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Dieser Text zu Helene Stöcker (1869-1943) entstand Anfang der achtziger Jahre und wurde 1984 in: Walter Gebhard, Friedrich Nietzsche. Strukturen der Negativität. Bayreuther Nietzsche-Kolloquium veröffentlicht. Eine veränderte und erweiterte Fassung erschien ebenfalls 1984 in den Feministischen Studien (Heft 1, 1984, Die Radikalen der alten Frauenbewegung) unter dem Titel: "Radikalisierung der Philosophie. Die Nietzsche-Rezeption und die sexualpolitische Publizistik Helene Stöckers). Eine Wiederveröffentlichung der Schriften dieser "Radikalen" gibt es bis heute nicht.

 

Heide Schlüpmann:

Nietzsche-Rezeption in der alten Frauenbewegung:

Die sexualpolitische Konzeption Helene Stöckers

Für Ute Gerhard

Friedrich Nietzsches Philosophie und die erste deutsche Frauenbewegung entstanden etwa gleichzeitig, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Von Nietzsche weiß man, daß er für emanzipierte Frauen, Madame de Stael und George Sand z.B., nur abfällige Bemerkungen übrig hatte, daß er den sozialen Bewegungen seiner Zeit, der Frauenbewegung ebenso wie der Arbeiterbewegung, mit Abwehr begegnete. Fast im Widerspruch zu seinem Werk steht sein persönlicher Umgang mit Malvida von Meysenbug und Lou Andreas-Salomé, keine ausgesprochenen Frauenrechtlerinnen, aber doch Persönlichkeiten, die ihr Leben außerhalb der traditioinellen Frauenrolle lebten. Auch fanden Nietzsches Schriften, trotz der antifeministischen Bemerkungen, die sie von Anfang an durch ziehen, unter den Vertreterinnen der Frauenbewegung faszinierte Leser. Hedwig Dohm schließt das Kapitel "Nietzsche" in ihrem Buch Die Antifeministen[1] mit einem hymnischen Bekenntnis zu dem Sprachkünstler: "Dreimal möchte ich Wehe rufen über Friedrich Nietzsche: ein purpurrotes Wehe, weil es mit Herzblut getränkt ist, denn ich liebe ihn, den erschütternden Dichter, den Künstler, der alle Künste in das bewegliche Material der Sprache hineinzubannen verstand."

Gut eine Generation jünger als Hedwig Dohm hat Helene Stöcker dieser Nietzsche-Begeisterung eine neue Wendung gegeben: seine Philosophie wird ihr zur theoretischen Grundlage eines emanzipatorischen Engagements, das 1905 zur Gründung des Bundes für Mutterschutz und Sexualreform und der Zeitschrift Die Neue Generation führte. Dieser Arbeit setzte 1933 der Faschismus in Deutschland ein Ende.

Helene Stöckers Verbindung von philosophischer Theorie und politischer Praxis ist beispielhaft. Mehr noch als Kunst und Wissenschaft ist die Philosophie eine männliche Domäne. Auf die heute unüberholte Frage nach einer produktiven Aneignung der philosophischen Tradition vom Standpunkt der Frauenbewegung gibt Helene Stöcker eine aus dem sozialrevolutionären Optimismus des 19. Jahrhunderts geborene Antwort: Die Rezeption der Philosophie Nietzsches geschieht als ,Umwertung` der männlichen Weltordnung, die ihrerseits der Anfang einer praktischen Veränderung, der Aufhebung des Herrschaftsverhältnisses zwischen den Geschlechtern ist.

 

I. Biographische Notiz

Helene Stöcker wird am 13.11 1869 in Elberfeld geboren. Als sie zum ersten Mal der Philosophie Nietzsches begegnet, lebt sie noch im Elternhaus. Über eine Elberfelder Buchhandlung sind ihr die wissenschaftlichen Neuerscheinungen kontinuierlich zugänglich. So bekommt sie 1891 August Bebels nach dem Verbot von 1877/79 gerade wieder freigegebenes Werk Die Frau und der Sozialismus in die Hände, im selben Jahr ein schmales Bändchen, das gleichermaßen ihr Interesse erregt: Ola Hansson, Nietzsche, seine Persönlichkeit und sein System[2]. Daraus trat ihr das Bild eines zukunftsweisenden Revolutionärs entgegen, eines "Sturmherds und Ausgangspunkts großer Wogen"[3]:

"Was Ola Hansson berichtete und zitierte, klang mir, der 21jährigen, seltsam, befremdlich, unerhört. Aber manche Gedanken und Klänge dessen, was Hansson in seinem Essay wiedergab, genügt doch, mir einen unauslöschlichen Eindruck zu geben. Ich fühlte, hier war etwas ganz Einmaliges, Außerordentliches, das danach verlangte, sich tiefer damit zu befassen, um in die neue Ideenwelt hineinzugelangen;"[4]

Ein Echo wird in ihr ausgelöst haben, was dort über Nietzsches Absage an die lebensverneinende Moral und Religion zu lesen war.

Im Januar 1892 geht sie nach Berlin, um endlich ihr Studium der Geisteswissenschaften aufzunehmen. Das ist zugleich der Anfang ihres aktiven Engagements in der Frauenbewegung und dem Studium der Philosophie Nietzsches. Ersteres besteht vor allem im Kampf um das Frauenstudium - nicht vor 1896 sollten sich die deutschen Universitäten den Frauen öffnen - , Helene Stöcker gehört zu den Mitbegründerinnen des Vereins studierender Frauen (1896/97); dazu kommt die pazifistische Öffentlichkeitsarbeit, 1892 tritt sie der Deutschen Friedensgesellschaft bei, einer Initiative Bertha von Suttners.

Den Beginn ihrer Nietzsche-Studien schildert Helene Stöcker so:

Am Morgen des 3. Januar 1892 war ich in Berlin eingetroffen. Ich war kaum zwei Wochen dort, als ich an den Anschlagsäulen einen Vortrag über Nietzsche von Dr. Fritz Kögel (damals noch Mitglied des Nietzsche-Archivs) sah. Er wurde von dem Magazin für Literatur veranstaltet. (...) Dr. Kögels Vortrag machte mir ebenfalls tiefen Eindruck. Er schloß mit dem berühmten Mitternachtslied aus dem Zarathustra. (...) Einige Wochen später erschien der Band aus der Gesamtausgabe Die fröhliche Wissenschaft und der vierte Teil des Zarathustra. Ich muß bekennen, daß mir der vierte Teil stets manche Mißtöne zu enthalten schien. (...) Die fröhliche Wissenschaft ist mir immer besonders lieb gewesen.[5]

Nach der Lektüre des ersten Bandes der Nietzsche-Biographie von Elisabeth Förster-Nietzsche, 1895, schreibt sie der Autorin einen Brief. Daraus ergibt sich ein erster Besuch in Naumburg im Januar 1896, dem weitere folgen. Sie lernt die Mitarbeiter des Archivs persönlich kennen - Fritz Kögel, Peter Gast, Ernst Horneffer u.a. - ohne sich in diesem Kreis zu integrieren. "In Fragen der Weltanschauung trennt mich ein Meer von Elisabeth Förster-Nietzsches Auffassung."[6] In den Kontroversen um das Nietzsche-Archiv hat Helene Stöcker jedoch bei aller Kritik einen dezidiert feministischen Standpunkt:

Bei der Nietzsche-Archiv Kritik der letzten Jahrzehnte konnte man sich häufig nicht des Verdachts erwehren, daß, vielleicht unbewußt, auch ein wenig Ärger die Feder führte, daß einem Menschen weiblichen Geschlechts das Recht zu Entscheidungen und Bestimmungen verliehen worden war, das nach alter Auffassung Vertretern des männlichen Geschlechts zugestanden hätte.[7]

