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'Den Malkasten kennen wie die Geige...' (3)
 
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LD bleibt im Elternhaus. Zwischen ihr und Paul Schlüpmann (1901-1973), dem Deutschlehrer ihrer Klasse und protestantischen Theologen, hat sich im letzten Schuljahr eine ernste Liebe entwickelt. Paul und sein Freund Otto Blosen zählen zu den wenigen Kollegen, die Alfred Dinkelacker Solidarität erweisen. LD's Elternhaus wird umgeräumt, Paul zieht ein und 1934 wird geheiratet. Berufswünsche ('Archeologin') bleiben einstweilen Träume , ein Verzicht scheint damit überhaupt nicht verbunden. LD/LS's bildnerische Versuche gehen weiter: Köpfe (Hildes Gefährte, der 6 Jahre jüngere Bruder, Selbstbild), 'kalligraphische' Abschriften für Paul (Cube,Tiergeschichten, Agnes Günther, Von der Hexe, die eine Heilige war) illustrierte Tagebücher von gemeinsamen Reisen (1933 zu Pauls Eltern in Gütersloh, an die Nordsee, 1936 Schwarzwald und Bodensee).

 

 

 

Um die Mitte der dreißiger Jahre sind Zeichenstift und Malkasten nur noch selten zur Hand. 1935 und 1937 bringt LS ihre ersten beiden Kinder zur Welt - das dritte dann 1943. Einen Sohn, zwei Töchter. Die ein oder andere Skizze in Aquarell auf kaum geeigneten Papier - nie größer als A3 - kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass LS in ihrem autodidaktischen Streben kaum vom Fleck kommt. Also wärs das gewesen?

 

Irgendwann Ende 1938/Anfang 1939 trifft Clara Dinkelacker in der 'Kunststube' am Siegener Marktplatz die Malerin Käthe Ruppel, neu in Siegen und an Unterrichtsstunden interessiert. LS beginnt mit der Künstlerin zu arbeiten. Wenige Malstunden in unregelmäßigen Abständen. Eine ganze Reihe von Landschafts- und Porträtstudien zeugen von der Intensität und Begeisterung mit der endlich das geeignete Material mit besseren Techniken angegangen wird. Die Formate gehen über A3 hinaus, die Köpfe werden zum ersten Mal 'lebensgroß', der Karton geeignet für die feuchte Malerei, die Farben kolorieren nicht nur oder hauptsächlich. Zwar bricht der Krieg aus und die Diktatur wird im Völkermord gipfeln, aber die 'Normalität' die sich seit 1933 eingestellt hat, bleibt vorläufig bestehen, wird (schlechterdings?) gar forciert. Paßt es zur Kriegs-Kulturpolitik, das das 'regimekritische' Elternhaus (halböffentlich, mit hektographiertem Programm) zu Kammermusikabenden einladen kann, wenn Berliner Freunde und Musiker in der Nähe gastieren?

Ende 1940 hat die Zusammenarbeit mit der Malerin ein Ende, Käthe Ruppel zieht weg. In der (heimatlichen?) Umgebung von Gdansk bietet sich ihr eine berufliche Perspektive und offenbar lebte ihre alte Mutter im Ostseebad Zoppot. In zwei Briefen 1941 aus Zoppot und Oliva kommen die Pädagogik und die Bilanz dieser 'Kunstschule', der einzigen in LD/LS's Leben zum Ausdruck. Auch eine Ästhetik, die mit der gewohnten nicht bricht, den Horizont nur insofern erweitert, als sie nuanciert.

 

KÄTHE RUPPEL (1886-1969)

 

 

