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Reisen in Schlaraffenländer

Der Briefwechsel zwischen Lise Meitner und Max Laue, den Jost Lemmerich herausgegeben hat, zeigt, daß manchmal Krieg und Kriegsende, Fronten und Grenzen kaum eine Einschränkung bedeuteten. Mit einer Unterbrechung von 6 Monaten (März-Oktober 1945) gingen (im Krieg erstaunlich ausführliche, gelegentlich verklausulierte) Nachrichten hin und her. Mit einem der ersten Nachkriegsbriefe konnte Meitner Laues mitteilen, dass ihr Sohn Theo in Princeton im Juni 44 über Bismarcks Sozialgesetze promovierte und als 'conscientious objecter' beim Army Medical Corps seiner Dienstpflicht nachkam. Laue war da noch in England interniert. Max Laue war einer der ersten, die 'normale' Kongressreisen wieder aufnehmen konnten (sein kurzer Besuch bei der Royal Society in London, zusammen mit Heisenberg und Hahn während der Internierung steht auf einem anderen Blatt), im Juli 1946 konnte er als einziger Deutscher am Kongress der Kristallographen in London teilnehmen. Lise Meitner nahm ab Januar 1946 eine Einladung zu Vorlesungen an der katholischen Universtität in Washington wahr, und der Bericht der 1938 Exilierten liest sich, als sei sie direkt aus dem alten Freundes- und Kollegenkreis in Deutschland nach Amerika gekommen:

"In Princeton traf ich ausser Ladenburgs auch Einsteins und Weyls. Einstein fand ich beklemmend gealtert und müde, aber faszinierend wie immer, auch da, wo ich nicht mit ihm übereinstimmte. Etwas verblüfft war ich über Weyl, er schien nicht viel aus den Ereignissen gelernt zu haben und manche seiner Äusserungen klangen direkt kindlich ... Eine wirklich große Freude war das Wiedersehen mit Franck. Er ist wirklich durch die bitteren Zeiten menschlich sehr gewachsen. Er hat mich daran erinnert, daß ich ihm in unserer Jugend öfters gesagt hätte, er solle um Gottes willen keine Physikmaschine werden, und er hat tatsächlich, bei aller Liebe zu seiner Arbeit, eine Aufgeschlossenheit für die schweren Zeitprobleme und ein Verantwortlichkeitsgefühl, das ich sehr bewundere. Im übrigen wird es Sie sicher interessieren, daß er und Hertha Sponer morgen heiraten. Er hatte mich vor etwa 2 Monaten in Washington besucht und mir glückstrahlend den damals eben gefaßten Beschluß erzählt. Nachher habe ich ihn bei 2 Besuchen in Chicago getroffen, und er war glücklich wie ein Junge. Für die Sponerin ist es nicht nur ein Glück, sondern direkt eine Rettung. Sie war auf dem besten Weg, menschenfeindlich zu werden. Sie hat sehr viel Schweres erlebt, ihre jüngere Schwester haben die Nazis noch im April 1945 umgebracht, weil sie an der unterirdischen Bewegung beteiligt war. Frau und Kind eines jungen Neffen sind bei einem Bombenangriff getötet worden, der Neffe, der ein Bein und den rechten Arm verloren hat, ist Kriegsgefangener in Frankreich. Als sie mich vor dem Heiratsbeschluß in Washington besuchte, war ich sehr erschrocken über ihren seelischen Zustand. Jetzt ist sie ein ganz anderer Mensch, und ich bin sehr froh darüber ... Natürlich habe ich eine Menge alter Bekannter wiedergesehen, Fermi, Rasetti, Rossi, Weisskopf, Bloch, Estermann, Dempster, beide Comptons und viele andere. Stern besuchte mich in Washington, er sah recht müde aus, und es geht ihm auch gesundheitlich nicht sehr gut, er hat Herzgeschichten. Er hat seine Stellung in Pittsburgh aufgegeben und lebt in Berkeley, wo er sich ein Haus gekauft hat. Er hatte gehofft, mit einer viel jüngeren Schwester zusammen zu leben; aber sie starb vor einem Jahr ganz plötzlich an Krebs. Jetzt ist er sehr einsam ... Dies Meetin (Am. Phys. Soc. in New York KS) hat etwas Unvergeßliches für mich, denn ich wurde von lauter europäischen Physikern begrüßt: Ladenburg, Szilard, Uhlenbeck, Goudsmit, Dr. Marietta Blau, Lark-Horovitz, Wigner, Pauli, Dr. Rona, Bloch etc.; ich konnte nicht umhin zu denken: was für ein Geschenk hat Deutschland Amerika gemacht...."[1]

Eine erste Wiederaufnahme persönlicher Kontakte mit ausländischen Kollegen ergab sich unmittelbar aus militärischen und wirtschaftlichen Interessen der Alliierten. Dazu bemerkte Hans Habe, ein eher konservativer 'Journalist der ersten Stunde', der mit der amerikanischen Armee nach Deutschland gekommen war, 1946 in einem Memorandum "Die fünf Fehler der US-Politik in Deutschland":

"Während die Maschinengewehrfabriken, in denen jede Geheimproduktion unmöglich wäre, in die Luft fliegen, werden deutsche Atombombenexperten und Raketenflugzeugkonstrukteure in Luxuskabinen nach Amerika befördert: bisher sind 621 'Gelehrte' nach den Vereinigten Staaten gebracht worden. Ein ehemaliger Oberst der Luftwaffe, Dr. Klaus Aschenbrenner, arbeitet fleißig an der Bostoner Universität; ein eifriger PG, Dr. Heinz Fischer, läuft frei an der Universität Syracuse herum; der Ober- Nazi, der die Erzeugung von V-Waffen in Peenemünde leitete, sitzt in den Laboratorien von Fort Bliss; andere 'betätigen' sich in Fort White Sands und Dayton".[2]

Im Anschluß an den anfänglichen, einseitigen 'Brain-drain' von Wissenschaftlern, vor allem von Waffenforschern, gab es mehr und mehr auch vorübergehende Amerikaaufenthalte, die einem friedlichen wissenschaftlichen Austausch nahekamen.

Als James Franck 1933 seine Göttinger Professur und schließlich das Land verlassen hatte - seine formale Entlassung datierte erst vom 8. Februar 1934 - , waren im Institut ein paar Doktoranden zurückgeblieben und brachten ihre Arbeiten zu Ende. Unter ihnen Gert Rathenau und Heinz Maier-Leibnitz[3]. Im Dezember 1934 trug Maier-Leibnitz (geb.1911) die Ergebnisse seiner Arbeit im Kopenhagener Institut, wo Franck vorübergehend arbeitete, vor und promovierte im April 1935 bei Robert Wichard Pohl in Göttingen. Er war der SA beigetreten ("Durch die Anpassung hatte ich meine Ruhe"). Georg Joos, zum Sommersemester 1935 Francks Nachfolger, bot Maier-Leibnitz eine Assistentenstelle an, aber schon im Juli 1935 wechselte er, einer verlockenden Einladung von Walther Bothe folgend, zum KWI für medizinische Forschung in Heidelberg, wohin auch Pohls Oberassistent Rudolf Fleischmann übersiedelte. Gleichzeitig nahm dort der drei Jahre ältere Wolfgang Gentner, eben zurück aus dem Pariser Labor von Curie-Joliot, die Arbeit auf. Maier-Leibnitz war seit August 1938 mit Rita Lepper verheiratet, als er sich bei Kriegsbeginn freiwillig meldete und als Meteorologe eingezogen wurde ("das war zwar kein Vergnügen... Aber dort gab es keinen sichtbaren Nationalsozialismus und man konnte sich einigermaßen wohlfühlen, auch wenn man heimkam, und keiner durfte mehr etwas gegen einen sagen"). Er konnte (lange vor der 'Osenbergaktion') für wissenschaftliche Arbeit zurückgerufen werden und sich 1943 habilitieren. Thema: "Quantitative Beziehungen bei der Koinzidenzmethode". In seinen Heidelberger Vorlesungen zur Kernphysik saßen damals drei Hörer: zwei Frauen und ein Mann.

Die US-Airforce in Deutschland stellte Heinz Maier Leibnitz von Herbst 1945 bis Mai 1947 für luftfahrtmedizinische Forschung an. Anschließend nahm er zusammen mit dem Astronomen Heinz Haber, dem Mediziner Hubertus Strughold, dem Biochemiker Helmut Beinert und dem Freiburger Physiologen Josef Pichotka ein Angebot an, im Rahmen der Aktion 'Paperclip' im texanischen Aeromedical Center wissenschaftlich zu arbeiten. Frau Rita und die drei Töchter blieben in Heidelberg. Im Mai 1948 kehrte er als Abteilungsleiter ans MPI zurück. Die letzte Woche vor seiner Abreise brachte er in Chicago zu und besuchte dort James Franck.

