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Endstation Heidelberg

Hermann Rein, drei Jahre jünger als Hans Kopfermann, erhielt im Herbst 1952 einen Ruf nach Heidelberg, als Direktor des Max Planck Instituts für Medizinische Forschung. Nachdem er Universitätsprofessuren in Berlin und Heidelberg zuvor abgelehnt hatte, entschied er sich diesmal zur Annahme, begann mit Planungen und Ausbauten in Heidelberg, entsandte Mitarbeiter. Er starb bevor er selbst übersiedelte.

Hans Kopfermann hatte den Ruf nach Bonn abgelehnt, der dann an Wolfgang Paul ging und hatte wohl nicht mehr daran gedacht, noch einmal zu wechseln[1]. In jenem ereignisreichen Jahr 1952 kam er aber doch in Versuchung, als die Aussicht bestand, in Heidelberg Nachfolger von Walther Bothe zu werden. Bothe zog sich mit 61 Jahren auf den Direktorssposten des Instituts für Physik im Max-Planck-Institut für medizinische Forschung zurück[2]. Für Kopfermann bestand Aussicht auf sehr gute Arbeitsmöglichkeiten im Verein mit den jüngeren Kollegen Otto Haxel und Hans Jensen, die er ja kannte und schätzte. Am 24. Juli 52 schrieb Hertha Kopfermann an Lotte Gmelin;

"Wir leben seit vorgestern in angenehm gruseliger Aufregung. Mein Mann hat einen Ruf nach Heidelberg, und die ganze Sache sieht sehr verlockend aus. Mein Mann, den ich für einen eingefleischten und hoffnungslosen 'Göttinger' gehalten habe, ist von Abenteuerlust gepackt und nicht ganz abgeneigt, sich zu verändern. Jedenfalls wollen wir nächste Woche, da wir gerade kinderlos und frei sind, für zwei Tage nach Heidelberg fahren und Stadt und Institut betrachten."

Am Rand dieser Zeilen des maschinegeschriebenen Briefes bemerkte Hans handschriftlich: "streng vertraulich". Im Lauf der nächsten Monate fiel die Entscheidung. Nicht zuletzt das Finanzielle, fürs Institut und auch persönlich, gab den Ausschlag. 'Die Heidelberger versuchen mich vorn und hinten zu vergolden' schrieb er am 29.12. 1952 an Peter Brix nach Ottawa, es stünde 2:1 für Heidelberg.

Die Verhandlungen kamen dann relativ schnell zum Abschluß. In einem Berufungsvertrag vom 22.12.52 aus Karlsruhe wurde vereinbart, daß 50-60000 Mark in zwei Raten für das Institut bereitgestellt würden. Außerdem eine TO aVIII Gesellen-Stelle, ein von 7000 Mark um jährlich 2-3000 Mark zu erhöhendes Aversum für Assistenz, ein von bisher 24 000 auf 30000 erhöhtes Sachmittelaversum und, so bald als möglich, ein jährlicher Etat von 1000 Mark für Gastvorträge aus dem Ausland. Unter Punkt 7 des Vertrags war zu lesen: "Nach ihrer Erklärung wird Ihnen von der DFG eine Elektronenschleuder zur Verfügung gestellt werden". In diesem Zusammenhang waren ab Ende Sommersemester 1953 30 000 Mark für den Bau eines Bunkers vorgesehen und 10 000 Mark zum Aufbau der Schleuder. Im übrigen übernahm die Staatskasse die Umzugskosten für Geräte im Werte von 150 000 Mark von Göttingen nach Heidelberg, sowie die persönlichen Umzugskosten der Dozenten Krüger und Brix.

Kopfermann entschied sich also, den Ruf anzunehmen. Am 16.3. 53 schrieb er an den Ministerialrat Heidelberger:

"Zu Punkt 4 (Wohnung) möchte ich noch bemerken, daß ich als 'erforderliche Familienwohnung in Heidelberg' nunmehr die obere Etage des Hauses Philosopenweg 16 ansehe, die hoffentlich zum Herbst ds. Js. beziehbar sein wird. Uber den Lieferungstermin der Elektronenschleuder hat mir Siemens Reiniger mitgeteilt, daß das Gerät frühestens zum 1. 8., spätestens zum 1. 10. in Heidelberg aufgestellt wird. Eine Liste der neu anzuschaffenden Werkstatteinrichtung, eine Abschrift meiner Ernennungsukrunde zum o. Prof. und der Entnazifizierungsbescheid liegen bei."

Die Ernennung datierte vom 30.3. (gez. i.V. des Ministerpräsidenten Ulrich, Innenminister). Noch einmal leistete Kopfermann am 27. 4. einen Amtseid und unterschrieb zusammen mit dem Rektor, dem Juristen Eberhard Schmidt, das Vereidigungsprotokoll:

"Ich habe heute folgenden Diensteid geleistet: "Ich schwöre Treue der demokratischen Verfassung. Ich werde die Verfassung und die Gesetze des Staates achten, befolgen und verteidigen. Ich werde meine Amtspflichten jederzeit gewissenhaft erfüllen. Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!"
Der Ordinarius bezog ein Grundgehalt von 13 600 Mark jährlich. Hinzu kamen, abgesehen von Wohngeldzuschuß (DM 156 monatlich)., Teuerungszulage, Kinderzuschlägen (DM 65), eine Unterrichtsgeldgarantie von jährlich 5000 Mark und ein lebenslänglicher, unwiderruflicher Zuschuß zur Ergänzung des Grundgehalts von jährlich 2800 Mark[3]. Die monatliche Kassenanweisung zum 1.5. belief sich auf 2134,34 Mark (Grundgehalt, Stellenzulage DM 233,33 , 40%-Zulage DM 546, 67, Wohngeld, Kindergeld). Ausserdem wurde vorläufig der Höchstsatz von DM 9,0 pro Tag an Trennungsentschädigung gezahlt. Die Familie war zwar provisorich im Institut eingezogen, aber die Göttinger Miete von monatlich 175 Mark war nach wie vor zu zahlen und außerdem entstand - mangels eigener Küche - ein Mehraufwand für die 'Hauptmahlzeiten im Gasthaus'.[4] Der Heidelberger Institutsbau war (wie seinerzeit schon das Kieler) mit dem Namen Philipp Lenards verbunden. Das repräsentative vier- und fünfstöckige Gebäude im wilhelminischen Stil liegt an der Albert-Überle-Straße am Berg. Auf dem Nachbargrundstück unterhalb hat später ein anderer Nobelpreisträger (1931, gemeinsam mit Carl Bosch), der Chemiker (Fritz-Haber-Schüler) und Industrielle Friedrich Bergius (1884-1949) sein großes Privathaus im Stil der Moderne bauen lassen (in den 60er Jahren umgebaut zum physikalischen Institut). Die Fenster des Direktorzimmers in der Beletage wiesen zur Überle-Straße und ins Neckartal. Zum Hörsaal wie auch zur Werkstatt im Erdgeschoß kam man von dieser Seite. Der Haupteingang zu den Laboretagen und zum Praktikum im obersten Stockwerk liegt dagegen um eine Etage höher, am Philosophenweg, der hier von Westen, von Neuenheim herauf gerade auf das Institut zuläuft und links am Grundstück vorbei noch steiler den Berg hinaufgeht. Schon das nächste Gebäude, eine wilhelminisch-herrschaftliche Villa, seit den fünfziger Jahren Institut für theoretische Physik und Kopfermanns Privatwohnung, liegt haushoch über dem Institut.

Noch aus Göttingen hatte Hertha Kopfermann am 27.3.1953 berichtet:

"Wir haben sehr unruhige Monate mit vielem Hin und Her hinter uns. Aber nun sind wir entschlossen. Wir sollen eine sehr hübsche Wohnung oben am Philosophenweg haben, die wir allerdings von innen noch nicht gesehen haben. Aber Dachgeschoss, herrliche Lage etc. sind sicher. Diese Wohnung ist das obere Geschoss eines früher sehr feudalen Einfamilienhauses, das der Staat zur Erweiterung der Physikalischen Institute gekauft hat. Nur einige Schritt vom Institut entfernt. Leider ist das Haus noch nicht leer, und wir müssen warten, bis die jetzigen Mieter ausziehen. Das kann schnell gehen, kann sich aber auch hinziehen. Da ich nicht gern noch sehr lange Zeit mit den Kindern hier sitzen möchte, haben wir von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, uns im Institut provisorisch einquartieren zu können. Wir werden deshalb zwischen dem 15. und 20. April übersiedeln, damit die Kinder dort noch das neue Schuljahr erreichen. Mir selbst ist unendlich wehmütig bei dem Gedanken zu Mut, Göttingen zu verlassen, obwohl ich doch sonst die war, die unzufrieden mit Göttingen war. Aber ich komme mir hier jetzt sehr zu Hause vor, vertraut mit allem, und ich habe oft grosse Ängste vor der Zukunft. Aber das muss nun überstanden werden. Technisch ist vieles für mich auch schwierig; mein "Hameln" macht da viel Sorgen. Und ich scheine ein Erzhannoveraner zu sein, weil mich der Norden so festhält. Die Kinder gehen gern ... Mein Mann ist glücklich über Zukunftspläne, aber er hat es bestimmt schwer gehabt in den letzten Monaten mit dem Hin und Her. Und da er vorerst nur einen Teil seiner Assistenten mitnimmt, hoffe ich, daß das erste Heidelberger Semester etwas geruhsamer wird."[5]

Das erster Semester in Heidelberg verlief hoffnungsvoll. Pfingsten verbrachten Kopfermanns in Mülben im Odenwald. Bothes (Vater und Tochter) und Maier-Leibnitzens kamen zu Besuch[6]. Obwohl Hertha in diesen Pfingstferien den ersten der Asthmaanfälle erlitt, die später auf eine Akazienallergie zurückgeführt wurden, meinten Hertha und Hans im Herbst, fast nur Gutes berichten zu können:

" Heidelberg ist sehr schön, und es lebt sich hier in gewisser Weise leichter als in unserm kühlen Norden. Wir sind jetzt ganz schön eingewöhnt. Mein Mann ist nach allgemeiner Ansicht geradezu aufgeblüht und sein Institut macht ihm sehr viel Freude. Gerade in den letzten Tagen sind die restlichen Göttinger Mitarbeiter eingetroffen, die im Sommer noch in Göttingen den Betrieb aufrechterhalten hatten, und so hat er seine Schäfchen, die geliebten, wieder alle um sich. Wir sitzen immer noch im Institut, recht primitiv und vom frühen Morgen bis in den Abend hinein vom Institutsbetrieb umgeben. Für meinen Mann ist das sehr bequem; aber die Familie wünschte sich schon manchmal etwas mehr Ruhe und Abgeschlossenheit. Wir haben das prächtige Haus, das wir beziehen wollen, direkt vor unserer Nase liegen; aber obwohl die Universität es gekauft hat, gibt es ungeahnte Schwierigkeiten, das Haus von den derzeitigen Bewohnern frei zu bekommen, und der neueste Stand der Dinge ist der, dass es wohl Oktober 54 bis zum Freiwerden werden kann. Nun, wir müssen warten und sehen, die guten Seiten dieses Provisoriums zu genießen. Und die gibt es ja zweifellos. Man hat viel weniger Arbeit als in einem normalen Haushalt; es ist warm, ohne dass man den ganzen Tag Kohleneimer schwenkt, wir haben einen herrlichen Raum, das Amtszimmer meines Mannes, zum Musikmachen usw. Die Kinder haben es in allem sehr gut getroffen, eigentlich besser als in Göttingen[7] ... Ich selbst bin jetzt auch gern hier, obwohl das Klima mir ziemlich zu schaffen gemacht hat. Ich habe im Sommer ziemlich scheußlich an meiner alten Allergie zu leiden gehabt, mit viel Heuschnupfen, Bronchitis usw. Aber das ist ja nicht so wichtig. Seit ich sehe, dass mein Mann das Richtige gewählt hat, ist mir erheblich leichter zu Mute. Die Schwierigkeiten beim Abschied von Göttingen lagen ja in der Hauptsache darin, dass man nicht wusste, ob es nicht Wahnsinn war, eine Stadt und Universität, in der er so vertraut war, zu verlassen und noch neu anzufangen. Als ich neulich einmal nach Hameln musste, war ich einige Tage in Göttingen. Da hab ich so recht gemerkt, wie verwachsen man mit einer Stadt sein kann. ... Meine Frau hat Heidelberg so gelobt, dass ich nicht mehr zu sagen brauche. Wenn wir erst unsere Wohnung haben, die wirklich ungewöhnlich schön ist, können wir mit allem sehr zufrieden sein. / Auf einer Tagung in Insbruck, im September sah ich Unsöld's und Lochte's. Von da aus gesehen bedauere ich unseren Weggang von Kiel nicht. Aber Sie möchten wir wirklich gerne in Heidelberg haben".[8]

Der letzte Satz bezog sich auf die Hoffnung, Hermann Gmelin käme für einen Lehrstuhl in Heidelberg in Frage. Diese Aussicht zerschlug sich. Im Vorfeld waren übrigens Vorbehalte wegen Gmelins 'Vergangenheit' aufgetaucht. Noch aus Göttingen hatte Hertha an die Freundin geschrieben:

"Ob mein Mann irgend eine Stimme bei den Geisteswissenschaftlern haben wird, kann man ja noch nicht übersehen. Aber wenn er irgend etwas tun kann, seien Sie versichert, daß er alles tun wird! Der Vortrag Ihres Mannes hat hier einen so guten Eindruck hinterlassen; und irgend welchen Einwänden bezüglich der Politik werden doch hoffentlich die menschlichen und wissenschaftlichen Qualitäten entgegengesetzt werden können. Die Einstellung hierzu ist in den verschiedenen Universitäten ja sicher unterschiedlich; hier müßte man das Terrain sondieren. Daß wir persönlich glücklich wären, wenn wir wieder an derselben Stelle wohnten, brauche ich doch nicht zu sagen, nicht wahr?"[9]

Am 4.12. 1953 konnte Kopfermann nur noch die Aussichtslosigkeit mitteilen:

"Ich habe sowohl mit Mayer als mit Hess längere Debatten darüber geführt, ob Ihr Mann auf die frei werdende Heidelberger Stelle berufen werden könnte. Leider kommt das nach der Meinung beider nicht in Frage, weil sie einen reinen Linguisten haben wollen, der zugleich der Leiter der an die Universität angeschlossenen Dolmetscherschule sein soll./ Wir sind sehr enttäuscht über diesen Sachverhalt, da wir es uns so schön vorgestellt hatten, mit Ihnen wieder an einem Ort zusammen leben zu können. Die alten Freunde sind ja immer die Haltbarsten und neue findet man in unserem Alter kaum mehr./ Ich weiss nicht, wie weit Ihr Mann oder Sie sich schon mit dem Heidelberger Projekt beschäftigt haben, hoffentlich nicht so stark, dass Sie allzu enttäuscht sind. Mayer sprach übrigens sehr nett von Ihrem Mann, während man bei Hess eine gewisse Zurückhaltung spürte./Ja, liebe Frau Gmelin, nun muss es leider beim Alten bleiben und wir können uns nur damit trösten, dass Stuttgart sehr nahe bei Heidelberg liegt und dass Sie das nächste Mal, wenn Sie die gewohnte Route fahren, auf alle Fälle bei Kopfermanns Station machen. Darauf hoffen wir sehr!"
Bevor Kopfermann nach Heidelberg kam, im Sommersemester 1952, verzeichnete die Fakultät als Dozenten die Physiker Bothe, Haxel, Jensen, Maier-Leibnitz, Schmelzer, Schoch, Schön, Steinwedel, die Chemiker Bartholomé, Ender, Freudenberg, Jänecke, Schäfer, die Mathematiker Habicht, Maaß, Ochs, Schubert, Seifert, die Astronomen Bohrmann, Gondolatsch, Kienle und Kopff. 93 Studenten hatten sich zu Semesterbeginn in der naturwissenschaftlichen Fakultät neu eingeschrieben und insgesamt hatte die Universität 4314 Studenten. Kopfermann wurde zum erstenmal im Wintersemester 53/54 im Vorlesungsverzeichnis geführt.

Das Provisorium des Familienlebens im Institut dauerte an. Das Haus Philosophenweg 16, das in den Besitz der Universität übergegangen war, wurde nicht frei. Im Februar 54 kam es zu einer gerichtlichen Einigung, nach der das Obergeschoss, wo Kopfermanns wohnen sollten, nun zum 30. 9. zu räumen war (entsprechend wurde die Trennungsentschädigung verlängert). Die Verzögerung in der privaten Einrichtung wurde von allen Beteiligten leicht genommen. Schwerer wog eine Verzögerung in der Planung des Instituts. Die Lieferung der 'Schleuder' stand unter keinem guten Stern. Der Konstrukteur Konrad Gund nahm sich in Göttingen das Leben, einen Monat, nachdem das Institut übergesiedelt war. Kopfermann schrieb im Nekrolog:

"Am 30. Mai 1953 ist Konrad Gund, 44 jährig, freiwillig aus dem Leben geschieden. Gund ist in Wien geboren, hat an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt studiert und ist 1931 als Diplomingenieur in die medizinische Abteilung der Siemens-Werke in Wien eingetreten. Im Jahre 1936 kam er zu Siemens-Reiniger nach Erlangen. Dort erkannte man bald seine starke Begabung für theoretisch konstruktive Aufgaben und setzte ihn 1942 für die Entwicklung der Elektronenschleuder zu medizinischen Zwecken an leitender Stelle ein .... Mit der ersten Gund'schen 6 MeV-Elektronenschleuder sind in der Nachkriegszeit in Göttingen viele Oberflächenkrebse mit sehr gutem Erfolg durch schnelle Elektronen bekämpft worden, und man darf wohl sagen, daß diese Bestrahlungsart beginnt, ein wichtiges Hilfmittel zur Krebsbekämpfung für die Dermatologie und die Gynäkologie (Vulvakarzinome) zu werden ... Wie oft haben Mitarbeiter und Freunde ihm geraten, nicht auf einmal die letzte Vollendung anzustreben, sondern vorerst eine Zwischenlösung zu suchen. Es war aber seine Ehre, nicht von seinem Plan abzugehen. Vielleicht wäre das tragische Ende schon früher gekommen, wenn sein bester Lebenskamerad, seine Frau, nicht in ihrer aufopfernden Fürsorge neben ihm gestanden hätte. Als die neue 16 MeV-Schleuder so gut wie fertig war, versagten seine allzu angespannten Kräfte. In einer der bei ihm häufiger auftretenden Depressionen machte er in Göttingen seinem Leben ein Ende. Seine Frau folgte ihm in den Tod. Es ist besonders tragisch, daß heute, drei Monate nach seinem Hinscheiden, seine Elektronenschleuder beginnt, das zu leisten, was er sich erhofft hatte."[10]

Im Frühjahr 1954 war klar, daß man auf das Betatron noch eine Weile würde warten müssen. Karl-Heinz Lindenberger, der in Erlangen an der Entwicklung der neuen Maschine teilnahm, berichtete in Heidelberg, und Kopfermann schlug ihm daraufhin vor, erst einmal mit einer optischen Messung am Thulium zu promovieren[11]. Erst im Januar 1956 sollte das Betatron zur Aufstellung kommen.

Ende Juni 1954 fuhr Kopfermann zur Rydbergkonferenz nach Lund (30.6. bis 5.7.) und machte auch in Kopenhagen Station. Er hatte ein Hauptreferat zu halten[12], und im Urlaubsgesuch hieß es unter dem 23. 6.:

"Meine beiden Dozenten Dr. H. Krüger und Dr. P. Brix sind bevollmächtigt, Rechnungen etc. zu unterschreiben ... für meine Vorlesung steht Herr Dr. Friedburg als Vertreter zur Verfügung... Für alle dringenden Dinge wird mich Herr Kollege Haxel vertreten."

