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Die neu verfaßte Wissenschaft

Als Jahrgang 2 erschienen 1946 die 'Physikalischen Blätter' unter dem Titel "Neue Physikalische Blätter, Herausgegeben von Ernst Brüche" in Stuttgart neu:

"Die Neuen Physikalischen Blätter" wollen der Erhaltung und Entwicklung des naturwissenschaftlichen Lebens in Deutschland dienen. Sie sehen in der Pflege der Wissenschaft in Zusammenarbeit mit anderen Völkern einen der Wege zur Gesundung Deutschlands".

Wie hatte es doch im ersten Heft 1943, mitten im Krieg und ganz auf der Linie des Propagandaministeriums geheißen? "Unsere Sache ist Deutschlands Sache". Die Physikalischen Blätter hielten es offenbar für ausgemacht, daß jedwede Pflege der Wissenschaft zum Guten gereiche.

1947 kehrte Brüches und Ramsauers Zeitschrift auch zum alten Titel zurück, das 'Neue' verschwand. Auf der ersten Seite des Jahrgangs 3 erklärte Max Laue als Vorsitzender der Physikalischen Gesellschaft der Britischen Zone im Januar 1947:

"Die Kulturkrise, welche über die Welt, insbesondere über Deutschland hereingebrochen ist, hat Anfang 1945 auch die Arbeit der hundertjährigen Deutschen Physikalischen Gesellschaft unterbrochen. Wir können sie zunächst als Gesamtgesellschaft nicht weiterführen. So treten vorläufig regionale Gesellschaften an ihre Stelle".

Ernst Brüche berichtete auf Seite 2 von der Hundertjahrfeier der DPG zwei Jahre zuvor:

"Die schlichte Feierstunde im sechsten Jahr des Völkerringens (am 18.1.1945 in Berlin K.S.) wurde vom dem Vorsitzenden der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, C. Ramsauer eröffnet..."[1]

War dem Autor seine Formulierung 'im sechsten Jahr des Völkerringens' ganz selbstverständlich? Wie hätte er anders schreiben können? Im drittten oder vierten Jahr des Völkermords? Nein, eine vom überkommenen Patriotismus und Schlimmerem befreiende Denkweise hatte der Herausgeber der Physikalischen Blätter nicht.

Entrüstung über den Gang der Entnazifizierungspraxis auch im Blatt der Physiker: es druckte ab, was Hermann Rein und Otto Hahn dazu geäußert hatten, nämlich, daß nach der "Spontanentnazifizierung, die zweifellos das Richtige traf" das was "unter der Devise 'Entnazifizierung' in letzter Zeit an manchen deutschen Hochschulen inszeniert wurde, nur mit offener Entrüstung" zu betrachten sei.

Ein Major der SHAEF hatte den Vertretern der Gelsenberg-Zechen am 15 April 1945 erklärt: "Revolution wird nicht geduldet" und die ersten Gewerkschaftsgründungen riefen seitens der Engländer und Amerikaner so starke Befürchtungen hervor, daß letztere ab Juli ein dreimonatiges Gewerkschaftsverbot erließen. Mit der Zulassung von Gewerkschaften in der britischen Zone im September wurde gleichzeitig die Einheitsgewerkschaft verboten und das Industrieverbandsprinzip als Kompromiß angeboten und in einem historischen Beschluß in Düsseldorf am 7. Dezember angenommen[2]. Die 'Physikalischen Blätter' reagierten auf ihre Weise auf die aktuelle Problematik. Ernst Brüche schnitt die Frage der Neuorganisation 1946 unter der Überschrift "Wissenschaftliche Gesellschaft oder Gewerkschaftsgründung?" an. Er, als "der frühere Leiter der Informationsstelle deutscher Physiker", und M. Schön, "einer der bisherigen Schriftleiter der 'Physikalischen Berichte'", hatten sich im September 1945 getroffen und an einige Kollegen in einem Rundschreiben die Frage gerichtet:

"Würden Sie im Hinblick auf eine bisher fehlende Standesvertretung die Gründung eines Bundes Deutscher Physiker im Rahmen des Gewerkschaftsgesetzes begrüßen?"

Die auszugsweise und anonym wiedergegebenen Antworten waren aufschlußreich:

"Jeder Physiker wird zunächst schon deswegen, weil es eine so neuartige Frage ist, zu einer negativen Beantwortung neigen. Aber es ist doch interessant, daß diese Frage auch anderenorts aufgetaucht ist. So habe ich gehört, daß Heidelberger Stellen sich in dieser Frage an englische und französische Physiker gewandt haben, um von dort, wo die gewerkschaftliche Zusammenfassung der Wissenschaftler schon gewisse Fortschritte gemacht haben soll, näheres darüber und über die Satzungen zu erfahren".

oder:

"Mit Befriedigung können wir feststellen, daß sich nur wenige Berufsstände so wenig mit der Partei kompromittiert haben, wie der unsere. Ich möchte das unserem Sinn für das Wirkliche und Konstruktive zuschreiben. Deshalb sollten wir auch jetzt in vorderster Linie stehen und mit jedem ehrlichen Partner Fühlung nehmen. Die Eingliederung in die gewerkschaftliche Organisation erscheint mir als ein Vertrauensvotum für die Zukunft".

oder:

"Besonders glaube ich auch, daß in den kommenden schwierigen Zeiten die gewerkschaftliche Organisation eine feste Stütze für die Wissenschaftler sein kann, damit es nicht mehr zu einer Ausbeutung der Arbeitskraft von Akademikern kommt, wie sie in früheren Beschäftigungskrisen aufgetreten ist."

oder:

"Eine kollektive Form wie eine Gewerkschaft wäre, wenn überhaupt etwas lebendiges, immer nur ein Debattierklub, wo kaum jemals etwas Förderliches zustande käme. Auf unserem Gebiete genügt die Gesellschaft als äußerer Ausdruck der Zusammengehörigkeit... Was aber viel wichtiger als Gesellschaft, Gewerkschaft oder Verein ist, ist die wissenschaftliche Arbeit des Einzelnen und der Institutsgemeinschaft. Man sollte sich heute überhaupt nicht mit solchen organisatorischen Angelegenheiten beschäftigen, sondern arbeiten und nochmals arbeiten".

oder:

"Man kann es wieder aussprechen, daß der Wissenschaftler Individualist ist und sein muß, obwohl das auch heute noch keineswegs eine populäre Ansicht ist. Man darf sich nicht scheuen, daraus die Konsequenz zu ziehen, daß uns ein kollektivistisches Einheitsgewand nicht stehen würde..."

oder

"Ich sehe aber überhaupt nicht, welchen Nutzen eine gewerkschaftliche Organisation für uns hätte. Mir scheint vielmehr, daß wir uns damit auf ein Gebiet begeben würden, das uns eigentlich nichts angeht und das schon in den letzten 12 Jahren nicht alle Wissenschaftler genügend gemieden haben".

Wohlabgewogen, sechs verschiedene Aussagen: Eine zögernde Antwort, der Skeptiker möchte sich bei Franzosen und Engländern vergewissern (in England hatten Hyman Levy und andere prominente 'Linke' seit 1919 den Gewerkschaftsgedanken vorangebracht und in Frankreich war spätestens seit der 'Volksfront' 1936 der 'travailleur scientifique', der wissenschaftliche Arbeiter, eine gängige Vorstellung, der Irène und Frédéric Joliot-Curie ebenso anhingen, wie Alfred Kastler); zwei Kollegen für eine Gewerkschaft, dem einen scheint die gewerkschaftliche Solidarität eine Konsequenz aus der Nazizeit, die Gewerkschaft ein ehrlicher Partner, der andere vertritt einen aufgeklärten Arbeitnehmergedanken. Drei Antworten gegen Gewerkschaftsgründung: eine mit einem 'Kapitalistenargument', bismarckischen Klischeevorstellungen vom Debattierklub und von rigoroser Arbeitsethik des Einzelnen und der 'Gemeinschaft', eine mit der Vorstellung, daß Individualismus und 'Einheitsgewand' ein unbedingter Widerspruch., eine schließlich mit einer noch weniger aufgeklärten Vorstellung von Politik, mit impliziter Gleichsetzung von Nazi-Kollektivimus und Gewerkschaft und mit der Annahme, 'unpolitisch' sei eine sich auf das Berufliche konzentrierende Teilnahme am sozialen Leben.

Es kam bekanntlich zu keiner Gewerkschaftsgründung der Physiker in Deutschland. Die 'Physikalischen Blätter' berichteten 1947 von Patrick Blacketts Gründungsaufruf für die International Association of Scientific Workers, der in Deutschland wenig Anklang fand[3]. Eine andere Versammlung von Wissenschaftlern, die von Michael Polanyi und dem Zoologen John Baker schon 1943 gegründete Vereinigung The Society for Freedom in Science[4] stand hierzuland bald ganz im Zeichen des Kalten Krieges. Mancher sah in ihr die Möglichkeit, die in der Diktatur geübte Anpassung in 'antibolschewistischer' Überzeugung fortzuführen. Im Oktober 1946 hatte 'R.H.' in der Rubrik 'Tagesnotizen' der Naturwissenschaften mitgeteilt:

"Die Gesellschaft ist unpolitisch, wendet sich aber gegen jeden Totalitarismus in der Wissenschaft. Im Juni 1946 hatte sie 457 Mitglieder... Sie sucht jetzt auch auf dem europäischen Kontinent festen Fuß zu fassen und hat soeben ihre erste Werbung um Mitglieder nach Deutschland gerichtet."

Max Laue berichtete unter dem 7. Oktober 1946 von der 'ersten Physikertagung nach dem Krieg', von Freitag, den 4. bis Sonntag, den 6. !0. in Göttingen:

"Übrigens waren auch andere Engländer da (ausser Wolfgang Berg, ehemals Assistent bei Nernst KS.), Mott aus Bristol, Bowden aus Cambridge, dazu als Mitglied der holländischen Militärmission in Salzuflen Michels aus Amsterdam. Alle diese (außer Berg) hielten auch Vorträge und alle waren, zusammen mit den zwei hier stationierten Engländern, am Abend des 4ten bei uns zu Gast (Nach dem Abendessen), desgleichen Clemens Schäfer, Ramsauer, Meixner ... Ich sprach über Supraleitung, Heisenberg über die Quantentheorie der Supraleitung, Weizsäcker über die Statistik der Turbulenz, Justi über die erfolgreiche Suche nach neuen Supraleitern (er fand diese Erscheinung bei Uran und Rhenium usw. Was die Ausländer vortrugen, trug deutlich den Stempel der Kriegsphysik, wenngleich weder von Kernphysik noch von Radar die Rede war. Die Eröffnungsansprache, bei der auch Planck zugegen war und auf die ein Vertreter der Militärregierung erwiderte,. hielt ich. Ich erinnerte an die Physikertagung von 1933 in Würzburg und die Einmütigkeit, mit der die Physikalische Gesellschaft bei der Wahl des Vorsitzenden Hernn Stark abfahren ließ (2 Stimmen für ihn!) und bat die Anwesenden, sich der jetzt neuzugründenden Deutschen Physikalischen Gesellschaft in der Britischen Zone mit demselben Eifer anzuschließen, wie ihn früher die Mitglieder der Deutschen Physikalischen Gesellschaft gezeigt hätten. Die Gründung der neuen Gesellschaft vollzog dann die Geschäftssitzung am Sonnabend Morgen. Die Satzungen hatte ich in Besprechungen mit Heisenberg und Pohl nach dem Muster der Satzungen von 1926 entworfen"[5]

Physikalische Gesellschaften entstanden zunächst als getrennte Vereine für die Britische Zone, für Württemberg, Baden, Pfalz, für Hessen, für Bayern für Berlin. Vorsitzender in der Britischen Zone war Walter Weizel, Stellvertreter Max Laue, Geschäftsführer R. Mannkopff und Beisitzer im 'Gauverein' Niedersachsen waren Bagge, Grützmacher, Justi, Kopfermann, Sauter. Ehrenmitglieder des Vereins wurden H. Gerdien, Otto Hahn, Lise Meitner, Gustav Mie, Max Planck, Ludwig Prandtl, H. Siemens, Arnold Sommerfeld, Jonathan Zenneck. Der Verein hatte 485 Mitglieder. Im Südwesten versammelten sich 160 Mitglieder unter dem Vorsitz von Walther Bothe, in Hessen 82 mit Erwin Madelung als Vorsitzendem, in Bayern 162 mit dem Vorsitzenden G. Hettner, in Berlin waren es 100, die sich um Carl Ramsauer scharten. Im französisch besetzten Rheinland-Pfalz wählten 46 Mitglieder W. Ewald in Mainz zum Vorsitzenden.