Walther Bothe kehrte 1945 ins I. Physikalische Institut der Universität zurück. Wolfgang Gentner entschied sich 1946 für Freiburg[4], wo das Physikalische Institut vollständig zerstört war. Zum Umbau des Zyklotrons holte Bothe Christoph Schmelzer aus Jena. Bothe veranlaßte auch, daß Hans Jensen aus Hamburg 1949 nach Heidelberg berufen wurde, ebenso wie Otto Haxel aus Göttingen. Maier-Leibnitz folgte 1952 einem Ruf an die Technische Hochschule München. Für diese Berufung hatte sich Georg Joos eingesetzt.[5]

* * *

Wirtschaftsrat, Landtagswahlen, Marshallplan und schließlich die Währungsreform setzten Zeichen für stabile Verhältnisse in Westdeutschland. In den Nachbarländern wurde die Nowendigkeit stärkerer Bindungen zu Kollegen in Deutschland gesehen. In der Kernphysik mag auch die amerikanische Politik eine Rolle gespielt haben, so zum Beispiel die Auseinandersetzung um eine Demilitarisierung dieser Forschung, oder um Vermittlungsmöglichkeiten im kalten Krieg. Vielleicht war an prominenter Stelle niemand mehr an einer Vermittlerrolle interessiert als Niels Bohr. Im Frühjahr 1948 war Hans Kopfermann bemüht, die praktischen Schwierigkeiten, die der Wiederaufnahme von alten Kontakten und Freundschaftssbeziehungen entgegenstanden, zu überwinden. Die Verbindung zu Niels Bohr war offenbar schon längst wieder aufgenommen. Unter dem 12. April 48 ging folgender Brief nach Kopenhagen:

"Lieber Herr Bohr! Wie mir Viktor Weisskopf vor einiger Zeit mitteilte, will er mit seiner Familie Anfang Mai nach Kopenhagen und anschliessend nach Zürich fahren. Auf der Durchreise möchte er in Göttingen Station machen, ähnlich wie es Max Delbrück im vergangenen Jahr gemacht hat. Damals waren Sie Delbrück wohl behilflich. Ich möchte Sie nun sehr bitten, durch Ihre guten Beziehungen zu den englischen Stellen in Kopenhagen für Weisskopf und Frau die Aufenthaltserlaubnis für Göttingen zu besorgen. Dr. Fraser willl von hier aus alles tun, falls er von Kopenhagen aus dazu aufgefordert wird. Weisskopf brauchte dann nur in den Stockholm-Basel-Express in Kopenhagen einzusteigen und in Göttingen die Fahrt zu unterbrechen. -Für Unterkunft und Verpflegung würden hier die Engländer sorgen. Sie können sich vorstellen, welche Freude es für uns wäre, Familie Weisskopf ein paar Tage hier zu haben. Hoffentlich klappt es. / Wir haben einen relativ guten Winter hinter uns und hatten Dank der Fürsorglichkeit unserer alten Freunde auch ganz gut zu leben. Ihre Frau und Sie selbst sind daran ja auch in freundlicher Weise beteiligt, wofür meine Frau und ich Ihnen noch herzlich danken...[6]

Bald darauf lud Viktor Weisskopf Kopfermanns zu einem Besuch in Tisvilde ein und Kopfermann schrieb wieder an Bohr, nachdem das dänische Konsulat in Hamburg nicht willens gewesen war, die Visa auszustellen. Bohr schrieb auch gleich (in englisch) zurück, legte sein den Polizeidienststellen übermitteltes 'statement' bei, aber das dänische Justizministerium lehnte ab. Kopfermann bedankte sich unter dem 29 Juli bei Bohr und meinte, er sei für seine Kinder über die Ablehnung nicht sehr traurig:

"Sie sind beide äusserst erregbar, und vielleicht würde es für sie zu aufregend geworden sein, eine so lange Reise und die vielen Eindrücke in einem fremden Lande zu verarbeiten. Aber für meine Frau tut es mir schon sehr leid, weil sie es gesundheitlich sehr gut hätte gebrauchen können und weil es sie menschlich sicher auch sehr gehoben hätte, alte Freunde wiederzusehen, wo sie Dänemark und Kopenhagen so besonders liebt. Nun, das lässt sich nicht mehr ändern. / Es ist jetzt nur die Frage, ob die Einladung für Jensen und mich, von der mir Dr. Fraser berichtete, noch zustandekommt. Auf alle Fälle möchte ich Ihnen noch einmal ganz besonders herzlich danken und hoffen, daß Sie sich durch Ihre Bemühungen für uns nicht allzu sehr exponiert haben"[7]

Es klappte mit der Einladung für Jensen und Kopfermann. Unter dem 23. Juli 1948 hatte der Kopenhagener Rektor J. Nörregard an Hans Jensen in Hannover geschrieben:

"Sehr geehrter Herr Professor, Als Vorsitzender eines Kommités mit der Aufgabe, Lehrer an deutschen Universitäten und Schulen sowie deutsche Studenten zum Besuch nach Dänemark einzuladen, habe ich das Vergnügen, auf Empfehlung Ihrer Fachgenossen an der mathematische-naturwissenschaftlichen Fakultät der Kopenhagener Universität, eine herzliche Einladung, um einen Monat als Gast des Kommités in Dänemark zu verbringen, an Sie zu richten. Diese Einladung soll dem Zweck dienen, Ihnen die Wiederaufnahme der persönlichen Verbindung und wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit dänischen Kollegen zu ermöglichen, und das Kommité wird die Reisekosten von und bis zur deutsch-dänischen Grenze, sowie Ihre Ausgaben für den Aufenthalt in Kopenhagen decken können."

Begleitend schrieb Niels Bohr:

"Lieber Jensen, wie Sie aus dem beiliegenden Schreiben ersehen werden, hat der Rektor der Universität, als Vorsitzender eines speziellen Kommités, an Sie eine Einladung zu einem Besuch in Dänemark gerichtet. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß es für uns alle hier im Institut eine große Freude sein wird, Sie wiederzusehen und mit Ihnen sowohl über wissenschaftliche Fragen, als auch über alte Zeiten und Zukunftsaussichten sprechen zu können. Was den Zeitpunkt des Besuches anbetrifft, können Sie ihn natürlich wählen, wie es Ihnen am besten paßt, aber da M/oller ungefähr am 10ten September eine längere Reise nach Amerika antritt, wäre es vielleicht am schönsten, wenn sie schon Ende August oder Anfang September kommen könnten. Der Rektor der Universität wendet sich gleichzeitig an die zuständigen dänischen Behörden, um die mit der Erteilung der Einreisegenehmigung nach Dänemark verbundenen Formalitäten zu erleichtern. Über die Frage der Ausreiseerlaubnis aus Deutschland habe ich vor einigen Tagen mit Dr. Fraser, der uns hier besucht hat, gesprochen, und er hat sich freundlich dazu bereit erklärt, Ihnen in dieser Angelegenheit behilflich zu sein. Ich hoffe sehr, Sie bald hier zu sehen und schließe mit freundlichen Grüßen von uns allen Ihr ergebener Niels Bohr

Dazu notierte der britische 'Scientific Advisor des Research Branch des Kontrollrats für Deutschland', Ronald Fraser, in Göttingen am 2. August:

I have today handed the above letter from Prof. Bohr, together with Rector Nörregaards official invitation, to Professor Jensen. I need hardly add that these invitations have the warmest support of the British authorities.

Das dänische Programm war von allen militärischen oder unmittelbar wirtschaftlichen Interessen frei und drei Jahre nach Kriegsende fast friedensmäßig. Es war darum noch lange kein 'business as usual'. Hans Jensen beantragte in Hannover unter dem 1. 10. 48 seine Beurlaubung für vier Wochen in Kopenhagen und einen kurzen Besuch in Oslo. Nach der Reise schrieb er einen Bericht für den niedersächsischen Kultusminister. Er habe in wöchentlich 1-2 Vorträgen ("die ich auf Wunsch Prof. Bohrs in deutscher Sprache hielt") zeigen können,

"daß ein sehr großer Teil der deutschen Physiker auch während des Krieges an seriösen wissenschaftlichen Problemen vom internationalen Interesse gearbeitet hatte und nicht etwa alle Arbeitskraft darauf verwendet hatte, Hitlers Kriegsmaschine auf immer höhere Tourenzahl zu bringen."