Kopfermann hielt montags von 10-12 Uhr seine Vorlesung 'Atomspektren', im übrigen waren seine Lehrveranstaltungen das 4 stündige 'Praktikum für Naturwissenschaftler', das alle Assistenten in Anspruch nahm, die 'selbständigen wissenschaflichen Arbeiten' sowie ein 'Seminar über neuere Fragen' zusammen mit Bothe, Jensen Haxel Schmelzer, Schoen. Und, regelmäßig am Freitag nachmittag, das physikalische Kolloquium, zusammen mit Bothe, Jensen, Haxel und den Dozenten. Seit Peter Brix im Herbst 1953 aus Ottawa zurückgekommen war, gab es wöchentlich "wie bei Herzberg" eine Institutsbesprechung, das "Palaver"[13].

Privat war das große Ereignis des Jahres 1954 Hans Kopfermanns Führerscheinprüfung. Das Sommersemester war nicht mehr so ruhig wie 1953. Unter dem 18. August schrieb Hertha an Lotte Gmelin, die im Mai, auf der Durchreise von Stuttgart nach Kiel vorbeigekommen war:

"Das Semester war reichlich bewegt, ungeahnte Gäste gingen durch unser "trautes Heim", mein Mann schrieb wie wahnsinnig an seinem Buch, von dem er nun behauptet, dass es in 14 Tagen fertig sei, das Auto hielt uns lebhaftestens in Atem. Die erste Prüfung ging schief; entsetzliche seelische Konflikte: er verzweifelte an seinem Verstand, Renate weinte, die übrigen waren ratlos, das Institut frohlockte. Die zweite Prüfung dann höchst glanzvoll (was das alles gekostet hat!) und nun ist das Auto ein höchst angenehmer Faktor in unserem Leben geworden. Wir fahren oft hinaus, lernen dadurch die Gegend kennen, was wesentlich zur Heimischwerdung in Heidelberg beiträgt und uns ausserdem ein gewisses Gefühl neuer Beweglichkeit verschafft. Leider bin ich den ganzen Sommer über durch einen angebrochenen Fuss sehr behindert gewesen, und so war ich froh, wenigstens auf diese Weise hinauszukommen. Auch einen Unfall meines Mannes, der einen bösen Gelenkerguss im Knie verursachte, haben wir auf diese Weise leichter überstanden. Wir wollten eigentlich in der Schweiz an einem kleinen See unsere Ferien verbringen; aber da wir wohl beide nicht viel davon gehabt hätten infolge dieser Behinderung, blieben wir hier, machen hier nun unser Leben nett und gemütlich. Kein Institutsbetrieb stört uns; wir fahren heraus, essen draussen, und kehren heim, wenn es uns Spass macht. Er dichtet an seinem Buch, ich bereite unseren Umzug vor. Am 1.10. wird nämlich unsere Wohnung wirklich frei, und wir werden wieder Privatleute. Ich habe schon alle Pläne genau gemacht, und es wird mein Ehrgeiz, nicht wieder unsere Wohnung zum Karussell zu machen, was Sie so oft geärgert hat. Ich hoffe, da die Wohnung so sehr nett ist, alles so zu machen, dass es für die Ewigkeit hält. Sie müssen dann bald kommen und alles bewundern, spätestens zu Renates Konfirmation! Der Sommer war dadurch so besonders schön für uns, dass Köhlers da waren. Alte Freundschaft (und alte Liebe! es muss gesagt sein) lebte wieder auf, wir hatten reizende Tage, und ich merke jetzt, dass Heidelberg mir vertrauter geworden ist, seit Freundschaft und Erleben die Stadt geprägt haben".

Hans Kopfermann fügte hinzu:

"Herzliche Grüsse! Sie sollten wirklich das Autoprojekt ernsthaft wälzen. Aber wenn Sie es tun, Seien Sie versichert, dass es fürs erste irrsinnig aufregend ist. Wenn man es dann kann - und das tritt erst viel später als das bestandene Fahrexamen ein - ist es wirklich sehr schön und etwas völlig anderes, als wenn man in fremden Wagen mitfahren darf. / Ihr Hans Kopfermann"[14]

Kopfermann hatte einen Hauptvortrag der Hamburger Physiker-Jahrestagung übernommen. Mit dem Thema 'Über den heutigen Stand der Kernmomentenforschung' eröffnete er am 18. September das Plenum.

"Vor dem zweiten Weltkrieg stand als wichtigstes experimentelles Hilfsmittel zur Erforschung der Kernmomente die interferometrische Untersuchung der Hyperfeinstruktur (Hfs) von Spektrallinien der freien Atome zur Verfügung ... Mit der von Rabi im Jahre 1939 bekanntgegebenen Molekularstrahl-Resonanzmethode wurden zum erstenmal Hochfrequenzmethoden in den Dienst der Kernmomentenforschung gestellt, Die mit ihnen erzielten Resultate übertreffen die viel gerühmte 'optische Genauigkeit' um Größenordnungen ... Seit Kriegsende traten magnetische Kernresonanz, Kernquadrupolresonanz, paramagnetische Resonanz und die Mikrowellenspektroskopie der Moleküle hinzu ... Auch die Drehimpulsquantenzahlen der angeregten Kernzustände sind in den letzten Jahren Gegenstand der Untersuchung geworden, vor allem durch das Studium von Winkelkorrelationen ... Die auf diese Weise gewonnenen Kenntnisse über die Kernmomente werden heute vornehmlich im Rahmen des Schalenmodells diskutiert, das sich im großen und ganzen als fähig erweist, die gefundenen Kerngrößen in Zusammenhang mit dem Aufbau der Atomkerne zu bringen. Nur bei den Kernen im Bereich der anomal großen Quadrupolmomente treten Schwierigkeiten auf, die man durch Erweiterung, z.T. aber auch durch Abänderung des Schalenmodells im Sinne von Rainwater und A. Bohr zu beseitigen sucht."[15]
Die neuen Meßmethoden wurden kurz besprochen, der größere Teil des Vortrags war der Diskussion der Ergebnisse gewidmet. Eine kürzlich publizierte Doppelresonanzmessung (nach Kastler und Brossel) des Quadrupolmomentes von Cs 133 durch Karlheinz Althoff und Hubert Krüger zeigte an, daß die neue Methode im Institut Eingang gefunden hatte. Noch einmal kamen auch die Messungen reiner Quadrupolresonanzen durch Dehmelt, Krüger, Meyer-Berkhout zur Sprache, die mittlerweile ein paar Jahre zurücklagen. Als einziges Diapositiv einer Apparatur zeigte Kopfermann die schematische Darstellung eines 'Ionisationsdetektors'. Dabei handelte es sich um eben den 'Universaldetektor', den Gerhard Fricke noch in Göttingen konzipiert hatte, der im Vorjahr mit der Publikation von ersten Ergebnissen durch Hin Lew und Günter Wessel in Kanada veröffentlicht worden war und den Fricke bald darauf auch in Heidelberg in Betrieb nehmen konnte. Sein alter Konkurrent Theo Schmidt hatte dem Vortragenden mitgeteilt, daß auch er die Isotopieverschiebung am Samarium so wie Brix und Kopfermann gedeutet hatte, und Kopfermann widmete dieser Mitteilung eine freundliche Fußnote.

* * *

1954 wurde Walther Bothe, Kopfermanns Amtsvorgänger, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Der Preis wurde ihm für seine seit 1924 erschienenen kernphysikalischen Arbeiten mit der 'Koinzidenzmethode'[16] zuerkannt. Otto Gegusch, langjähriger 'technischer Sekretär' und Meister der Institutswerkstatt, besuchte zusammen mit Karl-Heinz Lindenberger den kranken Bothe im Sanatorium Bierhelderhof zur Gratulation im Namen des Instituts. Die Studenten brachten einen Fakelzug. Der Nobelpreis war ein geteilter. Die andere Hälfte ging an Max Born für seine Arbeiten zu Quantenmechanik und Statistik. Born war gerade aus dem Lehramt in Edinburgh verabschiedet worden und hatte sich nach Pyrmont zurückgezogen[17]. Elf Jahre später schrieb er rückschauend:

"Wir wollten ein geruhsames Leben führen, im Haus mit Büchern und Musik, im Garten, im Kurpark und in den Wäldern. Aber es kam etwas anders, weil ich noch im Jahre unserer Übersiedlung den Nobelpreis erhielt. Dadurch wurde mein Name in ganz Deutschland bekannt, meine Stimme wurde gehört. Daraus entstand mir eine neue Lebensaufgabe".[18]

Bertrand Russel veröffentlichte seinen Aufsatz "Man's Peril from the Hydrogen Bomb" am 30. Dezember 1954 in The Listener. Borns neue Lebensaufgabe begann mit einem Brief im Januar 1955, in dem er Russel seine Unterstützung anbot und einen Appell an die Regierugen vorschlug. Russel schrieb an Einstein und am 9 Juli wurde der 'Russel-Einstein-Appell' zu den Gefahren der Wasserstoffbombe der Presse vorgetragen:

"Wir wollen hier nichts sagen, was nicht an beide Konfliktgegner gerichtet wäre. Wir sind auf beiden Seiten gleichermaßen in Gefahr ...Wir müssen aufhören zu fragen, wie wir den militärischen Sieg erreichen können. Denn der ist nicht mehr zu erreichen. Wir müssen vielmehr fragen, wie sich eine militärische Auseinanderssetzung vermeiden läßt, die für beide Seiten in einer Katastrophe enden muß ... Wollen wir die Menscheit abschaffen oder den Krieg?"

Unterzeichnet hatten Max Born, Percy Bridgeman, Albert Einstein, Leopold Infeld, Frederic Joliot-Curie, Herman Muller, Linus Pauling, Cecil Powell, Josef Rotblat, Bertrand Russel und Hideki Yukawa. In Borns neuer Lebensaufgabe sollte Hans Kopfermann seinem ehemaligen Lehrer in den folgenden Jahren näher kommen.

Im Herbst 1954 wurde endlich die neue Wohnung im Dachgeschoß des Hauses Philosophenweg 16 frei. Renovierung und Einzug (am 11. November) lagen hinter ihr, als Hertha Kopfermann zu Weihnachten schrieb:

"Das lustige Institutsleben ist nun vorbei; wir sind wieder ruhige Bürger, bei denen die Leute klingeln müssen; ich hab sogar eine nette ältere Haushaltshilfe, die bis zum Nachmittag bleibt, und alles läuft schon ganz nett. Leider bin ich gesundheitlich schwer angeschlagen; ich bin während des Umzugs ein weiteres Mal hingefallen u. mein Fuß ist nicht wieder geheilt, so daß es fast aussichtslos erscheint, daran zu denken, je wieder spazieren gehen zu können. Das ist hier oben auf dem Berg sehr mühsam; da wir den Wagen im Winter "eingesargt" haben, komme ich wenig heraus und wenn, in der Hauptsache per Taxe. Auch sonst geht es nicht gut; ich hab Schwierigkeiten wegen der Schilddrüse, die vielleicht eine Operation nötig macht. Jedenfalls ist die Familie sehr unzufrieden mit mir, u. ich selbst erst recht, da ich zu nichts tauge ... Mein Mann hat sein Buch fertig; es ist schon im Druck". "Mein Mann hat sein Buch fertig..." Wie eingangs berichtet, waren die 'Kernmomente' in zweiter Auflage "Meiner Frau gewidmet" und praktisch ein neues Buch: "Während zur Zeit der Erstauflage die Versuche, das über Kernmomente vorliegende recht unvollständige Material zu einer Beschreibung des Kernaufbaus zu nutzen, noch recht tastend waren und nicht zu überzeugenden Lösungen führten, haben die großen Fortschritte in der Festlegung der Drehimpulse, der magnetischen und elektrischen Momente der Kerne den Weg zur Entwicklung leistungsfähiger Kernmodelle bereitet, die heute in der Lage sind, nicht nur die gefundenen Kernmomente in Zusammenhang mit dem Kernaufbau zu bringen, sondern auch allgemein bei der Interpretation der Kernphänomene gute Dienste zu leisten. Diesen enorm angewachsenen und zum erheblichen Teil neuartigen Stoff galt es zu formen, was praktich darauf hinauslief, ein neues Buch zu schreiben, in dem hier und da Teile der ersten Auflage übernommen werden konnten. Sein Umfang ist zwangsläufig um mehr als 50% gewachsen.
Die Unterteilung nach Kapiteln war im Vergleich zur ersten Auflage einfacher und übersichtlicher geworden: I. Kernmomentenuntersuchungen an freien Atomen (175 S.); II Kernmomentenuntersuchungen an freien Molekülen (88 S.); III Kernmomentenuntersuchungen an Flüssigkeiten und Kristallen (104 S.); IV. Kernmomente und Kernmodelle (54 S.). Die Kapitel haben jedoch Abschnitte, Unterabschnitte, Paragraphen, Unterparagraphen, wo in der ersten Auflage nur Abschnitte und Paragraphen waren. Zum Beispiel wurde das ehemalige Kapitel 'Optische Hyperfeinstrukturuntersuchungen' zum Unterabschnitt, sein ehemaliger Abschnitt 'Experimentelle Anordnungen' zum Paragraphen 'Die experimentelle Anordnung', und aus den ehemaligen Paragraphen 'Spektralapparate für Hyperfeinstrukturuntersuchungen', 'Lichtquellen für optische Hyperfeinstrukturuntersuchungen', 'Die Atomspektrallichtquellen' wurden die Unterparagraphen 'Der Spektralapparat', und 'Lichtquellen für optische Hfs-Untersuchungen', letzterer mit den beiden Komponenten 'a) Die Schüler-Hohlkathode' und 'b) Die Atomstrahllichtquelle'. Aus der Gliederung sprach das Bemühen, das Thema bis in die Einzelheiten der Laboratoriumsarbeit zu verfolgen, auch die vielfach entscheidenden 'Kunstgriffe' im Experiment zu würdigen.

Im Vergleich zur ersten Auflage wurde die zweite weniger beachtet. Auch war Norman Ramsey Kopfermann mit seiner Monography 'Nuclear Moments' zuvorgekommen[19]. Als auch Kopfermanns Werk in englisch vorlag schrieb Fritz Bopp in München in der Naturwissenschaftlichen Rundschau eine sachliche Würdigung der "bekannten und geschätzten Monographie über 'Kernmomente'":

"Die etwas formale Gliederung der drei ersten Kapitel ist dadurch geboten, daß man in experimenteller und theoretischer Hinsicht vor verschiedenartigen Aufgaben steht. Natürlich gibt es auch Verbindendes. Darum ist nicht ganz zu vermeiden, daß man zusammengehörige Dinge in verschiedenen Kapiteln suchen muß... Die Theorien der experimentellen Methoden und die der Auswertung der Ergebnisse nehmen einen breiten Raum ein. Sie machen das Buch zu einer willkommenen Einführung, die durch die enge Verbindung zwischen Theorie und Experiment zumindest in der deutschen Literatur einzigartig ist. Auch dem Anfänger kann das Kopfermannsche Buch empfohlen werden. Er wird jedoch nur dann vollen Nutzen daraus ziehen, wenn er bereit ist, in reichem Maße die zitierte Literatur zu benutzen."[20]

Der Rezensent Peter Urban in Graz hatte ein Jahr zuvor geschrieben:

"Eben erschien die schon von vielen Fachkollegen mit großem Interesse erwartete zweite Auflage des bekannten Werkes über Kernmomente. Schließt sie doch von berufenster Seite eine wichtige Lücke in der deutschsprachigen Literatur. In der letzten Zeit hat die Erforschung der Kernmomente durch die Anwendung von Hochfrequenzmethoden viele Erfolge zu verzeichnen und wurde zu einem wichtigen Zweig der Kernphysik".[21]

Urban hatte anschließend jedoch nicht mehr als eine oberflächliche Inhaltsangabe zur Empfehlung des Buches zu bieten. Hinsichtlich der Bedeutung der Kernmomentenforschung für die Entwicklung leistungsfähiger Kernmodelle, wie sie in Kopfermanns Sätzen aus dem Vorwort anklingt, liessen sich sicherlich Zweifel geltend machen, einmal abgesehen davon, daß die Leistungsfähigkeit der Modelle begrenzt war. Kernspektroskopische Messungen an Beschleunigern, die Untersuchungen zu den Kernkräften in Streuexperimenten hatten der Kernforschung mit den von Kopfermann behandelten Methoden viel von ihrer ursprünglichen Aktualität genommen. Ein Hinweis auf diesen Sachverhalt hätte der kritischen Einschätzung des eigenen Arbeitsfeldes im gegebenen thematischen Rahmen vielleicht nicht geschadet. Doch nur zur Leistungsfähigkeit der Modelle schrieb Kopfermann eingangs des Schlußkapitels selbst:

"Das Studium der leichtesten Kerne hat bisher zwar einigen Aufschluß über den Charakter der Kernkräfte gegeben ... Noch aber ist das genaue Kraftgesetz, das die Kerne zusammenhält, nicht bekannt, so daß eine einheitliche Behandlung der Kernphänomene auf der Basis einer strengen, in sich geschlossenen Kerntheorie im Augenblick nicht möglich ist. Man ist daher auf modellmäßige Vorstellungen angewiesen ..."

Kopfermanns Vorstellung vom epistemologischen Status der 'modellmäßigen Vorstellungen' kam hier nicht zum ersten Mal zum Ausdruck. Er unterschied offenbar deutlich zwischen Modell und 'genauem Kraftgesetz'. Fritz Bopp merkte kritisch an:

"Zur Berechnung der Kopplungsfaktoren braucht man die voll entfaltete Quantenmechanik. Im übrigen wird weitgehend und mit Recht von dem anschaulichen Vektormodell Gebrauch gemacht. Vielleicht ist es nicht mehr angemessen, sich dabei zu sehr auf die ältere Bohrsche Theorie zu berufen, da diese heute in Vorlesungen im allgemeinen nur in ihrer historischen Bedeutung gewürdigt werden kann. Man würde nicht an Anschaulichkeit und Einfachheit einbüßen, wenn man die angegebenen klassischen Gleichungen unmittelbar auch als Operatorgleichungen liest."

Klarer noch als in der ersten Auflage umriß die Monographie ein Arbeitsthema, das sich durch Methodenvielfalt und Präzision der Ergebnisse auszeichnete. Es war noch lange nicht ausgeschöpft, auch wenn ihm hinsichtlich der Sinnfrage einstweilen eher ein 'l'art pour l'art' Status zukam. Übrigens wurde das Buch erst im August des nächsten Jahres ganz fertig und erschien 1956 bei der Akademischen Verlagsgesellschaft Frankfurt am Main. Zwei Jahre später lag es auch in englischer Übersetzung vor, besorgt von Erich Schneider in Newcastle, der im Exil ein Rockefellerstipendiat in Kopenhagen (1933) gewesen war und den Kopfermann schon 1950 bei der Amsterdamer Konferenz wiedergetroffen hatte[22]. Die 'valuable suggestions', für die sich Kopfermann im Vorwort bei Schneider bedankte, beruhten auf eingehender Beschäftigung mit dem Text. Davon zeugt die lange Liste derer, bei denen sich der Übersetzer seinerseits bedankte: Bleany, Dehmelt, Frisch, Gordy, Ingram, Kuhn, Littlefield, Lingston, Meissner, Powles, Pryce, Ramsey, Series, Smith, Stevens. Übrigens schrieb Alfred Kastler später, daß niemand die Verbreitung der Doppelresonanzmethode so gefördert hätte wie Kopfermann mit der englischen Ausgabe seiner Monographie[23].