Seit 1893 veröffentlicht sie Artikel zur ,Frauenfrage` in verschiedenen Zeitschriften, die implizit oder explizit immer auch von der Relevanz der Philosophie Nietzsches für ihren Emanzipationsbegriff sprechen. 1897 hält sie auf einer Veranstaltung des Vereins studierender Frauen einen Vortrag über "Friedrich Nietzsche und die Frauen", 1898 im Magazin für Literatur abgedruckt. 1897/98 hört sie Vorlesungen bei Kurt Breysig, Dozent für Universalgeschichte und Gesellschaftslehre. "Er zeichnete sich dadurch aus, daß er als einer der ersten Professoren es wagte, an einer deutschen Universität Vorlesungen über Friedrich Nietzsche zu halten" [8] Zudem vertrat er eine an Nietzsche orientierte Wissenschaftskritik. Der akademische Außenseiter war Mittelpunkt eines Kreises, der sich Freier Bund bauender Forscher nannte und zum Ziel hatte, "auf neue, erlebtere, menschlichere Weise Wissenschaft zu treiben."[9]

Wichtigste persönliche Erfahrung dieser Zeit ist die Begegnung mit Alexander Tille, der ihr Interesse an "Nietzsche, Sozialismus, deutscher Lyrik, Romantik" teilt. In kontroversen Diskussionen mit ihm hat sie die Richtung, die sie in der Nachfolge Nietzsches einschlug, festigen können:

Galt der Kampf von Dr. T. diesen von Darwin und Nietzsche besonders inspirierten Ideen vom Recht des Stärkeren, so kämpfte ich vielmehr um eine neue Wertsetzung, um neue Gefühle, für eine verfeinerte Lebensmoral. Für eine Einheit von ,Erotik und Altruismus`. [10]

Gleichzeitig hat sie mit ihm, was sie später theoretisch und praktisch im Kampf um die Sexualreform bearbeitet hat, am eigenen Leib erfahren: den gesellschaftlich erzwungenen Triebverzicht, die Trennung von Geist und Körper, die Schwierigkeit, Hingabe mit Unabhängigkeit zu vereinen, den Zwiespalt zwischen "Demut des sich Neigens vor einem geliebten Menschen" und der Überzeugung, daß "es in geistigen Dingen kein Nachgeben, keine Unterwerfung geben kann." [11]

Nach einem Studienaufenthalt in Glasgow geht sie nach Bern und promoviert 1902 bei Oskar Walzel mit einer Arbeit Zur Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts. Von Winckelmann bis Wackenroder.[12] Januar 1903 tritt sie in die Redaktion der Frauenrundschau (ehemals Dokumente der Frauen, hrsg. von Rosa Mayreder und Maria Lang) ein, in der sie mit ihren sexualreformerischen Ideen allerdings auf Widerstand stößt:

Mein Hinweis - und meine Zustimmung zu ihm - auf das soeben erschienene Werk von Edward Carpenter: Wenn die Menschen reif zur Liebe werden, erregte so starke Entrüstung unter den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, daß sie meine Entfernung aus der Redaktion erzwangen.[13]

In den Jahren 1903/4 geht sie auf Vortragsreise für den Verein Frauenbildung-Frauenstudium mit einem dreiteiligen Zyklus zu Nietzsche und veranstaltet eine ganze Vorlesungsreihe als Einführung in seine Philosophie an der Lessinghochschule in Berlin. 1906 erscheint eine Sammlung ihrer frühen Aufsätze unter dem Titel Die Liebe und die Frauen. Mit dem Verlag Die Kultur hat sie einen Vertrag über eine Buch Nietzsche und die Frauen abgeschlossen. Als 1906 endlich das Manuskript fertig ist, kann es nicht mehr erscheinen, weil der Verlag seine Tätigkeit einstellt. In ihrem Bericht "Zum vierten Mal in Rußland"[14] erinnert sie sich, welche Schwierigkeiten sie mit ,Nietzsche` auf ihrer ersten Rußlandreise hatte: 1904 will sie während eines längeren Aufenthaltes in Riga an dem Buch arbeiten; um ungefährdet über die russische Grenze zu kommen, näht sie die Manuskriptblätter in ihren Rock ein. Nietzsche war im zaristischen Rußland verboten.

Er nennt den Staat das ,kälteste aller kalten Ungeheuer` - eine Kritik, die ihn natürlich allein schon im zaristischen Rußland unmöglich machte.[15]

Als 1923 als eine der ersten die deutsche Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland gegründet wird, schließt Stöcker sich ihr an und bereist als Delegierte die Sowjetunion.

1905 gründet Helene Stöcker, wie schon erwähnt, zusammen mit anderen den Bund für Mutterschutz - ab 1913 eine internationale Vereinigung für "Mutterschutz und Sexualreform" - und wird Herausgeberin der Zeitschrift Die Neue Generation, die das Organ des Bundes ist (Jahrgänge 1905-1907 unter dem Titel Mutterschutz). Im Lauf der Zeit wird sie Mitglied verschiedenster pazifistischer Organisationen, u.a. gehört sie 1915 zu den Mitbegründerinnen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Neben ihrer publizistischen Tätigkeit schreibt sie auch einen Roman, Liebe, 1922 erschienen, dem sie den Nietzsche-Aphorismus "Nicht Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die hohen Menschen" voranstellt. - Die Bezugnahme auf Nietzsche durchzieht bis zuletzt ihre Schriften.

 

II. Die Verarbeitung Nietzsches in den frühen Schriften Helene Stöckers zur Frauenemanzipation

Aller Fortschritt der Menschheit vom Urmenschen bis zu Nietzsche soll allen zugute kommen. (...) Ich finde, der Mann muß unser Leben so gestalten wollen, daß er den Fluch, ein Weib zu sein, ohne allzu großes Entsetzen auch über sich selbst verhängt sehen könnte! [16]

Stöckers Nietzsche-Rezeption ist - fern aller Philologie oder Epigonen-Philosophie - die der Aneignung von Gedanken unter den emanzipatorischen Vorzeichen der eigenen Arbeit und Lebenspraxis. Im Rückblick hebt sie hervor, daß sie Nietzsche die Befreiung vom "Dogmatismus der Rechtgläubigkeit" verdanke, "dass er denen, die von seinem großen Reichtum leben, doch die innere Freiheit ihrer Entwicklung und ihres Wesens lässt."[17] "Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer Schüler bleibt", zitiert sie aus Zarathustra, Nietzsches Lehrerhaltung sei die des "dies ist mein Weg - wo ist der Eure - " [18] gewesen.

Lou Andreas-Salomé, die Helene Stöcker zu den wenigen wichtigen Gesprächspartnern ihres Lebens zählt, legt ihrer Darstellung Friedrich Nietzsche in seinen Werken[19] die von Nietzsche selber favorisierte These von den Philosophien als "Personal-Akten ihrer Urheber" zugrunde[20]. Ähnlich gelten Stöcker die Schriften des Philosophen weniger als Kompendium allgemeingültiger Aussagen, denn als Selbstmitteilung eines Individuums, mit dem sie sich mehr als mit jedem Lebenden versteht: "Keinem anderen Geist unter den Lebenden fühle ich mich so tief verbunden"[21]

Dem Willen der Zwanzigjährigen zum Aufbruch aus dem calvinistischen Elternhaus, aus der Enge traditionellen weiblichen Lebens, kam die radikale Haltung Nietzsches gegenüber Religion, Staat, Kultur und Moral entgegen. Sie verband sich ihr mit Erkenntnissen über die strukturelle Unterdrückung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft, wie sie von sozialistischer Seite (Bebel) formuliert wurden. - Im Kontext der Universität wiederum bot der akademische Außenseiter Nietzsche die Möglichkeit zur selbstbewußten Reflexion der eigenen Situation: Daß seine Philosophie einen Einbruch in die traditionellen Bildungs- und Wissenschaftsstrukturen darstellte, verband das Studium Nietzsches mit dem Kampf der Frauen um Eintritt in die Hochschulen. Seine Wissenschaftskritik war eine Handhabe, sich gegen herrschende Wissenschaftsstandards zu wehren. [22]

die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens...[23]

Das oppositionelle Potential der Philosophie Nietzsches trägt über die Auseinandersetzung mit den Bildung- und Forschungsinstitutionen hinaus. In Stöckers lebenslangem Kampf um die Emanzipation der Frau, nicht als Anpassung an die ,Männerwelt`, sondern als Veränderung bestehender Verhältnisse nach Maßgabe der weiblichen Lebensinteressen - in diesem Kampf ist Nietzsche das Gegenüber, an dem sie ihren eigenen Willen - im Unterschied zu und in Gemeinsamkeit mit dem des Mannes - reflektiert und bestätigt findet.