Die erste gemeinsame Tagung aller Gesellschaften fand vom 11.-15. Oktober 1950 in Bad Nauheim statt, 500 Teilnehmer verteilten sich auf 101 Vorträge. Hans Kopfermann hatte den Vorsitz in der ersten Vormittagssitzung, hielt ein Hauptreferat über 'Kernmomente und Kernmodell', im zweiten Referat dieses Vormittags sprach Heinz Maier-Leibnitz über 'Physik extrem energiereicher Teilchen'. Im Verlauf des Treffens wurde der Zusammenschluß zum 'Verband deutscher physikalischer Gesellschaften' beschlossen, der sich später (1963) wieder Deutsche Physikalische Gesellschaft nennen sollte. Kopfermann schrieb aus Bad Nauheim an Lotte Gmelin:

"Hier ist bedrängend viel los. Endlose Zahl von Physikern, auch eine Reihe Ausländer. Viele Vorträge und Diskussionen. Aber herrliches Herbstwetter, bei dem wir heute Nachmittag in den Taunus aufsteigen..."[6]

Ab 1953, nachdem die Jahrestagung des Verbandes in Innsbruck stattgefunden hatte, konnte Ernst Brüche im 'Physik Verlag Mosbach' jedes Jahr einen Band der Hauptvorträge herausgeben. Einzig auf dem Buchrücken erschien eine kontinuierliche Zählung: 'Physikertagung Innsbruck' als Band 1 war der '18 Deutsche Physikertag 1953'.

Auch die 'Naturforscher und Ärzte' hatten sich nach ihrer 95ten Versammlung 1938 zu einer 96ten 1950 in München versammelt, die sogar der Bundespräsident und Elly Heuß-Knapp mit ihrer Anwesenheit beehrten. Zwei Jahre später traf man sich in Essen, und der Vorsitzende Adolf Butenandt[7] zollte in seiner Festrede einem 'Zeitgeist' der schiefen, zumindest jedoch einseitigen Darstellung von Vergangenheit exemplarisch Tribut:

"Auf der 95. Tagung in Stuttgart 1938 schien eine alte Sehnsucht unseres Volkes erfüllt, man trat zum ersten Male in einem großdeutschen Reiche zusammen! Wir freuten uns dessen, war doch der große Jubel unvergessen, mit dem auf beiden Seiten der Anschluß Österreichs an Deutschland begrüßt worden war. Doch wer nicht nur das gedruckte Wort aus dem Verhandlungsbericht jener Tagung auf sich wirken läßt, sondern sich der Sorgen erinnert, die gerade damals in Stuttgart in jenen kriegsbedrohten Wochen vor dem Münchener Abkommen die Teilnehmer unserer Tagung bewegten, und die in manchen Gesprächen zwischen deutschen und ausländischen Gästen ihren Ausdruck fanden, der weiß um das Zittern der deutschen Seele, die ahnungsvoll empfand, daß die Erfüllung einer alten Sehnsucht - äußerem Schein zum Trotz - an der Methodik, mit der sie erreicht wurde und an dem Mangel an ethischer Haltung, die ihr Inhalt geben wollte, wieder zerbrechen könnte. War diese Sorge auch groß, es hat wohl niemand in unserem Kreise ahnen können, in welch politischer Situation viele Jahre später die nächsten Tagungen unserer Gesellschaft abgehalten werden würden... Um so mehr tragen wir die alte Sehnsucht nach einem Deutschland in unserem Herzen und geben ihr Raum im Gedankengut und Aufgabenkreis unserer Gesellschaft; wir möchten, wir wollen und müssen es. Das hat nichts zu tun mit engem Nationalismus, es ist die Sehnsucht nach Freiheit, in der Menschen gleicher Sprache und Kultur sich ungehindert begegnen und aussprechen dürfen. Ihre Erfüllung scheint uns Voraussetzung für die Erfüllung der größeren Sehnsucht nach einer Einheit der abendländischen Kulturwelt, nach freier Entfaltung ihres Geistes, ohne jede Furcht vor dem kommenden Morgen!"

Als die Fachpresse noch danieder lag (schon bevor sie in den letzten Kriegsmonaten ganz zum Erliegen kam, waren immer weniger Zeitschriften zur Auslieferung gelangt) konnten, bevor andere dazu kamen, die alten 'Öffentlichkeiten' wieder zu beleben, Alfred Klemm und H. Friedrich-Freksa aus dem KWI Chemie 'unter Mitwirkung von L. Waldmann' eine Neugründung durchsetzen: die Zeitschrift für Naturforschung trug die Zulassungsnummer 20 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung. Im Kuratorium Arnold Sommerfeld, Konrad Clusius, Alfred Kühn. Verleger war die Dietrich'sche Buchhandlung in Wiesbaden und gedruckt wurde bei Felix Krais in Stuttgart. In der Ankündigung stand zu lesen:

"Seit einem Jahr sind in Deutschland naturwissenschaftliche Fachzeitschriften nicht mehr erschienen, und es läßt sich nicht absehen, wann und in welchem Ausmaße sie wieder hervortreten werden. Um diesen Mißstand, der die wissenschaftliche Zusammenarbeit bedroht, zu beheben, wurde die Zeitschrift für Naturforschung gegründet, welche Arbeiten aus verschiedenen Fachgebieten veröffentlichen soll. Die Zeitschrift wird ab Januar 1946 etwa monatlich erscheinen... Der Plan der Herausgeber fand in den Kreisen der Naturwissenschaftler vielseitige Zustimmung, dem Wiedererscheinen der alten Zeitschriften möchte die Zeitschrift für Naturforschung in keiner Weise abträglich sein. Unsere Zeitschrift stellt sich der lebenskräftigen Forschung zur Verfügung und will sie nach bestem Vermögen fördern".

Im ersten Band veröffentlichten Fritz Houtermans und Pascual Jordan mit Eingangsdatum vom 30. Oktober 1945: "Über die Annahme der zeitlichen Veränderlichkeit des Betazerfalls und die Möglichkeiten ihrer experimentellen Prüfung". Ein Beispiel, wie gravierende Differenzen der Lebensumstände und politischen Anschauungen in den zurückliegenden Jahren in wissenschaftlicher Zusammenarbeit aufgehoben schienen oder tatsächlich aufgehoben waren.

Ganz so widerspruchslos, wie es nach der Ankündigung aussah, war die Neugründung der Zeitschrift für Naturforschung aber nicht. So hatte die Zeitschrift für Physik, die Hans Geiger zuletzt herausgegeben hatte, wesentlich länger gebraucht, bis sie 1948 mit Band 124 wieder erscheinen konnte. Noch einige Jahre später, als Wilhelm Walcher den beiden Herausgebern, Max Laue und Robert Wichard Pohl vorschlug, einen Band Hans Kopfermann zum 60ten Geburtstag zu widmen, schrieb Pohl an Laue unter dem 4. November 1954:

"Ich glaube, daß wir neben allen persönlichen Beziehungen zu Herrn Kopfermann als langjährigem erfolgreichem Göttinger Physiker noch einen besonderen Anlaß haben, ihm eine Freude zu machen. Herr Kopfermann hat immer zu denen gehört, die die Gründung der Zeitschrift für Naturforschung mißbilligt und daraus auch die Konsequenzen gezogen haben".[8]

Übrigens war Laue einverstanden, ebenso auch mit dem Abdruck eines Porträts von Kopfermann im Jubelband. 1952 hatte die Zeitschrift für Physik in ihrem 133. Band ein Heft Max Born und James Franck gewidmet. Laue und Pohl schrieben:

"am 26. August dieses Jahres begehen Prof James Franck in Chicago und am 11. Dezember Professor Max Born in Edinburgh ihren 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß haben sich eine Reihe ihrer Schüler, Mitarbeiter und Freunde zusammengetan, um dieser Tage durch Herausgabe eines Festheftes zu gedenken. Es wurde ein gemeinsames Festheft einer in Göttingen erscheinenden Zeitschrift gewählt, weil die beiden Gefeierten, eng befreundet, jahrelang gemeinssam in Göttingen eine äusserst erfolgreiche Forschungs- und Unterrichttätigkeit entfaltet haben."

Arnold Berliners Die Naturwissenschaften erschienen ab 1946 neu, jetzt herausgegeben vom Doyen der Physikochemiker, Arnold Eucken (1884-1950) in Göttingen. Ein Jahr später waren auch die Annalen wieder da. Hier die Präambel der Herausgeber, F. Grüneisen, F. Möglich, Max Planck:

"Mit dem Wiedererscheinen der deutschen wissenschaftlichen Zeitschriften nach etwa dreijähriger Unterbrechung schließt sich eine Lücke, die in der deutschen Wissenschaft schwer empfunden worden ist. Die wissenschaftliche Arbeit ist in nicht unbeträchtlichem Ausmaße Gemeinschaftsarbeit, zu deren Durchführung die wissenschaftliche Zeitschrift unerläßlich ist. Auch hat die Wissenschaft inbesondere die Naturwissenschaft, einen übernationalen Charakter, zu dessen Pflege sie gewisser Organe bedarf, die über die Landesgrenze hinausreichen. Die Brücken, die die Wissenschaft in früheren Jahrzehnten über die Landesgrenzen geschlagen hat, sind durch den Beginn des zweiten Weltrieges zerstört worden, nach seiner Beendigung aber noch nicht wieder hergestellt. Hier neu zu bauen ist eine der schönsten Aufgaben jedes wissenschaftlichen Publikationsorgans. Die Annalen der Physik, die älteste deutsche physikalische Zeitschrift (gegründet 1799) haben von der sowjetischen Militäradministration die Genehmigung erhalten, vom 1. August 1946 ab neu zu erscheinen. Wir freuen uns über die erteilte Lizenz und versprechen, die "Annalen der Physik" zum Nutzen der deutschen Wissenschaft und im Sinne der Humanität und Völkerverständigung zu leiten..."

Die Zeitschrift erschien in einer neuen, der 6ten Folge:

"Wir wollen damit zum Ausdruck bringen, daß die veränderten Verhältnisse in ökonomischer und politischer Beziehung, wie sie durch den Ausgang des zweiten Weltkrieges hervorgerufen sind, unmöglich spurlos am wissenschaftlichen Publikationswesen vorübergehen können. Allein schon die bittere Armut des deutschen Volkes, mit der wir uns abzufinden haben, wird uns zwingen, das zur Verfügung gestellte Publikationsvolumen zweckmäßig und verständig auszunutzen. Auch haben wir uns den Anordnungen der alliierten Behörden, insbesondere, was das Verbot einzelner Zweige unserer Wissenschaft betrifft, widerspruchslos zu fügen".

Das Kuratorium der 'Annalen' besetzten Gerlach, Gerthsen, Hund, Kossel, Laue, Meissner, Paschen, Planck, Pohl, Rompe, Seeliger, Sommerfeld und Weizel. Die "schöne Aufgabe" des publizistischen Brückenbaus, von dem in den Annalen die Rede war, wurde für diese Zeitschrift zum Brückenbau zwischen Ost und West. Ein paar Jahre später, nachdem Planck und Grüneisen gestorben waren, wurde Hans Kopfermann neben Fritz Möglich zum Herausgeber.

Unter den Periodika, die sich an ein breiteres Publikum richteten, erschien 1948 Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht bei Dümmlers Verlag in Bonn und beim Hirschgrabenverlag in Frankfurt und zum Jahresbeginn 1949 beteuerte der Herausgeber der Umschau, Kurt Felix:

"die Umschau erscheint seit dem 1. Januar 1949 wieder in ihrer früheren Gestalt und in dem gleichen Verlag (dem Umschauverlag Frankfurt), der nun ihren Namen trägt".

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre konnte der Springer-Verlag eine der beiden großen physikalischen Enzyklopedien erneuern, Siegfried Flügge in Marburg übernahm die Herausgabe des vielbändigen Handbuchs von Geiger-Scheel zur völligen Neugestaltung. Der alte `Müller-Pouillet' blieb Vergangenheit. Das erscheint weniger selbstverständlich, als das gleiche Schicksal für das große `Handwörterbuch der Naturwissenschaften', das zuletzt in 2ter Auflage bei Gustav Fischer in Jena 1931-35 erschienen war und dessen physikalischen Teil Georg Joos als Herausgeber betreute.

