichte sind. Meissner aber schreibt, daß die 'Militärregierung', also die amerikanische entscheidet. Und Otto Hahns Artikel in der Göttinger Universitätszeitung bringt die Entlassung deutscher Professoren mit dem amerikanischen Angebot, Professoren nach USA einzuladen, in Zusammenhang. Wissen Sie von Kollegen, die erst entlassen und nun nach USA abgereist sind? Ich weiß nur, daß Westphal in USA ist und daß Joos hierher Anfang Juli abgereist ist (er wird sich wohl bei mir melden, da ich in letzter Zeit viel mit ihm korrespondierte). Westphal war, soweit ich weiß, nie abgesetzt und Joos ist nach kurzer Zeit wieder eingesetzt worden. In seinem Fall war die Absetzung, wie ich gehört habe, durch eine (unentschuldbare) Namensverwechslung verursacht. Bitte zeigen Sie dies auch Otto Hahn als Antwort auf seinen kürzlichen Brief an mich. Meine Korrespondenz mit deutschen Kollegen und anderen Freunden und entfernteren Verwandten (die alle Lebensmittel- und andere Sorgen haben oder sich für Pakete bedanken) ist allmählich so angewachsen, daß ich selbst hier in der Ferienmuße nur einen Teil beantworten kann. Zur Zeit lese ich Ihre schöne und äußerst interessante Geschichte der Physik und lerne viel daraus... Ferner las ich kürzlich eingehend das Bulletin of Atomic Scientists, das alle Monate erscheint, zu dessen Studium ich aber in Princeton nicht komme. Die Juni- und Julinummer finde ich so interessant, daß ich mir extra Kopien bestellt habe und versuchen will, sie Ihnen zu schicken, damit Sie und die interessierten Kollegen sehen, wie wir uns hier bemühen, die eventuellen furchtbaren Folgen der Konstruktion der Atombombe zu verhüten. Wenn unser Wunsch einer supranationalen Weltregierung in Erfüllung geht, bevor es zu einem Krieg mit Atombomben kommt, dann wäre der angerichtete Schaden wiedergutgemacht - wenn aber nicht, was bleibt dann noch von der Menschheit übrig? Lassen Sie mich bitte wissen, ob die beiden Nummern des Bulletin zu Ihnen gelangen, es wird freilich September oder Oktober werden, ehe Sie die weite Reise geschafft haben. Indessen ist es der fünfte August geworden und wir haben mehrere Bergspaziergänge gemacht, zusammen mit Dr. Riezler (früher Kurator in Frankfurt/Main, und vorher lange Zeit im auswärtigen Amt, zuletzt mit und nach Mirbach in Petersburg, jetzt Professor für Philosophie in New York) und dessen Frau (Tochter von Max Liebermann, die ich vor vielen Jahren gut kannte). Dr. R. glaubt nicht, daß es mit Rußland zu einer Einigung über eine "Weltregierung" kommen könne, solange nicht ein anderes Regime in Rußland zur Herrschaft gelangt; wie aber ein Atomkrieg vermieden werden kann, sehe ich nicht. Gestern erreichte mich hier Ihr inhaltsreicher Brief vom 16./13. Juli (zugleich mit einer Ansichtskarte vom Palü, die Weyls am 12 Juni in Pontresina geschrieben hatten, sie sind z.Z. bei oder in Stuttgart, ihren jüngeren Sohn zu besuchen, der bei der Besatzungsbehörde die Bibliotheken betreut). - So rasch geht die Post aus Deutschland! Ihre Geschichte der Physik habe ich von Einstein bekommen, das Exemplar trägt Ihre handgeschriebene Widmung und war zu Einstein per Post gelangt (vielleicht aus Versehen?). Mir fiel übrigens auf, daß Sie schreiben, Millikans e-Bestimmung sei 1930 gewesen (S.121) Meiner Erinnerung nach ist sie viel älter! und die Loschmidtsche Zahl (die in USA fälschlich Avogadrosche Zahl heißt) ist doch 6.023 und nicht 6.097. Zuckmayers Drama "Des Teufels General" habe ich noch nicht gelesen, werde es mir aber beschaffen, und Allen Welsh Dulles Germanys Unterground werden Ich Ihnen eventuell über die Adresse von Fraser schicken. Die 1. Sendung Separata ist Anfang Juli an die Adresse des Chief of the Scientific Branch FIAT c/o EUCOM APO 157 Postmaster New York abgegangen, der in Frankfurt stationiert ist, mit der Bitte, sie an die verschiedenen physikalischen Institute zu verteilen - sagen sie Kopfermann, er soll mich wissen lassen, wenn sie ankommen. Übrigens habe ich von ihm immer noch nichts gehört, obwohl er einen langen Brief und mehrere Pakete von mir erhalten haben muß. Die Verurteilung von Johannes Stark habe ich eben hier in einer deutschen Emigrantenzeitung gelesen (in der auch steht, daß der Vater Weizsäckers verhaftet wurde, da er die Verschickung von 6000 französischen Juden in eine deutsche Vergasungsanstalt mit unterzeichnet hat) "Vier Jahre Zwangsarbeit" ist freilich eine zu harte Strafe für ihn, aber dazu wird es wohl doch nicht kommen... Wie schön es hier ist und wie wir unseren Ferienaufenthalt genießen, mag ich Ihnen garnicht sagen, um Ihre Sehnsucht in die hohen Berge nicht noch zu steigern. Hoffentlich sind Sie inzwischen wenigstens nach Tailfingen gelangt und haben dort einen recht schönen und erfrischenden Sommer. Übrigens bekam ich kürzlich einen Brief von Mattauch, der zur Nachkur in einem Sanatorium bei Zürich ist und Ende August nach Tailfingen zurück will. Also hat die Kur in der Schweiz vohl wirklich ihren Zweck erfüllt. Hoffentlich bleibt er gesund. ... Genug für heute. Viele herzliche Grüße und Wünsche Ihnen, Ihrer lieben Frau und allen guten Bekannten. PS. In einer Druckschrift von CARE steht, daß sie monatlich etwa 200 000 Pakete verschicken, natürlich nicht nur nach Deutschland, sondern in 13 europäische Länder, neuerdings auch nach England, da die Rationen auch dort unzureichend sind - es herrscht wirklich in ganz Europa ein schreckliches Elend.[8]

Zwei Jahre nach Kriegsende herrschte hier, im Briefwechsel unter Freunden, ein herzlicher Ton.[9] Die Aufmerksamkeit galt der Not in Europa und der der alten Kollegen, und sie galt - sehr zurückhaltend, und fast allzu versöhnlich - den Verfahren gegen die ehemaligen Funktionsträger im Bekanntenkreis. Die Atombombe hatte für Rudolf Ladenburg, wie für viele, immense politische Bedeutung. Er sprach vom angerichteten Schaden und verband den Gedanken 'wiedergutzumachen', wie andere auch, mit der Vorstellung von zwingenden politischen Veränderungen. Die Situation, zu der die Bombe geführt hatte, schien ihm mit uneingeschränkter nationaler Souveränität schlechterdings nicht mehr zu vereinbaren.