* * *

Das Jahr 1955 begann traurig. Hans Kopfermanns Mutter Eva Maria, geborene Holzberger, starb im Alter von 86 Jahren. Dann starb Richard Becker (mit 68 Jahren). Den Erfolg seiner 'Theorie der Wärme' hat er nicht mehr erlebt[24]. Kopfermanns reisten zum Begräbnis nach Göttingen.

Die freundlicheren Ereignisse begannen mit Renates Konfirmation am 27. März, zu der auch die Patentante aus Kiel anreiste, und sie gipfelten in Kopfermanns 60. Geburtstag. Das ganze Institut hatte Vorbereitungen getroffen und Peter Brix hatte ein Kolloquium veranstaltet, wie Kopfermann es nicht für möglich gehalten hätte[25]. Aage Bohr und Ebbe Rasmussen kamen aus Kopenhagen, Norman F. Ramsey[26] zusammen mit Foley, D. Frisch, Hans Halban aus Oxford, William Fowler und Otto R. Frisch aus Cambridge, Paul Scherrer aus Zürich, der Freund George Placek aus Paris, 'on leave of absence' von Princeton, und natürlich Wilhelm Walcher aus Marburg und Wolfgang Paul aus Bonn[27]. Hans Jensen als Dekan begrüßte die Gäste. Das Heidelberger Tageblatt schrieb unter dem 27. 4. 55: "80 Forscher aus aller Welt gratulieren Prof. Kopfermann". Die Rhein Neckarzeitung druckte am gleichen Tag ein Foto (Voss jr.) von Kopfermann mit Fowler, Placzek, Otto Frisch und Ramsay. Doch lassen wir Kopfermann selbst erzählen:

"Der Geburtstag war eigentlich eine Festwoche. "Kopfermann-Festspiele" nannten es meine jungen Leute. Am Abend vorher grosser Empfang in allen Räumen von Philosophenweg 16. Die Mehrzahl meiner westdeutschen Kollegen war erschienen, dazu besagter Placzek aus Princeton und Kollegen aus New York, Boston, Cambridge, Oxford und Kopenhagen. Am 26 Vormittags gratulierten etwa 70 Leute aus beiden Instituten mit Musik (Spinett-Flöte, Geige-Cello) im Dienstzimmer des Instituts. Später fand dann Gratulationskur hier in der Wohnung statt, bei der Michael mit unserem Quartett, dessen fehlender Bratscher durch einen Doktoranden ergänzt war, ein Hayden-Quartett als Festgabe darbrachte. Um 4 Uhr Nachmittags Teeempfang im Institut, anschliessend Festkolloquium mit Reden von Walcher, Pohl, Rasmussen (Kopenhagen) und Placzek. Walcher hat für die Schüler gesprochen, Pohl überreichte das Festheft mit 28 Arbeiten von Freunden und Schülern (Zeitschrift für Physik) und Rasmussen brachte mir von der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften das Diplom, das mich zum Mitglied ernannte. Placzek schliesslich hat einen wissenschaftlichen Vortrag gehalten. Abends fand in einem hiesigen Hotel ein Festessen mit 140 Leuten statt, bei dem man weiter mein Lob gesungen hat. Es war ein bischen viel und ich musste lebhaft an das Gedicht meines Freundes Weisskopf denken, in dem es heißt: Drum lasst uns alle die verachten / die uns zu überzeugen trachten / dass Jugendzeit die Schönste war / Es ist doch wirklich sonnenklar / dass jene Zeit den Preis gewinnt / wo man mehr kriegt als man verdient. Gott sei Dank hatte der zweite Tag rein wissenschaftlichen Charakter. Es war eine kleine Tagung, auf der fast nur Ausländer Arbeiten aus meinem Fachgebiet vortrugen, über die wir eifrigst diskutiert haben. Abends schloss sich ein Institutsfest an, das bis in den nächsten Morgen ging. Wer aber glaubte, nun sei alles zu Ende, befand sich im Irrtum. Die Ausländer (und eine Reihe von Inländern) fand alles so schön, dass die Letzten erst am Wochenende abfuhren./ Wir haben eine ganze Woche gebraucht, uns wieder einigermaßen in Normalzustand zu bringen, unser Bankkonto wird wohl noch lange Zeit zur Erholung brauchen. / Ihrem Mann, der mir so nett von Florenz aus schrieb, ebenfalls herzlichen Dank".[28]
Das Festheft der Zeitschrift für Physik, das erste Heft des 141. Bandes, eröffneten Peter Brix und Karlheinz Lindenberger mit Messungen zur Isotopieverschiebung (und Konfigurationsmischung) im Gadolinium II Spektrum. Eine gelungene Überraschung, die Kopfermann mit einem lachenden und einem weinenden Auge quittierte[29]. In der Reihe der Gratulationsbeiträge waren die Bonner vertreten[30], die Marburger[31], die Kölner[32] und Göttinger[33], die Münchener[34] und Berliner[35], die Erlanger[36] und Berner[37], und die Kopenhagener[38]. Albrecht Unsöld in Kiel schrieb "Astrophysikalische Bemerkungen zur Entstehung der kosmischen Ultrastrahlung"[39] und zum Schluß: "es ist mir eine Freude, Herrn H. Kopfermann in Erinnerung an seine Kieler Jahre die herzlichsten Glückwünsche zu seinem 60. Geburtstag darzubringen". Peter Meyer in Chicago war mit Höhenstrahlmessungen aus Ballonflügen vertreten[40] und Jean Blaise aus dem Laboratoire Aimé Cotton des CNRS in Bellevue (Dep. Seine et Oise, Frankreich), schickte: "Déplacement isotopique dans la raie lambda 4416 A de Cadmium II". Aus Heidelberg fehlten weder die Theoretiker[41], noch das II. Physikalische Institut[42] noch weitere Beiträge aus dem I., dem eigenen Institut[43]. Übrigens war ein Jahr später wieder ein Geburtstagsheft der Zeitschrift fällig[44], diesmal für Friedrich Hund. Kopfermann war zusammen mit Andreas Steudel und J.O. Trier mit einer Arbeit zur Hfs im Rb II Spektrum vertreten.

Zum 1. Mai 1955 ließ sich Hans Kopfermann in den Heidelberger Rotary Club[45] kooptieren[46]. Anfang Juni fuhren Hertha und Hans eine Woche nach Paris, wo Kopfermann am 8. auf der Tagung der französischen Physikalischen Gesellschaft einen Vortrag über Kernquadrupolresonanzen hielt[47]. Im Frühjahr war das erste Auto, ein gebrauchter Volkswagen gegen eine nagelneue 'Borgward Isabella' ausgewechselt worden, und zur Sommerreise brach Familie Kopfermann zusammen mit Irma Haxel, der Freundin und Hausärztin, nach Kopenhagen auf. Aage Bohr holte sie an der Fähre in Gedser ab.

Am 16 Juni 1955 war Peter Pietsch, Doktorand in der Atomstrahlgruppe, im Alter von 26 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben[48]. So ein Tod war in der intensiven Atmosphäre, in der man zusammenzuarbeiten pflegte, nicht einfach 'wegzustecken'. Ein Verlust wie dieser traf Jahre später, kurz nach Kopfermanns Tod, die Schleudergruppe gleich zweimal, als Christian Faber du Four und Klaus Brandi, der eine bei einem Autounfall, der andere in einer Lawine in den Schweizer Bergen ums Leben kamen.

* * *

Am 15 Juli 1955 unterzeichneten zunächst 18, später dann 52 Nobelpreisträger die 'Mainauer Kundgebung' gegen Mißbrauch der Kernenergie. Sie wurde von Max Born angeregt, die Formulierung mit Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich Weizsäcker abgesprochen:

"Mit Freuden haben wir unser Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Sie ist, so glauben wir, ein Weg zu einem glücklicheren Leben der Menschen. Wir sehen mit Entsetzen, dass eben diese Wissenschaft der Menschheit Mittel in die Hand gibt, sich selbst zu vernichten ... Wir leugnen nicht, dass vielleicht heute der Friede gerade durch die Furcht vor diesen tödlichen Waffen aufrechterhalten wird. Trotzdem halten wir es für eine Selbsttäuschung, wenn Regierungen glauben sollten, sie könnten auf lange Zeit gerade durch die Angst vor diesen Waffen den Krieg vermeiden... Alle Nationen müssen zu der Entscheidung kommen, freiwillig auf die Gewalt als letztes Mittel der Politik zu verzichten. Sind sie dazu nicht bereit, so werden sie aufhören, zu existieren".

Die Erstunterzeichner waren: Kurt Alder, Max Born, Adolf Butenandt, Arthur Compton, Gerhard Domagk, H.K. von Euler-Chelpin, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Georg v. Hevesy, Richard Kuhn, Fritz Lipmann, H.J. Muller, Paul Hermann Müller, Leopold Ruzicka, Frederick Soddy, W.M. Stanley, Hermann Staudinger und Hideki Yukawa[49].

Im August fand in Genf die denkwürdige 'Atoms for peace' Konferenz der UNESCO statt, von der auch in Deutschland ein weiterer Impuls zum Ausbau der Kernenergie ausging (s.o).

Im Mai/Juni 1955 war es zum "wirkungsvollsten Hochschulprotest der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik"[50] gekommen. In der neuen Landesregierung Niedersachsens unter Heinrich Hellwege (DP) sollte der rechtsradikale Göttinger Verleger Leonard Schlüter (FDP) Kultusminister werden. Die Universität Göttingen protestierte einhellig. Als Schlüter trotzdem ernannt wurde, traten in Göttingen Rektor, Senat und Asta zurück. Rektor Eduard Justi in Braunschweig schloß sich an (und brachte einen beträchtlichen Teil seiner Kollegen an der Technischen Hochschule damit gegen sich auf). Schlüter war nicht zu halten und gab nach wenigen Tagen sein Amt auf.[51]

Im Januar 1956 wurde die 'Schleuder', das erste 35 MeV Siemens-Betatron, im neuen Bunker am Philosophenweg aufgestellt. Kopfermann hatte seinerzeit eine 25 MeV Maschine in Auftrag gegeben, während Boris Rajewski in Frankfurt und Wilhelm Kuhlenkampf in Würzburg je ein 35 MeV Betatron bestellt hatten. Mittlerweile hatte die Firma beschlossen, sich auf das größere Modell zu beschränken und die Frage war dann, wem zuerst geliefert würde. Oder auch, ob eine künstlich auf 25 MeV gedrosselte und damit vertragsgerechte Schleuder als erstes Gerät zur Auslieferung käme. Karl Heinz Lindenberger erinnerte sich, wie er Kopfermann nach Frankfurt chauffierte - Kopfermann hatte noch kein eigenes Auto - und Rajewski überredet wurde, die erste 35 MeV Maschine den Heidelbergern zu überlassen[52]. Als das Betatron endlich angekommen war, entwickelte sich die 'Schleudergruppe' unter der Leitung von Peter Brix zu einer eigenen Abteilung des Instituts, die sich durch ihr Arbeitsgebiet, aber auch finanziell und personell von den anderen Gruppen abhob. In vieler Hinsicht war das Gerät von vornherein veraltet. Umso mehr war in der Forschung Eile geboten[53]. Karl Heinz Lindenberger sammelte Erfahrungen in Saskatoon. Dort betrieb die Arbeitsgruppe von Leon Katz ein Betatron, und die hin und her gehende Post trug zur schnellen Aufnahme des Forschungsprogramms in Heidelberg bei.

Auch Ulrich Meyer-Berkhout hatte sich nach der Promotion im Vorjahr im Hinblick auf das Betatron der Beschleunigerphysik zugewandt. Kopfermann hatte ihn nach Kopenhagen empfohlen[54]. Er hatte dort, zusammen mit Jo/rgen Bjerregaard und Torben Huus Messungen zur Coulombanregung[55] aufgenommen. Von Kopenhagen bewarb er sich um einen Aufenthalt in USA und im Einverständnis mit Kopfermann und den Heidelberger Kollegen ging er 1956 nach Stanford. Aus einem Jahr wurden zwei und 1958 stand Meyer Berkhout vor der schwierigen Alternative eines Angebots zu dauerhaftem Arbeiten in Stanford. Den Ausschlag gab ein Schreiben Kopfermanns[56], das ihn zur Rückkehr nach Heidelberg drängte. Inzwischen war die Aufgabe, mit dem Betatron sinnvolle Forschung zu machen, nicht leichter geworden.

Das Heidelberger Institut hatte, als 1956-1958 in finanzieller Hinsicht goldene Zeiten für die kernphysikalische Grundlagenforschung anbrachen, die Arbeitsgruppe zur optisch-interferometrischen und Doppelresonanz-Spektroskopie, die sich um Andreas Steudel, Hans Bucka und Gerhard Nöldecke scharte, die Arbeitsgruppe Quadrupol- und Doppelresonanz-Forschung um Hubert Krüger, die 'Rabi-'Gruppe um Helmut Friedburg und Gerhard Fricke und die 'Schleudergruppe' um Peter Brix und Karl-Heinz Lindenberger. 1956 wurde Hubert Krüger nach Tübingen berufen, 1957 Peter Brix nach Darmstadt. 1958 Helmut Friedburg nach Karlsruhe. Mitarbeiter der Arbeitsgruppen[57] und manches Gerät zogen nach. Der 'Überhang' aus der Göttinger Professorenschmiede war damit abgebaut. Zwar war an 'Nachwuchs' kein Mangel, aber der 'Mittelbau' war deutlich geschwächt (ein Grund für Kopfermann, Meyer-Berkhout, wie erwähnt, zur Rückkehr aus Amerika zu drängen).

* * *

Seit Stalins Tod und als Anzeichen des aufziehenden Tauwetters lebte in der Sowjetunion die Diskussion um die philosophische Bedeutung der modernen Physik wieder auf. Die 'Deutsche Zeitschrift für Philosophie' in der DDR beteiligte sich. In den Auseinandersetzungen, zum Beispiel um die 'Kopenhagener Deutung' der Quantenmechanik und das 'Komplementaritätsprinzip', wurden gern Leninzitate eingebracht, wie etwa das Bonmot aus der Polemik gegen die 'Machianer' (d.h. Alexander Bogdanow) im Kampf um die Parteiführung 1909, daß nämlich die neue Physik mehr oder weniger dem Idealismus anheimgefallen sei, weil die Physiker die Dialektik nicht gekannt hätten[58]. Im Februar 1956 gipfelte das 'Tauwetter' im XXten Parteitag und im Juni kündigte sich im Budapester Petöfi-Kreis von Intellektuellen der Ungarnaufstand an, der dann im Oktober ausbrechen sollte.

Im März 1956 schrieb Kopfermanns Mitherausgeber der Annalen, Fritz Möglich, aus dem Institut für Festkörperforschung der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch (DDR), offenbar mit Bezug auf eine ablehnende Haltung Kopfermanns zum Abdruck von Manuskripten von L. Janossy und Leopold Infeld:

"Als Mitherausgeber der Annalen stehe ich eigentlich auf dem Standpunkt, daß man an den eingehenden Manuskripten unserer Kollegen möglichst wenig Kritik üben sollte, soweit sie von älteren und in der Wissenschaft durch andere Arbeiten bereits ausgewiesenen Kollegen herstammen ... Nun zum Konkreten. Was die Arbeit von Infeld anbetrifft, so war sie der Inhalt eines Vortrages den Infeld vor, ich glaube, nunmehr zwei Jahren hier bei uns gehalten hat. Offenbar bemängeln Sie an dem Manuskript das Lenin-Zitat, denn wenn man von diesem absieht, so würde ich glauben, daß der sachliche und kritische Inhalt, abgesehen wieder von einer kurzen philosophischen Würdigung, bei Ihnen kaum Anstoß erregen kann. Auf der anderen Seite muß ich aber doch sagen, daß die Berücksichtigung philosophischer Gedankengänge und philosophischer Literatur ein altes Prinzip von Albert Einstein gewesen ist. Wir wissen doch, daß Einstein die Schriften des Bischofs Berkeley und des Philosophen Hume eingehend studiert und auch gewürdigt hat. Es ist, glaube ich, in der augenblicklichen Lage gar nicht zu vermeiden, daß man, wen man sich grundsätzlich mit der allgemeinen Relativitätstheorie auseinandersetzt, auch auf philosophische Schriften zurückgreift. Tatsächlich hat sich nun Lenin aber auch mit diesen Dingen beschäftigt, und wie manche ernst zu nemende Leute glauben, nicht ganz ohne Erfolg. Ich sehe daher nicht ein, daß man ein Zitat von Lenin grundsätzlich verbieten soll, obgleich es mir natürlich klar ist, daß man damit bei einigen sehr westlich orientierten Physikern anecken wird. Aber unsere Gesamtlage ganz zu ignorieren, wird wohl kaum gehen, denn die immer noch offene Diskussion über den Dialektischen Materialimus wird man nicht ganz übersehen können. In der Sowjetunion sind diese Probleme zwar etwas in den Hintergrund des Interessses getreten und auch dort sind einige Schreier, die es in solchen aufgeregten Zeiten immer gibt, zum Schweigen aufgefordert woren. Aber man kann doch nicht übersehen, daß Fock und Bogoljubow und manche andere sehr angesehene sowjetische Physiker eine solche Diskussion geführt haben und offenbar immer noch führen. Ich würde daher kaum eine Möglichkeit sehen, einer solchen Diskussion grundsätzlich auszuweichen, wobei dann auch einmal ein Mann zitiert werden könnte, der in der offiziellen westlichen Wissenschaft nicht anerkannt ist, aber trotzdem das eine oder andere zu diesen Problemen gesagt hat. Man kann diese Dinge um so weniger verhindern, als sehr ernst zu nehmende Kollegen wie z.B. Papapetrou und Fock, daran gehen, die Zweckmäßigkeit der allgemeinen Kovarianz zu bestreiten. Auch hier würde ich mich nicht entschließen, eine Arbeit mit einer solchen Tendenz abzulehnen, obgleich ich ehrlich sagen muß, daß nach meinem Gefühl die Ideen Einsteins viel an Glanz und Werbungskraft verlieren, wenn man die allgemeine Kovarianz einschränkt. Man muß aber berücksichtigen, daß alle diese Erwägungen naturgemäß auch auf philosophische Gedankengänge zurükgreifen. Es wird kaum möglich sein, alle Zitate so zu halten, daß sie in der westlichen Welt Beifall finden. Das bedeutet nicht, daß in den Annalen der Physik eine politische Propaganda getrieben werden darf ..."

Offenbar war Kopfermann fest entschlossen, beide Arbeiten abzulehnen. Max Laue schrieb ihm unter dem 17.3., er werde Möglich die Pistole auf die Brust setzen, und:

"Entweder wirkliche Garantien gegen solche politischen Exzesse oder Ihr Rücktritt, der dann auch das Ausscheiden der Kuratoriumsmitglieder aus der Bundesrepublik und West-Berlin zur Folge hätte. Sind Sie damit einverstanden?"[59]

Ein paar Tage später (24. 3.) hatte Laue Möglich aufgesucht, und es kam zu einer Verständigung. Wofür Kopfermann umgehend Laue seinen Dank aussprach (28. 3.). Die bereits unter dem 15. 5. 1954 eingegangenen Arbeiten erschienen 1955 in Band 16 und 17 der Annalen. Infeld schrieb in einem abschließenden Unterabschnitt 'Die Philosophie und die Relativitätstheorie' seines Beitrags "Einige Bemerkungen über die Relativitätstheorie":

"Oft wird Einstein Idealismus und Positivismus vorgeworfen; daraus wird gefolgert, daß die Relativitätstheorie abzulehnen sei. Stellen wir vor allem noch einmal fest, was wir anfangs gesagt haben, daß die Relativitätstheorie mit der Praxis übereinstimmt und als solche mit dem dialektischen Materialismus übereinstimmen muß. / Engels und Lenin lehrten uns, die philosophischen Anschauungen der Wissenschaftler von ihren Verdiensten auf ihrem eigenen Arbeitsgebiet zu unterscheiden. Lenin schreibt oft davon, daß die großen Physiker in ihrer konkreten wissenschaftlichen Arbeit unabhängig von ihren philosophischen Anschauungen Materialisten sind. Das betrifft in hohem Maße Einstein. Als Beispiel wollen wir das zitieren, was Einstein gegen Mach sagt, indem er über die Physik schreibt."