* * *

Im April 1945 war unter dem Vorsitz von Roger Adams ein Richtlinien-Kommitee zusammengetreten, das Vannevar Bush, Roosevelts Berater für Forschung und Technologie, einberufen hatte und dem u.a. Isaac Rabi/Columbia, Hugh Dryden/National Bureau of Standards und O.E. Buckley/Bell Telephone angehörten. Das Resultat war die Abfassung von Absatz 14 der Directive der Joint Chiefs of Staff (JCS 1067[9]) für den kommandierenden General (Eisenhower), wo es heißt:

"Nach Entfernung der besonderen nazistischen Spuren und des Nazipersonals und bis zur Abfassung solcher Programme durch den Kontrollrat können Sie innerhalb Ihrer Zone ein vorläufiges Programm aufstellen und in Kraft setzen und auf jeden Fall die Wiedereröffnung derjenigen Einrichtungen und Abteilungen gestatten, in denen eine Ausbildung geboten wird, die Sie für die Verwaltung der Militärregierung und für die Zwecke der Besatzung für unmittelbar notwendig und nützlich halten..."

Auf dieser Grundlage wurden die ersten amerikanischen Maßnahmen im Bereich der Forschungsinstitutionen und Universitäten getroffen. Im May 45 richtete Dwight D. Eisenhower in Absprache mit den Engländern und auf Anraten des Nachrichtendienstes des SHAEF die Field Intelligence Agency Technical (FIAT) ein, die systematisch technische Unterlagen aus Produktion und Entwicklung photokopierte und gleichzeitig mit der Kontrolle den Know-How-Transfer organisierte, der einer Reparationsleistung gleichkam, die längst noch nicht endete, als Lucius Clay 1948 die FIAT auflöste.

Nachdem unter der Aufsicht der amerikanischen Kontrollratsgruppe am 19. September '45 die Länder Bayern, Württemberg-Baden und Groß-Hessen gegründet[10] waren und ab 1. Oktober das Office of Military Government (OMGUS) die Geschäfte übernahm, wuchs die deutsche Beteiligung an der Verwaltung rasch. Im OMGUS waren Wissenschaft und Forschung Sache der Abteilung Wirtschaft. Roger Adams kam nach Deutschland, wurde dem damaligen Vize-Gouverneur Clay zugeordnet und bereitete die Kontrollratsdirektive ACC 25 vom April 1946 vor, die die weitere Kontrolle und Einschränkung von Wissenschaft und Forschung regelte und ab Ende Juli umgesetzt wurde.Die Briten blieben mit Recht skeptisch hinsichtlich der Wirksamkeit der Überwachungsvorschriften. Die Amerikaner beauftragen in ihrer Zone in jedem Land einen OMG-Offizier, der die Universitäten und Institute kontrollierte. Eine Ausführungsbestimmung zu ACC25 übertrug den Ministerpräsidenten die Hauptverantwortung; diese richteten Forschungüberwachungsstellen (FÜS) ein.[11]

In der Britischen Zone waren der zuständige Kontrolloffizier Bertie Blount und sein Kollege Ronald Fraser mit ihren Vorgesetzten übereingekommen, zum 1. Januar 1946 einen zonalen Forschungsrat zu berufen. Unter dem Vorsitz von Windaus[12] tagten Correns, Eucken, Rein, zu denen sich nach ihrer Rückkehr Hahn und Heisenberg gesellten. In Göttingen und im Forschungsrat konzentrierte sich eine Lobby für zwei wissenschaftliche Großbetriebe des Reichs, die KWG und die PTR, die ihre ehemaligen `Führer' verloren hatten. Albert Vögler hatte sich das Leben genommen, Abraham Esau war verhaftet und hatte sich vor holländischen Gerichten zu verantworten. Die Weiterführung der KWG betrieb vor allem Ernst Telschow, der sich dazu das Mandat des Altpräsidenen Max Planck holte und die Unterstützung von Blount hatte[13]. Zwar beschloß der Kontrollrat im Februar 1946 grundsätzlich die Auflösung der KWG, aber der Termin und die Einzelheiten blieben zunächst ungeregelt. Zum 1. April 1946 übernahm Otto Hahn die Geschäfte Plancks an der Spitze der formal noch bestehenden Gesellschaft. Als Max und Marga Planck mit Blount im Juli 1946 zur Newton-Feier der Royal Society nach London fuhren und Max Laue sich auch dort aufhielt, wurde die Gelegenheit zu einem Vorstoß für den Erhalt der KWG benutzt. Blount überbrachte Briefe von Werner Heisenberg an Niels Bohr, von Otto Hahn an Henry Dale. Die Antwort Dales fiel positiv aus. Allerdings nicht ganz so glatt und über alle Bedenken hinweg wie einige gehofft hatten. Otto Hahn notierte bedauernd:

"aber keine Hoffnung auf Beibehaltung des Namens. Das gleiche meinen Lise Meitner, Bohr, Bjerknes bei Gesprächen mit Laue und Planck. Wir beschließen in der Britischen Zone einen Nachfolger zu gründen, die Max Planck Gesellschaft."[14]

Blount hatte keine Bedenken, alles, was der KWG gehört hatte, solange sie formal noch bestand, einer neuen Gesellschaft zu übertragen. Eile war geboten. Am 11. September wurde in Bad Driburg eine `Max Planck Gesellschaft in der britischen Zone' (MPG) gegründet, selbstverständlich mit Otto Hahn als Präsident.

Der 1946 einberufene Verwaltungsrat für Wirtschaft der Länder im Bereich des OMGUS hatte einen Ausschuß für Kultur, für den Ludwig Preller zuständig war und bald auch einen Forschungsausschuß, dessen Sekretariat der Ingenieur Helmut Eickemeyer übernahm und der die FÜS in einem Gremium zusammenführte. Eickemeyer war im Wirtschaftsrat Kurt Möller unterstellt, der im Heereswaffenamt gearbeitet hatte und Vizepräsident der PTR gewesen war[15]. Eickemeyer selbst konnte auf Kontakte in KWG und Industrie aus früherer Verwaltungstätigkeit zurückgreifen und war zur Zeit mit dem Wiederaufbau der Energieversorgung für Stuttgart (Kraftwerksbau) befaßt (Übrigens war der FÜS-Beauftragte für Stuttgart Erich Regener, dem die Zukunft des KWI für Stratosphärenforschung am Herzen lag). Möller organisierte eine Übergangsfinanzierung für die beiden ehedem so prestigeträchtigen Forschungseinrichtungen.

Fritz Karsen, im OMGUS zuständig für Bildung, erarbeitete einen Plan für die Berliner Institute der KWG, der ihre Umwandlung in eine Forschungsuniversität vorsah, und der im Kulturausschuß (ebenso wie bei den Berliner Hochschulen) auf Ablehnung stieß. Friedrich Glum, bis 1937 Geschäftsführer der KWG, jetzt in München, wandte sich gegen eine "Regionalisierung" zugunsten Berlins und war im Interesse Bayerns für eine länderübergreifende Verwaltung. Er hatte die Zustimmung von Theodor Heuß in Württemberg. Nachdem im Januar 1947 die britische und die amerikanische Zone offiziell zur Bizone zusammengeschlossen waren, und im Juli 1947 der neue, von den Ländervertretern gebildete Wirtschaftsrat und sein Exekutivrat mit Ludwig Erhard an der Spitze zusammengetreten war, verschwand der Länderrat, während der Kultur- und der Forschungsausschuss bestehen blieben. Otto Hahn legte dem Eickemeyer-Ausschuß einen Plan vor, und in der Bizone wurde mit Beschluß der 8. Sitzung des Zonenbeirats am 6.1.48 zum 27. Februar 1948 die Wiedervereinigung der KWG in der neuen MPG auf den Weg gebracht. Nach und nach konnten auch die Institute der französischen Zone angeschlossen werden (und ab 1953 auch die Berliner). Nachdem die ERP-Kredite flossen, konnten Eickemeyer, Hahn, Regener und Otto Dalmer/Merck mit Erhard eine großzügigere Finanzierung der MPG nach Eickemeyers Plänen aushandeln.

Die Einrichtung des 'Windaus-Councils' entsprach in den Augen der Engländer ACC 25. In Göttingen war man sich des ökonomischen Faktors Wissenschaft bewußt und verstand die Direktive als Audruck dieses Faktors[16]. Ein wachsender Einfluß von Göttinger Physikern in den bizonalen Angelegenheiten kam auch darin zum Ausdruck, daß die Verwaltung der PTR 1947 einem Interims-Präsidium anvertraut wurde, das Heisenberg, Kopfermann, Laue und Pohl bildeten. Am 7. Juli billigte der Forschungsausschuß einstimmig Laues Bestandsaufnahme, und die PTR wurde in den Gebäuden der Braunschweiger Luftfahrtforschungsanstalt neu angesiedelt.

Im Niedersächsischen Kultusministerium konzentrierten sich um Adolf Grimme Beamte der ehemaligen preußischen Kultusverwaltung. Kurt Zierold, ehemals Sekretär der Notgemeinschaft, war zuständig für den Hochschulbereich. Grimme, Zierold und Erich Wende hatten als Beobachter an der ersten Sitzung des Kulturausschusses des Länderrats nach Gründung der Bizone, im April 1947, teilgenommen. Gerade hatte die Forschungskomission (Eickemeyers) beschlossen, im Rahmen der Umsetzung von ACC 25 die Neuordnungsfragen um PTR und KWG in Angriff zu nehmen. Der Kulturausschuss protestierte: das sei seine Sache, die Forschungskomission habe lediglich das Recht, informiert zu werden.

Während sich die Physikalischen Gesellschaften der `Gaue' von vornherein mit Blick auf einen späteren Zusammenschluß organisierten, entstanden in den Ländern neue Strukturen der staatlichen Wissenschaftsförderung, die der Kulturhoheit Rechnung trugen. Unter dem 13. 10.1947 machte Hermann Konen für das NRW-Kultusministerium eine Aktennotiz:

"Am 9. Oktober 1947 hat unter meinem Vorsitz in Düsseldorf die Gründungsversammlung der Forschungsgemeinschaft des Landes Nordrhein-Westfalen stattgefunden, bei der Herr Professor Gerlach, Bonn, Nußallee 6, zum Präsidenten bestellt und beauftragt worden ist, die Eintragung im Vereinsregister des Amtsgerichtes Bonn zu beantragen. Konen". [17]

Nachdem Hermann Rein bei einer Rektorenbesprechung der Nordwestdeutschen Hochschulkonferenz in Bad Driburg im Februar 1948 erklärt hatte, es sei klar, daß die Notgemeinschaft wiedergegründet werden müsse, schlug im April Christine Teusch, Kultusministerin von NRW dem alliierten Bildungsausschuss die Gründung der NG zur Finanzierung nichtindustrieller Forschungsinstitute, insbesondere der MPG vor. Der Anlaß war, daß man im Frankfurter Wirtschaftrat gerade eine direkte Finanzierung der MPG an den Kultusministerien vorbei verabschiedet hatte. Der Kultusministerkonferenz der Westzonen in Stuttgart im Juli lagen dann von Zierold und Hans Rupp erarbeitete Statuten für die NG vor und im September auf dem Hochschultag in Münster schlug Grimme vor, die NG als `Selbstorganisation der Forschung' ausgerechnet in seinem Ministerium anzusiedeln. Eine entsprechende Resolution wurde verabschiedet. Am 11. Januar 1949 konnte die Neugründung gefeiert werden - der Präsident der MPG wurde nicht eingeladen. Vorsitzender der NG wurde Hessens Altpräsident Karl Geiler, Vizepräsident Walther Gerlach, Geschäftsführer Kurt Zierold. Die Kultusminister hörten nicht auf, vor Einmischung des Frankfurter Wirtschaftrats in ihre Angelegenheiten zu warnen, bildeten ihre `Ständige Konferenz' und übertrugen Ludwig Preller ein ständiges Sekretariat beim Wirtschaftsrat.