Ebenso grandiose wie - bei den jeweiligen Gegebenheiten - illusionäre Vorstellungen von einer neuen Weltordnung haben ihre Konjunkturen. Hegemoniale Ansprüche ebenfalls. Vor dem Hintergrund des weltweiten Krieges, angesichts der neuen internationalen Institutionen, UN, Weltsicherheitsrat usw., war Weltordnungsdenken an der Tagesordnung. Für die mit neuem Prestige bedachten Wissenschaftler und Techniker, wie für Ladenburg und seine Freunde, war das Weltordnungdenken mit der Bombenentwicklung, mit der Vorstellung vom 'Atomzeitalter' verbunden. Es mochte scheinen, als ließe sich ein ideales Instrument hegemonialer Interessen in ein Hilfsmittel gegen eben diese Interessen verwandeln. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte des technischen Fortschritts. Motivierend wirken konnte auch die Entlastungsfunktion, die solche Gedanken für nicht wenige 'Bombenbauer' erfüllten, allerdings auch nicht mehr als auf der Gegenseite patriotisch-nationale Überzeugungen.

Wenn Riezler zum Ausdruck brachte, daß mit dem Stalin-Regime keine Pläne für eine Weltregierung zu machen seien, so hatte er vermutlich weniger die diplomatische Ebene im Auge als die in weiten Kreisen als bedrohlich empfundene Unvereinbarkeit von sowjetischen Verhältnissen mit westlicher Demokratie. Die Unvereinbarkeit hatte allerdings zwei Seiten, einerseits bezog sie sich auf ein Ideal und auf legitime, unverzichtbare Freiheiten, andererseits darauf , daß sich westliche Regierungen auch die Freiheit zu Unterdrückung und Kolonialherrschaft nahmen. Die Bedrohung ihrer Freiheiten wog für viele schwerer als die eines Wettlaufs in der Atomrüstung. Mit Besorgnis wurde zur Kenntnis genommen, daß in der Mandschurei nach dem Rückzug der sowjetischen Besatzung Kommunisten zur Macht gekommen waren, und im chinesischen Bürgerkrieg versuchten die USA noch bis August 1949 mit wechselndem Erfolg der Regierung Chiang Kai-Shek die Macht zu sichern. Unter solchen Umständen lag es näher, keine partnerschaftlichen Risiken mehr einzugehen und in keiner Weise die nationale Souveränität in Frage zu stellen.

'Weltregierungsmodelle' wurden auch in Deutschland diskutiert: Im 1947 in Baden-Baden erschienenen 'Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken' schrieb der englische Autor Lionel Curtis:

"Wenn aber Amerika sich mit Europa und den britischen Demokratien zu einer internationalen Union zusammenschließt, wird der Krieg in der Tat der Vergangenheit angehören. In nicht allzulanger Zeit wird eine solche Union dann alle Länder der Erde umfassen, und die so dringend erforderte Weltregierung wird da sein... Das deutsche Problem - oder das Problem der Sicherung des Weltfriedens - ist unlösbar, solange das deutsche Volk die Kunst des verantwortlichen Regierens nicht erlernt, auf die es sich jedenfalls in der Vergangenheit noch niemals verstanden hat... In einer Union, wie ich sie skizziert habe, würden sich die deutschen Staaten zwischen Nationen wie Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark Norwegen und England eingespannt finden. In ein solches Gefüge konkret eingegliedert, würden sie sich die politischen Gewohnheiten ihrer Nachbarn in kurzer Frist aneignen. Und sie würden ebenso lernen, diese Lehre auf die Regelung ihrer inneren und sozialen Angelegenheiten anzuwenden."[10]

Dem hielt Karl (d.i. Carlo KS) Schmid, Literat und prominenter SPD-Politiker im französisch besetzten Süd-Württemberg-Hohenzollern an gleicher Stelle entgegen, daß man die deutsche Integration nicht auf die bestehenden Länder beschränken dürfe, weil man damit die ökonomische Einheit zereißen würde, die ein Gleichgewichtsfaktor sei, und daß im übrigen die Deutschen sich 'in allem, was man kommunale und administrative Demokratie nennen könnte' ruhig dem Vergleich stellen könnten, und die praktische Unterweisung in der Kunst der Demokratie im Bereich des 'gouverner' sie nicht zu kränken brauche, sie hätten es da schwerer gehabt als die meisten anderen. Schmid sah in einer europäischen Union, die als 'ein dritter Partner' friedenstabilisierend wirken könne, eine besondere Chance für die Deutschen:

"Man braucht kein Marxist zu sein, um zu wissen, daß politische Konstruktionen eines adäquaten ökonomischen Unterbaues bedürfen, um haltbar zu sein. Keine europäische Union wird heute im Zeitalter der geschlossenen Nationalwirtschaften (das durch bloßen Abscheu vor seinen Auswirkungen nicht zu überwinden ist) Aussicht auf Zustandekommen oder gar Bestand haben, wenn nicht schon in ihrem Gründungsplan die völlige Internationalisierung der Kontrolle über die Erzeugungskapazität der Schlüsselindustrieen und der Produktionsstätten der Grundstoffe vorgesehen wird, als da sind, Kohle, Eisen, elektrische Energie, Transportwesen und, last not least, Landwirtschaft und Ernährung.... und es ist dringend notwendig, daß einer von ihnen durch freiwilligen Verzicht auf gewisse ökonomische Souveränitätsrechte den Anfang macht. Mir scheint, daß das deutsche Volk hier in besonderem Sinne eine Aufgabe wahrzunehmen hätte, weil ihm, als dem ärmsten und zerschlagensten, solcher Verzicht am leichtesten fallen muß..."