Es folgte ein Zitat aus Einsteins 'Physik und Wirklichkeit' von 1939, das gegen die Phänomenologie von John Stuart Mill und Ernst Mach den Newtonschen (axiomatisierenden K.S.) Standpunkt hervorhebt. Infeld bemerkte zum Schluß:

"... Einstein ist kein Materialist. Unter den Wissenschaftlern des Westens finden wir nur sehr wenige bewußte dialektische Materialisten. Von der Bedeutung des dialektischen Materialismus konnte ich mich hier überzeugen, indem ich sah, wie diese Philosophie mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung und dem gesellschaftlichen Fortschritt verbunden ist. / Vergessen wir aber nicht, daß sich kein Physiker die moderne Wissenschaft ohne die Relativitätstheorie vorstellen kann, da er weiß und versteht, daß diese Theorie unser Wissen über die materielle Welt außergewöhnlich bereichert hat"[60].

Zu Jánossy's Ausführungen (zusammen mit K. Nagy) 'Über eine Form des Einsteinschen Paradoxes der Quantentheorie'[61] hatte Möglich gemeint, daß zwar Einstein auch nicht über jede Kritik erhaben sei, aber Janossys Text doch allzu wild daher komme.

Im Westen sah wahrscheinlich niemand so recht, daß die inkriminierten Texte im Osten gar nicht als Ausdruck dogmatischer Wissenschaftsauffassung oder erneuter politischer Beeinflussung gelesen wurden, sondern eher neue Freiräume für wissenschaftliche (und politische) Debatten signalisierten.

* * *

Die Briefe an Lotte Gmelin wurden selten, aber zu ihrem Geburtstag ging regelmäßig Post nach Kiel. Im September 1956 waren Kopfermanns im Reiseland der Deutschen, in Italien gewesen[62]. Zu Ferien und zur Kur in dem Land, das sich mit Gmelins verband wie kein anderes und im Brief vom 13. Oktober wurde in ein paar Worten auch mitgeteilt, wie sich der Beruf zur Zeit darstellte. Weder zur Suez-krise noch zu den Ereignissen in Ungarn ein Wort.

"Ich habe viel zu tun: Dekanat, Institut, Atomministerium, Forschungsgemeinschaft u. physikalische Gesellschaft. In dem Mass, wie man "Senior der Physik" wird, bekommt man seine Pöstchen angehängt und wenn man auch nur ein wenig extrapoliert, so müsste bald die Zeit kommen, wo man vor lauter Pöstchen keine Wissenschaft mehr machen kann. Ich gebe mir Mühe, diesen Zustand noch möglichst lange hinauszuschieben".

Es war kein Geheimnis, daß die Bundeswehr im Rahmen der Nato auch die Atombewaffnung mittrug. Wie weit allerdings die Pläne der Regierung Adenauer hinsichtlich der Verfügung über Kernwaffen gingen, war nicht bekannt. Früh genug, um nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den in jenem Jahr anstehenden Wahlen zu erscheinen, ging am 12. April die 'Göttinger Erklärung' an die Presse. Darin hieß es:

"Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken."

Es unterzeichneten:

"Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Strassmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frh. v. Weizsäcker, Karl Wirtz".

Einige haben in der Erklärung der 'Göttinger 18' den Auftakt zu späteren Aktionen 'ungebetener kollektiver Politikberatung' gesehen. Die lokale Presse versuchte Kopfermann zu einer Stellungnahme zu bewegen. Ohne Erfolg: "Prof. Kopfermann: 'ich will als Einzelner nicht Stellung nehmen'", schrieb das Heidelberger Tageblatt am 15. 4. 57. Adenauer versuchte, Vertrauen zu gewinnen und lud am 17. 4. eine Abordnung der 18, nämlich Gerlach, Hahn, Laue, Riezler, Weizsäcker zusammen mit den Staatssekretären Globke, Hallstein, Rust und den Generälen Heusinger und Speidel zu einem Gespräch. Das Ergebnis war nicht eindeutig. Die Wissenschaftler gaben an, daß ihr Anliegen die weltweite Ächtung von Atomwaffen sei, daß sie nur meinten, daß es richtig sei, sich zunächst an die Bundesregierung zu wenden. Die versicherte Ihnen, daß niemand daran gedacht hätte, in Deutschland Atomwaffen herzustellen[63]. Im Herbst bescherten die Wahlen der CDU/CSU die absolute Mehrheit im Bundestag und am 28. März 1958 gab die Parlamentsmehrheit grünes Licht für die Bewaffnungspläne der Regierung im Rahmen der Nato. Es steht auf einem anderen Blatt, daß keiner Bundeswehreinheit je Atomwaffen überantwortet wurden.

Das Thema weltweiter Ächtung verlor seine Aktualität noch lange nicht. Eher im Gegenteil. Im Juli 1957 war auf Anregung Bertrand Russels das erste 'Pugwash-' Treffen von Wissenschaftlern aus Ost und West zu Fragen der Abrüstungskontrolle zustande gekommen[64]. Am 13. Januar 1958 überreichte Linus Pauling dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammerskjöld, eine Petition zur Einstellung der Kernwaffenversuche. 9235 Wissenschaftler hatten unterschrieben. Im April redete Albert Schweitzer als Friedensnobelpreisträger im norwegischen Rundfunk, stellte die Gefahren biosphärischer Radioaktivität dar und beschwor die öffentliche Meinung[65]. Die Opposition in Deutschland fand sich in der Kampagne 'Kampf dem Atomtod'. Studenten agitierten gegen die Kernwaffen, Demonstrationen wurden organisiert. In den Physikalischen Instituten am Heidelberger Philosophenweg wurden Plakate gemalt, auf denen die Karte von Deutschland und Wirkungskreise von H-Bomben zu sehen waren. Kopfermann's gelegentlich geäußertes Credo 'man muß neben der Physik auch noch was anderes machen' schloß auch solche Tätigkeiten seiner Mitarbeiter nicht aus, ebensowenig wie die Dikussionen, von denen sie begleitet waren. Das gehörte zum 'Stil' des Instituts, daß es Arbeits- und Lebens-Mittelpunkt sein konnte.

Angesichts der breiten Kampagne äußerte sich Walther Gerlach nach Jahresfrist, wie eingangs bereits zitiert:

1. Die Unterzeichner kennen die Atomwaffen und alle mit ihnen verbundenen Gefahren ganz genau und verstehen wirklich den Unterschied zwischen konventionellen und atomaren Waffen. 2. Die Achtzehn verbindet untereinander lediglich ihre gleiche physikalische Denkweise, während sie politisch und weltanschaulich keineswegs gleichgerichtet sind. 3. Die Achtzehn haben aus der Tatsache 1) und trotz der Tatsache 2) eine gemeinsame Schlußfolgerung gezogen: sie werden sich nicht an irgendwelchen Atomwaffen betreffenden Arbeiten beteiligen.
Dass hierin in gewisser Weise politische Stellungnahme mit eingeschlossen ist, unterliegt keinem Zweifel. Gerade aus diesem Grunde wollen wir es vermeiden, dass nunmehr unsere Stellungsnahme in eine rein politische Stellungnahme umgewandelt wird. Es mehren sich die Angriffe, dass wir doch mit irgendwelchen Stellen der Opposition zusammenhängen und dass unsere Stellungnahme deshalb nur scheinbar sachlich begründet sei.

Ihre ausdrückliche Bestimmung war nicht der einzige Aspekt der ursprünglichen Erklärung. Sie wirkte sprachregelnd hinsichtlich der Unterscheidung von militärischem und friedlichem Gebrauch der Kernkraft. Die Unterzeichner wollten keine Waffen bauen, wohl aber Kernkraftwerke. Sie unterdrückten damit Einwände gegen die Möglichkeit solch einfacher Gegenüberstellung von 'militärisch' und 'friedlich'. Für die ehemaligen Mitglieder des 'Uranvereins' entsprach die Erklärung einer persönlichen Einstellung, die schon aus den Zeiten der Diktatur datierte, wo sie öffentlich natürlich nicht zu äußern war. Das Manifest bekräftigte - gerade weil es den historischen Bezug explizit nicht herstellte - nachträglich die moralische Integrität der Forscher im ehemaligen Uranverein. Weiter war es zu sehen im sensiblen Zusammenhang mit den Fachkollegen in England, Frankreich und Amerika. In Amerika wurde das 'containment' - Denken in Bezug auf die Sowjetunion gerade abgelöst vom 'disengagement' (Autor beider Vorstellungen war George F. Kennan), der Öffnung gegenüber Abrüstungsvorschlägen. Die Erklärung der deutschen Kernphysiker paßte zu diesem Hintergrund. Und sie war auch nicht verkehrt, solange im Ausland und in Kollegenkreisen das Geschichtsbewußtsein der Deutschen angezweifelt wurde und ein Staatssekretär Globke, aber auch Umfrageergebnisse durchaus Anlaß zum Mißtrauen geben konnten. Versuchte die Regierung noch Vertrauen durch besondere 'Bündnistreue' zu gewinnen, setzten die Wissenschaftler auf Vertrauen durch persönliche Verpflichtung zur Abrüstung.

Der Kreis der Unterzeichner bestand im übrigen in erster Linie aus Mitgliedern der Atomkommission. Ausdrücklich zustimmend zur Regierungspolitik äußerte sich Pascual Jordan ("Wir müssen den Frieden retten"[66]). Zwei Fachkollegen fallen hier dadurch auf, daß sie nicht zu den Unterzeichnern zählten: Wolfgang Gentner und Hans Jensen.

Das Aufsehen, daß die 'Göttinger Erklärung' Aufsehen erregte, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der politische Pluralismus in der Bundesrepublik gleichzeitig eine schwere Niederlage erfuhr. Am 26. März wurde Victor Agartz in Köln unter dem Verdacht 'die Tätigkeit der verbotenen kommunistischen Partei fortzusetzen' verhaftet.

Der Sozialdemokrat (1897 - 1964) Agartz, Promotion 1925 in Politikwissenschaft, hatte sich in der Hitlerzeit in keiner Weise korrumpieren lassen, wurde 1946 Generalsekretät des Zentralamtes für Wirtschaft in der britischen Zone und kämpfte zusammen mit Kurt Schumacher für die gesellschaftliche Neuordnung (und gegen Demontagen), die Royal Economic Society ernannte ihn 1947 zum Mitglied. Von 1948 bis 1955 hatte er das auf seine und Hans Böcklers Anregung zurückgehende 'Wirtschaftwissenschaftliche Institut' des DGB geleitet. Kritik an der Bundespolitik (Wiederbewaffnung), wirtschafts- und sozialpolitischen (linkssozialistische) Vorstellungen (darunter Vorschläge wie den der Lohnerhöhung zur Absatzsteigerung) veranlaßten den Vorstand, zunächst Theo Pirker dann Agartz zu entlassen, ersteren fristlos. Agartz gründete, zusammen mit Ruth Ludwig die 'Gesellschaft für wissenschaftliche Forschung' und gab die 'Korrespondenz für Wirtschafts und Sozialwissenschaften' heraus, auf die der FDGB der DDR 1956 für 10 000 DM monatlich pauschal abonniert war. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe erhob im September 1957 Anklage gegen Agartz und Ludwig wegen Landesverates.

Der Prozess, in dem Agartz' Freund aus der Marburger Studentenzeit, der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann und sein Essener Sozius Dieter Posser die Verteidigung übernommen hatten, endete am 13 Dezember 1957 mit einem Freispruch. Das war, wie Jürgen Treulieb zum Schluß seiner Analyse 1982 schreiben konnte

"rechtspolitisch ein Erfolg, insofern - im Gegensatz zu früheren und späteren Urteilen - von der bundesrepublikanischen Justiz offiziell u.a. festgestellt wird, daß die öffentliche Verbreitung marxistischen Gedankenguts nicht strafbar ist ... Politisch aber bedeutet der Agartz-Prozeß andererseits eine weitere Isolierung von Linkssozialisten".[67]

Theo Pirker meinte sogar:

"...Alles, was wir organisatorisch in Jahren aufgebaut hatten, war über Nacht weg... Es wurden auch keine Publikationen von uns mehr angenommen, nichts mehr. Alle Linken sind nach dem Agartz-Prozeß automatisch in Deckung gegangen."[68]

* * *

Im Juli 1957 (am 22ten) feierte Gustav Hertz seinen 70ten Geburtstag. Die Annalen machten ihm das erste Heft des 20ten Bandes zum Geschenk. Alle Beiträge waren Hertz gewidmet[69]. Kopfermann publizierte zusammen mit Lorenz Krüger und Andreas Steudel Messungen zur Isotopieverschiebung beim Gadolinium. Aus dem Institut kam als weiterer Beitrag eine Messung des Quadrupolmoments von Zn 67 durch Klaus Böckmann, Hubert Krüger und Ekkehard Recknagel. Viele ehemalige Mitarbeiter Hertz' waren im Jubiläumsheft vertreten: Karl Krebs und H. Winkler aus Westberlin mit einer neuen Messung der Hfs de Europium-Grundzustandes (auf Anregung von Peter Brix), F.G. Houtermans zusammen mit E. Jäger, M. Schoen und H. Stauffer aus Bern mit einer Arbeit über Thermolumineszen als Mittel zur Untersuchung der thermischen und Strahlungsgeschichte von Mineralien. G. Popp und W. Walcher aus Marburg publizierten über ein Ionenmikroskop zur Untersuchung biologischen Gewebes, R. Jaeckel und J. Junge aus Bonn über in Reinsteisen gelösten Stickstoff, E. W. Müller, University Park / USA über ein Tieftemperatur-Feldionenmikroskop. Zur langen Liste der Autoren zählten ebenso Heinz Barwich, Dresden, Wilhelm Hanle, Gießen und Walther Gerlach, München. Die Laudatio schrieb Robert Rompe.

Kurz vor dem Gustav-Hertz-Geburtstag war Fritz Möglich gestorben[70]. Kopfermann korrespondierte unter dem 21. Juni mit Laue wegen eines neuen Redakteurs aus der DDR, der ein theoretischer Physiker sein sollte, schrieb auch an alle Kuratoriumsmitglieder der Annalen. Laue antwortete am 5. Juli, Rompe und Hertz hätten Gustav Richter in Miersdorf vorgeschlagen. Am 12. teilte er dann mit, er habe sich bei Vollmer über Richter erkundigt (die beiden hatten in der Sowjetunion zusammen gearbeitet) und meinte abschließend:

"Wenn G. Hertz und Rompe Dr. Richter empfehlen, so muß m. E. dem Votum dieser beiden Kollegen besonderes Gewicht beigelegt werden, da sie die Verhältnisse in der sowj. Zone besser kennen als wir..."

Noch 1957 war die DDR für einen überzeugten Westberliner wie in der offiziellen Diktion die 'sowj. Zone''[71]. Richter trat an die Stelle von Möglich und im September (16.9.) konnte Kopfermann an Laue berichten:

"Gelegentlich einer Reise nach Leipzig habe ich zusammen mit dem neuen Ostredakteur, Herrn Gustav Richter und dem Verlag, vertreten durch Herrn Prokuristen Schubert, den Vorschlag zu machen, das Kuratorium der Annalen der Physik, das durch den Tod der Herren Kossel und Gerthsen stark zusamengeschmolzen ist, durch drei neue Mitglieder zu ergänzen. Nach längerer Überlegung haben wir uns auf die Herren Kockel, Leipzig für die DDR und Gentner, Freiburg und Paul, Bonn für die Bundesrepublik geeinigt".[72]

Zu Beginn des nächsten Bandes der Annalen hieß es:

"An die Leser: / Nach dem Ableben von Professor Möglich ist Herr Prof. Dr. ing. Gustav Richter, Berlin, nach Zustimmung des Kuratoriums als Mitherausgeber in die Redaktion eingetreten. Gemäß der bisherigen Handhabung bei den 'Annalen der Physik' beginnt damit die 7te Folge der Zeitschrift. Die Manuskripte können an jeden der beiden Herausgeber eingeschickt werden. / Hans Kopfermann, Johann Ambrosius Barth"
Noch einmal während der fast 10 jährigen Tätigkeit Kopfermanns als Redakteur kam es zu einer solchen 'Festschrift' zwischen Ost und West, nämlich 1959, zum 70. Geburtstag von Walther Gerlach, im 4. Band der 7ten Reihe (die Annalen hatten die Gepflogenheit, mit dem Tod eines Redakteurs eine neue Reihe beginnen zu lassen, die 6te war mit Fritz Möglich zu Ende gegangen). Hans Bucka, Hans. Kopfermann, Ernst W. Otten publizierten, Gerlach gewidmet, Doppelresonanzmessungen der Kernquadrupolmomente von radioktivem Cäsium 135 und 137. In den folgenden Jahren brachte Kopfermann in 'seiner' Zeitschrift gelegentlich weitere Arbeiten aus dem Heidelberger Institut, so 1961 in Band 7 ein Doppelresonanzexperiment von H. Bucka und H. J. Schüssler im Spektrum der geraden Bariumisotope, im gleichen Band von Dieter Ehrenstein die Messung der Hfs im Grundzustand von Co 59 samt Bestimmung des Quadrupolmomentes und in Band 8 1961 eine Messung der Lebensdauer eines Zustandes im Barium - Spektrum durch Hans Bucka und Hans Helmut Nagel. Ende 1961, mit dem 9ten Band der Reihe, gab Kopfermann die (Mit-)Herausgebertätigkeit, die er 1952 übernommen hatte, an Wilhelm Walcher ab.

* * *

Der jährliche Geburtstagsbrief an Lotte Gmelin kam 1957 (unter dem 12.10.) von Hertha aus Bad Gastein. Hermann Gmelin hatte einen Ruf nach Saarbrücken abgelehnt und die Kieler Freunde sahen dem Einzug ins neugebaute Haus am Niemannsweg, unweit von der Förde, entgegen:

"Wir malen uns aus, daß Sie in großen Umzugsvorbereitungen stecken u. wünschen Ihnen zunächst sehr, daß Sie sich nicht überarbeiten mögen, was man ja meistens bei solchen Anlässen tut. Dann aber vor allem, daß Ihnen das neue Haus viel Freude bringen möge und Ihnen keine schlaflosen Nächte mehr erwachsen! Für Ihr persönliches Wohlergehen natürlich das Allerbeste, gesundheitlich und "mütterlich" in Bezug auf die Entwicklung der Kinder u.s.f.!! Wir haben es gut hier. Im Sommer konnten wir nicht fort von Heidelberg u. der September brachte uns die Riesen-Physikertagung, was wegen der Vorbereitungen und der übergroßen Zahl der Gäste sehr anstrengend war. Es war natürlich auch schön und lebendig, vor allem, da u.a. auch alte Kopenhagener Freunde da waren. Aber mein Mann war ganz erledigt hinterher. Und nun führt er hier ein sehr faules Leben mit viel Liegen und Spazierengehen. Wir haben wetterlich eine zauberhafte Woche hinter uns, nur strahlend blauen Himmel u. Sonne. Ich selbst habe mich wieder in eine Badekur gestürzt; dies Mal sogar mit Unterwassermassage, Aufgehängtwerden etc.etc. Bis zum 26. Okt. wollen wir hierbleiben; dann geht es heim, und am 30.10. fährt oder vielmehr fliegt mein Mann nach USA. Michael geht dann zum Studium nach Hamburg, u. so werde ich erst mal ein Weilchen allein mit Renate sein".