Unter dem 9. Januar 1941 schreibt Käthe Ruppel aus Zoppot: "Liebe Frau Schlüpmann! ... Jetzt sollen sie hören, wie ich über Ihr weiteres Studium denke ... Frl. Klein (eine Siegener Malerin LS) hat den Weg, den ich mit Ihnen ging, gut verstanden und schätzt die große Anlage des Portraits, wie Sie sie haben. Sie werden dort also Verständnis finden. Frl Dresler (eine andere Siegener Malerin LS) wird Ihnen gerne ihre neuen Köpfe zeigen und Sie werden an ihnen lernen können, wenn Sie auch nicht ebenso malen dürfen, denn Frl Dresler faßt die Sache anders auf u. an. Bleiben Sie bei Ihrer Art, arbeiten Sie von Kopf zu Kopf etwas weiter die kleinen Flächen aus und geben Sie langsam (unterstrichen LS) mehr vom seelischen Ausdruck hinein. Überspringen Sie kein Stadium. Ich glaube, Sie können gut noch ein Stück alleine weiter. / Wenn Sie später das Verlangen nach einem neuen Lehrer haben, so gehen Sie ruhig mit Ihren Arbeiten zu Herrn Achenbach, Schultz u.s.w. und hören Sie sich selbst an, was man Ihnen zu bieten hat. Sie bekommen im Gespräch schon einen Eindruck von dem, was man Sie lehren würde, dazu haben Sie heute genügend Erfahrung. Dann wählen Sie selbst. Ich bin für Ihre künstlerische Zukunft ganz ruhig, denn ich weiß, daß Sie weiter kommen werden. Sollte es mal unklar in Ihnen werden, dann schicken Sie mir einige Blätter, damit ich sehen kann, wie Ihnen zu helfen sei./ Wetteifern Sie mit mir, ich werde mich bald ans Portrait wagen, und dann können wir später vergleichen. Das bringt voran. Sie wissen, daß ich für Sie da bin und immer ehrlich Ihnen zur Seit stehen werde. Ich habe hier noch eine Abwartezeit zu überdauern, in der es mir zwar sehr gut geht, die ich aber doch gerne abkürzte. 6 Schülerinnen haben sich gemeldet, der Raum ist noch nicht gefunden u. die kl. Ausstellung muß noch von der Partei bestätigt werden. So bin ich noch nicht richtig im Gange, ich hoffe aber viel von den nächsten Tagen / Schreiben Sie mir mal, Sie wissen, mich interessiert Ihre Arbeit und Ihr leben. / Ihre Arbeiten hätte ich sehr gerne hier, etwa in 3-4 Wochen. Wollen Sie sie mir dann geben? /Leben Sie alle wohl im Hause Dinkelacker-Schlüpmann. Mit herzlichen Grüßen / Ihre Käthe Ruppel"

Tatsächlich gehen 1941 'einige Blätter' zwischen Betzdorf und Oliva hin und her und Käthe Ruppel setzt in einem langen Brief vom 11. November ihre ganze Arbeits- und Werkauffassung ihrem "Kind in der Malerei" auseinander:

"Gefreut habe ich mich sehr, daß Sie mit Ihren Bildern zu mir kommen. Es ist schon so, wir hatten uns gut zusammen eingearbeitet, darum sehen Sie in meinen Bildern auch mehr als da ist. Aber das schadet nichts, wenn wir uns nur auch aus der Ferne verständigen können. So will ich Ihnen Ihre Fragen beantworten nach bestem Können. / Gehen Sie ruhig in die Kulturkammer (in der Kriegswirtschaft bedeutete die Mitgliedschaft das Recht auf Material, Farben, Pinsel, Papier LS), aufgenommen werden Sie sicher. Ebenso können Sie mit gutem Gewissen verkaufen (betonen Sie nur, daß Sie Studienköpfe weggeben, nicht Bilder, Portraits). ...

Nun Ihre Bilder und die Arbeit selbst: Im Allgemeinen habe ich Freude an Ihnen und ihnen gehabt, aber ich würde Sie sehr gerne einmal hier haben u. einen Tag mit Ihnen malen, dann wäre ich sicher, daß Sie nicht auf die schiefe Bahn kommen. Jetzt fangen kleine Gefahren an. Da möchte ich Ihnen einen Rat geben. Nehmen Sie sich ein gutes, nicht zu rauhes Zeichenpapier (sehr gut wäre Papier mit Rötelkreide eingerieben und dann mit Rötel oder Kohle gezeichnet) und zeichnen Sie Ihr Modell und versuchen Sie beim Wesentlichen zu bleiben und bringen Sie die Zeichnung zu einer abgeschlossenen Bildwirkung. Denken Sie an Holbeins Zeichnungen, hängen Sie sich sogar einen Kopf von ihm ins Zimmer. Betonen Sie im Gesicht nicht alle Formen gleich stark; denken Sie daran, daß wir manchmal eine gute Wirkung bekamen, wenn wir eine Seite mehr verschwinden ließen. Nun brauchen Sie das nicht durch die Licht- und Schattenwirkung zu erzielen, Sie könnten es bekommen, indem Sie die Formen im Gesicht mildern, meinetwegen leicht weich wischen, und im Gegensatz dazu z.B. die Augen oder u. Mund besonders schön auszeichnen. Schauen Sie darauf mal Holbein an. Wenn Sie das haben, dann machen Sie sich eine leichte Vorzeichnung für Aquarell und malen, nachdem Sie nun ja alle Formen im Kopf und in der Hand haben (und zum Vergleich auf der Zeichnung), mutig und gewagt mit Farbe los. Flott lassen Sie die Farbe schwimmen, wählen ruhig bestimmte Töne, das heißt nicht wage immer wieder übermalte, lassen sogar ruhig Stellen offen oder wie die Farbe gerade gelaufen ist, pinseln aber auf keinen Fall viel daran herum. Das muß geübt werden. Dann wird Ihre Farbe ganz schnell leichter und sauberer.