* * *

Der kalte Krieg entsprach den Erwartungen in Kreisen derer, die sich seinerzeit auf den 'Karthagofrieden' in Deutschland vorbereitet hatten. Maßgebliche deutsche Industrielle hatten angenommen, sich mit den westlichen Alliierten arrangieren zu können, während hinsichtlich der Sowjets wohl die wenigsten solche Vorstellungen hegten. Entsprechend lagerten Firmen wie Siemens und andere ihre Betriebe, was das Zeug hielt, nach Westen aus. Heinrich Buol, Manager bei Siemens-Halske, hatte am 2. Februar 45 die Devise ausgegeben: "in der Übergangszeit durchhalten, den Wiederaufbau in der Zukunft vorbereiten". Und Hugo Stinnes hatte am 21. März seinem amerikanischen Befrager gegenüber "die größte Sorge, daß Engländer und Amerikaner zu große Zugeständnisse an die Russen machen"[11]. Es kann kaum verwundern, daß in diesen Kreisen der 'Kampf gegen den Bolschewismus' mit dem Krieg nicht endete. Umso größer war die Enttäuschung über das 'Unverständnis' von Seiten der kapitalistischen Länder nach dem Potsdamer Abkommen, über die britische Besetzung der Ruhrzechen, über die Verhaftungen im September und nochmal im Dezember 1945.

Eine alles in allem nur kurze Enttäuschung. Auf alliierter Seite hatte man die Schwierigkeiten, mit denen Nachkriegsdeutschland konfrontiert sein würde, in erster Linie Versorgungsschwierigkeiten, unterschätzt, Warnungen in den Wind geschlagen: 10 Millionen 'DP's' (Displaced persons) warteten darauf, in ihre Heimat oder sonst wohin gebracht zu werden, die Zahl der Kriegsgefangenen an der Westfront war mit 7,6 Millionen sehr viel höher gewesen, als vorhergesehen[12], und bald waren außerdem 8 Millionen Flüchtlinge, vor allem in der englischen und amerikanischen Zone unterzubringen und zu ernähren. Dazu kamen schließlich der kalte Winter 46/47 in England und eine ökonomische Notlage, in der das zunehmende Defizit der Besatzungszone für die Briten allein untragbar wurde. Die Frage, wie und von wem über das Kohlerevier verfügt werden sollte, also die 'Ruhrfrage', drängte auch unter diesem Aspekt nach einer Entscheidung.

Hinsichtlich der Wirtschaft in Deutschland mischten sich von vornherein die Versorgungs- und Verwaltungsnotwendigkeiten mit den verschiedensten Reparations- und Wirtschaftsinteressen der Alliierten. Lucius Clay, der amerikanische Militärgouverneur, meinte zur grundlegenden Direktive für den Oberkommandierenden, JCS 1067, sie sei in wirtschaftlicher Hinsicht "wohl von Idioten gemacht". Er war es, der am 5. Mai 1946 als Vize-Gouverneur in eigener Verantwortung die Reparationslieferungen aus der US-Zone an die SU einstellen ließ. Fortan galt:

"Es gehörte zur westlichen Ideologie des kalten Krieges, die Entschiedenheit, mit der die Sowjetunion die Priorität der Reparationen verfocht, moralisierend anzugreifen".[13]

Clay gehörte zu denen, die unter den gegebenen Umständen sehr schnell von der Kollektivschuldthese zur 'Kollektivunschuldthese' umschwenkten[14].

Schon am 22. Februar 1946 hatte George Kennan, Botschafter in Moskau, in einem nachmalig berühmten 'langen Telegramm' an das State Department seiner Ansicht Ausdruck gegeben, daß die Sowjetunion nur äußerlich zu Kompromissen bereit und ein modus vivendi mit ihr nicht zu finden sei. Kennan wurde im April nach Washington versetzt und avancierte Anfang 1947 zum Leiter des Planungsstabs im Außenministerium.

Vor allem die Londoner Labour-Regierung begegnete den Sowjets mehr und mehr mit Mißtrauen und schien auf die Linie von Ex-Premier Winston Churchill einzuschwenken, der schon im Krieg und seither bei jeder Gelegenheit "die russische Gefahr" beschwor. Angesichts Moskau's rüder Einflußnahme in Polen, in der Tschechoslowakei und in Rumänien (von den etwas anders gelagerten Fällen Ungarns oder Bulgariens einmal abgesehen und von den baltischen Ländern, der Ukraine usw. ganz zu schweigen) mußten sich jedem Demokraten die Haare sträuben. Brachte jeder Demokrat auch jene Einsicht in die Interessen (und die Befürchtungen) der sowjetischen Machthaber auf, die mäßigt und verhindert, daß schlimme Zustände noch schlimmer werden? Im April 1946 stand für Außenminister Ernest Bevin fest: "die Russen haben sich zu einer aggressiven Politik entschlossen". Interessierte deutsche Kreise stießen in das gleiche Horn: der ehemalige Reichsminister und Osthilfe-Kommissar im Kabinett Brüning und jetzige Leiter des Zentralamts für Ernährung und Landwirtschaft in der britischen Zone, Hans Schlange-Schoeningen, sprach Anfang Mai in einem geheimen Memorandum an die Militärregierung von der Notwendigkeit eines Blocks gegen die Russen. Doch zu gleicher Zeit reiste der hessische Wirtschaftsminister Rudolf Müller nach Thüringen und kam mit dem Eindruck zurück, daß man drüben mehr Angst vor der westlichen Demokratie habe, als im Westen Angst vor dem Kommunismus, weshalb:

"jede Reise dorthin einer Missionsreise gleichzustellen ist. Was dort entschieden wird, entscheidet auch unsere Verhältnisse hier und darüber hinaus im weiteren bis zum ferneren Westen. Wenn wir uns nicht jetzt darauf besinnen, daß wir in der Ostzone uns gegen den Einparteienstaat wenden müssen und auch wenden können, dann ist uns politisch nicht mehr zu helfen."

Aber es scheint, als sei diese unabhängige Meinung unter anderem an einer im größeren Rahmen verabredeten Abgrenzungspolitik gescheitert. Mit der damaligen, von Konrad Adenauer bis Kurt Schumacher vertretenen, 'Ostpolitik' war uns, in Müllers Worten, nicht mehr zu helfen. Der Einparteienstaat wurde durchgesetzt, die Trennung wurde vertieft, in erster Linie zu Ungunsten der Menschen in der sowjetischen Zone.

Im Juni /Juli 1946 traten bei der Pariser Außenministerkonferenz Bevin und Byrnes den französischen und russischen Kollegen, Bidault und Molotow entgegen: die Franzosen waren gegen jede deutsche Zentralverwaltung, Molotov bestand auf Reparationen in Höhe von 10 Milliarden $ und auf einer Vier-Mächte-Kontrolle der Ruhr. Molotow behauptete, die Amerikaner hätten praktisch Zahlungen in gleicher Höhe in Form von Patenten und Know-how-Transfer erhalten, was diese weit von sich wiesen. Dem Mythos amerikanischer Selbstlosigkeit wurde kein Abbruch getan[15]. Engländer und Amerikaner vereinbarten die Zusammenlegung ihrer Zonen zur 'Bizone' und Robertson und Clay, die Militärgouverneure, einigten sich am 5. September auf die Bildung von fünf Verwaltungsstellen für Wirtschaft, Ernährung, Verkehr, Post, Finanzen[16].