Die Tagung des Verbandes der Physikalischen Gesellschaften (VDPG) war nicht nur das übliche 'Riesenspektakel', sondern es fielen auch ein paar wissenschaftspolitische Entscheidungen. Sie fielen vor dem Hintergrund der beträchtlichen Investitionen des neuen Atomministers in die Kernphysik. Weizsäcker, der seit der 'Göttinger Erklärung' besonders im Rampenlicht stand und gerade auf einen Lehrstuhl für Philosophie in Hamburg wechselte, wurde die Max Planck Medaille verliehen[73]. Ein neuer Vorsitzender des VDPG stand zur Wahl. Es kandidierten Walther Gerlach und Herwig Schopper. Kopfermann warb für Gerlach und konnte manchen bewegen, noch schnell Mitglied zu werden und für seinen Kandidaten zu stimmen[74]. Gerlach wurde gewählt. Auf Vorschlag von Gerd Burkhardt[75], theoretischer Physiker in Hannover, verabschiedete die Hauptversammlung des VDPG eine 'Heidelberger Erklärung', mit der sie sich der 'Göttinger' anschloß. Übrigens hielt Otto Haxel den ersten der Hauptvorträge der Heidelberger Tagung. Er sprach zu einem aktuellen Thema: "Natürliche und künstliche Radioaktivität in der Atmosphäre". Einleitend sagte er:

"(im Gegensatz zum Wissen über die Wirkung einmaliger Strahlendosen K.S.) ...haben wir praktisch keine Erfahrung über die biologische Wirkung kleiner und kleinster Dosisleistungen bei Dauereinstrahlung. Dieser Mangel wirkt sich äußerst ungünstig auf die Entwicklung der Kerntechnik aus, denn es fehlen empirisch fundierte Unterlagen für die Dimensionierung der Strahlenschutzmaßnahmen."[76]
Haxel hoffte damals noch, daß bei geringen Werten die schädliche Wirkung nicht dosisproportional sei und unterhalb einer 'Toleranzdosis' keine Schäden auftreten. Diejenigen, die Gefahr auch bei kleinsten Dosen sahen, waren 'Strahlenpessimisten'. Dem 'Strahlenpraktiker', meinte Haxel, gäbe die natürliche Radioaktivität ein Maß für zulässige Dauerstrahlenbelastung. Die 'Bomben-'Radioaktivität der Atmosphäre sei (noch) nicht als gefährlich zu bezeichnen, aber:
"eine Verzehnfachung der Kernwaffenversuchstätigkeit würde eine Situation schaffen, die in einigen Jahren zu ernsten Bedenken Anlaß geben würde. Des weiteren ist an die friedliche Verwertung der Kernnenergie zu denken. Wenn im Jahre 2000 die gesamte Menschheit mit Atomenergie versorgt werden würde, mit einem Angebot von 1-2 kW pro Bewohner, so wäre bei 10 exp10 Menschen die Gleichgewichtsmenge des Krypton Kr85 ca 10 exp10 Curie, was - wenn man diese Menge restlos in die Luft entweichen lassen würde - einer Konzentration von 10 exp-8 C/m exp3 entsprechen würde, die auch beim Strahlenoptimisten erhebliche Bedenken hervorrufen würde... Sorgen, wie wir sie heute mit der Reinhaltung unserer heimatlichen Gewässer haben, wird die nächste Generation mit der Reinhaltung der Atmosphäre haben."[77]

1957 war nicht nur das Jahr der Göttinger Erklärung und ein Wahljahr in Deutschland, sondern ging (mit dem 'Sputnik-Schock') auch als das Jahr des Anstoßes zu amerikanischen Bildungsreformen in die Geschichte ein. Bevor die Reformdiskussion in Deutschland richtig zu Bewußtsein kam[78], vergingen noch Jahre. Es waren gleichzeitig die Jahre, in denen die Wirtschaft mit der Umstellung vom Energieträger Kohle zum Energieträger Öl eine Revolution durchmachte. Zwar gab es immer wieder Themen, die eine politische Herausforderung bedeuteten, (die 'Verjährungsdiskussion', die 'Notstandsgesetze'), aber das herrschende politische Klima der Ära Adenauer blieb davon wenig berührt. 1957 publizierte Erich Kuby seine Reportage 'Das ist des Deutschen Vaterland. 70 Millionen in zwei Wartesälen'. Im Vorwort zur Taschenbuchauflage, im Januar 1959, nannte Kuby sein Werk einen 'beinahe verzweifelten Anruf der Vernunft'. Er fand:

"wir sindauf einem schlimmen Weg ... (es) gewinnen bei uns Kräfte die Oberhand, die die Suppe ihrer revisionistischen und nationalistischen Politik am antikommunistischen Feuer kochen wollen. Und es sieht so aus, als würden die Bürger unseres provisorischen Staatswesens, vom Wohlstand verblendet, ihnen dazu die demokratische Legitimation geben. Wenn sie davon schon nicht abzubringen sind, so sollten sie doch wenigstens wissen, was sie tun. Dazu könnte dieses Buch eine Hilfe sein".

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Fritz Möglich, der gute Bekannte seit Berliner Tagen, war nur 55 Jahre alt geworden. In Göttingen hatten Kopfermanns nach Richard Becker einen weiteren alten Freund und Weggenossen verloren: im Mai war Karl Bonhoeffer mit 58 Jahren gestorben. Und bereits im Februar 1957 hatte man in Heidelberg Walther Bothe zu Grabe getragen[79]. Mit 66 Jahren war auch er nicht gerade sehr alt geworden.

Die Wahl eines Nachfolgers für die Leitung des MPI sollte Heidelberg noch mehr zu einem Pol der Kernphysik in Deutschland machen. Die Nachfolge war zunächst Sache der Max Planck-Gesellschaft. Aus den Akten der Hauptversammlung vom Juli 1958 geht hervor, daß Verhandlungen mit Wolfgang Gentner inzwischen weit gediehen waren und vor dem Abschluß standen. Gentner würde Heidelberg gegenüber Freiburg den Vorzug geben, berichtete Ernst Telschow:

"wegen der engen Zusammenarbeit mit den Heidelberger Fachkollegen, den Herren Kopfermann, Haxel und Jensen. Gentner habe auch betont, daß er den Plan, nach Heidelberg zu gehen mit Heisenberg erörtert und volles Verständnis dafür gefunden habe. Das Gentner'sche Institut - etwa 'MPI für experimentelle Kenphysik' würde auch keinerlei Konkurrenz zu dem Heisenberg´schen Institut darstellen..." [80]

Ab 1960 entstand auf dem Boxberg bei Heidelberg ein kernphysikalisches Institut, dessen neuer Beschleuniger, eine 6 MV-Tandem - Maschine (Inbetriebnahme Oktober 1961), von Universität und MPG gemeinsam finanziert und genutzt wurde.

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Schon die 5. Berliner Industrieausstellung 1954 hatte sich auf das 'Atoms for Peace-' Programm eingelassen. Gleich nach Eisenhowers Amtantritt und nach seiner 'Atoms for Peace' - Rede hatte sein Berater in Atomfragen ihm vorgeschlagen, in Berlin einen Leistungsreaktor aufzustellen, und damit den politischen Charakter des Programms unterstrichen. Der Plan wurde 1953 allerdings nicht weiter verfolgt. 1955 hatte Berlin mindestens einen Experten für Kernenergiefragen in Friedrich Weygand, der an der Genfer Atomkonferenz teilgenommen hatte, und gerade aus Tübingen an die TUB berufen worden war. Gegen Jahresende zeichneten 50 Berliner Hochschullehrer eine interuniversitäre Denkschrift für den Senat, in der gefordert wurde, "freie Atomforschung für friedliche Zwecke in Berlin zu ermöglichen und finanziell zu unterstützen"[81]. Damit begann die Planung eines kernphysikalischen Forschungsinstituts in Berlin. Noch 1955 wurde der Kernchemiker Karl-Erik Zimen[82] in Göteborg gefragt, ob er einen Lehrstuhl annehmen würde. Es dauerte allerdings ein paar Jahre, bis unter anderem die rechtlichen Schwierigkeiten, die das Berlin-Statut mit sich brachte, überwunden waren, bis der Gründungsdirektor Zimen am 24.7.1958 einen 50 kW Forschungsreaktor in Betrieb nehmen konnte, und schließlich am 14.3.59 das 'Hahn- Meitner-Institut' fertig dastand. Die verzweigte Problematik hat Burghard Weiss überzeugend dargestellt. Laue hätte anfänglich das Institut gern als MPI gesehen, mußte jedoch von Otto Hahn hören, daß der Gedanke nicht zu verwirklichen sei. Bei der Entscheidung über den Leiter für den Sektor Kernphysik, die mit der Entscheidung der apparativen Ausstattung (Beschleunigertyp) gekoppelt war, stand zunächst Arnold Flammersfeld, Kopfermanns Nachfolger in Göttingen, zur Diskussion. Er lehnte im Januar 1957 ab. Laue, dessen Kandidat Flammersfeld gewesen war, schlug nun Leo Szilard vor[83]. Dessen Kandidatur stieß zwar auf Widerstand in der Berliner Atomkomission und in der Fakultät der FUB, aber Laue und der Senator Tiburtius setzten sich durch, und Laue schlug Szilard obendrein als seinen Nachfolger im Direktorat des Fritz Haber Intituts vor. Dieser Vorschlag scheiterte allerdings an Otto Hahn. Und die Berliner wußten vielleicht auch, warum sie Szilard nicht wollten. Der nahm nämlich kein Blatt vor den Mund, kritisierte das bisherige Konzept als unausweichlich provinziell und plädierte politisch für ein bedeutenderes Unternehmen, zu dem nicht nur Berlin beitragen solle. Der lokale Einfluß wurde relativiert.

"In einer Besprechung, zu der als Experten die Professoren Kopfermann (Heidelberg) und von Weizsäcker zugezogen wurden, sollte über die Vorschläge Szilards beraten werden. Auf Vorschlag von Kopfermann einigte man sich auf eine 'große Lösung' im Sinne Szilards: Neben einem Großgerät (ein 50 MeV Zyklotron für Deuteronen von der AEG) sollten je zwei Ordinarien für experimentelle und theoretische Kernphysik installiert werden. Für die beiden ersteren wurden Kopfermann und Telegdi, für die beiden letzteren Szilard und Ludwig in Erwägung gezogen. Die Planung des Sektors, für dessen Errichtung 10-15 Mio DM veranschlagt wurden, sollte Kopfermann übernehmen..."[84]

Der 'Kammermusiker' Hans Kopfermann ließ sich zum entscheidenden Ratgeber für eine Großforschungseinrichtung berufen. Mit dem neuen Großprojekt kam über die Berliner Atomkomission hinaus die des Bundes ins Spiel. Dort setzten Hans Kopfermann und Alexander Hocker das Vorhaben durch. Am 19. Juli 1958 fiel die Entscheidung für den Bau.

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Hertha Kopfermann hatte, als sie 1958 den gewohnten Geburtstagsbrief an Lotte Gmelin schrieb, schon seit Monaten mit einer Augenkrankheit gekämpft, mit einer Amöbeninfektion (Iridozyklitis), deren Überträger der Hund gewesen war, und die zu progressiver Linsentrübung führen sollte. In Kiel war der Geburtstag von schwerer Krankheit Hermann Gmelins überschattet, der seit Pfingsten in der Klinik lag. Der Brief entsprach der gedrückten Stimmung.

Die verschiedenen Ansätze, Ihnen zu schreiben, scheiterten am schlechten Sehen u. der ungewohnten neuen Lebensweise. Die Arbeit ist etwas anstrengend nach 6 Monaten Nichtstun u. die innere Umstellung nach so langer Isolierung nicht immer ganz leicht. Aber nun steht wieder der 15. Oktober vor der Tür; und wenn wir auch viele, viele Fehler haben, so glaube ich doch, daß wir selten (oder gar nie?) vergessen haben, wenigstens an diesem Tag zu sagen, daß wir Ihrer gedenken u. Ihnen unsere Freundschaft bezeigen. Und dieses Jahr haben Sie es vielleicht besonders nötig.

Hans fügte hinzu, daß er Albrecht Unsöld bei der Physikertagung in Essen getroffen habe, und da erst erfahren habe, wie krank ihr Mann sei. Leider sei keine Reise nach Kopenhagen oder Norddeutschland in Sicht. Hermann Gmelin starb 58-jährig am 7. November. Hans war in Amerika und Hertha sah sich wegen ihres Augenleidens nicht in der Lage, nach Kiel zu reisen.

1957 hatten die Physikalischen Gesellschaften ihre Jahrestagung in Heidelberg abgehalten. Ende September, Anfang Oktober 1958 fand die 100. Tagung der Gesellschaft der Naturforscher und Ärzte in Wiesbaden statt. Vorsitzender der Gesellschaft war 1957/58 Karl Heinz Bauer; den Vorsitz einer der beiden Hauptgruppen hatte Kopfermann. Ihm oblag es die Redner zu gewinnen[85] . Es sprachen Wolfgang Gentner, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Willibald Jentschke, Wolfgang Paul und Herwig Schopper (dazu die Astronomen Hachenberg und Siedentopf)[86].

Drei internationale Konferenzen zu den Arbeitsgebieten des Instituts waren Höhepunkte seiner letzten Lebensjahre. Im Juni 1959 hatte er die Molekularstrahl-Spezialisten in Heidelberg zu Gast, zur '4th Brookhaven Conference on Molecular Beams'. 1960 organisierten seine Assistenten Lindenberger und Meyer-Berkhout die 'Gordon Conference on Photonuclear Reactions' in Karlsruhe, und 1962 stand das 'optische Pumpen' im Mittelpunkt einer internationalen Zusammenkunft in Heidelberg..

Unter dem 15. Mai 1959 schrieb Walter Gerlach an Kopfermann

"Verehrter Führer der Molecular-beamisten! Ich kann nur wiederholt danken und Ihnen sagen, daß ich ausserordentlich gerne zur Tagung komme. Die offizielle Zusage lege ich bei. Leider kann ich am 12. Juni die Rheinfahrt nicht machen (selbst wenn ich die Möglichkeit hätte, kurz vor Bonn auszusteigen). Ich muß nämlich leider am Freitag in Frankfurt eine Besprechung mitmachen. / Hotelzimmer habe ich mir direkt im Europäischen Hof bestellt, weil ich Frau Gabler kenne. Ich habe aber auf alle Fälle der Karte an das städt. Verkehrsamt meinem Brief an den Europäischen Hof beigelegt, damit kein Durcheinander entsteht. Aus dem gleichen Grund teile ich Ihnen dieses mit (obgleich es Sie sicher gar nicht interessiert). / Mit herzlichen Grüssen Ihr..."

Der Reiz der Konferenz lag darin, daß die Fachleute diesmal, statt wie gewohnt auf Long Island, in Heidelberg zusammenkamen, und tatsächlich hatten viele Kollegen aus New York, New Haven, Boston den transatlantischen Treffpunkt einer Reise wert gefunden, allen voran I.I. Rabi, der Pinonier des Arbeitsgebietes. Natürlich war die Konferenzsprache Englisch. Den Heidelberger Mitarbeitern boten sich Gelegenheiten zu 'Postdoctoral Fellowships'[87] in amerikanischen Laboratorien und Amerikaner fanden Interesse an Aufenthalten in Heidelberg. Im folgenden Jahr kam als 'Senior-fellow' der Guggenheimstiftung Leonard Goodman aus dem Argonne National Laboratory aus Chicago nach Heidelberg[88].

Im April 1960 wurde noch einmal Kopfermanns Geburtstag (der 65.) zu einer Festveranstaltung von Mitarbeitern und Gästen mit wissenschaftlichen, kabarettistischen und musikalischen Einlagen[89]. Im gleichen Jahr brachte die Karlsruher Gordon Conference, ähnlich wie die Brookhaven Conference, die Fachleute des Arbeitsgebietes zum erstenmal diesseits des Atlantiks zur ihrem gewohnten Austausch zusammen. Hausherr war Otto Haxel. Das Kernforschungszentrum finanzierte die Konferenz, die auch den Zweck hatte, die Institute dieser damals gerade sehr dynamisch expandierende Einrichtung[90] in der Fachwelt bekannt zu machen[91].

Gerd Burkhardt hatte im Herbst 1959, anläßlich der Physikertagung in Berlin für eine 'Vereinigung deutscher Wissenschaftler' geworben, die dann auch gegründet wurde und, wie es in der Satzung heißt, sich vornahm,

"1. Das Bewußtsein der in der Wissenschaft Tätigen für ihre Verantwortung an den Auswirkungen ihrer Arbeiten auf die menschliche Gesellschaft wachzuhalten und zu vertiefen; 2. Die Probleme zu studieren, die sich aus der fortschreitenden Entwicklung von Wissenschaft und Technik für die Menschheit ergeben."

Kopfermann übernahm den Vorsitz der Vereinigung, nachdem Carl Friedrich Weizsäcker, den Burkhardt zunächst vorgeschlagen hatte, ablehnte. Anfang Juli 1957 hatte die Gründungsversammlung der Pugwash-Konferenzen mit 22 Teilnehmern aus Ost und West stattgefunden. Anfang April 1958 traf man sich in Lac Beauport in Quebec zur zweiten Konferenz, zu Information und Beratung zu den Gefahren des Rüstungswettlaufs. Mitte September 1958 trafen sich 70 Teilnehmer, unter ihnen Max Born in Kitzbühl und Wien zum Thema 'Gefahren des Atomzeitalters und die Aufgabe der Wissenschaftler'. In der Erklärung dieser dritten Pugwash Konferenz hieß es:

"Die anwachsende materielle Unterstützung der Wissenschaft in vielen Ländern ist hauptsächlich eine Folge ihrer direkten oder indirekten Bedeutung für die militärische Schlagkraft des Landes und ihres Beitrages zum Erfolg des Rüstungswettlaufes. / Das lenkt die Wissenschaft von ihrem eigentlichen Zweck ab, der darin besteht, das menschliche Wissen zu vermehren und uns bei der Bändigung der Naturkräfte zum Wohle aller zu helfen. / Wir bedauern die Umstände, die zu dieser Situation geführt haben, und appellieren an alle Menschen und ihre Regierungen, die Voraussetzungen für einen dauernden und stabilen Frieden zu schaffen."[92].

Hans Thirring schrieb 1962, Max Born zum 80. Geburtstag, über die Pugwash-Konferenzen und fügte hinzu:

"So wie bei anderen internationalen Unternehmungen sollen auch für die Pugwash Konferenzen Vereinigungen gebildet werden, deren Aufgabe es ist, die Gedanken dieser Konferenz m eigenen Land zu verbreiten und bei der Auswahl von Teilnehmern beratend zu wirken. Auf europäischem Boden hat sich in den letzten Jahren ein rundes Dutzend derartiger Sectionen gebildet; in Westdeutshland ist es die Vereinigung deutscher Wissenshaftler VdW, die soeben erst in Marburg an der Lahn ihre alljährliche Tagung abgehalten hat. Die korrespondierende österreichische Gruppe heißt Vereinigung österreichischer Wissenschaftler VöW..."[93]

Hans Kopfermann war also Vorsitzender der deutschen Pugwash Gruppe. Als Pugwash Anfang September 1962 in London fast 200 Teilnehmer zum Thema 'Wissenschaft und Weltpolitik' versammelte, hatte Hans Kopfermann seinen Vorsitz aus Gesundheitsgründen niedergelegt (s.u.). Von der Jahrestagung 1960 der VdW existiert ein Foto, das Dieter Ehrenstein gemacht hat und Max Born am Tisch stehend und sprechend zeigt, während rechts von ihm Walther Gerlach und links Hans Kopfermann Platz genommen hatten. Kopfermann mit dem ehemals exilierten Doyen der Physiker und ihrem ehemaligen 'Reichsführer'. Merkwürdig, daß ein sich in der Öffentlichkeit sehr zurücknehmender Kopfermann der Wortführer einer - im saloppen Sprachgebrauch - 'Lobby', hier Friedens- und Abrüstungslobby wurde.[94] 1947 hatten die Göttinger Kollegen im Entnazifizierungsausschuß ihm bescheinigt, er sei völlig unpolitisch. Was hatte sich geändert?