Sie müssen denken, daß wir in so kurzer Zeit nicht alles konnten. Ich wollte Ihnen einen Untergrund geben, der Sie sicherstellte, da konnte ich nicht zur gleichen Zeit die Leichtigkeit betonen. Und Sie werden auch immer wieder zurück müssen zum Studium der Form. Damit wird man ja nie fertig. Aber da haben Sie schon etwas sehr schön fest sitzen. Natürlich müßten sie Hände und Gewänder(?)studien machen. Da fehlt noch manches. Ebenso wie mit dem Portrait machen Sie es mit Landschaft. Sie nehmen eine alte Studie und versuchen sie noch einmal aber flott und leicht und schwimmend zu malen. Seien Sie bei Aquarell nicht ängstlich wegen Flecken. Lieber Flecken und Ränder als Schwere und trübe Farben. Aber malen Sie nicht alles in rosa Tönen, zum Beispiel Krapplack. Das wird süß und ist auf die Dauer arm. Suchen Sie Töne. Mischen Sie Farben. Einfach wieder Farbenblätter machen und Töne probieren. Man muß ja den Malkasten kennen wie man die Geige kennen muß. Die Möglichkeiten sind endlos. Das wäre das Aquarellieren.

Ölmalerei ist einfacher und ausgiebiger. Da brauchen Sie einstweilen nur eine gute Pappe (kaufen Sie sie in Siegen, das ist einfacher) und dann muß eben geübt werden.

Ich glaube sogar, daß es gut wäre, wenn Sie Ölmalerei übten. Ich möchte selbst auch gerne an Öl ran, aber mir fehlt so vieles zur Arbeit.

Nun die Köpfe selbst: Jetzt kommt die Kritik: Der Kopf in Öl ist sehr gut, an ihm sehe ich auch, daß Sie garnicht "schmutzige Töne" lieben, die kommen beim Aquarell so leicht beim Übermalen. Malen Sie Öl ruhig so weiter und bleiben Sie groß in der Fläche. Feinheiten kommen schon. Warten Sie und haben Sie Geduld./ Kopf No 1, Aquarell: Der ist auch gut. Die braunen Schatten müssen später verschwinden. Die verschwinden auch, wenn Sie nicht mehr nötig haben so viel überzumalen. Überhaupt darf man in Aquarell nicht so fein auspinseln. Die Wirkung muß kommen durch das bestimmte Hinsetzen von Form und Farbe. Daher gab ich Ihnen den auf Seiten 1 und 2 stehenden Rat. Sie sind jetzt da angelangt, wo man auf die Technik achten muß, ok. Öl wie Ölmalerei malen und Aquarell wie Aquarell. Bisher haben Sei Formstudien gemacht und die in Farbe gesetzt. Jetzt muß Form und Farbe zusammen erlebt werden. Sehen Sie sich meine Stiefmütterchen an. (Ich nehme die, weil ich nichts weiß, was Ihnen erreichbar ist). Da habe ich versucht, die Farbe so ganz Stiefmütterchen werden zu lassen. Ich habe mich immer ganz klar für eine bestimmte Farbe entschieden. Versuchen Sie das. / 2. Landschaft. Gut gearbeitet und studiert. Als Aquarell zu fest. Als Bildausdruck schön, nicht so gut wie die Birke. / 3. Kopf im Ausdruck und Form gut. Über die Farbe müßte ich das gleiche sagen, wie bei No 1. / 4 Sicher sehr echt. Gold würde ich nie ins Bild nehmen./ 5 Sehr schön. Auch Stimmung. Fehlt nur die Flottheit in der Farbe. Aber Farben selbst sind schön. Aber Sie kommen schon zum Aquarell, das sehe ich hier. Abwarten und versuchen! / 6 Das ist eine ganz schwere Sache. Farben sind mir zu hart und auch nicht harmonisch. Es ist jede Farbe für sich. Die dürfen sich aber im Bilde nicht so fremd bleiben. Dann bekommt das Bild etwas Plakatartiges. Wie mache ich die Farben vertraut zu einander? 1. Abstimmen 2. eine Farbe muß alle Farben irgendwie durchweben. Abgestimmt sind die Farben zum Beispiel bei Greco. Ton - bei Rembrandt. Gesicht ist wieder sehr typisch, kleine Verzeichnungen an der Hand sind nicht wichtig. Im ganzen ist's eine Leistung.