Am 6. September hielt Außenminister Byrnes dann in Stuttgart eine Rede, die deutscherseits als Wende der amerikanischen Politik begrüßt wurde (Byrnes goß sogar in Sachen Oder-Neiße-Grenze Öl ins Feuer). Diese 'Wende' wurde allerdings seit Monaten praktiziert und die Rede war eine Antwort auf diejenige Molotows in Paris. Der hessische Ministerpräsident Geiler und der thüringische, Paul, versuchten einer 'Trennung von Osten und Westen' mit einer Konferenz der Länderchefs in Bremen entgegenzuwirken, aber die übrigen östlichen erschienen ebensowenig zum Rendezvous wie die der französischen Zone.

Den Trompetenstoß zum 'kalten Krieg' gab Harry Truman in einer ersten antisowjetischen Rede am 12. März 1947. Er hatte das strategische 'containment' des Gegners im Kopf und die Vorwürfe allseitiger Expansionstendenzen, des Terrors und der Unterdrückung in Polen, Rumänien und Bulgarien auf der Zunge. Die Alternative sei: Leben in Freiheit nach dem Willen der Mehrheit oder Leben unter dem Terror einer Minderheit.

"Ich glaube, daß wir den freien Völkern helfen müssen, sich ihr eigenes Geschick nach ihrer eigenen Art zu gestalten. Ich bin der Ansicht, daß unsere Hilfe in erster Linie in Form wirtschaftlicher und finanzieller Unterstützung gegeben werden sollte, die für eine wirtschaftliche Stabilität und geordnete politische Vorgänge wesentlich ist".

Daraufhin unterschied der Nachfolger Byrnes' im Amt des Außenministers, George C. Marshall, in Harvard am 5. Juni 1947 sehr deutlich die 'good guys' und die bösen:

"Wenn die Vereinigten Staaten in Zukunft Hilfsleistungen gewähren, so sollen diese eine Heilungskur und nicht nur ein Linderungsmittel darstellen. Jeder Regierung, die bereit ist, beim Wiederaufbau zu helfen, wird die volle Unterstützung der Regierung der Vereinigten Staaten gewährt werden, dessen bin ich sicher. Aber eine Regierung, die durch Machenschaften versucht, die Gesundung der anderen Länder zu hemmen, kann von uns keine Hilfe erwarten. Darüber hinaus werden alle Regierungen, politischen Parteien oder Gruppen, die es darauf abgesehen haben, das menschliche Elend zu einem Dauerzustand zu machen, um in politischer oder anderer Hinsicht Nutzen daraus zu ziehen, auf den Widerstand der Vereinigten Staaten stoßen."

Die Hypokrisie in diesen Sätzen war auffallend. Uneigennützige Hilfe für diejenigen, die solcher Hilfe würdig sind? Hilfe zum Widerstand gegen Regierungen, Parteien und Gruppen, die das menschliche Elend zum Dauerzustand machen wollten? Die politische Einflußnahme über Wirtschaftsförderung lag auf der Hand. Das European Recovery Program (ERP), der 'Marshallplan', war ein Werkzeug zur Integration des West-Blocks. Unter den gegebenen Umständen machte auch die französische Regierung mit: sie gab ihre Forderung nach Internationalisierung der Ruhr und ihren Widerstand gegen ein zentral verwaltetes (West-) Deutschland auf. Als Kompromißlösung zeichnete sich der Schuman-Plan einer Montanunion bereits ab.

Am 29. Mai hatten die Militärgouverneure eine totale Reorganisation der Bizone beschlossen. Am 25. Juli 1947 konnte ein von den Landtagen gewählter Wirtschaftsrat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten. Er hatte 52 Mitglieder (eins für 750 000 Einwohner), davon CDU 20, SPD 20, KPD 3, Zentrum und niedersächsische Landespartei/DRP 2, FDP 2, hessische Liberaldemokraten, bayrische Wiederaufbaupartei und baden-württembergische DVP je 1 Mandat. Die SPD wirkte im Exekutivrat nicht mit, sie begab sich, als ihr das Direktorat verweigert wurde, in konstruktive Opposition im 'Bizonenparlament'. Über die Konsequenzen für spätere Machtverhältnisse kann man spekulieren.

Am Abend des 5. Juni 1947 trafen sich - zum ersten und letzten Mal - die Ministerpräsidenten aller Länder in München. Die östlichen kamen, nach erheblichem diplomatischen Anstrengungen untereinander und mit der SMAD, mit großen Zweifeln und gegen den Willen der SED-Führung und reisten, noch ehe es zur eigentlichen Konferenz kam, wieder ab. Historiker urteilen heute, entgegen immer noch weitverbreiteter Meinung (und damals lautstarker Schuldzuweisungen an den Osten):

"Für das Scheitern in München waren die westdeutschen Regierungschefs verantwortlich - niemand sonst, ausnahmsweise auch nicht die Westalliierten."[17]

Der Liberaldemokrat Erhard Hübner, Sachsen-Anhalt, schrieb am 7. Juni in einer Notiz (die der Zensur zum Opfer fiel):

"Wenn die grenzenlose Not, in der und vor der wir stehen, nicht genügt. uns zur Verleugnung vorgefaßter Ansichten zu bekehren, auf welche Zuchtmittel des Himmels warten wir denn noch?"[18]

Die Antwort der SMAD auf die Gründung des Wirtschaftsrats war die Berufung einer 'Wirtschaftskommission' am 14. Juni.

Auf die Ankündigung des Marshall-Plans reagierte die Sowjetunion mit einer besonders zahlreichen Delegation zur Außenminister-Konferenz in Paris am 27. Juni. Molotow zeigte sich an Verhandlungen über eine Beteiligung interessiert, aber Bevin nicht, so kam es zu einer Ablehnung des Plans durch die Sowjets, zum Bestehen auf den Reparationsforderungen und auf der Mitverfügung über die Rohstofförderung Westdeutschlands. Damit war der Bruch im Kontrollrat vorprogrammiert. Ebenso die weitere übermäßige Ausbeutung der sowjetischen Zone. In Westdeutschland hingegen sind erste Zeichen eines Aufschwungs, bei aller Not, schon auf den Herbst 1947 zu datieren.