Jensen stellte sich dem 'Dienstherren' angemessen dar als eine Art 'Botschafter' seines Landes:

"Ich fand fast überall große Bereitschaft, den kulturellen Kontakt zu erweitern und die unerfreulichen Spuren der deutschen Besatzungszeit zu vergessen, wobei man mir wiederholt versicherte, daß das Auftreten des deutschen Militärs fast immer ganz korrekt gewesen sei und man den Unterschied gegenüber der Tätigkeit der speziellen NS-Gruppen durchaus würdigte. Dies schien mir symptomatisch dafür, daß an eine schematische Gleichsetzung von Deutschtum und Nazismus niemand ernstlich mehr denkt. Das größte konstruktive Interesse an deutschen Fragen fand ich zumeist bei Persönlichkeiten, die an der dänischen Widerstandsbewegung intensiv beteiligt gewesen waren... " "Mehrfach wurde mir eine Verwunderung darüber geäußert, daß in den Briefen aus Deutschland und in den Unterredungen deutscher Gäste das ganze Schwergewicht immer auf der speziellen deutschen Not liege, und sehr wenig Bemühen bemerkbar sei, die Fragen in einem wenigstens europäischen Zusammenhang und als Folgen der vergangenen 15 Jahre zu sehen, und daß auch selten wenigstens ein Betretensein darüber zu spüren sei, daß so viel Chaos und Unglück von den Nazis in deutschem Namen angerichtet wurde. So sehr ich mich bemühte, eine solche Enge des Blickes aus der wirklich entsetzlichen Not der letzten Jahre in Deutschland verständlich zu machen, so muß ich doch sagen, daß mich dieses, mir einigermaßen berechtigt erscheinende, Verwundern recht verlegen machte. Zum Schluß möchte ich nochmals dem Herrn Minister meinen Dank aussprechen für die Beurlaubung, die es mir ermöglichte, der ehrenvollen dänischen Einladung zu folgen."[8]
Hans Jensen wechselte Anfang 1949 nach Heidelberg, machte mit seinem aus Amerika zurückgekehrten ehemaligen Kollegen Hans Suess und mit Otto Haxel die gleichen Beobachtungen zur 'magischen' Verminderung der Bindungsenergien bei Kernen bestimmter Nukleonenzahlen wie Maria Göppert-Mayer in Chicago. Beide veröffentlichten noch im gleichen Jahr das nämliche 'Kernschalenmodell', das die 'magischen Zahlen' und andere Kerneigenschaften, darunter die Systematik der Kernmomente einer Erklärung näher brachte.[9] Göppert-Mayer und Jensen schrieben gemeinsam eine Monographie und konnten sich 1963 den Nobelpreis teilen.

Hans Kopfermann reiste noch vor Jensen[10] und konnte unter dem 11. September berichten:

Liebe Frau Gmelin! / Sie werden lachen, aber ich bin wirklich in Kopenhagen. Seit drei Tagen, auf 4 Wochen. Es ist eine Einladung der Universität Kopenhagen, "um wieder Kontakt mit den dänischen Kollegen zu bekommen". Und ich Glückspilz bin der erste, der hier sein darf. Leider ist es selbst dem grossen Bohr nicht gelungen, zu erreichen, dass auch meine Frau mitfahren konnte. Ein wenig beklommen kam ich hier an, weil man ja allerseits hört, dass die Dänen noch immer grollen. Ich muss sagen, ich bin auf das angenehmste enttäuscht worden. Die Leute sind alle rührend, haben erstaunlich viel Verständnis und Mitgefühl und sitzen so wenig auf dem hohen Ross, dass man fast beschämt ist. Es ist eigentlich so, als ob die 10 Jahre, die dazwischen liegen, gar nicht gezählt würden. Ich treffe hier auch eine Reihe von amerikanischen Kollegen, z.T. deutsche Emigranten, die eine wirklich erfreuliche Haltung zeigen. Weisskopf sagte zu mir: "Ihr habt es ja viel schlimmer gehabt. Wir sind ins Fettnäpfchen gefallen". Ich muss sehr aufpassen, dass mein Magen nicht rebellisch wird bei der guten Kost, die die dänischen Bekannten und Freunde versuchen, ständig in mich hineinzustopfen. Meine alte Wirtin von 1937, die inzwischen arriviert ist und an Stelle ihrer damaligen Fremdenpension nun ein sehr vornehmes Hotel führt, hat mich eingeladen, in diesem feinen Laden zu wohnen als ihr Gast (sie ist 65!) und verwöhnt den armen ausgehungerten Deutschen (in sehr dezenter Weise) nach Strich und Faden. Im Institut sind viele interessante Diskussionen über lauter neue Dinge, die zum grossen Teil noch gar nicht nach Deutschland gedrungen sind. Also, Sie sehen, es geht mir unverschämt gut. Ein klein wenig habe ich es aber auch nötig. Das letzte Jahr war zu viel. Ich habe mich wissenschaftlich, oder sagen wir lieber, arbeitsmässig übernommen. Ein paar wirklich wichtige wissenschaftliche Probleme hatten mich so gepackt, dass ich wie besessen von ihnen war und sie erst zu Ende bringen musste, obwohl das Drum und Dran zu Hause und im Institut es eigentlich nicht erlaubten. Da hat eines Tages mein Herz und das Gefäßsystem gestreikt. Ich laboriere eigentlich mit kleinen Unterbrechungen seit November vorigen Jahres daran. Es ist auch hier noch nicht gut, ich glaube aber zu spüren, dass dieses völlige Losgelöstsein von jeder Verantwortung mich schnell wieder bessern wird.

Kopfermanns persönlicher Brief mag das Bild ergänzen, das Jensens offizielles Schreiben vermittelt. Während Jensen seine Verlegenheit darüber äußerte, daß Deutsche das 'Chaos und Unglück', das die Nazis angerichtet haben, verdrängen, konnte Kopfermann freimütig erzählen, wie seine Beklommenheit ganz von ihm abfiel. Die alten Freundschaften waren wieder da, und wenn Victor Weisskopf zu der zitierten Feststellung kam, mag das ein Indiz sein, daß nicht nur oberflächlich und nicht nur über die persönlichen Verhältnisse in den vergangenen Jahren geredet wurde.

Kopfermann war 53 Jahre alt und kämpfte mit Herz-Kreislaufschwächen. Er konnte, wie er selbst sagt, von wissenschaftlichen Problemen 'wie besessen' sein und er konnte äußern, daß sein Zuhause und das Institut ihm das 'eigentlich nicht erlaubten'. Die Atmosphäre in Kopenhagen und die 'neuen Dinge' die 'noch gar nicht nach Deutschland gedrungen waren', erleichterten die Situation vermutlich nicht. Die persönliche Problematik, die Spannung zwischen Arbeits- und Lebenswünschen, warf ihren Schatten auf das Wiedersehen. Dem ersten Brief aus Kopenhagen an die nun schon längst wieder in Kiel lebende Freundin ließ Kopfermann eine Woche später einen zweiten folgen, in dem es u.a. hieß:

"Meine Abreise von hier wird voraussichtlich um den 5.Oktober herum stattfinden. Noch geht es mir nicht besonders. Das gute Leben bekommt einem Entwöhnten nicht mehr. Hoffentlich gewöhne ich mich noch. Zur Zeit bin ich entsetzlich ermüdbar und neige sehr zu Schwindelanfällen, so dass ich von all der Pracht nicht allzuviel geniessen kann. Schade! Aber ich hoffe sehr, dass es besser wird... Trotzdem waren wir gestern in der königlichen Oper. Balett, ganz gross, mit einem Publikum wie man es sich in Deutschland zur Zeit nicht vorstellen kann. Unsere Rückfahrt im S-tinkfeinen Wagen von Bekannten durch die festlich erleuchtete größte Geschäftsstrasse mit ausgestellten Pelzen, Abendkleidern, Schuhen und allem was wir nicht mehr kennen, war so, dass ich mir wie im Traum vorkam, zumal all die Namen der Geschäfte beim Sehen wie aus der Tiefe des Bewusstseins wieder auftauchten".[11]

Der Briefschreiber scheint von Wehmut gepackt. Er hatte sich als 'Glückspilz' bezeichnet, konnte sich aber nicht als solcher fühlen. Es war ihm, als habe er geträumt. Namen von vor über zehn Jahren waren wieder aufgetaucht. Waren es nur die Namen der Geschäfte? Oder erinnerten die Pelze, Abendkleider, Schuhe - lauter 'Frauensymbolik' - an Träume von einem anderen Leben, an denen er um so mehr hing, als sein wirkliches Leben ihnen nicht mehr entsprach? Drängten solche Luftschlösser gerade in Kopenhagen schubhaft ins Bewußtsein? Beim Lesen der Briefe an die Freundin könnte der Verdacht aufkommen, die Wissenschaft sei gar nicht so wichtig. Entsprach die 'Besessenheit' eher doch, wie eine Sucht, dem Gefühl für die 'verlorene Zeit'? Auf der Rückreise machte Kopfermann einen Abstecher in die Förde-Stadt, so daß er Ende des Jahres schreiben konnte:

"Durch meinen Besuch bei Ihnen in Kiel weiss ich nun wieder, wo und wie Sie leben und denke auch öfters an die Wege, die wir gemeinsam durch das zerstörte Kiel gemacht haben und an den schönen Blick aus Ihrem Fenster auf die Förde. Es ist alles wieder viel belebter."[12]