Ende 1960 erlitt Hans Kopfermann einen leichten Herzinfarkt, der ihn zwang, bis zum Ende des Wintersemesters seine Dienstgeschäfte niederzulegen[95]. Eine monatelange Kur in Bad Wiessee sollte die Gesundheit wiederherstellen[96]. Am 10 März 1961 nahm er die Arbeit offiziell wieder auf[97]. Doch begann er, seine Amtsgeschäfte auf ein Minimum zu reduzieren. Den Vorsitz der VDW gab er an Gerd Burkhardt ab, die Herausgebertätigkeit für die Annalen, die er seit Februar 1952 wahrnahm, an Wilhelm Walcher. Und er trachtete nach Kräften, seine Mitarbeiter zu 'verkaufen'.

Als Leo Szilard Ende 1959 den Berliner Ruf zurückgegeben hatte[98] (und Kopfermann den eingangs erwähnten Brief an den Senator geschrieben hatte) und alle Bemühungen scheiterten, einen der zunächst vorgesehenen Kandidaten (Teucher und Telegdi) zu gewinnen, konnte Kopfermann den Berlinern Karl-Heinz Lindenberger vorschlagen. Lindenberger erhielt im Mai 1961 den Ruf an die FUB, mit der Aufgabe den Sektor Kernphysik des Berliner Großforschungsinstituts aufzubauen. Lindenberger plante den Kauf und Einbau eines 5,5 MeV Van de Graff - Beschleunigers und nahm den Ruf zum 1. Mai 1962 an[99]. Ein paar Tage später verließ Ulrich Meyer Berkhout Heidelberg, um beim CERN in Genf zu arbeiten[100]. Andreas Steudel nahm 1962 einen Ruf an die Technische Universität Hannover an[101] und Hans Bucka ging gegen Ende des Jahres nach New York, um ein Jahr später einem Ruf an die Technische Universität Berlin zu folgen[102]. Gerhard Nöldeke wurde von Gerhard Fricke bewogen, mit ihm nach Mainz zu wechseln. So mag es den Anschein haben, als sei das Institut 1962 leer geworden. Aber das stimmt nicht. Allein die Ausbildungsaufgaben in den Praktika forderten ein Minimum an Tutoren und Assistenten. Aber auch die Forschung lief weiter, optische und Doppelresonanz-Spektroskopie, Hochfrequenzspektroskopie am Atomstrahl, Betatronphysik. Kopfermann wäre 1963 emeritiert worden; ein Nachfolger wäre wohl kaum gleich zur Stelle gewesen. Es galt, den Betrieb weiterzuführen und gleichzeitig dem Amtsnachfolger Gestaltungsmöglichkeiten zu geben.

Zur Physikertagung 1961 in Wien, am 17. Otober, hielten Wolfgang Gentner, Hans Kopfermann und Horst Rothe die Hauptvorträge. Gentner sprach über die Herkunft von Meteoriten, Kopfermann über die Bedeutung der Atomstrahlresonanzmethode für die Kernmomentenforschung und Rothe über Maser. Kopfermann erklärte ausführlich und mit Diapositiven Apparatur ("Aufnahme der Heidelberger Atomstrahlresonanzapparatur. Links der Atomstrahlofen, anschließend A-, C-, und B-Magnetfeld; rechts der Detektor mit Massenspektrometer") und Meßmethoden ("Zur genauen Magnetfeldeichung benutzen wir einen Übergang des Ag107, der in seiner Feldabhängigkeit gut bekannt ist. Er wird jeweils unmittelbar vor und nach der zu messenden Frequenz bei gleichem Feld H aufgenommen"). Wenn er anschließend seinen Zuhörern die Feinheiten der Analyse zumutete, war der Alt- Spektroskopiker in seinem Element:

"Beim Grundzustand des Holmiums kann man nach der Systematik des Aufbaus der Spektren der seltenen Erden im Zweifel darüber sein, ob es sich um eine 4f116s2-Konfiguration handelt. Gemäß der Hundschen Regel, die allerdings nicht überall verbindlich ist, käme als tiefster Zustand im ersten Falle ein 6L21/2-Term, im zweiten Falle ein 4I15/2-Term in Betracht. Wie die Untersuchung gezeigt hat, handelt es sich um einen Term mit J=15/2, der deshalb hier der Diskussion zugrunde gelegt werden soll"[103]
Otto Robert Frisch publizierte 1965 eine Darstellung 'Molecular Beams' für ein breiteres Publikum, in der er schrieb:
"Today, 27 years after Rabi's first resonance experiments, perhaps a dozen laboratories are still using his method to determine nuclear magnetic moments, and there is no sign that its applications have been exhausted..."
An die Quadrupolmomente seines Freundes Kopfermann dürfte der Autor gedacht haben, Vermutlich hat er entschieden, seinem Publikum die komplexere Materie zu ersparen. Er schloß:
"Molecular-beam research started out as a "family affair" more than 40 years ago. For many years it was all conducted, with a few exceptions, by Otto Stern and his students and their students. Stern has every right to be proud of the enterprise he started; in the immediate "family" alone its success has resulted in five Nobel prizes - to Stern himself in 1943, to Rabi in 1944, to Lamb and Kusch in 1955 and to Townes in 1964. The applications of molecular-beam techniques now extend into all branches of physics and can no longer be said to be strictly a family affair. New projects are being undertaken in laboratories all over the world, and new surprises may well be just around the corner."[104]

Das letzte festliche Ereignis im beruflichen Leben Kopfermanns war die 'International Conference on Optical Pumping', die zu seinem 67. Geburtstag am 26. April 1962 in Heidelberg veranstaltet wurde. Kopfermann hatte die Vorbereitung damit begonnen, daß er im Juli 1960 den Mitgliedern der Heidelberger Akademie eine Abhandlung vortrug "Über optisches Pumpen":

"Seit etwa 10 Jahren haben sich Untersuchungsmethoden herausgebildet, die bewußt solche statistischen Besetzungen benachbarter Zustände stören mit dem Ziel, ihre Energieabstände mit höchster Präzision zu messen. Die Störung besteht in fast allen Fällen darin, daß Atome aus W1 durch optische Einstrahlung über höher angeregte Zustände, die mit W1 und W2 kombinieren, in W2 (oder umgekehrt) gepumpt werden. Wie man dies zweckmäßigerweise macht, und in welcher Weise man die umgepumpten Zustände zur Abstandsmessung der Energieniveaus verwendet, soll Inhalt des folgenden Vortrages sein."[105]

Die Organisation der Konferenz lag weitgehend in Händen der 'Doppelresonanzgruppe' um Hans Bucka, Ernst Otten, Gisbert zu Putlitz und Herbert Walther[106]. Das Heidelberger Tageblatt schrieb unter dem 27. 4.: "Internationale Physikertagung. 50 Wissenschaftler informieren sich in Heidelberg über optisches Pumpen". Ein Foto (gez. Speck) zeigte Kopfermann zusammen mit Alfred Kastler und Willlis Lamb. Ein etwas lebendigeres Bild (gez. Ballarin) der drei - erschien am gleichen Tag auch in der Rhein-Neckarzeitung. Aus Paris kamen Kastler und Brossel, die beiden Erfinder der Methode, sowie Cagnac, Barrat, Cohen-Tannoudji, Claude, Marie Anne Bouchiat, Descoubes, Francoise Grossetête[107]. Ob auch politische Gespräche stattgefunden haben? Kastler hatte sich sehr für die algerische Unabhängigkeit eingesetzt, an der Seite de Gaulles wäre er fast Opfer eines Attentats von Anhängern der 'Algerie francaise' geworden[108].

1962, im letzten Lebensjahr Kopfermanns zeichneten sich mit dem Ende der Ära Adenauer auch Reformen der politischen Kultur ab. Ende Februar hatten die Frankfurter Rundschau und andere Zeitungen ein Memorandum veröffentlicht, das vom Herbst des Vorjahrs datierte. Protestantische Theologen, aber auch Werner Heisenberg, Carl Friedrich Weizsäcker und Klaus Bismarck (Leiter des Westdeutschen Rundfunks), im ganzen 8 'Protestantische Persönlichkeiten' hatten in wohl abgewogenen Sätzen Bedenken gegen ideologische Tendenzen nach dem Mauerbau zum Ausdruck gebracht und insbesondere eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert.. 121 Schriftsteller taten ähnliches. Rainer Barzel, CDU-Politiker, ließ daraufhin ein 'Rotbuch' publizieren, in dem über 400 'Kulturschaffende' beschuldigt wurden, kommunistischer Ideologie Vorschub zu leisten. Maßgebliche Politiker äußerten sich mit beleidigender Geringschätzung über Autoren und literarische Werke, die ihnen nicht gefielen. Die schwelende Kritik an den herrschenden Denkzwängen und politischen Umgangsformen kam Ende Oktober in der 'Spiegelaffäre' offen zum Ausbruch. Eine großangelegte gerichtliche Aktion gegen die Redaktion des 'Spiegel' - aus Anlaß der Veröffentlichung geheimer militärischer Papiere - , brachte tausende auf die Straße. Später hat man in diesen Bürgerprotesten den Auftakt zu einer fortschreitenden 'Politisierung' der Deutschen gesehen. Ein bescheidener Schritt, wenn man sich erinnert, für was die Demonstranten sich einsetzten, nämlich 'altmodisch' für Pressefreiheit und Wahrung der Unschuldsvermutung. Dem Beobachter muß auffallen, wie sehr sich die politische Kultur in Deutschland von der angelsächsischen (und auf andere Weise auch von der französischen) dadurch unterschied, daß sich Akteuren in 'Kunst und Wissenschaft' hinsichtlich ihrer Ressourcen und Arbeitsmöglichkeiten wirklich dualistische oder gar pluralistische Strukturen nicht boten.[109]

Im Januar 1963 fuhr Kopfermann nach Berlin in Sachen Hahn-Meitner-Institut. Ursprünglich hatte er von Berlin gleich nach Bonn weiterreisen wollen. Aber er hatte seine Pläne geändert und war nach Heidelberg zurückgekehrt, als ihn der Schlag traf. Fast eine Woche lang lag Hans Kopfermann in komatösem Zustand in einer Heidelberger Klinik, bevor er am 28. Januar starb. Den zeremoniellen Teil der Trauerfeier in der Peterskirche übernahm der Heidelberger Ordinarius für praktische Theologie, Peter Brunner. Ansprachen hielten der Rektor Fritz Ernst, ? Reicke für die Heidelberger, Friedrich Hund für die Göttinger Akademie, Wilhelm Walcher für die DPG, Hans Funk für die DFG, Carl Wolf für die VdW. Anwesend war auch der Forschungsminister Hans Lenk.

Unter dem 12. 5. 63 schrieb Hertha Kopfermann aus Höchenschwand an Fritz Ernst:

"Ich kann meinen Dank für alle Zeichen der Anerkennung, Freundschaft und Verehrung, die ihm geschenkt wurden, nicht in Worte fassen. aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Stunden in der Peterskirche mir unvergeßlich sind und Ihre Worte und die der Freunde mir immer ein Trost sein werden."
Die Akte Kopfermann im Universitätsarchiv enthält zum Schluß nichts als eine Vielzahl von mehr oder weniger offiziellen Kondolenzschreiben, darunter nur ein handschriftliches, von Fritz Bopp, dem Kollegen in der Atomkomission und Rezensenten der 'Kernmomente'. Unter dem 12. 2. 63 wurden, wie es im Beamtendeutsch heißt, die Hinterbliebenenbezüge festgestellt:
"Der Beamte hatte eine ruhegehaltsfähige Dienstzeit von 48 vollen Jahren abgeleistet"
hieß es da. Ihm selbst hätten monatlich Ruhebezüge in Höhe von 75% der Dienstbezüge von 3.017,24 DM zugestanden[110].

Am 5. Juli lud die Fakultät zu einer Gedenkfeier in der Alten Aula. Die Gedächtnisrede hielt Victor Weisskopf. Den musikalischen Rahmen bildeten der 2. Satz aus Bach's Cembalokonzert d-moll und der 2. Satz aus dem 5. Brandenburgischen Konzert: "es spielen Mitglieder der physikalischen Institute der Universität Heidelberg und des Max Planck Instituts".

Die Jahrestagung 1963 der Physiker - der Verband der physikalischen Gesellschaften nannte sich ab dann wieder 'Deutsche Physikalische Gesellschaft' - fand in Hamburg statt. Wolfgang Paul erinnerte an Kopfermann:

"Es mag vielleicht übertrieben klingen, wenn ich sage, daß ich mir keinen besseren Lehrer für junge Wissenschaftler denken kann, als Kopfermann es war. Die Ausbildung bei ihm war universell. Da er früher beim Vortragen gehemmt war, legte er großen Wert darauf, daß seine Schüler es lernten. Mir selbst fiel es schwer, so hatte ich in einem Semester sechs Vorträge zu halten, um am Ende des letzten freundlich lobend zu hören: 'Heute war es zum ersten Mal nicht quälend'. Seinen Mitmenschen gegenüber lebte er uns die Forderung Schillers vor: Anderen Freiheit lassen, selbst Freiheit zeigen. Dies galt sowohl in der privaten Sphäre, als auch für ihn als Staatsbürger im Politischen."

Hans Kopfermann wurde in Hannover begraben, auf dem Neuen St. Nikolai Friedhof an der Strangriede, auf einem Stück Erde, das Herthas Großmutter Marie Lindemann, geb. Schneemann 1903 als Erbbegräbnis gekauft hatte. Ein etwa einen Meter hoher, grauer Naturstein trägt heute die beiden Inschriften:

Dr. Hans Kopfermann, Professor der Physik, 26.4.1895 - 28.1.1963 Dr. Hertha Kopfermann, geb. Schwertfeger, 15.11.1902 - 2.1. 1987

An der Rückseite des Steins schließt sich ein efeubewachsenes Grab an, das Inschriften auf zwei kleinen Platten aus poliertem schwarzem Marmor als Grabstätte von Hermine Diettrich, geb. Stockmann, 1824 - 1898, und Julie Diettrich, 1849 - 1929, ausweisen, vermutlich Mutter und Tochter. Das Sternsymbol auf den Platten läßt ahnen, warum so alte Gräber noch (oder wieder) erhalten sind, so daß die Erinnerung an Kopfermann und Schwertfeger und die Erinnerung an deutsche Geschichte in einander übergehen.

Dr. Hertha Kopfermann, Dr. Hans Kopfermann - eine Anrufung des akademischen Bürgerrechts für beide. Und zugleich Progamm seit Beginn ihrer Bekanntschaft? Zwei Menschen waren sich einmal auf gleicher Ebene begegnet und hatten ein gemeinsames Leben vor sich gesehen, in dem ihr wie ihm die eigene Sphäre, der intellektuelle 'Himmel' und der menschliche Horizont, jedem seine 'Persönlichkeit' zugedacht waren, und gerade daraus sollte beiden Stärke und Krisenfestigkeit erwachsen. Einer könnte der Garant der Entfaltung des anderen sein. Es scheint mir, daß der Entwurf, wenn er so oder so ähnlich beiden ursprünglich vor Augen stand, in der Lebenspraxis scheiterte. Aber mir scheint auch, daß er nicht ungültig wurde, seiner Anlage nach nicht ganz ungültig werden konnte. Als Utopie, an der sich die Realität immer weniger messen ließ, bestand er weiter. War das nicht letztlich zum Verzweifeln?

Nach fünfundzwanzig Jahren Familie, waren Hertha und Hans zum Schluß noch einmal drei Jahre zu zweit allein gewesen, wie in den mehr als zehn Jahren, bevor die Kinder kamen. Zu kurz, auch angesichts des 'Endspurts' für Hans im Amt, um sich umstellen zu können. In der zurückliegenden Zeit war die Hausarbeit vor allem ihr zugefallen. Aber Hans hatte sich immer beteiligt. Ihm oblag der Abwasch (Abtrocknen mochte er weniger) und als Hertha sich 1959 ihrer Augen halber in Höchenschwand im Sanatorium aufhielt, stand immer das Mittagessen auf dem Tisch, wenn Renate aus der Schule kam. Rückblickend entstand bei den Kindern der Eindruck, die Eltern seien Einladungen gefolgt, hätten jedoch eher selten selbst Gäste gehabt. Institutsmitglieder erlebten machmal Überraschungsbesuche am Sonntagmorgen. Ein- bis zweimal in der Woche wurde abends Musik gemacht. Die Partner waren über Jahre hin Hans Bucka, der Mathematiker Walther Habicht und am Cello Sohn Michael.

"Die klassische Kammermusik spielte dabei die Rolle eines Mediums, in dem man sich auf bemerkenswerte Weise selbst aktiv bewegen konnte, um so von daher, betont von daher, dann auch zu einer quasi authentischen Übersicht und zu entsprechend kompetentem Urteil, nämlich aus eigener Erfahrung gelangen zu können. Das in die 'klassische Kammermusik' gesetzte, hohe Zutrauen ermöglichte einerseits, Musikalität, Sinn für formales Niveau und für angemessenen Ausdruck aufzubringen und zu entwickeln, bewirkte andererseits eine Art Einseitigkeit. Symphonische Musik, Orchester, Oper, Gesang, Kirchenmusik, all das trat zurück. Der Besuch öffentlicher Aufführungen, in Konzert, Oper oder Kirche, kam zunehmend seltener vor. So auch gab es zunehmends keine Orientierung mehr an der Spielweise etwa neuerer, professioneller Ensembles, auch nicht an Schallplattenaufnahmen. Das war nicht eine Folge dessen, daß meinem Vater dafür die Zeit nicht ausgereicht hätte. Vielmehr spielte die Problematik von Interpretation und Historizität keine Rolle, war nicht bewußt. Die sich schließlich doch stellende, doch zu stellende Frage, wie es nach Beethoven in der Musik verbindlich, etwa im Sinne einer kanonischen Tradition weitergegangen sei, kam erst dadurch in den Blick, daß ich mit 22 vom Studium der Mathematik und Physik (wie bis dahin immer vorgehabt) jäh zur Musik, zunächst dem Studium des Faches Cello, und der Musikwissenschaft, überwechselte. Die Frage war offengeblieben, verbunden mit einer Orientierungsunsicherheit, die durch die kammermusikalische Vorliebe mitbedingt war."[111]

Michael Kopfermann hat auch beschrieben, wie sein Vater der "eigentlichen Moderne seiner Zeit in der Musik wie von ferne ansichtig geworden ist", nämlich (nachdem er zum ersten Mal 1950 durch Victor Weisskopf mit Arnold Schönbergs Musik in nähere Berührung gekommen war)

"...ungefähr 1960, als er durch meine Beschäftigung (zunächst nur anhand von Schallplattenaufnahmen) auf die Musik Weberns, z.B. die Orchesterstücke op.6 aufmerksam wurde. Ich glaube, mein Vater erschrak da über den Klang des Orchesters. Er frug, ob nicht eine ältere Art von Instrumentation als Alternative in Frage käme. Da er meine Mühe beim Erlernen von Klavierspielen, Partiturlesen und Partiturspiel sah, merkte, daß ich mir hart tat mit dem neuen Studium, wollte er nicht unseriös sein und nahm ein an sich unbedeutendes Handicap an der linken Hand zum Vorwand, um das eigene Musizieren aufzugeben. "[112]

Besser ließe sich kaum zum Ausdruck bringen, was die Haltung eines Liberal-Konservativen genannt werden könnte. Doch vor allem macht nachdenklich, daß Kopfermann das Bratschenspiel, das ihm soviel bedeutete, aufgab.