Es fällt heute wie damals nicht schwer, das sowjetische Regime unter Stalin (und Nachfolgern) für seine Untaten verantwortlich zu machen. Gerade deshalb mag es nicht leicht sein, Akte der 'Ostpolitik' in jenen und den folgenden Jahren und ihre ideologische Legitimation auf ein humanitäres, demokratisches Politikideal zurückzuführen. Viel Leid und Ungerechtigkeit, besonders im sowjetischen Machtbereich, ist kaum von vornherein mit klaren Schuldzuweisungen abzutun und schon garnicht gegen vermeintlich schlimmere Folgen einer anderen, 'flexibleren' westlichen Politik abzuwägen. Der 'eiserne Vorhang' war vielleicht nicht so unvermeidlich, wie gerne behauptet wurde, wenn man in Betracht zieht, daß die Stalin-Regierung im Hinblick auf die Reparationsleistungen immer an einer wirtschaftlichen - durchaus kapitalistischen - Gesundung in Deutschland interessiert blieb, dabei besonders auf das Ruhrgebiet zählte, und daß sie ursprünglich der Überzeugung war, ihre Zone allein könne wirtschaftlich nicht bestehen.

Das amerikanische Hilfsprogramm für Europa trat per Gesetz am 3. April 1948 in Kraft, 1,4 von 7 Milliarden Dollar flossen im Lauf der Jahre nach Westdeutschland.

* * *

Am 4. April 1949 - noch dauerte die Berlin-Krise an - wurde die NATO gegründet. Am 5. Mai 1949 schlossen sich 10 Länder im Europarat zusammen. Im Herbst 1949 plante die Kulturkomission des Rates, jetzt ganz im Zeichen des kalten Krieges, eine europäische Kulturkonferenz für Dezember in Lausanne, und die seit Mai konstituierte Bundesrepublik wurde eingeladen. Eugen Kogon, Carlo Schmid und Walther Weizel (War europäische Kultur eher Sache der Sozialdemokraten?) berieten im November in Köln anläßlich einer Sitzung der deutschen Kultursektion des Europarates über die Nominierung deutscher Teilnehmer. Weizel schlug Heisenberg, Weizsäcker oder Laue vor. Letzterer war vielleicht der `neutralste' Kandidat für eine solche `rekognoszierende' Mission, und es war dann auch Laue, der zum Kongress des Centre Européen de Culture (CEC) fuhr[19]. Unter dem 29. November 1949 hatte Rudolf Ladenburg ihm geschrieben:

"...der partikularistische Nationalismus, von dem Sie schreiben mit Bezug auf die Mainzer Akademie u. die Forschungsanstalten in den verschiedenen Staaten, ist wohl eine alte Krankheit in D., die nicht auszurotten ist. "Übertriebener Natonalismus" sagte A. Einstein mal, ich glaube vor 17 Jahren, "ist der Feind alle Völker", auch hier im Lande ist - seit dem Kriege eine erschreckende Zunahme des Nationalismus unverkennbar, in den ersten Jahren unseres hiesigen Aufenthalts war davon wenig bemerkbar. Ich freue mich dass Kopfermann herkommt, u. hoffe, daß er auch etwas Zeit für Princeton haben wird. USA wird ihm sicher gut tun, mindestens gesundheitlich. Wenn sie dies lesen, sind Sie wohl aus England zurück - hoffentlich ging alles programmgemäss u. hat ihnen Freude gemacht. "foreign member of the R.S." ist eine seltene Ehre... und nun werden Sie bald nach Lausanne fahren, ich ahne nicht, was die Europabewegung plant - etwa eine Vorbereitung zum World Government oder dergleichen? dann würde es sich wirklich lohnen, mitzuhelfen."

Die Anspielung auf die Mainzer Akademie und die Forschungsinstitute mochte im Zusammenhang mit der Gründung des Forschungsrates stehen (s.u.). Laue war offenbar gerade auswärtiges Mitglied der Royal Society geworden. Die Europabewegung richtete sich gegen einen partikularistischen Nationalismus, aber sie stand gleichzeitig im Zeichen eines westlichen Partikularismus, eine Vorbereitung zum 'World Government' war sie nicht. Für Laue war die Lausanner Konferenz in erster Linie von fachpolitischem Interesse. Er erlebte einen ersten Beschluß zur Errichtung eines Europäischen Physikzentrums und konnte in Göttingen darüber berichten[20]. Diplomatische Vorteile einer wissenschaftlichen Kooperation lagen auf der Hand. Sie bot Möglichkeiten zu `partnerschaftlichen' Beziehungen, die den Deutschen auf anderen Ebenen verwehrt waren. Im Zeichen des Kalten Krieges steuerte das Kabinett Adenauer einen Kurs der Westintegration, der gleichzeitig, vor allem mit der `Wiederbewaffnung', die bundesrepublikanische Gesellschaft in mehrere Lager spaltete.

1949/50, am Vorabend des Koreakriegs, gab die US-Regierung eine Milliarde Dollar für Forschung und Entwicklung aus, das waren 300 Millionen mehr als als 1946 und mehr als 90% dieser Summe entfielen etwa zu gleichen Teilen auf die mächtige Atomic Energy Comission (AEC) und das Verteidigungsministerium.[21] Die Reaktorforschung galt noch immer fast ausschließlich dem Waffenbau. Nur in England war das etwas anders[22], dort kam offiziell der Energieerzeugung größere Bedeutung zu.

In Frankreich liegt ein Großteil der Forschungspolitik traditionell in Händen derselben Eliten (namentlich der École des Mines), die Energie- und Schwerindustrie auch politisch mitgestalten und -verwalten. 1950 wurde die Europäische Kohle und Stahl Union Wirklichkeit (Schuman-Plan), und ein europäisches Prestigeprojekt in Gestalt eines Großlabors paßte zu kernenergetischen Zukunftsvisionen. Im militärischen Reaktorbau war man um so weniger bereit, auf den nationalen Alleingang zu verzichten. Als Pierre Auger UNESCO-Sekretär wurde, machte er sich die Idee zu eigen: Europa solle mit einem Großlabor die Spitze im Beschleunigerbau übernehmen[23]. Im Juni 1950 verabschiedete die UNESCO auf Antrag von Isaac Rabi eine unterstützende Resolution. Europa-Konstrukteure des CEC, wie Denis de Rougemont, sahen den symbolischen Wert für ihre Sache.