Ronald Fraser, andererseits, hatte das seit 1946 bestehende, am 28. Juni 1948 turnusgemäß tagende 'Science Advisory Council' für die britische Zone wissen lassen, daß er persönlich sich (ungeachtet der NG-Pläne) eine bizonale Erweiterung des Councils wünsche, insbesondere zur Umsetzung von Plänen für die Industrieforschung wie sie Friedrich Frowein für die US-Zone vorschlug. Es wurde beschlossen, daß ein sechs-Männer-Auschuß unter Vorsitz von Heisenberg und Rein einen `Deutschen Forschungsrat' (DFR) planen sollte, der die Frankfurter Verwaltung (und in mittlerweile absehbarer Zeit eine Bundesregierung) beraten und Westdeutschland auf internationaler Ebene vertreten könnte. Carlo Schmid brachte einen Brief von Heisenberg, Rein, Regener und Zenneck im Parlamentarischen Rat zu Gehör, in dem argumentiert wurde, daß viele Forschungsprobleme von wirtschaftlichen nicht zu trennen seien und daher im Gegensatz zu kulturellen und Bildungsfragen in Bundeszuständigkeit gehörten. Konrad Adenauer brachte seine volle Zustimmung in einem Brief an Werner Heisenberg zum Ausdruck..

So wurde 1949, zwei Monate nach Gründung der NG, unter Mitwirkung der MPG und der Akademien am 9. März der DFR gebildet. Werner Heisenberg wurde Präsident und Helmut Eickemeyer der Sekretär[18]. Sitz sollte Bonn sein, doch das Sekretariat blieb in Stuttgart. Reinhold Maier stellte Räume in der Villa Reitzenstein zur Verfügung. Heisenberg schrieb Ende 1952 rückblickend:

"Das Leben jedes Einzelnen hängt in unserer Zeit in einem früher nie gekannten Maß von Wissenschaft und Technik ab. Die glücklichen Folgen dieser Entwicklung kommen uns durch die moderne Medizin, durch die Bequemlichkeiten der Technik, bessere Kleidung und Ernährung zugute; ihre Gefahren sind uns durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden in der Kriegstechnik oder in der politischen Propaganda vor Augen geführt worden. In den Ländern mit alter demokratischer Tradition hat man aus dieser Sachlage die Folgerung gezogen, daß die Wissenschaft einen Teil der Verantwortung im öffentlichen Leben in aller Form selbst übernehmen muß; man hat daher als Vertretung der Wissenschaft etwa einen 'National Research Council' oder verwandte Einrichtungen gebildet, die die Verbindung zwischen der Wissenschaft und der staatlichen Verwaltung herstellen sollen. In Deutschland ist nach dem Kriege der Versuch gemacht worden, eine ähnliche Institution zu schaffen. Die drei westdeutschen Akademien in München, Heidelberg und Göttingen und die MPG haben 1949 den DFR ins Leben gerufen".[19]

Zum DFR-Vorstand gehörten Brenninghoff, Butenandt, W. Eucken, Hahn, Kunkel, Lehnartz, Martini, Oehlkers, Regener, Rein, Schnabel, Snell, Zenneck und ab Mai 1949 auch Albrecht Unsöld. Komissionen wurden gegründet, darunter als 7. eine zum Thema Mitverantwortung der Wissenschaft u.a. mit Eduard Spranger, Theodor Litt und Hermann Jahrreis, als 8. die kernphysikalische unter dem Vorsitz von Heisenberg und als 9. eine 'Zivilschutzkomission', die Wolfgang Riezler leitete. Der DFR schlug der neuen Bundesregierung unter dem 1.9.49 vor, im Kanzleramt (BKA) eine Dienststelle für Forschung zu schaffen (die Ende 1950, halb im Innenministerium, halb im BKA eingerichtet wurde).

Anfang Dezember 49 trafen sich Eickemeyer und Heisenberg mit Konrad Adenauer. Eickemeyer berichtete, der Bundeskanzler habe im DFR ein 'ideales Gegengewicht gegen eine drohende Nivellierung' gesehen (eine politisch unüberschaubare Wissenschaft?) und hielte eine Selbstverwaltung der Forschung, die auf der 'Autorität der wissenschaftlichen Leistung' gegründet sei, für das wünschenswerte Ziel:
"Die Wissenschaft hat allen Grund für das Interesse eines deutschen Kanzlers dankbar zu sein."[20]
Unter dem 2. 4. 1950 wandte sich der DFR in einem von ? Bayer abgefaßten 'allgemeinverständlichen' Memorandum an den Regierungschef:
"Der Durchschnittsdeutsche hat leider auch heute noch von dem Forscher und seiner Arbeit die Vorstellung, als handle es sich dabei um weltabgewandte und im Grunde genommen unnütze Dinge. Es ist unverständlich, daß in einem Volke, das den Ehrentitel der 'Dichter und Denker' trägt, und in einem Zeitalter, das fast ausschließlich durch die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften geprägt worden ist, sich solch verschrobene und gefährliche Vorstellungen selbst in den Schichten verantwortlicher Persönlichkeiten heute noch halten können"[21]
Helmut Eickemeyer schlug nach Kräften die Werbetrommel für die Forschung, sprach in der TH Stuttgart über 'Forschung und Leben' (6.4.49), referierte auf einer Dechema-Tagung in Frankfurt (Juli 1949) über die 'Verpflichtung der Forschung' - "Ortega weist uns den Weg" -, und forderte ERP-Mittel für die Wissenschaft (Industriekurier Düsseldorf, 30.12.1950). Reden Werner Heisenbergs erschienen in der Presse, über 'Die Not der Wissenschaft', 'Die Einheit der Forschung', 'Die Notwendigkeit wissenschaftlicher Forschung', 'Die Rolle der Wissenschaft im öffentlichen Leben'[22].

Der DFR, der vor allem bei Werner Heisenberg dem Gedanken an zukünftige Reaktorbauten seine Entstehung verdankte, sah sich in mehrfacher Hinsicht der Kritik ausgesetzt. Die anvisierte Wissenschaftsförderung auf Bundesebene drohte in Konflikt mit der Kulturhoheit der Länder zu geraten und war nur durch die Betonung wirtschaftsnaher Forschung zu rechtfertigen. Die wiederum drohte den Universitäten und der 'Bildungsaufgabe' zum Nachteil auszuschlagen. Nicht zuletzt auch schieden sich die Wissenschaftler in solche, die, wie Heisenberg, bereit waren, bei den 'quasi-industriellen' Aufgaben eine Managerrolle zu übernehmen und andere, die eine deutlichere Trennung von Wissenschaft und Wirtschaft befürworteten und sich eher in der Beraterrolle sahen. Als die Bundesregierung, die sich bekanntlich sehr bald auch mit Wiederbewaffnungsplänen und entsprechender Forschungsförderung befaßte, dem DFR die Hauptaufgabe übertragen wollte, schrieb Walther Gerlach (ehemals 'Bevollmächtigter für Kernphysik und Leiter der 'Sparte Physik' im 'Reichsforschungsrat'), als Vizepräsident der NG an Werner Heisenberg:

"Gerade Sie, der Sie auch immer für die Autonomie der Forschung eintreten, werden doch Verständnis dafür haben, daß wir auf eine nicht zwingend begründete staatliche Interventon hin einen wohlüberlegten Plan zur Selbstorganisation der Forschung nicht aufgeben können" .

Der Konflikt zwischen 'Industriepolitikern' und 'Kulturpolitikern', die einen mehr 'Zentralisten', die anderen, der Verfassung gemäßer, mehr 'Föderalisten', fand schließlich, nachdem das Verhältnis der Bundesregierung zu den Ländern erste Proben bestanden hatte, unter dem 2. August 1951 (mit Wirkung vom 15.) eine Kompromißlösung: NG und DFR wurden zur Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG vereinigt. Erster Präsident wurde Raiser, Vizepräsident Heisenberg. Letzterer schrieb daraufhin (mit einem ironischen Unterton?):

"Bei uns gibt es noch keine alte demokratische Tradition, und wir Deutschen sind im allgemeinen dankbar, wenn wir die Verantwortung für das öffentliche Leben unserer vorgesetzten Behörde überlassen können. Daher ist schließlich an die Stelle des DFR eine etwas andersartige Organisation getreten, in der im Zusammenhang mit einer Erweiterung der Aufgaben die Behörden eine größere Rolle spielen, und die der deutschen Tradition daher besser entspricht."[23]

Die wenigsten Staatsbürger haben 'vorgesetzte Behörden', allerdings wird eine gewisse Verantwortung für Bildung und Hochschulen dem Behördenapparat übertragen. Die stärkere Einbeziehung der Bildungs- und Hochschulförderung - die fragliche Erweiterung der Aufgaben - stand ebenso wenig im Widerspruch zur Demokratie wie das staatliche Schulsystem. Heisenberg ging es wohl mehr darum, die Verteilung von Forschungsmitteln möglichst allein dem Wissenschaftsbetrieb zu übertragen. Schwerlich läge darin schon eine demokratische Garantie. Gewiß waren 'Autonomie' und 'Selbstorganisation' nicht allzu weit entwickelt; vor allem aber war das Kapital überall knapp und auch die staatlichen Förderungsmittel vorläufig recht bescheiden.

Die alliierten Verbote trafen besonders die zu Kriegszwecken forcierten, hochentwickelten Zweige industrierelevanter Forschung wie Luftfahrt- und Hochfrequenztechnik. Angesichts der enormen, auch zivilen Nachkriegsentwicklung der internationalen Marktchancen auf diesem Sektor, war die Forschung einerseits bevorzugter Gegenstand von Verhandlungen mit den Militärregierungen und andererseits ein besonders sensibles, weil wirtschaftsrelevantes Feld für 'großzügigen' Umgang mit den Kontrollratsdirektiven. Die alten 'Forschungsführer' im Umkreis des Göringministeriums demobilisierten höchstens vorübergehend, behielten, wie die Korrespondenz Walther Gerlachs[24] andeutet, ihre Kontakte - auch mit den Kollegen, die alliierten Angeboten ins Ausland gefolgt waren - und konnten sich in der politischen Konjunktur bald wieder etablieren[25]. Die von der Produktionsreife weit entfernte, aber gegen Kriegsende mit hoher Priorität versehene Kernenergieforschung versuchte sich anzuhängen. Während Leo Brandt, im Krieg Organisator der Radarentwicklung, bis 1948 mit dem Düsseldorfer Oberbürgermeister und späteren NRW-Ministerpräsidenten Karl Arnold die Wiederaufbauplanung des Nahverkehrs betrieb, um dann als Staatssekretär die Forschung in Luftfahrt- und Reaktortechnik zu verwalten, überdauerten die Deutsche Vereinigung für Luftfahrt (1912 gegründet) und ihr zuständiger Ausschussvorsitzender Friedrich Seewald die Krise, und die DVL wurde 1949 aus der Vermögenskontrolle entlassen. 1953 begann in Oberpfaffenhofen ein DVL-Institut zu arbeiten, und 1956 begann die Planung für die Deutsche Großforschung in Luft- und Raumfahrt in Porz-Wahn. Im Vorgriff auf die vollständige nationale Souveränität formierten sich 1951 in Düsseldorf einschlägige Wirtschaftsinteressen in der 'Deutschen Gesellschaft für Ortung und Navigation' und 1953 in der für den Reaktorbau maßgeblichen 'Physikalischen Studiengesellschaft'.

Die Kriegsorganisation der physikalischen Forschung hatte - im `Uranverein' eher durch ihre Mängel, in Los Alamos und im `Radiation Lab' durch ihren spektakulären Erfolg - generell mit dem Bau und Betrieb von großen Maschinen zur Folge, daß neben das kleine Labor mit wenigen Forschern ganz neue Organisationsformen traten, nämlich die der Großlabors. Im westlichen Nachkriegsdeutschland konnte, nachdem ihr Weiterbestehen gesichert war, die KWG-MPG Ansprüche zur Konzentration des Forschungspotentials erheben und den Ausbau neuer Institute in Aussicht nehmen. Das geschah mit dem Ehrgeiz und in der ausdrücklichen Absicht, an die frühere Bedeutung im internationalen Wissenschaftsbetrieb wieder anzuknüpfen und auch nicht ohne kulturpolitischen Anspruch, der natürlich auch einen machtpolitischen nicht ausschloß. Ideologisch konnte Wissenschaft als Inbegriff und Markenzeichen einer `abendländischer Kultur' gelten, die in manchen ihrer Ausprägungen einen 'Überbau' zur Macht- und Einflußverteilung im europäischen und globalen Maßstab darstellte. Während die Regierung, vor allem vor der Wiederherstellung der Souveränität, einen außenpolitisch-diplomatischen Kalkül mit der Wissenschaftsförderung verband und Werner Heisenberg als Berater und Vertrauensperson des Kanzlers agierte[26], formierten sich konkurrierende wissenschaftspolitische Konzepte zu Kernkraft- und Großlaborentwicklung u.a. in Heidelberg:

"Otto Haxel dagegen, der später Wirtz aus der Leitung des Kernforschungszentrums verdrängte, vertrat schon 1952 eine andere Position: die Initiative nicht nur beim Reaktorbau, sondern auch beim Aufbau eines 'zentralen Atominstituts' müsse 'vom Staat und von der Wirtschaft ausgehen' und das 'ganze Unternehmen' müsse 'ähnlich wie ein Industrieunternehmen aufgebaut werden'; die Wissenschaftler hätten sich dabei auf 'beratende Funktionen' zu beschränken - keinesfalls solle man daran denken, die Kerntechnik 'von der Physik her' in Gang zu bringen."[27]

Es leuchtet ein, daß die Beschleuniger- und Reaktorphysik in aussenpolitischen Zusammenhängen eine Rolle spielen konnte. Das machte die Auseinandersetzung der Physiker um ihre Rolle bei der Verwirklichung der Großvorhaben nicht einfacher. Es ist manchmal schwer zu sehen, ob sich tatsächlich erst die Konzepte gegenüberstanden und dann die Wissenschaftlergruppen oder umgekehrt. Heinz Maier-Leibnitz sagte zu Joachim Radkau: Gentner, Haxel und er seien das Gegengewicht zu Heisenberg und Wirtz gewesen[28].