Am 24. Dezember ging auch ein längerer Brief an Niels Bohr:

"Lieber Herr Bohr! Ehe das Jahr zu Ende geht, möchte ich Ihnen noch einmal meinen herzlichen Dank für die schönen vier Wochen sagen, die ich in Ihrem Kreise verbringen durfte. Ich habe nun genügend Abstand, um die Wirkung beurteilen zu können, welche diese Zeit auf mich hervorgerufen hat. Es ist ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit , das Bewußtsein nicht mehr so isoliert zu sein und zu wissen, dass es grosse gemeinsame Aufgaben gibt. Fraser und ich haben oft darüber diskutiert, ob man so etwas wie einen Europäischen Club gründen sollte und wenn wir nicht öffentlich versucht haben, ihn zu starten, so nur deshalb, weil ich das Gefühl hatte, es dürfe nicht ein Deutscher damit anfangen. Die Gespräche, die ich mit Ihnen hatte, haben mich in meiner Haltung sehr bestärkt und ich war sehr glücklich, in diesen Dingen weitgehend einer Meinung mit Ihnen zu sein. Auch die Art und Weise, wie die anderen dänischen Kollegen mir entgegengekommen sind, war beglückend und anspornend. Ich bin mit sehr grossem Schwung nach Hause gekommen und versuche ihn - und ich glaube mit einigem Erfolg - auf meine Mitarbeiter zu übertragen. Es ist dies im Augenblick ziemlich nötig, mutig und optimistisch zu sein. Die Auswirkungen der Währungsreform auf die finanzielle Unterstützung der Institute ist katastrophal. Unsere Geldmittel, die an sich schon sehr bescheiden waren, sind lächerlich klein geworden und überall werden Assistentenstellen aufgelöst und sogar ganze Institute eingespart. Man hat bei den Staatsstellen erstaunlich wenig Verständnis für die Bedeutung der Physik für das Volksganze und macht viel zu viel in kleiner Parteipolitik. Da auch die Industrie zur Zeit kaum in der Lage ist, Geldmittel zu geben, so sind wir sehr in Sorge, vor allem um unseren jüngeren Nachwuchs. Ich habe mehrere ganz ausgezeichnete junge fähige Physiker, denen ich so sehr noch einige Jahre des Lernens geben würde. Aber es gibt im Augenblick gar keine Möglichkeit. Es ist also kein Wunder, wenn sie nach Amerika, Australien oder Indien schielen und bei der ersten Gelegenheit auswandern werden. / Vor drei Wochen haben wir in München Sommerfelds 80. Geburtstag gefeiert. Der Jubilar war sehr lebendig und hat sich über die wohlgelungene Veranstaltung sichtlich sehr gefreut. / Ich habe eine Bitte an Sie: Unsere Fakultät, angeregt durch Herrn Eucken, denkt daran, Herrn Bjerrum zu seinem 70. Geburtstag zum Ehrendoktor zu machen. Würden Sie so freundlich sein, mir mitzuteilen, ob Sie glauben, dass eine solche Verleihung jetzt schon wieder richtig verstanden wird. / Ihnen und Ihrer Familie herzliche Wünsche für ein gutes Jahr 1949 / Ich bin mit vielen Grüssen Ihr dankbarer Hans Kopfermann."[13]

Bemerkenswert vielleicht, was Kopfermann zum Gedanken eines 'Europäischen Clubs' schrieb. Nicht ganz selbstverständlich auch, dass und wie die Währungsreform, die im täglichen Leben der meisten doch eher positive Auswirkungen hatte, das Institut, die wissenschaftlichen Institutionen, 'katastrophal' einschränkte. Niels' Sohn, Aage Bohr (auf dem Absprung zu einem Aufenthalt in Rabi's New Yorker Labor), antwortete in den ersten Januartagen 1949 mit drei maschinengeschriebenen Seiten (in englisch) zu physikalischen Fragen:

"Since your stay in Copenhagen where you told us about the beautiful measurements on the isotope shifts, we have been very interested in the problems you stressed regarding the interpretation of the results. Before leaving for U.S.A. in a few days I thought I would send you a brief report on some preliminary considerations..."

Diesen wissenschaftlichen Seiten lag ein persönlicher Brief von Niels Bohr bei (vermutlich in dänisch, das Archiv bewahrt den nicht unterzeichneten deutschen Text), dessen eher nostalgischer Grundton nicht dazu angetan war, ein Überdenken wissenschaftlicher Arbeit vor dem Hintergrund des Erlebten zu fördern:

"Lieber Kopfermann, Herzlichen Dank für Ihren Brief. Ihr Besuch in Kopenhagen war für uns alle eine grosse Freude und brachte gute Erinnerungen und neue Hoffnungen hervor. Mit Bewunderung hörten wir von den grossen Fortschritten, die Sie und Ihre Mitarbeiter trotz aller Schwierigkeiten zustande gebracht haben und, wie Sie aus dem Brief von Aage sehen werden, haben Ihre Vorträge im Institut zur weiteren Beschäftigung mit diesen Problemen Anlass gegeben. Vor allem aber war das Zusammensein mit Ihnen für uns eine Verstärkung des Gefühls der Zusammengehörigkeit und ich hoffe, dass wir wie in alten Zeiten einander in mancher Weise behilflich und aufmunternd sein können. / Es hat mir leid getan von den neuen Schwierigkeiten der deutschen wissenschaftlichen Institute zu hören und von Ihren Sorgen über die Entwicklungsmöglichkeiten der Jüngeren. Bitte schreiben Sie mir ausführlich, wenn Sie einen besonders -vielversprechenden jungen Physiker im Auge haben, für den ein zeitweiliger Aufenthalt im Auslande von Bedeutung wäre, und wir werden sehen, was im gegebenen Falle getan werden kann. / Ich war besonders froh, zu hören, dass die Feier für Sommerfeld in München so wohlgelungen verlief, und dass er selber sich noch immer so frisch fühlt. Aus dem Institut haben wir Sommerfeld einen Glückwunsch geschicket und Nachdruck auf die für mich so wertvolle Zusammenarbeit mit ihm in den alten bewegten Tagen gelegt, und ich habe einen sehr lieben Brief bekommen, in dem er seine eigenen Erinnerungen aus jener Zeit betont. / Es hat mich sehr gefreut, dass die Göttinger Fakultät daran denkt, Herrn Bjerrum zum Ehrendoktor zu ernennen. Aus vielen Gesprächen weiss ich, wie lebhaft die Zeiten im Nernst'schen Institut, wo er auch in so nahe Berührung mit Eucken kam, in seinem Gedächtnis leben und ich bin ganz sicher, dass eine solche Ehrung ihm eine wirkliche Freude bereiten wird. / Mit den herzlichsten Wünschen von uns allen für ein gutes Neues Jahr für Sie und Ihre Familie sowie Ihren ganzen Kreis Ihr"[14]

Ein Jahr später hatte Hans Kopfermann Monate hinter sich, von denen er selbst geschrieben hatte, daß sie die ganze Familie, ihn selbst nicht ausgenommen, aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Mit dem Tod des Schwagers waren Anzeichen einer sehr gründlichen Erschütterung der Lebensverhältnisse verbunden. Vor diesem Hintergrund stand die Amerikareise, die er wenige Wochen nach der Katastrophe unternahm. Victor Weisskopf hatte ihn offiziell eingeladen und Hertha sollte auch mitkommen. Unter dem 29. März schrieb Hans Kopfermann aus Arlington, auf Briefpapier des `Massachusetts Institute of Technology, Department of Physics', an Charlotte Gmelin einen relativ ausführlichen Bericht. Kein Wort erinnerte mehr an den unter dem Eindruck der Erschütterung entstandenen, dramatischen Brief, den er ihr vor der Amerikareise geschickt hatte. Allenfalls spiegelte die Intensität, mit der er die Erlebnisse in der neuen Umgebung - er war zum ersten Mal in Amerika - schilderte, noch den Wunsch, die Freundschaft nicht untergehen zu lassen.