Der Kontext des kalten Krieges und der Propaganda für atomare Rüstung ist unübersehbar. Joe Nordman, Jurist, Kommunist in der Resistance und Mitglied der französischen Delegation in Nürnberg, hat in seinen Memoiren beschrieben, wie auf einem kleineren Treffen in Wroclaw 1949 die Idee einer Anti-Atom-Kampagne der Friedensbewegung entstand, in Paris konkretisiert wurde und zum Apell vom 19. März 1950 der Stockholmer Konferenz führte:
"Wir fordern ein absolutes Verbot der Atomwaffe, Mittel des Terrors und der Massenvernichtung. Wir fordern einer strenge internationale Kontrollinstanz zur Überwachung des Verbots. In unserer Auffassung begeht die Regierung, die als erste die Atomwaffe gegen irgend ein anderes Land einsetzt, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ist als Kriegsverbrecher zu behandeln. Wir rufen die Menschen guten Willens in aller Welt auf, diesen Appell zu unterzeichnen..."
Die USA waren in Stockholm unter anderen durch Paul Robeson vertreten, der aufstand und - a capella singend - der Konferenz eine besondere Note gab. Aus Frankreich waren auch Irène und Frédéric Joliot-Curie gekommen. Nordmann war kein unbedingter Anhänger der Friedensbewegung. Er unterstützte den Appell als Delegierter der Internationalen Vereinigung demokratischer Juristen, die sich in Nürnberg zusammengefunden und im Dezember 1946 in Paris im großen Saal des Kassationsgerichtshofs feierlich konstituiert hatte. In seinen Erinnerungen hat er erklärt:
"die Antiatomkampagne kam aus dem Geist von Nürnberg... Moskau war überhaupt nicht beteiligt"
Die Gegenseite tat den Apell gegen die Atomwaffe und die Stockholmer Konferenz als `Kremlpropaganda' ab. Auf beiden Seiten, aber mit ungleicher Gewichtung und Tendenz, wurden die friedlichen Möglichkeiten und Chancen der Atomforschung betont, und neben das Wettrüsten trat die Konkurrenz um den Ausbau der Kernforschung.[24]

Nachdem im Juni 1951 die Bundesrepublik Mitglied der UNESCO geworden war (Rolle von Ronald Fraser und IUPAP?), waren Deutsche an der Großlabor-Diplomatie beteiligt, eine Vorbereitungskonferenz fand im Dezember 1951 in Paris statt. Die Regierung Adenauer ließ den Senat der DFG über die deutsche Delegation entscheiden und der bestimmte Werner Heisenberg und den damaligen Referenten der DFG, Alexander Hocker zur Teilnahme. Die bundesrepublikanische Außenpolitik, vor allem Walter Hallstein, sahen eine forschungspolitische Initiative wie diese durchaus als Vehikel zu mehr Prestige und Gewicht der BRD. Das Mißtrauen gegen deutsche Delegationen war noch immer groß. Alexander Hocker war den Franzosen persona non grata (wegen ehemaliger Tätigkeit als (untergeordneter) Besatzungsbeamter in Frankreich[25]) und blieb zu Hause. Werner Heisenberg mag die Gelegenheit begrüßt haben, als Experte in diplomatischer Mission eines gewandelten Deutschlands, auch Vorbehalten wegen seiner Tätigkeiten in der Hitlerzeit entgegentreten zu können. In forschungspolitischer Hinsicht hob sein Bericht an Hallstein die Aussichten hevor, in der internationalen Zusammenarbeit Fachleute für eine zukünftige deutsche Kernkraftindustrie ausbilden zu können[26].

An der Gründung des Europäischen Kernforschungszentrums CERN schieden sich die Geister. International standen diejenigen, die bestehende physikalische Zentren in England oder Kopenhagen für die europäische Zusammenarbeit erweitern wollten, denen gegenüber, die ein ganz neues und umso kostspieligeres Symbol für die Möglichkeiten solcher Zusammenarbeit für richtig und realisierbar hielten. Auch wenn klar war, daß im Zeichen des kalten Krieges alle Symbole für einen westeuropäischen Zusammenschluß Alarmstimmung in Moskau hervorriefen und Konfliktpotential enthielten. Niels Bohr zählte zur ersten Gruppe, aber als die zweite sich durchsetzte, entzog er seine Unterstützung nicht, zumal die theoretische Abteilung des CERN bis 1957 in Kopenhagen stationiert wurde (dann trat `Nordita' an ihre Stelle, das skandinavische Institut für theoretische Atomphysik)[27]. Französische und englische `Linke' wie Irène und Frédéric Joliot-Curie oder Patrick Blackett widersetzten sich der aus ihrer Sicht amerikanischen, jedenfalls aber `atlantischen' (NATO-) Orientierung der Neugründung[28]. Letzterer ließ sich bald, die ersteren erst nach den Vorläufern des `Tauwetters' in der Sowjetunion umstimmen.

Nachdem sich am 12.2. 1952 in Genf ein `Aufsichtsrat' konstituiert hatte, und Hallstein an eben diesem Tag die Zustimmung des Bundeskabinetts für eine deutsche Beteiligung eingeholt hatte, standen Personalentscheidungen der Physiker an. Am 29.2 1952 formierte sich eine Kommission für Atomphysik der DFG, der unter Heisenbergs Vorsitz Fritz Bopp[29], Walther Bothe, Otto Haxel, Hans Kopfermann, Erich Regener und Wolfgang Riezler angehören sollten. Die Mitglieder nahmen Heisenbergs Vorstellungen zur Organisation der Kernphysik nicht ohne weiteres hin[30]. Walther Bothe schrieb unter dem 14. März 1952 mit deutlicher Animosität gegen den Kollegen an Erich Regener, es ginge nicht an, daß, wie schon einmal (Anspielung auf den `Uranverein') die `extremen Theoretiker' das Sagen hätten. Jemand wie Wolfgang Gentner gehöre in den Ausschuß und wäre an den vorausgegangenen Besprechungen in Paris und Genf zu beteiligen gewesen, er habe schließlich als einziger in Deutschland Teilchenbeschleuniger gebaut und habe außerdem die Sprachkenntnisse und viele europäische Freundschaften. Heisenberg sei auf diesen Vorschlag nicht eingegangen[31]. Aber als im Mai 1952 mit den Pariser Verträgen die Souveränität der BRD in Aussicht stand, ging die diplomatische Funktion des Beschleunigerbaus auf die sehr viel stärker mit wirtschaftlichen Interessen verbundene Kernkraftentwicklung und den Reaktorbau über. Michael Eckert hat versucht zu zeigen, wie der - ganz wie bis dahin der Beschleunigerbau - im Dienst der Westintegration stand[32]. Heisenberg konzentrierte sich nun auf das wirtschaftspolitisch bedeutendere Ziel, den Aufbau der deutschen Reaktorforschung[33]. Unter dem 31. Oktober 1952 empfahl er Hallstein, Gentner statt seiner in das CERN-Council zu delegieren[34]. Konrad Gund, der Betatronbauer bei Siemens in der Zusammenarbeit mit dem Göttinger Institut, und Wolfgang Paul wurden Mitglieder einer Planungsgruppe.