* * *

John D. Bernal hatte 1946 gemeint, die neue Organisationsform wissenschaftlicher Arbeit, die zur militärischen Anwendung der Kernernergie geführt hätte, sei vermutlich eine nachhaltigere Entwicklung als diese selbst[29]. Lev Kowarski schrieb 1949 im Bulletin of the Atomic Scientists über die Schwierigkeiten der neuen Form: `reine' Wissenschaft müsse plötzlich unter Bedingungen eines Industrielabors betrieben werden, und nur ein Kompromiß zwischen Autokratie und Demokratie garantiere die angesichts des großen Aufwands nötige Effizienz (ein Euphemismus für quasimilitärische Organisationsformen?). Derselbe Kowarski unterstrich viele Jahre später den symbolischen Wert der Großlabors im nationalen und internationalen Prestigedenken[30] als Motiv für ihre Gründung.

In Deutschland hatten DFR- und nicht zuletzt auch die CERN-Gründung dazu beigetragen, die institutionellen und die innerberuflichen, wissenschaftspolitischen Verhältnisse unter den Physikern zu klären und zu verändern. Neben der MPG kamen andere `Zentren' ins Spiel. Der Föderalismus in der BRD bot Chancen. Ziele der Bonner Regierung und solche der Länderregierungen konnten verschiedenen Akteuren gleichzeitig Einfluß- und Arbeitsmöglichkeiten bieten. 1950 hatte die Landesregierung NRW mit der Initiative von Leo Brandt die `Arbeitsgemeinschaft für Forschung' gegründet, die industriellen Interessen an der Kernkraft entgegenkam und sie anregte. Bekanntlich wurden die Pariser Verträge in Frankreich nicht ratifiziert und der Reaktorbau verzögerte sich. Dennoch hatte Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard ein offenes Ohr für Baupläne der MPI-Physiker. In einem Nachtragshaushalt für 1952 hatte das Bundeskabinett 5 Millionen DM für Forschung bewilligt. Der DFG-Ausschuss schlug vor, eine dieser Millionen in kernphysikalische Grundlagenforschung zu stecken. Angesichts der Verzögerung der Reaktortechnologie kam ein Antrag von Wolfgang Paul, in Bonn einen 100 MeV Elektronenbeschleuniger zu bauen, im passenden Moment. Werner Heisenberg propagierte die neue Technik der `starken (Synchrotron-)Fokussierung'[31], und Paul einigte sich mit ihm auf die Konstruktion eines 500 MeV Elektronensynchrotrons nach dem neuen Prinzip und auf eine Finanzierung durch die DFG[32] ab 1953. In Bonn wurde dann 1953 auch der erste Lehrstuhl für Strahlen- und Kernphysik (für Walter Riezler[33]) eingerichtet. Unter dem 16. Dezember 1953 nahm Heisenberg in einem ausführlichen Brief an Konrad Adenauer auf Dwight D. Eisenhowers Rede vor der UNO Bezug und erörterte Konsequenzen aus einer freizügigeren amerikanischen Uranpolitik (im Gespräch waren 27 t. für einen ersten 1500 kW-Reaktor)[34].

Im August 1954 vertagte die Französische Nationalversammlung die Ratifizierung der Pariser Verträge, Ende Dezember stimmte sie der Wiederherstellung der deutschen Souveränität, der Gründung der WEU und der Aufnahme in den Brüsseler Pakt zu. Ab dem 5. Mai 1955 war die BRD souverän und man konnte nun zügig in die Reaktorforschung einsteigen. Seit September 1954 war die amerikanische Privatindustrie im Atommeilergeschäft und die USA boten getrenntes U235 für Forschungszwecke an. Seit November standen in Deutschland über die `Physikalische Studiengesellschaft Düsseldorf mbH', an der sich interessierte Firmen beteiligten[35], erhebliche Mittel zur Verfügung, und sowohl Karlsruhe wie München hatten Pläne für Reaktorbauten. Die UNO wurde zum Promotor der Kernenergie: Im August 1955 fand in Genf die UNESCO-Konferenz für friedliche Nutzung der Atomenergie statt[36], die auch den Deutschen den Beginn der großtechnischen Entwicklung signalisierte. Es war, wenn man dem Berliner Halbleiterphysiker Wilfried Berger glauben will, keineswegs ein Kongress der Superlative. Natürlich kamen, wie jedoch bei anderen Kongressen auch, Teilnehmer aus vielen Nationen (73). Am interessantesten war vielleicht die begleitende Ausstellung. Einmalig war allerdings die Medienpräsenz mit 800 Beobachtern[37]. Zum Schluß appellierte Niels Bohr: "Möge die Atomenergie zur Einigung der Menschheitskulturen beitragen". Das klang eher nach zwanghafter Formel nach jenen beschwörenden Aufrufen zu einer 'Weltregierung' welche die Bombe zunächst ausgelöst hatte (s.o.). Wie hatte Friedrich Dessauer 1948 schreiben können?

"Wir erkennen, daß mit der Macht die Verantwortung wächst. Und wieder erschallen die Stimmen der Pessimisten. Die sagen, Krieg wird immer sein, nunmehr wird er zum Untergang des Geschlechtes führen. Vor Jahrhunderten sagten die Pessimisten, Faustrecht wird immer sein. Etwas später, Fehderecht wird immer sein. Die anderen, die daran glauben und darum rangen, daß Rechtsordnung die Gewalt ersetzen werde, aufsteigend vom engen Kreis zum weiten, von Dorf, Stadt und Landschaft zu Ländern und dann sich erhebend auch über die Reiche im internationalen Recht, über Erdteile und einmal über die ganze Erde, die Freunde eines Völkerbundes, die Pazifisten - sie wurden von jeher verlacht. Und doch können sie recht behalten! Jetzt ist das Machtmittel da, das einen Völkerbund gestattet, die ganze Welt in einer Rechtsordnung festzuhalten ... Es wird noch manchen Rückfall geben, es wird noch manche bange Stunde kommen und mancher Notschrei zum Himmel gellen. Aber es besteht Hoffnung, daß die Gnade so unermeßlicher Macht, die aus dem Schosse der natürlichen Offenbarung unser Zeitalter heimsucht, die Menschenwelt schließlich zwingen wird, sich nach Recht und Gerechtigkeit zu ordnen.[38]

'Pessimisten' waren 1955 nicht zu gebrauchen. Unter dem Titel "Wesen und Bedeutung der Atomkraftwerke" schrieb Walther Gerlach, es läge die

"Verantwortung des Forschers nicht im Verzweiflungsakt des Verzichts, sondern in der Stärkung des guten Willens..."[39]

Eisenhower hatte im Dezember 1953 zum Amtsantritt das Schlagwort "Atoms for peace"[40] lanciert. Die Amerikaner brachten einen kleinen Demonstrationsreaktor mit zur Genfer Konferenz und boten 350 000 $ Starthilfe für jeden Reaktorbau. Im Oktober 1955 wurde Franz Josef Strauß erster Bonner Atomminister[41] und am 26. Januar 1956 trat unter seinem Vorsitz die `Atomkommission' aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zum erstenmal zusammen. Der Minister berief die Mitglieder[42], die Kommission hatte laut Satzung mindestens zweimal jährlich zu tagen, die Sitzungen waren nicht öffentlich (§ 8 der Satzung regelte die Vertraulichkeit). Fünf Fachkomissionen wurden gegründet. Nr. II., `Forschung und Nachwuchs' (konstituierende Sitzung 3.5.1956), leitete Werner Heisenberg und ihr Ausschuß 3 für Kernphysik umfaßte die Mitglieder der DFG-Kommission, unter ihnen Hans Kopfermann. DFG-Sekretär Alexander Hocker wurde Ministerialbeamter für das Ressort `Forschung und Nachwuchs'. Satzungsgemäß hatte die Kommission

"die Aufgabe, den Bundesminister für Atomfragen in allen wesentlichen Angelegenheiten zu beraten, die mit der Erforschung und Verwendung der Kernenergie für friedliche Zwecke zusammenhängen".

Vordringlich war die gesetzgebende Beratung. Das Gesetz 22 der Alliierten Hohen Kommission (s.o.) war durch ein Deutsches Atomgesetz zu ersetzen, das verfassungsrechtliche Grundsätze (Regelung der Aufsicht zwischen Ländern und Bund) berührte, und den Rahmen abgeben sollte für die deutsche Kernenergieentwicklung. Fast vier Jahre nach der ersten Beratung in der Atomkommission konnte das Gesetz in Kraft treten.

Der Ausschuß II/3 kam 3 bis 4 mal im Jahr zusammen und erörterte fortan alle größeren Vorhaben, Neugründung von Instituten, Bau und Betrieb von Beschleunigern. Im April 1956 fand die erste `Atompolitik'-Debatte im Bundestag statt. Seit Februar stand die Gründung eines Parlamentsausschusses für Kernenergie an. Die wirtschaftliche Entwicklung begünstigte einen Aufschwung in der physikalischen Forschung, zu beobachten waren sprunghaft ansteigende Investitionen in ihre personelle und materielle Erweiterung.

Werner Heisenberg kam mit seinen Vorschlägen zur Konzentration der Kernenergieentwicklung in München nicht zum Zug[43]. Bonn (Konrad Adenauer[44]) entschied anders: das Reaktorgroßlabor wurde zu Heisenbergs Kummer unabhängig von ihm und vom MPI als Kernreaktor-Bau und Betriebsgesellschaft 1956 in Karlsruhe gegründet. Otto Haxel wurde Vorstands- und Aufsichtsratsmitglied[45]. Otto Haxel (1914-1998) war in Neuulm aufgewachsen. Sein Vater, Kirchenmaler, wurde 1914 eingezogen ('Gebirgsjäger') und war Ausbilder in Sonthofen, bis er 1918 an die Front kam und in Frankreich sein Leben verlor. Die Mutter führte das Geschäft fort und der Sohn konnte in München und Tübingen studieren. Wie berichtet, kam er mit Hans Geiger an die Charlottenburger TH, habilitierte sich und arbeitete während des Krieges an kernphysikalischen Untersuchungen. Bei Kriegsende lag seine Berufung als Extraordinarius an. 1946 schrieb er an Otto Hahn, worauf Heisenberg ihm in Göttingen eine Stelle anbot[46]. 1951 wurde der Kernphysiker Direktor des II. Physikalischen Instituts in Heidelberg und behielt diese Funktion bis zur Emeritierung. Karl Wirtz, der die Fachkomission Reaktorbau und zusammen mit K.H. Beckurts die Göttinger Arbeitsgruppe leitete, siedelte nach Karlsruhe über. Das übrige MPI für Physik zog nach München, wo ab 1956 auf dem Sportgelände in Freimann ein Instituts-Neubau für Physik und Astrophysik entstand. Heisenberg hatte nach der 'Niederlage' schon im September 1956 in einem Brief an Strauss eine nochmalige forschungspolitische Neuorientierung, diesmal auf thermonukleare Forschung, angeregt[47] und in der Folge wurde ein neues 'MPI für Plasmaphysik' in Garching angesiedelt. Dort stand auf dem Gelände nebenan auch der erste Reaktor in Deutschland im `Garchinger Ei', den Heinz Maier-Leibnitz, das 'Atoms for Peace' - angebot nutzend, aufgrund einer Blitzentscheidung des bayrischen Kabinetts (Wilhelm Hoegner) im Juni 1956 noch im gleichen Monat bei der American Machine and Foundry hatte bestellen können[48]. Die `Ei-Form' (der Aussenhaut aus 10 cm Stahlbeton) geht auf eine Idee des Architekten Maier-Leibnitz, Vater des Physikers, zurück. Der Reaktor wurde am 30.Oktober 1957 in Betrieb genommen, lange bevor der erste `selbstgebaute' (FR2) in Karlsruhe kritisch wurde[49]. Ab 1954 erschien, eingeführt von John Cockroft[50], das neue Journal of Nuclear Energy, das übrigens auch Übersetzungen aus dem russischen Pendant Atomnaya Energiya gewidmet war. Die Briten schufen das Vorbild für eine langfristig geplante und zentral gesteuerte friedliche Nutzung der Kernenergie, das in deutschen Kreisen, die vorwiegend die USA im Blick hatten[51], gelegentlich für Beunruhigung sorgte. Die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie war durchaus fragwürdig. Nach der Amerikareise des Ministers in Begleitung von Mitgliedern der Atomkommission im Juli 1956 bemerkte Otto Haxel,
"er habe den Eindruck gewonnen, daß die Amerikaner bis heute noch keinen Reaktor besässen, mit sie Energie zu konkurrenzfähigen Preisen erzeugen können. Es würden sich noch nicht einmal die Reaktortypen abzeichnen, die drüben das Rennen machen könnten."[52]
Im Herbst 1956 äußerte sich Heinrich Schöller (RWE) gegenüber der Kommission sehr skeptisch zur Wirtschaftlichkeit der Kernenergie. Leo Brandt widersprach entschieden und warf dem Vorstand der RWE auf den Vorteil der Firma bedachte Uneinsichtigkeit vor, wo doch England gerade sein Programm von 12 auf 24 Kraftwerke aufstocke[53].