Dieser Reflexion ist Abgrenzung gegenüber frauenfeindlichen Passagen in Nietzsches Schriften und deren Widerlegung eher nebensächlich. [24] Die Aneignung seiner Philosophie nimmt keinen ideologiekritischen Weg, verliert sich nicht in die Analyse der Verzerrung von Erkenntnissen aufgrund männlicher Herrschaftsperspektive. Wie Stöcker in ihren frühen Aufsätzen Teile der Philosophie Nietzsches aufnimmt, zeugt eher von einem Selbstbewußtsein, als hätte dieses so brüchige, widersprüchliche, exzentrisch-exzessive Werk auf das hinzutretende Moment weiblicher Perspektive gewartet, damit alles sich klärt und ins Rechte rückt: Die Geste der Macht zerfällt, die Analyse hebt sich im Entwurf der Zukunft auf, statt in Nihilismus überzugehen, die Philosophie entäußert sich zum Eingriff in die Lebenspraxis.

Stöckers Denken in der Nachfolge Nietzsches ist einer sozialdarwinistischen und ,sozialaristokratischen` Interpertation dieses Philosphen diametral entgegengesetzt.[25] Nicht mit Darwins Theorie des ,Kampfes ums Dasein` verbindet sich ihr die Philosophie Nietzsches, sondern mit der Ethik ,gegenseitiger Hilfe`[26]. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs tritt sie nationalistisch-militaristischen Interpretationen entgegen, Vorläufern der Vereinnahmung Nietzsches durch den Faschismus, und zitiert ihn dagegen als Antimilitaristen, als Kritiker der ,Reichspolitik`. In ihrem Tagebuch notiert sie am 11. November 1914:

Das Gespräch kam auf Philosophie, Spinoza, Tolstoi, Nietzsche, Christentum. Dr. F. war sehr erstaunt, wie nahe Nietzsches Kulturbegriff dem Spinozas ist. ,Krieg` ist - Kampf, Wettbewerb, hingebendes, aufopferndes Ringen um geistige Ziele, und - nicht - Töten, Vernichten, Verstümmeln, Zerstören.[27]

Als Zentrum der Machtfrage gilt Stöcker das Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern[28]:

Klarer zeigt sich doch vielleicht nirgends die ganze Brutalität menschlicher Zustände als auf sexuellem Gebiet.[29]

"Nietzsches Frauenfeindschaft" entzieht sie, indem sie sie thematisiert, die Macht - vor allem über die emanzipatorischen Ansätze seiner eigenen Philosophie. Der Aufsatz dieses Titels von 1901 ist weniger gegen Nietzsche selber gerichtet, als dagegen, daß ein monolithisches Bild vom Frauenfeind der Frauenbewegung den Zugang zu dieser Philosophie versperrt.

Wer Ohren hat zu hören, höre die Selbstironie in Zarathustras Tanzlied - in diesem Sinne ist es eingangs zitiert:

Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu: Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du weißt ja: Lärm mordet die Gedanken, - und eben kommen mir so zärtliche Gedanken.[30]

Eine "bittere Feindseligkeit gegen die Frauen" ist - vor allem in den späten Schriften (ab 1882) - nicht zu leugnen, ihr gegenüber stehen jedoch (eher symptomatische) Träume von der vollkommen Frau[31] und provozierende Bemerkungen zur Deformation der Weiblichkeit durch Unterdrückung[32]. Schließlich

hat auch dieser subjektivste aller Philosophen so ernste wundervolle Worte über Liebe und Ehe gesprochen, daß wir froh sein dürften, wenn alle Männer solche ,Frauenfeinde` wären.[33]

Bleibt aber doch ein blinder Fleck in Nietzsches intellektuellem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht, so ist dies die Leerstelle, an der die Frauen ihren eigenen Kopf einsetzen müssen:

Freilich hat Nietzsche die Frauen hier nur in ihrer Beziehung zum Mann und Kind gefaßt; er hat uns überlassen, selbst die Lücke auszufüllen, die er ließ. Mag das Glück der Frau, insofern sie Weib ist, auch heißen: ,Er will!` insofern sie Persönlichkeit ist, heißt es auch für sie: ,Ich will!`[34]

In dieser Philosophie ist nicht die Anerkennung der Frau als freier Persönlichkeit geleistet - das ist auch von dem Philosophen nicht zu erwarten - ; aber in ihr ist ein Begriff des souveränen Individuums gegeben, ein Begriff von Freiheit, "Selbstverantwortlichkeit", "Selbstbestimmung", von der "Schöpferkraft des menschlichen Willens und Bewußtseins", auf den es für die ,moderne` Frau ankommt:

Sie weiß jetzt, daß jeder, der frei werden will, es nur durch sich selber werden kann![35]

Die Einsicht, daß die Frauen in der Realisierung ihres Rechts auf Freiheit auf sich allein angewiesen sind, kann Stöcker ebenso mit Nietzsche formulieren, wie die Erkenntnis, daß zur Realisierung ihres ,Rechts auf Liebe` der emanzipierten Frau der emanzipierte Mann fehlt.[36] "Die Männerbewegung" und "Zur Emanzipation des Mannes" lauten die Titel von zwei Aufsätzen Stöckers aus den Jahren 1897 und 1904. In ersterem heißt es:

,Es zahlt sich teuer, zur Macht zu kommen, die Macht verdummt` sagt Nietzsche. Ach, sie verdummt nicht nur, sie verroht auch - und deshalb müssen vor allem die Männer besser erzogen werden - das ist der Kern der ,Frauenfrage`, so paradox das klingt.[37]

Durch den herrischen Gestus, die frauenfeindliche Attitüde hindurch, nimmt Stöcker die Proklamation eines befreienden Individualismus wahr. Ähnlich existieren in ihrer Rezeption die destruktiven, negatorischen Tendenzen der Philosophie Nietzsches nur als Voraussetzung, Momente des neues Lebensentwurfs, der dem freien Geist erst zu seinem Glück verhilft.

Aber vor allem müssen wir ihm dafür dankbar sein, daß er die alte asketische Moral der Kirchenväter, die in der Liebe der Geschlechter zueinander etwas Sündhaftes und im Weibe etwas Niedriges, Unreines erblickte, daß er diese lebensverneinende Moral durch seine stolze, lebensbejahende ersetzte, die Menschen dadurch vom bösen Gewissen befreit und ihre Liebe geheiligt hat.[38]

Nietzsches ,Umwertung aller Werte` wird in Stöckers Schriften zur praktischen Philosophie eines Emanzipationsprozesses, der von der prekären Freiheit des Individuums zur Realisierung seines Lebens (mit anderen) und - zu seinem Glück führt. Im Zentrum dieses Prozesses und damit im Zentrum der Umwertung steht die Liebe; das macht die Frau zum vornehmlichen Subjekt der Veränderung.