Eigentlich muß ich dabei noch etwas sagen. Denken Sie an oder nehmen Wie mal die braune Malerei des Kinderkopfes vor, die Sie bei mir machten, da ist etwas großes drin, wenn auch nicht so weit gebracht wie dieses Köpfchen. Die Größe ist hier nicht. Warum? Hier ist alles gleichmäßig betont. Nun muß man allerdings ihre Studienköpfe nicht wie fertige Bilder beurteilen. Ich sage Ihnen aber alles fürs weitere Studium /7. Kalt im Ausdruck. Gute Studie. Farben gehen nicht zusammen. Es fehlt wieder der Zusammenklang der Farbe. Das ist ein Mangel am Durchempfinden der Farben. Sie müßten den Eindruck geben durch langes Arbeiten (lange arbeiten heißt nicht übermalen, sondern Farben vorher suchen) an den Farbwerten, nicht indem Sie Bluse und Sweater mit Farbe zeichnen. Verstehen Sie den Unterschied? Ebenso ist es mit dem Gesicht. Suchen Sie jetzt immer hauptsächlich die Töne und lassen Sie besser die Form etwas leiden, die haben Sie jetzt ja fest. Nun muß es mehr und mehr Malerei werden.

Was Sie gearbeitet haben, das wird Ihnen geholfen haben, fehlen tut Ihnen die Anleitung zur nächsten Stufe. Daher quälen Sie sich auch mit Ihrer eigenen Beurteilung. Sie sind doch noch durch viele Malstadien garnicht hindurchgegangen, also verlangen Sie von sich nicht übermenschliches. Wenn Sie bei Frl. Dr. z. B. ganz andere Arbeiten sehen, so denken Sie, daß Frl. Dr. ein reifer Mensch ist, der viele Wege und Umwege machte und nun ihre Art gefunden hat, jetzt aber erst so recht losmalen könnte - denn sie hat es lange nicht gekonnt - dagegen aber nicht mehr die Unbefangenheiten hat, die Ihnen zugute kommen. Mit mir steht es ebenso. Sie selbst aber brauchen noch Leitung, damit Sie Künstler werden vor der Natur. Da gibt es viele, viele Möglichkeiten zum Abgleiten vom künstlerischen Arbeiten. Sie müssen immer denken, sich selbst richtig beim Arbeiten einzustimmen. Warten Sie bie Sie ein Ding richtig aufgenommen und erfühlt haben, vorher machen Sie keinen Strich. Schauen Sie sich eine kleine Blume einige Tage nur an, ebenso den Kopf, Kind usw.., bis Ihnen klar ist, das kann ich nur so malen. Und dann versuchen Sie es.

Ich möchte nur 2 Tage bei Ihnen sein, dann könnten Sie wieder ein Jahr alleine bleiben. Aber ich hoffe Ihnen wenigstens etwas gesagt zu haben. Es kann aber kein Ersatz sein für 1 Stunde gemeinsamer Versuche. Ich glaube gewissenhaft auf alles aufmerksam gemacht zu haben. Fragen Sie aber, falls Sie etwas nicht verstanden haben. Nehmen Sie sich auch immer wieder die alten Arbeiten vor, weil jede ein bestimmtes Problem bedeutete. Malen Sie auf keinen Fall fürs Publikum, dadurch könnten Sie sich für lange Zeit verderben. Stellen Sie sich selbst Ihre Aufgabe mit jedem Kopf und sagen Sie sich nicht: das muß Frl. X gefallen. Wenn es ihr gefällt, kann sie es ja haben.