"Meine halbe Zeit in USA ist schon herum, Ende April kommt hoffentlich meine Frau (das ist noch die Frage des amerikanischen Visums) und am 10. Juni geht das Schiff nach Rotterdam, so dass wir am 20.6. wieder in Göttingen sind. Es ist für mich eine grosse Zeit, aber auch eine ziemlich anstrengende Zeit. Das Problem der Sprache, die ich nicht beherrsche, ist dabei ziemlich einschneidend, vor allem das Nichtverstehen, da alle Leute, die wirklich eingeboren sind, nuscheln oder schreckliche Umlaute von sich geben. Gut verstehen tut man nur die Emigranten. Und da es von dieser Gattung viele gibt, spricht man viel Deutsch, was wieder nicht dazu beiträgt, sich in Englisch zu vervollkommnen. Dabei halte ich regelmäßig Vorlesungen auf Englisch. Die kann man aber vorbereiten. Was aber das Anstrengenste ist, ist das Bestehen der wissenschaftlichen Probe. Weder in Copenhagen, Cambridge, Oxford oder Zürich hatte ich das Gefühl sehr aus mir herausgehen zu müssen, um der Kritik und der Konkurrenz Stand zu halten. Hier fordern einem aber die vielen ausgezeichneten Leute mit ihrem Wissen und Können das Letzte ab. Und man möchte schliesslich doch bestehen. So wird man gezwungen, sich über seine Kräfte klar zu werden. Nun ich hoffe, einen anständigen Eindruck zu hinterlassen. Dabei geht das Ganze völlig anders zu als bei uns. Einen Komment gibt es nicht: ob Student, ob Professor, man wird beim Vornamen genannt und man hat eben Zeit zu haben für eine Diskussion. Der Chef heisst Zacharias, ausgesprochen "Sackareies" und "Sack" genannt. Ein kleiner untersetzter Mann, Jude, aus den Südstaaten, mit breitem Slang, mit dem man, Hände in den Hosentaschen, auf Tischen oder Sesseln sitzt, die Beine irgendwo anders und redet. Und dann geht es "Hans, Vicki, Sack". Ich muss immer erst überlegen, wer nun "Bruno" oder "George" ist. Auch die zugehörigen Frauen heissen nur "Diane" oder "Eliza". Als ich einmal nach Mrs. Getting fragte, verstand man mich erst garnicht. Und "Hallo, Hans" werde ich jetzt andauernd von mehr oder weniger netten Frauen angeredet. Und so informell sind auch die Abendgesellschaften. Die Frauen gut upgemakt und z.T. gut angezogen, die Männer so wie sie auch am Tag herumlaufen, manche mit Lederbesatz auf den Ellenbogen. Dann liegt einer oder eine auf dem Teppich, die anderen in Sesseln, die Damen zeigen dabei sehr ungeniert viel Gebein, oft allzuviel, ohne dass man darauf achtet. "Fein" ist man nur in Harvard, dem man vorn und hinten die alte englische Tradition anmerkt und über die viel gespottet wird, wobei vielleicht ein bißchen Hochachtung liegt. Im ganzen schaut man aber - und das ist recht erfreulich - auf den Menschen und nicht auf die Schale. Die Aufmachung spielt weniger eine Rolle als bei uns. Viele Studenten tragen hellblaue Leinenhosen mit vielen Flicken und einen bunten Pullover ohne Kragen und Hemd und in der Vorlesung sitzt der Dozent oft amerikanisch auf einem Stuhl und hat beim Reden die Pfeife im Mund oder er bindet sich zu dem Zwecke Kragen und Schlips ab. Es gibt viele Primitive, auch unter den Professoren, z.T. Juden, die direkt aus der untersten Schicht der New Yorker Polnischen Juden kommen. Was sie alle und gerade diese auszeichnet, ist eine bewundernswerte Schärfe des Verstandes und ein erstaunliches Vermögen, wie ein Schwamm Wissen, Kultur etc. aufzusaugen und zu verarbeiten. Das scheint mir überhaupt die grosse Seite Amerikas zu sein: Man frisst alles auf, was einem vor den Mund kommt und verdaut es. Dass die amerikanische Physik z. B. so schnell so gross geworden ist, verdankt sie diesem gesunden Magen. Die europäischen d.h. meist deutschen und italienischen Emigranten, es sind an guten höchstens 20, haben eine grossartige Schule gemacht und das ist eben jetzt wirklich amerikanisch. Das ist in der Musik nicht anders. Ich habe noch nie so viel schöne Musik gut gespielt und gesungen gehört wie in diesen beiden Monaten. Bach, Schütz, Mozart, Hindemith, Reger. Herrliche Chöre, gute Orchester, ausgezeichnete Dirigenten, darunter Hindemith selbst, der Prof. für Musik an Harvard ist. Und auch hier ist es so, dass niemand empfindet, dieses ist deutsche Musik oder europäische Musik. Sie sind ja alle Europäer einmal gewesen und saugen all das auf, um es auf ihre Weise zu verdauen. Man wird ein wenig an die Parallele Griechenland-Rom erinnert, wobei wir die schöne aber leicht tragische Rolle der Griechen spielen und die Amerikaner doch etwas anders reagieren als die Römer, weil sie im Gegensatz zu diesen dieselbe Rasse sind und den Vorteil haben, sich aus dem Europäischen Angebot nach Belieben auszuwählen. Das klingt alles so, als ob ich etwa vorhätte, mich von den Leuten hier betören zu lassen. Wenn ich 30 wäre oder noch jünger, würde ich mir vielleicht überlegen, ob ich nicht hierbleiben sollte. Mit meinen nun beinah 55 Jahren denke ich natürlich nicht daran und wahrscheinlich würde ich es auch nicht tun, wenn ich jung wäre. Was mir fehlt ist die Ruhe Göttingens, die Landschaft, die Sprache. Nicht als ob es hier keine Landschaft gäbe. Sie ist wilder, naturhafter, ungepflegter. Selbst die Städte und Dörfer in New England hier herum wirken doch nur wie ein schlechter Abklatsch von Alt England. Die Kolleges sind neureicher, die Kirchen Neupotsdam etc. New-Yorker Architektur hat etwas Grossartiges! Ich sehe natürlich nur eine Auslese aus dem Besten, was USA zu bieten hat, vergleiche aber auch nur etwa mit Göttingen. Vieles ist jünger, frischer, lebendiger. Vor allem bewundere ich den Mangel an professörlicher Überheblichkeit und an Brotneid. Wenn ich denke, dass auf Weisskopfs Schreibtisch alle Manuskripte theoretischer Art liegen und mit den Autoren diskutiert werden, ehe sie im Druck erscheinen, so empfinde ich das als grossartig und erstrebenswert. Bei uns hüllt man sich in Schweigen, damit der liebe Kollege nur ja nicht erfährt, was man selber tut. Das Land ist unwahrscheinlich reich. Es gibt zu jeder Jahreszeit alles zu essen. Im Winter erntet man Äpfel in den Südstaaten und Tomaten in California. Apfelsinen, Spargel, Salat ist immer frisch zu haben. Man kann sich kein Mineral oder Metall denken, das nicht in einem der Staaten von USA gewonnen wird. Der Haushalt ist phantastisch durchkonstruiert. Man nimmt seine schmutzige Wäsche ins Auto (auf jeden 4. Menschen kommt ein Auto!) und fährt zur Wäscherei, stopft sie dort eigenhändig in eine der in 30facher Auflage vorhandenen Waschmaschinen und holt sie nach einer halben Stunde ab, wo sie bereits durch die Zentrifuge gegangen ist und fast trocken ist. Den gelernten Arbeitern geht es hier besonders gut. Sie fahren im eigenen Auto zu Arbeitsstelle. Typisch ist aber folgender Fall: Einer der jüngeren Kollegen der noch nicht lange verheiratet ist, hat mich öfters in einem Wagen heimgefahren, wie ihn weder Philipp noch sein Göttinger Kollege Martius hat. Er entschuldigte sich neulich bei mir, er habe mich noch nicht zum Dinner einladen können, da er keinen Tisch habe. Er wollte sich nun aber einen machen. Kaufen sei zu teuer. Politik wird immerzu diskutiert. Die H-Bombe, die Koministen (sic!) und one world or none sind die beliebtesten Themen. Ich bin sehr froh hiergewesen zu sein. Man bekommt manchen Aspekt, der einem hilft, vieles zu verstehen oder anders zu sehen. Und wissenschaftlich habe ich viel gelernt."

Kopfermann hatte eine Art, die Dinge zu sehen, 'wie sie sind', einfache Beobachtungen zu machen, unmittelbare Eindrücke wiederzugeben, sich nicht in komplizierte Gefühle und Überlegungen zu verlieren. Die New Yorker Architektur hatte einfach 'etwas Grossartiges', er mußte sich weiter zum Symbolischen nicht äußern. Andererseits erschien ihm Neuengland als 'schlechter Abklatsch' von Old England mit einer 'ungepflegteren' Natur. Der Kreis der 'ausgezeichneten' Fachgenossen forderte ihn heraus, wie kein anderer es je getan. Entsprechend groß war die Anstrengung, 'einen anständigen Eindruck' zu hinterlassen. Es kennzeichnete ihn vielleicht besonders die Beobachtung, daß 'Brotneid' und 'professörliche Überheblichkeit', so wie er sie kannte, nicht vorzukommen schienen, ein sehr attraktiver Grundzug. Einschränkend bemerkt er höchstens, daß er nur eine 'Auslese vom Besten, was USA zu bieten hat' sah. Dafür vergleicht er 'auch nur etwa mit Göttingen', sprich, mit dem Besten diesseits des Atlantiks?