Die Liebesfähigkeit wird traditionell den Frauen zugeschrieben und auch von ihnen reklamiert.[39] Stöcker selber bricht jedoch mit der Vorstellung einer ,natürlichen` Veranlagung, stellt dem entgegen die Behauptung einer in jahrhundertelanger Unterdrückung erworbenen Stärke:

Freilich, wir haben unseren Stolz: wir erlauben niemandem zu sagen, daß diese Zeit der Fesselung ganz für uns verloren gewesen wäre. Alle die Kräfte, die sich nicht nach außen entladen durften, haben sich nach innen gewendet: sicherlich hätten wir nie soviel ,Seele`, soviel Gewalt und Konzentration der Empfindung (...) ohne diese schwere Zeit des Gebundenseins, des Eingeschränktseins, der tausendfachen Askese.[40]

Als Befreiung weiblicher Qualität aus ihrer durch Unterdrückung verzerrten Gestalt realisiert sich die Liebesfähigkeit folglich nur über die Aufhebung des Herrschaftsverhältnisses zwischen den Geschlechtern. Anstelle der Unterdrückung von Sexualität soll der selbstverantwortliche Umgang der Individuen mit ihr treten.

Nietzsches Bruch mit der asketischen Moral eröffnet die Perspektive für eine Aneignung der von der patriarchalen Gesellschaft verwalteten Sinne. Ebensowenig aber wie von ihm das weibliche Subjekt als freie Person schon anerkannt ist, ebensowenig ist in seinem Angriff auf die lebensverneinende Kultur die Aufhebung des Machtverhältnisses zwischen Mann und Frau schon mitbegriffen. Erst vom Standpunkt einer Frau entfaltet die ,Umwertungslehre` diese revolutionäre Bedeutung.

Alle Werturteile sind bisher im Verlauf der Weltgeschichte so ausschließlich vom Manne geprägt worden, alles Geschehen ist so durchaus von seinem Gesichtspunkt aus geregelt gewesen, daß er jede ,Umwertung`, die die Frau von ihrem Standpunkt aus vornimmt, zunächst als einen unerhörten Eingriff in seine Rechte empfindet. Bis er merkt, daß die erstrebten Umwälzungen doch auch ihm zugute kommen.[41]

Der Aufsatz "Unsere Umwertung der Werte" aus dem Jahre 1897, den Stöcker an den Anfang ihres Sammelbandes Die Liebe und die Frauen stellt, signalisiert schon im Titel die Wiederaufnahme Nietzsches aus feministischer Perspektive, die sich selbstbewußt in den ersten Sätzen artikuliert:

Darüber sind wir uns schon lange klar: es bedeutet heute fast einen Reiz mehr, Frau zu sein, als Mann.[42]

Dieser Reiz kann aber erst Dank einer intellektuellen Einsicht genossen werden, die sich aus Nietzsches Metaphysikkritik herleitet:

Damit, daß ,Gott` die ,absolute Wahrheit`, das ,Absolute` überhaupt fiel: damit fiel auch die absolute Überlegenheit des Mannes.[43]

Die Autorin weiß sehr wohl, daß erst sie diese letzte Konsequenz aus der Kritik an der Gottesvorstellung zieht, indem sie diese Vorstellung als Projektion männlicher Macht beim Namen nennt. Nicht ohne Ironie variiert sie den Philosophen:

Denn das ist uns klar geworden: wäre der Mann etwas a b s o l u t Höheres, wie hielten wir's aus, n i c h t Mann zu sein: folglich ist der Mann nichts a b s o l u t Höheres! - Diesen Nietzschen Götterschluß zogen auch wir.[44]

Wie Nietzsche bejahend den Zusammenbruch der patriarchalischen Religion und deren Reflex in der abendländischen Metaphysik darstellt, sieht Stöcker darin Symptome einer Erschütterung patriarchaler Gesellschaft, Anzeichen einer Selbstaufhebung der Macht. Perspektiven, die dieser Philosoph als solche neugewonnener Freiheit entwirft, bedürfen nur einer leichten Verschiebung vom männlichen zum weiblichen Individuum, um eigene emanzipatorische Interessen zu formulieren.

Nein, nein, nicht Mann sein wollen, oder wie ein Mann sein wollen, oder mit ihm verwechselt werden können: was sollte uns d a s helfen! Unser Gewissen spricht jetzt: ,Werde die d u bist!`[45]

Der Aufsatz "Unsere Umwertung der Werte" läßt eine differenziertere Position als "Nietzsches Frauenfeindschaft" erkennen: es geht nicht nur darum, "Lücken" auszufüllen, selber zu d e n k e n, dort, wo Nietzsche es an Anerkennung der Person der Frau hat fehlen lassen, sondern es geht darüber hinaus darum, seine Thesen zu reformulieren, eine eigene S p r a c h e zu finden. Die Rede von ,Werde die du bist` anstelle von ,Werde der du bist` drückt mehr aus als die Forderung nach abstrakter Gleichberechtigung.

,Werde, die du bist!` (...) d a s ist die Befreiung vom Banne der asketischen Moral vergangener oder vergehender Kulturen und Traditionen, das ist auch die Befreiung von der männlichen Weltanschauung, die wir widerstandslos aufgenommen haben.[46]

Die feministische Lesart Nietzsches geht aus von dem analytisch-materialistischen Begriff des Individuums: auf seinem Grunde findet sich nicht das allgemein Menschliche, das idealistische Absolute, das sich lediglich in der Erscheinung nach Männlich und Weiblich unterscheidet, sondern - ,Menschlich-Allzumenschliches` - ein komplexes Triebwesen mit Charakterstrukturen, an denen äussere Lebensverhältnisse gebildet haben. Die Wendung vom Jenseitsglauben zu Diesseitshoffnung, von Lebensverneinung zu Lebensbejahung, von Askese zu Sinnlichkeit, von Selbstlosigkeit zu Selbstliebe, Stolz und ,weitsichtigem Egoismus`, wie sie Zarathustra verkündet, bedeutet für die Frau eine doppelte Befreiung, da sie doppelt unterdrückt ist -

Denn wir, die wir auf d i e s e r Erde unser Leben wollen, können nun nicht mehr hoffen, in einem künftigen Leben die Ausgleichung für die diesseitige Benachteiligung zu erhalten.[47]

Die Forderung des ,Werde die du bist` treibt die Frau aus ihrer traditionellen Lebensform, sie demontiert das Ichideal, das auf Triebunterdrückung beruht und dessen Attribute Bescheidenheit, Keuschheit, Häuslichkeit u.ä. sind, sie gibt dem unterdrückten Verlangen das gute Gewissen und damit die Sprache zurück. Für Stöckers sexualpolitischen Kampf ist zentral der ,Immoralist`, der "tatsächlich der leidenschaftlichste Moralist unseres Zeitalters gewesen"[48] ist. In der radikal antiasketischen Haltung dieser Philosophie und - grundlegender noch - in der Aufhebung des Sprachtabus über der Sexualität, sieht sie den Ansatz zur Emanzipation.

Liebe beginnt mit der Selbstliebe. Stöcker greift Nietzsches Kritik der Selbstlosigkeit auf, die Liebe zu sich selbst ist die erste Voraussetzung für die wirkliche Liebe zum Anderen. [49] Diese ,Umwertung` des Philosophen entfaltet vom Standpunkt der Frau aus sich zur Kritik männlicher - auf Besitzanspruch gegründeter - Liebesvorstellungen: Angesichts des starken weiblichen Selbst

muß (...) der Mann lernen, daß ein täppisch-bequemes ,Habenwollen` der Frau, ohne nach den in ihr liegenden Wachstumsbedingungen zu fragen, so ziemlich das geradeste G e g e n t e i l dessen ist, was man ,Liebe` nennen dürfte.[50]

Welchen Eingriff die ethische Bejahung der Selbstliebe aber im Kontext der traditionellen Moral darstellt, wie sie f ü r die Frauen aber nicht v o n ihnen, geschaffen wurde, kommt klar in Stöckers Urteil zum Ausdruck, das "wahllose Aufgabe des inneren Selbst viel verhängnisvoller ist, als die verachtete Preisgabe des Körpers".[51] Eine für Stöckers sexualreformerisches Konzept Neuer Ethik signifikante Äußerung - kein Wunder, daß dieses bei der konservativen Frauenbewegung auf heftigsten Widerstand stieß.