Seit 1950 existierte die International Commission for Radiation Protection, die 1956 der Weltgesundheitsorganisation WHO angegliedert wurde. Der deutsche Strahlenschutz oblag der Fachkommission der Atomkommission. Am 17. Oktober 1956 wurde mit Calder Hall das erste Kraftwerk eingeweiht. Die Regierung war dem Wunsch des Generalstabs nach einer Plutoniumfabrick nachgekommen. Von ihrem 49. Jahrgang (1956) an gaben die in Industriellenkreisen einflußreichen Technischen Mitteilungen[54] der Kernenergie breiten Raum, beginnend mit den Beiträgen zur Genfer Konferenz 1955. Um die Jahreswende 1956/57 konstituierte sich die 'Atomwirtschaft' im 'Eltviller Programm', aus dem das erste deutsche Atomprogramm hervorging[55] (Klausurtagung des Arbeitskreises Kernreaktoren der Fachkommissionen II und III im Gästehaus der Hoechst AG am 26. und 27. Januar 1957). Zur Frühjahrstagung der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft in Wien im März 1957 fand eine Diskussionstagung Reaktorphysik statt. Es sprach u.a. Eugene Wigner über Ziele und Probleme von Reaktoren[56]. Die Teilnehmer kamen vorwiegend aus Industrie und Staatsinstituten: u.a. Benzler (Oberhausen), Brücher (Frankfurt), Faber (Frankfurt), Fleischmann (Erlangen), Mattauch (Mainz)[57]. Im 99ten Band der VDI-Zeitschrift (des Vereins deutscher Ingenieure) führte Gerd Burkhardt in drei ausführlichen Artikeln den Lesern die Grundlagen der Kernphysik und der Energiegewinnung vor Augen. Er schloß mit dem Satz:

"Daß der Mensch den Schlüssel zu diesen Vorräten in die Hand bekommen hat, ist eine Tat, der des Prometheus würdig, die zugleich bewundernswürdig und beunruhigend ist".[58]

Vom 3. Juli 1957 datierte das bilaterale Abkommen der USA mit Deutschland, mit Einschaltung einer europäischen Kernnergie-Entwicklungs- und Kontrollbehörde. Vorausgegangen war ein britisch-deutsches Atomabkommen vom 31. Juli 1956. Am 25 März 1957 war in Rom die Gründung von 'Euratom' beschlossen worden, stand dann noch zur Ratifizierung an und wurde schließlich zum 1. Januar 1958 mit einem ersten Fünfjahresprogramm Wirklichkeit. Am 28 Juli 1958 war die Finanzierung des ersten deutschen Atomprogramms Gegenstand einer Besprechung beim Minister[59]. Schon im September 1958, bei der zweiten Genfer Atomkonferenz machte der Kernenergie-Optimismus allerdings einer allgemeinen Ernüchterung Platz. Die Investitionskosten fielen entschieden höher aus als vermutet. Das Streben nach staatlichen Subventionen und Risikogarantien wurde dadurch nicht geringer. Der Bund förderte das Programm im Zeitraum von 1956 bis 1962 mit rund einer Milliarde und die Länder mit 400 Millionen (Vorlauf und erstes Atomprogramm)[60].

Die Kernenergie war längst auf den Weg gebracht, als das erste `Atomgesetz' der Bundesrepublik ('Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren') am 23 Dezember 1959 verabschiedet wurde. Bis dahin hatten Landesgesetze und Verordnungen die wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Interessen in Bezug auf Strahlungsquellen, Kernenergie, Isotopenproduktion und -verwendung reguliert[61]. Jetzt wurde Artikel 74 GG ergänzt und in Artikel 87c bestimmt, daß der Bund mit Zustimmung des Bundesrates die Länder mit der Ausführung der Gesetze nach Artikel 74 GG beauftragen kann. Das neue Atomgesetz erklärte seinen Zweck:

1. Die Erforschung, die Entwicklung und die Nutzung der Kernenergie zu friedlichen Zwecken zu fördern, 2. Leben, Gesundheit und Sachgüter vor den Gefahren der Kernenergie zu schützen... 3. Zu verhindern, daß durch Anwendung oder Freiwerden der Kernenergie die innere oder äußere Sicherheit der Bundesrepublik gefährdet wird, 4. Die Erfüllung internationaler Verpflichtungen der Bundesrepublik ... zu gewährleisten.

Das Gesetz trat am 1. Januar 1960 in Kraft und die erste bundeseinheitliche Strahlenschutzverordnung des Kabinetts folgte am 13. April 1960. Deutliche Unzulänglichkeiten hinsichtlich der Verfahren (Verbandsklage etc.), der Transparenz, der Unabhängikeit von Experten traten gleich oder im Laufe der Zeit zu Tage. Gravierend war auch, daß Fragen und Bedenken, die sich an Begriffe wie 'Plutoniumwirtschaft', 'Wiederaufbereitung', 'Endlagerung' knüpften, dahingestellt blieben.

1957/58 befürwortete der Arbeitskreis II/3, Kernphysik, dem Hans Kopfermann angehörte (und in dem er auch (wann?) den Vorsitz übernahm) die Förderung des Baus der Institute für reine und angewandte Physik in Kiel, für Kernphysik in Frankfurt und Mainz, für technische Kernphysik in Darmstadt, für Neutronenphysik in Jülich, für angewandte Physik in Würzburg, für Kernphysik in Hamburg, sowie eines Theorieinstituts der Herren Aumann, Bopp, Rollwagen in München. Nicht befürwortet wurde der Plan eines Instituts für wissenschaftliche Photographie. Der Arbeitskreis gab Empfehlungen zu Beschleunigerbau-Plänen der Herren Seelmann-Eggebrecht, Flammersfeld, befürwortete grundsätzlich den Kauf eines 31 MeV Betatrons für Darmstadt (statt dessen erwarb das Institut unter Leitung von Peter Brix einen Linearbeschleuniger), die Einrichtung eines 4 MeV Kaskadengenerators durch Hubert Krüger in Tübingen. Er äußerte sich zu CERN und DESY (Zum Grundkonzept des gemeinsamen Hochschulforschungsinstituts, neben Willibald Jentschke wurde Wilhelm Walcher (unter dem 39.9.1957) mit der Auswahl der Teilnehmer beauftragt), zur Einrichtung eines Sektors Kernphysik im Berliner Großforschungsinstitut. Es wurde versucht, die Abgrenzung gegen die Förderung durch die DFG für die Antragssteller transparent zu machen (Sitzungsbericht vom 15.1.1958). Als die Berliner Studentenschaft 1957 eine Anfrage (2371 Unterschriften) zu Gefahren und Schutzmaßnahmen in Verbindung mit der Erprobung und Anwendung von Kernwaffen an die Kommission richtete, schrieb Wolfgang Riezler eine ausführliche Antwort auf der Grundlage japanischer und amerikanischer Beobachtungen. Wiederholt fanden die Zusammenkünfte in Heidelberg (Sitzungssaal der Akademie) statt. Zur 20. Sitzung trafen sich die Mitglieder am 6. Februar 1960 im CERN anläßlich der Inbetriebnahme des 25 GeV Protonensynchrotrons. Die Fachkommission II, Forschung und Nachwuchs, empfahl dem Gmelin Institut (Herrn Pietsch in Zusammenarbeit mit Herrn Steimel (Bibliothekar der AEG)) in Frankfurt die Literatursammlung und Dokumentation zur Kernenergieentwicklung zu übertragen. Die Atomkommission befaßte sich in ihrer 10. Sitzung am 19. Juni 1958 im Ministerium u.a. mit dem Stand der Gesetzesarbeit, mit dem Antrag der SPD für eine unabhängige Atomkommission, mit dem ersten 500 MW Programm, mit den Verhandlungen mit Euratom und den USA zu Siede- und Druckwasser- Reaktortypen, mit der Eurochemic-Wiederaufbereitungsanlage in Mol, mit aktueller Forschung zur Fusion, mit Nachwuchsfragen und der Förderung an Ingenieurschulen. Übrigens hatte ein Arbeitskreis der Fachkommission II schon unter dem 6.7.1957 empfohlen, mehr Interesse für die naturwissenschaftlichen Fächer in den Volksschulen zu wecken, die Erwachsenenbildung zu fördern, die Kapazitäten der Ingenieurschulen zu vergrößern. Im Zusammenhang mit der Kernenergie schien sich eine Bildungsdebatte anzubahnen. Die Sorge um den Nachwuchs von Fachkräften spielte von Anfang an eine große Rolle und gipfelte 1962 in der Warnung Herwig Schoppers, wenn nicht mehr als bisher für die Ausbildung geschehe, würden in 10 Jahren weder für die Forschung noch für die Führungsaufgaben in der Industrie genügend Fachleute vorhanden sein. Geisteswissenschaftler beklagten sich zurecht über das Ungleichgewicht der Förderung. Solche Einwände wurden schnell abgewehrt. Leo Brandt zeigte sich 1962 besorgt über
"die von Bundesminister Balke erwähnte Kritik der Geisteswissenschaften an der großzügigen Förderung der Naturwissenschaften, die der gesamten Forschung schweren Schaden zufügen müßte ... Er erinnert an die vorausschauende Förderung der Wissenschaften vor und zwischen den beiden Weltkriegen, die damals den wirtschafltichen Aufstieg Deutschlands eingeleitet habe ..."[62]
Einmal, im Februar 1960, sah sich der Minister genötigt, alle Mitglieder der Atomkommission und ihrer Arbeitskreise auf ihre Gemeinhaltungspflicht hinzuweisen:
"in den letzten Monaten gab es eine Anzahl von Fällen, in denen vertrauliche Sitzungsprotokolle dritten Stellen zugänglich gemacht wurden". Das fünfjährige Bestehen der Kommission wurde 1961 mit Festsitzung, Empfang und Frühstück beim Bundespräsidenten gefeiert. Staatssekretär Cartellieri schrieb für den Minister: "Die Hoffnung, mit der Deutschen Atomkommission einen neuen Stil der Zusammenarbeit zwischen Staat, Wissenschaft und Wirtschaft zu entwickeln, hat sich erfüllt."[63]