Die Regierungsnähe Heisenbergs mußte, hinsichtlich der wissenschaftspolitischen Einflußmöglichkeiten, andere Kollegen beunruhigen. Unter den Fachgenossen hatte sich, trotz vieler gemeinsamer Interessen und bei aller Kollegialität, ein `Gegenlager' gebildet, das sich in Heidelberg zu konzentrieren begann und zu dem auch Hans Kopfermann zählte.

Karl Wirtz sprach zum 50. Geburtstag Heisenbergs im Dezember 1951 von einem `etwas mehr', um das es Heisenberg außer um persönliches und um die `Physik in Deutschland' immer gegangen sei: "Ich möchte nicht versuchen, dieses `mehr' hier näher zu analysieren. Ich weiß, daß wir alle ein sehr deutliches Gefühl dafür hatten"[35]. Um was kann es sich handeln ? Um den patriotischen Willen zur `Rehabilitierung Deutschlands'? Um eine technische Leistung in der 'abendländischen Kultur'? Um die Anerkennung im Geist einer `höheren Instanz'? Von allem etwas und anderes mehr? Ein 'philosophisches' Mehr? In 'Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa' (s.o.) gab Heimo Dolch seinem Beitrag über Werner Heisenberg den Untertitel: "Das Ringen um ein vertieftes Verständnis der Welt" und in einer Fußnote hieß es:
"G. Krüger betitelt sein Buch über das Wesen des Platonischen Denkens mit "Einsicht und Leidenschaft". Derselbe Ausdruck ist hier verwendet, um anzudeuten, welche philosophische Gestalt der abendländischen Geistesgeschichte wohl am eindringlichsten die Hintergrundvorstellungen von Heisenbergs Denken bestimmt."[36]
Dolch fragte auch nach den 'inneren Triebkräften' die Heisenberg zu einem 'Kolumbus' werden ließen, benannte "ein starkes und tiefes Gerechtigkeitsgefühl ..., daß also jedem gegeben werden müsse, was ihm zukommt: der menschlichen Person, der Kultur, der großen Natur und - last not least - der Wahrheit". Dazu führte der Autor aus:
"Wenn er einmal sagt: "Einerseits nahm der Forscher das Recht für sich in Anspruch, die Politik seiner Regierung unabhängig und ohne weltanschauliche Bindungen zu beurteilen, andrerseits stand in manchen Ländern der Staat den internationalen Beziehungen der Forscher mit tiefstem Mißtrauen gegenüber, so daß schließlich Gelehrte gelegentlich wie Gefangene des eigenen Landes behandelt wurden und ihre internationalen Beziehungen beinahe als moralisch angreifbar erschienen", dann ist das bekanntlich nicht vom grünen Tisch gesprochen, sondern der Niederschlag eines nicht leichten, aber stets geübten eigenen Dienstes am Menschen und seiner personalen Würde in jener Zeit, da man Protestaktionen anläßlich der Nobelpreisverleihung an ihn startete, Studenten ihre Stipendien entzog, wenn sie bei ihm weiterstudieren wollten (andere, bittere Vorkommnisse mögen unerwähnt bleiben). Aber nicht nur das. Sein Schrifttum und seine Arbeiten in den Forschungsgremien und wissenschaftlichen Akademien sind erfüllt von einer tiefen Verantwortung den geistig-kulturellen Schätzen unserer Vergangenheit gegenüber und von dem Mühen, die neuen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse damit zu einen."[37]
Mir scheint, schon in Werner Heisenbergs Bermerkung zur Vergangenheit, aber mehr noch im Kommentar waltete - an dieser Stelle vielleicht das passende Verb - eine unangemessene, übermäßige Schwere, die den Zugang zur Vergangenheit ebenso wie das gegenwärtige Denken zu regulieren tendierte und darin zum Ausdruck einer (kultur-)politischen Strömung jener Jahre gerät.

1954 kam ein deutsches Beschleuniger-Großprojekt in Sicht, als in Hamburg Willibald Jentschke berufen wurde und 5 Millionen zu gleichen Teilen von Bund und Land investiert werden sollten. Der Plan reifte im Juni 1956 anläßlich eines Hochenergiephysik-Symposiums in Genf in Beratungen von Gentner, Jentschke, Paul, Riezler, Schmelzer, Schoch und Walcher (derzeit der Vorsitzende des Fachausschusses Physik der DFG). Noch ehe die Debatte in Hamburg zum Abschluß kam, sagte der Atomminister die Finanzierung von Desy (Deutsches Elektronensychrotron) zu. 1959 begann der Bau, 1964 wurde der Betrieb aufgenommen. Was immer die politischen Ziele des neuen Atomministers und der Regierung 1956 waren, die kernphysikalische Grundlagenforschung und die Ausbildung in Kernphysik wurden fortan massiv gefördert.


[1]Autorenkollektiv (Ernst Ulrich Huster, Gerhard Kraiker, Burkhard Scherer, Friedrich-Karl Schlotmann, Marianne Welteke), Determinanten westdeutscher Restauration 1945-1949, S.17

[2]Patrick M. S. Blackett, a.a.O. Vgl auch Joseph Rotblat (der noch 1944, nachdem klar war, daß die Bombe nicht mehr gegen die Deutschen zum Einsatz kommen würde, das Manhatten Projekt verließ), "Verantwortlich handelnde Wissenschaftler. Eine radikale Minderheit von Utopisten und ihre lebenslange Aufgabe" in Hans-Jürgen Fischbeck, Regine Kollek Hg., Fortschritt wohin, Wissenschaft in der Verantwortung - Politik in der Herausforderung. Münster, Agenda, 1994, S.113-120. Rotblat hörte bei James Chadwick im März 1944 von Leslie Groves den Satz: "Es ist Ihnen natürlich bewußt, daß der ganze Zweck des Projekts darin liegt, die Russen zu besiegen" und 1954 erlebte, daß Groves öffentlich bestätigte, schon früh so gedacht zu haben.