Mit dem Sohn teilte er die Leidenschaft für die Musik. Seine Tochter konnte berichten, daß ihr Vater mit ihr leidenschaftlich gern ins Kino ging. Man brauchte nur den Philosophenweg hinunter zu laufen und in die Brückenstraße einzubiegen. Um die Ecke befand sich ein Programmkino, die 'Kamera'. Hans Kopfermann habe sich mit ihr alles mögliche angesehen, auch 'Schnulzen', manche mit besonderem Vergnügen. Als Renate Kopfermann 1959 Abitur machte, begleitete sie der Vater zur Schule in Wieblingen und als sie die Prüfung glücklich überstanden hatte, konnte sie feststellen, daß er nur auf und abgegangen war und auf sie gewartet hatte, stundenlang.


[1] Eva und Helmut Friedburg hatten gerade eine neue Wohnung bezogen, was sie sicher nicht getan hätten, wenn Kopfermann Veränderungsabsichten geäußert hätte. Gespräch mit Eva und Helmut Friedburg, Sept. 96

[2]1953 wurden die Einschränkungen für die Forschung am Zyklotron aufgehoben, und das Institut von den Amerikanern freigegeben.

[3]Mitteilung des Kultursministeriums Stuttgart vom 10.4. 1953

[4] Den Akten der Quästur der Heidelberger Universität ist zu entnehmen, wie im Sommersemester 1955 die bescheidenen Hörgelder (DM 2500) verteilt wurden: für das Praktikum für Naturwissenschaftler erhielt Kopfermann 80% und Brix 20%, für das Großpraktikum Kopfermann und Friedburg je die Hälfte, die selbständigen Arbeiten wurden zu 70 % für Kopfermann und zu 30 % für Steudel verrechnet. (Quästur, Rep 27 600)

[5] Brief an Lotte Gmelin.

[6]Kopfermanns waren bereits da, als die Kollegen-Familien mit ihren Autos ankamen. Eine Anekdote hebt die Rolle hervor, die das Auto spielte. Der Wirt habe auf den Anblick der respektablen Karossen gleich mit einem Aufschlag auf die bis dahin sehr bescheidenen Preise reagiert.

[7] "Renate geht in ein Landerziehungsheim in Wieblingen, einem Vorort Heidelbergs in die Schule, eine Institution , die wirklich ganz prächtig ist und mit ihrer alten Schule nicht verglichen werden kann. Sie hat auch guten Musikunterricht, nette Freundinnen und viel Anregung jeder Art. Bis auf das Reiten ist auch ihrer eigenen Meinung nach hier alles besser. Mit Michael liegt es nicht ganz so einfach. Er ist zwar auch gern hier, hat sich schnell in alles eingefunden; aber er hatte doch schon wirklich fundierte und feste Freundschaften in Göttingen, vor allem die durch die Musik verbundenen".

[8] Brief vom 13. 10.53 Heidelberg, Albert Überlestr. 7. Privatarchiv Lotte Gmelin

[9] Oben zitierter Brief vom 27. März

[10] Phys. Bl. 9, 1953, 416

[11] Mit Peter Brix zusammen wurde 'heimlich' gemessen, um das Ergebnis Kopfermann zum 60. Geburtstag zum Geschenk zu machen. Kopfermann schien leicht pikiert (vielleicht wäre er gern, wie an allen spektroskopischen Arbeiten, auch an dieser Arbeit beteiligt gewesen, aber dann hätte sie schwerlich ein 'Geburtstagsgeschenk' sein können.)

[12]Vgl. H. Kopfermann, "Nuclear properties obtained from high resolution atomic spectroscopy", Proceedings of the Rydberg Centennial Conference on Atomic Spectroscopy (Lunds Universitets Arsskrift, N.F. Avd 2, Bd. 50, Nr 21), Lund, 1954

[13]"Das Erzählen ohne Vorwarnung bürgerte sich jedoch nicht ein (kam nur selten vor KS). Kopfermann ging vorher zu den Mitarbeitern und sagte: "Sie reden beim nächsten Mal, aber sagen Sie es nicht dem Brix, daß Sie das schon wissen." Peter Brix, "Erinnerungen...", a.a.O., S. 21

[14] Übers Jahr hatte Lotte Gmelin den Führerschein erworben. Kopfermann schrieb am 13.10. 55: "Wenn Sie wieder in Heidelberg sind, werden wir uns am Steuer ablösen müssen. Hoffentlich zanken wir uns dann nicht. Ich finde es übrigens sehr tüchtig, dass Sie fahren gelernt haben".

[15]E. Bagge und E. Brüche, Hg., Physikertagung Hamburg, Mosbach, Physik Verlag, 1955 S.53- 66

[16]Bothe war nicht in der Lage, nach Stockholm zu reisen. Deutsche Fassung seines Nobelvortrags Archiv MPG. Vgl. Peter Brix, "Hans Geiger, Ein Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft", Heidelberger Jahrbücher XXVII 1983, S.110

[17]Ähnlich wie Born kam auch Erwin Finlay-Freundlich im Ruhestand aus dem Exil in Schottland zurück und ließ sich in Wiesbaden nieder.

[18]Born schrieb zu seinen Bemühungen um die Aufklärung über die nuklearen Gefahren: "In England hätte eine solche Tätigkeit keinen Sinn gehabt. Das britische Volk ist politisch reif und braucht nicht Belehrungen von einem Zugewanderten. Die Deutschen aber haben durch zwei verlorene Kriege und die Untaten einer verbrecherischen Regierung ihre nationale Tradition zerbrochn. Hier gab es die Möglichkeit einer Einwirkung. Ich habe diese Arbeit als Pflicht angesehen, aber auch Freude daran gehabt. Ob sie allerdings Erfolg gehabt hat, erscheint mir heute (Ende 1965) mehr als zweifelhaft. Die Unbelehrbaren sind wieder im Aufstieg."Born-Einstein Briefwechsel a.a.O., S.269

[19]Vgl. Norman F. Ramsey, Nuclear Moments and Statistics, als Teil III von Bd.1 von Emilio Sègre, Experimental Nuclear Physics, NY, Wiley 1953

[20]Fritz Bopp, "H. Kopfermann: Kernmomente", Naturwissenschaftliche Rundschau 1959, S. 237

[21] Acta physica autriaca 11, 1958, S.278

[22]War Erich Schneider identisch mit dem Autor von Büchern wie Strahlen und Wellen, Berlin, Bücherfreunde, 1928; Entwicklungsgeschichte der naturwissenschaftlichen Weltanschauung (Rezensiert von H. Poltz im ersten Heft der ZS für die ges. Naturwiss., Kiel 1935. Poltz meinte zur Aussage Schneiders "... wagen wir zu behaupten, daß der Kampf der Weltanschauungen oft nur ein Kampf um den Gebrauch gewisser Worte ist", "der Leser aber fragt sich, ob das nun Ahnungslosigkeit oder politische Tendenz"); Von Röntgen zu Einstein, von Planck zu Heisenberg, Berlin, Weiss, o.J. 1955?

[23]"Es war ganz besonders Hans Kopfermann, der in der zweiten, neubearbeiteten Auflage seines Buches über Kernmomente im Jahre 1956 die Aufmerksamkeit der Atomphysiker auf die Doppelresonanzmethode lenkte, nicht nur in deutschen, sondern auch in angelsächsischen Kreisen, da diese Auflage dann auch 1958 in von E. E. Schneider vollbrachter Übersetzung erschien". Kastler hatte 1966 den Nobelpreis erhalten. Am 27. 2. 1967 schrieb der Herausgeber der Heidelberger Universitätszeitschrift, G. Hinz, an Kastler mit der Bitte um einen Beitrag über Kopfermann. Kastler kam der Bitte nach und sein Text erschien 1967 in der Ruperto Carola. Vgl. 7-seitiges Manuskript (deutsch) "In Memoriam Professor Hans Kopfermann", Bibliothek des Physikalischen Instituts der Ecole Normale, Fond Kastler, Schachtel 17

[24]Richard Becker, Theorie der Wärme, Berlin, Göttingen, Heidelberg, Springer, 1955. Ein Rezensent, Peter Urban in Graz, (Acta phys. Austriaca 11, 1958, S.107) bezeichnete 'das Beckersche Buch' als 'das beste seiner Art'.

[25]"Ein Höhepunkt, an den ich mich besonders erinnere, war Kopfermanns 60. Geburtstag am 26. April 1955. Zu der Festveranstaltung kamen viele hoch angesehene Gäste aus dem In- und Ausland (die Zu- und Absagekarten habe ich noch). Für uns Jüngere markierte dies Erlebnis die Wiedereinbindung des Heidelberger Physikalischen Instituts in die internationale Welt der Wissenschaft." Peter Brix, "Erinnerungen..." a.a.O., S.21

[26]Das Londoner Naval Office of Research bot seinerzeit vielen amerikanischen Wissenschaftlern eine Basis für ihre Europareisen, dort war zu erfahren, wer gerade in Europa und wo unterwegs war.

[27]Hier das vorab gedruckte Programm: "Die Universität, das Max-Planck-Institut für med. Forschung und die Akademie der Wissenschaften Heidelberg veranstalten anläßlich des 60. Geburtstages von Hans Kopfermann im großen Hörsaal des Physikalischen Institutes, Heidelberg, Philosophenweg 12, die folgenden Vorträge:

26.4.55, 17.15 Uhr: W. Walcher (Marburg). Eröffnung und Überreichung des Festheftes. / G. Placzek (Princeton) Kristalldynamik und Neutronenstreuung. / 27.4.55 10.15 und 15.15 Uhr: / A. Bohr (Kopenhagen). Über neuere Arbeiten aus dem Kopenhagener Institut für Theoretische Physik. / H.M. Foley (z..Zt. Oxford). Hyperfine spectra of diatomic molecules. / W.A. Fowler (z.Zt. Cambridge). Energy generation and element synthesis in stars. / D. Frisch (z. Zt. Oxford). Induced magnetic dipole transitions within protons and neutrons. / H. Halban (Oxford) Kernorientierung bei tiefen Temperaturen. / W. Paul (Bonn) Fokussierung polarer Moleküle. / N. Ramsey (z. Zt. Oxford). Thema noch nicht bekannt. / P. Scherrer (Zürich). Neuere Experimente über Richtunngskorrelationi und Supraleitung."

[28] Der Brief an Lotte Gmelin vom 15. 5. 1954 beginnt mit einem Dank und der Erinnerung an den zurückliegenden Konfirmationsbesuch:"Ich habe mich über Ihre Glückwünsche und das Buch ganz ausserordentlich gefreut und ich danke Ihnen sehr herzlich dafür. Ich hatte schon viel über den "Goerdeler" gehört, es aber noch nicht gelesen. Ich habe mich gleich daran gemacht und soweit es die Zeit erlaubte, mir zunächst die Kapitel herausgepickt, die mir am lohnensten erschienen. Es ist ein ungewöhnlich gut geschriebenes Buch, das ich viel in der Hand halten werde. / Mehr noch als das Buch haben mich Ihre Worte angesprochen. Je älter man wird - und bei mir lässt sich nun der "Senex" nicht mehr verheimlichen - desto mehr hält man zu den alten Freunden. Es tut mir so leid, dass Sie so ausgepumpt bei uns ankamen und dass die Zeit zu kurz war, Sie äusserlich und innerlich wieder in Schwung zu bringen. Immerhin war es deutlich zu sehen, wie Sie in den Tagen regenerierten. Seien Sie versichert, dass meine Frau und ich sehr viel Verständnis für Ihren Zustand hatten und dass es uns nur beunruhigte, nicht mehr tun zu können. Wenn Sie das nächste Mal kommen, müssen Sie sich etwas mehr Zeit lassen".

[29]Die Autoren hatten Thema und Ausführung ihrer Arbeit mit einiger Mühe vor Kopfermann, der gerade bei den optisch-interferometrischen Messungen immer dabei sein wollte, verborgen. Daß so etwas überhaupt möglich war, mag ihn leicht betroffen gemacht haben. Ausserdem hatte das 'Geschenk' natürlich zur Folge, daß er nicht Autor sein konnte, gerade bei diesem Fall von 'Volumeneffekt'. Eingeweiht war zumindest noch ein dritter: "Die Messungen wären ferner nicht möglich gewesen ohne die vorzüglichen Fabry-Perot-Verspiegellungen, für deren Herstellung wir uns bei Herrn cand phys. S. Penselin ganz besonders bedanken".

[30] H.G. Bennewitz, W. Paul und Ch. Schlier "Fokussierung polarer Moleküle", Christoph Schlier "Der Stark-Effekt des symmetrischen Kreiselmoleküls bei hohe Feldstärken" und Karlheinz Althoff mit seiner Göttinger Dissertation, einer Doppelresonanzmessung, "Hochfrequenzübergänge im angeregten 7 2P3/2 Zustand ds Cäsiumatoms und Bestimmung des Quadrupolmomentes des Caesium 133 Kernes"; W. Jawtusch, G. Schuster und R. Jaeckel, "Große Wirkungsquerschnitte bei Stößen zwischen neutralen Atomen".

[31]R Hofmann und W. Walcher, "Über Laufzeittrenner"; Siegfried Wagner, "Die Isotopieverschiebung im Cu-I-Spektrum".

[32]F. Sauter und H.O. Wüster, "Die Emission von Photoelektronen aus der K-Schale in Richtung der auslösenden Gamma-strahlung"

[33]Gerhard Miessner, "Photochemische Verfärbung in Alkalihalogenidkristallen bei hohen Temperaturen" (Eine Dissertation bei R.W. Pohl und H. Pick)

[34]G. Ehgartner, W. Piepenbrink und H. Maier-Leibnitz, zum Teil nach Messungen von K. Mayer, "Ein Wechsellichtmonochromator für Spektrallinien von ausgedehnten Lichtquellen"

[35]K. Krebs und H. Nelkowski, "Die Hfs der Resonanzlinien des Ytterbium II".

[36]H. Maecker, "Plasmaströmungen in Lichtbögen infolge eigenmagenetischer Kompression", Siemens Schuckert, Walter Humbach, "Eine Näherungsmethode zur Bestimmung des Abschirmungseffektes aus der Isotopieverschiebung von Spektrallinien", Forschungslabor der Siemenswerke

[37] P. Eberhardt, J. Geiss und F. G. Houtermans, "Isotopenverhältnisse von 'gewöhnlichem' Blei und ihre Deutung".

[38]Ebbe Rasmussen und Victor Middelboe, Hyperfeinstruktur und Kernmomente von Kr85 (Phys. Lab. der kgl. tierärztlichen und landwirtschaftlichen Hochschule); B. R. Mottelson and S. G. Nilsson, "On the magnetic moment and rotational spectrurm of Thulium" (Phys. Inst. der Universität)

[39]Es sei zwar nicht definitiv zu widerlegen, daß die kosmische Strahlung ein Relikt von der Entstehung der Welt wäre, aber diese Deutung sei doch sehr unwahrscheinlich.

[40]"Zum Übergangseffekt der Höhenstrahlneutronen in der Atmosphäre"

[41]Berthold Stech und J. Hans D. Jensen, "Die Kopplungskonstanten in der Theorie des Beta-Zerfalls", H. Koppe, "Theorie der halbquantisierten Systeme". Die Arbeit dürfte Kopfermann angesprochen haben, berührte sie doch die ihm nahe Frage der 'halbklassischen' Vorstellungen. 'Halbquantisiert' setzt voraus, daß man in einem System (Beispiel Kompaßnadel, Stabmagnet) die 'leichten' Koordinaten von den 'schweren' trennt und die Rückwirkung auf letztere vernachlässigt. Koppe schrieb: "Wir beginnen mit einem grundsätzlichen Einwand. In der Quantenmechanik ist die Meßbarkeit durch die Unschärferelation eingeschränkt, in der klassischen Mechanik nicht. Koppelt man ein quantenmechnisches und ein klassisches System in der oben angegebenen Weise aneinander, dann sollte man sich auf Widersprüche gefaßt machen".

[42]Karl Heinz Seeger, "Die verzögerte Elektronenemission von Metallen".

[43]Gerhard Fricke, "Ein universeller Detektor für Molekularstrahlen. (der Autor dankte cand phys. E.U. Schäfer und den Werkmeistern Rakebrand und Gegusch); Gerhard Fricke und Helmut Friedburg, "Ein Leitfähigkeitsdetektor zum Nachweis von Molekularstrahlen" (Jodstrahl, Cu2O-Schicht, die Arbeit war auf Anregung Pauls schon in Göttingen durchgeführt worden), Ulrich Meyer-Berkhout, "Bestimmung der elektrischen Quadrupolmomente der Kerne Rb85 und Rb87 durch Messung der Hochfrequenzübergänge im angeregten 6 2P3/2-Term des Rb-Aatoms", Eberhard Finckh und Andreas Steudel, "Isotopieverschiebung im Hafnium II-Spektrum", H. Krüger, "Intensitätsverhältnisse in den mit der Doppelresonanzmethode gemessenen Hochfrequenzspektren angeregter Atome", H. Bucka, "Eine Methode der Umbesetzung der Hyperfeinstrukturterme des Natrium-Grundzustandes" (durch dopplerverschobenes Licht in Wechselwirkung mit einem Natrium-atomstrahl).

[44]Band 144, 1956, Heft 1

[45]"Rotary International is an organisation of business and professional leaders united worldwide which provides humanitarian service, encourages high ethical standards in all vocations, and promotes international understanding and good will. There are more than 1.8 million Rotarians, in 27,640 clubs, in 154 countries and geographical regions" heißt es in Ian Bryants RIBI Rotary-Internetpage. 1905 von dem Rechtsanwalt Paul Percy Harris (1868-1947) in Chicago gegründet, seit 1922 'Rotary International'. 'Rotary', weil die Sitzungen ursprünglich reihum in den Geschäftsräumen der Mitglieder stattfanden (Vgl. The Columbia Encyclopedia 2te 1950). Der Honoratiorenverein hatte sich in der neueren deutschen Geschichte wohl nicht besonders ausgezeichnet. Peter Rassow (1889-1961), später Kölner Historiker, Leutnant im Weltkrieg, anschließend DDP-Mitglied und Lehrer an der Hochschule für Politik, war 1933 dem Stahlhelm beigetreten (um gleich wieder auszutreten, als die SA die Organisation übernahm), hatte sich mit seinen jüdischen Kollegen in Wroclaw demonstrativ solidarisiert, war 1934 dort Rotarier geworden und 1936 der Sekretär des Klubs. Im selben Jahr erklärte er aus Protest gegen den Auschluß jüdischer Mitglieder seinen Austritt (Vgl. Frank Golczewski, Kölner Universtitätslehrer und der Nationalsozialismus, Köln, Böhlau, 1988)

[46] Mitteilung von Peter Brix in Beantwortung meines Schreibens an den Heidelberger Rotary Club

[47]Erschienen in Journal de Physique et le Radium 18, 1956, S. 366 unter dem Titel: "La résonance quadripolaire nucléaire".