Stöcker stellt die kritisch-analytischen Teile der Philosophie Nietzsches, die sich auf die traditionelle, im Kontext christlicher Weltanschauung gebildete Moral beziehen, in den Horizont dessen, was bei Nietzsche ,Lebenskunst` genannt ist, unter den Vorsatz, das Leben so zu gestalten, "daß es wert wäre ewig gelebt zu werden".[52] Die Basis für diese ,positive` Wendung ist zwar in Nietzsches Rehabilitierung der Sinnlichkeit und Sexualität vorgegeben, aber erst vom Standpunkt der Frauenbewegung aus wird die ,Umwertung` der Sinnlichkeit zur Grundlage einer Neuen Ethik.

Wennn man den Dingen mit ,gutem Gewissen` gegenübersteht, dann heißt es nicht mehr: hier brutale ,Herrenmoral`, die die Prostitution nur ,assanieren` will zur Befriedigung der legalen ,Bedürfnisse des Mannes` - dort schwächliche ,Sklavenmoral`, ,Frauenmoral`, die nicht den Mut zu sich selber, zu eigenen Empfindungen und Aussprüchen hat.[53]

Die Rehabilitierung der Sexualität ist für die Frau ungleich brisanter als für den Mann, dem das Sich-Ausleben aufgrund bürgerlicher Doppelmoral immer schon möglich war. Das Recht auf Sexualität impliziert erst, wenn es von der Frau vertreten wird, notwendig die Aufhebung der Doppelmoral, der Anspruch schwankt nicht mehr zwischen dem Entwurf neuer Lebenspraxis, in der Geist und Sinnlichkeit sich verbinden, und Legitimation alten Herrenrechts.

Daß die Frau sich als Geschlechtswesen beim Namen nennt, ist genauso notwendig wie, daß sie sich ihrer als unabhängige Person, als eines ,freien Geistes` bewußt ist. Provokant fragt Stöcker, auch an die Adresse der Frauenbewegung gerichtet:

Ist es, weil das Weib bisher überhaupt nicht denken durfte, daß es nun auch nicht über sich als Geschlechtswesen zu denken wagt?[54]

Aber vor allen Dingen gilt ihre Polemik der männlichen Weltanschauung, die das sexuelle Verlangen der Frau auf den Kinderwunsch reduzieren möchte:

Aber wie dann M ä n n e r e s w a g e n können, der Frau aus dieser mütterlichen Sehnsucht einen Strick zu drehen, ihr gewissermaßen die Sinne einfach weg zu eskamotieren und sie als eine physisch Kastrierte hinzustellen - das zu begreifen, geht über unser Verständnis hinaus.[55]

Nietzsches Individualismus, "daß jeder, der frei sein will, es nur durch sich selbst werden kann", schreibt Stöcker der Frauenbewegung auf's Banner. ,Unsere Umwertung der Werte` markiert den Punkt, an dem diese Bewegung nicht mehr nur selbstreflexiv auf die Befreiung des weiblichen Geschlechts bezogen bleibt, sondern der Entwurf der Emanzipation den Eingriff in die bürgerliche Kultur und Gesellschaft impliziert: Stöcker lehnt in Nietzsches Denken Ansätze der Rückkehr zur Metaphysik ab, wie sie sie zum Beispiel in der Lehre von der Ewigen Wiederkehr wahrnimmt. Dagegen radikalisiert sie den Versuch, herauszukommen aus einer Philosophie, die zur universitären Disziplin verkommt, den Bogen von der Theorie zur Praxis zu schlagen. Nietzsches Begriff von der Macht ethischer Bewertung ist dafür die Grundlage.

Nun wissen wir, daß wir, wenn wir unser Urteil über die Dinge umändern, umwerten, wir damit auch die Dinge ändern.[56]

Die (Sprach-)Macht der ethischen Bewertung konstitutiert den Zusammenhang von Theorie und Praxis. Auf diese Theorie hin sind auch andere Momente der Philosophie Nietzsches angelegt: so der Begriff vom Gewordensein aller Dinge, ihrer Veränderlichkeit. Vor allem aber sind es seine Vorstellungen einer Neuen Menschheit, einer Höherentwicklung der Menschheit, seine Bezugnahme auf kommende Generationen, die Stöcker als Vermittlung zwischen den Ansätzen einer Neuen Ethik und den Lebensinteressen der Männer benutzt.

Wie sollten wir je zu dem ,Übermenschen` gelangen, wenn die Frauen, deren Sehnsucht sein soll, den Übermenschen zu gebären, alle inferiore Geschöpfe wären, die aus Selbsterhaltungstrieb zur ,Sklavenmoral` greifen müßten?[57]

Zarathustras "Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf"[58] setzt Stöcker im Kampf des Mutterschutzbundes um eine Ablösung der Mutterschaft von physischer Reproduktion der Gattung, Produktion von ,Kanonenfutter`, ein. Dieser Kampf richtet sich auch gegen den § 218: Die Frau muß über ihren Kinderwunsch selber bestimmen können. Die Forderung kann sie auch mit dem "Verantwortungsbewußtsein der kommenden Generation gegenüber" legitimieren. Die Rede von der ,kommenden Generation` wird jedoch nicht nur pragmatisch rezipiert, sondern auch als Zukunftsperspektive über das eigene Leben hinaus, ohne die aller Wille zur Veränderung verzweifeln müßte:

An meinen Kindern will ich es gut machen, daß ich meiner Väter Kind bin: und an aller Zukunft - d i e s e Gegenwart! (Zarathustra)[59]

Ausgehend von Nietzsches Individualismuskonzept gelangt Stöcker über die Formulierung eines antiasketischen Entwurfs neuer Verbindung von geistiger und ökonomischer Unabhängigkeit mit sinnlicher, sexueller Freiheit zur Gründung einer sozialen Bewegung, an der Frauen und Männer beteiligt sind - des Bundes für Mutterschutz [60], dessen Hauptaufgabe in "praktisch-sozialer Tätigkeit" und "Aufklärung über die sexuellen Probleme" besteht, von der sie sich eine Reform der sexuellen Ethik erhofft.[61] Die Konzentration der Bewegung auf den Bereich der Sexualität erklärt sich schon aus der Verbindung weiblicher Emanzipation mit Kritik bürgerlicher Doppelmoral. Stöcker begreift aber in der Sexualreform noch genauer die Möglichkeit der Aufhebung gesellschaftlicher Herrschaft. Der Ansatzpunkt liegt in der zur sexuellen Emanzipation der Frau hinzugehörenden Emanzipation der Mütterlichkeit. Die gesellschaftliche Machtausübung der Männer über die Frauen läuft über die Kontrolle der Gebärfähigkeit.[62] Im Kontext der § 218-Debatte formuliert Stöcker 1912:

Ein Geschlecht (von Frauen), das einmal erkannt hat, daß in der Mutterschaft (...) die tiefsten Wurzeln seiner Sklaverei und seiner Freiheit liegen, wird nicht ruhen können, bis es sich die Freiheit, Unabhängigkeit und Anerkennung errungen hat.[63]

Emanzipation ist erst gelungen, wenn die Herrschaft über die sexuelle Produktivkraft der Frauen aufgehoben ist.

 


III. Helene Stöckers sexualpolitischer Ansatz im Kontext der zeitgenössischen Frauenbewegung

Die deutsche Frauenbewegung begann im Zusammenhang mit der sozialen und demokratischen Bewegung um die Revolution von 1848, als sich Frauen zur Organisation ihrer Interessen zusammenschlossen und politische Rechte forderten. "Denn schon bei den ersten Ansätzen zu einer demokratischen Verfassung für ein geeinigtes Deutschland, bei der Verabschiedung der nie rechtskräftigen Reichsverfassung und eines Reichwahlgesetzes durch die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mußten die Frauen feststellen, daß sie ,vergessen` wurden, daß da, wo die Abgeordneten vom ,Volk` sprachen, die Frauen nicht mitzählten (Frauen-Zeitung 1849, Nr. 1)."[64] Diesen Anfängen eines Kampfes um Gleichberechtigung, um die Bürgerrechte der Frau, wurde nach dem Scheitern der Revolution nach 1850 mit scharfer Repression begegnet. Die Vereinsgesetze, in den meisten Bundesstaaten erlassen und in Preußen bis 1908 gültig, verboten im Grunde jede politische Betätigung von Frauen und hatten auf die Dauer eine faktische Entpolitisierung der Frauenvereine zur Folge.