Es überrascht nicht, daß zwei Jahre nach dem Ende der Hungerzeiten noch immer der 'unwahrscheinliche' Reichtum Amerikas an erster Stelle darin zum Ausdruck kam, daß es 'zu jeder Jahreszeit alles zu essen gibt'. 'Waschsalon' als Symbol für 'phantastisch' rationalisierte Hausarbeit und das Auto für fast jedermann beeindruckten nicht weniger. Doch auch, daß man ein Auto fährt, wie nicht einmal der wohlhabenste Kollege und Klinikchef in Göttingen oder Kiel, aber kein Geld ausgibt, um sich einen Tisch zu kaufen.

'Primitiv' zu sein, aber um so bildungshungriger, scheint ihm typisch für Amerika. Wie eben der Professor direkt aus der untersten Schicht polnisch-jüdischer Einwanderer in New York. Denn was sie auszeichnet, gerade diese Art von Amerikanern, ist die 'Schärfe ihres Verstandes', gepaart mit der Fähigkeit, 'wie ein Schwamm' Wissen und Kultur aufzunehmen und zu verarbeiten. Amerikas große Seite, so Kopfermanns Bonmot: 'man frißt alles auf und verdaut es'. Seine Bewunderung ist aber wie selbstverständlich an seine Voreingenommenheit, an eine Variante von 'Eurozentrismus', geknüpft: in Physik und ('ernster') Musik haben die Amerikaner es bewunderswert weit gebracht. Dabei schien ihm - leichthin - die 'großartige Schule' von ganz wenigen 'Emigranten' das bedeutende Moment. Für dieses eine Mal hatte der Schreiber sich in einen Gedanken zum Kulturtransfer verliebt und verstieg sich gar zu dem Vergleich mit Griechen und Römern. Anscheinend unbekümmert schrieb er 'Rasse' und meinte vielleicht eher 'Kultur'. Jedenfalls scheint es mir, als ließe sich die griechische von der römischen Kultur zur Not so unterscheiden, daß, wie er es meinte, seine Amerikaner dann doch wieder keine Römer, sondern eher römische Griechen waren. Ein in jeder Hinsicht windiger Exkurs.

Kopfermann kam in Cambridge und am MIT in eine Umgebung, die in vielem 'frischer, lebendiger' wirkte, die keinen 'Komment' zu kennen schien und in der man von morgens bis abends in blue jeans herumlaufen konnte (Leinen oder Baumwolle?). Er erlebte eine amerikanische Umgebung, eine unter vielen anderen. Gemessen am mitgebrachten Maßstab das 'Beste, was USA zu bieten hatte'. Kopfermanns Neugier hielt sich im Rahmen der 'eurozentrischen' Aspekte, um nicht zu sagen, im Rahmen dessen, was den 'Göttinger' Horizont nicht sprengte. Amerika mit all seinen politischen, sozialen und kulturellen Höhen und Tiefen lag nicht und konnte nicht in seinem Beobachtungshorizont liegen. Einen Ausschnitt aus der politischen Thematik, der seine Umgebung besonders beschäftigte, erwähnte er zwar: "H-Bombe, Kommunisten, one world or none", machte aber keine weiteren Ausführungen.

Rudolf Ladenburg schrieb am 20. Februar 1950 an Max Laue:

"Ich glaube, ich habe Ihnen lange nicht geschrieben. Indessen hat man sich hier, und wohl auch andern Ortes, ziemlich über die sogenannte Wasserstoffbombe - die hier nur H-Bombe im Gegensatz zur sogenannten Atom-Bombe genannt wird - und über die höchst unerfreuliche Spionengeschichte des Dr. Fuchs so aufgeregt, daß die Sensation über Einsteins neue Arbeit bereits fast ganz verschwunden ist. Ich schicke Ihnen hier 2 Zeitungsartikel, die sie interessieren werden. Daß Kopfermann glücklich in USA ankam u. zwar gerade rechtzeitig zur großen, stark besuchten N.Y.- Konfernz der APS, wisssen Sie gewiß. Ich sprach ihn bald nach seiner Ankunft ausführlich u. machte ihn mit etlichen Kollegen bekannt. Wenn er sich in Cambridge etwas an Amerika u. die Amerikaner speziell an deren Sprache gewöhnt hat, wird er auch etwas zu uns kommen - was macht übrigens Otto Hahn, von dem wir lange nichts gehört haben? Meiner Frau ist es in den letzten Monaten gar nicht gut gegangen, Sie hat mit der Niere und besonders mit ihrer Galle viel auszustehen, so daß man daran denkt, die letztere herauszunehmen, was heutzutage für eine nicht gefährliche Operation gilt, aber es ist mir doch recht ungemütlich, milde gesagt...[15].

Kopfermanns Begegnungen in USA dienten dazu, die Arbeiten des Göttinger Instituts nicht nur auf Literaturbasis mit denen der Konkurrenz zu vergleichen und nach Möglichkeit Perspektiven zu entwickeln. Um Zacharias scharte sich eine der Molekularstrahl-Gruppen, die aus der Rabi-Gruppe an der Columbia University hervorgegangen waren und sich mit hochfrequenztechnischen Präzisionsmessungen beschäftigten. Die theoretische Kernphysik, das konnte ihm Victor Weisskopf bestätigen, war nach wie vor an der Systematik der Kernmomente interessiert. Kopfermann konnte die Genugtuung haben, 'mithalten' zu können. Unter dem 27. Februar schrieb er an Peter Brix, daß die Samariumarbeit sehr anerkannt worden sei[16]. Isaac Rabi habe gemeint, die Bestimmung des Samarium-Quadrupolmoments sei eine wunderbare Idee gewesen. Unter dem 5.Mai teilte Kopfermann mit, daß er lange mit Schawlow[17] geredet habe, der sei ein 'kluger Kopf'. In Chicago sei die Betatron-Arbeit sehr gut aufgenommen worden; jemand habe zu ihm gesagt: "Sie haben ja einen Namensvetter, der ein Feinstrukturspezialist ist! Ja, das bin ich selber...."[18]

Wenn er sich ein Urteil zu bilden versuchte, konnte er zu dem Schluß kommen, daß kernspektroskopische Präzisionsmessungen, ja selbst die Hyperfeinstrukturanalysen, mit denen er vor 20 Jahren begonnen hatte, sich einen Namen zu machen, noch immer ein weithin offenes Arbeitsfeld darstellten. Es war zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht abzusehen, wie sehr die technische Entwicklung die Forschung vorantreiben würde und wie schnell dann doch der Großteil der Aufgaben erledigt sein würde. Es sollte sich zeigen, daß sowohl die Molekularstrahlspektroskopie als auch die Betatronphysik, als sie im Göttinger und Heidelberger Institut konkurrenzfähig wurden, gemessen am allgemeinen Forschungsstand, überholt waren. Wenn Kopfermann einer Fehleinschätzung erlag, dann war es weniger die der Richtung, als die der Geschwindigkeit der Entwicklung in seinem Spezialgebiet.

Am 7. Juni 1950 besuchte Hans Kopfermann das 'Brookhaven National Laboratory' auf Long Island/New York. Sam Goudsmit begleitete ihn "on usual visitors tour of Cloud Chamber, Van de Graaf and Cosmotron Buildings" und außer mit Goudsmit sprach er mit J. Hornbostel und mit Vernon Cohen, dem Leiter der Atomstrahlgruppe des Labors.[19]

* * *

Wenn er dreißig Jahre jünger gewesen wäre, hätte er eine Übersiedlung nach Amerika vielleicht erwogen, schrieb Hans Kopfermann. Mancher Emigrant von 1945 versuchte vergeblich, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Einer von ihnen war Adolf Baeumker, prominenter Organisator der Kriegsforschung[20], der 1945 mit Familie von den Amerikanern 'eingekauft' worden war. Hermann Rein und Robert Pohl setzten sich 1949 bei Adenauer für ihn ein, der damalige Ministerialdirigent Blankenhorn sah keine Möglichkeit zur 'Wiederverwendung'. Baeumker suchte auch weiterhin den Kontakt und übermittelte den Freunden, wie aus einem Brief an Walther Gerlach vom 11. Januar 1950 aus Dayton hervorgeht, seine Ansichten von Politik und (alliierter) Wissenschaftspolitik in Deutschland:

