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Seit der Schulzeit (1)
 
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Einen Strich ziehen oder gar einen Schlußstrich. Eine bunte Vielfalt, Klangfarben - Striche und Farben empfehlen sich der Sprache zum metaphorischen Gebrauch. Davon kann hier nicht die Rede sein - oder doch. Denn was wäre die Suche nach etwas 'Eigenem' wenn nicht Metapher? LD's Mutter, Clara Hartmann-Dinkelacker (1887-1976), hatte eine Neigung zur Literatur und zur Musik, aber nicht zum Zeichnen oder Malen, wenn man vom begrenzten Vorrat an stereotypen Formen absieht, die die Berliner Pestalozzi-Froebel Erzieherinnenschule ihr mit auf den Berufsweg gegeben hatte. Von LD's Vater, Alfred Dinkelacker (1885-1958), haben sich ein paar Zeichnungen aus seiner Internatsschulzeit in Maulbronn erhalten, auch noch eine Bleistiftskizze vom Siegener Haus der Großmutter Ronte, aber in seinem Beruf als Naturwissenschaftler und Lehrer (er war ein 'Stiftler' und hatte im Tübinger Physik-Labor von Friedrich Paschen promoviert) lag ihm der Fotoapparat eher in der Hand als Zeichenstift und Pinsel ("Hilde und Lore 1915 mit ihrer Großmutter Anna Hartmann in Betzdorf"). Alfreds Vater Christian Dinkelacker, der Seidenweber gewesen war und im Zug der Modernisierung zum Musterzeichner in Mühlhausen und Paris wurde, hatte seit 1870 als Zeichenlehrer an Calwer Schulen gewirkt; etwas anderes als Muster-Grafik ist von ihm nicht überliefert.

1919 zieht die Familie von Essen nach Betzdorf. 1922 steht der Rohbau des neuen Hauses, das LD ein Leben lang ihr Zuhause geblieben ist.

Ihr erstes Tagebuch beginnt 1926. Offenbar nimmt sich die 12-13-jährige mit sich selbst etwas vor. Eine besondere Aufmerksamkeit für den bildnerischen Ausdruck scheint LD nicht zu haben.

 

("Nelli ist nicht getötet worden. Sie ist nach ... in Herdorf gekommen. Dort hat sie es gut. / Eingetragen am 19.2.1927").

1928 beginnt ein anderes, ein "Ereignis-Tagebuch", das viel mehr vom bildnerischen als vom schriftlichen Ausdrucksinteresse bestimmt scheint. Es zeigt Fotos von einer Reise in den Schwarzwald mit dem Vater 1927, vom Menuett-Tanz mit Hilde, der um fast vier Jahre älteren Schwester (links im Bild), - von Wanderungen (zum Stegskopf) und von Abenden mit Freunden im Elternhaus. Oder von Theaterbesuchen (Schiller, Maria Stuart) und Konzerten, von der Einweihung der Jugendherberge Freusburg am 7. Oktober 1928 ("Severing war oben und hat eine Rede gehalten"). Oder auch: "Faustballspielen mit Herrn Fluhr im Sommer 1928" (ganz rechts im Bild LD).

Die Einträge sind nicht sehr zahlreich - zwischen dem 'programmatischen' zu ihrem 14. (Die aktuellen Lektüren: "Die Insel des Friedens", "Die heilige Insel") und dem backfischhaften zu ihrem 15. Geburtstag liegen kaum ein Dutzend Seiten. "Im weißen Röss'l", "Minna von Barnhelm", "Volkstanz auf der Freusburg", "Schulausflug an die Lahn", "Schützenfest", "Radtour mit Hilde im Westerwald", "Fiesko", "Dover-Calais" (Eine Komödie). Die Pubertät bringt Leben, die Kultur schlägt ein.

Gleichzeitig entwickelt LD, in und neben der Schule, eine Freude an 'kleinen Bildchen', Bleistiftkrizelleien, Bildchen mit Tusche und (Aquarell-)Farben, der Kopf ihrer Freundin Waltraut Busch.

 

Zu Ostern 1929, zum Abschied von der "Töchterschule" in Betzdorf - LD wechselt zum Gymnasium über - wird ein Spottgedicht verlesen, jede Schülerin hat ihre Zeile. Über LD wird gespottet:

   
  "Und der lange Iselsproß zog ein halbes Künstlerlos" (Isel wurde ihr Vater von den Schülerinnen genannt.) LD war gerade 14 geworden und in die Länge geschossen. Ihr Vater schenkt ihr H. Knackfuß' Michelangelo aus Velhagen und Klasings 'Künstlermonographien', Rembrandt aus der gleichen Reihe; ihre Schwester (ein paar Jahre später) Paul Brandts Kunstgeschichte 'Sehen und Erkennen' (6te Auflage 1925). Luise Diehl, Käthe Kollwitz (1927) gehört zu ihren 'Bilderbüchern' und im Folkwangmuseum beindruckt besonders Daumiers 'Verspottung'.
Fritz Fluhr (LDs Kunstlehrer)
Wandschmuck im Elternhaus

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