Der 1865 in Leipzig gegründete Allgemeine deutsche Frauenverein befaßt sich vor allem mit dem Recht der (bürgerlichen) Frauen auf Arbeit und Bildung, auch "höhere wissenschaftliche Bildung". Er hat ein Bild der Frauenbewegung geprägt, das Stöcker auch 1903 noch in den Köpfen einiger wirksam sieht, "welche die Frauenbewegung bestenfalls immer noch nur als Versorgungsanstalt für ledig gebliebene höhere Töchter ansehen". [65] In den 90er Jahren, der Zeit, in der Helene Stöcker in die Frauenbewegung eintritt, gibt es in Deutschland unterschiedliche Ansätze einer (Re-)Aktivierung der Frauenpolitik. Diese führen zu einer Spaltung in die proletarische oder sozialdemokratische Frauenbewegung (Clara Zetkin tritt 1896 in der Parteivorstand), die sogenannte gemäßigte oder bürgerliche Richtung (seit 1894 im Bund deutscher Frauenvereine repräsentiert) und den ,linken` Flügel radikaler Feministinnen (Minna Cauer, Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann). Helene Stöcker gehörte zu den Radikalen, 1903 stellt sie im Verband der fortschrittlichen Frauenvereine zusammen mit Maria Lischnewska - gleich ihr ein Mitglied des Vorstandes - den Antrag, eine besondere "Komission zum Studium der Liebe, Ehe und Mutterschaftsprobleme" zu gründen.[66] Erst als der Antrag abgelehnt wurde, faßte sie den Entschluß, eine eigene, unabhängige Bewegung ins Leben zu rufen. Das bedeutete jedoch keinen Bruch mit den ,Fortschrittlichen`. Vom Bund deutscher Frauenvereine dagegen wurde der Bund für Mutterschutz heftig abgelehnt, doch kamen die ,Gemäßigten` um eine Auseinandersetzung nicht herum: 1909 erschien ein Sammelband Frauenbewegung und Sexualethik. Beiträge zur modernen Ehekritik mit Aufsätzen von Getrud Bäumer, Helene Lange, Marianne Weber u.a., der sich gegen die ,radikale Minorität` wendet, die das Ziel "einer grundsätzlichen Umgestaltung der moralischen und rechtlichen Normen des Geschlechtslebens" verfolge.[67] - Zur politischen Haltung Helene Stöckers selber gehört die Offenheit für Kooperation mit Frauen (und Männern) aus unterschiedlichen Organisationen - das Individuum und die Sache, um die es geht, zählten mehr als die Parteizugehörigkeit.

Die Wiederaufnahme des in der gemäßigten Richtung verlorengegangenen Kampfes um die bürgerlichen Rechte der Frau, die politische und rechtliche Gleichstellung, fand in der Stimmrechtsbewegung der Radikalen ihren Ausdruck. Helene Stöckers Ziel ist, daß die Frauen neben den gleichen politischen, rechtlichen, ökonomischen Möglichkeiten auch "ihre alten Besitztümer: Liebe, Ehe und Mutterschaft neue in Besitz" nehmen können.[68] Im Rekurs auf die sogenannte Weiblichkeit greift sie auch ein Implikat der 48er Bewegung wieder auf, nämlich deren Verständnis von der politischen Stärke - nicht biologischer aber - sozialer Mutterschaft. Das klingt z.B. in Louise Ottos emphatischer Äußerung: "Die Freiheit - wir ziehen sie groß uns zuhaus!" an. Stand damals die Aufwertung besonderer weiblicher Qualitäten im Zeichen des Aufbruchs, der Vergewisserung eigener Stärke, so fielen in der Folgezeit Kampf ums Frauenrecht, um Anerkennung der Frau als unabhängiges Individuum und Diskurs der Weiblichkeit als Gattenliebe und Mutterschaft auseinander. Hedwig Dohm (1833-1919) setzt sich in ihrer 1902 erschienenen Schrift Die Antifeministen nicht nur mit einer Reihe von Männern, sondern auch mit drei Frauen auseinander: Laura Marholm, Ellen Key, Lou Andreas-Salomé - populäre Schriftstellerinnen, die sich unterschiedlich der Kultur der Weiblichkeit, Mutterschaft, Liebe widmen, sich darin aber alle drei von den Frauenbewegungen abgrenzen. Helene Stöcker stellt nicht nur das Reaktionäre dieser Opposition, die um den Kult weiblicher Eigenart zentriert ist, heraus - "denn das schöne Wort von der ,Andersartigkeit aber Gleichwertigkeit` der Frau ist heute nur eine Phrase, mit der man unbequemen Ansprüchen und Konsequenzen aus dem Weg zu gehen sucht"[69]. Für sie geht es darum, die Beschäftigung mit dem Problem der ,Liebe` aus ihrer den emanzipatorischen Interessen der Frauen entfremdeten Form zu befreien, wieder zu einem Bestandteil der Frauenbewegung zu machen. Das ist Aufgabe der jüngeren Generation, ihrer Generation, die auch Kritik am Stand der Frauenbewegung hat:

Wer hier nun weder mit Frau Marholm noch mit der Frauenbewegung ganz übereinstimmte (schreibt sie 1906 im Vorwort zu Die Liebe und die Frauen), war in einer isolierten Lage. Denn weder Laura Marholms berüchtigte Kapseltheorie (,die Frau ist eine Kapsel über einer Leere, die der Mann erst kommen muß zu füllen`), noch die kühle Neutralität, die die Frauenbewegung damals allen Liebesproblemen gegenüber bewahrte, entsprachen eigenem inneren Empfinden und Erleben einer jüngeren Generation. So kam es, daß man weder auf der einen noch auf der anderen Seite sich Dank und Verständnis holen konnte, wenn man so unbescheiden war, nach beidem zu verlangen, was die Frauenbewegung einerseits und Frau Marhom andererseits uns zugestehen wollten: das Recht der freien geistigen Entwicklung u n d das Recht auf die Liebe. [70]

Die Radikalität Helene Stöckers besteht darin, daß sie in der Kontroverse ,Gleichheit oder weibliche Eigenart` den kritischen Weg einschlägt: Kritik an dem Reduktionismus der Frauenbewegung und Kritik an der reaktionären Tendenz des Mutterschafts- und Weiblichkeitskultes.

 

IV. Ideengeschichtliche Traditionen in der deutschen Frauenbewegung

Das emanzipatorische Programm der 48er Frauenbewegung fußte auf der Erklärung der Menschenrechte in der Französischen Revolution, Helene Lange, Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine, erklärte 1907 in ihrem Buch Die Frauenbewegung in ihren modernen Problemen[71], die Frauenbewegung sei über die "Frauenrechtlerei" hinausgewachsen. Sie habe "für ihre Forderungen einen besseren Stützpunkt gefunden, als jene Doktrin (der Menschenrechte)". An die Stelle des angeblich "überwundenen" demokratischen Staatsbegriffs tritt ein organizizistischer, an die Stelle der Aufklärung Romantik als Rückzug in die Innerlichkeit: die "deutsche Frau", statt um Gleichberechtigung zu kämpfen, besinne sich auf "ihre weibliche Sonderart", für die sie "mit der Überlieferung jener feinen Innenkultur, die unsere klassische und romantische Dichtung uns vermittelt hat, ein sicheres und deutliches Gefühl" ausgebildet habe. "Man lernte die Frau nicht mehr vor allem nur als ein Individuum sondern als Organ in diesem Volksganzen zu erfassen."