Im Nachhinein stellt sich die Entwicklung der Kernenergie im Ganzen zwar als Modernisierungsinstrument dar, dies jedoch in vorderster Linie im kalten Krieg und in einem ökonomischen (parallel zum militärischen) Hegemoniestreben. Im Kalten Krieg unterlag letztlich zwar der Gegner, in erster Linie die Sowjetunion, aber von Anfang an wurden mit der Herausforderung Risiken heraufbeschworen, sie hatte Implikationen für viele Menschen, bis hin zum Unglück von Tschernobyl. Eine Befürchtung war auch von Anfang an, daß Technologien wie die der Kernenergie die globale Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu Gunsten lokaler Wohlstandskonzentrationen akzentuieren. Es mag nicht nur Soziologen einleuchten, daß solche Technologien, wenn überhaupt, nur mit einem sehr großen, teuren und breitangelegten, langfristigen und allgemeinen Bildungs- und Mitbestimmungsprogramm[64] demokratisch zu verwirklichen sind. Auch unter diesem Aspekt stellt sich die Revolution des `Atomzeitalters' als keine sehr friedliche dar. Das Dilemma von `Autokratie und Demokratie', das Lew Kowarski den Großlabors zuschrieb, spiegelt nur das analoge, verzweifelt ungelöste, im gesellschaftlichen Raum. Die Forderung nach Abhilfe findet wohl auch in dem Schlagwort 'verhandelte, nicht verordnete Innovation' ihren Ausdruck. In Deutschland (und in der Atomkommission um 1960) wurde eher vorrangig die wissenschaftlich-technische Modernisierung 'in aller Bescheidenheit' betrieben, während abstrakte und verschwommene Vorstellungen zur gesellschaftlichen, kulturellen Verantwortlichkeit tradiert wurden. Der Sachverhalt kam exemplarisch 1960 in einem Vortrag über "Die Nutzung der Kernenergie in geschichtlicher Darstellung" zum Ausdruck, den der zweite Atomminister (1956-1962) Siegfried Balke[65] 1960 vor Medizin-, Wissenschafts- und Technikhistorikern hielt. Ein Satz von José Ortega y Gasset, "Die Geschichte schafft Bewegung, und aus dem Reglosen wird ein Ruheloses", brachte Balke auf den Gedanken, die Nutzung der Kernenergie als Ausfluß der Ruhelosigkeit aufzufassen. Ihre Geschichte habe erst begonnen. "Sie sollte unter der Mahnung Herodots stehen, das 'hinter der Hybris die Nemesis wartet'."

"Ich möchte", sagte Balke," - wenn auch mit unzulänglichen Mitteln - deutlich machen, daß das aktuelle menschliche Tun und das moderne Denken eingefügt sind in den geheimnisvollen Lauf der Geschichte, die täglich neu entsteht - modern heißt schließlich 'modo hodierno' - , und daß wir uns nicht mit dem hilflosen Gerede von wissenschaftlichen oder industriellen 'Revolutionen' aus der Verantwortung für das Geschehene und noch Geschehende hinausmogeln können."[66] Das politische Gleichgewicht der Kräfte ist heute durch die unheilvolle Äquivalenz der Atomwaffen gegeben. Die Nutzung der Kernenergie scheint den Kritikern recht zu geben, die im Absolutheitsanspruch des Rationalismus in den Naturwissenschaften und der funktionellen Technik die Apokalypse voraussehen. / Und doch, wir sollten uns nicht von jeder naturwissenschaftlichen Entdeckung, von jeder technischen Entwicklung in Weltuntergangsssimmung versetzen lassen. Der Mensch unterliegt noch anderen Gesetzen als denen des Rationalismus, er wird die Grenzen seines zugemessenen Lebensraumes nicht überschreiten können./ Die Gefährdung des Humanen ist stärker geworden, moralische Gesetze werden unwirksam, wenn wir nicht die Wissenschaft in die Lage versetzen, gegen diese Folgen des Fortschritts anzugehen. Dazu brauchen wir eine einheitliche Haltung in der Suche nach der Wahrheit - ohne Nützlichkeitsprinzip. Deshalb sollte die Fahrlässigkeit, mit der die unheilvolle Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften aufrechterhalten wird - mit Gründen natürlich -, von der Wissenschaft bekämpft werden, denn diese Spaltung gefährdet die schöpferischen Kräfte in der Verteidigung des Humanen./ Nehmen wir als Ergebnis unseres Versuches die Überzeugung mit, daß der Mensch etwas Höheres ist als ein Vollzugsorgan deterministischer Gesetzmäßigkeiten der materiellen Welt. Ihm wurde das Gewissen gegeben, um den rechten Weg zu finden."[67]

So wurde die Auseinandersetzung mit Geschichte und mit der konkreten 'Umsetzung' von technischem in humanen Fortschritt 'offiziell' abgewehrt und das politische Handeln hatte in moralischen Appellen an Gewissen und Verantwortung seine charakteristische Note. Ein warnender Hinweis auf die Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften aus dem Mund des Atomministers war vermutlich nicht mehr als eine Floskel.[68]


[1]Weitere Redner waren Eberhard Buchwald/Danzig, Hans Schimank und Ernst Brüche

[2]In diesem Beschluß kam die erste von einer Serie von Niederlagen zum Ausdruck, die Gewerkschafter hinnehmen mußten, bis ihre Organisationen in den 50er Jahren endgültig zu 'Sozialpartnern' abgestempelt waren. Der Dachverband wurde als Deutscher Gewerkschaftsbund der britischen Zone im April 1947 in Bielefeld gegründet.

[3]Einmal reisten sogar Mitglieder der IAScW nach (West-)Deutschland und nahmen Kontakt mit Kollegen auf, nur um festzustellen, daß ihr Anliegen auf kein Interesse stieß. (Pers. Mitt. Cathryn Carson, München, Oktober 1999)

[4]Vgl. auch John R. Baker, Freiheit und Wissenschaft, Bern, Francke, 1950

[5]Jost Lemmerich Hg., Lise Meitner - Max von Laue, Korrespondenz 1938-1948, Berlin, ESR 1998, S.464

[6] Ansichtskarte aus Bad Nauheim (Der Sprudelhof mit den 3 Hauptquellen) vom 12.10.1950. Privatarchiv Lotte Gmelin.

[7]Adolf Butenandt (1903-1995), studierte bei Adolf Windaus in Göttingen, 1931 dort habilitiert, 1933 o. Prof. für organische Chemie TH Danzig. 1936 Leiter des KWI Biochemie als Nachfolger des exilierten Carl Neuberg (1877-1956). Nobelpreis 1939, zusammen mit Leopold Ruzicka (Zürich) für Isolierung, Bestimmung der Eigenschaften und der Formel von Östrogen. Seit 1935 (Friedenspreis an Carl von Ossietzky) war Deutschen die Annahme des Preises untersagt, erst 1945 konnte Butenandt ihn entgegennehmen. 1960 Präsident der MPG. Gründete 1941 zusammen mit Wettstein die Arbeitsstätte Virusforschung und konnte nach dem Krieg im (In- und) Ausland als jemand gelten, der "danach beurteilt wurde, welche Kontakte man während der nationalsozialistischen Zeit gehabt habe" (s.Ute Deichmann, a.a.O., S. 218). 1947 berichtete Robert J. Havighurst (Rockefeller Foundation) Butenandt habe gemeint, während der ganzen Hitlerzeit sei den KWI die Freiheit der Wissenschaft gegeben worden, erst die alliierte Besatzung schränke sie jetzt ein. Vgl. Ebenda, S. 353.

[8] S. Archiv der MPG, Berlin

[9]Diese Direktive wurde unter dem 11.7.47 formal abgelöst durch JCS 1779, gegenüber der reinen Verwaltungs und Repressionsabsichten von 1067 standen jetzt Wiederaufbau und Neuorientierungsprogramme im Vordergrund.

[10]Unter französischer Militärregierung wurde am 30. August 1946 neben Baden und Württemberg-Hohenzollern das Land Rheinland-Pfalz gegründet, am 30. Juni hatte ein britischer Ministerausschuss die Gründung Nordrhein-Westfalens neben Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen gebilligt.

[11]Vgl. David Cassidy, "Controlling German Science, I: US and Allied Forces in Germany 1945-1947" hsps 24, 1994, 197

[12]Adolf Windaus (1876-1959), Erschließung des Cholesterin 1901, Habilitation in Freiburg 1903, 1913 o. Prof. Innsbruck, 1915 Direktor des Allgemeinen Chemischen Universitätslaboratoriums Göttingen. 1928 Nobelpreis für die Erforschung der Sterine und ihres Zusammenhangs mit den Vitaminen.

[13]Vgl. Armin Herrmann, a.a.O., S. 180 ff

[14]Ebenda, S.184

[15]Vgl. T. Stamm, Zwischen Staat und Selbstverwaltung. Die deutsche Forschung im Wiederaufbau 1945-1965, Köln 1981

[16]Andererseits erklärte Hermann Rein 1947, für einen Gelehrten sei das Kontrollratsgesetz Unsinn, weil die Kontrolleure nichts von der Materie verstünden und weil der Gelehrte sich von ökonomischen Organen keine Vorschriften machen lassen könne

[17]NRW Akz 1 w/2, Düsseldorf; hier zitiert nach einer Kopie im Nachlass Gerlach, München, Deutsches Museum, Korrespondenz

[18]Vgl. Michael Eckert, "Primacy doomed to failure: Heisenbergs role as scientific advisor for nuclear policy in the FRG", HSPS 21, 1990,

[19]Vorwort zu Helmut Eickemeyer, Abschlußbericht des DFR, München, Oldenbourg, 1953

[20]S. Helmut Eickemeyer, Abschlußbericht, München, Oldenbourg, 1953

[21]Ebenda

[22]S. u.a. Kulturbeilage der Münchener Allgemeinn, 12.6.49; Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung Stuttgart 24.12.49; Die Tat, Zürich, 25.8.50; Deutsche Universitätszeitung Göttingen, 1951 und Wiederabdruck in Eickemeyer, a.a.O., Anhang

[23]Vorwort zu Eickemeyer a.a. O.

[24]Nachlass Gerlach, Deutsches Museum München, Korrepondenz mit Walter Georgii, Adolf Baeumker s.o.

[25]Vgl. H. Trischler, Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland 1900-1970. Eine politische Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt, 1992

[26]Vgl. Michael Eckert, "Primacy doomed to failure: Heisenberg's role as scientific advisor for nuclear policy in the FRG", HSPS 21, 1990, S.21

[27]Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975, Reinbek, Rowohlt, 1983, S.47. Allerdings scheint mir die Feststellung, Haxel habe Wirtz verdrängt, mißverständlich. Zweifellos hatte Haxel als Vorstands- und Aufsichtsratsmitglied die übergeordnete Funktion. Die Gründe dafür scheinen mir eher in einem Verhältnis Haxels zu den Entscheidungsmachern in Politik und Wirtschaft zu liegen, das sich u.a. mit der Strauß-Reise nach Amerika 1956 herausgebildet hatte, als in einem unmittelbaren Konkurrenzverhältnis mit Wirtz. Umso interessanter - auch im Zusammenhang mit dem Einfluß Kopfermanns - scheint mir die Frage nach Otto Haxels Motivation und Haltung zum 'Einstieg' in die komplexen Zusammenhänge der Kernnergiepolitik.

[28] Ebenda, S.38

[29]Zitiert nach Lev Kowarski, " Forms of organization in physical research after 1945 " in C. Weiner Hg., Storia de la fisica del XX secolo, New York, Academic Press, 1977, S.375

[30] Lev Kowarski, loc. cit., S.375 ff.

[31] Er erfand zu Demonstrationszwecken ein hölzernes Modell, in dem rollende Holzkugeln die beschleunigten Elektronen darstellten.

[32] Vgl. K.H. Althoff, H. Ehrenberg, "Das 500 MeV-Synchrotron", unveröffentlichte Festschrift zum 60. Geburtstag von Wolfgang Paul, Bonn, 1973

[33]Riezler war Assistent Gerlachs in Bonn gewesen, hatte nach dessen Weggang das Physikalische Institut kommissarisch geleitet und war 1952 Extraordinarius geworden.

[34] Michael Eckert, "Die Anfänge der Atompolitik in der Bundesrepublik Deutschland", VjhfZ, 1989 S.128

[35] In dem PSG-Konsortium saßen Vertreter von 16 Firmen. In Erscheinung traten vor allem Wilhelm Bötzkes, Bankier und MPG-Senator, Leo Brandt, Staatsekretär (NRW), ehemals Koordinator des Radarprogramms, ein überzeugter Nuklearplaner und Ernst Telschow, der MPG-Generalsekretär.