... fällt mir ein, daß ich den Hintergrund zu besprechen vergaß. Der schlägt oft das Gesicht tot. Diese Rostfarbe stellen Sie nicht hinter ein Gesicht. Zu der alten Dame No 1 gehört e ein vermittelnder Ton zwischen schwarz und weiß. Schwarz ist die Jacke, weiß das Haar. Sehen Sie garnicht auf Ihr Bild, sondern stellen Sie sich eine alte, schwarze Seide und seißes Silberhaar vor und dazu eine welke, grau-gelbliche Haut (das ist ja schon ein Gedicht). Worauf könnte das gut aussehen? Diese Töne sind ja die gegebenen und um die dreht sich alles, sie sind der Akkord, zu dem Sie das andere stimmen müssen. Da gehört rostrot nicht, auch braun nicht hinein. Wenn es aber garnicht anders geht, dann muß´man an dem Ton so lange arbeiten, bis er zum Schwarz und Weiß paßt. Wie? Das Schwarz mache ich warm mit einem passenden Braun, das rostige Rotbraun dämpfe ich ab. bis es zurücksteht und vergesse nie, daß die Haut die Hauptsache ist. Ich kann nicht die Haut malen und dann irgend etwas dahinter setzen. /Darum machen Sie sich , bevor Sie einen Kopf malen, eine kleine Farbenskizze, nur Farbkleckse in schwarz, grauweißsilbirg, graugelblich und ? - das ist Ihre Sache. Ich bliebe da im Ton und nähme grau, das ich schattieren ließe nach blau oder gelb hin, je nachdem ich das schwarz gemacht habe.

Dann wollte ich noch sagen, daß mir die 'Birke im Siegerlande' am besten gefällt und der Kopf in Öl. Die anderen Köpfe zeigen schon viel Können, sind aber zu wenig in die Welt der Kunst erhoben". Das sind die Gefahren die das Publikum, die "Besteller" mit sich bringen. Davor hüüten Sie sich. - Ich lehne Aufträge aus diesem Grund ab. Ich möchte garnicht gefallen, ich möchte einmal etwas sagen können, darum mühe ich mich. Ich danke natürlich dem Schicksal, daß ich verkaufe. Aber wenn ich's nicht täte, so müßte ich noch mehr Schule geben. Bestellungen darf ich noch nicht ohne Schaden zu leiden annehmen. Darum male ich mehr Blumen und Landschaften, obwohl Portrait wohl meine Stärke wäre. Verstehen Sie mich recht, liebe Frau Sch., Sie können ruhig mal einem ein Portrait malen (und ordentlich bezahlt nehmen), aber vergessen Sie nicht, sich Ihre Aufgabe zu stellen und vergessen Sie ganz die Bestellung. Das ist schwer, sehr schwer. Wenn man weiter und reifer sein wird, dann wird das vielleicht gehen. Ich kann es noch nicht, sonst könnte ich hier Portraitaufträge finden. Ich zwinge es nicht. Damit müssen Sie sich aber selbst auseinandersetzen. Bei Ihnen kann es anders sein. Jedenfalls sagem aber Ihre Köpfe, daß bei Ihnen Gefahr ist. Sie wissen, daß ich Ihnen sagte, Sie wären ganz ohne Bruch und so ganz und frisch, und das möchte ich so ungern zerbrochen sehen. Jetzt müssen Sie aufpassen, jetzt sind Sie allein verantwortlich für sich. Aber dahin kommen wir alle einmal . Für Sie ist es noch einige Jahre zu früh. Denn Sie wollen doch etwas Ganzes leisten. Eine Publikumsportraitistin können Sie schon jetzt werden, aber dann möchte ich Sie nicht unterrichtet haben. Ich erwarte von Ihnen etwas anderes. Und Sie könnten es leisten. /Und nun machen Sie mir einen Kopf in Zeichnung und denselben in flottem Aquarell und schicken Sie sie mir her. Auf Wiederhören oder sehen oder lesen.

Jetzt lasse ich den Brief noch ablagern und will ihn am Mittwoch noch mal durchlesen. Noch etwas: Ich sage Ihnen vielfach scharf meine Meinung. Es ist aber eine Unterrichtsstunde geworden, nicht eine Beurteilung. Und ich muß es, denn Sie sind doch mein "Kind" in der Malerei und Sie wissen, man bangt und freut sich um und über sein Kind.

Ausstellen wollten Sie noch. Warum sollten Sie nicht? ... Ausstellen können Sie alle Sachen, die bescheiden sind, garnicht viel Können zeigen, und vollkommen im künstlerischen Gehalt sind. Sonst muß man eben seine Schularbeiten zeigen. Aber man tut das ja auch manchmal. Die interessieren eigentlich erst von einem alten Meister. Schicken Sie mir die Sachen, die Sie ausstellen wollen. Die Kinderköpfchen sollen Sie nicht ausstellen. Da ist Können drin, aber zu wenig künstlerisch durchlebt sind beide Sachen.

Ich habe nun alle Tage an Sie gedacht und gedacht. Wird es Ihnen helfen? ...

 

 
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