Helene Stöcker gehört zu denjenigen Frauen, für deren Denken das Studium der Dichtung, insbesondere der Romantik, eine große Rolle spielte. [72] Während Helene Lange aber das Bildungsgut der Romantik gegen die politische Tradition der 48er Bewegung ausspielt, führt bei Helene Stöcker die Reflexion der sozialgeschichtlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts zu einem Emanzipationsbegriff, der die Bürgerrechtsforderungen der 48er in sich aufhebt. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht sowohl der verspätete Versuch einer bürgerlichen Revolution in Deutschland, als auch die Krise der bürgerlichen Weltanschauung, der humanistischen Ideale der Aufklärung: Die Anfänge der kapitalistischen Massengesellschaft stellen die klassische bürgerliche Philosophie selber in Frage. Für Helene Stöcker ist nicht Marx, sondern Friedrich Nietzsche der Philosoph der Krise. Nach dem Scheitern der 48er Revolution und während der militaristischen Restauration des deutschen Kaiserreichs hält sie den Standpunkt eines radikalisierten Individualismus für den einzig möglichen. Nur in der Absage an jedes übergeordnete Ganze - der Religion, des Staates etwa - kann sich das Individuum noch ein prekäres Selbstbewußtsein erhalten. Im Vergleich mit Helene Lange wird die politische Stoßrichtung dieses individualistischen Ansatzes deutlich: gegen die Sanktionierung der Kapitulation des Individuums vor der Staatsmacht, die Feier des Einzelnen als ,Organ` im ,organischen Ganzen`.

In dem Aufsatz von 1893 "Die moderne Frau" beschreibt Helene Stöcker den Frauentypus, der die ,Avantgarde` des Feminismus vertritt:

Es ist weder ,la détraquée` - es ist auch nicht ganz ,la grande amoureuse`, obwohl sie der vielleicht am nächsten käme - und mit der ,cérébrale` hat sie eben nur die Intelligenz gemein. Es ist auch nicht das ,unverbildete Mädchen aus den arbeitenden Klassen`, für die man zuweilen schwärmt - es ist - ja, der Name ist schwer zu finden - die moderne Frau der gebildeten Stände, die sich nach Stuart Mill und Bebel auch noch mit Stirner und John Henry Mackay beschäftigt hat, die Nietzsches Individualismus teilt, nachdem sie eine zeitlang in Gefahr war, zur sozialistischen Partei zu schwören.[73]

Daß sie sich nicht einer Partei anschließen wollte, der schließlich die Probleme der Frauen nur als ,Nebenwiderspruch` galten, ist verständlich. Aber wie kann sie andererseits eine Philosophie, die allen sozialen Bewegungen mit Unverständnis und Abwehr begegnet, zur theoretischen Grundlage ihrer Praxis machen?

Das eigene Mißtrauen in die Massenbasis läßt ihr offenbar das Elitäre in Nietzsches Individualismus nicht zum Problem werden: "Um der Wenigen, um der Einzelnen willen, dienen wir den Vielen!" [74] - Ihr Kampf gilt den allgemeinen Vorurteilen, Sitten und Gesetzen, die die einzelne Frau daran hindern, das unabhängige, ihren Fähigkeiten und ihrem Willen adäquate Leben zu leben. Auf ihr lastet, "daß man jahrhundertelang jede Frau, die noch außerdem etwas für sich sein wollte, für ,unnatürlich`, für ,unweiblich` erklärte". [75] Das entspricht der ideologiekritischen Erkenntnis, daß der kulturelle Überbau sich so verselbständigt hat, daß er zu einer Fessel wird, gegenüber Möglichkeiten, die in den materiellen Verhältnissen stecken. Angewandt auf die materielle Lage der Frauen heißt dies zum Beispiel, daß sie nicht mehr in den alten Familienstrukturen leben, daß sie ökonomisch unabhängig sind und trotzdem noch nach der alten Moral sich richten müssen, die ihre Produktivkräfte lähmt. Nietzsches Philosophie der Umwertung aller Werte hat für Stöcker unmittelbar praktisch-revolutionäre Relevanz:

So hat Nietzsche in der Tat recht, wenn er sagt: ,die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten. Nicht um die Erfinder von neuem Lärm, um die Erfinder von neuen Werten dreht sich die Welt`.[76]

Subjekt dieser Art ,Revolution` ist keine Klasse, auch nicht das Geschlecht der Frauen: "Ich glaube nicht daran, daß die Frauen, wenn sie nun in das politische Leben eintreten, es wirklich dauernd ,veredeln` werden." [77] Es ist das Individuum. Für Stöcker : zuerst das weibliche Individuum.

In Nietzsches Philosophie findet sie einen Begriff des Individuums, der weit entfernt von romantisierender Innerlichkeit ist, vielmehr, einerseits analytisch, das Individuum auf seine Triebkräfte und materialen Lebensverhältnisse hin durchsichtig macht, andererseits, sozusagen synthetisch, dem menschlichen Individuum all die schöpferischen Fähigkeiten, Erkenntnis- und Willenskraft wieder zuschreibt, die es in religiösen Projektionen an höhere Wesen außerhalb seiner verschwendete. Also sprach Zarathustra, das Werk, das trotz der Kritik am meisten Helene Stöckers Schriften beeinflußt hat, versucht zudem, in einer Kunstsprache Begrifflichkeit mit Agitation - nämlich sich dieser zugeschriebenen Kräfte auch zu vergewissern und sie auszuüben - zu verbinden. 1897 schreibt sie:

Was wußten wir bis dahin von Schönheit, von Lebenskunst! (...) und was wir nun wollen, wir in der jungen, strebenden Frauengeneration, das ist mehr als die Philister hüben und drüben sich träumen lassen. Nicht nur die Möglichkeit, Zahnarzt und Rechtsanwalt zu werden - nicht nur das Zugeständnis, daß uns unser bis dahin einzig legitimer Beruf der Liebe in einer weit ernsteren, tieferen Weise zum natürlichen Beruf wird - das alles und viel mehr noch verlangen wir. Eine neue Menschheit - Männer und Frauen - Nietzsches höhere Menschen, die Ja sagen dürfen zum Leben und zu sich selber (...). [78]


[1] Hedwig Dohm, Die Antifeministen, Berlin 1902, 32

[2] Leipzig, 1890

[3] Ebd., 5

[4] H. Stöcker, Unveröffentlichte Manuskripte: "Lebensabriss", 14. Der Nachlass Stöckers liegt in der Swarthmore College Peace-Collection, Swarthmore, Pennsylvania/USA. Die Einsicht in Kopien der Originalmanuskripte verdanke ich Christl Wickert, Göttingen.

[5] Ebd., 1901-1905, 3f.

[6] Ebd., "Elisabeth Förster-Nietzsche", 10

[7] Ebd., 12

[8] Ebd., Studienzeit, 2

[9] Michael Landmann in: Castrum Peregrini XLII, Amsterdam 1960, 76

[10] Stöcker, Unveröffentlichte Manuskripte: "Frühling 1897", 8.

[11] Ebd., 8

[12] ersch. in: Palaestra 26, Berlin 1904

[13] Stöcker, "Fünfundzwanzig Jahre Kampf für Mutterschutz und Sexualreform", in: Die Neue Generation 1930, Nr.3/4, 49

[14] Die Neue Generation 1928, Nr.2

[15] Unveröffentlichte Manuskripte: "Erste Rußlandreise" 1904, 2

[16] "Frauengedanken", in: Die Liebe und die Frauen, Minden i. Westf. 1906, 26

[17] Unveröffentlichte Manuskripte: "Lebensabriss", 15

[18] Ebd., 14

[19] Wien 1897

[20] Vgl. Nietzsches Brief vom 16.9.1882 an Lou Salomé

[21] Unveröffentlichte Manuskripte: "Lebensabriss", 14.