"... Wenn nur die deutsche Innenpolitik nicht so leidenschaftlich gegensätzlich wäre. Die Antagonie Adenauer-Schumacher ist wirklich der alte Weimarstil. Wer dächte nicht an den klugen, aber unglücklichen Helfferich, an dessen Ähnlichkeit mit Schacht in der Methode? Die Gesamtwirkung, vor allem in der Außenpolitik, hat keiner richtig abgeschätzt. Aber warum nachdenken? Sie ändern ja ihren Charakter doch nicht. Es sind starke, sehr einseitige Männer. Zu Weihnachten verfaßte ich eine Schrift über die Aufgaben in der Zusammenfassung der deutschen Forschung, die meine individuelle Meinung darstellt. Sie sollten sie lesen. Ich sandte sie an Rein, u. Dr. Hoeck, meinen Düsseldorfer Freund, der nach 1943 im ...(?) mein Mitarbeiter war. Sie kann vieles nicht sagen, ist aber sehr frei. In vielem mag sie Ihre Meinung decken, in 1 oder 2 wichtigen Dingen nicht. Meine Auffassung ist stark mit Nachkriegserkenntnissen der hiesigen Arbeitsweise durchtränkt, deren Vorteile und Nachteile ich abwäge (im Herzen, nicht auf dem Papier)...[21]

In einem späteren, 1957, vermutlich als Anwort auf einen Kondolenzbrief Gerlachs zum Tode von Frau Baeumker, geschriebenen Brief resümierte Baeumker mit Bitterkeit sein Los:

"...1954 wurde ich erst US-Bürger. Ohne persönliche Einflußmöglichkeit von hier, aus diesem Kontinent nach Europa, fiel alles ins Wasser, was ich in Deutschland erhoffte. Wenn ich hier arbeitsunfähig werde, werde ich 100 Dollar im Monat Subsistenzmittel zu erwarten haben. - Das ist meine Situation. - Ich empfinde das Gesetz in seinen unbiegsamen Bestimmungen als einen Ausdruck der Ablehnung jener, die durch das Schicksal gezwungen worden waren, in die Fremde zu gehen. Der Verlust meiner, "wohlerworbenen Rechte" - die bis dahin Beamten und Offizieren gegenüber nur Hitler in Frage zu stellen gewagt hatte - hat mich im Innersten erschüttert. Ich hatte das nie für möglich gehalten. Ich hatte in 37 Dienstjahren (1908-1945) niemals der Versuchung statt gegeben, Geld zu machen und diente für wenig Bezahlung (Herr Milch als Lufthansadirektor bezog seit 1925 monatlich 2500 RM plus Bonus, später viel mehr und hat jetzt noch Oberstleutnants- oder Oberstpension. Ich bezog rund 600 RM bis 1933, später etwas mehr). Ich werde aus diesem Leben mit tiefer Verbitterung gegen die Leichtfertigkeit der Gesetzgeber (die keinen Härteparagraphen einbauten) und gegen die Verwaltung des neuen Staates (die Beamtenrechte der alten Reichsbeamten durch das oberste Bundesgericht in Karlsruhe ablehnen ließ) scheiden. Mein altes teures Vaterland aus tiefstem Herzen dabei zu lieben, wird gleichzeitig daneben aufrecht erhalten werden. Ich werde für es beten, wie ich es immer tue. Es ist kein Zufall, daß ich diesen letzten Schlag - die Herzanfälle, angina pectoris - im Dienst deutscher und amerikanischer Zusammenarbeit an einem ausnehmend heißen Tage in Los Angeles erlitt. Eine "Dienstbeschädigung", erlitten im Dienste beider Regierungen. Herrn Pohl und Herrn Rein bin ich noch heute für den einzigen wirklichen Versuch verbunden, mich zur Heimat zurückzuholen. Doch auch Ihnen, den Herren Hahn, Blank, später Bock, Blume und manchem anderen schulde ich viel für ein unverändert treues Gedenken. Lieber Gerlach, ich wünsche Ihnen innigst noch viele Jahre lebendiger Arbeit und Lebensglück mit Ihrer Gattin. Herzlichen Dank nochmals von ganzem Herzen für Ihr Gedenken an alte Zeiten treuer Arbeits- und Menschenverbundenheit..."

Baeumker war mit 54 Jahren nach Amerika gekommen und neun Jahre später amerikanischer Staatsbürger geworden. Er liebte sein 'altes teures Vaterland' und betete für es. Dabei gewinnt der Leser allerdings den Eindruck, als sei dies Vaterland vom Ideal eines sich aufopfernden, aber in den äußeren Lebensumständen abgesicherten Beamten nicht zu trennen und deshalb eine entrückte Realität. Ein Beispiel vielleicht, wie persönliche Enttäuschungen sich als weltgeschichtlicher Verlust darstellen können, und die Liebe einer scheinbar großen Sache (einem 'Vaterland') galt, die weniger in der Realität ihre Entsprechung hatte als sie sich mit eigenen Zielen und Erfolgen einer früheren Lebensphase verbinden ließ. Eine Liebe, die der persönlichen Vergangenheit galt und das versöhnende Korrelat der Enttäuschungen bildete. Das Vaterland als 'Lebenslüge'.

Adolf Baeumker hatte sich mit seiner Karriere im Hitlerregime kompromittiert. Doch das hatten andere auch getan, und es hat sie, nicht zuletzt in Luftfahrtforschung und beim Aufbau der Bundeswehr nicht gehindert, wieder Karriere machen.

* * *

Im Herbst 1949 erkundigte sich Carl Friedrich Weizsäcker bei Victor Weisskopf nach Möglichkeiten einer Einladung nach Cambridge/Mass.. Weisskopf gab höflich ablehnende Auskunft und sagte den Astronomen-Kollegen (Bart Bok), er, Weisskopf würde Weizsäcker aus politischen Gründen nicht einladen. Dann traf er Weizsäcker in Washington und Weizsäcker erklärte, er sei in der Diktatur zeitweilig "verblendet" gewesen. Weisskopf gewann in dem Gespräch auch den Eindruck, dass Weizsäckers Verhalten im Krieg weniger gravierend sei als seine Einstellung und seine Ansichten heute. Er berichtete zu Hause den Astronomen und von einer Einladung ans Observatorium schien keine Rede mehr. Aber Weizsäcker wurde, wohl mit Edward Tellers Fürsprache, doch zum Vortrag eingeladen, und Samuel Goudsmit schrieb einen sehr polemischen Brief an Weisskopf:

"... I am well aware of the fact that you are helping men like your friend Von Weizsäcker our of an inner kindness. To you, no doubt, applies the quotation from Goethe, "Die Sonne hat noch nie einen Schatten gesehen". I also am aware that your heart is still, and allways has been, in Germany but I think you have to grow-up by now and snap-cut of that attitude because that Germany of the Weimar Republic existed only in our imagination and in a small corner among a few of the intellectuals. It certainly doesn'nt exist any more now. Some of it could be revived by supporting the right men, especially the younger generation, but not by promoting men like your friend Von Weizsäcker. If you want to help Germany - help ist future but not its past."[22]

Weisskopf antwortete unter dem 24 Februar 1950 mit einer Darstellung der Fakten, die ich hier übernommen habe und schrieb weiter:

"I must take it almost as a personal offense to be put in the same category as Teller in these matters. / I am also afraid of the misunderstanding on your part because of Kopfermann. I have told you several times that some of the reasons why I invited Kopfermann was to counteract a trend of inviting only former Nazis to this country. If you spread some stories of the type of your letter, implying that I am a supporter of Weizsäcker, I am not achieving the purpose which I wanted to. I do what I can with my limited means to support the right people in Germany and your kind of attack based on false information does not help me nor the cause, both of us want to support."[23]

Im Frühjahr 1952 wurde Weizsäcker zur Harvard Sommerschule eingeladen. Vor dem Hintergrund des Koreakriegs und des McCarthy Act schrieb Weisskopf an Otto Oldenberg im Harvard Physik Laboratorium. Er sei sehr betroffen: "I feel that this invitation will do very much harm in scientific circles abroad.". Weizsäcker habe vermutlich zwar Abstand gewonnen zu seiner Einstellung in der Vergangenheit, sei aber im heutigen Deutschland ein Exponent von Bewegungen und Organsationen, die den wissenschaftlich-rationalen Zugang zu unseren Problemen schlecht machten und irrationale und emotionale Wege gingen (Nähe zu den antiwissenschaftlichen und irrationalen Tendenzen im Nationasozialismus). Das sei aber nicht der Punkt.