[48]. Pietsch litt an Hypertension infolge von Niereninsuffizienz. Die Freunde und Kollegen schildern ihn als besonders lebhaften, sprachgewandten, musikalischen Menschen. Seine Mutter war Ärztin in Timmendorfer Strand, der Vater leitete das Gmelin-Institut in Frankfurt (s.o., Atomkommission). Ulrich Meyer-Berkhout ist ein Klaviervortrag von Pietsch im Gedächtnis geblieben, weil ihm dabei aufging, welch große physische Anstrenung das aktive Musizieren bedeuten konnte. Er erinnerte sich auch, wie ihn der wagemutige Freund trotz Sturmwarnung zum Segeln in der Lübecker Bucht einlud, wie das Boot kenterte und die Hafenwache sie retten mußte. Pietsch war im Rahmen seiner Doktorarbeit mit Überlegungen 'Zur Optimierung einer Atomstrahlresonanzapparatur' beschäftigt. Gerhard Fricke sorgte für eine Publikation posthum. Vgl. a. Dieter v. Ehrenstein, Gerhard Fricke, Peter Pietsch, "Aufbau einer magnetischen Atomstrahlresonanzapparatur", Z. Phys. 156

[49] Vgl. Abdruck in Jost Lemmerich, Max Born und James Franck, Berlin 1982, S. 162

[50]Klaus Erich Pollmann, "Hochschulpolitik und Hochschulentwicklung nach 1945" in: Walter Kertz Hg., a.a.O., S.616

[51]Vgl. Heinz-Georg Marten, Der Niedersächstische Ministersturz. Protest und Widerstand der Georg-August-Universität Göttingen gegen den Kultusminister Schlüter im Jahre 1955. Leonard Schlüter (1921- 1981) war nach den Nazigesetzen kein 'Volksgenosse' gewesen, war aber dennoch Soldat geworden, wurde verwundet entlassen und war im Jurastudium an der Prüfung bei Smend gescheitert. Nach 1945 wurde er bis 1947 Leiter der Kriminalpolizei in Göttingen bis es zur Entlassung kam. Als geschätzter Mitarbeiter der Public Opinion Research Organisation der Engländer begann er in Wolfsburg rechtsradikale Reden zu halten. Er eröffnete zusammen mit seiner Frau Erika Schlüter (Mitgründerin des Plesse Verlags) einen Verlag für Schriften mit ultrarechtem Einschlag in Göttingen und machte im Lauf der Jahre in DRP und FDP eine Parteikarriere.

[52]Karl Heinz Lindenberger meinte auch, die Wideroe-Maschinen (s.o) der Firma Brown-Boveri seien von Anfang an die besseren gewesen. Gespräch, Berlin. Vgl. Rolf Wideroe (Baden, Schweiz), Teilchenbeschleuniger, VDI-Z. 99, 1957, S. 1743. In diesem Überblick über Betatronentwicklung und aktuellen Stand mit keineswegs engem Horizont, wird die Siemensentwicklung mit keinem Wort erwähnt. Zu dieser vgl. Erich Walter (geb. 1912, Mitarb. Siemens Reiniger) "Das Betatron in der Krebstherapie", Naturwissensch. Rundschau, 8, 1955. S.269

[53]"Kopfermann wollte ursprünglich Kernradien messen, durch elastische Elektronenstreuung. Darüber war die Entwicklung hinweggegangen. So konzentrierte sich die 'Schleudergruppe' die aus begeisterten Mitarbeitern und Studenten bestand, auf den Kernphotoeffekt, d.h. Kernreaktionen mit energiereicher Gammastrahlung." Peter Brix, "Erinnerungen..." a.a.O. S. 21

[54]Nach seiner Promotion hatte die Alternative Mainz zur Diskussion gestanden, wo Peter Jensen ein alte Van de Graaf - Maschine des ehemaligen KWI wieder in Betrieb nehmen wollte. Meyer Berkhout wurde im Mai 1956 zu einem Vortrag nach Kopenhagen eingeladen. Dort wurde im ein Oersted - Stipendium angeboten. Mit einem Zuschuß der DFG wurde das Stipendium auf das übliche Assistentengehalt aufgestockt. Anfang Juni ging er nach Kopenhagen.

[55]Meyer-Berkhouts Vorgänger in der Gruppe war Crtomir Zupancic. Er hatte Kopenhagen verlassen, um seinen Wehrdienst in Jugoslawien abzuleisten.

[56]"Ein ebenso bitterböser, wie berchtigter Brief" so Ulrich Meyer Berkhout im Gespräch, Hofkirchen/Donau (Juli 1997)

[57]Hans Kleinpoppen, Klaus Scheffler und Klaus Tittel folgten Hubert Krüger, Friedrich Gudden (aus dem II. Phys. Institut), Gerhard Fricke und Dieter Quitmann Peter Brix , Hajo Kuiper, Ekkehard Recknagel und Ulrich Schäfer Helmut Friedburg.

[58]W.I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Berlin, Dietz, 9te 1970, S. 261

[59]MPG-Archiv, Nachlass Laue, III 50 1096, 1950-1958 Laue-Kopfermann

[60]L. Infeld, "Einige Bemerkungen über die Relativitätstheorie", Ann. d. Physik 16, 1955

[61]Ann. d. Physik 17, 1955

[62] "Im August waren Michael in Griechenland (er ist erst Ende September ungeheuer angetan zurückgekommen), Renate in Loheland. Ich selbst musste die erste Septemberwoche bei der Münchener Physikertagung sein und so fuhren wir beide am 8.9. über Salzburg-Villach-Udine nach Grado, das unser Orthopäde sehr empfohlen hatte. Wir hatten ein sehr hübsches, nicht besonders teures Quartier in der "Villa Reale" und haben die Italiener, das Olivenöl, das Strandleben und das südliche Temperament ganz gut kennen gelernt. Für die Sandbäder wurde es bald nicht mehr heiss genug, dafür war das Meer herrlich warm und wir haben das alles inclusive nächtlicher italienischer Diskussionen und Gesänge unter unserem Fenster sehr genossen. Leider erklärten die Hotels und Pensionen am 23. September, dass sie nun mit der Saison aufhören wollten, obwohl eine Masse schweizer und deutsche Kurgäste noch gerne geblieben wären. So sind wir langsam über Gastein und München, wo wir jeweils noch ein paar Tage geblieben sind, nach Heidelberg zurückgefahren.

Nun geht das normale Leben weiter. Die Nerven sind aber ausgeruhter und in der Badewanne kann man an dem ausgesparten Muster der Badeanzüge noch etwas von der Erholung sehen."

[63]Auschnitt aus dem Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 18. 4. 1957 in Mitteilungen aus der MPG 1957, S.65, im Anschluß an den vollen Wortlaut der 'Erklärung von achtzehn Atomforschern', S.62

[64]Pugwash und Joseph Rotblat, der eigentliche Gründer und spätere Präsident der Konferenzen, wurden 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

[65]Vgl. Linus Pauling, Leben oder Tod im Atomzeitalter (Vorwort von Hans Thirring), Wien, Sensen, 1960 (am. Original No more war, NY, Dodd, Mead & Co, 1958

[66]In der Broschüre dieses Titels, erschienen 1957 im Verlag Staat und Gesellschaft, Köln schrieb Jordan, Albert Schweitzers Behauptung , jede Spur von Radioaktivität sei etwas Schädliches, sei grundfalsch:"Die berühmten Heilbäder überall in der Welt sind ja eben deswegen Heilbäder, weil sie radioaktive Quellen haben..." Auch: "Ein Hinweis Heisenbergs sollte endlich die verdiente Beachtung finden: Im Gegensatz zu so vielen anderen in der modernen Welt eingetretetenen großen Gefahren hat die Radioaktivität den großen Vorzug, daß sie überaus leicht und schnell zu erkennnen ist, und daß deshalb jede durch Unfall oder ungeeignete Betriebsanlage erzeugte Radioaktivität schnellstens ausgeschaltet werden kann." Niemand sähe das heute noch so einfach. Pascal Jordan sah das Göttinger Manifest im Zusammenhang des Wahlkampfs, aber: "Dieser schwere Schlag gegen die Bundesrepublik ist meiner Überzeugung nach nicht unter bewußter politischer Fernsteuerung geführt worden - er ist ein den Sowjets selber unerwartet gekommenes großes Geschenk". Die Erklärung läge in schlichter Unkenntnis der politischen Lage.

[67]Jürgen Treulieb, Der Landesverratsprozeß gegen Victor Agartz. Verlauf und Bedeutung in der innenpolitischen Situation der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges,Münster, SZD, 1982, S. 248

[68]Pirker zu Jürgen Treulieb im Interview 1979, zitiert nach Treulieb, a.a. O., S.248

[69]Kopfermann hatte unter dem 3.11.56 auch Max Laue zu einem Beitrag eingeladen, der jedoch absagte.

[70]R. Rompe, "Friedrich K. S. Möglich 1902-17.6.1957", Die Annalen, 7te Folge, Bd 1, S.1. Laue ging zur Beerdigung seines Schülers und berichtete Kopfermann, daß Wilhelm Piek einen Kranz niederlegen ließ, den 6 Männer tragen mußten.

[71]Helmut Gollwitzer erinnerte sich 1982 "an eine Diskussion in Bonn, bei der ich von Regierungsvertretern heftig getadelt wurde, weil ich den Ausdruck 'zwei deutsche Staaten' benützt hatte; nur der eine von ihnen, der westdeutsche, sei ein Staat, der andere, der ostdeutsche, nur die SBZ, eine Besatzungszone; jede andere Sprechweise sei eine Unterwerfung unter den Kommunismus". Vorwort zu Jürgen Treulieb, Der Landesverratsprozeß gegen Viktor Agartz, Münster, SDZ, 1982

[72]Korrespondenz Nachlass Max v. Laue, Archiv MPG

[73] Die Verleihung geschah in der ganz mit Publikum gefüllten Stadthalle und in seinem Festvortrag sprach Weizsäcker über 'Zweifache Quantisierung'.

[74]So wurde der Autor, damals Diplomand im I. Physikalischen Institut, für ein paar Jahre Mitglied der DPG

[75](1911-1969) geb. in Nürnberg, Promotion 1936 in München, 1937-1949 Assistent in Kiel, Habilitation 1940, Dozent, dann Mitarbeiter in Gatow als Ballistiker, 1947 apl. Prof. Kiel, 1950 o. Prof. Freiburg für theoretische Physik, vorübergehend auch in St. Louis tätig, im Laboratoire de recherches ballistiques. 1951 o. Prof Hannover, von Sept. 1965 bis zu seinem Tod Direktor der Abt. Wissenschaftsförderung bei UNESCO (D-2, Department of Advancement of Science). Vgl. Univ. Hannover, Festschrift zum 150 jährigen Bestehen Bd. 2 Stuttgart, Kohlhammer 1981.

[76]E.Brüche Hg., Physikertagung Heidelberg 1957, Mosbach, Physikverlag, 1957, S. 2

[77]Ebenda, S.19, 1C = 37x10 exp9 Becquerel; Die Bombenversuche wurden zwar nicht verzehnfacht, ihre Zahl stieg aber doch von etwa 100 vor Ende 1956 auf etwa 350 bis zum Stop, Ende 1962.

[78]Georg Picht, Die Bildungskatastrophe, Freiburg, Walter, 1964 wird in diesem Zusammenhang gerne zitiert

[79]Vgl. W. Hauser, "Walther Bothe und sein Wirken in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt", Mitt. der PTB 92, 345, 1982. Auch R.Fleischmann, "Walther Bothe gestorben", Phys. Blätter 13, 1957, S. 370

[80]MPG, Akten der IX. Hauptversammlung, Juli 1958

[81]Vgl. Burghard Weiss, Großforschung in Berlin, Frankfurt, Campus, 1994, dessen Darstellung ich hier folge.

[82](Kurzbiographie)

[83]Leo Szillard hatte 1956 von Hahn und Laue Erklärungen zu seiner Tätigkeit in Deutschland bis 1933 erbeten, um Entschädigungsansprüche geltend machen zu können.

[84]Burghard Weiss, a.a.O., S.205

[85] Unter dem 27.12. 57 hatte er an Walther Gerlach geschrieben: "Lieber Herr Gerlach! / In einem schwachen Augenblick haben Sie mir, dem unglücklichen Tagungsleiter des Teiles Physik der 100. Tagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärtzte, einen Vortrag über Radioaktivität der Luft und des Wassers zugesagt. Genaues Thema vorbehalten. / Die Tagung findet vom 29.9 bis 2.10. 1958 in Wiesbaden statt, Ihr Vortrag ist für den 30.9. oder 1.10. 58 vorgesehen. Bleiben Sie bei ihrem Wort? Es wird Zeit, das endgültige Programm festzulegen. Deshalb bitte ich Sie, mir umgehend zu schreiben, ob es dabei bleibt und wie das Thema formuliert werden soll. / Mit herzlichen Grüssen für 1958, / Ihr Hans Kopfermann". Gerlach muß abgelehnt haben, das endgültige Tagungsprogramm weist keinen Beitrag von ihm auf.

[86]Vgl Naturw. Rundschau, 11, 1958 s.243

[87]Eine solche Einladung nahm Siegfried Penselin 1960 wahr und arbeitete ein Jahr lang in der Molecular Beam Gruppe von William Cohen im Brookhaven National Laboratory.

[88]Leonard Goodman vermittelte Dieter Ehrenstein das Angebot, im Argonne National Lab zu arbeiten und die Ehrensteins blieben elf Jahre 'drüben', bevor ein Ruf nach Bremen sie zurückbrachte.

[89]Hannes Krehbiel, Diplomand und Doktorand der 'Schleudergruppe', ein vorzüglicher Fagottspieler, komponierte ein Potpourri aus bekannten Motiven für kleines Ochester, das sich hauptsächlich aus dem Institut rekrutieren ließ. Klaus Böckmann und Lorenz Krüger beeindruckten mit einer inszenierten Lektüre aus Kafkas 'Das Schloß', in der ein kritischer Unterton mitschwang, der von Kopfermann nicht ärgerlich, aber augenscheinlich mit Betroffenheit aufgenommen wurde.

[90]Im August 1959 hatte die Gesellschaft für Kernforschung mbH den Ausbau K II beschlossen. Das Land Baden-Württemberg und der Bund finanzierten Institute für heiße Chemie, Strahlenbiologie, Kernphysik, Festkörperphysik, Reaktorwerkstoffe, sowie den Ankauf eines Argonaut Forschungsreaktors.

[91]Im Unterschied zur Heidelberger Brookhaven Conferenz wurden in Karlsruhe die Konferenzbeiträge gesammelt und in einem Band zusammengefaßt.

[92]Die von 70 Teilnehmern bei einer Stimmenthaltung ohne Gegenstimmen verabschiedete 'Wiener Erklärung' findet sich abgedruckt in Linus Pauling, Leben oder Tod im Atomzeitalter, Wien, Sensen, 1960, S.170-177

[93]Phys. Bl. 18, 1962. S. 566 - auf diese Weise konnten die Leser der 'Hauspostille' der Physiker zum ersten Mal von der Existenz der VdW erfahren.

[94]Vgl. Dieter von Ehrenstein, "Gegen den Technokraten-Zeitgeist - Plutoniumindustrie und Reaktorsicherheit" in Antje Bultmann et al. Hg., Auf der Abschußliste. Wie kritische Wissenschaftler mundtot gemacht werden sollen, München, Knaur, 1997, S. 126: "Politikberatung war auch zentrales Anliegen der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), die 1959 gegründet worden war und in die ich kurz danach aufgenommen wurde. Die VDW war aus dem Kreise der 'Göttinger Achtzehn' entstanden und wurde bald nach ihrer Gründung die deutsche Pugwash-Gruppe." Vgl. auch: Carl Friedrich von Weizsäcker, "Persönliche Erinnerungen an die Entstehung und die Frühzeit der VDW" in Ulrich Albrecht, Ulrike Beisiegel, Rainer Braun und Werner Buckel, Der Griff nach dem atomaren Feuer, Frankfurt, 1996, S. 229-235.

[95]Diagnose 'Coronarinsuffizienz', ausgestellt durch den Internisten Hans Stollreiter. S. Akte Kopfermann, Universitätsarchiv Heidelberg

[96]Seine Tochter, die ihn dort besuchte, wunderte sich, daß er auf seine Weltkriegserlebnisse zu sprechen kam (Dr. Renate Hildebrandt im Gespräch, Stuttgart, 1997). Das war so noch nicht vorgekommen und mochte wohl damit zusammenhängen, daß er sich vorgenommen hatte, Memoiren zu schreiben (s.o).

[97]Archiv Universität Heidelberg, Generalia, Personalakten Bd1, Archiv pa 4604: 1953-62

[98]Burghard Weiss schreibt (a.a.O., S. 206, Fußnote 149) "Entscheidend dürfte (aber) die Krebserkrankung gewesen sein, die Szillard 1959 niederzwang" (von der er sich dann jedoch noch einmal erstaunlich erholen sollte).

[99]Mit Lindenberger verließen Heidelberg Eberhard Finckh, Hermann Fuchs, Ulrich Hegel, Dietrich Hilscher, Karl Hugo Maier, Dieter Renner, Carsten Salander, Jens Scheer

[100]Kopfermann hatte Meyer-Berkhout zugeraten und gemeint, das deutsche Kontingent in Genf müsse verstärkt werden.

[101]Mit ihm verließen Klaus Heilig und Gerhard Himmel Heidelberg

[102]Der Plan, ein III. Physikalisches Institut der TU einzurichten, war anfänglich im Zusammenhang mit der Gründung des Hahn-Meitner-Instituts aufgekommen, aber der Senator hatte abgelehnt und später hatten die Physiker darauf bestanden, ein eher bescheidenes Vorhaben auf dem Charlottenburger Gelände zu verwirklichen. Vgl. Burghard Weiss, a.a.O., S. 210. Gebhard Oppen und Joseph Ney folgten Bucka nach Berlin

[103]Physikertagung Wien 1961, Mosbach, Physikverlag 1962

[104]Scientific American 212, Mai 1965, S. 74

[105]Sitzungsber. der Heidelberger Akad. d. Wissensch., Math.-nat. Klasse, Jahrgang 1960, 3.Abh.

[106]Die drei letztgenannten hatten ihre akademischen Karrieren mit Diplom- und Doktorarbeiten im Heidelberger Institut begonnen.

[107]Lutz, ein alter Freund Kastlers in der französischen Botschaft, schrieb unter dem 14. März an Kastler und bestätigte die Reisekosten: Für 7 Professoren aus Paris je 126 DM, für einen Professor aus Caen 176 DM. Aufenthaltskosten für 8 Personen und 4,5 Tage zu 35 DM, insgesamt 160 DM pro Person. Gesamtkosten 2238 DM.

[108]Arthur Lösche schrieb ihm unter dem 14. 3. 62: "Sehr verehrter Herr Kastler, / leider habe ich erst jetzt durch das Bulletin Ampère von dem schreckliche Attentat vom 22. 11. 1961 erfahren. Wir verfolgen zwar täglich mit Sorge die Ereignisse in Ihrem Vaterland, die ganze Tragik einer derartigen Entwicklung kommt aber erst dann richtig zum Bewusstsein, wenn sie Menschen trifft, die wir persönlich achten und verehren. Wir möchten besonders Sie und Ihre Frau Gemahlin, aber auch die französischen Physiker und schließlich auch uns selbst beglückwünschen, daß dieserAnschlag ohne großen Schaden für Sie ablief; Wir möchten Ihnen aber auch versichern, daß wir ganz hinter Ihnen stehen und nochmals betonen, daß Ihre Worte, die sie zum Abschluß der Tagung hier in Leipzig sagten, ganz aus unserem Herzen gesprochen waren. Mögen die Vernunft und die Menschlichkeit bald überall siegen! / Mit herzlichen und kollegialen Grüßen / Ihr ergebener Artur Lösche".

[109]Vgl. dazu Cathryn Carson, 'New models for science in politics: Heisenberg in West Germany' HSPS 30/1, 2000

[110]Das entsprechende 'Witwengeld' war mit DM 1629,32 eher niedrig.

[111]Michael Kopfermann, "Aus der Erinnerung an meinen Vater, betreffend die Musik", Sommer 1998, vollständiger Text im Anhang.

[112]Ebenda

E: 1 2 3    I: 1 2 3 4 5 6 7 8 9   II: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   III: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A: 1    INH

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