[3] The Conference of Berlin (The Potsdam Conference). Diplomatic Papers I-II

[4]J. Robert Oppenheimer, "International Control of Atomic Energy", Bull. A.Sc. 4, 1948, S.39

[5]Vgl. A.Costandina Titus, Bombs in the Backyard, Atomic Testing and American Politics, Reno, Univ. of Nevada Press, 1986, S.36 ff.

[6]Vgl. z. B. Athan G. Theoraris, Seeds of Repression: Harry S. Truman and the Origins of McCarthyism, Chicago, Quadrangle Books, 1971

[7]Zu den Angaben vgl. Milton S. Katz, Ban the Bomb, a History of SANE, the Comitee for a Sane Nuclear Policy, NY (Praeger) 1986

[8]Archiv MPG

[9] Millikans Buch 'Das Elektron' war bereits 1922 in deutscher Übersetzung erschienen. Johannes Stark mußte die 'zu harte Strafe' in der Tat nicht erleiden und (auf einer ganz anderen Ebene) kam auch der 'Vater Weizsäckers' mit seinem 'unauslotbaren Charakter' (Rolf Hochhuth) bald wieder frei. Er gedachte (folgerichtig) in seinen Memoiren der Deportation der römischen Juden überhaupt nicht.

[10]Merkur 1, Heft 5, 1947, S.647

[11]Zitiert nach Rolf Steininger, Deutsche Geschichte seit 1945. Darstellung und Dokumentation in vier Bänden, Frankfurt, Fischer 1996, Band I, S.80, 81

[12]Die Zahl der Kriegsgefangenen in der SU lag bei 3,1 Millionen, von denen bis 1956 etwa ein Drittel in Gefangenschaft starben. Zahlen nach Rolf Steininger, a.a.O., S.75.

[13]Ebenda, S.39

[14]Vgl. Hans Habe, loc.cit., S.29

[15]Rolf Steininger a.a.O., S.282 zitiert den Historiker John Gimbel, der neuerdings zu dem Schluß kam, daß Molotow mit seiner Angabe in etwa richtig lag.

[16]Angesichts der Schwierigkeiten Großbritanniens, die nötigen Investitionen in seiner Zone zu tätigen, schlugen die Amerikaner vor, zu tauschen, was die Briten jedoch ablehnten. Man einigte sich schließlich auf eine 50% Beteiligung der Amerikaner am Budget (25.11.46) und zum 1. Januar '47 wurden die Zonen offiziell vereinigt.

[17]Rolf Steininger, a.a.O., S.317

[18]Ebenda, S.323

[19]Weizel hatte betont, daß die deutsche Naturwissenschaft wesentlicher Bestandteil der deutschen Kultur sei und deshalb in Lausanne vertreten sein müsse. Er selbst verzichtete. (vgl. Brief Weizel an Mannkopff vom 14.11.1949, Nachlass Weizel, Phys. Institut Bonn, zitiert nach Maria Ossietzki, "Physik, Industrie und Politik..." Manuskript, Fußnote 101). Zur deutschen Delegation zählten auch Christine Teusch, die NRW-Kultusministerin, Carlo Schmid, der später Ehrenmitglied des CEC wurde und der Verleger Peter Suhrkamp. Vgl Armin Hermann, "Germany's part in the setting up of CERN", The History of CERN, Teil I, Amsterdam, Elsevier, 199

[20] Vgl. Maria Ossietzki, a.a.O.

[21]Daniel Kevles in De Maria et al., Cold War and Hot Physics: Reflections on Science, Security and the American State,

[22] Vgl. Karsten Prüß, Kernforschungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt, Suhrkamp 1974, S.20

[23]Vgl. Dominique Pestre, "The First Suggestions, 1949-June 1950", History of CERN, Genf 1983, S..63-95 Gleich 1946 hatte sich die neugeborene UNO auf diplomatischer Ebene der ebenso neuen Kernenergie annehmen müssen (s.o) und bevor der kalte Krieg sich allzusehr verbreitete gab es regen Austausch von Wissenschaftlern auch über die Idee eines internationalen Großlabors. Kowarski, a.a.O. S.382 erwähnt eine freundschaftliche Beziehung von Robert Oppenheimer und dem französischen UNO-Diplomaten De Rose, die letzteren veranlaßte, die Idee eines europäischen Instituts bei Wissenschaftlern und Politikern in Frankreich zu ventilieren.

[24]Vgl., JoeNordman, Anne Brunel, Aux vents de l'histoire. Memoires, Paris, Actes sud, 1996, S.223. Alle Zitate (auch des Apells) meine Übersetzung.

[25]Von Ende Juni bis Ende Oktober 1940 war Alexander Hocker zeitweise Unteroffizier beim militärischen Abschirmdienst in Brest. Vgl. Armin Hermann, "Germany's part in the setting-up of CERN" in ders. et al., History of CERN, Vol. 1, S.423 Fußnote.

[26] S. Maria Ossietzki, a.a.O.

[27] Vgl. Abraham Pais, Niels Bohrs Life, loc. cit., S.520 ff.

[28] Hatte doch Isaac I. Rabi, ein Amerikaner, den offiziellen Vorschlag vor die Konferenz der UNESCO gebracht. Zur Auffassung in der KPF vgl. Gérard Vassails, " Le pool atomique ", Nouvelle Critique 42, Januar 1953, S.22

[29]1909-1987, Promotion 1936 bei Fritz Sauter in Göttingen, ab 1941 Mitglied der Reaktorgruppe im KWI Berlin und Hechingen, 1946/47 Lehrauftrag Tübingen, 1947 a.o. Prof. Universität München, 1950 Nachfolger Arnold Sommerfelds.

[30]Vgl. auch Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975, Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Reinbek , Rowohlt, 1983 (1te 1980), S.41

[31]Ich folge hier der Darstellung in Michael Eckert, Maria Osietzki, Wissenschaft für Macht und Markt, Kernforschung und Mikroelektronik in der BRD, München, Beck, 1989

[32]Michael Eckert,"Kernenergie und Westintegration" in Ludolf Herbst, Werner Bührer und Hanno Sowade Hg., Vom Marshallplan zur EWG, München, Oldenbourg, 1990).

[33]Michael Eckert hat berichtet, daß Heinz Krekeler, Physikochemiker und deutscher Botschafter in Washington schon unter dem 9. August 1951 in einem Brief an Hallstein auf die zukünftige Bedeutung der Halbleitertechnik und der Kernenergie hingewies.

[34] Vgl. Maria Ossietzki, a.a.O.

[35]Karl Wirtz, a.a.O.,

[36]Heimo Dolch, "Werner Heisenberg" in H. Schwerte und W. Spengler Hg., Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa, Oldenburg, Stalling, 1955. S. 94

[37] Ebenda, S. 100

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