[22] Nietzsche selber ist freilich nicht ohne Furcht davor, daß im Zusammenhang mit der Emanzipation der Frauen "alle Künste und Wissenschaften durch einen unerhörten Dilettantismus überschwemmt und verschlammt" werden. Vgl Sturm- und Drangperiode der Frauen, in: Menschliches Allzumenschliches I, in: Giorgio Colli u. Mazzino Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, München 1980, 279 (zit. KSA)

[23] Versuch einer Selbstkritik, in: Die Geburt der Tragödie, KSA 1, 14

[24] Den unbeholfenen Versuch, Nietsches Frauenfeindschaft erklärend darzustellen, unternimmt Achim von Winterfeld in der Abhandlung: Nietzsches Ansichten über Weib, Liebe, Ehe Leipzig 1910 (Sammlung Kultur und Fortschritt). Darin heißt es: "Wir müssen zu der Erkenntnis kommen, daß Nietzsche auf die Fehler nur hinweist, um dadurch auf den Weg der Besserung überzuleiten. Wir müssen schon im Negativen den Pfad zum Positiven erblicken." (s.o., Fußnote 1) Offenbar geht es dem Verfasser mehr um die Rehabilitierung Nietzsches als um die Emanzipation der Frau.

[25] Ihre Kontroverse darüber mit Alexander Tille hat 1897 in dem im Magazin für Literatur erschienenen Aufsatz "Aus dem Liebesbrief einer modernen Frau" (wiederabgedruckt in: Die Liebe und die Frauen) literarischen Niederschlag gefunden: "Was aber deine herrliche, allein seligmachende Naturwissenschaft angeht, die alles zum alten Eisen wirft, was seit ein paar Jahrtausenden die Menschheit geistig gefördert hat - vergißt du, daß auch Nietzsche zugesteht, daß erst das Christentum dem Menschen ,Seele` gegeben? Deine Naturwissenschaft kennt nur die Unterscheidung von ,tüchtig` und ,untüchtig`? O ja, das genügt für den Alltag des Kampfes ums Dasein - aber beim Kampf um hohe geistige Güter, um hohen geistigen Rang - wie wertet man da die Menschen? ,Die Alten Tafeln der Sittlichkeit sind zerbrochen`, aber die neuen sind erst halb beschrieben. Und noch recht unzulänglich beschrieben. Sollten wir nicht am Ende auch auf den neuen Tafeln noch manches brauchen können, was Christus z.B. gelehrt hat? (Die Liebe und die Frauen, 35).

[26] Vgl. Stöcker, Der Internationale Neumalthusianer Kongreß im Haag, in: Die Neue Generation 1910, Nr. 10, 417

[27] Stöcker, Vor zehn Jahren!, in: Die Neue Generation 1924, 155

[28] Der Bund für Mutterschutz und Sexualreform sieht in seiner Aufgabenstellung und Zielsetzung den Pazifismus impliziert: 1914 kämpft er sofort für "Menschenschutz", 1922 wird der Pazifismus/Antimilitarismus in der Satzung explizit gemacht.

[29] Stöcker, Die Ziele der Mutterschutzbewegung, in: Die Liebe und die Frauen, 173

[30] Vgl. Die Liebe und die Frauen, 66

[31] "Das vollkommene Weib ist ein viel höherer Typus des Menschen als der vollkommene Mann" (aus: Menschliches. Allzumenschliches, zit. in: Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 70).

[32] "Allzulange war im Weibe ein Sklave und ein Tyrann versteckt. Deshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig."(aus: Also sprach Zarathustra, zit. in: Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 70). Stöcker hebt das "Noch" als Hinweis auf die Veränderlichkeit hervor.

[33] Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 69

[34] Ebd., 72

[35] Ebd., 23

[36] "- Wahrhaftig, da hat Nietsche recht, ,des Mannes ist hier wenig`." (Ebd., 12) "(...) und sicher gilt Nietsches Wort: ,Nur wer Mannes genug ist, der wird im Weib - das Weib erlösen.` - Und da es einstweilen scheinen will, als fehlte es am Besten - an Männern, so müssen wir uns selbst erlösen, als Menschen - bis Männer da sind, die auch das Weib in uns erlösen!" (ebd.,18)

[37] Ebd., 45

[38] Ebd., 71

[39] "`Meine große Anlage ist die Liebe!` das ist bisher fast immer der Stolz einer großen Frau gewesen," schreibt Stöcker in dem Artikel: "Von Mann und Weib" (ebd., 110)

[40] Ebd., 17

[41] Ebd., 147

[42] Ebd., 6

[43] Ebd., 15

[44] Ebd., 14

[45] Ebd.

[46] Ebd., 14

[47] Ebd.

[48] Stöcker, Unveröffentlichte Manuskripte: "Lebensabriss", 21

[49] "Es ist Zeit, sich mit Nietzsche wieder darauf zu besinnen, daß es gerade der Reichtum an Person, die Fülle in sich, das Überströmen und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich selber ist, was die großen Opfer und die große Liebe macht." (Ebd., 158)

[50] Ebd., 156

[51] Ebd.

[52] Ebd., 2

[53] Ebd., 104

[54] Ebd., 27

[55] Ebd., 98

[56] Stöcker, Bund für Mutterschutz, Berlin 1905, 4

[57] Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 15

[58] Vgl. ebd., 107

[59] KSA 4, 155

[60] Der Bund für Mutterschutz nannte sich erst ab 1924 Bund für Mutterschutz und Sexualreform, eine Bezeichnung, die Stöcker von Anfang an für adäquater hielt.

[61] Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 172. Dort heißt es auch: "Gerade in der Verbindung von praktisch sozialer Tätigkeit und intensiver, theoretischer Propaganda sehen wir einen der Hauptvorzüge des Bundes für Mutterschutz."

[62] Vgl. Silvia Kontos, "Hausarbeit, Geburtenkontrolle und Frauenautonomie", in Gesellschaft 14, Frankfurt/M 1981, 17f

[63] Der Kampf gegen den Geburtenrückgang, in: Die Neue Generation 1912, Nr. 11, 602

[64] Ute Gerhard, "Ein verborgnes und kompliziertes Erbe: Überlegungen zur Geschichte der Frauenbewegung" (Manuskript), 3. Ich beziehe mich auch im Folgenden auf diesen Aufsatz.

[65] Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 15

[66] Vgl. Stöcker, in: Die Neue Generation 1930, Nr. 3/4, 48

[67] Frauenbewegung und Sexualethik: Beiträge zur modernen Ehekritik von Dr. Gertrud Bäumer, Dr. med. Agnes Bluhm, Ika Freudenberg, Anna Kraußneck, Helene Lange, Anna Pappritz, Dr. Alice Salomon, Marianne Weber, Heilbronn/N. 1909, VII

[68] Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 95

[69] Ebd., 155

[70] Ebd., V f.

[71] Reprint der zweiten Auflage von 1914 im tende-Verlag Münster 1980. Die folgenden Zitate sind den Seiten 44ff. dieses Reprints entnommen

[72] Sie teilt mit den konservativen Frauen das Interesse an einer Figur wie Karoline Michaelis, gibt von ihr eine Briefauswahl heraus (1912). Doch im übrigen weicht sie von deren Aneignung der Romantik entschieden ab: charakteristisch ist, daß sie an Bettina von Arnim (über die sie eigentlich ihre Dissertation hatte schreiben wollen) hervorhebt, sie verbinde "Romantik mit Jungem Deutschland" (vgl. Stöcker, "Bettina von Arnim", in: Die Neue Generation 1929, 102). Die "romantische Ethik" interessiert sie, wie sie von Friedrich Schlegel und Schleiermacher vertreten wird, nicht zuletzt als Vorläufer der Philosophie Nietzsches.

[73] Stöcker, Die Liebe und die Frauen, 18

[74] Ebd., 142

[75] Ebd., 151

[76] Ebd., 3

[77] Ebd., 141

[78] Ebd., 7

 

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