"I do not wish to argue against Professor Weiszäcker's appointment from the basis that I do not agree with his philosophy. On the contrary, just in these days it is necessary to emphasize that every idea, wether it is popular or not, has the right to be defended by anyone. We must have a great variety of ideas presented to our youth, and I am strongly against excluding philosophical ideas from our universities whether they come from the right or the left. / The case against Weizsäcker lies on a different level. Our scientific reputation abroad is greatly endangered by a rather unrealistic policy of preventing foreign scientists to visit our country on the basis of superficial and flimsy accusations of connections with leftist ideas. The list of scientists that have been prevented from coming to this country is growing every day. We cannot get the benefit of having people like Blackett, Powell, Bauer, Kastler and Chain come to this country; all outstanding leaders in their field of research. This state of affairs has greatly jeopardized the reputation of the United States abroad in the field of science which is the field in which this reputation is highest. The extension of the priviledge of a visa at this time to a man who is widely recognized as being strongly involved in philosophical and political ideas of the extreme right would have a terribly discouraging effect upon our friends abroad. It will greatly help those who want to show that science in the United States is infiltrated wich political elements. / Professor Weizsäcker's appointment may have another undesirable effect. In Germany proper an invitation to the first university of the United States is increasing his reputation and that of his philosophy enormously and it would help to increase the influence of those elements in German academic life which we do not really desire to become influential. / It is admitted that Professor Weizsäcker is an excellent lecturer and his presentation of science and his (sic!) history can be extremly fascinating. I am aware of the fact that by not inviting Dr. Weizsäcker, we would not only deprive our students from enjoying his abilities, but also we are acting apparently against the principles of freedom of teaching. However, in our present situation, I am afraid that his invitation will strengthen the position of those people abroad who are not in sympathy with our own ideals here in the United States." [24]

Offenbar dachte Weisskopf gar nicht daran, Weizsäckers Ansichten gerecht zu werden und tat vermutlich auch der eigenen Sache mit grober (Fehl-) Einschätzung, sowohl der Person als auch ihres politischen Wirkens in Deutschland, keinen guten Dienst. So groß wie sein Fehlurteil war die Erbitterung über die amerikanische Besucherpolitik. So groß, dass er selbst in die Schwarzweißmalerei der McCarthy-Ära verfiel. Hat Weizsäcker erwogen, die Einladung abzulehnen mit dem Hinweis auf die verheerenden Konsequenzen amerikanischer Ideologie auch in Europa?


[1]Jost Lemmerich Hg., Lise Meitner - Max von Laue, Briefwechsel 1938-1948, Berlin, ESR, 1998, S. 452

[2]Hans Habe, loc.cit., S.127; s. a. Der Aufbau März 1947

[3]Gert Rathenau, ein Neffe Walther Rathenaus, ging ins Exil nach Holland, arbeitete bei Philips und gehörte in den 50er Jahren zum Redaktionskollegium der `Physica'. Heinz Maier-Leibnitz war der Neffe von Reinhold Maier, des seinerzeit prominenten Mitglieds der DDP (Partei auch Walther Rathenaus) und späteren württembergischen Ministerpräsidenten.

[4]Einen Ruf nach Hamburg lehnte er ab. In Freiburg mußte das zerstörte Institut von Grund auf neugebaut werden. Vgl. Anselm Citron, "A great physicist of rare human qualities" in Volker Soergel Hg., Wolfgang Gentner (1906-1980) CERN/DOC 82 - 3, Genève 1982, S. 6

[5]Zu allen Angaben und Zitaten s. Anne-Lydia Edingshaus, Heinz Maier-Leibnitz - ein halbes Jahrhundert experimentelle Physik, München (Piper) 1986

[6] Berkeley Archive for the History of Quantum Physics / Bohr Scientific Correspondenz (AHQP/BSC) - 30 1946-1962, J-OLI. Freundliche Mitteilung Gerhard Rammer. Im Brief Kopfermans heißt es im übrigen: "Unsere Physik ist wieder ganz ordentlich im Laufen. Unser kleines Betatron (6MeV) macht uns viel Freude und die Untersuchung des Isotopieverschiebungseffektes der schweren Elemente geht gut voran. Wenn wir noch ein wenig mehr Material gesammelt haben, hoffe ich einige Aussagen über die elektrostatische Ladungsverteilung im Kern machen zu können. Neuerdings sind wir sehr angeregt worden durch die Feinstrukturanomalien an der H-alpha. Wir haben daraufhin die Feinstruktur der alten Paschenschen He+ - Linie lambda= 4686 A (n=4 -> n=3) untersucht und festgestellt, dass die Bethesche Profezeihung für die Verschiebung des 3-Dublett-P-einhalb Terms richtig ist. Nun versuchen wir noch die Li ++ -Linie lambda= 4501 A (n=5 -> n=4), die allerdings schwer anregbar zu sein scheint.Wie gern würde ich alle diese mich sehr bewegenden Fragen wieder einmal mit Ihnen diskutieren. Hoffentlich kommt Weisskopf nun wirklich hierher. Dann könnte ich mich wenigstens mit ihm eingehend darüber unterhalten. / Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüsse, auch von meiner Frau, Ihr Hans Kopfermann"

[7]Auch dieses Zitat, sowie die Angaben zu den Begleitumständen der Reise, verdanke ich der freundlichen Mitteilung von Gerhard Rammer

[8]Alle Zitate Personalakte Jensen, Universitätsarchiv Heidelberg.

[9] Maria Goeppert, Phys. Rev. 75, 1949 und: Otto Haxel, Hans D. Jensen und Hans Suess ebendort und Z. Physik 128, 1950; Otto Haxel hatte den Grundgedanken, die Kernschalen-Modellvorstellung wieder in Arbeit zu nehmen, zuerst mit Werner Heisenberg besprochen, der sich jedoch geschworen hatte, "damit nicht noch einmal anzufangen". Haxel gab dann Hans Jensen den Anstoß zu dessen theoretischen Beiträgen. Jensen hat Haxels Verdienst und ihre Freundschaft bezeugt, indem er seine Nobel-Medaille testamentarisch Otto Haxel vermachte (pers. Mitt. Ilse Haxel, Gespräch August 2000).

[10]Personalakte Kopfermann, Universitätsarchiv Göttingen, Nr.13, dort ist als Reisedatum der 6. September 1948 angegeben; S. a. weiter unten zitierte Briefe aus Kopenhagen an Charlotte Gmelin.

[11]Korrespondenz, Privatarchiv Charlotte Gmelin

[12]Brief vom 21.12.48, ebenda

[13]Archive for the History of Quantum Physics / Bohr Scientific Correspondenz, Berkeley. Freundliche Mitteilung Gerhard Rammer März 2001.

[14]Ebendort. Freundliche Mitteilung Gerhard Rammer März 2001.

[15] Klaus Fuchs arbeitete als Physiker im britischen Kernwaffenprogramm und hatte, politisch motiviert, technische Spionage für die Sowjetunion betrieben. Bei 'Einsteins neuer Arbeit' dürfte es sich um den Aufsatz "Generalized Theory of Gravitation" handeln, der als Anhang zu Einsteins Meaning of Relativity gedruckt und u.a. im Scientific American (182, S.13-17) ausführlich referiert wurde. Unter dem 8.1.1950 schrieb Einstein an Max Born: "Der Unfug in der Presse über meine letzte Arbeit ist sehr ärgerlich" (Briefwechsel a.a.O., S. 146)

[16]Unter dem 4. April sorgte er sich um den Fortgang der Blei-Arbeit, bittet Brix, den Isotopen-Lieferanten Erbacher zu mahnen.

[17]Nobelpreisträger 1981. Arthur Leonard Schawlow (geb. 1921) und George Townes erfanden 1958 das Laserprinzip

[18]Alle Angaben nach Peter Brix, Vortrag anläßlich der Namensgebung der Hans Kopfermann Straße in Garching, VHS-Band Ilse Brix

[19]"Report of Alien Visitor to Brookhaven National Laboratory June 7, 1950, Niels Bohr Library Maryland, Samuel Abraham Goudsmit Papers, Box 12, Freundliche Mitteilung Gerhard Rammer März 2001

[20]Adolf Georg Heinrich Baeumker (1891-1976) koordinierte seit 1942 im Reichsluftfahrministerium zusammen mit Ludwig Prandtl, Friedrich Seewald, und Walther Georgii die 'Forschungsführung'.

[21]Deutsches Museum München, Nachlaß Walter Gerlach, Korrespondenz. Zu Beginn des Schreibens hieß es: "Die beiliegende Notiz sandte ich in Dayton-Fassung für 'meine 5' an Rein nach Göttingen. Ihnen anbei die verkürzte New Yorker Auflage, die rein sachlich gehalten ist und Hinweise vermeidet - während die an Rein gesandte in der Überschrift das zeigte, was der Engländer Fuller mit einem gewissen Komplex kennzeichnete. Es war im Reinschen Exemplar noch ausgesprochen, dass das Kind zu schnell gesundet und deshalb bei schmaler Kost gehalten werden müsse. Ich empfehle mich notfalls dann für unsere Freunde als bescheidene Aushilfe (Hilfskellner) in der Küchenwirtschaft -- Hungern sollen sie nicht, auch nicht wieder dünn werden." Sollte vermutlich im Klartext heißen, daß die Amerikaner in den Deutschen Wissenschaftlern potentielle Konkurrenten sahen, und Baeumker sich gerne als Vermittler in Sachen Wissenschaftsmanagement angeboten hätte.

[22]Niels Bohr Library Maryland, Samuel Goudsmit Papers, Box 24, Series III. Freundliche Mitteilung Gerhard Rammer März 2001.

[23]Ebenda.

[24]Ebenda, freundliche Mitteilung Gerhard Rammer, März 2001

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

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