[36]Leiter der deutschen Delegation war Otto Hahn. Am Rande der Konferenz kam es zu einem symptomatischen Skandal: Hermann Joseph Muller, Mutationsforscher, Professor für Genetik an der Indiana University, Nobelpreiträger 1946 wurde aus politischen Gründen von der Teilnahme ausgeschlossen (Muller hatte in der SU gearbeitet und war vor dem stalinistischen Terror geflohen. Vgl. G. Pontecorvo, "Hermann Joseph Muller 1890-1967" Biographical Memoirs of the Fellows of the RS 14, 1968, 349-389)

[37]Wilfried Berger, "Die Genfer Atomkonferenz in technischer Sicht", Naturwiss. Rundschau 9, 1956, S.1

[38]Friedrich Dessauer, Atomenergie und Atombombe, Frankfurt, Josef Knecht, 1948

[39] Deutsches Museum, Abh. und Berichte 23, 1955 Heft 2, München, VDI Verlag und Oldenbourg 1955

[40]Vgl. Michael Eckert, "US-Dokumente enthüllen: 'Atoms for Peace' - eine Waffe im Kalten Krieg", Bild der Wissenschaft 5, 1987, S.64

[41]Den Anstoß zur Einrichtung des neuen Ministeriums gab Botschafter Krekeler in einem Gespräch mit Adenauer während einer Autofahrt von New York nach Greenwich/Connecticut im Juni 1955 und vermutlich entschied der Regierungschef in einer Besprechung mit Krekeler, Hallstein, Pferdmenges und Strauß am 29 Juni für die Gründung. S. Michael Eckert, "Die Anfänge der Atompolitik..." a.a.O., S.138, Fußnote 73

[42]J.Abs (Südd. Bank Frankfurt) , Hans Boden (AEG), Leo Brandt (Staatssekretär NRW), Ernst von Caemmerer (Jurist Freiburg), Richard Fischer (Stadtwerke Köln, Beigeordneter des Städtetags), Gerhard Geyer (Esso Hamburg), Hans Goudefroy (Allianz Vers. München), Peter Joseph Wolff (Otto Wolff Köln, Hauptvorstand DAG), Ulrich Haberland (Vorstand Bayer), Otto Hahn (MPG), Otto Haxel (Physiker Heidelberg), Werner Heisenberg (MPI Physik Göttingen), Carl Knott (Siemens-Schuckert Erlangen), Alexander Menn (Hoechst), Friedrich Paneth (MPI Chemie Mainz), Alfred Petersen (Metallgesellschaft Frankfurt), Hermann Reusch (Gen. Dir. Gutehoffnungshütte), Hans Reuter (DEMAG), Wolfang Riezler (Physiker Bonn), Ludwig Rosenberg (DGB Bundesvorstand), Arnold Scheibe (Agronom Göttingen), Heinrich Schöller (RWE), Gerhard Schubert (Univ. Kliniken Eppendorf), Hermann Winkaus (Vorstand Mannesmann), Karl Winnacker (Gen. Dir. Hoechst).

[43]Vgl. Michael Eckert, "Primacy..." loc. cit. Am 10.8.1955 druckte Der Spiegel den Bericht (samt Portrait) von einem Gespräch mit Werner Heisenberg ("der mit seiner Frau und sechs Kindern in seiner Urfelder Hütte am Ende der bayrischen Fremdenverkehrswelt beobachtet, was wohl in Genf herauskommen wird") unter der Überschrift: "Atomenergie: Auf keinen Fall Karlsruhe". Heisenberg hatte in einem Brief an Außenminister Brentano die Reise zur Genfer Konferenz an der Spitze der deutschen Delegation abgesagt, das Ministerium hatte verlauten lassen "wegen Arbeitsüberlastung", Heisenberg korrigierte und antwortete auf die Frage des Journalisten, warum er verärgert sei: "Das kann ich Ihnen sagen: ich gehe auf keinen Fall nach Karlsruhe". Die Verärgerung des Gelehrten habe jedoch auch eine sehr viel standfestere, nämlich finanzielle Basis: die in Aussicht gestellten 1,9 Mio DM seien ein viel zu geringer Betrag. Der Spiegel stellt ein Gemisch von Zuständigkeiten fest: "Federführend ist das Bundesinnenministerium, aber auch das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesarbeitsministerium haben Atomreferenten. In jüngster Zeit hat sich auch der Bundeskanzler in der Person des Oberregierungsrates von Bechtholdsheim einen eigenen Referenten für Atomfragen zugelegt."

[44] Adenauer soll gesagt, haben, München läge nur 200 km von der Grenze, Karlsruhe sei sicherer, Vgl. Lydia Edinghaus, Heinz Maier-Leibnitz , a.a.O., S.133. Die Düsseldorfer PSG hatte zuvor gegen Heisenbergs Wünsche entschieden und Otto Hahn brachte im Juni 1956 den Konflikt vor die Atomkomission. S.a. R.-J-. Gleitsmann. Zur Kontroverse um die Standortfindung für eine deutsche Reaktorstation (1950-55), KfK4186, Karlsruhe 1986. Eingehende Darstellung bei Michael Eckert, "Primacy...", loc. cit. S. 54 und ders., "Die Anfänge..." loc. cit., S.127- Dort auch die Fußnote, daß Staatssekretär Hans Globke am 2.4. 1955 General Heusinger um Stellungnahme zur Standortfrage bat.

[45]Am 10.9.1955 hatte die Bundesregierung eine große Anfrage der Abgeordneten Ruhnke, Geiger (München), Drechsel, Elsner Schild 'und Genossen' zu den Gründen für Karlsruhe, zur Trägerschaft und Leitung beantworten müssen. Gleichzeitig wurde auch gefragt, in welcher Form die Bundesrepublik im CERN vertreten sei.

[46]In der Erinnerung blieben die wenigen Jahre in Göttingen für Otto Haxel 'die schönste Zeit seines Lebens'. Gespräch mit Ilse Haxel, Heidelberg, August 2000.

[47]S. Michael Eckert, "Primacy..." loc.cit., S.54

[48]Vgl. Michael Eckert, "Neutron and politics: Maier-Leibnitz and the emergence of pile neutron research in the FRG", HSPS 19, 1988, S.81

[49]Übrigens gibt es in der Garchinger Ansiedlung (60 ha) der Forschungsinstitute von Technischer Hochschule, Ludwig Maximilian Universität München und Max Planckgesellschaft seit 1989 eine `Hans Kopfermann' Straße. An ihr liegt das 'Institut für Quantenoptik'.

[50]Geb. 1897, Pionier der Kernphysik in Rutherfords Cavendish-Laboratorium, dort auch Zusammenarbeit mit Pjotr Kapitza. Beschleunigerentwickung zusammen mit E.T.S. Walton (Cockroft-Walton-Maschine). 1939-1945 Radarentwicklung, seit 1946 Direktor des Atomforschungszentrums Harwell. 1951 Nobelpreis zusammen mit Walton. Promotor der Kernenergie in vielen Reden und Schriften.

[51]Joachim Radkau (a.a.O., S. 20) schrieb "an der Gewichtung dieses Vorbilds hängt die gesamte Interpretation der bundesdeutschen Entwicklung". Der Autor erinnerte auch an Heisenbergs Schreiben an Adenauer, Ende 1953: "das Entwicklungstempo der Atomtechnik in der Welt (werde) durch Amerika vorgeschrieben".

[52]Bericht vom 4.8.1956 über die Amerikareise des Bundesministers für die Mitglieder der Atomkommission. Werner-Heisenberg-Archiv, MPI Physik, München. Die Reise ging nach New York, Washington (Besprechung mit Admiral Strauß), Detroit (Bendix Reactor Development Company), Chicago (Argonne Nat. Lab.), San Francisco, Berkeley, Los Angeles (Gespräche mit Lawrence, McMillan, Teller), Oak Ridge, wieder Washington und New York (Besuch im Esso Labor).

[53]Joachim Radkau vermerkte (a.a.O., S.55), Leo Brandt sei 1956 tief erschrocken über die britischen Kernenergiepläne.

[54] Haus der Technik Hg., Essen, Vulkan Verlag

[55] Vgl. Karsten Prüß, Kernforschungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt, Suhrkamp, 1974, S.70

[56]Wigner meinte, die Energievorräte an Erdöl seien auf etwa 30 Jahre begrenzt, die Kohle auf 400 Jahre, und die Kernenergie könnte etwa ebenso dauerhaft wie die Kohle sein.

[57] Willibald Jentschke, Hamburg, sprach bei diesem Anlaß über Teilchenbeschleuniger.

[58]Gerd Burkhardt, Hannover, "Der atomare Bau der Materie", VDI Zs. 99, 1957, S. 861, 99 S. 1061 (Der Aufbau der Atomhülle) 99, S. 1175 (Der Aufbau des Atomkerns)

[59]Es nahmen teil: H.J. Abs, Alfred Boettcher (Deutsche Gold und Silber), Walter Dudek (Senator, DGB), Wolfgang Finkelnburg (Siemens-Schuckert), Angelo Mößlang (Bayernwerk), Felix Prentzel (Vorstand Deutsche Gold und Silber) Heinrich Schöller (RWE) Georg Siara (Direktor Deutsche Bank), die Ministerialbeamten Kattenstroth (Wirtschaft), Marchand (Finanzen), Jahn (Bundesbesitz), Cartellieri (Atom und Wasserwirtschaft).

[60] Karsten Prüß, a.a. O., S.337

[61]Etwa bayrisches Landesgesetz vom 13. Juli 1957. Von 1941 datierte eine Röntgenschutzverordnung im Rahmen des Arbeitsschutzes.

[62]Werner Heisenberg Archiv MPI München, Bericht zur Sitzung der Atomkommission am 11.7.62. Anwesend außer Mitgliedern die Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden der Fachkommissionen II und III: Boettcher (Jülich), Closs (Hannover), Groth (Bonn), Kopfermann (Heidelberg), Schopper (Frankfurt), Thomas (Göttingen), Wirtz (Karlsruhe). Leo Brandt beglückwünschte auch das Ministerium zur Übernahme der neuen Aufgabe des Raumfahrtprogramm und meinte, "daß die wiedererstandene Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt bereits einen guten Ansatzpunkt für den Aufbau der Raumfahrt bilde."

[63] Weiter hieß es: "Es ist beabsichtigt, die Arbeiten der Deutschen Atomkommission in der bewährten Form fortzusetzen und ihr auf der Grundlage der fünfjährigen Erfahrungen nach Vorberatung in ihrem Präsidium Änderungen und Ergänzungen der Geschäftsordnung vorzuschlagen. Damit solle es allen Mitgliedern erleichtert werden, bei ihrer beruflichen Belastung dem Ministerium auch weiterhin ihre Kenntnisse und Erfahrungen in dem bewährten, vertrauensvollen Gedankenaustausch zur Verfügung zu stellen."

[64]Nicht zu verwechseln mit Akzeptanzkampagnen à la General Electric: "Meet citizen atom - your partner in progress ... the atom in our town (Plainfield Illinois): living so close to Dresden makes us realize, what atomic power means to us ..." Annonce in der New York Times vom 11. 12. 1960.

[65]Siegfried Balke (1902-1984) war Industriechemiker und nach seiner Zeit als Minister Präsident des Bundes Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA)

[66]Siefried Balke, "Die Nutzung der Kernenergie in geschichtlicher Darstellung", Deutsches Museum , Abh. und Berichte 28, 1960, S.7

[67]Ebenda, S.18/19

[68]Vgl. a. Balkes Rede zum 100-jährigen Bestehen des Braunschweiger Instituts für Chemische Technologie 1963: "Der gewaltige wissenschaftliche und technische Vorsprung des Auslandes konnte durch zielbewußte staatliche Hilfe in wenigen Jahren weitgehend aufgeholt werden, und auf manchen dieser Disziplinen stehen wir dicht unter der letzten Schwelle der internationalen Anerkennung, die dann auch dazu führen wird, daß man wieder deutsche wissenschaftliche Literatur lesen muß, wenn man auf dem laufenden bleiben will. Aber diese guten Anfangsergebnisse einer Wissenschaftspolitik sollten als Vorbild für eine systematische Förderung aller der Projekte dienen, die wir heute nicht systematisch fördern. Man nennt sie nach amerikanischem Vorbild die big science, besser: die Großprojektforschung... Das gilt z.B. für die Raketen und Raumfahrttechnik, für die Mikroelektronik, für die Subminiaturtechnik, für die elektronische Datenverarbeitung, für die Automatisierungstechnik sowie für die Mikrowellen und Lichtverstärkertechnik." (Zitiert nach Walter Kertz, "Forschung in der jüngsten Entwicklungsphase" in: ders. et al. Technische Universität Braunschweig. Vom Collegium Carolinum zur Technischen Universität 1745-1995, Hildesheim, Olms, 1995)

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

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